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„Ich denke, sie sollten uns jetzt erzählen, was passiert ist und was sie taten.” Er schaute seinen Bruder an.
Josanie gab einen kurzen Bericht. Er war nicht der Meinung, dass sie etwas Besonderes geleistet hatten. Als er beschrieb, wie sie die ermordete weiße Familie gefunden hatten, das kleine Mädchen an einem Fleischhaken hängend, rangen die Zuhörer nach Atem. Sie alle kannten die Grausamkeit der weißen Männer.
Das Foltern lebend ergriffener Krieger. Das Skalpieren von Apachen, sogar kleinen Kindern, für Kopfgeld, Pesos oder Dollars. Den Verkauf gefangener Apachenfrauen in die Sklaverei, nach Mexiko und Neu-Mexiko, bis lange nach dem Ende des Krieges zwischen den Weißen im Osten. Die Weißen benutzten sogar frühere Negersklaven, um Apachen zu töten, und Verwandte der Apachen für denselben Zweck.
Als Josanie erzählte, wie sie die Goldsucher getötet, die Ranches niedergebrannt und die Pferde am Gila genommen hatten, antworteten die Zuhörer mit einem deutlichen Murmeln der Befriedigung. Er endete und sagte einfach: „Das ist alles.”
Eine kleine Pause entstand. Dann räusperte sich Tsach. Er war siebenunddreißig Jahre alt, Chaddis Sohn und selbst ein Medizinmann. Mit seinen sechs Fuß war er der größte Mann in der Gruppe. Er hatte seine Kriegshaube abgelegt, trug aber immer noch ein wildledernes Kriegshemd mit Fransen und gemalten Figuren, der Sonne, dem Mond und Bergsymbolen. Sein angespanntes Gesicht unter dem blauen Stirnband wirkte grimmig. Er sprach langsam.
„Ich habe es ihnen schon berichtet”, sagte er, blickte Josanie an und deutete mit seinem Kinn erst auf Chihuahua und dann den Kreis entlang. „Wir töteten sieben Bergleute in einer Schlucht nördlich des Bären Bachs mit Pfeilen und Messern, ohne einen Schuss abzufeuern. Wir durften kein Geräusch verursachen – wir waren zu nahe bei jener großen Ranch am Gila. Wir warteten, bis sie Essen kochten… überraschten sie.” Er machte eine Pause. „Bish und Tsana bestanden darauf, sie zu töten und so Rache zu nehmen.”
Er nickte. „Wir haben es getan. Wir töteten ihre Maultiere und versteckten ihre Gewehre. Die Mulis konnten wir nicht mitnehmen. Es passierte am ersten Tag.”
Wieder eine Pause. „Am nächsten Tag ritten wir nahe an Pinos Altos heran. Wir brannten drei Siedlungen nieder und nahmen all ihre Pferde. Ein Mann schoss auf uns und verwundete zwei der Tiere, und Bish ging zurück und tötete ihn.”
Er suchte im Kreis der Krieger nach den drei Männern, die bei ihm gewesen waren. „Wir trieben die Pferde über steinigen Grund und lagerten in der Nacht in einer Schlucht in den Bergen östlich von hier. Bish blieb hinter uns, aber niemand versuchte, uns zu verfolgen.” Er atmete tief ein. „Heute Morgen ritten wir nach Norden, bis wir auf Chihuahuas Fährte trafen und ihr hierher folgten. Das ist alles.”
Wieder murmelten die Zuhörer ihre Zustimmung und Genugtuung.
„Es ist gut”, sagte Chihuahua. Er gab mit seiner rechten Hand ein Zeichen und wandte sich an seinen Bruder. „Wir sind hier vor einer Weile angekommen. Tsach war dicht hinter uns.” Er hielt inne. „Als wir die Straße überquerten, sahen wir nur alte Spuren, drei oder vier Tage alt. Aber Antonio fand frische Abdrücke am Fluss, die stromabwärts führten. Fünf Ponys.”
Er machte wieder eine Pause. „Wir denken, es sind Soldatenscouts. Wenn sie zu dem Trupp gehören, den ihr im Canyon des Flusses gestoppt habt, sind es Apachen. Falls sie mit Soldaten unterwegs sind, von denen wir nichts wissen, sind sie vielleicht Navajos.” Er vollführte eine Geste der Verachtung. „Auf jeden Fall befinden sich Soldaten nördlich von uns. Wir wissen nicht, wo oder wer sie sind. Sie suchen uns, wissen aber nicht, wo wir sind. Wir müssen weiter.”
Es herrschte Schweigen.
„Wir sollten tun, was wir geplant haben”, sagte Josanie. „Durch diese Berge nach Süden nahe der Stadt Duncan zum Gila gehen. Dann in die Peloncillos und weiter südlich. Nachdem wir diese Orte östlich und westlich der Straße nach Silver City niedergebrannt hatten, müssen die Soldaten das Tal in südöstlicher Richtung blockiert haben, so wie wir es wollten.”
Er schwieg. „Sie belagern den San Francisco Fluss weiter unten und hoffen, dass wir dort entlangkommen. Würden uns ihre Scouts finden, könnten die Soldaten uns den anderen Truppen zutreiben. Wenn wir sie umgehen können, bekommen wir es mit den Soldaten und Scouts zu tun, die entlang der Grenze auf uns warten.”
Wieder hielt er inne. „Der einzige offene Weg für uns führt durch diese Berge hier. Das haben wir erwartet.” Er blickte in die Gesichter der Krieger. Sie nickten.
Chihuahua berührte Josanies Arm. „Ja”, sagte er. „Wir haben schon darüber gesprochen und sind zu demselben Schluss gekommen.”
So wurde es beschlossen. Sie sattelten auf, beluden die Packtiere und ließen erschöpfte und lahmende Pferde zurück. Die beiden Scouts, die im Westen und Osten Wache gehalten hatten, wurden geholt und dann brachen sie auf.
Galeana und Zele ritten an der Spitze. Josanie und Chihuahua folgten mit einigen Kriegern, und dann kam Chaddi mit den Frauen, welche die Packtiere und eine kleine Herde zusätzlicher Reitpferde führten. Tsach bildete mit einer Handvoll Männer die Nachhut.
Sie kannten den Weg. Bei strahlendem Sonnenschein ritten sie in die Falte in den sanften Hügeln, die als Burnt Stump Canyon bekannt war, und kletterten an der mit Kiefern bedeckten Schulter der Maultier Berge empor. Dann stiegen sie in das grasige Tal des Cienenga Bachs hinunter, hielten sich südlich und lagerten unter dem Bären Berg an einem Bach zwischen weiten Hängen, die mit Federgras bewachsen waren, das bis an die Bäuche ihrer Pferde reichte.
DREIZEHN
Lt. Davis versucht mit sechzig Scouts in den Bergen östlich des Enten Bachs am oberen Gila, die Frauen und Kinder der Feinde aufzustöbern. Maj. Van Vliet bewegt sich mit fünf Trupps der 10. Kavallerie und dreißig Apachenscouts nördlich von Bayard in Richtung Datil Range. Capt. Chaffee hält sich mit einem Trupp der 6. in der Umgebung des Cuchillo Negro auf. Maj. Van Horn erkundet mit Kavallerie aus Fort Stanton und Mescalero-Scouts beide Ufer des Rio Grande, um Indianer am Überqueren zu hindern. Capt. Madden befindet sich mit zwei Trupps der 6. Kavallerie westlich der Burro Berge. Capt. Lee ist mit drei Trupps der 10. Kavallerie auf der Black Range zwischen Smith und Van Vliet unterwegs. Maj. Biddle folgte der Fährte von zehn oder fünfzehn Indianern, die beim Florida-Pass jenseits des Lake Paloma in Mexiko die Eisenbahnschienen überquert haben. Die Truppen gehen nun in der Nähe aller bekannten Wasserlöcher zwischen der Eisenbahn und Mexiko in Stellung, um nach Süden ziehende Indianer abzufangen. Capt. Lawtons drei Trupps der 4. Kavallerie und Lt. Roachs Scouts sind im Guadelupe Canyon nahe der Grenzlinie. Maj. Beaumont befindet sich mit zwei Trupps der 4. Kavallerie im Stein’s Pass.
Bericht von General George Crook, dem kommandierenden Offizier der Abteilung von Arizona, vom 2. Juni 1885

VIERZEHN
Das Tal, das sich in einer Höhe von etwa sechstausend Fuß befand, war von Norden nach Süden fünf Meilen lang und eine halbe Meile breit und bildete eine Insel aus Gras unterhalb der umliegenden, mit Kiefern und Tannen bedeckten Berge. Vier tiefe Furchen durchschnitten den westlichen Hang und speisten den Bach mit dem Wasser, das vom Tillie Hall Gipfel herunterfloss. Die Talöffnung im Norden führte zum Buckhorn Bach, der südliche Talausgang verengte sich zu einer kurvigen Schlucht, die sich nach Südwesten erstreckte und stetig zu den Summit Bergen anstieg, die die Grenze zwischen Arizona und Neu-Mexiko bildeten.
Beim ersten Licht des frostigen Morgens trieben die zwei Männer, welche die Pferde während der Nacht bewacht hatten, die Herde zusammen und brachten sie zum Camp. Menschen, die noch nicht wach waren, wurden durch den trommelnden Hufschlag geweckt. Jaccali und Ramona hatten ihr Bettzeug bereits gepackt und gingen los, um ihre Reittiere zu fangen und aufzuzäumen. Josanie und Chihuahua waren gerade dabei, ihre Schlafdecken zusammenzurollen, als Chaddi zu ihnen trat. Er stand still da, und Josanie zeigte auf den Boden neben der kalten Feuerstelle. Die drei Männer setzten sich.
Wegen der kühlen Luft trugen sie Wildlederhemden mit Fransen. Josanie und Chihuahua hatten ihre Patronengurte umgehängt, aber Chaddi war unbewaffnet. Er schaute weg, zum Bach hinüber, wo sich der Nebel wie Rauch erhob. Dann drehte er seinen Kopf und blickte sie an. Er berührte die vierfache Medizinschnur, die er diagonal über seiner Brust trug.
„Dies ist das Tal von Mutters Geschwistern”, sagte er. Er benutzte den ehrenvollen Ausdruck für Grizzly. Es war unhöflich, einen Bären bei seinem gewöhnlichen Namen zu nennen, er könnte es hören und die Person verfolgen, die ihn ausgesprochen hatte. Josanie und Chihuahua nickten.
Chaddi öffnete sein Hemd und holte eine Grizzlykralle hervor, die er verborgen an einer Schnur trug. „Dies gehört zu meiner Medizin. Ihr habt sie schon früher gesehen. Wir müssen uns nicht vor den Geschwistern fürchten.” Er ließ die Kralle zurückgleiten und schloss sein Hemd. Dann nickte er, während er ihre Blicke suchte.
„Dies ist das Tal, in dem meine Mutter geboren wurde”, fuhr er fort. „Ich bin lange nicht mehr hier gewesen. Wenn wir erst in Mexiko sind, können wir vielleicht nie mehr hierher zurückkehren. Ich denke, wir sollten ein paar Tage bleiben, damit wir uns erinnern.”
Es folgte eine Pause. „Hier gibt es gutes Gras, gutes Wasser und reichlich Hirsche, Wapitis und Deer. Und hier wachsen viele Kaktusfrüchte, die wir als Nahrung oder zum Behandeln von Wunden verwenden können.”
Josanie nickte.
„Ja”, sagte Chihuahua und hielt dann inne. „Meine Frau wurde auch hier geboren.”
Und nach einer Weile des Schweigens: „Sie kann das Tal jetzt nicht sehen, aber ich sehe es für sie.”
Wieder machte er eine Pause. „Vielleicht sollten wir einige Tage bleiben.” Er wandte sich an Josanie und fragte: „Was denkst du?” Josanies Blick schweifte über das Camp, wo die Pferde herumliefen, schnaubten, sich drängten und aufbäumten. Männer und Frauen gingen zwischen ihnen umher, sprachen leise mit ihnen und streichelten sie, streiften Halfter über ihre Hälse und führten sie weg.
„Wir sollten weitergehen”, sagte er. „Wir wissen, dass ihre Scouts nach uns suchen. Sie haben uns in den Bergen östlich von hier gefunden, wo wir glaubten, sicher zu sein. Hier könnten sie uns ebenfalls finden. Einige von ihnen kennen dieses Tal vielleicht.”
Er dachte kurz nach. „Wir werden erst sicher sein, wenn wir jenseits der Grenze sind.”
Dann lachte er grimmig. „Vielleicht nicht einmal dort. Vor zwei Jahren folgten sie uns bis in die Sierra Madre.” Wieder hielt er inne. „Wir sind nirgendwo sicher.”
Er spielte mit einem Grashalm. „Lasst es uns ihnen nicht zu leicht machen. Ich bin dafür, weiterzureiten.”
Seine Augen suchten die seines Bruders. „Du entscheidest.”
Chihuahua schüttelte den Kopf. „Wir fragen die Männer.”
Er stand auf und rief die Krieger herbei. Sie kamen nacheinander, voll bewaffnet, und stellten sich hinter die drei sitzenden Männer. Ihre Waffen stets griffbereit zu tragen, war ein Teil ihres Lebens geworden.
Chihuahua erklärte, worüber sie gesprochen hatten, und bat die Männer zu sprechen. Der Reihe nach sagten sie, was sie dachten. Die Mehrheit war der Meinung, sie könnten ein paar Tage bleiben, müssten aber vorsichtig sein, um nicht wieder überrascht zu werden.
Chihuahua erhob sich. „Ich habe euch alle gehört”, sagte er. „Wir werden vier Tage im Tal bleiben. Vielleicht ist es das letzte Mal.” Er machte eine Pause. „Dies ist ein alter Lagerplatz unseres Volkes. Wir werden Scouts ausschicken, um die Strecke hinter uns und den Weg nach Arizona zu beobachten.”
Als sie aufbrachen, ritten Galeana und Zele voraus, und Tsach und Tsana blieben zurück, um den Eingang des Tals auf der Seite des Buckhorn Creek Canyons zu bewachen. Langsam ritten sie unter der Morgensonne dahin. Sie kamen an zwei alten Siedlungsplätzen der Chokonen vorbei, auf denen noch die Überreste von Wickiups und Windfängen aus Gestrüpp zu sehen waren. Der Boden wies noch Spuren von Wohnstätten und Feuerstellen auf, die aber schon vom Gras überwuchert wurden. An jedem der beiden Orte legte Chaddi vier Prisen Hoddentin als Grenzmarkierung nieder, falls sich dort Geister aufhielten und die Lebenden anblickten. Und etwas später trafen sie das Tier, nach dem das Tal benannt worden war.
Es war eine Grizzly-Mutter mit ihren zwei zweijährigen Jungen. Sie waren am Hang auf der Westseite des Bachs, etwa einhundert Yards oberhalb, und fraßen Gras. Ihr Fell war hell- bis dunkelbraun mit silbrigen Spitzen, und ihre Hälse, Bäuche und der obere Teil ihrer Vorderfüße waren golden. Als sich der Reitertrupp näherte, erhob sich die Bärin auf ihre Hinterbeine, wandte sich ihnen zu und drehte ihren riesigen Kopf langsam von einer Seite zur anderen.
Chaddi hob seinen rechten Arm, und die Gruppe hielt an. Die Ersatzpferde galoppierten davon, einige der anderen bockten und stiegen und mussten von den Reitern beruhigt und festgehalten werden. Chaddi stieg ab und überquerte den Bach. Er ging ein kleines Stück den Hang hinauf, den Bären entgegen, breitete die Arme aus und zeigte seine offenen Handflächen.
Höflich grüßte er sie, dann begann er mit tiefer, beruhigender Stimme zu singen. Die Worte entstammten der heiligen Sprache, die nur bei Zeremonien, der Jagd und im Krieg benutzt wurde. Er sang zu Ehren der großen Bären, der Berge und der Geister, die darin lebten. Die Bären hörten zu, und dann ließ sich die Mutter wieder auf ihre Vorderpfoten nieder, drehte sich um und schritt, dicht gefolgt von den Jungen, langsam davon. Chaddi beendete das Lied, kniete nieder und berührte den Boden vier Mal mit Hoddentin, den er zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand hielt. So erschuf er eine magische Grenze, welche die Chokonen und ihre Tiere vor den Grizzlys, aber auch die Bären vor den Menschen schützte.
Chaddis Frau Chie hielt sein Pferd, und als er wieder im Sattel saß, ritten die Apachen weitere zwei Meilen, vorbei an einem dritten verlassenen Lagerplatz, und rasteten auf einer Ebene hinter dem Knie eines Bachs, die groß genug für das Camp und alle Pferde war. Hätten sie Wickiups errichtet, die einfachen, runden, kuppelähnlichen Hütten aus Häuten oder Decken, die über ein leichtes Gerüst aus Schösslingen und Zweigen von Bäumen drapiert wurden, wäre es wie in alten Zeiten gewesen. Aber sie schliefen unter freiem Himmel, zündeten erst in der Nacht Feuer an und behielten die Tiere nahe bei sich.
Sie badeten im Bach, und Deer und Wapitis kamen bei Tageslicht ohne Angst zum Trinken. Überall wuchsen Kaktusfrüchte. Die Frauen sammelten die Früchte und schälten sie. Das weiche Fruchtfleisch war köstlich und wurde auch als Heilmittel verwendet. Wunden und Quetschungen wurden mit rohen Stücken davon verbunden, und nach einigen Stunden wurde der Verband erneuert. Das Fleisch absorbierte die Wundflüssigkeit, machte die Haut geschmeidig und linderte die Schmerzen.
Die Scouts meldeten nichts Verdächtiges. Bei jedem Sonnenaufgang sang Chaddi das Morgenlied für das Lager.
Am Vormittag des vierten Tages krachten einige Meilen südlich drei Schüsse. Wie Donner hallten sie in den Bergen wider und würden auch noch in weiter Ferne zu hören sein.
Darauf folgte Stille. Während sich die Menschen schnell zum Aufbruch rüsteten, ritt Josanie mit einigen Kriegern in Richtung der Schüsse. Zele wartete in der Öffnung einer Seitenschlucht. Sie folgten ihm in forschem Trab über ebene Felsplatten. Der Canyon weitete sich zu einer mandelförmigen, von Kiefern umgebenen Wiese. Galeana hielt auf seinem Pferd in der Mitte der Lichtung und blickte auf etwas hinunter. Seine Büchse lag auf dem Sattelknauf.
Als die Reiter näher kamen, sahen sie einen weißen Mann, der mit dem Gesicht nach unten und merkwürdig verdrehten Beinen am Boden lag. Er hatte zwei Einschusslöcher im Rücken, und Blut quoll unterhalb seiner Brust hervor. Als er getroffen worden war, hatte er ein Gewehr fallen lassen. Zwei Maultiere waren an einen Kiefernstamm gebunden, und daneben befand sich ein Stapel mit Ausrüstungsgegenständen. Es gab eine Feuerstelle, in der noch Glut war, und ein Kaffeetopf stand auf den Kohlen. „Goldsucher”, sagte Galeana. Er zeigte auf einen engen Spalt in der Felswand. „Einer ist entkommen. Er ist da drin. Er hat ein Gewehr.” Nach einer Pause fügte er hinzu: „Wir rochen Rauch und kamen hierher, um nachzuschauen.”
Josanie berührte seinen Arm und nickte. Er ritt weiter und inspizierte den Spalt, in dem der zweite Mann verschwunden war. Zu schmal, zu tief, dachte er. Nur ein Weg hinein. Kein Weg hinaus. Er wendete sein Pferd.
„Wir müssen ihn dort lassen. Wir haben keine Zeit, ihn auszuräuchern. Zu Fuß wird er Tage brauchen, um Hilfe zu holen.”
Ohne abzusteigen, ergriff er das Gewehr und reichte es Galeana. Er nahm einige Prisen Hoddentin aus einem Beutel an seiner Medizinschnur, warf sie in Richtung des Toten und betete kurz. Als er geendet hatte, durchsuchten die Krieger die Sachen der Goldsucher und nahmen mit, was sie brauchen konnten. Sie banden die schreienden Mulis los und zogen sie mit sich fort.
Chihuahua ritt mit einigen Kriegern vor den Frauen, den Packtieren und der Pferdeherde her, als Josanie zu ihm stieß.
Josanie erzählte seinem Bruder, was er gesehen hatte, und übernahm mit sechs Männern die Führung. Galeana und Zele ritten voraus. Chihuahua und Tsach ließen die Kolonne vorbei und bildeten mit den restlichen Kriegern die Nachhut. Sie ritten in die gewundene Schlucht am südlichen Ende des schönen Tals und stiegen auf hartem, mit Felsbrocken und Steinen übersäten Grund zu den Summit Bergen auf. Niemand blickte zurück.
Am späten Nachmittag erreichten sie die steinernen Wälle des Gebirges. Als sie ihre Pferde in den Bitter Canyon einschwenken ließen, stieß Nitzin, der eine Pferdelänge hinter Josanie ritt, einen Ruf aus. Josanie drehte sich im Sattel um und folgte Nitzins Blick. Eine große, schwarze Rauchfahne erhob sich im Nordosten, etwa zehn Meilen weit weg, wenn man flog wie ein Rabe.
Josanie brachte sein Tier zum Stehen und schaute in die Ferne.
Ein Signal der Verzweiflung, der Wut, dachte er. Eine Nachricht.
„Der Mann, den wir zurück gelassen und nicht getötet haben”, sagte er. „Er wird Truppen auf uns hetzen, wenn welche in der Nähe sind.”
In dieser Nacht lagerten sie an der Black Willow Spring in düsterer Stimmung. Sie hatten ein Pferd mit der Lanze getötet, um Fleisch zu haben, und entzündeten die Kochfeuer nach Einbruch der Dunkelheit.
Am nächsten Morgen kurz vor Sonnenaufgang, als die Tiere gesattelt und das Camp bereit zum Aufbruch war, erklang das Klappern von Hufen auf dem Pfad hinter ihnen. Zwei Pferde, so hart geritten, wie es das Terrain erlaubte. Tsach und Tsana, welche die Nacht auf dem zurückliegenden Weg verbracht hatten, kamen in Sicht. Sie ritten zu Josanie und Chihuahua, die bei ihren Reittieren standen.
„Sie kommen den Pfad herauf”, sagte Tsach. „Apachenscouts.”
„Wir können sie stoppen”, meinte Josanie. „Die Frauen sollen an diesem Bach abwärts gehen und sich jenseits des Gila in Sicherheit bringen.”
Chihuahua blickte in den Himmel, der vom Licht der aufgehenden Sonne erfüllt war, dann auf den Boden zwischen seinen Füßen.
„Ja”, sagte er. „Ich bleibe mit sechs Männern zurück, halte sie eine Weile auf.”
Er berührte den Arm seines Bruders. „Du reitest mit den anderen weiter.”
Er hielt inne. „Wir folgen euch. Wir treffen uns im Horseshoe Canyon in den Peloncillos, an der Stelle, wo wir vor drei Jahren gegen die Kavallerie gekämpft haben. Erinnerst du dich?”
Sie stiegen auf. Chihuahua winkte, und einige Krieger, darunter Tsach und Tsana, schlossen sich ihm an und ritten auf dem Weg abwärts in die Schlucht hinein. Josanie winkte ebenfalls, Galeana und Zele setzten sich wie immer an die Spitze, und dann folgten die Männer, mit Chaddi, den Frauen und den Packtieren dicht hinter sich. Am Lagerplatz ließen sie ein Dutzend Pferde und die beiden Maultiere zurück, die ihre Flucht verlangsamt hätten. Sie ritten in den spiralförmigen Canyon des Bitter Bachs, der sich, von den hohen Bergen kommend, nach Südwesten in Richtung des Gila wand. Als sie eine Meile in die raue, gewaltige Landschaft der Schlucht vorgedrungen waren, hörten sie hinter sich das Donnern von heftigem Gewehrfeuer.
Sie ritten ohne Unterbrechung weiter, versuchten aber, die Pferde zu schonen. Zweiundzwanzig Meilen legten sie zurück, bis sie aus den Bergen herauskamen und die Ebenen am Gila Fluss erreichten. Sie wandten sich nach Süden und ritten weitere acht Meilen am Fluss entlang bis zur Furt oberhalb der kleinen Stadt Duncan. Kurz davor hielten sie an, und Josanie stieg ab. Er nahm vier Türkisperlen aus einem Beutel an seiner Medizinschnur und ging zum Ufer. Dort kniete er nieder und warf die blauen Perlen in den Strom. Er betete für eine sichere Durchquerung.
Galeana, Zele, Kezinne und Nalgee ritten zuerst ins Wasser und schwammen mit ihren Pferden hinüber. Am anderen Ufer schwärmten sie aus. Die Frauen folgten, während Josanie und die verbleibenden Krieger warteten, bis sie sicher hindurch gekommen waren. Dann überquerten auch sie den Fluss. Sie formierten sich wieder und setzten, nachdem sie die Schienen der Eisenbahnlinie Arizona – Neu-Mexiko überwunden und kurz gehalten hatten, um die Telegrafenleitung durchzuschneiden, ihren Weg nach Süden über die weite, offene Ebene des Animas Tales fort, hin zu den fernen Gipfeln der Peloncillos. Ein paar Meilen südlich von Duncan passierten sie die Lazy B-Ranch, ließen die Pferde ein paar Meilen galoppieren und dann im Schritt gehen, um ihre Kräfte zu schonen. Überall um die Apachen herum lag das Land still und leer unter der Nachmittagssonne.
Sie ritten zwanzig Meilen in die Ebene hinein und kletterten dann auf dem langsam ansteigenden Grund empor zu den baumlosen Bergen, die abrupt bis zu einer Höhe von siebentausend Fuß aufragten. Dann näherten sie sich dem Horseshoe Canyon, der westwärts ins Herz der Peloncillos führte. Hier hatten sie im April 1882 Forsyth und sechs Trupps der Vierten Kavallerie zum Stehen gebracht. Von hier aus hatten sie freie Sicht über die Ebene von Animas zum Gila und den jenseitigen Bergen. Später, als es dunkel wurde, konnten sie in nördlicher Richtung durch das Fernglas Staub und sieben Punkte in der Ebene erkennen, die sich in ihre Richtung bewegten – Chihuahua und die Männer, die gegen die Scouts der Regierung gekämpft hatten.
FÜNFZEHN
Um einen Diamanten zu polieren, braucht man nichts weiter als seinen eigenen Staub. Mit diesen Menschen ist es genauso. Nichts trifft sie mehr, als dass sich ihre eigenen Leute gegen sie wenden. Sie fürchten die weißen Soldaten nicht, die sie durch die seltsame Art der Kriegsführung, welche sie uns aufzwingen, leicht übertreffen. Setzt man aber einen Feind ihres eigenen Blutes auf ihre Fährte, einen Feind, der so unermüdlich, schlau, verstohlen und mit dem Land vertraut ist wie sie selbst, werden sie daran zerbrechen. Es geht nicht nur darum, dass man sie mit Indianern besser fangen kann, sondern um ein höheres und dauerhaftes Ziel – ihre Zerstörung.
Die Erfindung des Hinterladers und der Metallpatrone hat die Methoden und die Natur indianischer Kriegsführung völlig verändert. Noch vor wenigen Jahren waren die Indianer miserabel bewaffnet, aber das hat sich geändert. Ihre Ausrüstung ist der unseren nicht mehr unterlegen. Anstelle von Bogen und Lanzen haben sie jetzt die besten Fabrikate von Hinterladern und Revolvern. Weißen Soldaten wäre es unmöglich, die Chiricahuas in ihren eigenen Gefilden zu schlagen. Das gewaltige Land, das sie durchstreifen, ist das raueste in Amerika und wahrscheinlich in der ganzen Welt. Dort gibt es fast nichts, was ein weißer Mann brauchen würde, um existieren zu können, aber es bietet den Chiricahuas alles, was sie benötigen, um ihr Leben auf unbestimmte Zeit zu verlängern… Er kennt jeden Winkel seines Territoriums und kann trotz Erschöpfung, Nahrungs- und Wassermangel überleben, was normalerweise selbst den härtesten weißen Bergbewohner umbringen würde. Mit dieser für sie notwendigen Form der Kriegsführung zwingen sie uns stets in die Rolle des Verfolgers, und wenn wir sie nicht überraschen können, stehen die Chancen immer günstig für sie.




