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Er machte wieder eine Pause. „Ich werde ihnen irgendwann folgen und sie zurückbringen. Ich bin sicher, dass sie nach Fort Apache gebracht werden. Ich gehe dorthin und hole sie.”
Wieder herrschte Schweigen. Dann fuhr er leise fort: „Du bist Nantan, Häuptling dieser Gruppe, wie es schon unser Vater war. Das darfst du nicht vergessen. Du musst an diese Menschen denken. Muss ich dir das erst sagen?”
Sie saßen still da, dann sagte Chihuahua: „Du hast Recht.”
Und nach einer Pause: „Naiche und Geronimo… , sie haben wahr gesprochen. Ich war blind. Hier werden wir niemals sicher sein. Wir müssen über die Grenze gehen.”
Ramona wurde losgeschickt, um die Männer zu holen, und als sie versammelt waren, erzählte er ihnen, worüber er und Josanie gesprochen hatten. Sie saßen mit ernsten Gesichtern da und hörten zu. Seit ihrer Geburt waren sie von Krieg und Tod umgeben gewesen. Alle hatten geliebte Menschen an den Krieg oder die Krankheiten des weißen Mannes verloren, und sie mussten zusehen, wie ihre Zahl stetig abnahm. Sie trauerten, zeigten es jedoch nicht. Wie so viele Male vorher würden sie sich wie in die Enge getriebene Grizzlybären für den Schmerz rächen, der ihnen zugefügt worden war.
Sie sprachen langsam und sorgfältig, wogen ihre Worte ab, und alle beschlossen gemeinsam, dass sie nach Mexiko in die Sierra Madre gehen und die Gefangenen und andere Mitglieder ihrer Familien, die noch auf der Reservation waren, später retten würden. Ein Plan wurde gefasst, und dann brachen sie noch vor dem Vormittag das Lager ab. Sie ritten über den rauen Weg durch das Hochland nach Osten, dann südlich in den Canyon des Mogollon Bachs. Galeana und Kezinne ritten voraus. Sie konnten den Pfad hinter ihnen außer Acht lassen, denn der Regen hatte ihre Spuren weggewaschen.
Auf einer Wiese nahe der Quelle des Hobo fanden sie ein Dutzend tote Schafe, die Kadaver waren etwa zwei Wochen alt und teilweise aufgefressen. Mehrere weiche, weiße Körper waren auf den Steinen am Abhang unterhalb des kleinen Plateaus verstreut, von dem die Schafe in Panik gestürzt waren. Neben der Quelle stand das zerfetzte, grüne Zelt eines Schafhirten. Die bereits verwesende Leiche eines Mexikaners lag in der Nähe, Kopf und Hals waren schwer verletzt, der rechte Arm abgerissen. Dicht bei ihm war ein toter Hütehund.
Selbst vom Pferderücken aus konnte man leicht erkennen, was hier passiert war. Ein Grizzly hatte die Schafe angegriffen und zwölf gerissen, während die Herde durchging. Der Mann und der Hund hatten versucht, den Bären zu vertreiben, aber er hatte auch sie getötet. Er war einige Tage geblieben und hatte sich von den Kadavern ernährt.
Nach dem Bären waren Kojoten und Bussarde gekommen.
„Sie treiben ihre Schafe bis hierher, so hoch auf den Berg”, sagte Galeana grimmig.
„Der Berg hat sie getötet”, meinte Chaddi.
„Die Weißen werden sagen, wir hätten sie getötet”, entgegnete Josanie.
Eine Meile östlich von Hobo Spring erreichte die Gruppe die Quelle des Mogollon Bachs und stieg in die Schlucht hinab. Während des Rittes hatten die Bogenschützen zwei Hirsche erlegt, und am frühen Nachmittag schlugen die Apachen bei einer Quelle unter dem Lookout Berg ihr Lager zwischen roten, ocker farbenen und grauen Klippen auf.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Süden, und sie kamen unterhalb von Buds Hole zum Hauptflussbett des Mogollon Bachs. Sie folgten ihm westwärts zu einer anderen Quelle, als Galeana und Kezinne, die vorausgekundschaftet hatten, fünf rote Jungochsen herantrieben, die sie jenseits der Mündung des Canyons etwa eine Meile entfernt eingefangen hatten.
Chihuahua und Josanie beschlossen, dass die Gruppe hier bleiben würde. Die Frauen schlachteten die Ochsen, um für den schnellen Ritt gen Süden, nach Mexiko, Proviant zu haben. Das in dünne Streifen geschnittene Fleisch wurde in der Sonne getrocknet und in der Nacht über Feuern geräuchert.
Einige ihrer Pferde waren in schlechtem Zustand und viele hatten ihre Beschläge verloren. Das Laufen auf harten Bergpfaden hatte ihre Hufe abgenutzt und manche lahmten unter Schmerzen. Um es bis zur Sierra Madre zu schaffen, brauchten die Chokonen frische Tiere. Außerdem mussten sie die Aufmerksamkeit von der Route, die sie nehmen wollten, ablenken und die Militäreinheiten und Aufgebote, die auf sie warten würden, dazu bringen, an den falschen Stellen zu suchen.
Es wurde beschlossen, dass Chihuahua und sieben Krieger zwei Tage mit dem Camp am jetzigen Platz bleiben würden. Am dritten Tag sollten sie westwärts zum Little Dry Bach und über die Straße nach Silver City ziehen und bei den beiden Quellen in der Schlucht nahe des San Francisco Flusses warten.
Zwei Angriffstrupps würden ausziehen. Josanie und Tsach, jeder mit drei Männern, würden im Abstand von zehn bis zwanzig Meilen nach Süden reiten. Josanie würde entlang der Straße nach Silver City und ein Stück weit nach Westen im Tal des San Francisco Flusses zuschlagen. Tsach würde den Weg durch das Tal des Bären Bachs nehmen und bis zum Rand von Pinos Altos, der Bergbaustadt nördlich von Silver City, einem Kampfplatz vergangener Tage, gehen.
Beide Gruppen sollten Pferde erbeuten und am Nachmittag des dritten Tages an der Stelle mit den zwei Quellen auf das Camp treffen. Falls das Lager nicht dort war, sollten die Reiter nach Signalen von Handspiegeln Ausschau halten.
Bei Sonnenaufgang verließen die beiden Kriegstrupps die Mündung des Canyons auf den besten Pferden, die in der Herde noch zu finden waren. Die Männer trugen blaue Kalikohemden und hätten von Weitem für Armeescouts gehalten werden können. Wo der Rain Bach vom Norden her in den Mogollon Bach floss, trennten sie sich. Tsach und seine Begleiter hoben den rechten Arm zum Gruß und folgten dem sich verbreiternden Tal nach Süden in Richtung des Gila und des Bären Bachs. Josanie und seine Männer erhoben ebenfalls ihre Arme und wandten sich westwärts. Sie erklommen die Mesa des Rain Bachs, die dritte in einer Kette von Mesas, die sich in fünf aufeinander folgenden Lagen, immer eine auf der anderen, gen Osten von der Talsohle bis zu den hohen Mogollon Bergen erhob. Dann ritten sie die wenigen Meilen bis zu der Schlucht, durch die der Sacaton Bach nach Süden floss, stiegen hinunter und ritten in seinem Schutz, bis sie noch eine Meile von der Straße entfernt waren. Galeana ging auf einen Hügel, der klare Sicht in beide Richtungen bot, und blickte durch sein Fernglas. Die Straße war leer.
Sie kamen auf einer kleinen Fläche heraus, wo sich der Sacaton Fluss mit dem Enten Bach vereinigte. Der Fluss floss von Nordwest nach Südost, und die Straße wand sich auf höherem Gelände an ihm entlang. Nachdem sie die Kiesstreifen und das kleine Rinnsal überquert hatten, stiegen Josanie und Galeana ab und gingen zur Straße.
Dieser schmutzige Streifen war die wichtigste Verbindung zwischen den Rinderstädten, Bergbaurevieren und Militäreinrichtungen von den Ebenen von San Agustin entlang der Flüsse Tularosa und San Francisco nach Silver City und Fort Bayard bis zu den Eisenbahnstädten Lordsburgh, Separ und Deming weiter südlich. Er war auch einer der bekannten Wege der Gesetzlosen von und nach Mexiko, der von weißen Viehdieben und Halsabschneidern benutzt wurde.
Sie betrachteten die Fährten. Kavallerie und einige von Maultiergespannen gezogene Transportwagen waren vor drei Tagen nach Süden unterwegs gewesen, aber seit dem Regen war niemand vorbeigekommen. Die Furcht vor uns hat die Straße geschlossen, grübelte Josanie. Der Regen hatte einige der Abdrücke verwischt. Danach war der sandige Boden unter der Sonne hart geworden. Dies war auch die Straße, auf der die entführten Frauen und Jungen fortgeschafft worden waren. Josanie und seine Männer suchten und fanden Abdrücke von Füßen mit Mokassins. Die Gefangenen hatten laufen müssen und eine hatte stark gehinkt.
Mit grimmiger Entschlossenheit ritten die Krieger weiter entlang des Enten Bachs bis zu einer Senke, die von Westen einmündete. Die Straße tauchte hinein, und sie durchwateten das Wasser eines Flüsschens und überquerten sie, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie ließen die Pferde durch die Senke im Schritt gehen, an einer Kette niedriger Hügel vorbei, die weniger als eine Meile entfernt fast parallel zur Straße verlief. Dann wandten sie sich nach Süden und trieben die Tiere zum Galopp.
Nachdem sie an einigen weit verstreuten Gruppen roter Rinder vorbeigekommen waren und ein paar sumpfige Gebiete umgangen hatten, überschritten sie zehn Meilen unterhalb des Sacaton den Gila Fluss. Drei Meilen östlich thronten die Gebäude der riesigen Lyons-Campbell-Ranch über dem Fluss, eine arrogante Beanspruchung gestohlenen Landes.
Tsach wollte sie an der Ostseite passieren. Wenn er woanders keine Pferde bekommen hatte, würde er sie trotz der vielen Cowboys und Arbeiter von dieser Ranch treiben. Die Ranch zu plündern wäre unmöglich gewesen, selbst wenn die beiden Trupps ihre Kräfte vereinigt hätten.
Josanie und seine Männer folgten der Straße weiter nach Westen. In der Nähe des Platzes mit den vielen Quellen (Mangus Springs) und bei den Ruinen des Soldatenforts, in dem vor ungefähr zwanzig Jahren Mangas Coloradas der Häuptling der Mimbres-Apachen gefoltert und ermordet worden war, überraschten sie drei Goldsucher, die aus den Burro Bergen gekommen waren.
Als Josanie gerade eine mit Kiefern bewachsene Landzunge umrundete, standen sich die Reiter und die Goldsucher plötzlich gegenüber, weniger als einhundert Yards voneinander entfernt. Es waren Männer, welche die Berge der Chokonen und Chihenne nach Gold und anderen Metallen durchwühlten, in der Erde scharrten und auf Felsen hämmerten, und Tausende, die wie sie waren, folgten ihnen. Hier saßen sie am Boden, rasteten nach der Rückkehr von einem Ort, der nicht ihnen gehörte, und zogen weiter zu einem Platz, der nicht ihr Eigentum war. In ihrer Nähe waren zwei schwer beladene Maultiere.
Die Krieger reagierten sofort. Während Josanie und Nalgee direkt auf sie zu ritten, schwärmten Galeana und Kezinne aus, um sie rechts und links von der Seite anzugreifen. Einer der Goldsucher rannte los, die anderen beiden versuchten verzweifelt, ihre auf den Packsätteln der Mulis festgebundenen Waffen zu erreichen. Der Erste konnte noch einen ungezielten Schuss abfeuern, als die lange Klinge von Nalgees Lanze seine Achselhöhle durchbohrte. Josanie erschoss den zweiten Mann aus geringer Distanz, und sie hörten die drei Schüsse, mit denen Galeana den Fliehenden niederstreckte.
Sie fingen die brüllenden Maultiere ein, die vor den Schüssen davongelaufen waren, nahmen ihnen die Packsättel ab und ließen sie frei. Dann durchsuchten sie das Gepäck. Es enthielt nichts Brauchbares außer zwei Schachteln 44-40er Patronen, Munition für Galeanas und Nalgees Gewehre. Sie berührten die Toten nicht, und wieder zeichnete Josanie die Pollenlinie auf den Boden. Weil sie sich nicht mit zusätzlichen Waffen belasten wollten, versteckten sie die Gewehre, Handfeuerwaffen und eine Schachtel mit Munition in einem kleinen Hohlraum unter den Wurzeln einer Kiefer, markierten den Platz mit einem blauen Stoffstreifen und ritten weiter.
Im Mangas Tal legten sie weitere zwölf Meilen in Richtung Süden zurück, dann bogen sie ab, folgten der Straße nach Silver City und prägten sich zwei Plätze ein, die sie am nächsten Tag überfallen wollten.
Noch hatte sie kein lebendiger Mensch gesehen. Fünf Meilen westlich von Silver City schlüpften sie in den Wind Canyon und fanden einen Platz für ein Nachtlager. Sie kannten den Ort von einem Raubzug, den sie 1883 unternommen hatten. Es gab Kiefern und Weiden, gutes Wasser und Gras für die Pferde. Nach Einbruch der Dunkelheit bellten und heulten Kojoten weiter oben in der Schlucht.
Am nächsten Morgen, am 28. Mai, erblickten sie drei Meilen außerhalb von Silver City eine schreckliche Szene. Ein Mann und eine junge Frau lagen tot neben der Straße. Die Frau war vergewaltigt worden, ihre Röcke waren bis zur Taille hochgezogen, der untere Teil ihres Körpers nackt und blutig. Etwas weiter weg befanden sich ein kleiner Junge mit eingeschlagenem Kopf und ein etwa fünfjähriges Mädchen, das an einem Fleischerhaken am Ast eines Baumes hing. Ihr blondes Haar war verkrustet von frisch getrocknetem Blut.
Die Pferde scheuten beim Geruch des Todes und mussten festgehalten werden, die Krieger verharrten wie Steinskulpturen im Sattel, entsetzt von dem Anblick. Neben der Straße stand eine leichte vierrädrige Kutsche, aber keine Pferde. Sie blickten zu Boden und sahen die Fußabdrücke von fünf Männern. Der Wagen war aus Richtung der Stadt gekommen, und fünf Reiter hatten ihn verfolgt, eingeholt und die Insassen gezwungen, auszusteigen. Nach dem Vergewaltigen und Morden hatten sie die Kutsche geplündert und offene Koffer und verstreute Kleidung auf der Straße liegen lassen. Die Mörder hatten die vier Pferde ausgespannt und waren westwärts geritten.
„Sie tun ihren eigenen Leuten dasselbe an wie uns”, wunderte sich Nalgee.
Josanie betrachtete das kleine blonde Mädchen und dachte für einen Moment, sie wäre noch am Leben, aber sie war es nicht.
„Jene, die sie getötet haben…”, sagte er, „sind böse Geister, die in diese Welt gekommen sind. Hexer.”
Ohne abzusteigen, nahm er einen kleinen Beutel von seiner Medizinschnur und warf vier Prisen Hoddentin, heiligen Tule-Pollen, in Richtung der Toten.
„Lasst uns weiterreiten. Dies ist ein schlechter Ort. Die Geister der Toten wandern. Ich will nicht, dass sie uns sehen.”
Er wendete sein Pferd. „Diese Männer… sie sind auf der Straße vor uns. Ich wünschte, wir würden ihnen begegnen”, sagte er dunkel.
Aber sie begegneten ihnen nicht.
ELF
Hier nun einige Einzelheiten zu den von Geronimos Bande begangenen Morden nahe Silver City, die wir heute erfahren haben… Die Famille bestand aus Phillip, seiner Frau und zwei Kindern, 3 und 5 Jahre alt. Heute Morgen griff Geronimos Bande ihn und seine Familie an und tötete alle außer dem ältesten Kind, einem Mädchen, das sie an einem Fleischerhaken aufhängten. Der Haken durchbohrte ihren Hinterkopf. In dieser Position wurde sie noch lebend von einem aus Bürgern bestehenden Rettungstrupp gefunden und nach Silver City gebracht, überlebte aber nur wenige Stunden. Die Bürger halten das für ziemlich schlimm, vor allem, weil es in Sichtweite eines zehn Kompanien starken Militärpostens und des derzeitigen Hauptquartiers der Abteilung geschah.
Zeitungsbericht aus Silver City (Neu-Mexiko) vom 28. Mai 1885

ZWÖLF
Die Krieger brannten eine Ranch nahe der Straße nach Silver City und eine zweite weiter westlich im Mangas Tal nieder. Sie sorgten dafür, dass die Rauchwolken dicht und schwarz waren und aus weiter Ferne gesehen werden konnten.
An beiden Plätzen rannten die Leute davon und waren klug genug, die Plünderer nicht zu stören. Auf ihrem Weg nach Norden passierten die Apachen die Stelle, an der die Körper der Goldsucher noch immer offen im Gras lagen. Nur die Bussarde hatten sie bisher gefunden, sonst niemand. Die Maultiere waren verschwunden. Sie ließen das Waffenversteck unberührt, es konnte später noch von Nutzen sein. Etwas weiter oben wandten sie sich westwärts zum Mangas Bach, folgten ihm bis zum nördlichen Ausläufer der Burro Berge und gingen hinunter ins Tal des Gila. Unter den überhängenden Felsen ritten sie am gewundenen Strom entlang langsam durch die Cottonwoods. Sie kamen an einer zerfallenen, leeren Hütte und einigen Grüppchen bunter Rinder vorbei, und am Nachmittag erreichten sie eine Ranch auf der Westbank des Flusses, gegenüber der Einmündung des Rough Canyon.
Die Pferde wurden versteckt, dann spähten die Männer die Ranch mit Feldstechern aus und schirmten dabei die Linsen mit den Händen ab, damit das Sonnenlicht nicht vom Glas reflektiert werden konnte. Sie sahen ein einstöckiges Ranchgebäude mit einer Veranda davor, eine Schlafbaracke im rechten Winkel dazu, eine kleine Schmiede, zwei Ställe und eine Scheune. Unterhalb der Baracke befand sich eine aus Stangen errichtete Koppel mit drei Pferden darin. An der Rückseite des Ranchhauses hing Wäsche auf einer Leine. Unten im Tal waren Pferde zu sehen, die in der Ebene am Fluss grasten.
Während sie beobachteten, kam eine Frau mit einem kleinen Kind aus dem Haus, sammelte die Wäsche in einen kleinen Korb und brachte sie hinein. Ein Schäferhund lief zum Pferch und legte sich hin. Am frühen Abend gingen zwei Männer von der Baracke zum Hauptgebäude. Einige Zeit später kam ein Mann heraus, ging zur Koppel, sattelte ein Pferd und ritt stromabwärts davon. Er trieb vierzehn Pferde heran und brachte sie in den Pferch, nahm den Sattel von seinem eigenen Tier und band es außerhalb des Korrals an.
„Zwei Männer”, sagte Josanie, „Drei, denke ich. Eine Frau und ein Kind.”
„Und ein Hund”, ergänzte Galeana.
„Ja.”
Sie beobachteten die Ranch bis zum Einbruch der Nacht. Niemand hatte die Ranch verlassen, und niemand war gekommen. Die Krieger gingen zu ihren Pferden und fanden einen Schlafplatz auf einem grasbewachsenen Hügel am Fluss, verborgen vor den Blicken Vorbeiziehender, unter einem strahlenden Baldachin aus Sternen. Sie zündeten kein Feuer an. Kurz vor Mitternacht schallte das Heulen eines Wolfsrudels über die Felsen im Süden.
Josanie erwachte vor dem ersten Morgenlicht. Er schritt zu dem Gewirr von Bäumen auf einem Kiesstreifen und urinierte, dann ging er zum Ufer, beugte sich nieder und trank in tiefen Zügen. Er erfrischte sein Gesicht und sein Haar mit Wasser, streckte sich, rollte die Decke auf seinem Schlafplatz zusammen und setzte sich. Aus einer rohledernen Satteltasche nahm er einen kleinen Beutel und bemalte sein Gesicht mit einer weißen Linie über die Wangenknochen und den Nasenrücken. Er holte ein Stück getrocknetes Fleisch aus einem anderen Beutel, legte beide Säckchen zurück in die Satteltasche, band sie zu und begann zu kauen. Um ihn herum standen die Männer auf, gingen zum Wasser und falteten ihre Schlafdecken. Josanie holte sein Pferd, eine kastanienbraune Stute, warf die Satteldecke über ihren Rücken und rückte den Sattel zurecht. Er zog den Riemen hoch, befestigte den hinteren Sattelgurt und wartete. Das Tier atmete aus, Josanie schnallte den Sattel fest und stieg auf.
In der Morgendämmerung lagen noch tiefe Schatten im Tal. Die vier Krieger überquerten den Fluss und näherten sich der Ranch Seite an Seite, die Gewehre schussbereit. Nalgee hatte die Lanze auf seinem Rücken an den Patronengurten befestigt, einen trug er um seine Taille und einen diagonal über dem Oberkörper. Die obere Hälfte des Schafts war blau, die untere rot bemalt. Ein Bündel Falkenfedern war unter der langen Stahlklinge festgebunden, die aus dem Säbel eines mexikanischen Kavallerieoffiziers gefertigt worden war. Die Spitze der furchterregenden Waffe ragte mit flatternden Federn in die Höhe.
Der Hund mit dem schwarzen Rücken rannte heraus und begann zu bellen, aber die Krieger ritten im Schritt weiter. Nichts rührte sich in den Ranchgebäuden. Als sie noch vierzig Yards vom Haus entfernt waren, schoss Josanie dem Hund in die Brust. Das schwere Geschoss warf den Körper nach hinten und auf den Boden. Ohne Eile öffnete er den Verschluss der Sharps-Borchardt und legte eine neue Patrone ein.
Er ritt zum Ranchhaus und hielt vor der Veranda. Jemand öffnete die Tür und schloss sie schnell wieder. Josanie hatte das Gewehr im Anschlag, machte aber keine Anstalten, vom Pferd zu steigen. Nalgee hielt vor der Schlafbaracke, die Winchester halb erhoben, aber niemand kam heraus. Ohne abzusteigen, band Galeana das am Pferch festgemachte Pferd los und zog es hinter sich her. Er öffnete das Tor, und Kezinne ritt in den Korral und scheuchte die anderen hinaus. Die Pferde schubsten sich gegenseitig durch das Tor, gerieten durcheinander und verdrehten ängstlich die Augen. Galeana ritt an die Spitze, und die Herde folgte ihm. Kezinne schloss von hinten auf und bildete die Nachhut, als die Pferdeherde auf der grasbewachsenen Ebene unter den ausladenden Cottonwoods stromaufwärts rannte.
Josanie hob seinen Arm, und Nalgee entfernte sich von der Baracke. Josanie gab ihm mit seinem Gewehr Deckung, falls jemand durch die Tür kommen oder durch ein Fenster feuern würde, aber nichts dergleichen geschah. Sie ritten gemeinsam davon, holten die Remuda ein und folgten ihr. Einmal schaute Josanie zurück und sah drei Männer und eine Frau in einem langen weißen Kleid mit blassen, entsetzten Gesichtern auf dem leeren Platz unterhalb des Ranchhauses stehen und ihnen nachstarren.
Sie trieben die Herde fünfzehn Meilen weit, bis sie die Stelle erreichten, an der sie vor zwei Tagen den Gila überquert hatten, dann schwenkten sie fast parallel zur Straße nach Nordwesten. Josanie hatte den Verlauf der Strecke in beide Richtungen mit dem Fernglas abgesucht, jedoch keine Bewegungen bemerkt. Sie kamen zu einem Platz, wo Wölfe einen Tag vorher einen Ochsen gerissen hatten. Die blutigen Rippen spießten heraus, und Bussarde vertilgten die Eingeweide. Weitere zwölf Meilen ritten sie in leichter Gangart, und nach dem Sacaton betraten sie den Canyon des Fivemile Bachs, der vom Nordwesten her in den Enten Bach mündete. Bei ihrem Marsch zu den-Maultier Bergen ließen sie sich Zeit, und nachdem sie das obere Ende der Schlucht auf einem alten Pfad verlassen hatten, glitten sie in den Eliot Canyon, durch den sie am Nachmittag die Stelle erreichten, wo das Camp wartete, den Platz mit den beiden Quellen unterhalb des San Francisco Flusses.
Das Tal des Little Dry Bachs war dort etwa eine halbe Meile breit und auf beiden Seiten von den gezackten Rändern niedriger Felsvorsprünge eingefasst. Die Pferde, die Josanie und seine Männer gebracht hatten, wurden zu der Herde getrieben, die auf den grasigen Bänken unterhalb der Klippen weidete. Zwei Dutzend oder mehr Tiere waren zwischen auf dem Boden sitzenden Menschengruppen angebunden. Um sie herum lagen Sättel und Gepäck in Stapeln. Männer und Frauen bildeten wieder zwei Reihen und berührten Josanie und seine Begleiter mit ausgestreckten Armen, als sie schweigend hindurchritten.
Josanie suchte unter den Frauen und Mädchen in ihren langen, lebhaft bunten Kalikoröcken und bis zur Hüfte reichenden Blusen nach seiner Frau Jaccali, und ihre Blicke trafen sich. Sie drückte seinen Arm, als er an ihr vorbei ritt, und er nickte mit düsterem Gesichtsausdruck. Er dachte an ihren Sohn Nachi, der nun irgendwo in einem Armeeposten gefangen oder vielleicht tot war. Ein anderer Junge nahm Josanies Pferd, als er abgestiegen war.
Chihuahua erwartete ihn und berührte seine Schulter. Der jüngere Mann war in sein Kriegshemd gekleidet, und sein sonst so skeptisches Gesicht zeigte ein breites Grinsen. „Ich bin froh, dass du wieder da bist. Auch Tsach ist zurück.”
Sie gingen Seite an Seite zu einem sandigen, ebenen Platz in der Nähe des Bachbettes, und Chihuahua gab mit seiner Hand das Zeichen zum Setzen. Nacheinander gesellten sich die Krieger dazu, und die Frauen und Kinder ließen sich hinter ihnen nieder. Jaccali und zwei andere Frauen brachten kaltes Fleisch und reichten Krüge mit Flusswasser herum. Dann aßen alle. Jaccali saß hinter Josanie und sah zu, wie er den Riemen unter seinem Kinn löste und die Wildleder-Kriegshaube mit den schwarzen, blauen, gelben und weißen Geisterzeichnungen und den vier Federn des Goldadlers abnahm.
Die Männer hatten die Beine gekreuzt, die Gewehre lagen quer über ihren Knien. Die Frauen saßen mit seitwärts geschlossenen Beinen auf dem Boden. Als Chaddi aufstand und zu Bikego I’ndan, dem Herrn des Lebens betete und für die Berggeister sang, neigten alle ihre Köpfe. Darauf folgte Schweigen. Sie dachten an die, welche sie vor fünf Tagen verloren hatten, an andere, die am Turkey Bach zurückgeblieben waren, und an all jene, deren tote Körper über Tausende von Meilen verstreut in den Bergen, dem Grasland und den Wüsten an stillen Orten lagen.
„Cuchuta und Antonio… ich sehe sie nicht”, sagte Josanie und suchte die Reihe der Krieger ab.
„Cuchuta ist dort hinten, Richtung Straße”, antwortete Chihuaha und deutete mit seinem Kinn nach Osten. „Antonio ist unten am Fluss.” Er wies westwärts. „Sie halten Wache.”
Dann sprach Chihuahua direkt zu den Menschen: „Wir haben jetzt genügend gute Pferde. Tsach brachte dreiundzwanzig, Josanie siebzehn. Ich danke ihnen.” Er machte eine Pause. „Damit müssten wir es nach Mexiko schaffen.” Ein zustimmendes Murmeln erklang.




