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Als sie sich hingelegt hatten, setzte sich Helen noch einmal auf. „Mir ist gerade eingefallen, was wir den anderen sagen, wenn sie fragen sollten wo du bist. Wir sagen einfach, dass du dir als Kindermädchen etwas dazuverdienst. Es gibt genug wohlhabende Kaufleute unten in der Stadt, die gelegentlich jemanden brauchen, wenn ihr Mädchen einen freien Tag hat. Das ist auch nicht so leicht nachzuprüfen.“
Plötzlich brach sie in lautes Kichern aus. „Und weißt du was? Es ist nicht mal ganz gelogen, denn irgendwie machst du ja nichts anderes.“
Lillian warf ihr Kissen nach Helen, musste aber selber lachen. Die Idee war gar nicht so übel, stellte sie fest, als sie sich wieder beruhigt hatten. „Gut, so kann es klappen. Aber sag nichts, bevor dich nicht wirklich jemand anspricht. So können wir Zeit gewinnen.“ Sie sagten sich Gute Nacht und schliefen schnell ein.
In den nächsten beiden Wochen verliefen die Treffen zwischen dem Prinzen und der Magd ähnlich wie beim ersten Mal. Raven genoss die Abende mit Lillian und ihren Geschichten. Und wenn er ehrlich zu sich war, hatte es ihm besonders Lillian angetan. Die Tage zwischen ihren Besuchen stand er mal besser und mal schlechter durch. Er versuchte, den Genuss von Alkohol zu meiden. Das hatte zur Folge, dass sich seine feierfreudigen 'Freunde' vernachlässigt fühlten. Und nicht nur diese!
Ester
Ester, die Tochter des Schreibers, lebte schon seit ihrer Geburt mit ihren Eltern in einer behaglichen Wohnung im Nordflügel. Die Bewohner des Schlosses, ausgenommen das Dienstpersonal, durften sich in den offiziellen Räumen frei bewegen. Da war zum Beispiel die riesige Bibliothek mit ihren Schätzen oder der große Salon. Nur die Privatgemächer des Königs und seines Sohnes waren ohne Einladung tabu. Der Prinz hatte sie schon oft zu sich eingeladen und ihr unvergessliche Stunden bereitet. Oder sie ihm ... Doch in letzter Zeit hatte er sich rar gemacht. Man konnte fast annehmen, er würde ihre Gegenwart meiden. Sollte er etwa einer anderen den Vorzug gegeben haben?
Eifersucht kochte in heißen Wellen in ihr hoch. Ester musste daran denken, was sie alles angestellt hatte, um ihn in ihren Bann zu ziehen. Schon als kleines Mädchen beschloss sie, den Prinzen eines Tages zu heiraten. Sie hatte den ganzen Tag geweint, als man ihr klarmachte, dass sie als seine Gemahlin nie in Frage kommen würde. Danach schlug ihre Schwärmerei schnell in eine Art Besessenheit um. Ester war sich schon zeitig ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht bewusst geworden. Die lange rote lockige Mähne, katzenartige grüne Augen, weiße samtweiche Haut und ein Körper, der jeden Mann in den Wahnsinn treiben konnte, waren ihr von der Natur als Geschenk mitgegeben worden. Als sie achtzehn war, bemerkte auch ihr Vater dieses Kapital. Und genau das wollte er herausschlagen: Kapital! Sein oberstes Anliegen war es, die Tochter reich zu verheiraten. Die Gefühle des Mädchens waren dabei nebensächlich. Er hatte auch bald den für ihn geeigneten Kandidaten ins Auge gefasst. Lord Aberdeen, ein entfernter Freund der Königsfamilie. Allerdings war der Erwählte schon fast siebzig und litt bereits an dem einen oder anderem Gebrechen. Das war auch kein Wunder, denn seine Freundschaft zur Familie ging schon auf König Arons Vater zurück. Ester musste sich zusammenreißen, nicht die Fassung zu verlieren, als sie ihrem Kavalier vorgestellt wurde.
Von einigen sehr offenherzigen Damen bei Hofe hatte sie schon viel über das gehört, was sich zwischen Mann und Frau im Bett abspielte. Zunächst fand sie diese Erzählungen abstoßend, wurde dann aber doch schnell neugierig. Oft stellte sie sich vor, wie ein gutaussehender, stattlicher Mann all diese Dinge mit ihr tat. Als ihr der Vater eröffnete, dass er den passenden Mann gefunden hatte, hoffte Ester, passend in jeder Hinsicht! … Beim Anblick des Auserwählten wurde ihr jedoch speiübel, sobald sie an ihre ehelichen Pflichten dachte.
Doch ihr Vater wies alle Einwände von sich. „Liebe ist unwichtig für eine gute Ehe. Frag deine Mutter! Wir führen eine gute Ehe, auch ohne diesen Unsinn.“
Seine Frau stimmte ihm zwar zu, doch ihre Augen sagten etwas anderes.
„Wenn du Glück hast, wirst du beizeiten Witwe und mit einem solchen Erbe in der Tasche, kannst du dir aussuchen, wen du willst!“
Damit war das Thema erledigt. Die Hochzeit sollte in einem halben Jahr stattfinden und Ester konnte nur noch hoffen, dass der alte Lord die Verlobungszeit nicht überleben würde.
Völlig verstört weinte sie sich bei der um ein paar Jahre älteren Serafina aus. Serafinas Vater war der Oberbefehlshaber des königlichen Heeres und mit den Offizieren sehr gut bekannt. Darunter waren auch einige der Freunde des Prinzen. Ester bewunderte Serafina über alles. Sie tat wonach ihr der Sinn stand - heimlich natürlich - aber trotzdem! Von ihr erfuhr sie immer den neuesten Hofklatsch und schätzte deren unverblümte Meinung. Nun gab ihr die wesentlich erfahrenere Freundin einen Rat. „Hör zu, Liebes! Du willst deine Jungfräulichkeit doch nicht an diesen alten Kerl verschwenden. Ich habe sowieso meine Fragen, ob er noch seinen Mann stehen kann, aber egal. Wer hindert dich daran, deine erste Liebesnacht mit einem erfahrenen jungen Mann zu verbringen? Schließlich sollte diese doch etwas ganz Besonderes sein.“
Ester schnappte zunächst nach Luft, fand den Gedanken aber dann doch sehr verlockend. „Aber … mein Gatte würde doch bemerken, dass ich nicht mehr unversehrt bin.“
Serafina lachte amüsiert auf. „Unsinn, du Dummerchen! Da gibt es einen uralten Trick. Du musst dir in der Hochzeitsnacht nur eine Hühnerblase mit Blut in deine kleine Höhle schieben und schon ist die Welt für den Guten in Ordnung. Er bringt dann mit seiner Lanze die Blase zum Platzen und schon sind die nötigen Unschuldsbeweise auf dem Laken. Ganz einfach, aber es funktioniert doch immer wieder. Männer wollen belogen werden. Sie stoßen sich vor der Ehe die Hörner ab und fordern von uns Keuschheit. Denk darüber nach! Ich hätte da auch schon den passenden Mann für dich. Ein wahrer Künstler im Bett und aufgrund seiner Stellung sehr verschwiegen, wenn er eine echte Dame beglückt hat. Er weiß was ihm blühen würde, wenn er schwatzt. Du kennst Clark, den gutaussehenden Kammerdiener des Königs? Ein wahrer Gott der Verführung. Er könnte dir alles beibringen, was du wissen musst, um die Männer von dir abhängig zu machen. Und ich verspreche dir: Auch du würdest dabei auf deine Kosten kommen.“
Ester hatte den attraktiven Mann vor Augen. Ja, bei ihm könnte sie sich eine Schulung in Liebesdingen vorstellen. Da kam ihr die Idee, wie sie Raven endlich auf sich aufmerksam machen konnte. Bisher schien er sie kaum zu bemerken. Sie nahm sich vor, das zu ändern, indem sie alles über die Kunst der Verführung erlernen würde. Ester wollte ihm so den Kopf verdrehen, dass er am Ende um ihre Gunst betteln würde.
Die gute Serafina machte sich schnell ans Werk und bald stand der Termin für Esters erste Liebesnacht fest.
Unter dem Vorwand, sie würde den Abend mit Serafina in deren Gemächern verbringen, verließ Ester die elterliche Wohnung. Die Freundin hatte für dieses Vorhaben eigens ihr Schlafzimmer zur Verfügung gestellt, inklusive einer verführerisch durchscheinenden Nachtrobe.
Der Raum war sehr aufwändig möbliert. Wände, Teppiche und Sitzmöbel leuchteten in einem edlen Rot aus Samt und Seide. Ein mit Tüll verhangenes Himmelbett thronte auf einem niedrigen Podest. Überall standen Kerzen und erzeugten eine sinnliche Atmosphäre. Auf einem Tischchen mit zwei zierlichen Stühlen daran, standen eine Karaffe besten Weines und zwei Gläser. Ester nahm dankbar ein Glas, füllte es bis zum Rand und leerte es ebenso schnell wieder. Gerade als sie es erneut füllen wollte, trat der Erwartete ein. Er verneigte sich in aller Form vor ihr und sah sie dann aufmerksam und wohlwollend an.
„Verehrtes Fräulein, es ist mir eine große Ehre, Euch zu Diensten sein zu dürfen.“
Sie stand mit weit aufgerissenen Augen da und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Er bemerkte ihre Situation, trat auf sie zu und küsste ihre Hand.
Ester wurde schwindlig. Für einen Moment überlegte sie, einfach davonzulaufen.
Er schien das zu spüren. „Mein edles Fräulein, wenn ihr gestattet? In Anbetracht der Umstände halte ich es für das Beste, wenn Ihr mir die Führung während dieses Abends überlasst.“
Erleichtert stimmte sie diesem Vorschlag zu. Zunächst führte Clark sie an das Tischchen und schob ihr einen Stuhl zurecht. Dann füllte er die Gläser und nahm ihr gegenüber Platz. Er sah sehr gut aus und schien sich dessen auch bewusst zu sein. Es hatte so eine selbstverliebte Art, wie er sich sein blondes Haar aus dem Gesicht strich. „Darf ich bemerken, wie außerordentlich verführerisch Ihr heute ausseht?“ Er sah sie anerkennend an.
Sie schluckte verlegen. „Danke!“
Als sie nach ein paar Minuten allgemeinen Geplauders und ein paar weiteren Gläsern eine gewisse Lockerheit erlangt hatten, fragte er unverblümt: „Wollen wir uns nun dem angenehmsten Teil des Abends widmen?“
Sie nickte und er zog sie an der Hand von ihrem Stuhl hoch. Dann trat er an sie heran und küsste sie. Erst ganz langsam, aber dann drängender. Sie ließ sich innerlich fallen und wollte das Kommende nur noch genießen. Plötzlich nahm er sie auf die Arme und trug sie zum Bett.
Er musste seine Erregung zügeln, sonst würde es seinem Ruf unter den Damen schaden. Es hatten schon viele Frauen bei ihm gelegen, aber eine derart sinnliche, die obendrein noch Jungfrau war, bekam manch König nicht in sein Bett. Ja, er würde seine Sache zu ihrer Zufriedenheit erledigen und wenn es dann daran ging, ihr die nötigen Liebestricks beizubringen, würde er seine Gegenleistung schon bekommen. Daran durfte er jetzt allerdings nicht denken, sonst wäre es mit seiner Ausdauer rasch vorbei. Also konzentrierte er sich ganz auf seine heutige Aufgabe. Er schob ihr das Nachtgewand Stück für Stück nach oben und küsste jede freie Stelle, die sich ihm bot. Es war wichtig, sie besonders zu erregen, damit der Akt der Entjungferung ihr nicht die Lust zerstörte. Als er an ihrem Schoß angekommen war, ließ er sie sein ganzes Können spüren. Als er annahm, dass sie erregt genug war wanderte seine Zunge nach oben, bis er an ihren Brüsten neue Wunder vollbrachte. Dann war es so weit.
„Seid ihr bereit?“, fragte Clark, obwohl er die Antwort schon zu kennen glaubte.
„Ja!“, schrie sie beinahe. Dann verschaffte er sich Zugang zu ihrer Jungfräulichkeit und im nächsten Moment existierte diese nicht mehr. Sie stöhnte kurz vor Schmerz auf, doch als er sich langsam in ihr bewegte, gewann sie ihre Lust bald zurück. Dabei kam auch er noch zu seinem vollen Vergnügen. Er bemerkte schnell, dass es die kleine Katze etwas wilder mochte und für das Liebesspiel wie geschaffen schien.
Ester genoss diese Stunden in vollen Zügen und wusste bald, dass die körperliche Liebe zu ihren natürlichen Begabungen und Bedürfnissen gehörte. Sie traf sich so oft wie möglich mit Clark und er lehrte sie Sachen, die sie sich früher nicht einmal vorzustellen gewagt hätte. Bald übernahm sie die Führung und er kam jedes Mal voll auf seine Kosten.
Manchmal lagen sie beide danach noch zusammen und redeten über alles Mögliche. So wurden sie bald zu Verbündeten in vielerlei Hinsicht. Beide hegten keinerlei sentimentale Gefühle füreinander, aber Clark war süchtig nach ihrem Körper und sie machte sich neben seinem Talent noch etwas anderes zu Nutze: Sein Wissen um die Ereignisse in den königlichen Privatgemächern. Eines Tages erzählte ihm Ester von ihren Plänen in Bezug auf den Prinzen. Er wollte ihr Zugang zu einer von Ravens gemischten Gesellschaften verschaffen, indem er sie einem der regelmäßigen Gäste als Begleitung empfahl.
Alles lief wie erwartet und er fand schnell einen bereitwilligen Herrn für die sinnliche Schönheit.
Dann kam ihr großer Abend. Sie gab sich besondere Mühe bei den Vorbereitungen. Ein smaragdgrünes, tief ausgeschnittenes Kleid, mit einem straff sitzenden Mieder unterstrich die Farbe ihrer Augen und hob die weiblichen Rundungen ihres Körpers besonders hervor.
Als Ester an der Seite eines schnittigen jungen Offiziers, namens Patrik de Goor, den Salon des Prinzen betrat, spürte sie alle Blicke auf sich. Das gab ihr den nötigen Mut, um den Plan, welchen sie sich für heute ausgedacht hatte, in die Tat umzusetzen. Sie mischte sich unter die bunte Gesellschaft, die größtenteils mit Spielen, Flirten und Trinken beschäftigt war. Mit den Augen suchte sie den Raum ab - und sah ihn. Raven saß in einer Ecke. Er beobachtete das Treiben um sich herum mit einem lustlosen Gesichtsausdruck. Er hatte den typischen Blick eines angetrunkenen Mannes. Doch selbst das schien seiner anziehenden Wirkung keinen Abbruch zu tun. Ester weidete sich an seinem Anblick. Das dunkle lange Haar, die tiefschwarzen Augen, das markante Kinn und nicht zuletzt sein Körper, kräftig und sehnig, wie der eines Panthers. Als die ersten Gäste gingen und sie sich unbeobachtet fühlte, schlüpfte Ester durch die Schlafzimmertür. Es wäre doch ein Wunder, wenn der Prinz ihrer Überraschung widerstehen könnte …
Der Salon hatte sich geleert und Raven trank sein Glas aus, um anschließend zu Bett zu gehen. Eigentlich fragte er sich jedes Mal nach einem solchen Abend, wozu er diese Leute überhaupt einlud. Sie waren ihm alle so egal! Jeder von ihnen schien sich mehr zu amüsieren als er selbst. Er betrat sein Schlafzimmer und zündete eine Lampe an. Als er sich seines Hemdes entledigt hatte, trat er ans Fenster und blickte für einen Moment in die Nacht. Plötzlich hörte er das leise Rascheln von Stoff. Er sah sich um und suchte nach der Geräuschquelle. Was er dann fand, ließ ihm den Mund offen stehen.
Aphrodite musste vom Olymp gestiegen sein!
Da stand eine Göttin vor ihm, mit nichts am Leib als ein paar Seidenstrümpfen an endlos langen Beinen. Er kannte sie und hatte auch schon ihre Schönheit bemerkt, aber das hier übertraf alles, was er geahnt hatte.
„Was machst du hier?“, fragte er stockend.
„Ich will Euch den Himmel zeigen, mein Prinz“, sagte sie und trat nah an ihn heran. Als sie mit ihren langen Fingern zart über seine Brust strich, wollte er sie haben. Bald stellte er fest, dass nicht er die Frau verführte, sondern sie ihn. Aber nicht so, dass er sich unterlegen gefühlt hätte, sondern auf eine Weise, die ihn trotzdem als Sieger aus der Situation herausgehen ließ. Es glich einem Feuerwerk der Lust, das zwischen ihnen explodierte. Als sie beide erschöpft nebeneinander im Bett lagen, wusste er, dass ihn keine der anderen Damen mehr befriedigen konnte.
Ab diesem Tag war Ester seine Geliebte. Ihr Plan war aufgegangen. Sein Herz gehörte ihr zwar nicht, aber sein Körper war ihr hörig. Sie wusste, dass sie sich nicht in ihn verlieben durfte. Dieses Arrangement würde nicht von Dauer sein, da er irgendwann eine Adlige heiraten musste und sicher zu loyal war, um sich dann noch eine Geliebte zu halten. Also blieb ihr nichts weiter übrig, als die Zeit zu genießen, die sie hatte und alle anderen Frauen von ihm fernzuhalten. Das Verhältnis mit Clark behielt sie trotzdem bei, denn er konnte ihr sicher noch den einen oder anderen Gefallen erweisen.
Esters Leben wurde nahezu perfekt, als einen Monat vor ihrer geplanten Hochzeit ein Brief eintraf, aus dem hervorging, dass der alte Lord Aberdeen einer schweren Krankheit erlegen war. Ihre Freude darüber wurde noch durch die Mitteilung gekrönt, dass er seine Braut in seinem Testament vorsorglich mit einer netten Summe bedacht hatte.
Sicher - das ganze Erbe wäre wesentlich lukrativer gewesen, aber so musste sie wenigstens nicht mit dem alten Kerl ins Bett kriechen. Zum Glück gab es bis zum heutigen Tag keinen würdigen Nachfolger.
Nun hatte sie nur noch ein Problem: Sie musste herausfinden, was seit Kurzem mit dem Prinzen nicht stimmte.
Freunde
Lillian und Raven lernten sich unterdessen besser kennen. Die anfängliche Unsicherheit zwischen ihnen war einem eher vertraulichen Verhältnis gewichen. Manchmal unterhielten sie sich einfach nur über verschiedene Dinge. Lillian erzählte ihm alles, was er über ihr Leben wissen wollte. Von ihrer Kindheit auf dem kleinen Hof, den lustigen Streichen, die sie und ihr Bruder manchmal ausgeheckt hatten und auch von den tragischen Begebenheiten in der Familie. Er dagegen hielt sich in auffallender Zurückhaltung, wenn es um seine eigene Vergangenheit ging, so dass sich Lillian eines Tages ein Herz fasste und ihn nach seiner Kindheit fragte.
Er dachte einen Moment angestrengt nach und schien hin und her gerissen, doch dann hatte er sich wohl entschieden. Er stand auf, öffnete die Salontür und bat Lillian ihm zu folgen. Vor dem lebensgroßen Porträt einer schönen Frau in edlem Gewand blieb er stehen. „Das ist – war meine Mutter, Königin Anne.“
Lillian sah Raven an und hätte ihn am liebsten berührt, als sie seinen traurigen liebevollen Blick bemerkte, mit dem er das Bild betrachtete.
„Sie war sehr schön“, meinte sie.
„Ja, das war sie und sie konnte, so wie du, wunderschöne Geschichten erzählen. Der ganze Hof lauschte ihr gespannt, wenn sie das tat. Am schönsten war es allerdings, wenn wir beide ganz allein waren. Sie hat mich in ihren Armen gehalten und erzählt. Einmal, ich war etwa sieben Jahre alt und erkrankte an Diphtherie. Ich hatte Fieber und konnte schlecht atmen. Sie ließ mich samt meinem Bettzeug aufs Dach tragen, damit ich so viel Luft bekam wie möglich. Dort hat sie den ganzen Tag und die ganze Nacht bei mir gesessen und mich mit Rittern, Drachen und Zauberern von meinem Leiden abgelenkt.“ Ravens Blick ging ins Leere und ein wehmütiges Lächeln umspielte seinen Mund. Er wirkte so zerbrechlich ...
„Komm mit!“ Plötzlich nahm er die völlig überraschte Lillian an die Hand und zog sie durch die Salontür hinaus auf den Korridor. Einem glücklichen Umstand verdankten sie es, dass ihnen niemand begegnete, während er sie mehrere Treppen hinaufzog. Dann standen sie auf dem Dach.
„Siehst du? Genau hier.“ Er zeigte auf die begehbare Fläche. Dann setzte er sich auf seine Schräge. „Komm zu mir, Zauberin der Worte, und erzähle mir etwas Schönes!“
Lillian setzte sich und schaute sich um. Der Platz war atemberaubend. Über ihnen der weite Sternenhimmel und zu ihren Füßen die Lichter der Stadt.
„Was ist damals eigentlich geschehen?“, fragte sie einem plötzlichen Impuls folgend. „Es wird gesagt, dass die Königin an den Folgen eines Unfalls gestorben ist. Aber niemand weiß Genaueres.“
Raven sprang auf. „Das geht auch niemanden etwas an!!! Verstehst du? Niemanden!“ Er war plötzlich außer sich.
Lillian entfernte sich ein paar Schritte von ihm. Als er bemerkte, dass sie Angst hatte, zwang er sich zur Ruhe. „Tut mir leid! Ich wollte dich nicht erschrecken. Aber ich will nicht, besser gesagt, ich kann nicht darüber reden.“
Sie legte ihm vertraulich eine Hand auf den Arm und er ließ es zu. „Hoheit, ich glaube aber, dass dies der einzige Weg ist, Eure Probleme zu lösen. Eure Seele kann nicht gesund werden, indem Ihr die Vergangenheit mit Alkohol oder Geschichten verdrängt. Ihr müsst mit jemandem über alles reden, dann geht es Euch sicher besser. Habt Ihr denn niemanden, der Euch nahe steht? Dem Ihr vertrauen könnt? Was ist mit Eurem Vater?“
Er stieß einen zischenden Laut aus. „Der ist der Letzte, dem ich davon erzählen kann.“
„Dann irgendjemand anderem, dem ihr vertraut?“
Er sah sie eine Weile nachdenklich an. „Du vielleicht? Dir vertraue ich!“
Lillian schlug das Herz bis zum Hals. Er wusste nicht, dass sie Helen über ihre Treffen informiert hatte. Sicher, sie hatte der Freundin nichts über die Inhalte ihrer Gespräche berichtet, trotzdem fühlte sie sich irgendwie schuldig.
„Das ist mir eine große Ehre, Hoheit! Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die Richtige dafür bin“, sagte sie schnell.
„Ich mir schon. Aber können wir diesen Unsinn nicht lassen? Wenn wir unter uns sind, musst du mich nicht mit 'Hoheit' ansprechen!“
Diese Vorstellung war sehr verlockend, aber ... „Nein, das geht nicht!“, sagte Lillian. „Ich danke Euch sehr, aber das kann ich nicht.“
Er lachte. „Wenn dich das so erschreckt, dann lass es halt!“
Dann war es wieder still zwischen ihnen. Lillian biss sich auf die Lippe und wollte gerade etwas sagen, als er zu sprechen begann.
„Meine Eltern verband eine große Liebe. Sie waren sehr glücklich, als ich zur Welt kam - warum auch immer. Meine Mutter erwartete nach mir noch einmal ein Kind, verlor es aber bald. Dann, Jahre später, als sie die Hoffnung schon aufgegeben hatten, wurde sie doch noch einmal schwanger. Ich war damals vierzehn. Sie hatten beschlossen, niemandem etwas zu sagen, solange es sich geheim halten ließ. Du kannst dir nicht vorstellen, was es für gesellschaftliche Ausmaße annimmt, wenn sich in Königshäusern Zuwachs ankündigt. Sie wollten, für den Fall, dass wieder etwas schief gehen sollte, keinen zusätzlichen, offiziellen Trubel. Auch mir sagte es anfangs noch keiner. Es war Winter und Mutter trug da immer weite Umhänge, um sich zu wärmen. So konnte sie ihren Umstand lange Zeit verbergen. Dann gab es Ärger mit einem der Nachbarreiche. Mein Vater musste für unbestimmte Zeit fort, und trug mir auf, mich um meine Mutter zu kümmern. Dabei erfuhr ich auch, dass sie schon im sechsten Monat schwanger war. Sollte irgendetwas passieren, wollte er sofort informiert werden. Dann, zwei Wochen später, rutschte Mutter bei einem Spaziergang unglücklich aus. Sie bekam Schmerzen im Unterleib und ich ließ nach dem Heiler schicken.“
Lillian wurde hellhörig. „Brian?“
„Ja. Du kennst ihn, nicht wahr?“ Lillian nickte. Er fuhr fort: „Brian stellte fest, dass bedingt durch den Sturz, die Wehen eingesetzt hatten. Er gab meiner Mutter einen Trank, der eine Frühgeburt verhindern sollte. Ich wollte sofort meinen Vater benachrichtigen, doch sie hat es mir regelrecht untersagt. Ich musste ihr schwören, ihn nicht zu verständigen. Er hätte mit seinen momentanen Pflichten genug Kummer und könnte hier eh nichts ausrichten. Da stand ich nun, zwischen der Anweisung meines Vaters und dem Wunsch meiner Mutter. Sie hatte so ein Talent, die Menschen zu überzeugen ... Also schrieb ich ihm nicht und betete, dass alles gut gehen möge. Meine Mutter durfte das Bett nicht mehr verlassen. Nach zwei Wochen setzten die Wehen jedoch erneut ein und diesmal ließen sie sich nicht mehr vertreiben. Das Baby, ein Junge, hatte kaum eine Überlebenschance. Er war noch zu klein. Es gab Komplikationen. Sie verlor Blut, zu viel Blut. Ich wurde zu ihr gerufen.
Bevor sie starb, nahm sie meine Hand und sagte, ich müsse jetzt stark sein. Sie bat mich, Vater auszurichten, dass sie ihn immer geliebt habe. Ich sollte ihm aber verheimlichen, wie lange es ihr schon so schlecht ging. Sie wollte nicht, dass er mir die Schuld dafür gab, dass er nicht bei ihr sein konnte, als sie ihn brauchte. ... Aber verdammt, Lillian! Es war meine Schuld. Ich hatte seine Anweisungen und hätte mich in dieser Situation nicht von ihr überreden lassen dürfen. Ich war so dumm, nicht an die Folgen zu denken.“
Lillian unterbrach ihn. „Aber Ihr wart damals fast noch ein Kind!“
Er zischte abweisend durch die Zähne. „Als er von dem Unglück erfuhr, kam Vater sofort zurück. Ich erzählte ihm, dass Mutter gestürzt und dann alles ganz schnell gegangen wäre. Damit war die Lüge geboren. Er saß an ihrem Sarg und fragte sie immer wieder, warum sie nicht auf ihn gewartet hätte. Da brach etwas in mir entzwei. Ich hatte ihn um seinen Abschied betrogen. Ich fühlte mich so schuldig - bis heute noch!“
Nun bahnten sich seine lang zurückgehaltenen Gefühle ihren Weg. Lillian nahm Raven spontan in die Arme und sie hielten sich fest umschlungen. So standen sie eine Weile, bis er sich von ihr löste und verlegen die Tränen wegwischte.
„Und das Baby?“, fragte sie vorsichtig.
„Mein Bruder war noch zu schwach ... und so winzig. Er ist eine halbe Stunde nach seiner Geburt gestorben.“
Lillian musste an ihre eigene Vergangenheit denken. Sie hatte ja ganz ähnliches erleben müssen. Solche Schicksale machten keine Rangunterschiede. Der Tod war unbestechlich.
„Und Brian?“
„Er musste meiner Mutter dasselbe Versprechen geben. Wir haben nie wieder darüber geredet.“
„Aber jetzt, soviel später, könnt Ihr Eurem Vater doch sicher alles erzählen.“




