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Die Area 47 bietet einen 20.000 Quadratmeter großen Wasserpark. Zahlende Gäste können „Wakeboarden“ oder sich beim Blobbing oder auf der Wasserschanze austoben. Rafting auf dem Inn, Canyoning, ein Hochseilgarten oder Höhlentouren sorgen für die Steigerung des Nervenkitzels – mit Sicherheitsnetz. Fachleute haben dafür einen neuen Anglizismus erfunden: das „Thrilling“, die Lust an der Angst. Ein Urlaub muss heute mehr bieten als nur ein Urlaubsziel oder eine Sportart. Also werden bekannte Angebote „neu verpackt“ und frisch inszeniert.
Die Gebirgslandschaft allein ist nicht genug, sie wird nun „bespielt“. Um die touristischen „Produkte“ unter die Leute zu bringen, werden „Marken“ kreiert und „positioniert“. Natürlich geht es dabei um „Wertschöpfung“, also Einnahmen. Beim guten alten Wandern bzw. Radfahren und einem eher kontemplativen Naturaufenthalt verbleibt halt weniger Geld in der Gegend.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) stellt dazu kritisch fest: „Der Natur wird keine Atempause mehr gegönnt.“ Ihre Belastungsgrenzen seien aber in vielen Bereichen bereits überschritten. „Von der Eventisie-rung halten wir nichts, das sind Geschmacksverstärker, die den Blick von der Schönheit der Natur ablenken“, meint Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein.6
DIE ALPEN IM KLIMASTRESS
Am stärksten sind die Veränderungen dort sichtbar, wo es am kältesten ist: beim Eis. Die Gletscher sind daher eine Art Klima-Alarmanlage. Gletscher sind fremdartige Zonen, eine Welt aus Kälte, Eis, Schutt, Lawinen, Moränenseen, reißenden Bächen und heimtückischen Spalten. Gletscher werden im Schnee geboren: Unter den meterhohen Schneeauflagen in ihren am höchsten gelegenen Bereichen verwandeln sich die Schneekristalle unter Druck in körnigen Firn, der allmählich zu Eis verdichtet wird. Aus 80 Zentimeter Schnee wird etwa ein Zentimeter Eis. Das gewaltige Eigengewicht lässt das Eis langsam abwärts gleiten. Wenn ausreichend viel Eis ausreichend schnell von oben nachschiebt, können Gletscher bis tief in die grünen Talzonen hinabreichen. Früher stießen einige der größten Alpengletscher bis in die Bergwaldzone vor. Doch dieses Phänomen ist heute auf nicht einmal eine Handvoll Gletscher beschränkt, wie den sich ausdünnenden Aletsch- und den Morteratschgletscher in der Schweiz oder das französische Mer de Glace am Mont Blanc.
So bedrohlich Gletscher wirken mögen, haben sie doch stets hilfreiche Dienste für die Bewohner der tiefer gelegenen Bereiche der Alpen geleistet. Ihr wichtigster Beitrag: Oben, in ihrem „Nährgebiet“, nehmen sie Wasser in Form von Eis auf und geben es nach vielen Jahren unten, im „Zehrgebiet“, wieder ab. Gletscher sind also gigantische Pufferspeicher, die den Winterniederschlag verzögert im Sommer in die Flüsse speisen. Diese sogenannte „Gletscherspende“ garantiert auch im Sommer eine reichliche Wasserführung in vielen großen Alpenflüssen. In heißen, trockenen Sommern, wenn der Winterschnee auf den Bergen fast vollständig verschwindet, fällt diese Wasserzufuhr dank Schmelzwasser besonders groß aus. Noch. Denn die Alpengletscher schwinden seit mehreren Jahrzehnten kontinuierlich dahin.
Bedingungen wie im extremen Hitzesommer 2003 könnten in wenigen Jahrzehnten der Normalfall sein. Dann wird der sommerliche Wassersegen der Gletscher nicht mehr für eine Linderung der Wassernot sorgen, weil die Gletscher weitgehend abgeschmolzen sein werden. Die Alpenflüsse könnten dann im Hochsommer extremes Niedrigwasser führen – bedingt durch das Ausbleiben der Gletscherspende in Kombination mit früher Schneeschmelze in den Bergen und fehlenden Niederschlägen. „Mit den versiegenden Bächen und Flüssen sinken auch See- und Grundwasserspiegel im Unterland und die erhöhte Verdunstung trocknet die Böden aus. Der Bedarf an Wasser für die Landwirtschaft steigt, aber um die Nutzung des verbleibenden Wassers entstehen ernste Konflikte.“7 Wasser werde ja auch gebraucht als Trink- und Brauchwasser, ist lebensnotwendig für Fische in Gewässern, für die Stromerzeugung und die Kühlung von Kernkraftwerken oder für das Löschen von (in Zukunft wahrscheinlich häufigeren) Waldbränden.
Der Bericht „Klimaänderung und die Schweiz 2050“ des „Beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung“ OcCC nennt beunruhigende Zahlen: „Drei Viertel der Wasservorräte, welche in den Gletschern langfristig gebunden sind, werden alleine bis 2050 wahrscheinlich verschwinden: Dies sind etwa 40 Kubikkilometer Wasser.“8 Es sei daher zu erwarten, dass während Trockenperioden eine stärkere Konkurrenz ums Wasser entsteht.
Das Schmelzwasser aus dem vereisten Hochgebirge hat noch einen anderen Effekt: Es ist kälter und wird von entsprechend angepassten Arten bewohnt. Gletscherbäche transportieren außerdem Unmengen an Gesteinsmehl, das die zig Tonnen schweren Gletscher im Zuge ihrer Abwärtsbewegung an ihrer Unterseite vom Fels abschleifen. Diese „Gletschermilch“ setzt sich als Sediment im Flachland ab.
Gletscher und gefrorene Schutthalden (Blockgletscher) bewegen große Gesteinsmassen. Aber sie tun das langsam und meistens berechenbar. Steinschlag, Bergstürze, Lawinen, Muren und Hochwässer bedrohen Siedlungsräume stärker. „Seit der historischen Besiedlung der Gebirgsräume hat der Mensch versucht, mit diesem Risiko sinnvoll umzugehen. Er ist dabei davon ausgegangen, dass Klima und Natur in engen Grenzen relativ konstant bleiben – eine Annahme, die für die kommenden Jahrzehnte kaum mehr gelten kann.“9
Die Gletscher sind aber auch abseits ihrer technischen „Funktion“ von Bedeutung. Sie sind die weiße Krone der Alpen. Ihr Anblick lockt jedes Jahr Hunderttausende Touristen in das Gebirge. Besucher-Hotspots wie die Franz-JosefsHöhe beim österreichischen Paradegipfel Großglockner oder der Gornergrat bei Zermatt sind Schlüssel-Attraktionen. Der Pasterze-Gletscher unter den Wänden des Großglockners löst sich jedoch zusehends auf: Der kilometerlange Talgletscher ist bereits weitgehend von seinem Nährgebiet abgeschnitten. Im „Hufeisenbruch“, wo noch vor einigen Jahren bizarre Eisgebilde die steilen Talflanken überzogen, klafft jetzt eine offene Wunde aus Stein. Der Großteil des Eisbruchs ist weg. Wissenschaftler geben der unteren Pasterze nicht mehr viele Jahre; in Zukunft wird es dort nur mehr schuttbedecktes „Toteis“ geben.
In den letzten 150 Jahren haben die Alpengletscher bereits mehr als die Hälfte ihrer früheren Ausdehnung eingebüßt. In höheren Lagen, wo Felswände das Eis beschatten oder Lawinen für ausreichend Nachschub sorgen, wird sich das Eis länger halten. Aber auch hier schmilzt in heißen Sommern fast der ganze „Altschnee“ ab und das Eis ist der Sonne ausgesetzt. Wird der stolze „Glockner“, Österreichs höchster Gipfel, in ein paar Jahrzehnten ein kahler Steinberg sein?
Viele kleinere Gletscher hat dieses Schicksal schon ereilt. In Hitzesommern reicht die Auftauzone bis ganz hinauf in die Gipfelregion, unzählige Wasserfälle rauschen zu Tal. Auch in den Sommerskigebieten und an den „Gletscherstraßen“ bietet sich ein deprimierendes Bild: graues bis schwarzes Eis, unterbrochen von Plastikmatten, die wie riesige Pflaster Teile der sterbenden Gletscher länger am Leben erhalten sollen. Dazu noch die im Winter angehäuften Schneelager, die über den Sommer unter weißen Planen gebunkert werden. Im Rekord-Sommer 2003 haben die Alpengletscher 5 bis 10 Prozent ihres Volumens verloren.
Die siechen Gletscher bergen auch neue Gefahren für Bergsteiger: Spalten entstehen. Vor allem da, wo das Eis auf den benachbarten Fels trifft, tun sich meterbreite Rand-Klüfte auf. Alpine Wege müssen gesperrt oder mit Leitern versichert werden.
Der Klimaforscher Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur Wien bestätigt die traurige Perspektive für die alpinen Eiswelten10: „Die Gletscher sind nicht im Gleichgewicht. Auch wenn jetzt gar kein weiterer Anstieg der Emissionen mehr erfolgt, werden die Gletscherzungen ziemlich bald weg sein.“ Die Zerfallserscheinungen seien bereits überall zu sehen. Natürlich dauere es einige Zeit, bis diese 20 bis 30 Meter dicken Eismassen ganz weg sind. In den nächsten zehn bis 15 Jahren werden die großen Gletscherzungen aber weitgehend verschwunden sein, erklärt Formayer. „Ende des Jahrhunderts wird es zwar noch Gletscher geben, aber nur mehr kleine Flächen in nordseitigen Karen über 3500 Meter Höhe, die dann eher wie Schneefelder aussehen werden. Die Bilder der großen Gletscher werden wir sehr bald verlieren.“
Dass sich die Alpengletscher in einem massiven Ausmaß zurückziehen, belegt der Bildband „Gletscher im Treibhaus“ von Sylvia Hamberger und Wolfgang Zängl11 eindrucksvoll. Die Autoren haben dafür Gletscher im Sommer 2003 neu fotografiert und alten Postkarten gegenübergestellt. Die Website www.gletscherarchiv.de zeigt auch aktuellere Vergleichsfotos. Die deprimierende Bildersammlung beweist, dass sich die Gletscher der Alpen in fortschreitender Auflösung befinden, und straft all jene Lügen, die den Klimawandel als Erfindung oder Panikmache abtun.
Die Gletscherschmelze bringt noch eine weitere Gefahr mit sich: Die Hänge im Gletscherumfeld werden instabil. Noch vor 150 Jahren reichte die Gletscherzunge des Unteren Grindelwaldgletschers, die sich östlich der 3870 Meter hohen Schweizer Berg-Prominenz Eiger ins Tal bewegt, bis auf eine Seehöhe von 1000 Meter hinab. Der Ort verdankte dieser atemberaubenden Kulisse seine Popularität als Urlaubsort. Der Gletscher ist heute nur mehr ein Abklatsch seiner einstigen Pracht: Mehr als die Hälfte des Eisvolumens ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts den Lütschi-Bach hinuntergegangen. Statt wilder Eisbrüche ist heute ein schuttbedecktes Gletschervorfeld zu sehen. Der obere Gletscher ist in zwei Teile zerfallen, die untere Eismasse ist vom Eisnachschub abgeschnitten und dämmert als schmutziges „Toteis“ dahin.
Im Juni 2006 tat sich ein großer Spalt in einem Felsabbruch an der Ostflanke des Eigers oberhalb des Grindelwaldgletschers auf. Der Riss vergrößerte sich rasch und ein Teil der Wand löste sich vom Berg. Am 13. Juli stürzten 600.000 Kubikmeter Fels auf den darunter liegenden Rest des Gletschers. Der zurückweichende Grindelwaldgletscher hatte den Felswänden ihre Stabilität genommen. Früher fixierten die Eismassen die Felspartien als eine Art Widerlager. Durch den Rückzug des Eises kommt es zu einer „Entspannung im Fels und Druckentlastungsklüfte tun sich auf“, erklärt Gletscherforscher Wilfried Haeberli.12 In die Risse eindringendes Schmelz- und Regenwasser kann das Gestein sprengen, wenn es wieder friert.
Mit Vor-Ort-Messungen, Fernerkundungstechniken und Modellrechnungen haben Michael Zemp, Wilfried Haeberli und ihre Kollegen von der Universität Zürich die jüngere Geschichte und die Zukunft der Alpengletscher analysiert. Ihre Berechnungen haben ergeben, dass die Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts fast völlig eisfrei sein könnten.13 Eine durchschnittliche Erwärmung der Sommertemperaturen um drei Grad könnte die heute noch bestehende alpine Gletscherdecke bis auf 10 Prozent der Gletscherausdehnung von 1850 reduzieren. Bei einer Temperaturerhöhung von fünf Grad würden die Alpen fast vollständig eisfrei sein. Nur jenseits der 4000-Meter-Marke könnten Eisreste der zunehmenden Hitze trotzen.
Nachdem 90 Prozent aller Alpengletscher kleiner als einen Quadratkilometer sind, werden die meisten Gletscher in den europäischen Alpen wohl bereits in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. Auch kleine Gletscher und Eisfelder können Probleme verursachen, wenn sie sich auflösen: Zieht sich das Eis zurück, legt es große Mengen Schutt frei, die bei starken Niederschlägen als Muren zu Tal gehen können.
UNBERECHENBARER PERMAFROST
In den Alpen gibt es große Mengen Eis, die nicht so sichtbar sind wie die Gletscher: der Permafrost. Darunter versteht man dauerhaft gefrorenen Boden und Gesteinsuntergrund, der nur im Sommer oberflächlich auftaut. Der dauerhafte Frost im Untergrund entsteht, wenn die lokale Lufttemperatur im Jahresmittel unter null Grad bleibt. In kalten Regionen wie Sibirien oder der nordamerikanischen Tundra sind riesige Flächen unterirdisch gefroren. In den Alpen liegen nur bestimmte Gebiete permanent unterhalb des Gefrierpunkts. Permafrost macht Fels- und Schuttpartien im Hochgebirge wasserdicht und erhöht so ihre Stabilität. Dieser andauernd gefrorene Untergrund kann Hunderte Meter tief reichen, vor allem in hohen Bergregionen mit schattigen und kalten Flanken und Felswänden. Doch das große Schmelzen dringt bis tief in das Gestein vor. Der Kitt der Berge taut auf.
Laut Karl Krainer vom Institut für Geologie und Paläontologie an der Universität Innsbruck kann Permafrost in drei Formen auftreten: als Blockgletscher (sich zu Tal bewegende, im Inneren gefrorene Schuttmassen), als Permafrost in Lockergestein und als Permafrost in Festgestein (Spaltenfrost). Blockgletscher sind lappen- oder zungenförmige Gebilde aus Lockergestein, die gletscherähnlich langsam zu Tal kriechen. Allein in Nordtirol gibt es mehr als 500 aktive Blockgletscher. Wenn Spaltenfrost oder Blockgletscher auftauen, gerät das Gestein in Bewegung. Steinschlag, Felsstürze oder Felslawinen können die bedrohliche Folge sein.
Der Hitzesommer 2003 zeigte, was vermutlich im großen Stil auf die Alpen zukommt: Aufgrund von Steinschlag und Bergstürzen mussten Wege und Hütten gesperrt werden. Die Lobbia-Hütte in der italienischen Adamello-Gruppe wurde evakuiert.14 Am 15. Juli 2003 herrschte (wie stets zu dieser Jahreszeit) am Matterhorn Hochbetrieb. Gegen 10.30 Uhr brachen am Hörnligrat etwa 1000 Kubikmeter Fels ab. 84 Bergsteiger mussten von der Bergrettung mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht werden. Das Matterhorn wurde gesperrt.15 Auch der Normalweg auf den Mont Blanc war in diesem Extremsommer für Bergsteiger gesperrt, Bergstürze sowie Eis- und Steinschlag waren an der Tagesordnung. Am 7. August kamen vier Personen auf Europas höchstem Berg durch Steinschlag ums Leben, 40 Bergsteiger wurden mit Hubschraubern ausgeflogen. Auftauender Permafrost gefährdete selbst den Gipfel des Hohen Sonnblicks mit dem historischen meteorologischen Observatorium auf 3105 Meter Seehöhe. Durch Auftauprozesse in der Gipfelpyramide verlor der stark zerklüftete Fels an Stabilität und der Gipfel drohte abzustürzen. Mit langen Stahlankern wurde der Berg aufwendig wieder zusammengeschraubt.
Auch schmelzende Blockgletscher steigern ihre Talwärtsbewegung. Die Geografin Isabelle Roer von der Universität Zürich berichtete, dass sich untersuchte Blockgletscher im Engadin zwischen zehn und 50 Zentimeter im Jahresmittel bewegten. „Doch seit den Neunzigerjahren gleiten die Blockgletscher viel schneller zu Tal. Nahe Zermatt sind es inzwischen zweieinhalb Meter pro Jahr. Im Hitzesommer 2003 rückten die Eis- und Schuttströme sogar bis zu sieben Meter vor.“16
Diese Bewegungen können auch Infrastrukturen gefährden. Im Tiroler Kaunertal war man schon mit solchen Problemen konfrontiert, weil dort eine Straße durch einen Blockgletscher gebaut worden war. Starkniederschläge, wie sie durch den Klimawandel vermehrt zu erwarten sind, können diese aufgetauten, labilen Zonen mobilisieren und Muren auslösen. Auch wenn sich Eis- und Blockgletscher meist weit weg von Siedlungen befinden, können Murengänge weit ins Tal vorstoßen.
Forschergruppen aus allen Alpenländern haben nun ein einheitliches Messnetz ins Leben gerufen, mit dessen Hilfe die Temperaturentwicklung des Permafrosts in den Alpen kontinuierlich überwacht werden soll. Für Österreich wurde im Rahmen des Programms permAT17 untersucht, welche Skigebiete, Stauseen und Berghütten von „vorhandenen“ oder „wahrscheinlichen“ Permafrostvorkommen betroffen sein könnten. Dabei hat sich gezeigt, dass besonders die Ötztaler, Stubaier und Tuxer Alpen sowie Teile der Hohen Tauern mit Problemen rechnen müssen.
AUS FÜRS SKIFAHREN UNTER 1200 METER?
Ganze zwei Millimeter Niederschlag fielen im Schweizer Mittelland im gesamten Dezember 2016. Normal sind drei Millimeter – pro Tag. Es war der trockenste Dezember seit Beginn der Messungen im Jahr 1864. Auch in höheren Lagen blieb es ungewöhnlich trocken, obendrein war es dort drei bis vier Grad wärmer als üblich. Viele Skigebiete mussten mit Kunstschnee nachbessern, um wenigstens einen Teil der Pisten befahrbar zu machen.
Eine Studie von Forschern um Christoph Marty vom Schweizer Schnee- und Lawinenforschungszentrum SLF in Davos zeigt18, was in der Alpenregion zu erwarten ist, wenn der Klimaschutz nicht massiv zulegt: Zum Ende des Jahrhunderts könnte es um 70 Prozent weniger Schnee geben (unter 1000 Meter). Das Trend-Szenario (A2) zeigt eine Abnahme der Schneebedeckung von 50 Prozent selbst in Höhen über 3000 Meter. Die am stärksten betroffenen Gebiete liegen unter 1200 Meter, wo die Simulationen fast keinen Schnee gegen Ende des Jahrhunderts mehr zeigen. Für niedrig gelegene Skigebiete könnte es daher sehr eng werden: Zwei von drei Pisten in den bayerischen Alpen liegen niedriger als 1200 Meter, in Österreich befindet sich nur ein Drittel der Skigebiete auf 1500 Meter und höher. Die Simulationen der Schweizer Forscher haben auch ergeben, dass die Schneesaison im Jahr 2035 durchschnittlich um ein bis zwei Monate später beginnen und bis zu einen Monat früher enden wird als derzeit.
In 80 Jahren könnten somit nur mehr Skigebiete über 1800 Meter überleben, für die anderen wird der Winter zu knapp. Der sogenannte „Christmas-Easter-Shift“ (Verschiebung der Saison in Richtung Ostern) wird an Grenzen stoßen: Künftig könnte der Schnee schon im März geschmolzen sein. Die Klimazonen verlagern sich bis 2035 um 200 bis 500 Meter nach oben, bis 2085 um 700 bis 1000 Meter. So viel Schnee, wie heute auf 1200 Meter liegt, wird dann erst in 2000 Meter Höhe zu finden sein. Wenn es der Weltgemeinschaft gelingt, das Zwei-Grad-Klimaschutzziel einzuhalten, was derzeit wenig wahrscheinlich ist, könnte sich der Schneerückgang bei rund minus 30 Prozent zum Ende des Jahrhunderts stabilisieren.
Tourengeher werden deshalb in Zukunft immer weiter hinaufsteigen müssen. Und das birgt neue Gefahren: Lawinen. In den Alpen sterben jetzt schon jährlich mehr als 100 Menschen in Lawinen. 2010 waren es 147. Mit einer weiteren Zunahme ist zu rechnen. Besonders gefährlich sind Nassschneelawinen; die kamen bislang eher in tieferen Lagen unter 1000 Meter vor. Die gefährlichen, schweren Schneemassen werden in Zukunft durch den Klimawandel auch in größeren Höhen ein Thema sein. Nasser Schnee ist bis zu zehnmal schwerer als trockener Schnee, die Lawinen sind entsprechend gefährlicher.
STRESS FÜR DIE VEGETATION: BRÄNDE UND HÖHENWANDERUNG
Auch wenn die „Sommerfrische“ am Berg in Zukunft ein Revival erleben dürfte – die Urlaubsidylle im Gebirge und an den Alpenseen könnte durch den Klimawandel getrübt werden. Bei langen Hitzeperioden ist nämlich mit häufigeren und schwereren Waldbränden zur rechnen.
Gegen Ende der Sommerhitzewelle 2003 verursachte ein Brandstifter einen verheerenden Waldbrand oberhalb von Leuk im Schweizer Kanton Wallis. Aufkommende Bergwinde sorgten für eine Ausbreitung des Brandes auf einen 500 bis 1000 Meter breiten Streifen bis hinauf an die Waldgrenze. 300 Hektar Wald, inklusive 70 Hektar Schutzwald, brannten in nur einer Nacht ab. Es schwelte mehr als zehn Tage lang. Ohne Helikopter hätte dem Feuer kaum etwas entgegengesetzt werden können. Die Löscharbeiten konnten erst drei Wochen später völlig eingestellt werden. Zum Glück gab es keine Toten oder Verletzten, berichtet die Studie „Leben mit Waldbrand“.19
Im Vergleich zum Mittelmeerraum treten Waldbrände in den Alpen (noch) eher selten und weniger großflächig auf. Wenn extreme Hitzeperioden in Zukunft vermehrt eintreten, wird es aber auch hier öfter zu Großbränden kommen, besonders in trockenen Lagen. Im Zusammenwirken mit dem Mangel an Schmelzwasser könnte das zu gefährlichen Situationen führen. Die Studie kommt zum Schluss, dass „in inneralpinen Trockentälern, zum Beispiel im Rhonetal und Engadin“, die Waldbrandgefahr „wegen der Zunahme von Dürren im Sommer drastisch zunehmen wird“. Doch auch bisher feuchtere Bereiche werden in Hitzesommern ein gesteigertes Brandrisiko haben.
Die Erwärmung wird auch den kälteliebenden Pflanzenarten des Hochgebirges zusetzen: Sie müssen nach oben ausweichen. Doch diese Flucht nach oben trifft unweigerlich auf eine Grenze: Am Gipfel ist Schluss. Sollte es zu einer durchschnittlichen globalen Erwärmung um drei Grad in den nächsten 100 Jahren kommen, ist nach Angaben der Alpenschutzkommission CIPRA20 eine Verschiebung der Vegetationszonen von ca. 600 Kilometern von Süd nach Nord bzw. eine vertikale Verschiebung um ca. 600 Höhenmetern zu erwarten. Da sich die meisten Gehölze aber nur mit einer Geschwindigkeit von etwa 100 Kilometern in 100 Jahren ausbreiten, viele alpine Arten nur mit 50 Höhenmetern bzw. einzelne Grasarten gar nur mit vier Metern in 100 Jahren bewegen, werden viele Arten dem raschen Temperaturwandel nicht folgen können.
Der Wald stößt in höhere Lagen vor, Schäden in Fichtenwäldern in Tallagen durch Borkenkäfer nehmen zu. Laubwälder breiten sich aus. In sehr heißen Sommern kämpfen die meisten Baumarten mit Trockenheit. Weil sich die Wuchsbedingungen für etliche Baumarten im immer unwirtlicheren, hitze- und trockenheitsgeplagten Tiefland verschlechtern, werden die Alpen bei einem starken Temperaturanstieg als „Refugium für den Wald“ an Bedeutung gewinnen, erklärt Georg Gratzer, Waldökologe an der Universität für Bodenkultur Wien.21
Die Alpen sind die „floristisch reichhaltigste Region Mitteleuropas“. Die „Flora alpina“ zählt laut CIPRA 4491 Pflanzenarten, von denen 501 nur hier vorkommen. Durch die Höhenwanderung der Vegetationszonen sind 45 Prozent der alpinen Arten bis 2100 vom Aussterben bedroht.
„Wir sind mitten im Klimawandel. Ein weiterer Temperaturanstieg von etwa ein bis zwei Grad bis zur Mitte des Jahrhunderts kann nicht mehr verhindert werden, weil das Klima sehr träge auf die bisherigen Emissionen reagiert“, erläutert der Klimaforscher Herbert Formayer.22 „Wir haben ja schon eine massive Erwärmung hinter uns. Seit den Siebzigerjahren ist es schon um etwa zwei Grad wärmer geworden. Und das hat unsere Umgebung noch nicht verdaut. Die Natur hat nicht nachgezogen.“
REICHT DAS PARISER KLIMAABKOMMEN?
Am 12. Dezember 2015 feierte die Welt den Durchbruch bei der Klimakonferenz in Paris: Ein neuer Weltklimavertrag wurde nach heftigem Ringen doch noch unterzeichnet. Erstmals vereinbarten Industrie- und Schwellenländer, gemeinsam gegen den Klimawandel vorzugehen. Alle teilnehmenden Staaten sind nun völkerrechtlich verpflichtet, ihren nationalen Klimaschutzbeitrag zu definieren und Maßnahmen zu dessen Umsetzung zu ergreifen.
Ziel des Vertrags ist es, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad (bezogen auf das vorindustrielle Niveau) zu beschränken, wobei 1,5 Grad angestrebt werden. De facto geht es aber darum, die Erwärmung bei einem weiteren Anstieg von einem Grad ab heute zu stabilisieren. Um das zu erreichen, müssen die weltweiten Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auf null reduziert werden. Das bedeutet, dass ab 2050 keine klimaschädlichen Gase mehr ausgestoßen werden dürfen, die nicht wieder durch sogenannte „Senken“, zum Beispiel Wälder, aus der Atmosphäre aufgenommen werden. Und die Industriestaaten müssen den Entwicklungsländern unter die Arme greifen.
Doch sind diese Ziele überhaupt ausreichend?
Im September 2016 warnte ein Team von Top-Wissenschaftlern die Weltgemeinschaft, dass „sie damit aufhören sollte, sich mit dem Paris-Abkommen selbst zu gratulieren“, weil die globalen Temperaturen wahrscheinlich bereits in 35 Jahren gefährliche Werte erreichen werden. Sie legten einen Kurzbericht vor, wonach die Welt schon um 2050 den heiklen Wert von ein Grad Erwärmung überschreiten könnte, sollten die Emissionen nicht stärker gekürzt werden. Sir Robert Watson, Professor an der University von East Anglia und ehemaliger Leiter des UNO-Weltklimarats, betont: „Wenn ihr Regierungen es wirklich ernst meint, dann müsst ihr viel, viel mehr tun.“23
Die Klimamodelle berücksichtigen bis jetzt vor allem die bekannten Emissionen von Treibhausgasen, vor allem CO2. Wissenschaftler warnen aber davor, dass sich die Klimaerhitzung beschleunigen könnte, wenn es zu sogenannten „Kippeffekten“ („tipping points“) kommt. Damit sind „Rückkopplungen“ gemeint, etwa Methangase, die wegen der Erwärmung verstärkt aus dem auftauenden Permafrostboden Sibiriens entweichen. Methan ist um ein vielfaches klimawirksamer als CO2 und könnte das Klimasystem noch mehr ins Wanken bringen.




