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Diese schüttelte lächelnd den Kopf. „Du weißt doch, ich bekomme erst noch die Zutaten zu meiner Geschichte.“
Helen machte ein ungläubiges Gesicht. „Und das funktioniert wirklich? Ich meine … dir fällt wirklich immer etwas dazu ein?“
„Bis heute schon“, antwortete Lillian mit einem Achselzucken. „Es ist einfach da, verstehst du? Die Geschichten formen sich in meinem Kopf zusammen und ich muss sie nur noch herauslassen. Das war schon immer so. Manchmal, wenn meine Mutter uns eine Gutenachtgeschichte erzählte, habe ich ihr so lange hineingeredet, bis sie schließlich aufgab und mich selbst erzählen ließ.“ Lillian musste lächeln als sie daran zurückdachte.
„Ich glaube, es ist Zeit wieder an die Arbeit zurückzukehren“, stöhnte Helen und erhob sich gequält. „Wir sehen uns dann heute Abend. Ich bin schon sehr gespannt.“
Der Rest des Tages ging rasch vorbei. Als sich alle wieder ums Feuer versammelt hatten und voller Ungeduld auf Lillian blickten, schaute diese immer wieder zum Schloss. Helen hatte ihr gesagt, dass sie etwas später kommen würde, sie die anderen aber deshalb nicht warten lassen sollte. Also blickte sie in die Runde und zeigte auf zwei Männer und drei Mädchen, welche ihr jeweils ein Stichwort für ihre Geschichte geben sollten. Die Ausbeute bestand aus folgenden Worten: Drache, Wunderkraut, Ritter, sprechender Ziegenbock und Diadem. Ihre Zuhörer sahen die junge Frau herausfordernd an, aber im Kopf der Erzählerin bauten sich schon die Bilder zusammen ...
Dann gingen sie gemeinsam mit dem Ritter Rotbart auf die abenteuerliche Reise zur Drachenhöhle, wo er mit Hilfe eines Ziegenbocks, der durch die Wirkung des Wunderkrautes Weisheit und Sprechvermögen erlangt hatte, dem mehrköpfigen Drachen das Diadem entwand, welches er seiner Auserwählten dann zu Füßen legte.
Als alle ihrer Begeisterung Luft machten, stieß auch endlich Helen zu ihnen. „So wie es klingt, hast du das Spiel für heute gewonnen“, sagte sie und streckte ihre müden Beine aus. „Schade, dass ich nichts davon mitbekommen habe.“
Lillian setzte sich zu ihrer Freundin. „Es gibt sicher noch mehr Gelegenheiten für Geschichten. Aber wo bist du so lange gewesen?“
Die Befragte stieß einen verächtlichen Laut aus. „Unser ach so edler Thronfolger hat mal wieder beschlossen, mit seinen noch edleren Freunden ein kleines Fest in seinen Privatgemächern zu feiern. Sie trinken eine Karaffe Branntwein nach der anderen. Und jedes Mal, wenn man mit einer neuen den Raum betritt, werden sie aufdringlicher, die feinen Gäste. Und der junge Herr sagt kein Wort. Eine widerliche Bagage!“ Helen war rot angelaufen vor Zorn.
„Und König Aron? Sagt er nichts zu den Ausschweifungen seines Sohnes? Bei allem was ich über ihn gehört habe, wird er wegen seiner Weisheit, Gerechtigkeit und Güte bis über die Landesgrenzen hinaus geschätzt.“ Lillian sah ihr Gegenüber fragend an.
„Nun, Simon ist hier schon seit fast dreißig Jahren in Stellung. Er sagt, dass Raven bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr allen Anschein erweckte, einmal in die Fußabdrücke seines Vaters zu treten und zu seinem würdigen Nachfolger heranzuwachsen. Aber als unsere arme Königin an den Folgen eines Unfalls starb, hat er sich über Nacht in den Schatten seiner selbst verwandelt. Das ist jetzt etwa zehn Jahre her. Er und die Königin standen sich wohl sehr nahe. Aber bei allem Mitgefühl, König Aron hat seine Frau, nach dem was erzählt wird, auch sehr geliebt und musste ebenfalls mit ihrem Tod klarkommen. Statt dem Vater in seiner Trauer beizustehen, schien Raven sich regelrecht von ihm abzuwenden. Ganz so, als gäbe er ihm die Schuld an dem Unglück.“
Lillian blickte auf. „Und ... hatte er? Ich meine Schuld an dem Unglück?“
Helen schüttelte den Kopf. „Ich war noch sehr jung damals, aber ich weiß, dass er zu der Zeit gar nicht bei Hofe weilte. Wichtige Verhandlungen hielten ihn für mehrere Wochen im Nachbarreich fest.“
Sie schwiegen einen Moment.
„Was ist eigentlich genau passiert?“, wollte Lillian wissen.
„Nun, man erzählt sich, dass die Königin, durch eine Krankheit geschwächt, unglücklich gefallen sein soll. Genaueres ist nie bekannt geworden. Der König hat lange getrauert, sich dann aber wieder in seine Pflichten gestürzt. Er hat nie wieder geheiratet, obwohl es an willigen Damen sicher nicht mangelte. Er ist auch jetzt noch ein beeindruckender Mann. Raven sieht ihm sehr ähnlich. Nur Mund und Nase hat er wohl von seiner Mutter. Aber sein Wesen gleicht eher dem eines Gespenstes, das zu viel trinkt. Manchmal kann man sich wirklich fürchten, wenn er mit diesem leeren Blick in seinen Gemächern sitzt.“ Sie gähnte herzhaft. „Lass uns jetzt zu Bett gehen! Der Tag morgen wird wieder lang.“
In dieser Nacht konnte Lillian lange nicht einschlafen. Sie fragte sich, ob nicht irgendein Geheimnis hinter dieser ganzen Geschichte steckte. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag Emma darauf anzusprechen. Wenn eine darüber etwas wusste, dann sicher sie.
Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Emma brach zwar fast in Tränen aus, als sie ihr vorschwärmte, was für ein netter, anständiger Bursche Raven bis zu diesem Unglück doch gewesen war und dass es einem das Herz bräche, ihn so verändert zu sehen, aber auch sie hatte bis heute nicht mehr über die genauen Geschehnisse in Erfahrung bringen können. Diese Tatsache bestärkte Lillian in der Annahme, dass an ihrer Vermutung etwas dran war. Hatte am Ende der junge Herr etwas mit dem Unfall zu tun? Warum dann aber sein Bruch mit dem Vater? Nein, es schien etwas komplizierter zu sein. Aber es ging sie im Grunde auch nichts an. Sie hatte genug damit zu tun, ihr eigenes Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Die nächsten Wochen verliefen in geordneten Bahnen. Mittlerweile fand sich Lillian in allen Arbeits- und Wirtschaftsräumen gut zurecht. Zu ihrem Bedauern war sie allerdings noch nicht bis zu den Räumen der Herrschaft vorgedrungen. Zu diesem Flügel des Schlosses hatte im Allgemeinen nur das höhere Dienstpersonal Zutritt. Die Kammerdiener und Zofen waren auch direkt im Gebäude untergebracht, um so rund um die Uhr für die Herrschaft da zu sein. Nur ein paar der Küchenmägde durften gelegentlich diese Räume betreten, um Speisen und Getränke aufzutragen. Zu denen gehörte seit Neuestem auch Helen. Da sie den Zofen von Lillian und ihren Erzählungen am Feuer vorgeschwärmt hatte, war die allabendliche Runde von Zuhörern inzwischen weiter angewachsen. Auch Clark, einer der Kammerdiener des Königs, gehörte nun zu Lillians Bewunderern. Seit Wochen nutzte er jede Gelegenheit, um dabei zu sein und ging immer als einer der Letzten.
So auch heute. Lillian bemerkte nicht, wie sie von seinen gierigen Blicken regelrecht ausgezogen wurde. In seinen Gedanken erzählte sie ihm etwas anderes als ihre unschuldigen Geschichten. Da flüsterte sie ihm leise schmutzige Worte ins Ohr. Bei dieser Vorstellung reagierte sein Körper heftig und er kreuzte die Arme rasch über seinem Schoß, als er das eindeutige Ziehen in seinen Lenden spürte. Er wollte sie haben. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass eine einfache Magd ihn zurückwies, zur Not mit Gewalt!
Raven
Es war inzwischen Sommer geworden. Die Nächte waren angenehm warm und der Wind wehte den schweren Duft der Felder herüber. Alle genossen den verdienten Feierabend und unterhielten sich über dies und das. Das leise Gewirr der Stimmen hörte man bis zum Schloss.
Raven saß in seinem Schlafgemach im Dunkeln. Er hielt ein Glas starken Weines in der Hand, den Blick ins Leere gerichtet. Die letzte Nacht hatte er mit seinen sogenannten Freunden durchzecht. Keiner von ihnen bedeutete ihm auch nur das Geringste, doch sie halfen ihm dabei, die Schatten der Vergangenheit aus seinem Kopf zu vertreiben.
Sie - und der Branntwein. Wie Dämonen kamen die Erinnerungen Nacht für Nacht in sein Hirn. Er wusste nicht mehr, wann er das letzte Mal durchgeschlafen hatte, ohne sich zuvor besinnungslos zu trinken. So wie gestern. Raven war heute gegen Mittag mit einem Brummschädel zu sich gekommen und hatte sich etwas zu essen bringen lassen. Seine Gemächer hatte er nicht verlassen, aus Angst, seinem Vater über den Weg zu laufen. Er konnte dessen vorwurfsvolle, manchmal sogar angewiderte Blicke nicht ertragen. Manchmal, wenn Raven großes Glück hatte, war eine Spur von Besorgnis in der Mimik seines Vaters zu erkennen. Natürlich konnte der große, immer pflichtbewusste König kein Verständnis für die Lebensweise seines Sohnes aufbringen. Wie sollte er auch. Raven wusste als Einziger über die genauen Ereignisse von damals Bescheid. Doch er hatte der Mutter versprochen zu schweigen, um den König zu schonen und nicht an seinen Pflichten zu hindern. Sie hatte sicher nicht geahnt, welche Last sie ihm damit aufbürdete. Immer wieder fragte er sich, was gewesen wäre, wenn er sein Versprechen gleich zu Beginn der ganzen Schwierigkeiten gebrochen hätte. Sicher, er war damals noch keine fünfzehn. Noch nicht erwachsen, aber eben auch kein Kind mehr. Er hatte eine falsche Entscheidung getroffen, als es darauf ankam. Wie sollte er je daran denken, die Verantwortung für ein ganzes Königreich zu übernehmen? Lange hatte Raven gehofft, der Vater würde sich zu einer neuen Ehe durchringen, um so noch einen geeigneteren Thronfolger zu zeugen. Aber das war nicht geschehen.
Manchmal suchte der Prinz in den bereitwillig offenen Armen einer Frau sein Vergessen. Besonders Ester, die Tochter des Schreibers, hatte ein Faible für ihn. Aber der kurze Rausch hielt nie lange an und er machte sich danach immer Gewissensbisse, das Mädchen ausgenutzt zu haben. Natürlich hatte er ihr eindeutig klargemacht, dass ihre Verbindung in keiner Weise von romantischer Natur war, noch je sein würde. Doch man konnte nie wissen, was in ihrem Kopf vor sich ging.
Etwas riss ihn aus seinen Gedanken. Vom Gesindehaus drang Lachen zu ihm herein und starker Neid erfüllte seine Brust. Plötzlich wurde es ihm zu eng und zu stickig im Zimmer. Raven beschloss, seinen Wein auf dem Dach zu trinken. Dort gab es eine flache begehbare Stelle, die er schon als kleiner Junge gern aufgesucht hatte. Oben angekommen lehnte er sich an eine Dachschräge und sah in den Sternenhimmel.
Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass man das Treiben vor dem Gesindehaus hier noch deutlicher vernehmen konnte. In der Hoffnung, etwas Ablenkung zu finden, hörte er einfach zu ...
„Lillian bitte, du hast schon seit fast einer Woche keine Geschichte mehr erzählt. Du bist doch wieder gesund und deine Stimme ist auch nicht mehr rau.“
Lillian hatte sich vor ein paar Tagen im Regen erkältet. Leichtes Fieber und eine starke Heiserkeit waren die Folge. Sie war froh gewesen, nach dem schweren Tagewerk gleich ins Bett gehen zu können und darum dem Beisammensein ferngeblieben. Sie erzählte zwar auch sonst nicht jeden Abend ihre Geschichten, aber so lange mussten die Freunde noch nie darauf verzichten.
„Schon gut, ich tue es ja schon!“, lachte sie. „Aber heute darf ich die Geschichte selbst auswählen.“
Dieses Recht gestanden ihr alle bereitwillig zu.
„Diese Geschichte ist etwas länger und wir werden sie heute nicht schaffen, aber ich mag sie sehr und ihr werdet sie sicher auch mögen.“
Sie begann zu erzählen und alle verfolgten gespannt die Abenteuer des Bauernburschen, der es durch Beharrlichkeit und Selbstbewusstsein zu Wohlstand und Ansehen brachte.
Als Raven ihre Stimme hörte, zusammen mit der Art wie sie erzählte, fühlte er sich wie damals als kleiner Junge. Seine Mutter war mit der gleichen Gabe gesegnet gewesen und selbst der König gesellte sich, wann immer er konnte zu ihnen, um seiner Frau zuzuhören. Genau wie dieses Mädchen dort unten hatte sie es geschafft, die Gegenwart vergessen zu lassen. Auch auf mancher Gesellschaft bat man um die Gunst ihres Vortrages. Besonders James, der Bruder des Königs, war ihrem Talent verfallen und konnte nie genug davon bekommen. Der Prinz ließ sich ganz auf den Zauber, der von Lillians Stimme ausging, ein und hoffte, sie würde nie aufhören zu reden. Das berauschende Gefühl hielt zu seiner Freude an, als er ihr Versprechen vernahm, morgen weiterzuerzählen. Mit der Aussicht, dieses Erlebnis am nächsten Tag erneut haben zu dürfen, drifteten seine Gedanken zum bereits Gehörten zurück, bis er an Ort und Stelle in einen festen Schlaf fiel ...
Raven erwachte bei Sonnenaufgang und fühlte sich so gut wie ewig nicht. Trotz der Schmerzen im Rücken, welche von der harten Dachschräge herrührten, fühlte er sich sonderbar leicht. Er stellte sich aufrecht und blickte über das Land. Eines Tages sollte er darüber wachen und herrschen. Sofort spürte er den schon vertrauten Druck in der Brust. Seine Dämonen waren nach Hause zurückgekehrt.
Als Lillian an diesem Tag mit ihrer Arbeit beginnen wollte, wartete Emma schon am Dienstboteneingang. Ihrem Gesicht nach zu urteilen war sie kurz vor dem Platzen, wenn sie die guten Nachrichten nicht sofort loswurde, die sie offensichtlich hatte. „Endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Ich habe großartige Neuigkeiten für dich. Eine der Küchenmägde hat gekündigt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass du ihre Stelle bekommst. Ist doch besser als putzen und Wäsche waschen. Und du bist die ganze Zeit in Helens und meiner Nähe. Du freust dich doch, oder?“
Lillian, etwas überrumpelt von diesem frühmorgendlichen Überfall, musste sich erst einmal sammeln. Sie hatte schon lange gehofft, irgendwann zum Küchenpersonal wechseln zu dürfen, denn diese Arbeit war nicht ganz so schwer wie die der einfachen Mägde.
„Natürlich freue ich mich!“ Sie nahm die kleine runde Frau in den Arm und presste sie fest an sich. Emma war zufrieden und sie betraten gemeinsam Lillians neue Wirkungsstätte. Sie kannte die Räume natürlich schon, sah nun aber alles mit anderen Augen. Die Schlossküche war ein großer Raum mit einem hohen Kreuzgewölbe. Die weiß geschlämmten Wände hatten hier und da ein paar Rußspuren von den mit Holz beheizten Herdstellen. Überall standen Kochgeschirr, Gewürzdosen, Bottiche mit Mehl und was man sonst noch so braucht, um für das leibliche Wohl der Herrschaft und deren Hofstaat zu sorgen. Von der Decke hingen Pfannen und Kellen in allen Größen, so dass man an manchen Orten Gefahr lief, sich zu stoßen. Aber laut Helen gewöhnte man sich schnell daran, an den gefährlichsten Stellen den Kopf einzuziehen.
Als Erstes ging es ans Brot backen. Eine sehr kraftraubende Angelegenheit, wie Lillian feststellen musste. Auch hier hatte Helen einen guten Rat. „Denk einfach an irgendetwas Schlechtes oder an jemanden, der dich wütend macht. Dann lass die angestaute Wut am Teig aus. Das setzt ungeahnte Kräfte frei, glaub mir!“
Bei Lillian blieb das versprochene Wunder leider aus und sie war froh, als es ans Gemüse schneiden ging. Nach dem Mittag kam Helen mit einem großen runden Weidenkorb auf sie zu.„Komm mit in die heiligen Hallen! Wir müssen das schmutzige Geschirr der Herrschaft holen.“
Lillians Herz hüpfte vor Freude. „Du meinst, ich sehe jetzt die Privaträume unseres Königs?“
„Nein, tut mir leid, Liebes, aber es sind zumindest die Privatkorridore. Das Geschirr wird von den Dienern der Herrschaft in einer Ecke des Flures abgestellt. Da packen wir es in den Korb und verschwinden wieder. Aber leg vorher deine schmutzige Schürze ab! Die Herrschaft will sicher keine Fettspritzer sehen, sollte sie uns über den Weg laufen.“ Sogleich lebte Lillian wieder auf. „Du meinst das könnte passieren?“
„Nun, einmal im Monat vielleicht.“
Der frische Keim der Hoffnung zog sich jäh wieder in seine Wurzeln zurück. Zügig stieg Lillian hinter Helen die Treppe hinauf. Die Korridore schienen endlos lang zu sein. Die gewölbte Decke über ihnen war mit zahlreichen, handgemalten Deckengemälden verziert, auf denen ausschließlich Jagdszenen zu sehen waren. Durch eine Fensterfront, mit Blick auf den Innenhof des Gebäudes, fielen die Strahlen der frühen Nachmittagssonne, so dass man die kleinen Staubpartikelchen darin tanzen sah. Unter ihren Schuhen spürte Lillian den roten dicken Teppich einsinken.
„Hier ist es“, sagte Helen. Dort stand, durch einen schweren Vorhang verdeckt, ein Tisch mit einer beachtlichen Anzahl Tassen und Tellern. Sie luden alles in den Korb und machten sich auf den Rückweg. Da öffnete sich plötzlich eine der großen Eichentüren. Zu ihrer Enttäuschung musste Lillian feststellen, dass es sich weder um König Aron, noch um seinen Sohn handelte, sondern um Clark, den Kammerdiener seiner Majestät, der ihnen den Weg versperrte.
Mit einem herablassenden Lächeln trat er vor sie hin. „Oh, unsere begnadete Erzählerin! Welch angenehme Überraschung dich hier zu sehen.“
Das Mädchen musterte ihr Gegenüber kurz. Mit seinen blonden, ordentlich zusammengebundenen Haaren und der gutsitzenden, sauberen Dienstuniform, war er ein durchaus ansehnlicher Mann. Aber irgendetwas an ihm missfiel ihr. Seinen Augen fehlte jegliche Wärme und Güte.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Clark und ich bin ein großer Freund deiner Kunst. Ich hoffe, du gestattest mir, mich heute Abend erneut zu euch zu gesellen?“
Lillian antwortete zögernd aber freundlich: „Natürlich! Es darf schließlich jeder kommen, der will. Und vielen Dank für das freundliche Kompliment.“
Seine kalten Augen musterten sie und sie fühlte sich unwohl dabei.
„Oh, das ist nur die reine Wahrheit“, säuselte er. „Einen schönen Tag noch, die Damen!“
Er sah ihnen süffisant lächelnd nach. 'Wäre doch gelacht, wenn ich nicht schon heute Nacht im weichen Heu bei dieser kleinen Hexe liegen würde …'
Helen schüttelte sich übertrieben. „Da hast du dir ja einen tollen Verehrer an Land gezogen. Immer wenn ich ihm in die Augen sehe, ist mir so, als würde mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießen. Lass dich lieber auf nichts mit dem ein.“
Lillian machte große Augen. „Wo denkst du nur hin. Das würde mir nicht mal im Traum einfallen!“
Helen zuckte mit einer Schulter. „Dann ist es ja gut.“
Böses Spiel
Raven hatte den Tag mit einem kurzen Ausritt ins Umland begonnen. Als er zurückkam richtete ihm eine Zofe aus, dass sein Vater auf seine Anwesenheit beim Mittagessen bestand. Raven war alles andere als erfreut und entließ das arme Dienstmädchen mit einem unfreundlich gebrummten Kommentar. Als er sich schließlich zu Tisch begab, wartete sein Vater bereits etwas ungehalten.
Raven sah ihn an. Er hatte immer noch diese machtvolle Aura, die jeden in seiner Nähe einschüchterte. Das Haar des Königs war einst genauso nachtschwarz gewesen wie das seines Sohnes. Jetzt, im Alter von fünfzig Jahren, bekam es einen Silberschimmer, der seine tiefdunklen Augen noch mehr zur Geltung brachte. Es lag voll und schwer auf den breiten Schultern. Der schmale Mund wurde von einem gepflegten Bart umrandet. Als er aufstand, um seinen Sohn zu begrüßen, befanden sich beide Männer auf Augenhöhe. Raven war eine jüngere Version seines Vaters, nur trug er keinen Bart und sein Mund hatte einen weicheren Zug als der des Älteren.
„Schön dich wohlauf zu sehen, mein Sohn. Ich habe ein paar wichtige Dinge mit dir zu besprechen.“ Aron forderte ihn mit einer Geste auf, sich zu setzen.
Als das Mahl aufgetragen war, entließ er die Dienerschaft nach draußen.
„Dein Onkel James hat mir geschrieben. Er und seine Frau werden bald für ein paar Wochen zu uns kommen.“
Das waren durchaus gute Nachrichten, denn Raven mochte seinen stets zum Scherzen aufgelegten Onkel sehr gern.
„Wie es aussieht, bleibt auch seine zweite Ehe kinderlos. Er denkt darüber nach, sein Erbe eines Tages dir zu vermachen, sofern sich daran nichts ändert. Das bedeutet, dass du, gesetzt den Fall er würde vor mir sterben, Herr über seine Ländereien wirst, noch bevor du dein Amt als mein Nachfolger antrittst.“
Er machte eine Pause und holte hörbar Luft.
„Raven! Du musst endlich aufwachen! Wenn du das nicht von alleine schaffst, werde ich dich dazu zwingen müssen. Erspare uns beiden diese Schmach. James weiß noch nichts von deinem Lebenswandel und wähnt sein Erbe bei dir in sicheren Händen. Du bist für ihn wie ein eigener Sohn.“
Raven war der Appetit gründlich vergangen. „Ich habe nicht darum gebeten, als Thronfolger geboren zu werden, genauso wenig wie um das Erbe von Onkel James!“, erwiderte er zähneknirschend.
Das war zu viel für die Geduld Arons. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass die Gabeln von den Tellern sprangen.
„Es reicht!“, schrie er. „Du wirst deine Verantwortung in Zukunft wahrnehmen! Die einfachen Bauern hat auch keiner nach ihren Geburtswünschen gefragt. Sie meistern ihr Leben trotzdem, denn es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Ihnen stellt keiner das Essen auf goldenen Tellern auf den Tisch und schüttelt ihnen die Betten auf. Sie arbeiten von früh bis spät, damit du ein Leben in Luxus und Verschwendung führen kannst. Du bist ihnen verdammt noch mal etwas schuldig. Und ich sorge dafür, dass du deine Schuld begleichst. Das schwöre ich, beim Andenken deiner Mutter!“
Das wiederum war mehr als Raven verkraften konnte. So hatte sich sein Vater noch nie gebärdet. „Lass Mutter aus dem Spiel!“ Er sprang auf und verließ wutentbrannt den Raum.
Krachend ließ er seine Schlafzimmertür ins Schloss fallen. Seine Halsschlagader pochte, als wenn sie platzen wollte. „Verflucht!“, schrie er, während er ein Glas an die Wand schmetterte. Das Schlimmste an allem war, dass sein Vater, mit jedem Wort, das er gesagt hatte, im Recht war. Und Raven wusste das leider nur zu gut. Er nahm einen kräftigen Schluck Branntwein. Heiß rann die bernsteinfarbene Flüssigkeit seine Kehle hinunter, um sich dann brennend in seinem leeren Magen auszubreiten. Irgendetwas musste geschehen, sonst ging er vor die Hunde.
Da fiel ihm ein, dass er heute Abend noch etwas vorhatte und ein leises Gefühl der Vorfreude verdrängte seine Wut ein wenig. Als die Sonne unterging stieg er wieder aufs Dach. Diesmal hatte er eine Stelle gewählt, von der aus man direkt auf das Gesindehaus und die Menschen davor blicken konnte. Er wollte sehen wer die Frau war, zu der diese Stimme gehörte, die sich wie Balsam auf die Wunden seiner Seele legte. Vom Klang her schien sie fast noch ein Mädchen zu sein.
Dann war der Moment gekommen, als die Unterhaltungen verstummten und nur noch sie zu hören war. Er kniff die Augen zusammen, um auf die Entfernung so viel wie möglich zu erkennen. Was er sah, stimmte mit seinen schönsten Vorstellungen überein. Ihr Gesicht wurde vom Feuer angeleuchtet. Er konnte es nur schemenhaft erkennen, aber es schien fein geschnitten. Was ihn am meisten beeindruckte, war die lockige Haarpracht, die das Mädchen einhüllte. Er hielt seinen Blick fest auf sie gerichtet, während er ihr zuhörte.
John hatte Helen fest in den Arm genommen, während sie gemeinsam mit den anderen Lillians Geschichte lauschten. Nun, einige Zeit später, saßen nur noch die drei Freunde am Feuer, welches langsam niederbrannte. John flüsterte seiner Verlobten etwas ins Ohr und sie lächelte entschuldigend, mit einem Seitenblick zu Lillian. Die hatte es bemerkt und sagte verständnisvoll: „Nun geht schon ein Stückchen spazieren! Ich warte hier am Feuer auf euch.“ Sie lächelte ihnen zu.
„Können wir dich wirklich alleinlassen?“, fragte Helen besorgt.
„Was soll mir hier schon zustoßen?“, wehrte Lillian ab. „Jetzt geht schon!“
Als die beiden in der Dunkelheit verschwunden waren, hörte sie ein leises Räuspern hinter sich. Erschrocken fuhr sie auf. „Wer ist da?“
Aus dem Dunkel trat ein Mann hervor. Clark, der Kammerdiener. Er schien leicht erregt zu sein, als er sich ihr näherte. „Sind die Turteltauben fort?“ Er grinste süffisant und blickte in die Richtung in die das Paar eben verschwunden war. „Beneidenswert!“ Dann blieben seine Augen flackernd an Lillian hängen. „Deine Geschichte war wieder sehr spannend. Und der Held hat doch noch erwartungsgemäß seine Auserwählte bekommen. Aber was hältst du davon? Wollen wir es deinen Freunden gleichtun und einen kleinen Nachtspaziergang machen?“
Lillian bekam es mit der Angst zu tun, als sie das lüsterne Glitzern in seinen kalten Augen sah. „Oh, nein danke! Ich wollte eh gerade zu Bett gehen.“ Schnell drehte sie sich um. „Gute Nacht!“
Doch er verstellte ihr den Weg. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich habe gerade gehört, wie du deiner Freundin gesagt hast, du würdest auf sie warten. Die stellt sich bestimmt nicht so zimperlich an! John wird seinen Spaß haben. Und ich werde meinen auch noch bekommen!“




