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Die Frauen brachten kaltes Fleisch und den letzten Vorrat an Mescal, den sie bei ihrem Aufbruch vom Turkey Bach mitgenommen hatten. Als alle gegessen hatten, stand Chaddi auf und ging in die Mitte des Kreises. Er sprach ein Gebet und sang zu den Berggeistern. Beginnend im Osten, grüßte er den Führer der schwarzen Berggeister, dann, in Richtung der Sonnenwanderung, den blauen Häuptling des Südens, den gelben des Westens und den weißen des Nordens. Sie waren die Hüter, die Schutzgeister. Er endete mit einem tiefen Ton, schritt zu seiner Decke und setzte sich.
Nach einigen Minuten des Schweigens erhob sich Chihuahua. Der Siebenundfünfzigjährige ließ den Blick seiner für einen Apachen ungewöhnlichen, blaugrauen Augen über die beiden Kreise der Menschen schweifen, schaute dabei jeden einzelnen an. Er sprach mit fester, klarer Stimme.
„Heute sind wir glücklich. Wir sind zurück in unseren Bergen. Hierher zu gelangen war schwer. Dies sind die Berge unserer Völker, Chokonen und Chihenne. Der Schöpfer, die Weißbemalte Frau und Kind des Wassers, das geheimnisvolle Kind, gaben sie uns. Sie lehrten uns, was wir wissen, wie wir leben und wie wir einst lebten.”
Er machte eine Pause, kämpfte mit seinen Gefühlen.
„Wenn wir jetzt hierher kommen, finden wir das Land von Fremden besetzt. Es werden immer mehr. Wo vor drei Jahren keine oder nur wenige waren, sind jetzt viele. Überall”, er deutete in die vier Himmelsrichtungen, „im Osten, Süden, Westen, Norden gibt es jetzt Minen, neue Städte, neue Ranches. Rinder und zahme Schafe werden in unsere Berge getrieben. Vielleicht gibt es hier jetzt mehr zahme Schafe als Wild. Ist dies noch unser Land, oder gehört es ihnen?”
Er verstummte, und in die schweigenden Kreise kam Bewegung. „Als wir die Reservation verließen, den toten Boden, auf dem sie uns aushungern und töten, mussten wir uns den Weg hinaus erkämpfen. Als wir in diese Berge kamen, mussten wir uns den Weg hinein erkämpfen. Sie zwingen uns ständig zum Kämpfen. Wenn wir hier sind, müssen wir uns wie Diebe verstecken. Aber wir sind keine Diebe. Sie sind Diebe. Sie haben uns fast alles genommen. Sie wollen unseren Tod, denn in der Erde schweigen unsere Stimmen, und wir können nicht mehr die Wahrheit sagen. Diese Weißen sind schlimmer als jeder Feind, den wir jemals hatten.”
Ein deutliches, zustimmendes Murmeln war zu hören. Ein Baby weinte, aber seine Mutter beruhigte es schnell, verbarg es in ihrem Kleid und stillte es.
„Ich sage: Dies ist immer noch unser Land”, fuhr Chihuahua fort, „auch wenn die Weißen es scheinbar genommen haben. Wir kennen die besonderen Orte, die Wohnstätten der Berggeister, die geheimen Kraftplätze. Sie sprechen zu uns, aber die Weißen erkennen sie nicht. Sie sind Fremde hier und werden immer Fremde sein. Sie sind nichts, und nichts spricht zu ihnen. Nichts, das ist es, was sie sind.”
Er verfiel in Schweigen. Endlich blickte er auf, und langsam erhellte sich sein Gesicht.
„Wir müssen heute glücklich sein. Zwei Mal kämpften unsere Männer heute gegen viele. Sie kämpften gut, und wir haben niemanden verloren. Ihretwegen sind wir sicher. Wir danken ihnen.”
Nach einer Pause sagte er: „Mein Bruder soll sprechen.” Dann setzte er sich.
Josanie stand langsam auf, neunundfünfzig Jahre alt, die schlanke Gestalt völlig entspannt. „Wir kämpften zwei Mal”, sagte er einfach, „und heute haben unsere Feinde sich selbst ans Messer geliefert. Sie rannten in unsere Gewehre, als wären sie verrückt, vor allem der zweite Trupp. Sie waren blind.“
Er suchte kurz die Reihe der sitzenden Männer ab und gab ein Zeichen. Kezinne und Galeana standen auf, trugen die Bündel herbei und nahmen wieder Platz.
„Hier sind acht Gewehre und drei Handfeuerwaffen, die wir von der zweiten Gruppe erbeutet haben”, sagte er. „Sättel, Munition. Wer eine Büchse möchte, sollte sie nehmen. Die Patronen müssen unter uns allen aufgeteilt werden.”
So wurde es gemacht. Man rief die beiden Wächter heran, einige Männer inspizierten die Gewehre, und vier suchten sich eines aus. Die anderen und zwei Revolver gingen an die Frauen. Die Munition wurde in drei Stapeln aufgehäuft, 44er Kaliber Rimfire und Kaliber 44-40 und Kaliber 45-70 Centerfire, und dann gleichmäßig verteilt.
Nana hob seine Hand und die Gespräche verstummten.
„Wir hatten heute einen guten Tag”, sagte er. „Dank an unsere Männer. Die Geister waren heute gut zu uns.” Er machte eine Pause. „Wohin gehen wir nun? Ich will nach oben und hinüber zur Gabelung des großen Flusses, dorthin, wo die Klippenhäuser der Alten sind, dann zur Black Range. Es ist sicherer für uns, wenn wir uns trennen. Was wirst du tun?” Er sprach mit Chihuahua, aber fast jeder hörte ihn.
„Ich möchte in diesen Bergen bleiben”, sagte Chihuahua. „Leben, wie wir zu leben pflegten. Wapitis, Deer und Bighornschafe jagen. Es gibt hier viele Quellen. Vielleicht sollten wir uns im Herbst, bevor der Schnee kommt, östlich von hier an der Stelle bei den Klippenhäusern treffen. Wenn alles gut geht, können wir den Winter zusammen in dem hochgelegenen Grasland und im Wald nordwestlich der Klippenhäuser verbringen.”
Er schaute sich um und seine Männer nickten zustimmend.
„Ja”, sagte Nana, „lasst uns das tun. Wir werden es versuchen. Wir werden euch noch zwei Tage begleiten.”
So wurde es beschlossen. Die Nacht verbrachten sie im Hain am Little Whitewater Bach, bei Sonnenaufgang brachen sie auf. Sie kletterten in die grandiose Stille der Mogollon Berge und folgten dem alten Chokonen Weg, der den schmalen Pfad oberhalb des Bachs verließ und sich nordwärts zum Nabours Berg wand. Dann ritten sie unterhalb des kleinen Plateaus seines Gipfels in neuntausend Fuß Höhe vorbei und bewegten sich ostwärts in Richtung der Quellen des großen Whitewater Bachs zur Rock Spring. Manchmal hatten sie eine klare Sicht über das Tal und die Bergkette im Westen bis zum Bären Berg in Arizona, fünfundvierzig Meilen entfernt.
SIEBEN
Würde die Regierung die Apachen aus dem Sumpf von Ignoranz und abscheuerregender Erniedrigung erheben, in dem sie sich jetzt wälzen, müsste man ihnen eine Pflichterziehung angedeihen lassen. Mann muss sie unter Zwang lehren, systematisch zu arbeiten, und man sollte ebensolchen Zwang einsetzen, damit sie endlich akzeptieren, dass es notwendig ist, die heranwachsende Generation in das Mysterium der Bücher einzuweihen.
Zwang ist das einzige Gesetz, das der Indianer versteht und respektiert, es ist sein Gesetz, und wenn er daran scheitert, fehlt ihm die Kraft zum Weiterleben. Kein Argument wird ihn überzeugen, dass er sich aus einem anderen Grund in die Obhut des weißen Mannes begeben sollte. In Schlachten besiegt, seiner Waffen beraubt und unbarmherzig unter dem Stiefel des Eroberers zertreten, wird er sich in Demut der Macht beugen, die ihn unterworfen hat, und sich ohne Murren dem Willen seines Herrn ergeben. Unter solchen Bedingungen können die Apachen Zuverlässigkeit und Fleiß erlernen und dazu gebracht werden, ihre Kinder der Führung des weißen Mannes anzuvertrauen, damit ihre geistigen Fähigkeiten so gut entwickelt werden, wie es bei dieser schnell verschwindenden und scheinbar zum Untergang verurteilten Rasse möglich ist.
P. P. Wilcox, Indianeragent der Vereinigten Staaten. Bericht des Innenministers, Indianeragentur San Carlos, Territorium von Arizona, 9. August 1883.
Die Gesundheit der Indianer wurde nicht durch ungewöhnliche Krankheiten angegriffen; vielmehr haben die in heißem Klima üblichen Seuchen, schlechter Boden, unreines Wasser und uneingeschränkte Eingriffe in das soziale Leben bereits ohne Fremdeinwirkung bei der Ausrottung ganze Arbeit geleistet.
P. P. Wilcox, Indianeragent der Vereinigten Staaten. Bericht des Innenministers, Indianeragentur San Carlos, Territorium von Arizona, 15. August 1884

ACHT
Das Klettern war beschwerlich, und oft gingen die Reiter zu Fuß und führten die Pferde. An den Hängen standen Espendickichte, umgeben von Tannen und prächtigen Ponderosa-Kiefern. Die Luft war kühl und der Himmel wolkenlos. Der Wind wehte aus Südwest. Zwischen der Quelle und einem Riss im Felsen, aus dem das erste Rinnsal der mittleren Gabelung des Whitewater tröpfelte, befand sich eine dreieckige Senke. Dort schlugen sie ihr Lager auf.
Zwei Männer und die älteren Jungen gingen mit Bogen auf die Jagd und brachten zwei Wapitis und ein Deer. Mit dem übrig gebliebenen Fleisch der Rinder vom Blauen Bach war das genug Nahrung für den Abend. Erst nach der Dämmerung zündeten sie Feuer an und nahmen dazu trockenes Holz, das nur wenig Rauch verursachte. Am zweiten Tag schlachteten sie ein Pferd.
Am Morgen des dritten Tages zogen Nana und seine kleine Gruppe weiter.
Der alte Mann umarmte Chihuahua und Josanie. Sein zerfurchtes Gesicht war traurig und die Obsidianaugen unter der perlenbestickten Kriegshaube lächelten nicht. „Lebt wohl, Freunde”, sagte er. „Seid wachsam.”
Er drehte sich schnell um und ergriff den Zügel seines Pferdes, den ihm einer seiner Männer reichte. Sie schritten davon, ohne zurückzublicken. Mit Nana gingen vier Krieger und zehn Frauen und Kinder. So wenige, so erbärmlich wenige waren seit Victorios Zeit vor nur fünf Jahren von den Chihenne übrig geblieben. Chihuahua und Josanie sahen zu, wie sie zwischen den Bäumen verschwanden, hörten das Klappern von Hufen, dann Stille. „Wir sollten auch aufbrechen”, sagte Chihuahua.
Sie brachen das Lager ab und gingen auf einem anderen Chokonenpfad nach Westen. Fünf Meilen weit durchquerten sie ein sehr raues Terrain und erreichten dann in achttausend Fuß Höhe, einen Wasserfall und eine Höhle unter einer Klippe.
Sie suchten den Boden ab, fanden aber nur die Abdrücke von Deer, Pumas, Stachelschweinen und Waschbären.
Es gab keine Spuren von Menschen. Seit einiger Zeit schien hier niemand mehr gewesen zu sein. Der etwa vierzehn Fuß hohe Wasserfall war nur noch ein Rinnsal, das Ergebnis einer Jahreszeit ohne Regen, aber das kleine, im Gestein darunter eingebettete Bassin war mit klarem, kalten Wasser gefüllt. Einige Männer kletterten über die Felsen, die von der Decke der Höhle und der Klippe darüber gefallen waren und einen Großteil des Eingangs abschirmten. Ein gutes Versteck, aber auch eine gefährliche Falle. Sie durchsuchten den Innenraum, der sich vierzig Fuß tief erstreckte, entdeckten auf der weichen Oberfläche des Bodens jedoch nur die Spuren von Pumas, die diesen Platz zu bevorzugen schienen.
Weiße Wolken drifteten aus Südwest heran und die Menschen wussten, dass es bald regnen würde. Sie lagerten entlang des winzigen Bachs, der den Anfang des Shelter Canyon bildete, und brachten die Pferde in die weniger als eine Meile entfernte Holt Gulch. Im Feindesland behielten sie die Herde niemals in der Nähe des Lagers, sondern versteckten sie an einem abgelegenen Platz. Sollte das Camp angegriffen werden, könnten sie zu den Pferden fliehen; falls man aber die Tiere einfing, würden sie dagegen zu Fuß entkommen und später neue Pferde erbeuten. Zwei Wächter wurden bei der Herde gelassen, um sie zusammen zu halten und vor Pumas und umherziehenden Grizzlys zu schützen.
Männer und Jungen gingen mit Pfeil und Bogen hinaus, um zu jagen und nach Spuren von Pferden und Menschen Ausschau zu halten. Die ersten Jäger kamen noch vor dem Mittag zurück, die letzten am späten Nachmittag. Sie hatten ungefähr eine Meile um das Lager herum erkundet und nichts Verdächtiges gefunden. Der Fang bestand aus einem Wapiti und einem Deer. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde mit trockenem Holz Feuer gemacht. Es war eine ruhige Nacht, nur von den Geräuschen der Berge erfüllt. Einmal heulten Wölfe gen Westen. Nach Mitternacht brannten die Feuer nieder. Beim ersten Morgenlicht gingen zwei Männer den Pfad entlang, um die Wächter abzulösen, und andere standen auf, um sich auf eine weitere Jagd vorzubereiten. Das Camp erwachte.
Ohne Warnung durchbrach das Krachen von Gewehren die Stille. Der schmale Canyon war erfüllt mit dem ohrenbetäubenden Lärm der Schüsse, die von der nördlichen Berghöhe kamen. Schwere Bleikugeln schlugen wie Hagel um die Menschen herum ein, die auf der Suche nach Deckung davonhasteten oder -krochen. Die Männer feuerten verzweifelt auf die blitzenden Waffen hoch über ihnen. Einige Frauen und Kinder rannten nach Süden, an der Klippe entlang Richtung Höhle, die meisten bewegten sich im Schutz des Abhangs und zwischen Felsblöcken stromaufwärts, um den erbarmungslosen Gewehren zu entkommen. Nur Chaddi saß, vollkommen entrückt von dem Blutbad um ihn herum, auf seiner Decke in der Mitte des Lagers, bemalte sich und sang ein heiliges Lied, das den Lärm übertönte. Überall um ihn herum gingen Geschosse nieder. Chihuahua stürmte vorwärts und zog ihn weg. In der Schlucht lagen zerschmetterte Körper. Als die stromaufwärts fliehenden Menschen einen Sattel erreichten, wo sie vor den Feuerwaffen sicher waren, folgten die Männer und bildeten einen Schutzschild hinter ihnen.
Das Schießen hörte auf. Auf dem Bergrücken befanden sich vielleicht sechzig oder mehr Schützen. Einige Männer in blauen Uniformen versuchten, zum Camp hinunterzuklettern. Sie kamen in Reichweite der Büchsen der Chokonen, und Soldaten fielen. Die, die noch konnten, liefen zurück und außer Sichtweite, dann war es vorbei.
Plötzlich herrschte eine tödliche Stille. Als die Frauen und Kinder über den Pfad zu dem Platz gingen, an dem die Pferde versteckt waren, blieben die Männer zurück. Die Kavallerie folgte dem Rückzug der Apachen nicht.
Aus der Richtung der Höhle war ein kurzes Aufflackern von Gewehrfeuer zu hören. Josanie und einige Männer kletterten um den Felsen herum, kamen an der Südseite der Klippe herunter und näherten sich dem Wasserfall und der Höhle. Dort fanden sie den alten José Second. Er lag tot in der Nähe, zwei Mal in den Kopf getroffen. Unbewaffnet hatte er versucht, die Kavalleristen von der Höhle abzulenken, aber sie hatten ihn eingeholt und getötet. Auf dem Boden vor und in der Höhle waren Hufspuren und Blut, und einige leere Patronenhülsen lagen herum.
Wer immer versucht hatte, sich hier zu verstecken, war entführt worden.
In den Trümmern des Lagers fanden sie drei Frauen und ein siebenjähriges Mädchen. Auch sie waren tot. Eine der Toten war Chihuahuas alte Mutter. Zwei verwundete Soldaten wollten sich über den Kamm des Bergrückens wegschleichen, aber Nitzin kletterte ihnen nach und erstach sie mit einer Lanze.
Es waren Negersoldaten wie jene, die in Fort Bayard stationiert waren, keine weißen Soldaten aus San Carlos oder Fort Apache. Sie starben schreiend. Als die Pferde herbeigebracht wurden, zählte man die Überlebenden. Fünf Frauen fehlten, darunter auch Chihuahuas Ehefrau Coro, außerdem zwei Jungen, Chihuahuas Sohn Eugene und Josanies Sohn Nachi. Sie waren zuletzt gesehen worden, als sie südwärts gerannt waen. Viele waren leicht verletzt, hauptsächlich durch herumfliegende Gesteinssplitter, aber zwei Männer und ein Kind hatten Fleischwunden von Kugeln.
Josanie und eine Handvoll grimmiger Krieger ritten hinter dem Trupp her, hielten sich aber außer Reichweite. Sie folgten dem Canyon fünf Meilen weit und kamen an die Stelle, wo er sich zum Tal verbreiterte. Nahe der kleinen Mormonenstadt Pleasanton, die drei Meilen entfernt auf der Straße nach Silver City am Rand der Flutebene des San Francisco Flusses lag, sahen sie die Kavalleriekolonne ziehen. Durch Galeanas Fernglas konnten sie erkennen, dass die Soldaten die Gefangenen über ihre Sättel geworfen hatten, um schneller vorwärts zu kommen. Die Männer wollten hinunter zum Feind, aber Josanie hielt sie zurück.
„Zu viele Gewehre für uns”, sagte er. „Bevor wir sie erreichen können, haben sie die Gefangenen längst getötet. Wir werden ihnen später folgen.” Also wendeten sie ihre Pferde und ritten zurück in die Berge.
Alle Augen richteten sich auf sie, als sie ins Lager kamen. Josanie suchte den Blick seines Bruders und schüttelte den Kopf. Sie stiegen ab. Die Toten waren gewaschen, gereinigt und nebeneinandergelegt worden. Dann begann das Wehklagen, der traurige, durchdringende Trauergesang. Er hallte über die Berghänge und endete mit einem Schrei wie der Ruf des Wanderfalken am Himmel, schroff und rau. In Decken gewickelt wurden die Toten von ihren nächsten Verwandten getragen. Die Träger entfernten sich vom Camp, Chaddi begleitete sie. In einer Nische an der Rückseite der Höhle, wo die Wände stark abfielen, wurden die Körper mit einigen persönlichen Dingen bestattet. Der Begräbnisplatz wurde mit Felsen verschlossen.
Die Arbeit dauerte einige Zeit. Chaddi hatte außerhalb ein kleines Feuer errichtet, und als die Träger heraus kamen, legte er eine Handvoll Salbei auf die brennenden Zweige, Geistermedizin. Sie badeten ihre Hände im Rauch und rieben sich von den Mokassins bis zum Kopf ein, um sich zu reinigen. Im Camp wurde das lange schwarze Haar derer, die nahe Verwandte der Verstorbenen waren, auf Schulterlänge gekürzt. Josanies Frau Jaccali schnitt das Haar ihres Ehemannes, Chihuahuas und ihr eigenes.
Chihuahua sprach kurz. Er nannte die wahren Chokonen-Namen der Toten zum letzten Mal. Sie würden nie wieder ausgesprochen werden. Die Toten wollten Frieden. Würden ihre Namen von den Lebenden geatmet werden, könnten ihre Geister, durch diese Worte gerufen, aus der anderen Welt kommen und diese Welt stören.
NEUN
Bevor es wirklich hell wurde, baten mein Cousin (Josanies Sohn) und ich unsere Mütter um unsere Bögen und Pfeile und gingen die Anhöhe hinunter, um nach Kaninchen Ausschau zu halten. Links von uns befand sich die Schlucht mit der Höhle, und nicht weit davon entfernt waren die Pferde verborgen. Im Falle eines Angriffs sollten unsere Männer die Kavallerie von den Schutzlosen weglocken.
Plötzlich summte etwas an meinem Ohr vorbei. Ich hörte einen Schuss, dann viele. Mein Cousin stürzte. Als ich versuchte, ihn aufzuheben, spürte ich Blut an meinen Händen. Ich konnte ihm nicht auf die Füße helfen. Er sagte, dass ich gehen und mich selbst retten sollte. Plötzlich kam eine Frau zu uns. Sie hob meinen Cousin auf ihre Schulter und rannte den Bergrücken entlang. Ich folgte ihr.
Als wir eine Stelle erreichten, an der ein seichtes Bächlein über die Klippe tröpfelte, hielt sie an. Die Steine waren glitschig. Unten sah ich einen Mann stehen. Sie legte den verwundeten Jungen nieder und schubste ihn hinunter. Der Mann, José Second, fing ihn auf und ließ ihn vorsichtig zu Boden gleiten. Dann stieß sie mich von der Klippe und kam nach, aber weil sie schwerer war, fielen sie und José Second hin. Mit dem verletzten Jungen in seinen Armen führte er uns zur Höhle, wo schon viele Frauen und Kinder waren.
Die Kavallerie verfolgte die Männer, aber sie ließen einen schwarzen Sergeant und Soldaten zurück, welche die Frauen suchen sollten. Sie ritten zur Quelle, um ihre Pferde zu tränken, entdeckten unsere Spuren, folgten ihnen und schleiften uns aus der Höhle hinaus. Drei Frauen waren verwundet, eine hatte ein Einschussloch in der Wade. Meine Mutter war auch dort. Ich suchte nach meiner Großmutter, aber meine Mutter schüttelte den Kopf.
Tränen rannen über ihr Gesicht, und ich wusste, dass meine Großmutter getötet worden war. Es fehlten noch andere Frauen, und wir erfuhren nie, ob sie tot oder verletzt waren.
Die Soldaten legten meinen Cousin auf ein Maultier, aber er kam nicht lebend in Fort Bowie an. Keiner der Frauen, nicht einmal den verwundeten, wurde gestattet zu reiten. Wir wurden wie Rinder getrieben. Die Frau mit der Schusswunde im Bein hinkte mit, so gut sie konnte. Meine Mutter gab mir ein Zeichen, und ich verließ die Marschlinie, um ihr einen starken Stock zu holen. Damit hielt sie humpelnd mit den anderen Schritt. Ich weiß nicht, wie lange wir brauchten, um das Fort zu erreichen, aber als wir dort waren, wurden wir in ein Gebäude gesperrt. Sie warfen etwas Essen für uns auf den Boden, als wären wir Hunde.
Nach ein oder zwei Tagen durften die Kinder draußen spielen und die Frauen mussten Latrinen ausheben… Hacken und Schaufeln! Die Frauen, sogar die Verletzten! Sie ließen diese Frauen graben und zwangen sogar die Lahme, mit ihnen zu schuften. Sie band den Stock an ihr Bein, um es zu stützen, und arbeitete. Als sie hinfiel, stieß ein Soldat sie mit seinem Gewehr an und trat sie, bis sie sich aufraffte. Eines Tages stürzte sie wieder, und weder Tritte noch Stöße konnten sie dazu bringen, aufzustehen. Wir wussten, dass sie geflohen und an den Ort des Glücks gegangen war, und wir waren froh.
Augenzeugenbericht von Eugene Chihuahua, Sohn des Häuptlings, über den Angriff auf das Camp der Gruppe in den Mogollons am 24. Mai 1885 und die Geschehnisse danach, aufgenommen von Eve Ball.

ZEHN
Die Apachen beluden die Pferde und ritten fort von dem Ort des Todes. Dieses Mal war es Chaddi, der die Trennlinie auf den Boden zeichnete. Achtzehn Meilen ritten sie bergauf, bis zur Quelle des Apache in zehntausend Fuß Höhe unter der Krone der Center Baldy Berge. Am Rande eines grasbewachsenen Plateaus, hoch über den umliegenden grünen Bergen, errichteten sie ihr Lager zwischen Kiefern, im Dunst aufziehender Wolken und unter sanftem Regen - weiblicher Regen, Tränen des Himmels. Niemand aß etwas und eine lange Zeit herrschte Schweigen.
Sie verbrachten eine nasse Nacht. Der Berg selbst schien sich gegen sie verschworen zu haben.
Doch vor Einbruch der Morgendämmerung hörte der Regen auf, die Wolken zogen weiter, und sie beobachteten einen strahlenden Sonnenaufgang. Das großartige goldene Licht kehrte wieder in die Welt zurück. Obwohl sie wussten, dass der Rauch aus großer Entfernung zu sehen sein würde, entzündeten sie große Feuer. Sie trockneten ihre Kleidung und Decken und kochten das übrig gebliebene Fleisch.
Nach dem Tod seiner Mutter und der Gefangennahme seiner Frau und seines Sohnes hatte sich Chihuahua mit seiner jungen Tochter Ramona zum Lagerplatz seiner Schwägerin gesellt.
Jaccali und Ramona brachten den Brüdern das Essen. Die Männer saßen mit gekreuzten Beinen da, beobachteten die grasenden Pferde, die sich gegen den Himmel abzeichneten, aßen und blickten zu den Feuerstellen.
Wir beide, vierzehn Männer und Zilahe, der Dikohe und damit noch kein vollwertiger Krieger ist, dreißig Frauen und Kinder und ein alter Mann, das sind alle, die noch von uns übrig sind, dachte Josanie. Noch wusste er nichts von dem Tod seines Sohnes.
Chihuahua schaute ihn an, schien seine Gedanken zu ahnen.
„Vielleicht sollten wir aufgeben.”
„Uns ergeben?”, fragte Josanie.
„Ja.”
„Wir haben uns vor zwei Jahren ergeben. Und davor auch schon mal. Wir haben es versucht. Dort, auf jener Reservation, können wir nicht leben”, sagte Josanie.
„Hier können wir auch nicht leben.” Chihuahuas Hände formten eine hilflose Geste. „Es war falsch von mir, zu denken, dass wir es könnten. Es war meine Schuld.”
„Nein”, erwiderte Josanie heftig. „Es ist einfach passiert. Wir waren vorsichtig, aber es ist passiert. So etwas ist schon früher vorgekommen. Es gibt zu viele von ihnen. Ich weiß nicht, wie sie uns finden konnten.” Er machte eine Pause, schüttelte den Kopf. „Sie sind nicht über den Weg gekommen, sondern von unten. Vielleicht haben sie die Berge mit ihren Feldstechern abgesucht und einen unserer Männer bei der Jagd gesehen.”
„Ich habe bereits meine Mutter, meine erste Frau und meinen Sohn verloren. Ein anderer Sohn ist in Fort Apache gefangen”, sagte Chihuahua bitter. „Warum sollte ich weiter machen? Ich will nicht ohne sie sein. Ich weiß nicht, ob meine Frau und mein Sohn noch leben.”
Die Männer verfielen in Schweigen. Josanie spielte mit einem Stock und kratzte Figuren in den blassbraunen Teppich aus Kiefernnadeln. „Ich habe keine Körper auf dem Pfad gefunden. Wir sahen die Gefangenen bei den Soldaten. Sie leben.”
Nach einer Pause sagte er: „Auch ich habe meinen Sohn verloren.” Er wartete. „Bishs Frau und seine kleine Tochter wurden getötet. Tsachs Frau ist gefangen. Nalgees zweite Ehefrau ist eine Gefangene. Die Frauen von Tisnol und Parte wurden entführt. Partes Vater, der alte Mann, wurde umgebracht. Gestern haben wir alle gelitten. Viele sind verwundet.”




