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Um sicherzustellen, dass die Sprache in ihrer Breite und hinsichtlich bestimmter Phänomene erfasst werden kann, gibt es verschiedene Techniken der Sprachdatenerhebung (Interviews, Tests, teilnehmende Beobachtung usw.), mit denen Sprachkorpora für die Analyse aufgebaut werden können. In den letzten zehn Jahren hat die so genannte Korpuslinguistik, bei der Sprachkorpora systematisch analysiert werden, eine immer stärkere Bedeutung erfahren. Entscheidend ist, dass neben der Kompetenz des Sprachwissenschaftlers und seiner Expertise die Kenntnisse des Sprechers und sein Sprachgebrauch über die Sprachdatenerhebung in die Analyse einfließen und somit die Qualität der Analyse erhöhen.
Es gibt in der Sprachwissenschaft spezielle Erhebungstechniken und eine (und nur eine) davon ist die rasche und anonyme Datenerhebung, die aus zweierlei Gründen von William Labov (1966) in seiner berühmten Kaufhausstudie entwickelt wurde: 1. um möglichst natürliche Sprachdaten zu erheben und 2. um in kürzester Zeit eine große Anzahl von Daten zu gewinnen. Labov hält rasche und anonyme Beobachtungen »für die wichtigste Methode in einem linguistischen Forschungsprogramm, das die von gewöhnlichen Leuten bei ihren alltäglichen Verrichtungen benutzte Sprache zu ihrem wichtigsten Gegenstand macht« (Labov 1980: 48).
William Labov (*4.12.1927 in Rutherford, New Jersey)
William Labov, 1927 in Rutherford geboren, studierte in Harvard und arbeitete zunächst als Chemiker, bevor er sich der Linguistik zuwandte. Seine MA-Arbeit aus dem Jahre 1963, in der er sich mit dem Dialektwandel auf Martha’s Vineyard beschäftigte, wurde ebenso berühmt wie seine Dissertation (1963) zum Englischen in New York City. Er lehrte zunächst an der Columbia University (1964–1970) und anschließend an der University of Pennsylvania.
Verfolgt Labov in seinen ersten Arbeiten dialektologische Fragestellungen, folgt zwischen 1965 und 1968 ein großes Projekt zum Black Englisch, in dem auch pragmatische Aspekte des Sprachgebrauchs verfolgt werden. Die moderne Soziolinguistik und die sog. Variationslinguistik sind wesentlich durch die Arbeiten von Labov geprägt. Immer geht es ihm um sprachliche Variation und Alltagssprache, um Sprache im sozialen Kontext. »In den letzten Jahren hat sich eine linguistische Forschungsrichtung entwickelt«, so beginnt Labov seinen Aufsatz Das Studium der Sprache im sozialen Kontext, »die sich auf den Sprachgebrauch innerhalb der Sprachgemeinschaft konzentriert, wobei das Ziel eine Sprachtheorie ist, die es vermag, diese Gegebenheiten zu erklären. Diese Forschungsrichtung hat man zuweilen als ›Soziolinguistik‹ bezeichnet, obgleich das ein etwas irreführender Gebrauch eines merkwürdig redundanten Begriffs ist. Sprache ist eine Form sozialen Verhaltens« (Labov 1972: 123). Und: »Dieser Aufsatz wird das Studium der Sprachstruktur und Sprachentwicklung innerhalb des sozialen Kontextes der Sprachgemeinschaft behandeln. […] Wenn nicht die Notwendigkeit bestünde, diese Untersuchung gegen das Studium der Sprache außerhalb des sozialen Kontextes abzusetzen, würde ich es vorziehen zu sagen, daß es sich bei ihr ganz einfach um Sprachwissenschaft handelt« (ebd., S. 124).
Bei Labovs Untersuchung ging es um eine phonologische Fragestellung zum New Yorker Englisch im Rahmen der soziolinguistischen Erforschung der sprachlichen Verhältnisse in New York. Es ging ihm speziell um das Vorhandensein oder Fehlen von [r] in postvokalischer Position (car, four) und präkonsonantisch (fourth, card) und darum, wie die verschiedenen r-Aussprachen hinsichtlich sozialer und stilistischer Faktoren, aber auch nach phonetischen Faktoren (Was folgt dem r?) variieren. Seine Ausgangshypothese lautete, dass wenn zwei beliebige Untergruppen von New Yorker Sprechern auf einer Skala der sozialen Schichtung hierarchisch angeordnet sind, sie dann durch den unterschiedlichen Gebrauch des r in derselben Reihenfolge angeordnet sind. Um die sozialen Faktoren zu bestimmen, wählte Labov in einer ersten Pilotstudie drei unterschiedliche Kaufhäuser als Erhebungsorte aus, die in ihrem Rang und Status deutlich divergieren: ein Kaufhaus an der Fifth Avenue mit hohem Prestige (Saks), ein nach Preis und Prestige in der Mitte gelegenes (Macy’s) und ein billiges Kaufhaus (Klein), nicht weit von der Lower East Side. Labov trat nun an Angestellte in der Rolle eines Kunden heran und fragte sie nach einer Abteilung im vierten Stock. Die Antwort erfolgte in einem informellen Stil. Labov fragte anschließend noch einmal nach und erhielt gewöhnlich eine zweite, emphatische Äußerung ›Fourth floor!‹ (formeller Stil). Daraufhin notierte er die sprachlichen Realisierungen, verschiedene Daten zur Person und erfasste so folgende Merkmale: Kaufhaus, Stockwerk innerhalb des Kaufhauses, Geschlecht, Alter (geschätzt in Intervallen von fünf Jahren), Tätigkeit (Verkäufer, Kassierer etc.), Hautfarbe, Akzent. Neben den so ermittelten unabhängigen, außersprachlichen Variablen erhielt Labov den Gebrauch des [r] in vier verschiedenen Positionen: präkonsonantisch, auslautend, informell (zwanglos gesprochen), formell (emphatisch gesprochen). In kürzester Zeit ›interviewte‹ Labov auf diese Weise 264 Personen. Anschließend wurden die Sprachdaten statistisch ausgewertet, es wurde geprüft, ob und inwieweit der r-Gebrauch mit außersprachlichen Faktoren korreliert ist (Kap. 68).
Wie gut die Methode funktioniert, habe ich selbst von Schülern einer 10. Klasse eines Berliner Gymnasiums erfahren können. In einem kleinen Projekt sollten die Schüler das Berlinische untersuchen: Lautstand, Wortschatz, Grammatik. Auf die Frage, wie wir schnell authentische Sprachproben erhalten können, kam eine Gruppe von Schülern auf eine trickreiche Idee, die sie dann auch in die Tat umsetzte. Mit einem kleinen Aufnahmegerät bewaffnet stellten sie sich an Berliner U-Bahnhöfe und fragten Passanten: ›Die BVG plant die Fahrpreise demnächst zu verdoppeln, wie sehen Sie das?‹ Empörte Berliner sagten lautstark in ihrer natürlichen Umgangssprache ihre Meinung. An einem Nachmittag konnten die Schüler zahlreiche Sprachproben erheben, die sie anschließend teilweise verschrifteten und auswerteten.
7 Wer war die erste Professorin für Sprachwissenschaft in Deutschland?
Die Philologin und Sprachwissenschaftlerin Agathe Lasch war die erste Germanistikprofessorin in Deutschland. In seiner Rede vom 1. April 2004 zur Benennung eines Platzes in Berlin-Halensee nach Agathe Lasch sagte der damalige Berliner Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler: »Die meisten werden fragen: Wer war Agathe Lasch? Und ich hoffe, dass diese Platzbenennung dazu anregt, sich mit dieser Frau zu beschäftigen, denn sie hat uns auch heute noch viel zu sagen, und ihr Schicksal steht für den Teil unserer Geschichte, der nicht in Vergessenheit geraten darf.2«
Am 4. Juli 1879 in Berlin als drittes von fünf Geschwistern einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, wuchs sie in Berlin auf und legte 1906 am Kaiserin-Augusta-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg ihr Abitur ab, nachdem sie zuvor das Lehrerinnenseminar besucht und mehrere Jahre an höheren Mädchen- und Fortbildungsschulen unterrichtet hatte. Sie studierte anschließend in Halle und Heidelberg Germanistik und promovierte 1909 bei Wilhelm Braune (1850–1926) mit der Arbeit Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, die 1910 als Buch erschien. Danach lehrte und forschte sie mehrere Jahre in den USA und erhielt einen Ruf als Associate Professor an die Frauenuniversität Bryn Mawr in Pennsylvania. Dort entstand auch ihre Mittelniederdeutsche Grammatik (1914). Im Herbst 1917 kehrte sie nach Deutschland zurück und habilitierte sich 1919 an der im selben Jahr neu gegründeten Hamburgischen Universität. Am 29. Juni wurde sie dort zum Professor ernannt, 1926 zur Außerordentlichen Professorin für niederdeutsche Philologie berufen. 1928 erschienen die ersten Teile des Mittelniederdeutschen Handwörterbuchs und die bis heute unübertroffene Arbeit zum Berliner Dialekt: Berlinisch. Eine berlinische Sprachgeschichte. Dort heißt es im Vorwort: »Meiner Vaterstadt Berlin haben meine ersten wissenschaftlichen Arbeiten gegolten. Es ist mir eine besondere Freude, daß ich jetzt, auch fern von Berlin, meiner Geburtsstadt meinen Dank und meine Anhänglichkeit beweisen darf« (Lasch 1928: IX). Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde sie am 30. Juni 1934 aus ihrem Amt entlassen, sie erhielt schließlich Publikationsverbot und wurde am 15. August 1942 nach Riga deportiert und vermutlich auf dem Weg dorthin ermordet.

Abb. 2: Agathe Lasch
8 Wer schrieb die erste Grammatik?
Die älteste erhaltene Grammatik verfasste der indische Grammatiker Pā





Pā


Sandhi (










Abb. 3: Sanskrit-Handschrift aus dem 9. Kapitel des 2. Buches Śrīmad-Bhāgavata-Purāņa
Sprache und Sprachen
9 Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?
Die meistgenannte Zahl ist ca. 6500. Eine genaue Festlegung ist allerdings kaum möglich, da zum einen nicht alle Sprachen erfasst sind (z.B. im Amazonasgebiet) und zum anderen sich die Frage stellt, was eine Sprache und was eine Sprachvariante ist. Ist das Schweizerdeutsche eine eigene Sprache oder eine Variante des Deutschen?
Die für Sprachwissenschaftler wichtigste Quelle ist die nunmehr in 16. Auflage vorliegende Ethnologue-Enzyklopädie (Lewis 2009). Dort sind 6909 Sprachen aufgelistet, 473 der Sprachen gelten als stark bedroht. Das Chinesische (Mandarin) ist die Sprache mit den meisten Muttersprachlern, das Deutsche steht an 10. Stelle (vgl. Tab. 1).
Sprache Anzahl Muttersprachler 1. Chinesisch 1.213.000.000 2. Spanisch 329.000.000 3. Englisch 328.000.000 4. Arabisch 221.000.000 5. Hindi 182.000.000 6. Bengali 181.000.000 7. Portugiesisch 178.000.000 8. Russisch 144.000.000 9. Japanisch 122.000.000 10. Deutsch 90.300.000Tab. 1: Verteilung der Sprachen nach Muttersprachlern (nach Lewis 2009)
Die meisten Sprachen gibt es in Papua-Neuguinea (890), an zweiter Stelle steht Indonesien mit 790 Sprachen, an dritter Nigeria mit 514 Sprachen, es folgt Indien mit 445 Sprachen. Da die meisten Sprachen von weniger als 5000 Menschen gesprochen werden, geht man davon aus, dass ein Großteil der Sprachen aussterben wird und in 100 Jahren vielleicht nur noch 600 Sprachen existieren. Gründe hierfür liegen in Nationalisierungs- und Globalisierungsprozessen. In Deutschland gelten 13 Sprachen als gefährdet, darunter das Sorbische und Saterfriesische. In der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen von 1992 haben sich die europäischen Staaten verpflichtet, ihre Regional- und Minderheitensprachen zu wahren und zu fördern.
10 Welche sprachlichen Grundtypen gibt es?
Seit Wilhelm von Humboldt (1767–1835) und August Wilhelm von Schlegel (1767–1845) gibt es den Versuch, die Sprachen der Welt in Grundtypen einzuteilen. Die entscheidenden Kriterien, nach denen Sprachen grundlegend klassifiziert wurden, sind der Formenreichtum, der Reichtum an Strukturen und die Art und Weise, wie diese Strukturen aufgebaut werden. In neueren Arbeiten ist dies insbesondere von Josef Greenberg (1915–2001) verfeinert worden (s. auch Kap. 16), an dieser Stelle soll es allein um die sprachlichen Grundraster gehen.
Eine erste Unterscheidung ist die in analytische bzw. isolierende Sprachen und synthetische Sprachen. Eine isolierende Sprache weist keine oder geringe Formenbildung auf. Der Prototyp einer isolierenden Sprache ist das klassische Chinesisch, wie Beispiel (1) von Sīm



Die Wörter treten im Satz ›isoliert‹ auf, d.h. es gibt – anders als im Deutschen – keine Endungen, die Kasus, Numerus, Tempus oder Aktiv/Passiv anzeigen (vgl. 3).
(3) Er schenk-t-e ihm ein Buch er.Nom schenk-Prät-3s er.Dat ein.Akk Buch.AkkSprachen wie das Deutsche nennt man flektierende (›beugende‹, von lat. flectere ›beugen, biegen‹) Sprachen. Sie verändern sich in Abhängigkeit von Parametern wie Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) beim Substantiv und z.B. nach Tempus und Numerus beim Verb. Es tritt eine Reihe von Endungen auf, die grammatische Informationen tragen, wobei meistens keine Eins-zu-eins-Beziehung von Form und Funktion besteht. Ein Buch in (3) hat den Akkusativ, da die Wortgruppe als direktes Objekt auftritt, aber in dem Satz Ein Buch ist etwas Großartiges hat die gleiche Wortgruppe den Nominativ, denn sie nimmt die Funktion des Subjekts im Satz ein. Nominativ und Akkusativ sind hier also nicht zu unterscheiden, es liegt Formengleichheit vor (Fachterminus: Synkretismus). Zu den flektierenden Sprachen gehören u.a. die germanischen, romanischen und slawischen Sprachen.
Sprachen, bei denen eine eindeutige Beziehung zwischen Form und Funktion der Endungen vorliegt, nennt man agglutinierende Sprachen (lat. agglutinare, ›zusammenkleben‹). Sie gehören wie die flektierenden Sprachen zu den synthetischen Sprachen. Das Türkische ist eine typische agglutinierende Sprache (s. Tab. 2). Die besitzanzeigenden Endungen haben nach Person und Numerus eine eindeutige Form, das -i in evi (›sein/ihr Haus‹) kodiert die Information 3. Person Singular Possessivum, das -m in evim ›1. Person Singular Possessivum‹; das -i zwischen ev und -m ist ein Bindevokal, der die Aussprache erleichtert und die einfache Silbenstruktur des Türkischen aufrechterhält (zur Silbenstruktur s. Kap. 41). Im Türkischen gibt uns die Endung -lar die Information Plural, wir können nun bilden: okul (Schule) + lar + i-m → okullarim ›meine Schulen‹.
Singular Plural 1. Person ev-i-m ev-i-miz 2. Person ev-i-n ev-i-niz 3. Person ev-i ev-leriTab. 2: Possessivendungen im Türkischen ( ev = Haus)
Zum vierten Sprachbautyp gehören die polysynthetischen Sprachen. Sie sind den flektierenden ähnlich, aber es werden noch mehr Endungen (genauer: Affixe, s. Kap. 43) gebunden, die häufig weiter verschmelzen. Die einzelnen Wörter sind extrem komplex und dicht gepackt. Sätze haben die Tendenz, aus wenigen komplexen Wörtern zu bestehen. Die Indianersprachen der Nordwestküste Amerikas, wie das Nuu-chah-nulth (4,5), sind typische polysynthetische Sprachen. (In der obersten Zeile ist die gesprochene Form gegeben, die in der zweiten Zeile nach Bedeutungsbausteinen aufgelöst ist.)
(4) qa























Polysynthetische Sprachen haben eine Tendenz zur Inkorporation (s. 6). Damit ist gemeint, dass freie Wörter in ein anderes Wort integriert werden, insbesondere Substantive in das Verb. Im Deutschen tritt dieses Phänomen auch auf, z.B. wird aus der Verbindung die Ehe brechen das Verb ehebrechen. Das Bella Coola, das an der Pazifikküste Kanadas in British Columbia noch von etwa hundert älteren Personen gesprochen wird, ist eine polysynthetische Sprache, die zudem stark inkorporierende Züge aufweist. So können Körperteilbezeichnungen als Endungen in das Verb integriert werden (6):




