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wollte bau’n Eisenbahn.
»Ruhe!«, ruft Papa herüber. »Nicht so laut. Ihr seid doch nicht die Einzigen hier!« Wir tun so, als hörten wir ihn nicht.
Böse geht er nach Haus,
und er gräbt Kriegsbeil aus.
Seine Frau nimmt ihm keck
Kriegsbeil und Lasso weg.
Wieder ruft Papa etwas, winkt, wir sollen herkommen.
»Wollen wir, Tommy?«
Tommy grinst nur.
Eisenbahn spuckte Dampf.
Häuptling kam, wollte Kampf.
Weißer Mann sprach, hierher,
Du bist gleich Kondukteur.
Uh, uh, uh.
»Wenn ihr beide eine Ovo und einen Nussgipfel wollt …«, höre ich Papa nun doch durch unser Indianergeheul.
»Komm, Tommy. Nussgipfel gibt’s sonst nie.«
Einmal wollte Papa mit uns bis zum Bützi und von dort noch weiter hinauf zum Bös Fulen.
»Wir folgen einfach den weiß-rot-weißen Markierungen an den Felsen«, hatte er gesagt, als wir so hoch oben waren, dass nirgends mehr ein Weg zu sehen war. An einigen Stellen lag sogar schon Schnee.
»Vorwärts, nun mach schon«, trieb er mich an, als ich einen Augenblick stehen blieb, weil ich eine Blase an der Ferse gespürt hatte.
»Das gehört halt dazu. Wandern im Gebirge ist eben kein Sonntagsspaziergang.«
Die Schneefelder wurden immer ausgedehnter. Ganz weg von allem konnten wir trotzdem nicht sein, denn es gab noch vereinzelte Kothäufchen von Schafen, die hier oben geweidet haben mussten. Ich hatte Angst, dass wir uns verlaufen und ich Mama nie mehr sehen würde. Nach einer weiteren steilen Kraxelei fiel mir auf, dass Papa langsamer ging und sein Gesicht rot angelaufen war. Er musste sich hinsetzen.
»Wenn er jetzt stirbt …«, flüsterte Tommy mir ins Ohr.
Ich: »… schubsen wir ihn über die Felswand …«
»… und es sieht wie ein Unfall aus, psst.«
Papa wischte sich den Schweiß von der Stirn, langte nach dem Rucksack, den er neben sich auf einen Felsbrocken gelegt hatte, hustete nochmals, dann sagte er mit heiserer Stimme: »Ich bringe es kaum über mich – wir müssen umkehren.«
Abwärts ging’s. Eine steil abfallende Geröllhalde jagte mir solche Angst ein, dass ich über eine Wurzel stolperte und mir das Knie blutig schlug.
»Beiß die Zähne zusammen«, zischte Tommy, »sonst meckert der Alte wieder.«
An dem Tag, als wir so hoch hinaufgestiegen waren, wollte Tantelotte zu Hause bleiben. Glück gehabt. Meistens jedoch kommt sie gerne mit. Weil es ja die Berge waren, die sie angelockt hatten, damals, nach dem Krieg, als sie unbedingt in die Schweiz wollte. Wenn sie das erzählt, macht sie immer eine kurze Pause, dann sagt sie: Die Butterberge, genau genommen. Daraufhin lachen die Leute jedes Mal. Als sie noch in Deutschland einmal für längere Zeit in den Bergen war, war sie ein Mädchen und mit vielen anderen Mädchen zusammen. Alle gleich, alle die gleiche Uniform, ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl. Sie hatte jedoch nicht von Mädchen erzählt, sondern von Mädeln und etwas wie Be-de-em.
Schon von Weitem sehe ich Mama mit einer anderen Frau auf der Hotelterrasse unter einem gelben Elmer-Citro-Sonnenschirm sitzen. Beide vor sich ein Kännchen Kaffee und ein riesiges Stück Schwarzwäldertorte.
»Kommt, setzt euch zu uns. Darf ich vorstellen: Frau Lindner – meine Familie – und Frau Hülsmann, eine gute Freundin der Familie.«
Gute Freundin der Familie? Doch da steht der Kellner schon vor uns, mit Block und Stift in den Händen, um die Bestellung aufzunehmen.
»Schnipo, wenn ich darf.«
Mama nickt.
»Du, Tommy?«
»Auch Schnipo, bitte.«
Eigentlich müsste es Stehbahn und nicht Standseilbahn heißen, überlege ich auf dem Weg zurück zur Bergstation. Obwohl man darin sitzen könnte, bleiben die Erwachsenen immer direkt am Fenster stehen, sodass ich während der ganzen Fahrt nur deren Rucksäcke sehen kann.
WENN MAMA STIRBT, will ich auch tot sein. Als Tantelotte mit mir das Grab von Frau Zisch besuchte, sah ich auf dem Grabstein nebenan gleich zwei Namen eingemeißelt. Manchmal kommt es eben vor, dass ein Kind kurz nach seiner Mutter stirbt, hatte mir Tantelotte erklärt.
Seit der Geröllhalde wüsste ich, wo es gefährlich ist. Es gäbe auch hohe Brücken. Oder Schneestürme. Im Winter, wenn alles zugeschneit ist und der Nebel tief hängt. Würden mich meine Fußspuren im Schnee zu früh verraten? Nach wie vielen Tagen ist man eigentlich tot, wenn man nichts mehr isst und trinkt? Wen könnte ich das fragen?
Tantelottes Eltern sind schon ziemlich alt, über sechzig. Trotzdem immer noch putzmunter.
»Putzmunter?«
»Na – hart wie Kruppstahl eben.« Dazu hatte sie gelacht.
ALLE, WIRKLICH ALLE glaubten, dass Gelsenkirchen niemals getroffen würde, hat Tantelottes Papa ihr immer wieder erzählt. Und nun erzählt sie es mir ständig. Auch jetzt. Sie seufzt und schüttelt den Kopf, weil sie sich daran erinnert, als wäre es gerade gestern gewesen. »Und das ausgerechnet an meinem Geburtstag«, sagt sie wie jedes Mal. »Britische Bomber – mitten in der Nacht, obwohl strikte Verdunkelung herrschte und sich alle daran hielten. Unser lieber Papi war zu der Zeit schon nicht mehr Direktor. Er wollte Verantwortung übernehmen und hatte sich freiwillig gemeldet. Viele Männer haben sich damals freiwillig gemeldet. Mutti und ich waren mächtig stolz auf ihn, als er sich von uns verabschiedete. Schneidig hat er ausgesehen in seiner Uniform, schwarz und schick von Kopf bis Fuß.«
Tantelotte schweigt eine Weile, schaut an mir vorbei aus dem Fenster. Gleich wird sie sich mit einem Ruck aufrecht hinsetzen, und ich weiß schon, was kommt: »In der Nähe unseres Hauses gab es Hunderte von Frauen und Mädchen. Aus Ungarn, munkelte man.«
»Was heißt munkelteman?«, hatte ich sie beim ersten Mal gefragt.
»Man munkelte es eben nur, du weißt nicht, was das heißt? Wo gibt’s denn so was!«
»Nein, sonst hätte ich ja nicht gefragt.«
»Werd nicht frech.«
»Ich habe doch nur gefragt.«
»In diesem Ton?«
»Tantelotte, bitte, was heißt munkelteman?«
»So gehört es sich. Man munkelte, also, wie soll ich das erklären? Munkeln, munkeln …«
Sie kratzte sich am Kopf.
»Also, munkeln. So was wie heimlich etwas sagen, damit es nicht alle hören. Meistens mit der Hand vor dem Mund. Wir wussten ja nichts Genaues, geschweige denn, ob sie tatsächlich im Hydrierwerk arbeiteten.«
Wieder so ein Wort, das ich nicht verstand und mich nicht zu fragen getraute.
»In einer Art Zeltlager sollen sie gewohnt haben. Sehen konnten wir sie nie, das Gelände war eingezäunt und abgeriegelt. Wie gesagt, wir wussten die ganze Zeit über rein gar nichts. Fünfundvierzig war dann alles zerstört. Die ganze Gelsenkirchener Industrie komplett vernichtet. Armes, armes Deutschland. Da war ich gerade zwanzig.«
Bis hierher konnte ich alles auswendig. Doch diesmal reibt sie die Hände aneinander und sagt mit ungewohnt tiefer Stimme: »Wir hatten den Krieg nicht gewollt, aber diese Demütigungen die ganze Zeit … Wegen Wersai, Wersai neunzehnneunzehn. Neununddreißig war es dann so weit. Nur damit du in der Schule nichts Falsches lernst. Bei deiner Lehrerin weiß man nie.«
Wersai – was das nur wieder ist. Und sie soll bloß aufhören, so über Frau Simonis zu reden.
ICH MUSS KAPIEREN, dass Tantelotte auch einmal freihaben will. Weil sie nicht arbeitet, verstand ich nicht sofort, was sie mit freihaben meinte. Inzwischen schon. Sie will sich nicht ständig um mich kümmern müssen und auch einmal einfach wegfahren.
An diesem Wochenende ist nicht nur Tantelotte weg, auch mein Vater. Er musste gerade auf eine Geschäftsreise. Weil Mama nie über Nacht mit mir alleine in der Wohnung sein will, fahren wir zu Tante Lucille. Sie ist meine Patin und Mamas Schwester. Also, nicht wir fahren zu ihr, sondern sie holt uns ab. Ihr Auto hat einen schönen Namen: Lancia Aurelia. Vielleicht werde ich mein Kind auch einmal Aurelia nennen. Oder Binaca. Blöd nur, dass das auf jeder Zahnpastatube steht. Lancia hingegen gefällt meinem Vater, weil Ferrari von Lancia die Rennautos übernehmen konnte. Seither besitzt Ferrari die besten Boliden der Welt, triumphiert Papa.
Er selbst fährt eben auch für sein Leben gern Auto, sagt meine Mutter. Aufs Pedal drücken und weg. Als der Sankt-Bernhard-Tunnel eröffnet wurde, wollte er unbedingt zu den Ersten gehören. Mitfahren aber durfte niemand von uns. Zu gefährlich, meinte er. Fast sechs Kilometer durch den Berg – stellt euch vor, was da alles geschehen könnte. Und wenn man am anderen Ende hinauskommt, ist man in Italien. Später erzählte er, dass am Eröffnungstag über tausendzweihundert Autos durch den Tunnel gefahren seien. Als Allererstes jedoch nicht er, sondern eine Ambulanz mit einem nierenkranken Mädchen, das dringend nach Bern in das Spital gebracht werden musste. Die verkürzte Strecke habe dem Kind bestimmt das Leben gerettet. Tantelotte hat kurz darauf Frau Kradolfer, die in der Wohnung nebenan wohnt, auch von einer Autofahrt durch einen langen Tunnel nach Italien berichtet. Ich hörte es, als ich im Treppenhaus auf Susi wartete.
Wenn wir zu Tante Lucille fahren, darf ich immer vorne sitzen, damit Mama auf dem hinteren Sitz bei einem Unfall besser geschützt ist. Obwohl ein Auto ja auch von hinten gerammt werden könnte. Das behalte ich aber lieber für mich.
Es käme Tante Lucille nie in den Sinn, ihre Kinder bei einer Pflegemutter aufwachsen zu lassen, sagt sie, worauf meine Mutter die Stirn runzelt. Lucilles Mann heißt Ernst und ist fast nie zu Hause. Früher hat er in einer Art Schuppen Liegestühle hergestellt, später ist daraus eine große Fabrik mit vielen Angestellten entstanden. Trotzdem wird er von meinem Vater immer nur Röhrlibieger genannt. Keinen einzigen Schweizer habe er angestellt, alles nur Italiener. So einer wie Ernst gehöre einfach nicht in unsere Familie.
Einen Hund gibt es auch: Fips. Er sieht aus wie Struppi, Tims Hund, und gleicht den Hündchen, die Tantelotte auf die Kinderpullover stickt. Tim im Lande der Sowjets gehört zu Tantelottes Lieblingsbüchern. Weil darin endlich mal jemand sagt, wie es in der Sowjetunion zu und her geht. Nichts funktioniert dort nämlich, rein gar nichts. Sie hat das Buch auf Französisch gekauft und Tommy geschenkt. Tim heißt darin Tintin. Und Katharina würde Catherine heißen – klingt hell und luftig, finde ich. Aber eine Catherine kommt im Buch nirgends vor.
Wenn wir bei Tante Lucille ankommen, spielt Stefan meistens mit seiner Modelleisenbahn, deren Gleise über den weiten Boden des Bastelraumes im Keller verlegt sind. Sonja und Priska sind mit Rasenmähen und Schuheputzen beschäftigt. Das müssen sie jeden Samstag tun, abwechslungsweise. Obwohl sie sich eine Haushalthilfe leisten könnten, sagt meine Mutter.
»Von den Reichen lernt man sparen.«
»Wieso sparen sie denn?«
»Um zu verbergen, dass sie Geld haben. Das war schon immer so. Man hat es, zeigt es jedoch nicht.«
»Wir sparen ja auch. Sind wir denn auch reich?«
»Wir wären es vielleicht, müssten wir nicht so viel Geld für Tante Lotte ausgeben. Und für meine Krankheit.«
Mama sitzt in Tante Lucilles Wohnzimmer, die beiden Krücken gegen das schwarze Ledersofa gelehnt. Irgendwann fallen sie immer um, von selbst oder weil jemand darüberstolperte. Wenn die kleine Glocke das Mittagessen ankündigt, dürfen Sonja und Priska mit Putzen und Rasenmähen aufhören, egal, ob sie damit fertig geworden sind oder nicht. Am nächsten Samstag macht dann die andere weiter.
Sonja geht schon aufs Gymnasium. Als ich noch im Kindergarten war, hatte sie mir verboten, Stefan zu verraten, dass es das Christkind gar nicht gibt. Ich fand es blöd, weil ich damals noch selbst daran geglaubt hatte. Einmal hatte Stefan einen Anfall. Gelber Speichel rann aus seinem Mund, von seinen Augen sah man nur noch das Weiße. Plötzlich lächelte Sonja, rieb sich an der Nase, dann sagte sie so laut, dass es alle hören konnten: »Wenn Stefan jetzt stirbt, haben wir morgen alle schulfrei.« Tante Lucille schrie auf, Mama schlug sich die Hand vor den Mund.
Nach dem Essen rennen wir schnell hinauf in den oberen Stock, wo jedes Kind ein eigenes Zimmer hat. Das ist eben in einer Villa so, sagt Sonja. Es ist noch nicht lange her, da schloss sie die Tür hinter sich zu, um mich an ihrer Brust saugen zu lassen. Es kam keine Milch, schön war es trotzdem.
Mama fährt gern zu Tante Lucille. Im Salon steht ein glänzender schwarzer Flügel, den Deckel immer hochgeklappt. Wenn Mama vorher ihre Tabletten genommen hat, kann sie fast eine halbe Stunde lang Klavier spielen. Viel lieber als Fremdsprachensekretärin wäre Tante Lucille Opernsängerin geworden. Manche Lieder singt sie auf Französisch, weil sie in Clairmont war und keine schlechten Erinnerungen daran hat, erzählte Mama. Außer an den Karzer.
»Karzer?«
»Zur Strafe halt.«
»Also, was ist das jetzt, Mama?«
»Wenn sie nicht gehorcht hatten, wurden die Mädchen eingesperrt. In einen Keller, Karzer hat man das genannt.«
Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Patin einmal ein Mädchen gewesen sein soll, und schon gar nicht, dass man sie in ein Kellerloch gesperrt hat.
Tante Lucilles Stimme gefällt mir, Sonja und Priska aber können ihre Stimmübungen schon lange nicht mehr ausstehen. Tonleiter rauf, Tonleiter runter.
»Ha, ha, ha, haaaa – hi, hi, hi, hiiii – ho, ho, ho, hoooo –«, äfft Priska ihre Mutter nach.
»Hör auf«, schreit Sonja und knallt Priska eine. Jetzt wird die kleine Schwester erst richtig laut. Ich halte zu Priska, Sonja verschwindet in ihrem Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu.
»Ruhe da oben!«, ruft Tante Lucille herauf. »Kann man denn keinen Augenblick …«
Ich halte mir die Ohren zu, weil es mir plötzlich vorkommt wie bei Tantelotte.
»Immer nur lächeln und immer vergnügt«, klingt es von unten herauf.
Mama lächelt nicht immer, in letzter Zeit sogar immer seltener. Am ernstesten hat sie ausgesehen, als sie mich fragte, ob ich auch finde, dass Papa und Tantelotte nach einem Wochenende, das wir bei Tante Lucille verbracht haben, immer so ähnliche Geschichten erzählen. Sie hat dabei das Gesicht verzogen, als hätte sie Schmerzen. Bis dahin war mir das noch nie aufgefallen. Danach schon: Segelschiffe, die direkt vor dem Hotelfenster durchziehen, ein riesiges Frühstücksbuffet, sogar mit Lachs.
Stefan quengelt und nervt, bis Priska und ich seine Modelleisenbahn anschauen kommen. Wir müssen im völlig abgedunkelten Bastelraum warten, während er mit irgendetwas herummacht, sich dabei anstößt und flucht, dann endlich das Licht andreht. Da steht er: mit Bähnlermütze, Fahrkartenblock, Knipszange und Schaffnerkelle. Zwischen seinen Lippen eine rote Trillerpfeife.
Pausbacken, pusten, ein schriller Ton, los geht’s.
Priska und ich sitzen im Speisewagen, der direkt an der Krokodil-Lok hängt. Wir fahren weit, sehr weit, bis nach Afrika.
»Gibt es hier eigentlich auch einen Schlafwagen?«
»Erst an Weihnachten«, erklärt der Lokführer, mit der gestreckten Hand am Mützenrand.
Der Zug fährt durch zwei Tunnel, über eine Brücke, durch eine Baumallee. Wenn er anhält, ziehen wir die Fensterscheiben herunter und winken hinaus. Der Schaffner streckt die Kelle zum Himmel, pfeift und steigt schnell wieder zu.
Plötzlich ruft jemand nach mir.
»Komm schnell herauf, Kathi, deine Mama will nach Hause!«
»Wir sind doch noch gar nicht in Afrika angekommen! Ich möchte noch länger bleiben!«
»Nein, das geht heute nicht«, ruft Tante Lucille zurück, »beeil dich. Deine Mama fühlt sich elend, ihr ist schwindlig, und jetzt sieht sie auch noch alles doppelt.«
»Soll ich bei dir bleiben?«, fragt Tante Lucille, als sie später meine Mutter die Treppe zu unserer Wohnung hinauf begleitet.
»Danke, lieb von dir. Lass nur. Ich kenne das schon.«
Kurz nachdem Tante Lucille in ihrem Lancia Aurelia zurückgefahren ist, muss Mama sich übergeben. Ich greife nach der leeren Früchteschale auf dem Esstisch. Mama würgt, mir wird selbst übel, doch bei mir kommt nichts.
»Kathi, bitte ruf den Krankenwagen.«
Mama hakt sich bei mir unter, die paar Schritte bis zum Sessel schafft sie kaum.
Der Mann am Telefon erkundigt sich, was passiert ist, wo wir wohnen und wer ich bin. Ich weiß alles, ohne Mama fragen zu müssen. Das Krankenauto sei in einer Viertelstunde da, sagt er, ich brauche keine Angst zu haben. Vielleicht könne ich ja bei einer Nachbarin klingeln. Während ich telefoniere, sehe ich einen nassen Fleck auf dem Teppich. Ich schäme mich, dass ich eine Mama habe, die in die Hose pinkelt.
Mama fährt ohne mich ins Krankenhaus. Sie hat den kleinen Lederkoffer dabei, der für einen Notfall immer bereitsteht. Und das ist ein Notfall. Ich soll auf Papa warten, der bestimmt bald nach Hause komme. Jetzt wäre ich sogar froh um Tantelotte. Niemand da, der sagt, es wird schon alles wieder gut, Mama wird nicht sterben. Der Fernseher. Jetzt könnte ich ihn doch anstellen, ohne fragen zu müssen. Ich hole mir eine Handvoll Erdnüsse aus dem Vorratsschrank, setze mich damit in Papas Fernsehsessel. Der Fernseher hier und der bei Tantelotte sind Zwillinge, dunkelbraune Möbel auf dünnen Beinchen. Mit den Knöpfen direkt unterhalb des Bildschirms kann man die Sender und die Lautstärke einstellen. Vielleicht wurden die beiden Geräte gleichzeitig gekauft, weil dann das zweite billiger war. Alle sagen immer, dass wir sparen müssen. Aber zwei für eins, wie manchmal Salatköpfe verkauft werden, gibt es bei den Fernsehern bestimmt nicht.
Gerade eben fährt einer, der Jim Clark heißt, als Erster durchs Ziel. Er winkt wie der Papst. Jemand, den man im Bild nicht sehen kann, schreit, dass der Rennfahrer mit diesem Sieg schon jetzt Weltmeister geworden ist. Einen Ferrarifahrer erwähnt niemand, sodass ich Papa besser nichts davon erzähle.
Morgen schreibe ich Tommy, dass Mama im Spital ist. Bei der Adresse muss man jetzt vor der Stadt vier Zahlen setzen. Wie die genannt werden, haben wir in der Schule geübt: Postleitzahl. Da, wo ich mit Tantelotte wohne, ist es 8048, bei Mama und Papa 8038, bei Tommy 1700.
ICH SAMMLE KRONKORKEN von Bierflaschen. Die meisten finde ich hinter dem Restaurant Sternen. Willi, dessen Vater eine mechanische Werkstätte betreibt, schlägt die Kronkorken mit einem schweren Hammer platt und schneidet sie anschließend auf die Größe eines Fränklers zurecht. Sobald er zwanzig Stück beisammen hat, hole ich sie gegen eine Tafel Haselnussschokolade ab. Mit diesen Fränklern füttere ich das Nicknegerli, wenn ich mit der Religionsklasse beichten gehe. Fräulein Reck begleitet uns und passt auf, dass sich niemand vor dem Beichten drückt. So sieht sie auch, dass ich für die armen Negerli in Afrika immer etwas spende.
»Das freut den Herrgott«, lobt Fräulein Reck.
»Es ist von meinem Taschengeld.«
»Dann zählt es im Himmel sogar doppelt. Deine Tante strickt ja auch immer fleißig für unseren Basar. Den Armen eine Freude zu bereiten hast du bestimmt von ihr gelernt.«
»Sie ist nicht meine Tante«, will ich widersprechen, doch Fräulein Reck hat sich schon abgewandt und mahnt die in den Bänken knienden Kinder zur Ruhe.
Helen und ich haben einander geschworen, im Beichtstuhl nichts zuzugeben, um dann beim achten Gebot zu sagen: Ich habe gelogen.
»Wie oft?«, fragt der Pfarrer.
»Drei- oder viermal.«
»Mit drei Vaterunser und vier Ave-Maria ist es wieder abgegolten, mein Kind«, nuschelt er hinter dem braunen Holzgitter.
Zurück in der Kirchenbank knie ich mich nieder, falte die Hände unter dem Kinn und bewege die Lippen, als würde ich beten. Seit dem Konzil, hat uns Fräulein Reck erzählt, versteht der liebe Gott auch Deutsch. Trotzdem hätte mein Vater die Messe lieber weiterhin auf Lateinisch. Fehlte nur noch, dass der Priester das Messopfer nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde feiern darf.
ZU MEINEM LETZTEN Geburtstag hat mir Tante Lucille ein Tagebuch geschenkt. Auf der Vorderseite hat es ein farbiges Bild von einem Pferdekopf mit großen dunkelbraunen Augen, hinten ein herziges Murmeltier, das an einem Grasbüschel knabbert, den es zwischen den Pfoten hält. Das Beste daran ist, dass man das Buch abschließen kann. Den Schlüssel halte ich in der Spardose versteckt.
Wenn Tantelotte länger weg ist, zum Beispiel bei der Coiffeuse oder bei einer Nachbarin, schreibe ich in mein Tagebuch. Dass ich traurig bin, weil Tommy im Internat ist oder weil Mama vielleicht bald stirbt. Oder etwas aus der Schule, das ich niemandem erzählen will. Tantelotte erzähle ich sowieso nur etwas, wenn sie mich zwingt oder überlistet. Ich kann nie sicher sein, ob sie das, was ich ihr anvertraue, nicht hinterher meinem Vater oder meiner Mutter ausplaudert oder einer Nachbarin oder sonst jemandem. Oft bleibt sie nach dem Einkaufen noch lange im Gemüseladen stehen und redet mit der Frau, der das Geschäft gehört. Dann schimpft sie bestimmt über mich, sagt, dass sie mich überhaupt nicht lieb hat und dass ich immer so frech bin.
Vor Kurzem habe ich eine Liste mit Sachen erstellt, die ich besonders mag oder gerne mache. Den Titel habe ich in meiner schönsten Schrift mit grünem Farbstift zuoberst auf eine neue Seite geschrieben: Was ich besonders mag oder gerne mache. Darunter:
Heinz einen Verband anlegen
ein Zitronen-Tiki direkt im Mund
Papa Moll, Mama Moll, Willy, Fritz und Evi
und der Dackel Tschips
Zuckerwatte
Milchschokolade mit ganzen Haselnüssen
das Diktat zurückbekommen mit keinem
einzigen Fehler
das Lachen von Frau Simonis
bei Tante Lucille übernachten
wenn Tantelotte ihren Mittagsschlaf macht
meine Mama
Mama müsste eigentlich ganz zuoberst stehen.
Kaum hatte ich das alles aufgeschrieben, hörte ich Tantelotte im Korridor. Ich schloss das Tagebuch sofort ab, steckte den Schlüssel in die Spardose und schob das Buch in die hinterste Ecke meines Bettumbaus.
Als sie später wieder einmal wegging, schrieb ich eine neue Liste. Ein roter Titel, darunter alles, was ich nicht mag:
Tantelotte
Tantelotte
Tantelotte
Staubsaugen
Kuttelwürmer
Beichten und Beten
Ausflüge nach Braunwald
Ausflüge auf den Zugerberg
Ausflüge nach Wildhaus
mir die Bergnamen merken
dass ich nie Tischbomben knallen lassen darf
die Angst vor dem Internat
das kalte Haus in Tenero
wenn Tommy ins Internat zurückmuss
wenn Mama traurig ist
Haut auf der warmen Milch
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