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Grammatik als ein eigener linguistischer Forschungsgegenstand ist in der abendländischen Kultur relativ spät entstanden und wird heute auf das 1. Jahrhundert v. Chr. datiert. Allerdings wurden bereits zuvor linguistische Probleme der Lautlehre, der Semantik und der Satzteile im Rahmen philosophischer, rhetorischer und insbesondere philologischer Fragen erörtert. Hier sind zunächst Platon (Kratylos und Sophista) und Aristoteles (Peri Hermeneias) zu nennen. Platon (428/27–348/47 v. Chr.) führt als Basiskonstituenten für Aussagen/Sätze eine Nomen-Verb-Unterscheidung ein, Aristoteles (384–322 v. Chr.) erweitert dies um eine funktionale Komponente, indem er zunächst Wortklassen einführt und dann ihre funktionalen Rollen beschreibt. Dabei wird dem Onoma, dem Nomen im Nominativ/Subjekt (gegenüber den anderen Nomina mit Kasus) eine zentrale Rolle zugewiesen, denn es bildet zusammen mit dem Verb/Prädikat (Rhema) einen Aussagesatz, der nach dem Kriterium wahr/falsch beurteilt werden kann. Obwohl Platon und Aristoteles Grundkonzepte wie Nomen und Verb, Satz und Wort sowie Flexion einführen, wird der Durchbruch für eine antike Grammatiktheorie und -schreibung den Logik-Analysen der Stoiker (3. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, insbesondere den Arbeiten von Chrysippius. Es liegen jedoch keine direkten Zeugnisse vor, sondern das heutige Wissen stammt aus späteren Quellen, insbesondere dem Überblick des Diogenes Laertius (3./4. Jh. n. Chr.). Eine erste Synopse der Spracherkenntnisse der griechischen Philosophen gab Dionysios Thrax (2. Jh. v. Chr.) in seiner Technē grammatikē (grammatische Wissenschaft), der ersten griechischen Grammatik. Einen Meilenstein in der Grammatikmodellierung stellen die Analysen von Apollonius Dyscolus (2. Jh. n. Chr.) dar, der an die Logik und Begriffsbildung der Stoiker und an philologische Methoden anknüpft und der als erster syntaktische Fragen als eigenständiges Forschungsobjekt thematisiert hat: »Das grösste Verdienst des Appollonios, seine schöpferische Tat, ist die ›Syntax‹« (Steinthal 1891, Bd. 2: 339).
Die Redekunst (altgr. rhētorik

Seit Platon und Aristoteles werden Fragen zur Sprache und zur Sprachphilosophie mehr oder weniger intensiv und systematisch diskutiert. Doch erst seit dem 19. Jahrhundert und im Zusammenhang mit der vergleichenden Sprachwissenschaft ist die Sprachwissenschaft eine autonome Wissenschaft, heute mit vielen Subdisziplinen (Sozio-, Psycholinguistik, Sprachtypologie, Computerlinguistik, Dialektologie, Klinische Linguistik usw.).
4 Wer ist der berühmteste Sprachwissenschaftler und was ist sein Programm?
Wenn es um Superlative geht, kann man sich immer streiten. Dennoch: Der bedeutendste und einflussreichste Sprachwissenschaftler der Gegenwart ist Noam Chomsky, der zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlern zählt. Dies nicht nur wegen seiner sprachwissenschaftlichen und sprachphilosophischen Arbeiten, sondern auch wegen seiner zahlreichen politischen und medienkritischen Schriften. Er gilt als kritischer Intellektueller, dessen Meinungen weltweit gefragt sind, die New York Times Book Review nannte ihn den wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart.
Noam Chomsky wurde am 7. Dezember 1928 in Philadelphia (Pennsylvania) geboren. Die Erstsprache seiner Eltern war Jiddisch, im Elternhaus wurde aber nur Englisch gesprochen. Nach der Graduierung an der Central High School of Philadelphia begann Chomsky 1945 Linguistik und Philosophie an der University of Pennsylvania zu studieren. Er wurde Schüler von Zellig Harris (1909–1992), bei dem er 1951 sein linguistisches Studium mit einer morphologischen Untersuchung zum Neuhebräischen abschloss. Titel der Arbeit: The Morphophonemics of Modern Hebrew. 1955 erhielt er seinen PhD in Linguistik an der University of Pennsylvania und arbeitete dann ab 1955 am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Parallel zu seinem Studium engagierte sich Chomsky in linken Bewegungen und studierte Schriften zum Anarchismus (Rudolf Rocker), demokratischen Sozialismus (George Orwell) und Marxismus (Karl Liebknecht, Karl Korsch und Rosa Luxemburg).

Abb.1: Noam Chomsky
Chomsky ist der Gründungsvater der so genannten ›Generativen Linguistik‹ und speziell der ›Generativen Grammatik‹. Der Paradigmenwechsel von der strukturalistischen Sprachwissenschaft zur generativen wird durch ein schmales Bändchen mit dem Titel Syntactic Strutures (Chomsky 1957) eingeleitet.
Was ist das wissenschaftliche Verdienst Chomskys? Was versteht man unter Generativismus und speziell unter generativer Grammatik? Es sind zunächst zwei Grundannahmen, die für die generative Grammatik konstitutiv sind. Zum einen werden den sprachlichen Strukturen Ableitungsmechanismen zugrunde gelegt, die über Regeln, die sich als Algorithmen fassen lassen, definiert werden können. Ziel ist es, in einer Menge von Sätzen grammatische Strukturen von umgrammatischen zu scheiden:
»From now on I will consider a language to be a set of (finite or infinite) sentences, each finite in length and constructed out of a finite set of elements. […] The fundamental aim in the linguistic analysis of a language L is to separate the grammatical sequences which are the sentences of L from the ungrammatical sequences which are not sentences of L and to study the structure of the grammatical sequences. The grammar of L will thus be a device that generates all of the grammatical sequences of L and none of the ungrammatical ones« (Chomsky 1957: 13).
Von jetzt an werde ich unter einer Sprache S eine (endliche oder unendliche) Menge von Sätzen verstehen, jeder endlich in seiner Länge und konstruiert aus einer endlichen Menge von Elementen. […] Das grundsätzliche Ziel bei der Analyse einer Sprache S ist es, die grammatischen Folgen, die Sätze von S sind, von den ungrammatischen Folgen, die nicht Sätze von S sind, zu unterscheiden und ihre Strukturen zu analysieren. Die Grammatik von S wird deshalb eine Anweisung sein, die die grammatischen Folgen von S generiert/erzeugt und keine der ungrammatischen.
Zum Zweiten führt Chomsky die grundlegende Unterscheidung in Kompetenz und Performanz ein. Sprachkompetenz ist »die Kenntnis des Sprecher-Hörers von seiner Sprache« (Chomsky 1978: 14), Sprachverwendung, sprachliche Performanz »der aktuelle Gebrauch von Sprache in konkreten Situationen« (ebd.). Damit ist die sog. mentalistische Sprachauffassung begründet, da eine Sprachtheorie um »die Aufdeckung einer mentalen Realität, die dem aktuellen Verhalten zugrunde liegt, bemüht ist« (ebd.). Mentalistische Linguistik ist also theoretische Linguistik, »die Daten aus der Sprachverwendung […] benutzt, um die Sprach-Kompetenz zu bestimmen, wobei Letztere als der primäre Untersuchungsgegenstand zu bestimmen ist« (ebd., S. 241). Mit dem Kompetenzbegriff bezieht sich Chomsky sprachphilosophisch auf Ideen des Begründers der vergleichenden Sprachforschung Wilhelm von Humboldt (1867–1835). Für von Humboldt ist »Sprache […] das bildende Organ des Denkens« (1973: 45) und »nichts anderes, als das Komplement des Denkens […]« ( ebd., S. 8). Indem Sprache und Denken komplementär aufeinander bezogen werden, bilden Sprachen das Fundament für die Geistestätigkeit. Der Begriff der ›Energeia‹ im Kontrast zum ›Ergon‹ reflektiert diesen Zusammenhang: »Die Sprache ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia). […] Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens zu machen« (ebd., S. 36).
Wilhelm von Humboldt (*22.6.1767 in Potsdam, †8.4.1835 in Tegel)
Mit seinem Bruder Alexander von Privatlehrern erzogen, studierte Wilhelm von Humboldt in Frankfurt (Oder) und Göttingen neben Jura auch klassische Philologie. Er war im preußischen Staatsdienst tätig, bis er sich 1819 aus seinen Ämtern zurückzog. Neben diplomatischen Missionen hatte er von 1809 bis 1811 als Sektionsleiter für Kultus im Innenministerium entscheidenden Anteil an Bildungsreformen, die die Hochschulen in Deutschland bis in die Gegenwart geprägt haben. Bei einer Reise nach Spanien 1799 weckte die Begegnung mit dem Baskischen sein Interesse an der Unterschiedlichkeit der Sprachen. Er trug eine für die damalige Zeit einzigartige Vielzahl von Quellen zu den Sprachen der Welt zusammen und entfaltete seit 1820 auf dieser Grundlage einen sprachphilosophisch fundierten Entwurf zu einer vergleichenden Sprachforschung, der aber auf die sich an den indogermanischen Sprachen orientierende historisch-vergleichende Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts kaum Einfluss hatte. Sein sprachphilosophisches Denken wirkt dennoch bis in die Gegenwart fort.
Humboldts erklärtes Ziel ist es, die »Sprachfähigkeit des Menschengeschlechts auszumessen« (1973: 14). Die Suche nach Abhängigkeiten zwischen grammatischen Phänomenen und auch die Frage nach der Wechselbeziehung zwischen Sprache und Denken spielten dabei eine Rolle – Projekte, die die heutige Sprachtypologie und ebenso die Erforschung der kognitiven Grundlagen sprachlicher Relativität und deren kulturelle Implikationen vorwegnahmen.
Rezipiert wurde Humboldt meist als Sprachphilosoph, obwohl die zitierten Schriften primär Einleitungen oder als Akademie-Vorlesungen gehaltene Vorstudien zu umfassenden Einzeldarstellungen von Sprachen sind. Berühmt ist vor allem die Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschen betitelte Einleitung zu dem Werk Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java (1836–39), wogegen die meisten kleinen Studien zu etlichen Sprachen heute weniger bekannt sind.
Die generative Grammatik knüpft also zunächst an formalisierte, mathematische Modelle an, erweitert diese aber um eine mentalistische Fundierung, indem sprachliche Kenntnissysteme als der originäre Untersuchungsgegenstand der Linguistik definiert werden. Es sind zwei Argumente, die Chomsky immer wieder für sein Mentalismus-Programm anführt:
1. Das Argument der Kreativität: Wie ist es möglich zu erklären, dass der Mensch immer wieder neue Sätze produziert, dass mit endlichen Mitteln unendliche Realisierungen erzeugt werden können? Dies ist bekannt als ›Humboldts Problem‹. Chomsky löst dieses wie folgt: Sprache ist ein generatives Verfahren zum Ausdruck von Gedanken. Generativ heißt, dass es Regeln gibt, die korrekte Sätze erzeugen, insbesondere auch rekursive Regeln, also Regeln des Typs, in dem dasselbe Symbol sowohl links als auch rechts vom Pfeil auftritt (A → B + A). So werden z.B. Wörter wie Ur-Urgroßvater oder Sätze wie Torsten weiß, dass Chomsky behauptet, dass alle Sprachen Rekursion aufweisen gebildet.
2. Das Argument der defizienten Erfahrung im Erstspracherwerb: Wie kann ein Kind Sätze produzieren, die es noch nie zuvor gehört hat? Der Spracherwerb kann nicht aus dem Dateninput begründet werden. Deshalb verfügt das Kind »über eine angeborene Theorie potentieller struktureller Beschreibungen« (Chomsky 1978: 49), es kommt mit bestimmten angeborenen grammatischen Prinzipien auf die Welt. Das Problem, das hier formuliert wird, ist bekannt als ›Platons Problem‹1. Chomsky wendet sich vehement gegen das Tabula-Rasa-Argument der Behavioristen und hier insbesondere gegen den amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner (1904–1990), nach dem der Spracherwerb allein über den Dateninput und Sprache über die beobachtbaren Veränderungen in konkreten sprachlichen Situationen zu begründen sei. Bereits der Philosoph und Namensgeber meiner Universität Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) hatte argumentiert: Die »Tabula Rasa […] ist meines Erachtens nur eine Fiktion, die die Natur nicht zulässt« (Leibniz 2000: 99). Und: »Hinsichtlich des Satzes ›das Viereck ist kein Kreis‹ kann man aber sagen, er sei eingeboren, denn bei seiner Betrachtung vollzieht man eine Subsumption oder Anwendung des Prinzips des Widerspruchs auf das, was der Verstand selbst bereit stellt, sobald man sich zu Bewußtsein bringt, daß diese eingeborenen Ideen unverträgliche Begriffe in sich schließen« (Leibniz 2000: 37). Denn schließlich – so widerspricht Leibniz John Lockes (1632–1704) empiristischer Position: ›Es ist nichts im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war, ausgenommen der Verstand selbst‹ (»Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus«, Leibniz 2000: 103).
Chomskys Programm der Sprachwissenschaft und seine Sprachtheorie haben zum Gegenstand das Verhältnis von Sprache und Kognition, von Sprache und Spracherwerb, Mechanismen der Spracherzeugung. Chomsky versteht Linguistik (zunächst) »als den Teil der Psychologie, der sich auf einen spezifischen kognitiven Bereich und ein spezifisches geistiges Vermögen konzentriert, nämlich auf das Sprachvermögen« (Chomsky 1981a: 11–12). Chomskys Programm wird in der sog. Universalgrammatik (UG) ausgeweitet und biologisch fundiert (s. auch Kap. 74).
5 Theorie und Empirie in der Sprachwissenschaft
Theorie und Empirie werden nicht nur in der Sprachwissenschaft als komplementäre Gegensätze begriffen. Komplementär insofern, als es keine Theorie ohne Bezug auf sprachliche Daten und keine Empirie ohne theoretische Vorannahmen gibt (bzw. geben sollte); gegensätzlich insofern, als die Forschungsgegenstände und -richtungen sehr unterschiedlich sind. Während es in den Naturwissenschaften jedoch selbstverständlich ist, dass Theoretiker und Empiriker in einem permanenten Austauschprozess stehen und dass eine Theorie einer experimentellen Prüfung standzuhalten hat, ist dies in den Sprachwissenschaften keineswegs so. Für viele Theoretiker ist das ›Stochern‹ in sprachlichen Daten relativ nutzlos und nur insofern wichtig, als die Empiriker einige, möglichst in die Theorie passende Belege bringen. Für viele Empiriker sind die Theoretiker intellektuelle Spinner, deren Phantastereien mit der sprachlichen Realität nichts mehr zu tun haben. Ein schönes, weil anschauliches Beispiel für Letzteres sind die Ausführungen des ›Dschungellinguisten‹ Daniel Everett, der bei den Pirahã-Indianern am Amazonas Feldforschung betrieben und darüber ein lesenswertes Buch geschrieben hat, in dem auch auf über einhundert Seiten auf die Sprache der Pirahã (sprich: Pidahan) eingegangen wird. In diesem Zusammenhang wendet er sich gegen Chomskys generative Grammatik (s. Kap. 4), dessen »Theorie in Wirklichkeit über die Pirahã-Sprache wenig Erhellendes beizutragen hat« (Everett 2010: 291). Anstelle eines »geradezu religiösen und ein wenig mystischen Dualismus, der den Arbeiten von Descartes und nach manchen Lesarten auch der Theorie von Chomsky zugrunde liegt, möchte ich eine konkrete Sichtweise auf die Sprache vorschlagen. […] Man sollte sich bemühen, Sprache in einer Situation zu verstehen, die dem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang so nahe wie möglich kommt. Wenn ich damit auf der richtigen Spur bin, kann man linguistische Feldforschung nicht getrennt vom kulturellen Zusammenhang betreiben« (ebd. S. 358).
Everett wirft dem ›Schreibtischlinguisten‹ Chomsky u.a. vor, dass sein Grundansatz der Universalgrammatik (UG) im Hinblick auf den seiner Meinung nach notwendigen Zusammenhang von Sprache und Kultur fehl gehe, dass nichts Interessantes und Wissenswertes über Sprache erfahren werden könne. Hier ist ein Konflikt aktualisiert, der eine lange Tradition hat und der mit den Gegensatzpaaren Theorie – Empirie, wissenschaftlicher Realismus – Phänomenalismus, Rationalismus – Empirismus umrissen ist. Grundlegend ist eine unterschiedliche Auffassung zu den Aufgaben der Sprachwissenschaft und im Hinblick auf den Gegenstandsbereich. Rückt Chomsky das Sprachwissen, die Fähigkeit zu sprechen, in den Vordergrund, so Everett die sprachlichen Ausdrücke im kulturellen Kontext. Welchem Ansatz man folgt, ist in der Tat eine Glaubensfrage, aber: Everett macht es sich zu leicht, wenn er die Karte der Empirie zieht und glaubt, damit einen Trumpf gegen die Theorie ausspielen zu können.
In seinen Untersuchungen stellte Everett fest, dass es in der Sprache der Pirahã keine Rekursivität gibt. Rekursivität bezeichnet die Eigenschaft, mit einem endlichen Inventar an Grundelementen und Regeln unendlich viele Strukturen erzeugen können. Mit einer rekursiven Regel können Sätze mit unendlich vielen eingebetteten Sätzen erzeugt werden, z. B. Torsten denkt, dass Chomsky meint, dass Decartes ein großer Philosoph war. Da nun rekursive Strukturen in der Pirahã-Sprache nicht vorkommen, Rekursivität aber von Chomsky selbst als ein zentraler Baustein menschlicher Sprachfähigkeit und seiner Universalgrammatik (UG) gesehen wird (s. auch Kap. 4), sei die Theorie falsch. Nun zeigen Nevins et al. (2007), dass auch in der Pirahã-Sprache Rekursivität vorkommt, was Everett wiederum bestreitet (mich allerdings überzeugen die Argumente von Nevins et al.). Wir wollen aber annehmen, dass Everett Recht hat und es tatsächlich keine rekursiven Strukturen in der Sprache der Pirahã gibt. Was bedeutet dies für Chomskys Theorie, die eine wohldefinierte und komplexe Grammatiktheorie darstellt? Wir können argumentieren, dass die Theorie (T) falsifiziert ist und somit durch eine andere, neue Theorie (T’) zu ersetzen ist. Nun zeigt sich in allen anderen Sprachen, dass diese über rekursive Strukturen verfügen. Von T’ werden wir erwarten, dass sie die empirischen Erfolge von T ebenso umfasst wie das neue empirische Faktum. Im Hinblick auf Rekursivität muss T’ auf T reduzierbar sein und zusätzlich das Phänomen der Nicht-Rekursivität umfassen. Everett schlägt nun folgendes Erklärungsprinzip vor: »Eine Erklärung dafür, warum es im Pirahã keine eingebetteten Sätze gibt, bietet das umfassende Prinzip des unmittelbaren Erlebens (immediacy of experience principle, IEP)« (Everett 2010: 345). Kurz und vereinfach gesagt: Einbettung, Rekursivität tritt wegen der konkreten Lebensumstände und der damit verbundenen unmittelbaren Erfahrung der Pirahã nicht auf, ist nicht notwendig. Nehmen wir auch hier an, Everett hat Recht, dass IEP gilt (was ich in der Form und grundsätzlich bezweifle). Dieses Prinzip ›erklärte‹ dann zwar Nicht-Rekursivität in der Pirahã-Sprache, sagt aber nichts aus über Rekursivität in anderen Sprachen. Eine Theorie, die der UG überlegen wäre, folgt daraus überhaupt nicht. Eher würde man eine zweite Strategie verfolgen: Wenn die UG sich in so vielen Fällen bewährt, dann stellt sich die Frage, warum in dem einen nicht. Man könnte eine Ausnahmeregel formulieren, so könnte das IEP andere Prinzipien außer Kraft setzen. Die modifizierte Theorie T’ umfasste dann die Fälle von Rekursivität und den Fall von Nicht-Rekursivität. T wäre dann in T’ enthalten, wobei durch T’ alte und neue empirische Befunde erklärt werden könnten.
Das ›Prinzip des unmittelbaren Erlebens‹ (IEP) leuchtet intuitiv ein, dennoch hatte ich gesagt, dass ich es in dieser Form bezweifle. Das, was ich stark bezweifle, hängt mit dem Begriff ›Erklärung‹ zusammen. Everett argumentiert, das IEP sei die Ursache für Nicht-Rekursivität, und er führt dies an weiteren Beispielen aus. Das zugrunde liegende Argumentationsschema setzt stillschweigend voraus, dass es normalerweise Sprachen mit Rekursivität gibt und dass das Pirahã von der Norm abweicht und für dieses Abweichen eine Begründung zu finden sei. Dies ist ein uns im Alltag vertrautes Denkschema: Solange der Computer läuft, fragen wir nicht nach der Ursache, warum er läuft, treten aber Fehlfunktionen auf, dann fragen wir uns, was passiert ist, warum der Computer nicht mehr funktionsfähig ist. Aber können wir eine Ursache eindeutig festlegen? Ist es plausibel, im Hinblick auf das komplexe Phänomen Sprache einen Grund (IEP) für ein Phänomen (Nicht-Rekursivität) festzulegen? Nein, zu behaupten, das IEP erkläre Nicht-Rekursivität, ist eine sehr einfache und reduktionistische Sicht auf die (sprachliche) Welt. Lebensumstände, Kultur haben sicherlich einen Einfluss auf sprachliche Strukturen, aber sie wirken nicht monokausal, sondern sind in sehr komplexen Zusammenhängen zu sehen.
6 Wie gehen Sprachwissenschaftler vor?
Die Sprachwissenschaft ist eine Erfahrungswissenschaft. »An konkreten Sprechereignissen macht der Sprachforscher seine grundlegenden Beobachtungen und fixiert ihr Ergebnis in Erstsätzen der Wissenschaft«, so hat es Karl Bühler (1982: 15) treffend formuliert. Doch wie beobachten wir den Untersuchungsgegenstand ›Sprache‹?
Als kompetente Sprachteilnehmer können wir auf unsere eigene Sprachkompetenz zurückgreifen, man nennt dies die Methode der Introspektion. Und mit dieser Methode kann man eine Menge an interessanten Sprachdaten gewinnen und sie beurteilen. Es gibt aber auch Probleme mit dieser Methode. Sie ist natürlich völlig ungeeignet, wenn man Sprachdaten einer unbekannten Sprache erheben will. Wie schwierig in diesem Fall das Gewinnen von Sprachdaten sein kann, zeigen Untersuchungen zu Indianersprachen oder Aboriginee-Sprachen in Australien. In Australien mit seinen zahlreichen Ureinwohnersprachen ist es zunächst vonseiten des Staates nicht erlaubt, in die Gebiete der Ureinwohner einzudringen. Doch auch mit Erlaubnis ist der Zugang zu fremden Kulturen schwierig, wenn mit der Außenperspektive des Fremden in die Kulturen eingedrungen wird. Welche Schwierigkeiten sich bei der Feldforschung ergeben können, findet sich anekdotisch in einem äußerst lesenswerten Buch von Robert M. W. Dixon, der zahlreiche Arbeiten zum Dyirbal, einer nordostaustralischen Sprache, verfasst hat. Auf der Suche nach Informanten zum Dyirbal berichtet Dixon folgende Geschichte:
Then the old military gentleman cupped his hands to his mouth, put them three inches from Tommy’s ear, and bellowed, »He wants your language.«
»Oh, yes», said Tommy, »that good language. Jirrbal. They speak him all way back to Ravenshoe. All way down to Tully that language.«
»Would you mind if I asked you some?« I enquired.
»Do you know any language?« my translator shouted.
»No more«, replied Tommy, »my brother, he’s the one knows all that language. He know all words for animal, and bird. They never learn me all that. My brother the one all right.«
»Where could I find your brother then?« brought no response.
Again, Tommy’s neighbour come to my aid, whipping out each word like a cannon shot.
»Where. Is. Your. Brother?«
»Oh, my brother«, said Tommy – appearing surprised that we didn’t already know – »He dead. He died ten years ago.« (Dixon 1984: 47–48)
Zum Glück stellen sich solche Probleme kaum, wenn wir das Deutsche untersuchen. Können wir uns aber auf unsere Kompetenz bzgl. unserer eigenen Sprache immer verlassen? Weiß der Linguist bei seiner Muttersprache, was ein grammatisch korrekter Satz ist und was nicht? In einer Anmerkung berichtet Wolfgang Schindler, dass der von ihm diskutierte Hörbeleg dann hat er wirklich das Ziel verfehlt halt – im Gegensatz zu dann hat er halt wirklich das Ziel verfehlt – auf einer Fachtagung von einem bekannten Kollegen mit der Bemerkung kommentiert wurde, »dass manche Leute eben auch mal falsch sprächen« (Schindler 1995: 55, Anm. 2). Schindler bemerkt hierzu: »Der Leser möge beurteilen, ob hier ein Verstoß gegen eine Syntaxregel wie ›Platziere Abtönungspartikeln nur im Mittelfeld‹ vorliegt oder ob gesprochensprachlich bestimmte Abtönungspartikeln ohne Regelverstoß ›nachgeliefert‹ werden können« (ebd.). Hinter der nicht selten vorkommenden Einschätzung, dass das, was von der (welcher?) Norm abweicht, Performanz-, Sprechfehler seien, verbirgt sich ein doppelter Kompetenzbegriff. Zum einen werden ein idealisierter Sprecher und eine idealisierte Sprache zugrunde gelegt, das Reale und Empirische über die Performanz als »Abfalleimer« (Ballmer 1976: 27) der ›idealen Sprache‹ gegenübergestellt, zum anderen wird der kompetente Wissenschaftler dem Alltagssprecher und sprachwissenschaftlichen Laien qua Profession übergeordnet.




