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«Das wäre eine Möglichkeit.» Der Chefredakteur fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als ordnete er die Fotos bereits an. Abrupt hielt er inne und fragte: «Wo bekommen wir die Bilder von den wütenden Demonstranten her? Auch aus dem Archiv?»
Auf diese Frage hatte Bolp gewartet. «Nein, die machen wir jetzt gleich. Das Gesindel hat sich versammelt und feiert den Freispruch. Die sind noch da draußen. Da können wir Aufnahmen machen.»
Der Chefredakteur wiegte den Kopf. «Und wenn die langhaarigen Studenten da draußen völlig harmlos aussehen, was dann?»
«Nun …», Bolp merkte, wie ihm ein Grinsen über das Gesicht huschte, «… wenn die uns als Reporter des Berliner Blitz erkennen, werden sie schon die richtigen Mienen aufsetzen.»
Auch der Chefredakteur lächelte für einen winzigen Moment und sagte: «Gut, Herr Bolp. Vielleicht sollten Sie Herrn Glämmer begleiten. Damit er weiß, was er zu tun hat.»
«Das mache ich gern», sagte Bolp und registrierte den dankbaren Blick des Fotografen.
Peter Kappe eilte den Kurfürstendamm hinunter. Die Demonstration vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kurz SDS, war sein Ziel. Ein Pulk Studenten rief «Ho, Ho, Ho Chi Minh!» und «Enteignet die rechten Hetzblätter!». Aus allen Richtungen strömten immer mehr junge Leute herbei. Ihre Haare wehten im Märzwind wie Fahnen der Freiheit. Über den Köpfen flatterten auch ein paar echte Flaggen, die des Vietkong und von afrikanischen Befreiungsbewegungen. Peter hoffte, dass er seinen Freund Rüdiger Engelhardt und die Kommilitonin Stefanie Richter noch antraf, bevor in dem Gewühl niemand mehr zu finden sein würde. Im Mittelpunkt des Gedränges erkannte er einzelne Personen. Ein Vertreter vom SDS stand an der Spitze des Pulks. Er hielt ein Megafon in der Hand.
«Peter! Da bist du ja!», rief jemand.
Peter drehte sich um und sah, wie Stefanie mit Riesenschritten auf ihn zuhüpfte. Sie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Sofort schoss Peter das Blut ins Gesicht. Er blickte vorsichtshalber zu Boden.
«Du kennst Kurt?», fragte Stefanie.
Peter blickte auf. Neben Stefanie stand ein schlaksiger Mann um die dreißig. Er trug das Haar etwas kürzer als die meisten ringsherum und war im Gegensatz zu vielen anderen hier offenbar kein Student. Trotz seines Anzugs und seines Huts wirkte er lässig und auf der Demo nicht fehl am Platze. Selbstverständlich kannte Peter Kurt Kannenhenkel – von der Freien Volksbühne. Dort war der Schauspieler und Sänger der gefeierte Star. Obwohl Kannenhenkel nicht in einem Wohnheim oder einer Wohngemeinschaft lebte, sondern Frau und Kinder hatte und einen schnittigen Sportwagen fuhr, schlug sein Herz auf der richtigen Seite: auf der linken. Das war stadtbekannt.
«Hallo, Peter!», sagte Kannenhenkel. Seine Stimme klang so tief wie die E-Saite von einer Bassgitarre.
Peter hob die Hand zum Gruß. «Du nimmst dir Zeit für unseren Triumph?»
«Ein wenig», antwortete Kannenhenkel. «Um sechs muss ich im Theater sein. Dann müsst ihr ohne mich feiern.»
«Kommt, lasst uns ein Stück gehen und nach Rüdiger schauen. Der wollte auch kommen», sagte Stefanie. Ausgelassen ergriff sie Peters Hand und zog ihn zum Pulk der Studenten.
Natürlich traf Rüdiger viel zu spät ein, so wie immer. Doch Peter verdrängte die Gedanken an den Kumpel und zwängte sich hinter Stefanie durch die Demonstranten. An der Spitze der Menschenmenge feierte der Vertreter des SDS gerade den Freispruch im Prozess um das Kaufhaus-Flugblatt. Peter konnte den Mann aufgrund des Gedränges nicht richtig sehen, doch er hörte die Stimme aus dem Megafon.
«Ich bin gespannt, wie die Hetzer von der sogenannten Bürgerpresse ihren Lesern die unglaubliche Verschwendung von Steuergeldern in diesem Prozess erklären wollen.» Der Redner hielt einen Moment inne und ließ sich von den Demonstranten feiern. «Möglicherweise haben die Herren mit den Giftfedern ja ein Einsehen. Denn tatsächlich haben wir ihnen ein Schauspiel vorgeführt. Das vielleicht beste Schauspiel, das West-Berlin und Westdeutschland jemals gesehen haben. Eine Komödie mit uns in den Hauptrollen und mit den Bütteln des imperialistischen Regimes als Clowns!»
Die Menge johlte. In den Jubel mischte sich Geschrei. Peter drehte sich um und sah, wie eine Gruppe von Studenten wild gestikulierte. Einer rief: «Da vorn!», und ein gutes Dutzend Studenten rannte los. Peter erkannte Rüdiger. Der Freund spurtete der Gruppe hinterher. Also setzte auch Peter zum Sprint an.
«Blitz-Journalisten! Mörder und Faschisten!», grölte die Gruppe.
Nun sah Peter, dass die Studenten zwei Männer verfolgten. Unter ihren Mänteln lugten Anzughosen hervor. Der eine hielt noch auf der Flucht einen Fotoapparat in die Höhe, das Objektiv auf die Menge hinter ihm gerichtet. Die beiden hasteten auf ein Polizeiauto zu, das am Straßenrand parkte. Die Studenten reckten geballte Fäuste in die Höhe.
Aus dem Polizeiauto sprangen zwei Uniformierte. Der eine zog die Pistole aus seinem Halfter und richtete sie gen Himmel. Es sah unbeholfen aus, als wollte er eine Wolke bedrohen.
Die Studenten blieben stehen, brüllten jedoch weiter: «Blitz-Journalisten! Mörder und Faschisten!»
Der Mann mit der Kamera rannte um das Polizeiauto herum und stützte dann die Hand mit der Kamera auf die Motorhaube. Er drückte unentwegt auf den Auslöser.
«Der Junge wird schon kommen, beruhige dich», sagte Gertrud Kappe.
Otto Kappe sah seiner Frau dabei zu, wie sie den Topf mit den dampfenden Kartoffeln mit einem Küchenhandtuch abdeckte. Was für eine Ungerechtigkeit! Wenn der Bengel nicht pünktlich war, sollte er auch kein warmes Essen mehr bekommen. Das war jedenfalls Ottos Meinung. Sein Sohn Peter war schließlich kein kleines Kind mehr, das zu lange auf dem Spielplatz blieb, weil es die Uhr noch nicht lesen konnte. Peter würde bald seinen Diplomabschluss machen, hatte eine Assistentenstelle an der Freien Universität und wohnte in einem eigenen Zimmer zur Untermiete. Trotzdem hatte er jede Menge Flausen im Kopf. Bestimmt war das auch der Grund dafür, dass er wieder einmal zu spät kam, obwohl er mit seinen Eltern zum Abendessen verabredet war. Otto behielt seine Gedanken für sich und sagte nur: «Ach Gertrud, ich muss morgen zeitig raus und arbeiten.»
«Am Sonnabend?», fragte seine Frau.
«Wir haben einen neuen Mordfall und einen Angehörigen des Opfers ausfindig gemacht, den Bruder. Der war allerdings nicht zu Hause und auch nicht telefonisch zu erreichen.» Otto seufzte. «Wenn wir nicht morgen früh zu ihm fahren, erfährt der arme Kerl noch aus der Zeitung von dem Tod seiner Schwester.»
Gertrud entgegnete nichts, sondern deckte stattdessen auch die Kasserolle mit dem Braten ab.
«Es ist wieder so eine schreckliche Tat!», sagte Otto. Er redete nicht allzu oft mit seiner Frau über die Arbeit, doch manche Fälle nahmen ihn so sehr mit, dass er seine Gedanken mitteilen musste. Also fuhr er fort: «Wir haben heute eine Prostituierte erstickt in ihrem Bett gefunden. Seit Tagen lag sie tot dort, sagt unser Gerichtsmediziner. Sie war höchstens Mitte zwanzig, kaum älter als Peter. Ich frage mich bei so jungen Opfern immer, wie sie auf die schiefe Bahn geraten sind.»
«Das wirst du auch in diesem Fall herausfinden.»
«Bestimmt.» Otto strich sich über den Bauch. Wie immer nach dem warmen Essen am Freitagabend fühlte er sich müde. Er gähnte und sprach dann weiter: «Die junge Frau sah gar nicht aus wie eine … Nutte.» Er verwendete das ordinäre Wort absichtlich, damit Gertrud aufhorchte.
Tatsächlich setzte die sich neben ihn an den Tisch und fragte: «Wie sieht denn eine …», sie lächelte spitz, bevor sie weitersprach, «… Nutte normalerweise aus?»
«Ich weiß es auch nicht so genau. Schließlich bin ich ja nicht bei der Sitte. Das Opfer habe ich erst als Leiche gesehen. Aber ihre Wohnung …» Otto hielt einen Augenblick inne und dachte nach. «Sie war zwar verwüstet. Aber die Möbel … Alles sah so normal aus. Gutbürgerlich. Die Frau hatte sogar einen Papagei.»
«Einen Papagei?» Gertrud klang ratlos. «Was wird nun aus dem armen Tier?»
«Der Papagei kommt erst einmal bei der Nachbarin unter. Alles Weitere muss der Bruder entscheiden.»
«Hat die junge Frau denn keine Eltern?»
«Die sind offenbar tot. Mehr wissen wir noch nicht.»
Gertrud hob zu einer Antwort an, doch die Türklingel kam ihr zuvor. «Da ist er!», rief sie, während sie schon zur Wohnungstür eilte.
Otto sah ihr nach. Für das Familienessen hatte sie das feine Kleid angezogen. Niemals ließ sie sich selbst eine Nachlässigkeit durchgehen. Doch dem Jungen verzieh sie alles, seitdem er ausgezogen war. Bestimmt würde sie nicht einmal erwähnen, wie sehr er sich verspätet hatte. Otto hörte Gertrud im Flur mit Peter reden, doch die Worte verstand er nicht. Es klang jedenfalls nicht so, als würde sich Peter für seine Verspätung entschuldigen.
Gertrud betrat mit ihrem Sohn die Küche und strahlte vor guter Laune. Im Plauderton sagte sie: «Setz dich doch, Peter. Das Essen müsste noch warm sein. Ich tue dir etwas auf und gebe deinem Vater auch noch einen kleinen Nachschlag. Du kannst dich ja so lange mit ihm unterhalten. Er muss nämlich seit heute Nachmittag den Mord an einer Prostituierten untersuchen. Das ist doch beinahe dein Forschungsgebiet.»
«Mit den Auswirkungen der Prostitution auf die Beteiligten befasst sich natürlich in erster Linie mein Professor», erwiderte Peter und setzte sich.
«Mit Morden wird sich der Herr Professor sicher weniger beschäftigen», sagte Otto und winkte ab. Er verspürte nur wenig Lust, sich von seinem Sohn nach dessen üppiger Verspätung auch noch Vorträge anzuhören.
«Da hast du recht, Vater. Außerdem konzentriert er sich aus meiner Sicht viel zu sehr auf die Einzelfälle und verliert dabei die gesellschaftliche Perspektive aus dem Blick. Schließlich ist die Prostitution nicht zuletzt ein Symbol für die patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus im Allgemeinen und die Unterdrückung der Frauen im Besonderen.»
«Was?» Otto fuhr in die Höhe. «Du klingst ja wie einer von drüben.» Er zeigte in die Richtung der Anrichte. Dort war doch Osten, oder?
«Ach, das ist nur das Studium!», sagte Gertrud leichthin. «Da reden die jungen Leute heute so.»
«Die Kommunisten von diesem Sozialistischen Deutschen Studentenbund», murmelte Otto zerknirscht.
«Die haben vielleicht auch mit vielem recht», sagte Peter ruhig.
«Die müssen vor allem immer das letzte Wort haben.» Otto schlug mit der Hand auf den Tisch.
«Ihr hört damit auf! Sofort!» Gertrud hatte nicht laut gesprochen, trotzdem herrschte sofort Ruhe am Tisch.
Otto schaute zu seinem Sohn. Peter blickte seine Mutter bedröppelt an, so als hätte sie ihn beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt. Otto verspürte für einen Moment Genugtuung, dann merkte er, dass er vermutlich genauso aussah.
Gertrud schob die gefüllten Teller zu Otto und Peter. «Jetzt wird gegessen und nicht gestritten. Guten Appetit!»
ZWEI
Sonnabend, 23. März 1968
VON DEN 250 KILOMETERN bis ins Wendland hatten sie gerade einmal ein Viertel geschafft, und Peter Kappe hatte schon jetzt Schmerzen im Rücken. Beinahe im Sekundentakt fuhr der Käfer über eine der Nähte zwischen den Autobahnplatten. Wenn die Stöße schon in seinem Kreuz Schmerzen verursachten, wie sollte es dann erst seinem Großonkel Hermann ergehen? Der alte Herr hatte Peter gebeten, ihn in einem geliehenen Auto in die niedersächsische Provinz zu chauffieren, wo er sich nach einem Häuschen umschauen wollte. Er und seine Frau hatten beschlossen, ihren Lebensabend am Gümser See zu verbringen.
Peter sah zum Beifahrersitz, sein Großonkel schien bestens gelaunt zu sein. Er schaute aus dem Fenster auf die weiten Felder im Brandenburgischen.
An diesem Sonnabendmorgen war kaum jemand unterwegs. Sie hatten die Stadt schon bei Sonnenaufgang verlassen. Die Kontrollen an den Zonengrenzen, die Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen, der Zustand der alten Straßen – ihre Reise würde den gesamten Tag beanspruchen.
«Was macht das Studium?», fragte Hermann.
«Ich bin wohl nächstes Jahr fertig.» Peter überlegte, was der Großonkel darüber hinaus hören wollte. «Ich denke darüber nach, ob ich mich danach um eine Doktorandenstelle bemühe.»
«Hm», brummte Hermann so leise, dass es beinahe im Motorengeräusch unterging. Für einen Moment schwieg er, dann fügte er hinzu: «Die Uni scheint mir derzeit ein heikler Ort für junge Menschen zu sein.»
Peter entgegnete nichts. Er merkte, dass seinem Großonkel etwas auf der Seele brannte. Also wartete er.
«Dein Vater hat mir erzählt, dass du in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund eintreten willst», sagte Hermann so langsam, als wollten die Worte nicht über seine Lippen kommen. «Er ist gar nicht glücklich darüber. Außerdem macht er sich Sorgen, weil du mit den Leuten aus der Kommune I verkehrst.»
«Was ist denn so schlimm daran?», fragte Peter, ohne den Blick von der Autobahn zu wenden.
«Was daran so schlimm ist?», echote der Alte. «Glaubst du, die lassen solche Leute in den Staatsdienst? Was denkst du, wer an den wichtigen Stellen in der Universität sitzt?» Hermann schnaufte und hob den Zeigefinger. Nun sprach er lauter. «Abgesehen davon, könnte auch dein Vater Ärger bekommen. Er ist Beamter.»
«Ich denke, die Sippenhaft ist abgeschafft?», entgegnete Peter ebenso laut.
Das folgende Schweigen ging im Motorengeräusch unter. Peter konzentrierte sich auf die Fahrbahn, zählte die Leitpfosten neben der Spur. Eins, zwei, drei …
«Schau lieber mal beim Sozialdemokratischen Hochschulbund vorbei», riet ihm Hermann. «Dem SHB gehören alle an, die später einmal in der SPD was werden wollen. Und ohne Parteibuch kannst du in West-Berlin gleich einpacken.»
«Bei der SPD fällt mir nur Lenin ein», sagte Peter.
«Lenin?», fragte Hermann, und es klang wie: Was willst du denn mit dem alten Knilch?
«Der hat doch gesagt: Wenn die Sozialdemokraten Revolution machen und einen Bahnhof stürmen wollen, dann kaufen sie vorher eine Bahnsteigkarte.»
«Und was ist so schlimm daran, wenn Menschen sich korrekt verhalten?»
«Ach Hermann …» Peter seufzte und begann wieder Leitpfosten zu zählen. Diesmal kam er nur bis zwei. Im Rückspiegel sah er, wie ein Polizeiauto, irgend so ein Ost-Modell – war es ein Wartburg oder ein Moskwitsch? –, sich näherte und hinter den VW Käfer setzte. Peter merkte, wie er unwillkürlich im Sitz versank. Er gehörte nicht zu den Leuten, die den Osten verteufelten, vor dem Mauerbau hatte er sogar eine Freundschaft mit einem Ost-Berliner gepflegt. Doch mit den Volkspolizisten wollte er lieber nichts zu tun haben, unter den Linken in West-Berlin hatten die einen schlechten Ruf. Dabei hatte Peter sogar selbst einen Verwandten bei der Volkspolizei. Doch Onkel Hartmut jagte als Major der Kripo Mörder und keine unschuldigen Studenten aus West-Berlin. Was sollte er tun? Fuhr er zu schnell, würden die Ost-Polizisten ihn stoppen, fuhr er zu langsam, würden sie das vielleicht auch für auffällig halten. Er umklammerte das Lenkrad so fest wie einen Rettungsring und schaute auf den Tachometer. Der Zeiger ruhte auf der Hundert. Nun bloß nicht schneller oder langsamer werden! Peter merkte, wie sich seine Zehen auf dem Gaspedal verkrampften.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Großonkel sich zu dem Polizeiauto herumdrehte und dann wieder zu ihm blickte. «Da siehst du, was auf deinen Lenin folgt!»
«Sei still!», zischte Peter. Er war sich nicht sicher, ob seine Worte im dröhnenden Käfer zu hören waren. Doch das war ihm egal.
Der Polizeiwagen blinkte und überholte. Peter atmete durch und ließ das Lenkrad lockerer. Prompt holperte der Käfer bedrohlich nah an den Mittelstreifen. Schnell umfasste Peter das Lenkrad wieder fester. Die Vopos hatten anscheinend nichts davon mitbekommen, der Wagen verschwand am Horizont.
Peter blickte zum Beifahrersitz und höhnte: «Du musst mir gerade sagen, wie schrecklich die Polizisten im Osten sind! Dein Sohn Hartmut mischt da schließlich kräftig mit.»
«Da sagst du etwas», murmelte sein Großonkel. «Das ist auch ein Grund, warum ich nicht mehr in der Stadt leben möchte. Ich habe nur Polizisten in der Familie. So lässt mich meine eigene Vergangenheit nie los. Wann immer ich Zeitung lese, erfahre ich von Morden. Mein ganzes Leben verbringe ich nun schon mit Leichen und Mördern. Etwas Abstand wird mir guttun!»
Da braucht man aber doch nicht gleich in die westdeutsche Ödnis zu ziehen, dachte Peter. Er wunderte sich über den Sinneswandel seines Großonkels, der sich bis vor Kurzem noch gerne in die Fälle seines Vaters eingemischt hatte und sich nicht mit seinem Rentnerdasein hatte abfinden können. Peter mochte Hermann, und bald würde er quer durch den Osten fahren müssen, wenn er ihn und seine Frau besuchen wollte.
Hermann richtete sich im Beifahrersitz auf. «Zurück zu deinem Vater. Mit dem SHB könnte er sich sicher noch arrangieren. Aber er würde es nicht verkraften, wenn du beim SDS eintrittst.»
Otto Kappe und Hans-Gert Galgenberg stiegen aus ihrem Wagen und traten vor das Haus, in dem der Bruder des Opfers wohnte. Im Erdgeschoss befand sich ein Ladengeschäft, in dessen Schaufenster Bücher lagen. Kappe trat näher und entdeckte eine Bibel. Daneben fanden sich Prospekte über die Reinheit des Lebens und Erlösung durch Askese sowie ein Ratgeber mit dem Titel Mein Weg zur Enthaltsamkeit.
«Det sind ja echte Spaßkanonen hier!» Galgenberg tippte gegen das Schaufenster und grinste.
«Hans-Gert, nimm dich zusammen!», ermahnte Kappe seinen Kollegen. «Wir besuchen den Bruder eines Mordopfers.» Er wandte sich dem Klingelbrett zu. Auf einem kleinen Zettel neben der Schelle für Pasulke stand der Name Mönningsee. Lebte der Mann etwa in wilder Ehe – und das über solch einem frommen Laden?
Kappe klingelte, und der Türöffner summte. Im Hausflur roch es ein wenig modrig, vielleicht stand die Kellertür offen. Kappe schritt die Treppe in den ersten Stock hinauf. Dort fand er zwei Wohnungstüren, an der rechten stand in Frakturlettern Pasulke und darunter pappte wiederum ein schlichtes Zettelchen mit der Aufschrift Mönningsee. Kappes Annahme, es könnte sich um eine wilde Ehe handeln, erwies sich schnell als gegenstandslos, als die Tür von einer älteren Frau geöffnet wurde, die unmöglich mit dem Bruder einer jungen Frau verbandelt sein konnte. Sie trug eine große Brille und mochte um die sechzig sein.
«Sie wünschen?», fragte die Frau.
Kappe zückte seinen Dienstausweis, stellte sich vor und sagte: «Wir würden gern Herrn Dieter Mönningsee sprechen.»
«Der wohnt bei mir zur Untermiete. Kommen Sie herein!» Die Frau schritt durch den Flur, klopfte an eine Tür und rief: «Herr Mönningsee, die Polizei!» Sie klang, als verfasse sie innerlich schon das Kündigungsschreiben für den Untermietvertrag.
Die Tür ging auf, und ein hagerer Mann Mitte zwanzig erschien. «Für mich?», fragte er. «Warum?»
«Das kann ich Ihnen auch nicht sagen», erklärte Frau Pasulke und blieb neben der Tür stehen.
«Es liegt nichts gegen Sie vor, allerdings müssen wir Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen», sagte Kappe und stellte sich und Galgenberg erneut vor. «Können wir irgendwo ungestört reden?», fragte er schließlich und sah Frau Pasulke scharf an.
«Ich ziehe mich dann mal zurück», sagte Frau Pasulke. Sie klang so enttäuscht, als wäre sie von einer Familienfeier ausgeladen worden.
Mönningsee wies in sein Zimmer. Der Raum war spartanisch eingerichtet – eine Kommode, ein Schreibtisch mit einem Schemel davor, eine Schlafcouch. Die Fotografie über der Couch zeigte eine Familie neben einem DKW Junior. Kappe erkannte das Mordopfer und dessen Bruder. Das Bild musste fünf oder sechs Jahre alt sein, denn die beiden waren keine Kinder mehr, aber auch noch nicht so richtig erwachsen. Neben ihnen lehnte ein älteres Pärchen an der Heckflosse des schnittigen Wagens. Offenbar handelte es sich um die Eltern der Geschwister. Der Mann trug einen Anzug, und die Frau erinnerte mit ihrer blonden Pagenfrisur an Doris Day. Das Bild könnte auch als Plakat für eine amerikanische Kinokomödie dienen, dachte Kappe.
«Ich kann Ihnen leider nur den Platz auf meinem bescheidenen Sofa anbieten», sagte Mönningsee und setzte sich selbst auf den Schemel am Schreibtisch.
«Danke sehr», erwiderte Kappe. Sein Mund fühlte sich so trocken an, als hätte er zwei Stunden Sport getrieben und keinen Schluck getrunken. Er nahm Platz und sah, wie Galgenberg sich ebenfalls auf das Sofa plumpsen ließ. Der Kollege schaute demonstrativ zum Fenster hinaus. Das sah ihm ähnlich, die unangenehmen Gespräche überließ er dem Ranghöheren.
«Wir würden gern mit Ihnen über Ihre Schwester sprechen», sagte Kappe. Er merkte, dass er mit jedem Wort leiser geworden war.
«Hat Monika etwas angestellt?», fragte Mönningsee.
«Deswegen sind wir nicht hier.»
«Nein?»
«Herr Mönningsee …» Kappe zögerte einen Moment, dann fuhr er fort: «Wir müssen Ihnen leider eine sehr traurige Mitteilung überbringen. Ihre Schwester, Frau Monika Mönningsee, ist verstorben.»
Der Mann lehnte sich mit dem Rücken gegen seinen Schreibtisch und stammelte: «Wann? Wie? Und warum?»
«Wir ermitteln in der Sache noch, Herr Mönningsee. Doch zum derzeitigen Standpunkt spricht vieles für ein Tötungsdelikt.»
«Sie wurde umgebracht?»
«Davon müssen wir ausgehen.»
Mönningsee ließ den Kopf in seine Hände sinken. Er schluchzte leise und schwieg dann.
«Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu Ihrer Schwester stellen. Am liebsten natürlich jetzt gleich. Wenn es Ihnen lieber ist, können wir aber auch am Nachmittag noch einmal zu Ihnen kommen, oder Sie besuchen uns am Montagmorgen auf der Dienststelle», sagte nun Galgenberg. Kappe warf ihm dafür einen dankbaren Blick zu.
«Nein, nein. Das ist schon in Ordnung. Fragen Sie nur», sagte Mönningsee.
«Wie war das Verhältnis zu Ihrer Schwester?»
«Nun …», Mönningsee holte tief Luft, «… es wurde gerade wieder besser. Ich muss vielleicht ein wenig dafür ausholen.» Er zeigte auf das Foto mit der Familie, das über dem Sofa hing. «Unsere Eltern sind im vergangenen Oktober bei einem Autounfall ums Leben gekommen.» Mönningsee drehte sich zu seinem Schreibtisch, suchte etwas und hob ein Foto in die Höhe. Es zeigte seine Schwester in einem kurzen Rock und einem knappen Jäckchen. «Sie wissen ja sicher schon, welchem Beruf sie nachgeht … ich meine, nachging. Als meine Eltern das erfuhren, waren sie bestürzt. Besonders meine Mutter hat das nicht verkraftet. Ich habe damals noch zu Hause gewohnt, und Mama hat penibel darauf geachtet, dass Vater und ich keinen Kontakt zu Monika aufnehmen.»
«Wann haben Sie Ihre Schwester wiedergetroffen?», fragte Galgenberg.
«Anfang November. Kurz nach dem Tode unserer Eltern.» Mönningsee zögerte einen Moment. «Ich war verwundert, wie zufrieden sie mit ihrem Leben war.»
«Sie meinen, sie hat ihren Beruf jerne ausjeübt?», fragte Galgenberg, und der Schalk mischte sich in seinen Ton. Es fehlte nur noch, dass er anfing, irgendeinen Klassiker zu zitieren, wie er das in letzter Zeit gerne tat.
Kappe warf dem Kollegen einen strengen Blick zu.
«So weit würde ich nicht gehen. Allerdings schämte sie sich auch nicht für ihn. Zumindest mir gegenüber. Viel tiefer ließ sie mich freilich nicht in ihr Inneres blicken.»
«Wie oft haben Sie Ihre Schwester in der letzten Zeit gesehen?», fragte Galgenberg nun wieder sachlich.
«Vielleicht ein bis zwei Mal im Monat. Es war nicht so einfach, sie zu treffen. Wie Sie sich vorstellen können, erwartete sie häufig schon anderweitig Besuch. Manchmal auch sehr kurzfristig. Ich musste sie stets noch einmal per Telefon kontaktieren und mir den Termin bestätigen lassen, bevor ich bei ihr erscheinen durfte. So als wäre ich ein Handelsvertreter.»
Kappe wollte schon zur nächsten Frage ansetzen, da rieb sich Mönningsee die Stirn und fuhr fort: «Sie dürfen das nicht missverstehen. Ich konnte das Verhalten meiner Schwester durchaus nachvollziehen. Sie war seit Jahren auf sich selbst gestellt, und dann bin ich plötzlich wieder in ihr Leben getreten.» Der Mann schluchzte. «Ich wollte ihr die Zeit geben, die sie braucht. Sie war doch meine einzige nähere Verwandte.»






