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Andre Kalter betrieb eine Gaststätte unweit der Alten Kelter, einem Weinbaumuseum im Kern des Örtchens Uhlbach, welches mit seinen Exponaten den Besucher in die Welt der über 2000-jährigen Weinbaukultur entführte.
Die Mittagszeit nahte, denn Frank überkam ein Hungergefühl, dem er schwerlich widerstehen konnte. Infolgedessen entschieden die beiden Kommissare, Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden. Ein Duft von gegrilltem Fleisch kroch ihnen in die Nase. Sie erinnerten sich, dass man hier erst unlängst in geselliger Runde gegessen hatte, nämlich anlässlich der Ernennung Walter Riegelgrafs zum Ehrendoktor der Universität Tübingen.
»Hätte ich nicht gedacht, wieder so schnell hier zu landen«, stellte Frank fest.
»Das haben wir deinem Magen zu verdanken«, grummelte Richard.
»Du musst zugeben, es gibt schlimmere Orte für eine Befragung. Außerdem war unser Essen meines Wissens letztes Mal sehr gut.«
Sie schoben einen dicken Vorhang beiseite, der als Windfang diente, und betraten die Gaststube.
In einer Ecke saßen ein paar ältere Männer, darunter Hans Kupernick, der ihnen aber den Rücken zugewandt hatte, sodass er die beiden nicht bemerkte.
Sie nahmen am Fenster Platz, wo sie darauf warteten, bedient zu werden.
»Ob der Kalter uns wiedererkennt?«, wollte Frank wissen.
»Glaub ich kaum. Ist damals ziemlich voll gewesen. Ich erinnere mich aber noch an das Rambazamba in der Küche«, erwiderte Richard süffisant. »Hatte einen gewissen Unterhaltungswert.«
Frank schmunzelte.
Der Kellner, äußerlich betrachtet südländischer Herkunft, kam, nachdem er sie endlich bemerkt hatte, schwingenden Schrittes an den Tisch. Irgendetwas irritierte sie an seinem Blick. Seine Augen zuckten unentwegt, und sein Lächeln, welches er ihnen schenkte, kam Frank komisch vor.
»Herzlich willkommen, die Herren. Was darf ich zum Trinken bringen?«, säuselte er gekünstelt.
»Für mich eine Apfelschorle«, sagte Richard.
»Für mich eine große Cola.« Der Kellner sah Frank in die Augen.
»Gern. Ich heiße übrigens Antonidis, aber alle nennen mich Toni.«
Er drehte sich um und ließ die beiden Kriminalisten verdutzt zurück.
»Was ist denn mit dem los?«
»Vielleicht mag er dich«, grinste Richard.
»Der hat doch einen an der Zitrone«, murmelte sein Gegenüber.
Kurze Zeit später kam der Kellner schon mit den Getränken und stellte sie vor den beiden auf den Tisch, um sich dann nach den Essenswünschen seiner Gäste zu erkundigen.
»Für mich einen Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln«, sagte Frank.
»Ich nehme die Maultaschen mit Kartoffelsalat«, fügte Richard hinzu.
»Ich würde zum Zwiebelrostbraten eher Spätzle oder Pommes empfehlen. Unser Koch kann das mit den Bratkartoffeln nicht so richtig. Der kommt aus Italien, wissen Sie.«
Frank seufzte. »Letztes Mal war’s zwar ganz gut, aber dann nehme ich mit Pommes. Geht auch.«
»Sehr gute Wahl, der Herr«, bedankte sich der Kellner. Bevor er sich umdrehte, fragte Richard: »Ist Ihr Chef eigentlich da?«
»Weshalb, gibt’s eine Beschwerde?«
»Nein, wir würden uns nur gern kurz mit ihm unterhalten«, erwiderte Richard.
»Ich werde ihn fragen.« Sprach’s, um dann hinter der Tür zur Küche zu verschwinden.
»Ich glaube, der Kellner kann den Koch nicht so richtig leiden«, stellte Frank lapidar fest. »Wieso macht der sonst die Bratkartoffeln madig?«
»Betrachte es doch einfach als Dienst am Kunden. Wenn’s nicht schmeckt, bist du immer der Erste, der meckert.«
»Ach.« Frank winkte mit der Hand ab.
»Die Herren wollten mich sprechen.« Andre Kalter, ein Mann Ende 40, kurze dunkelblonde Haare, auffallend buschige Augenbrauen, mit einer Schürze um den Bauch, stand am Tisch der beiden.
Richard zog seinen Dienstausweis hervor, legte ihn gut sichtbar auf den Tisch.
»Sind Sie von der Lebensmittelkontrolle? Ihr wart doch erst letzten Monat da«, grummelte er. »Da gab’s nichts zu meckern.«
»Wir sind nicht von der Lebensmittelkontrolle, sondern von der Mordkommission«, erwiderte Frank.
»Ach, dann geht’s um den Bäuerle.«
Andre Kalter schien nicht überrascht über die zwei Kommissare, die bei ihm auftauchten, um Fragen zu stellen.
»Sie wissen also schon Bescheid?«, hakte Richard nach.
»Hören Sie, in Uhlbach bräuchten wir eigentlich kein Internet, so schnell verbreiten sich die Neuigkeiten hier. Sehen Sie den alten Mann da drüben?« Er deutete auf Hans Kupernick. »Der sitzt seit zwei Stunden am Stammtisch, um die Geschichte jedem zu erzählen, der sie hören will oder auch nicht. Mittlerweile müsste es der ganze Ort wissen.«
Andre Kalter hatte sich einen Stuhl vom Nachbartisch hergeholt und setzte sich zu den Kommissaren.
»Was wollen Sie von mir wissen?«
»Sie sind doch der Vorsitzende des Weinkonvents Uhlbach. Wir hätten ein paar Fragen zu dem Einbruch letzte Woche. Können Sie uns da weiterhelfen?«
»Hat das was mit dem Tod vom Bäuerle zu tun?«, fragte er.
»Wissen wir nicht. Noch nicht. Momentan ermitteln wir in alle Richtungen«, entgegnete Frank. Ihm stieg längst der Duft von gegrilltem Fleisch in die Nase, was sein Bauch mit einem zufriedenen Knurren quittierte.
»Bei dem Einbruch wurde nichts gestohlen. Wahrscheinlich nur ein dummer Jungenstreich. Ihre Kollegen wissen darüber aber Bescheid«, beeilte sich Andre Kalter zu sagen. Etwas zu schnell für Franks Geschmack.
In diesem Moment kam ihr Essen, was sich schon durch den heranwehenden Duft angekündigt hatte.
»Haben Sie sonst noch Fragen?«
»Wo waren Sie heute Morgen zwischen 5 Uhr und 7 Uhr?«, fragte Richard, dessen Essen ebenfalls gerade serviert wurde.
»Zu Hause im Bett. Neben meiner Frau. Ich bin gegen 6.30 Uhr aufgestanden, dann zum Bäcker gelaufen, um Brötchen zu holen.«
»Danke für die Auskunft«, sagte Richard.
Andre Kalter stand auf und stellte den Stuhl wieder an seinen Platz, dann wünschte er den beiden Kommissaren einen guten Appetit.
»Glaubst du ihm alles, was er erzählt hat?« Frank schob sich ein großes Stück des Zwiebelrostbratens in den Mund.
»Weiß nicht«, erwiderte Richard. »Die Antworten klangen alle etwas vorgefertigt. Ich bin mir nicht sicher, aber die Sache mit dem Einbruch sollten wir auf dem Schirm behalten.«
Er kaute genüsslich seine Maultasche. »Schmeckt lecker«, stellte er fest.
»Alles recht bei den Herren?« Der Kellner stand unvermittelt mit auf dem Rücken verschränkten Armen vor ihnen am Tisch. Er wandte sich Frank zu.
»Sehen Sie, eine gute Wahl, die Pommes anstatt der Bratkartoffeln zu nehmen.«
»Die Bratkartoffeln nehme ich dann nächstes Mal wieder«, stellte der diplomatisch fest.
»Lieber nicht«, flüsterte der griechische Kellner in einem verschwörerischen Ton. »Unser Koch kann keine Bratkartoffeln machen. Unter uns, ich glaube, der ist gar kein richtiger Koch.«
»Aber mein Essen hat er sehr gut hinbekommen. Der Rostbraten ist auf den Punkt geworden.«
»Pah, Zufall.«
»He, du alte Schwatzbacke. Hier gibt’s noch Essen zu servieren.«
Jemand aus der Küche schien nach dem Kellner zu verlangen. Unwillig mit sich selbst redend, drehte dieser sich um und verschwand erneut hinter der Schwingtür. Kurz darauf wurde es etwas lauter in der Küche. Obschon Richard Frank verdutzt ansah, schien keiner der anderen Gäste davon groß Notiz zu nehmen.
»Lass uns bei dem Weinkonvent vorbeifahren. Ich will mir einen Überblick verschaffen«, meinte Richard, nachdem sie Kalters Restaurant verlassen hatten.
Sie fuhren die Straße zwischen den Weinbergen hinauf zum Rotenberg, wo sie den Ort mit der berühmten Grabkapelle durchquerten. Auf der anderen Seite des Bergkammes, an dem sich jenes kleine Örtchen am abfallenden Hang festzukrallen schien, fuhren sie die schmale Straße wieder ins Tal Richtung Untertürkheim. Nach einer lang gezogenen Linkskurve bog Richard ab, worauf sie gleich vor dem gesuchten Gebäude mit einem markanten Dach aus roten Ziegeln standen. Neben dem mittig gelegenen Eingang prangte auf der rechten Seite über den verglasten Doppelfenstern in großen grauen Lettern Weinkonvent Uhlbach.
Richard parkte sein Auto auf dem Platz davor. Frank sah sich um. Außer ihrem stand kein weiteres Fahrzeug auf dem Gelände.
»Scheint niemand da zu sein«, stellte er fest. Die Außentemperatur tendierte gegen null Grad. Nicht unbedingt sein Geschmack. Er hasste diese kalten, feuchten Temperaturen. Wenn es nach ihm ginge, so könnte der Winter als Jahreszeit ruhig ausfallen.
»Heute ist doch Dienstag.« Richard sah sich die Tafel mit den Öffnungszeiten an. »Also, wenn ich auf die Uhr schaue, müssten sie eigentlich aufhaben.«
Er drückte die schwere Eisenklinke herunter, worauf sich die Tür öffnete. Sie traten beide ein und befanden sich in einer großen Halle, in der unzählige Kisten mit Wein standen.
»Hier scheint der Eingang zum Lager zu sein«, stellte Richard fest, während er sich umblickte.
»Ist jemand da?«, rief Frank. Er wartete eine Weile, aber es kam keine Antwort.
»Wir schauen nach hinten. Dort scheint ein Verkaufsraum zu sein.«
Richard war auf dem Weg durch die Halle, da fragte ihn jemand: »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«
Die Stimme gehörte einer Frau. Er schätzte sie auf Anfang 40, mit langen braunen Haaren. Sie trug zu ihrem dunklen Rollkragenpullover enge Jeans, die ihre wohlgeformte Figur sehr gut zur Geltung brachten.
Frank konnte sich ebenfalls kaum von diesem Anblick losreißen, fand aber kurz darauf die Sprache wieder. »Frank Jonas, Kripo Stuttgart. Das ist mein Kollege, Oberkommissar Richard Bauer. Wir hätten gern mit einem Verantwortlichen hier gesprochen.«
»Kripo?« Sie sah die beiden erstaunt an. »Geht es wieder um den Einbruch letzte Woche? Da ist doch nichts gestohlen worden. War bestimmt ein dummer Jungenstreich.«
»Ich habe Ihren Namen vorher nicht verstanden«, sagte Richard, wohl wissend, dass sich die Frau bis jetzt nicht namentlich vorgestellt hatte. Er wollte ihr damit eine Brücke bauen.
»Oh, entschuldigen Sie, wie unhöflich von mir.« Sie lächelte die beiden an. »Ich bin heute etwas durcheinander. Mein Name ist Nadine Kalter. Wir bekommen nachher eine Reisegruppe, aber es ist hier noch gar nichts vorbereitet. Eigentlich sollte der Hans Kupernick mit den Getränken längst da sein. Wer weiß, wo der wieder bleibt.« Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab.
»Macht nichts«, erwiderte Richard. Er hatte den Namen vernommen, doch entschied er sich, nicht darauf zu reagieren. »Wir kommen auch nicht wegen des Einbruchs letzte Woche, sondern aufgrund eines Mordes.«
»Mord? Was für ein Mord?«, fragte sie erstaunt. Frank sah sie an. Sie schien, soweit er dies einschätzen konnte, ehrlich betroffen ob der Nachricht, die Richard überbrachte.
»Wissen Sie noch nicht Bescheid?«, erkundigte er sich.
»Nein, ich bin seit heute Morgen um kurz vor 7 Uhr hier mit Holger Bühler beschäftigt, eine Weinverkostung auf die Beine zu stellen, die gleich beginnen soll. Zu zweit geht’s leider nicht so schnell. Außerdem fehlen noch Gläser. Der Holger ist grad runtergefahren, um sich darum zu kümmern.«
Ihre Stimme klang ein wenig genervt. Frank zückte derweil sein Notizbuch und schrieb fleißig mit. Für dieses schwarze Buch, welches ihm gute Dienste erwies, wurde er von den meisten, wenn nicht allen Kollegen im Präsidium belächelt. Doch so etwas war ihm egal. In dieser Beziehung hielt er es wie Inspektor Columbo. Immer lächeln.
»War dieser Holger Bühler den ganzen Morgen bei Ihnen?«
»Klar. Wer ist denn tot?«, fragte sie.
»Gerd Bäuerle«, antwortete Richard.
Nadine Kalter schlug die Hände vors Gesicht. »Oh nein. Nicht der Gerd. Der wollte auch helfen. Kein Wunder, ist er noch nicht da. Der ist … der war doch so ein netter Kerl. Wer tut denn so was?«
»Das versuchen wir herauszufinden«, hakte Frank ein. »Deswegen würden wir uns gern dieses Büro, wo eingebrochen wurde, noch einmal anschauen.«
Sie führte, erkennbar erschüttert von der schrecklichen Nachricht, die beiden Kommissare wortlos durch die Halle, vorbei am Verkaufsraum, wo sich ein Büro im hinteren Teil des Gebäudes befand.
»Schauen Sie sich ruhig um. Ich muss wieder nach vorn, alles vorbereiten, sonst werde ich nie fertig. Hoffentlich bringt der Hans die Sachen rechtzeitig vorbei«, murmelte sie beim Weggehen.
»Der säuft sich gerade die Hucke voll. Kann also noch eine Weile dauern«, brummte Frank vor sich hin. Nadine Kalter bekam von alledem nichts mit, sie war wieder mit dem Aufbau beschäftigt.
Richard stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen in der Eingangstür, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Vom Fenster des Büros, welches im rückwärtigen Teil der Kelter lag, hatte man einen traumhaften Blick auf den Talkessel sowie das Stadion des in Stuttgart ansässigen Fußballklubs. Bekränzt wurde die idyllische Kulisse im Vordergrund von unzähligen Weinreben, die sich vor ihren Augen erstreckten.
»Was für eine Aussicht«, stellte Frank erfreut fest. »Ich bin dafür, unser Büro hierher zu verlegen.«
»Das sehe ich auch so«, pflichtete Richard ihm bei.
»Was meinst du? War’s wirklich nur ein dummer Jungenstreich, oder steckt mehr dahinter?«
Frank fasste sich an sein Kinn, betrat den Raum, um sich umzusehen. »Ich weiß nicht, aber die Bezeichnung ›dummer Jungenstreich‹ wird mir hier etwas zu oft verwendet. Gut möglich, dass mehr dahintersteckt. Wir werden Manfred nachher fragen, was er bei den Kollegen in Erfahrung bringen konnte. Aber hier ist etwas faul. Ich fürchte, auch wenn wir bis jetzt noch keine Beweise haben, der Mord an Gerd Bäuerle steht mit dem Einbruch irgendwie in einem Zusammenhang. Dafür liegen die beiden Ereignisse zeitlich zu nahe beieinander.«
»Ich denke, du hast recht. Aber momentan fehlt uns der Ansatzpunkt, wo wir einhaken könnten. So was gefällt mir nicht. Es wirkt alles geplant, abgekartet«, konstatierte Richard.
»Du denkst, die Weingärtner hier spielen uns was vor?«
»Würde mich, ehrlich gesagt, nicht groß wundern.«
Sie schauten sich prüfend im Verkaufsraum um. Eine freundliche ältere Frau kam auf sie zu, um nach ihren Wünschen zu fragen.
Frank, der dem roten Rebensaft nicht abgeneigt war, ergriff die Gelegenheit.
»Können Sie uns denn einen guten Tropfen empfehlen? Etwas Vollmundiges, Fruchtiges?«
»Da wäre ein Lemberger vom Uhlbacher Götzenberg zu empfehlen.«
»Götzenberg klingt gut«, antwortete Frank. »Das ist doch der Berg gegenüber der Grabkapelle auf der anderen Seite des Bergkammes.«
»Richtig. Da reift er am besten, weil dort von morgens bis abends die Sonne hin scheint. Dadurch entwickelt er sein fruchtiges Aroma. Wie viele Flaschen möchten Sie?«
»Geben Sie mir mal einen Karton mit.«
Nachdem Frank bezahlt hatte, verließen sie den Verkaufsraum und hinterließen eine glücklich dreinschauende Verkäuferin.
»Ich will mir noch mal alles von draußen anschauen«, meinte Richard. »Vielleicht fällt uns was auf.«
Frank stellte seine Kiste auf den Treppen ab, um ihm zu folgen. Im hinteren Teil schloss sich eine kleine Terrasse an, der Wanderer sowie Spaziergänger zum Verweilen einlud. Im Sommer bot sich hier wegen der rankenden Weinreben ein schattiges Plätzchen, um ein oder zwei Viertele zu trinken.
»Siehst du hier?« Richard zeigte auf die Fensterreihe, hinter der sich das Büro befand.
»Alle Fenster bis auf eines sind vergittert. Da muss der Einbrecher reingelangt sein.«
Richard nickte stumm und betrachtete das Fenster mit einem prüfenden Blick.
»So viel zum Thema ›dummer Jungenstreich‹. Wenn man ein Fenster aufkriegt, ohne Spuren zu hinterlassen, dann sind der oder die schon mal keine dummen Jungen«, erwiderte Frank lakonisch.
»Hier finden wir nichts weiter, lass uns zum Auto gehen.«
»Gute Idee, mir wird nämlich langsam kalt«, brummte Frank, schoss aber vorher ein paar Fotos. Er nahm seinen Karton mit den Weinflaschen, um ihn hinter dem Beifahrersitz zu verstauen.
»Vorsichtig fahren, wir haben wertvolle Fracht an Bord«, mahnte er Richard.
»Eine Flasche werden wir heute Abend probieren«, antwortete dieser mit einem Grinsen im Gesicht.
5. Kapitel
Manfred erreichte den Beamten vom Einbruchsdezernat nach einigen erfolglosen Versuchen. Erfreut stellte er fest, dass es sich bei ihm um einen früheren Sparringpartner aus seinem Boxstudio, wo er trainierte, handelte. Nach einem kleinen Erfahrungsaustausch von circa zehn Minuten entschloss sich Manfred, ihn im Nachbargebäude persönlich aufzusuchen. Seine Kollegen schienen sowohl mit Mittagessen als auch den ersten Ermittlungsansätzen im Mordfall Bäuerle beschäftigt zu sein.
Dies konnte sich bei Franks Appetit und Richards Hang zum Detail ziehen. Erreichbar war er ja, falls es länger dauerte.
Er zog seine Jacke an, dann machte er sich auf den Weg. Draußen lag die Temperatur knapp unterhalb des Gefrierpunktes. Hinzu kam ein kalter Nordwestwind, der die gefühlte Temperatur auf Werte weit unter null drückte. Manfred war froh, als er kurz darauf die Tür zum benachbarten Gebäude erreichte. Viel erhoffte er sich nicht, aber der Staatsanwalt verlangte nach Ergebnissen, da klammerte man sich an jeden Strohhalm.
Der Kollege saß am Ende eines langen Flurs auf der linken Seite im zweiten Stock. Er war so alt wie Manfred, eine leicht – typisch bei Boxern – deformierte Nase zierte sein Gesicht. Wie fast alle Sportler dieser Sportart trug er wenig bis keine Haare, was teils dem Alter geschuldet schien.
Als er Manfred sah, strahlte er, stand von seinem Schreibtisch auf und umarmte ihn freundschaftlich.
»Alter Junge, wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«
»Ist bestimmt schon ein paar Jahre her, so alt, wie du aussiehst«, grinste der.
»Nimm Platz. Was kann ich für dich tun?« Er zeigte mit der Hand auf den gegenüberliegenden Schreibtisch. Der Kommissar, der diesen sonst in Beschlag nahm, war nicht da, also konnte es sich Manfred auf dessen Stuhl bequem machen.
»Langer Rede kurzer Sinn«, sagte er, »es geht um den Einbruch in den Weinkonvent Uhlbach vor einiger Zeit. Meine beiden Kollegen vermuten da einen Zusammenhang mit dem Mord heute Morgen.«
»Ein Mord?« Harald schaute etwas argwöhnisch drein. »Wo soll da ein Zusammenhang zwischen dem Einbruch bestehen?«
»Das wollen wir ja rausfinden.« Manfred brachte ihn kurz auf den Stand der Ermittlungen.
»Denkst du nicht, ihr verrennt euch in was? Ich meine, wir helfen euch gerne, aber sei mir nicht böse, ich denke, die Spur führt in eine Sackgasse.«
Manfred zuckte mit den Schultern. »Die zwei haben diesbezüglich meistens ein Gespür. Außerdem ist es momentan der einzige Anhaltspunkt in unseren Ermittlungen. Überdies kommt heute Nachmittag der Staatsanwalt. Irgendetwas müssen wir vorweisen, sonst macht der uns die Hölle heiß. Du weißt ja selber, wie es läuft.«
Sein Gegenüber seufzte. Er wusste wie Manfred, heutzutage wurden von den Staatsanwälten schnelle Ermittlungsergebnisse erwartet. Diese wiederum bekamen von Seiten der Politik Druck. Leidtragende waren die ermittelnden Beamten, die so manchen Täter eher dingfest machen könnten, würde man sie in Ruhe arbeiten lassen.
»Ich kann dir die Akte gern zuschicken. Dann habt ihr was zum Lesen und steht nicht mit leeren Händen da«, schmunzelte Harald.
Manfred beugte sich vor, dann sah er seinen Kollegen mit einem verschmitzten Lächeln an. »Wie lange bist du jetzt schon bei diesem Verein?«
»30 Jahre, wenn man die Ausbildung mitrechnet.«
»Dann solltest du wissen, dass mir die persönliche Einschätzung eines Kollegen wichtiger ist als irgendwelche nichtssagenden Akten. Aber schicken kannst du sie mir trotzdem«, grinste er.
»Wir beide gehören zu den Dinosauriern hier. Die Jungen hängen nur noch am Smartphone oder Computer, denken, die Fälle werden über Google oder Facebook gelöst.« Er griff sich an den Kopf. »Aber den da oben schalten sie nicht ein.«
Er erhob sich und ging zum Aktenschrank, in dem die für jede Polizeidienststelle überlebenswichtige Kaffeemaschine stand, um zwei Tassen des dunklen, duftenden Gebräus einzugießen.
»Schwarz ohne alles, richtig?«
Manfred nickte.
»Was ist deine Einschätzung bei diesem Einbruch gewesen?«, fragte er, als er den ersten Schluck aus der Tasse trank.
»Da war dieses komische Gefühl«, begann Harald. »Nach so vielen Dienstjahren merkt man irgendwie, wenn etwas nicht ganz koscher ist.«
Er lehnte sich zurück und schaute zu ihm rüber.
»Was kam dir merkwürdig vor?«, nahm Manfred den Faden auf.
»Die Art, wie eingebrochen wurde. Normalerweise dauert so ein Einbruch maximal zehn Minuten, nicht länger. Hier haben sich der oder die Einbrecher anscheinend viel Zeit gelassen. Aber die Geldscheine haben sie nicht mitgenommen.«
»Bargeld?«
»Ja, auf dem Schreibtisch lag Bargeld, nicht viel. Vielleicht 2.000 Euro. Aber wenn ich ein Einbrecher bin, dann nehme ich dieses Geschenk doch dankend an. Es wurde aber nur der Aktenschrank durchwühlt.«
»Merkwürdig. Meinst du, die haben was Bestimmtes gesucht?«, fragte Manfred.
»Da bin ich mir ziemlich sicher. Aber was soll ich denn in meinen Bericht reinschreiben? Kann ja schlecht erwähnen, dass 2.000 Euro auf dem Schreibtisch nicht gestohlen wurden. Wir haben am nächsten Tag den Chef von dem Laden gefragt, ob was fehlt. Aber der schaute sich nur oberflächlich um und meinte dann, ihm würde nichts auffallen.«
»Wie heißt der Chef denn?« Manfred zog sein Notizbuch heraus, nahm einen Kugelschreiber vom Schreibtisch des abwesenden Kollegen.
»Andre Kalter.«
*
»Ich kann nur hoffen, Manfred hat wenigstens was in der Hand. Sonst stehen wir nachher vorm Henssler da wie Schuljungen und müssen uns erklären lassen, wie wir unseren Job zu machen haben«, seufzte Richard auf der Fahrt zurück ins Präsidium.
»Der wird uns schon nicht im Stich lassen«, meinte Frank. »Zaubern können wir schließlich auch nicht. Aber ich bin mir immer sicherer, es gibt eine Verbindung zu unserem Fall. Was hier passiert, ist alles schon etwas merkwürdig«, sinnierte Frank vor sich hin.
»Was hältst du von der Nadine Kalter?«, wollte er von Richard wissen.
»Sieht scharf aus«, kam als Antwort, die Frank so nicht erwartet hatte. Er verdrehte die Augen. Es schien mit ihm immer dasselbe zu sein. Sobald Frauen im Spiel waren, schaltete sich sein Jagdinstinkt ein. Den zu unterdrücken, war, laut Walter Riegelgraf, nur unter Einsatz von Operationsbesteck möglich.
»So weit bin ich auch schon«, konstatierte Frank und versuchte, jenes Gespräch wieder auf die ermittlungstechnische Ebene zu heben. »Ich meinte aber eher, inwieweit du der Meinung bist, sie könnte etwas mit dem Fall zu tun haben.«
Richard grinste. »Im Moment glaube ich das nicht, aber hoffentlich ändert es sich bald.«
Frank drehte den Kopf zum Fenster und schaute entnervt hinaus.
Im Büro herrschte, entgegen sonstiger Gewohnheit, entspannte Ruhe. Manfred schien unterwegs zu sein, und Müller-Huber hockte in Gedanken versunken höchst konzentriert vor seinem Computer. Mit dem neuen Fall hatte es nichts zu tun, das konnten beide ausschließen.
Es gab nur zwei Dinge, die ihren Chef interessierten: Das waren erstens die Leidenschaft fürs Fliegen und zweitens der Umbau seines Hauses. Ob diese Baustelle eines fernen Tages einmal fertig werden würde, daran hegte Richard erhebliche Zweifel. Denn schien die eine Sache abgeschlossen, wurde an anderer Stelle schon wieder, zum Leidwesen seiner Frau, ein neuer Umbau oder Anbau geplant. Nun, die Baumärkte in der Umgebung freute es.
Frank klopfte an den Türrahmen.
»Ah, sind Sie beide wieder da«, zeigte sich Müller-Huber erfreut. »Hauptkommissar Gühring kommt gleich. Er hat anscheinend etwas Neues zum Fall beizutragen.«
Diese Nachricht hörte sich vielversprechend an. Manfred war nicht scharf auf Ermittlungen außerhalb seines Büros, doch er wusste immer, welche Stellen er anzapfen musste. So schien seine Arbeit auch dieses Mal von Erfolg gekrönt.




