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Er riss sie an sich und begann mit seinen Lippen ihren Ausschnitt abzutasten. Sie trat ihm mit voller Wucht in seine vor Lüsternheit pulsierenden Weichteile. Mit einem erstickten Schrei sank er zu Boden. Lillian nutzte die Gelegenheit und rannte ins Haus.
„Dafür wirst du mir bezahlen, du kleine Schlampe. Such dir schon immer eine neue Stellung, denn lange wirst du hier nicht mehr bleiben!“
Raven hatte die ganze Szene beobachtet. Es war alles so schnell gegangen. Gerade als er dem Mädchen zur Hilfe eilen wollte, hatte sie sich schon selbst befreit. Er nahm sich vor, diesen frisch kastrierten Balzhahn im Auge zu behalten …
Lillian war völlig verstört zu Bett gegangen. Als Helen heimkam, stellte sie sich schlafend. Sie nahm sich vor, keinem etwas von dem Übergriff zu sagen. Sie fühlte sich auch so schon schmutzig genug, ohne ihre Fragen und besorgten Blicke ertragen zu müssen.
Die Arbeit ging ihr am nächsten Tag nur schwer von der Hand und sie war auch nicht sehr gesprächig.
Als Lillian dann gleich nach Dienstschluss ins Bett wollte, wurde Helen misstrauisch. „Was ist los mit dir? Du sagst den ganzen Tag kein Wort. Bist du jetzt doch böse wegen gestern Abend? Du hast doch gesagt, es macht dir nichts aus.“
„Nein, es ist nichts. Ich habe nur Kopfschmerzen.“
Die Freundin schaute sie misstrauisch an. „Hm, du würdest es mir doch sagen, oder?“
Lillian rang sich ein Lächeln ab. „Natürlich!“ Sie streichelte Helen beruhigend den Arm.
„Würdest du mich bei den anderen entschuldigen?“
Helen nickte und ließ sie allein. Lillian wusste nicht, wann sie wieder in der Lage sein würde, entspannt mit den anderen am Feuer zu sitzen. Im Moment hätte sie immer das Gefühl, die kalten Augen dieses Mistkerls würden in der Dunkelheit lauern.
Lillian war froh darüber, dass die Freunde sie nicht zu sehr bedrängten und ihre Ausreden an den folgenden Abenden akzeptierten.
Weniger froh darüber war Raven. Er konnte sich denken, warum sie sich zurückgezogen hatte, aber er wollte wieder ihre Stimme hören. Sie war wie eine Medizin, die ihm Linderung, vielleicht sogar Heilung verhieß, von der er aber nur eine kleine Dosis probieren durfte. Es musste doch einen Weg geben.
Die nächsten Tage verliefen ohne besondere Vorkommnisse und langsam fühlte Lillian sich wieder besser. Sie versuchte Clark aus dem Weg zu gehen, so gut es ging. Als sie wieder einmal mit Helen das Geschirr abholen wollte, bemerkte diese, dass ein Henkel ihres Korbes locker war. „Warte kurz hier und stapele schon mal alles. Ich hole schnell einen neuen!“, sagte sie und war schon verschwunden.
Als Lillian alles vorbereitet hatte und die Freundin noch nicht zurückgekehrt war, beschloss sie, sich ein wenig umzusehen. Neugierig ließ sie ihren Blick schweifen.
Völlig unerwartet wurde sie von der bekannten kalten Stimme Clarks aufgeschreckt: „Hab ich dich also auf frischer Tat ertappt!“, rief er lauter als nötig.
Lillian wusste nicht, wovon er sprach und sah ihn verständnislos an.
Vom Lärm angelockt kamen zwei Zofen hinzu.
Im selben Moment öffnete sich eine Tür und Raven stand da, den Blick kritisch auf die Szene gerichtet. „Was ist hier los?“, fragte er und sah den Diener misstrauisch an.
Dieser hob einen Silberleuchter, den er schon die ganze Zeit in der Hand hielt, in die Höhe. „Ich habe diese Küchenmagd erwischt, wie sie hier herumschlich. Diesen Leuchter habe ich zwischen ihren Röcken gefunden. Sie ist eine Diebin!“
Lillian brachte kaum einen Ton heraus, so schockiert war sie von der Unverfrorenheit dieses Mistkerls. „Das ist nicht wahr, ich …“
Raven gebot ihr zu schweigen. Er wandte sich an Clark. „Du bist ein wenig zu eifrig, mein Lieber! Ich selbst habe ihr diesen Leuchter gegeben, damit er mal ordentlich poliert wird. Es ist eine Schande, wie schludrig hier einige ihren Dienst ausüben. Soweit ich weiß, gehört es zu deinen Pflichten, so etwas zu sehen. Also kümmere dich in Zukunft besser um deine eigenen Aufgaben, bevor du über unschuldige Küchenmädchen herfällst. Es könnte sein, dass wir sonst deinen Platz hier neu besetzen müssen.“ Bei den letzten Worten ging er ganz nah an das Gesicht des Dieners heran und setzte eine unmissverständliche Miene auf.
Clark durchfuhr es wie ein Blitz. Der Prinz musste irgendwie von der Sache am Feuer erfahren haben. Wieso setzte er sich aber so für das kleine Miststück ein? Wahrscheinlich wollte er sie selber in sein Bett holen. Aber er war der Prinz. Warum so ein Theater? Soviel Clark wusste, waren Ravens ritterliche Ambitionen bei dessen anderen Gespielinnen auch nicht nötig gewesen. Er zog sich mit einer Verbeugung zurück und beschloss, seine Rachepläne auf später zu verschieben. Auch die Zofen waren an ihre Arbeit zurückgekehrt und Lillian und Raven standen sich nun allein gegenüber.
„Ich habe wirklich nichts Unrechtes getan, Herr, das müsst Ihr mir glauben“, stammelte sie.
„Davon gehe ich aus“, entgegnete er mit ironischem Unterton.
Lillian war verunsichert. „Tausend Dank! Ich stehe in Eurer Schuld“, brachte sie heraus.
Raven wollte das Mädchen nicht ausnutzen, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Du hast recht. Und deshalb erwarte ich dich heute Abend zur achten Stunde in meinen Privatgemächern. Dort werde ich dir sagen, wie du dich revanchieren kannst.“
Als er Lillians entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte, erschrak er selbst und räusperte sich. „Keine Angst, es wird dir nicht das Geringste geschehen, solange du nur erscheinst.“
Etwas bestimmter fügte er hinzu: „Ich erwarte dich pünktlich! Mein Diener wird dich am Dienstboteneingang abholen und dann ungesehen zu mir bringen. Und bewahre Stillschweigen!“
Gerade als er sich von ihr abwandte, tauchte Helen wieder auf. Fragend blickte sie ihre völlig aufgelöste Freundin an. „Was war das denn?“
Lillian fasste nach dem Korb. „Lass uns nur schnell von hier verschwinden! Ich erzähle dir später alles.“
Zum Feierabend ließ Helen sich nicht länger vertrösten.
„Also gut“, sagte Lillian. „Aber lass uns einen Ort aufsuchen, an dem uns niemand belauschen kann.“
Als sie einen geeigneten Platz gefunden hatten, forderte sie von Helen einen Eid, dass jedes Wort, das sie ihr jetzt sagte, geheim blieb. Diese runzelte die Stirn, tat aber was von ihr verlangt wurde. Dann erzählte Lillian ihr alles. Angefangen von Clarks Angriff am Lagerfeuer bis hin zu den neuesten Ereignissen.
Helen stieß die Luft aus, die sie vor Aufregung angehalten hatte. „Nun wird mir einiges klar. Aber willst du wirklich heute Abend zu ihm gehen? Du kennst seinen Ruf!“
„Ja, ich weiß. Aber was bleibt mir übrig? Er ist schließlich der Prinz und ich habe ihm zu gehorchen. Außerdem habe ich wirklich nicht das Gefühl, dass er mir etwas tun will.“ Helen holte tief Luft. „Dann hoffen wir, dass dich dein Gefühl nicht im Stich lässt.“
Geheime Pfade
Punkt acht stand Lillian mit klopfendem Herzen am Dienstboteneingang. Der Diener erschien wie vereinbart und wies sie an, ihm zu folgen. Im Gegensatz zu Clark, machte der ältere rundliche Rufus einen vertrauenerweckenden Eindruck.
Er verband ihr die Augen. „Das ist leider notwendig, da du den genauen Weg nicht wissen sollst. Es ist ein geheimer Zugang zu den privaten Gemächern meines Herrn. Diese Maßnahme dient nur zu deinem Schutz.“
Sie liefen durch verschiedene Gänge und kamen bald zu einer Treppe. Diese stiegen sie nach oben und blieben dann stehen. Nachdem Lillian ein Klopfzeichen gehört hatte, vernahm sie Schritte, die sich entfernten und war allein. Sie hörte das Geräusch, einer sich öffnenden Tür und hielt vor Aufregung den Atem an. Eine Hand griff nach ihrem Arm, und zog sie nach vorn.
„Du kannst die Augenbinde jetzt abnehmen“, hörte sie Ravens angenehme Stimme.
Lillian tat was ihr geheißen und bekam einen Schreck: Sie stand mitten in seinem Schlafgemach!
Der Raum wurde von einem riesigen Bett dominiert. Die Wände waren kunstvoll mit Holz vertäfelt, was ihm eine schlichte Eleganz verlieh. Es gab zwei hohe Flügeltüren. Lillian vermutete hinter der einen den Privatsalon und hinter der anderen das Ankleidezimmer des Prinzen. Der geheime Zugang, durch den sie hineingelangt war, musste in der Vertäfelung versteckt sein. Das Mobiliar schien, abgesehen vom Bett, eher praktisch gewählt. Ein Tischchen mit zwei gedrechselten Stühlen und ein edel gepolsterter Zweisitzer waren die einzigen größeren Gegenstände. Raven stand ein paar Meter von ihr entfernt gegen die Wand gelehnt und sie stellte trotz ihrer Angst fest, dass er einer der schönsten Männer war, die sie je gesehen hatte. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie mit ihm ...
Er seinerseits musterte sie völlig gelassen aus seinen schönen pechschwarzen Augen. Sie schienen von einem traurigen Schatten überzogen zu sein.
Schließlich löste er sich aus seiner Starre. „Dein Name ist Lillian, nicht wahr?“
Als er auf sie zukam, wich sie automatisch zwei Schritte zurück und spürte plötzlich die Wand im Rücken. Ein spöttischer Zug legte sich um seinen Mund und gab ihm einen leicht arroganten Ausdruck.
„Ich sagte dir doch, es würde dir nichts geschehen. Bei aller Bescheidenheit. Ich habe es nicht nötig, über kleine Küchenmägde herzufallen … im Gegensatz zu anderen.“
Also wusste er davon. Immer noch misstrauisch behielt sie ihn im Auge.
„Versteh mich nicht falsch! Du bist ein hübsches Ding, aber ich bin wählerisch. Sagen wir es mal so: Ein Huhn ist durchaus schmackhaft, aber wenn man seinen Tisch mit Fasanen und Rebhühnern decken kann, wird man doch nicht losgehen, um sich ein kleines Hühnchen zu rupfen.“ Er wandte ihr den Rücken zu, um sich einen Branntwein einzuschenken.
Das war dann doch zu viel für Lillian. Sie ein Hühnchen!? Empörend! „An diesem Hühnchen würdet Ihr Euch gehörig den Magen verderben“, rutschte ihr zornig heraus.
Er hatte sie verstanden und musste lächeln, ließ sie aber nichts davon merken. Gut so! Sie war wütend. Also nicht mehr ängstlich. Er hatte sein Ziel erreicht.
„Was wollt Ihr wirklich von mir?“, fragte sie. „Ich wüsste nicht, wozu Euch ein Hühnchen von Nutzen sein könnte, wenn nicht als Mahlzeit!“
Ihr wurde klar, dass sie mit dem zukünftigen König des Landes so nicht reden durfte und sie presste die Lippen aufeinander.
Raven seinerseits genoss die Szene. Das Mädchen hatte so etwas Ehrliches und Unverdorbenes an sich. Attribute, welche man unter den Höflingen suchen musste. Sie war auf ihre ganz eigene Weise bezaubernd, mit den unschuldigen Augen eines Kindes, das schon vom Leid des Lebens kosten musste. „Ich will, dass du mich regelmäßig hier aufsuchst. Sagen wir dreimal die Woche – bei Sonnenuntergang.“
Lillian öffnete den Mund und wollte etwas erwidern. Mit einer Geste gebot er ihr zu schweigen.
„Lass mich ausreden!“, sagte er etwas barscher als beabsichtigt. „Bitte!“, fügte er schließlich freundlicher hinzu. „Ich wünsche, dass du mir in dieser Zeit die Freude machst, deiner Erzählkunst lauschen zu dürfen.“
Mit wirklich allem hätte Lillian gerechnet, aber dass ein erwachsener Mann - solch ein Mann! - den Wunsch nach „Gutenachtgeschichten“ verspürte – nein, damit nicht!
„Bei allem Respekt, Hoheit, aber ich war der Meinung, dass Ihr andere Ablenkungen vorziehen würdet.“
Offensichtlich war sie zu weit gegangen. Seine Gesichtsmuskeln spannten sich an und die schwarzen Augen wurden zu funkelnder Lava. „Das - geht dich rein gar nichts an!“, wies er sie zurecht. „Entweder du entschließt dich, meine Bedingungen anzunehmen oder ich sage Clark, dass ich mich wohl doch getäuscht und ein anderes Mädchen mit der Reinigung des Leuchters beauftragt hätte. Er wäre sicher froh, dich als Diebin überführen zu dürfen.“
Lillian war ganz elend zumute. „Aber Ihr wisst doch, dass ich nichts stehlen wollte!“
Er zuckte mit den Schultern und grinste provozierend. „Es liegt in deiner Hand.“ Er machte ein paar Schritte auf sie zu. „Du sollst es auch nicht umsonst tun. Wenn du deine Aufgabe zu meiner Zufriedenheit erfüllst, würde ich mich mit einer angemessenen Summe erkenntlich zeigen. Sagen wir monatlich? Ich erwarte natürlich absolutes Stillschweigen!“ Mit vor der Brust verschränkten Armen stand er vor ihr. „Und? - Nimmst du an?“
Es entstand eine Pause.
„Entscheide dich! Jetzt!“
Lillian überlegte angestrengt. „Aber was sage ich den anderen, wenn sie fragen wo ich mich abends herumtreibe? Sie werden es bemerken.“
Er zuckte mit den Schultern. „Egal! Lass dir irgendwas einfallen. Schließlich bist du hier die Geschichtenerzählerin! Hauptsache du sagst niemandem die Wahrheit. Aber ich halte dich für klug genug, das zu lassen. Denn solltest du es jemandem erzählen, schadest du nur dir selbst. Niemand würde dir glauben, dass du nur in mein Schlafzimmer kommst, um mir unschuldige Geschichten zu erzählen. Du weißt, was das für deinen Ruf bedeuten würde.“
Bei Gott! Daran hatte sie noch gar nicht gedacht! „Warum tut Ihr mir das an. Selbst wenn ich es geheim halte, was ist, wenn mich jemand hier sieht. Jeder würde mich für eine …, eine ...“ Sie bekam das Wort nicht über die Lippen.
„Genau das! Aber keine Sorge, keiner wird dich sehen. Dafür sorge ich schon. Also?“
Was blieb ihr großartig für eine Wahl. Entweder sie wurde sicher als Diebin gebrandmarkt oder sie ging das Risiko ein, bei Entdeckung für die Geliebte des Prinzen gehalten zu werden.
„Und wie lange muss ich Euch zur Verfügung stehen? Einen Monat oder zwei?“
Er hob die dunklen Brauen. „Das hängt vom Erfolg unseres Experimentes ab. Sagen wir, maximal ein Jahr?“
Lillian riss die Augen auf. Er musste völlig verrückt sein! Aber was blieb ihr übrig? Sie sollte ja nur Geschichten erzählen, was auch immer ihn dazu bewog. Und ein Nebenverdienst war sicher auch nicht zu verachten.
Lillian atmete tief durch. „Gut! Ein Jahr und keinen Tag länger! Ab heute. Und Ihr schwört mir, nichts zu tun, was meiner Ehre schaden könnte.“
Er zögerte, ganz so, als müsse er darüber erst nachdenken. Dann holte er tief Luft und reichte ihr seine Rechte, um den Packt zu besiegeln. Seine Hand fühlte sich kräftig und warm an. Lillian hielt sie länger fest, als nötig gewesen wäre. Als ihr das klar wurde, zuckte sie auffallend schnell zurück. Er bemerkte die Röte auf ihrem Gesicht und unterdrückte ein Lächeln.
„Darf ich mich für heute zurückziehen?“, fragte sie und versuchte ihre Unsicherheit abzuschütteln.
„Ja, du darfst.“ Er nahm das Tuch in die Hand, das ihr vorhin als Augenbinde gedient hatte.
„Du erlaubst?“ Es war mehr ein Befehl als eine Bitte. Er trat hinter sie und verband ihr wieder die Augen. Sie konnte seine Körperwärme spüren, so dicht stand er hinter ihr. Entgegen ihrer Vernunft, empfand sie es als äußerst angenehm.
„Woher wisst Ihr eigentlich, dass ich das kann. Das mit den Geschichten meine ich.“
Er lachte leise. „Ich habe dich gehört. Du bist einzigartig! Und ich glaube, das weißt du auch.“
Daraufhin wurde sie sanft durch die Tür geschoben und auf der anderen Seite in Empfang genommen. Am Dienstboteneingang angekommen, legte sie das Tuch ab und gab es Rufus zurück. Er nickte ihr kurz zu und verschwand.
Als sie in ihrem Zimmer eintraf, saß Helen aufrecht in ihrem Bett.
„Oh mein Gott, Lillian! Ich bin fast gestorben vor Angst! Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“, flüsterte sie.
Lillian lächelte ihr beruhigend zu. „Sei unbesorgt. Mir ist nichts geschehen. Morgen erzähle ich dir alles. Aber zu niemandem ein Wort! Versprich es mir!“
Helen sah sie beleidigt an. „Das brauchst du mir nicht extra zu sagen. So etwas ist für mich selbstverständlich.“
Lillian kniff ihr in den Arm. „Nun sei nicht albern! Es ist eben unheimlich wichtig für mich, dass keiner etwas davon erfährt.“ Sie gab Helen einen Kuss auf die Wange und wünschte ihr eine gute Nacht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Erst kurz vor Sonnenaufgang schlummerte sie leicht ein.
Zur Mittagspause trafen sich die Mädchen wieder auf ihrer Wiese. Umgeben von duftenden Sommerblumen, die in der leichten Brise schaukelten, erzählte Lillian ihr Abenteuer vom Vortag. Als sie fertig war, schwiegen beide eine Weile und hingen ihren Gedanken nach.
„Was will er damit bezwecken? Wozu nützt ihm die Sache denn?“, fragte Helen.
„Ich weiß es auch nicht. Aber ich werde es herausfinden. Das schwöre ich dir!“
Am Sonntag nach dem Gottesdienst besuchte Lillian, gemeinsam mit Helen, John und Brian, die gute Emma in ihrem gemütlichen Häuschen. Es war einer der wenigen Sonntage, an dem keiner von ihnen im Schloss gebraucht wurde. Emma hatte sie alle zum Mittagessen eingeladen und war glücklich über den vollbesetzten Tisch. Die Kinder waren schon erwachsen und aus dem Haus und ihr Mann war vor vielen Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Auch Brian freute sich, nicht allein hin zu müssen und dann der ganzen Aufmerksamkeit seiner Schwester ausgeliefert zu sein. So konnte er sein Essen genießen, während die anderen sich mit Emma unterhielten. Und die fanden immer genug zu besprechen. Am Abend machten sie sich satt und gut gelaunt auf den Heimweg.
'Morgen!', dachte Lillian später. Ach, es würde schon gut gehen. Sie durfte sich nur nicht zu deutlich machen, wer ihr zuhörte und wo sie sich befand. Dann war es auch nichts Besonderes mehr. Doch das Mädchen versuchte vergeblich, sich zu beruhigen.
Am folgenden Tag, pünktlich bei Sonnenuntergang, war sie zur Stelle und stand kurz darauf im Schlafzimmer des Thronfolgers. 'Denk nicht darüber nach!', sagte sie sich wieder. Er saß auf dem Bett, den Oberkörper gegen das Kopfteil gelehnt. In der Hand hielt er ein Glas Wein.
„Schön, dass du hier bist. Setz dich!“, sagte er und wies ihr mit der Hand freie Platzwahl zu.
Sie nahm sich zwei große Kissen vom Fußende des Bettes und machte es sich auf dem Boden, gleich neben der Geheimtür, bequem.
Er legte den Kopf schief. „Immer bereit zur Flucht, nicht wahr?“
„Wenn Ihr es so sehen wollt!“, antwortete sie spitz.
Er lächelte, wurde dann aber ernst. „Hör zu! Ich will nicht, dass du mich für verrückt hältst. Darum möchte ich dir zunächst etwas erklären.“ Er strich sich nervös das schwarze Haar aus der Stirn. „Oh! Verzeih mir meine Manieren. Möchtest du vielleicht etwas trinken?“ Er wies auf den Weinkrug, der auf dem Fensterbrett stand.
„Wasser vielleicht?“, antwortete sie.
Er zog die Brauen hoch. „Sehr anständig. Da, auf dem Tischchen. Bedien dich, wenn du magst.“
Das tat sie. Dann schaute sie ihn erwartungsvoll an.
„Es ist so: Ich leide seit Jahren an schweren Schlafstörungen. Entweder, ich kann gar nicht erst einschlafen oder ich werde von meinen Albträumen geweckt. Das raubt einem mit der Zeit alle Lebensgeister.“ Er trank einen Schluck aus seinem Glas. „Als ich neulich zufällig einen deiner Vorträge hörte, fühlte ich mich so losgelöst von dem, was mich belastet, dass ich tatsächlich in einen kurzen, traumlosen Schlaf fiel. Und das, ganz ohne vorher das Richtige zu trinken. Du verstehst sicher, was ich meine.“ Zur Veranschaulichung hob er sein Glas. „Nun … ich will versuchen, deine Gabe als eine Art Heilmittel zu nutzen … Das muss reichen!“, brach er ab.
Lillian bekam das Gefühl, dass Raven ihr schon mehr gesagt hatte, als er ursprünglich wollte. „Soll ich beginnen, Hoheit?“, fragte sie knapp, um ein peinliches Schweigen zu verhindern. Er lehnte sich zurück und nickte ihr zu.
Lillian wählte eine sehr fantastische und anspruchsvolle Geschichte aus, um ihn damit möglichst erfolgreich von seinen Problemen abzulenken. Und es war offensichtlich, dass er welche hatte. Sie wollte ihm helfen loszulassen, was immer er loslassen musste.
Es funktionierte. Raven tauchte ganz in ihre Erzählweise ein. Sie sah immer wieder kurz zu ihm hinüber. Zuerst blickte er nur ins Leere. Dann schloss er die Augen und sie konnte an seiner Mimik deutlich erkennen, dass er ganz bei der Sache war. An den abenteuerlichsten Stellen spannten sich seine Gesichtsmuskeln an und wenn Lillian etwas Erheiterndes einflocht, verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. So bekam er den Ausdruck eines zufriedenen Jungen, was ihn auf Lillian noch anziehender wirken ließ.
Dann war das Abenteuer vorbei. Sie wartete schweigend, bis er wieder richtig bei sich war. Raven sah sie an und für einen Moment war so etwas wie Verlegenheit in seinem sonst eher selbstsicheren Gesicht zu erkennen. „Du bist eine Zauberin, kleine Lillian. Deine Stimme wird zu Bildern, Gerüchen, Gefühlen ... Man kann deine Geschichten beinahe körperlich wahrnehmen. Du beherrscht sie - die Magie der Worte.“
Sie konnte deutlich sehen, dass ein Teil von ihm noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt war.
Lillian erhob sich und er erkannte ihren Wunsch, jetzt zu gehen. Zu gern hätte er das ignoriert, aber es war wichtig, dass sie sich bei ihm wohl fühlte. Sie musste ihm vertrauen! Und er vertraute ihr! Er kannte sie kaum, spürte aber bei ihr die Art von Sicherheit, die seine kranke Seele so lange vermisst hatte. „Dann sehen wir uns in zwei Tagen.“
Wieder stand er hinter ihr und verband ihr die Augen. Lillian bekam eine Gänsehaut, als sie seinen warmen Atem in ihrem Nacken spürte.
„Gute Nacht, Zauberin“, sagte er leise.
„Gute Nacht, Hoheit“, antwortete Lillian mit belegter Stimme. Sie trat durch die Tür und ihren unsichtbaren Rückweg an.
Raven erwachte zwar wie üblich aus einem Albtraum, aber er stellte zu seiner Zufriedenheit fest, dass die Morgendämmerung bereits eingesetzt hatte. Er erhob sich, spritzte sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und öffnete das Fenster. Ein Windhauch spielte mit seinem Haar, als wolle er es noch mehr durcheinanderbringen. Der Prinz atmete die frische kalte Morgenluft ein. Er konnte keine Wunder erwarten. Es war ja eh nur ein Versuch. Immerhin hatte er seine Dämonen bis zum Morgengrauen in Schach gehalten. Das war mehr, als er erwarten konnte. Und er fühlte sich relativ ausgeschlafen.
Nach der Morgentoilette beschloss er, das Frühstück gemeinsam mit seinem Vater einzunehmen.
Dieser, ein passionierter Frühaufsteher, blickte geschockt auf, als er seinen Sohn um diese Stunde eintreten sah. „Ist etwas passiert?“, fragte er besorgt.
Raven grinste ihm amüsiert entgegen. „Ja, ich habe Hunger!“
Ungläubig kaute der König einen Bissen herunter.
Raven setzte sich, nahm wie selbstverständlich von den zahlreichen Speisen und verzehrte alles mit ungewohntem Appetit.
König Aron beschloss, die gute Stimmung seines Sohnes zu genießen, ohne Fragen zu stellen. Raven bedankte sich dafür, indem er sich auf ein belangloses Gespräch mit seinem Vater einließ. So wurde dieses Frühstück zur angenehmsten Erfahrung, die sie seit langem miteinander teilten.
Am Abend war Raven wieder allein. Er empfand die Einsamkeit seines Schlafzimmers heute noch erdrückender als sonst. Er öffnete das Fenster, in der Hoffnung Lillians Stimme zu hören. Aber vom Gesindehaus her war nur allgemeines Gerede zu vernehmen. So entschied er sich noch einmal für die altbewährte Variante. Sein treuer Freund, der Branntwein, musste ihm heute wieder Gesellschaft leisten.
Zu dieser Zeit saß Lillian allein mit Helen in ihrem Zimmer. Sie hatten tagsüber keine Gelegenheit gefunden, ungestört miteinander zu sprechen und Helen platzte vor Neugier.
Als Lillian ihren Bericht beendet hatte, sah die Freundin nachdenklich aus. „Er scheint wirklich Probleme zu haben. Ich dachte immer, er ist nur einfach ein verwöhnter Esel ... Aber ob das alles wirklich hilft? Er muss sich seinen Ängsten stellen, was immer es auch ist. So wird er sie nur verdrängen.“
Lillian nickte. „Das hab ich mir auch schon überlegt. Aber es ist viel zu früh, um ihm das zu sagen. Vielleicht wird es dafür auch immer zu früh sein. Ich glaube nämlich nicht, dass er mir je zugesteht, mich so in sein Leben einzumischen. Er ist immerhin der zukünftige König!“
Helen pfiff durch die Zähne. „Ob er sich dafür je eignen wird? König Aron hinterlässt sehr große Fußstapfen. Also ich weiß nicht ...“
Lillian gähnte. „Das werden wir heute sicher nicht mehr herausfinden. Lass uns zu Bett gehen. Ich bin müde.“




