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Keines der Geschenke war eingepackt. Wozu auch. Geldverschwendung, meinte seine Mutter. Er wüsste ja sowieso, was er bekommen würde. Trotzdem hätte er gern voll Wonne Geschenkpapier zerrissen und zerknüllt. Benommen stand er nun vor den Geschenken und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Er drehte sich langsam um und ging auf seine Mutter zu, drückte sich an sie und bedankte sich. Immer, wenn er die seltene Gelegenheit bekam, mit seiner Mutter körperlich in Kontakt zu treten, hoffte er auf das Wunder, dass ihn endlich das Gefühl ihrer Liebe erreichte. Aber auch diesmal kam bei ihm nichts an.
„Alles Liebe und Gute zum Geburtstag“, sagte sie schnell und mit dem Tonfall eines Bilanzbuchhalters, der der Gesellschafterversammlung gerade die Notwendigkeit einer Konkursanmeldung mitteilt, und schob ihn schon wieder von sich. Der enge Kontakt mit ihm schien ihr unangenehm zu sein.
„Bevor du mit Spielen anfängst, wirst du aber erst mal frühstücken!“ Dann eilte sie schon zur Tür. Und mit den Worten „Ich muss zum Frisör. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Sinn steht!“ dabei nervös mit den Armen wedelnd, war sie schon verschwunden.
Er setzte sich ans andere Ende des Tisches und blickte beim Verzehren des Marmeladenbrötchens auf seine Geschenke.
Eine Hand streichelte sein Haar, und er hörte hinter sich die Stimme von Berta, der Haushälterin. „Hier, mein Junge. Das ist für dich. Alles Gute zum Geburtstag“, sagte sie mit warmer Stimme. Sie beugte sich zu ihm herunter, küsste ihn zärtlich auf die Wange und reichte ihm ein kleines Paket. Es war in buntes Geschenkpapier mit Mickey-Maus-Figuren eingeschlagen und mit einer dicken, roten Schleife verziert.
Sein Herz begann zu rasen, und voller Aufregung schob er den Frühstücksteller beiseite, um Platz zu schaffen für das Paket. Langsam und genussvoll entfernte er die angeklebte Schleife und legte sie langsam und kontrolliert, wie ein Oberkellner Bestecke auf dem Tisch platziert, beiseite. Dann löste er vorsichtig die Klebefilmstreifen ab, bemüht, das schöne Papier nicht zu beschädigen, und zog dann einen kleinen Karton aus der halbgeöffneten Verpackung heraus.
Er konnte seine langsamen Bewegungen beim Öffnen des Kartons kaum aushalten, wollte aber unbedingt den Moment des Erkennens hinauszögern, um weiterfühlen zu können. Der Deckel war nun offen. Vor ihm lag eine kleine Taschenlampe, wie sie Höhlenforscher auf dem Kopf trugen. Sie war aus verchromten Metall und mit einem roten Plastikrand eingefasst. Am Gehäuse waren breite Gummiriemen angebracht, die dazu dienten, die Lampe wie eine Mütze auf dem Kopf zu tragen.
„Oh danke, Berta!“ rief er aus, sprang von seinem Stuhl hoch und drückte sich an ihren dicken Bauch. Seine in ihre Schürze vertiefte Nase nahm den Geruch von gekochtem Hühnerfleisch wahr, und ein Strahlen huschte über sein Gesicht.
Berta hielt, was sie versprach. Er hatte sich für heute sein Lieblingsessen, Hühnerfrikassee, gewünscht. Sie hielt den Jungen so lange im Arm, bis sie merkte, dass er dringend seine aufgestaute Energie in Bewegung umsetzen musste. Dann rannte er hinaus, und sie hörte, wie er die Tür zum Keller öffnete. Im dunklen Keller ließ sich die Lampe natürlich am besten ausprobieren. Berta räumte das Frühstücksgeschirr zusammen, wusste, dass der Junge die Salami nicht mehr aß, seit er sie nicht mehr Mettwurst nennen durfte, und brachte alles in die Küche. Dann ging sie zurück und lud sich die Geburtstagsgeschenke auf, um sie in sein Kinderzimmer zu bringen. Die gnädige Frau mochte es nicht, wenn das Esszimmer nicht einwandfrei aufgeräumt war, bis sie zurückkehrte. Sie legte die Autorennbahn und die Dampfmaschine auf das für den Jungen viel zu große Bett und hängte die neue Kleidung in seinen Schrank. Dann machte sie sich auf in die Küche, um ihm sein Lieblingsessen zu bereiten.
Berta war Putzfrau, Köchin, Kindermädchen und Haushälterin in einem. Sie war fest im Hause der Industriellenfamilie angestellt und bewohnte am Ende der Galerie in der ersten Etage eine kleine Zweizimmerwohnung. Kurz nach der Geburt des Jungen kam sie ins Haus. Sie war jetzt Ende vierzig und hatte in ihrem Leben bisher nichts anderes getan, als für Herrschaften den Haushalt zu führen. Und es ging ihr gut dabei. Sie verfügte über ausgezeichnete Referenzen, und die ließ sie sich anständig bezahlen. Dafür war sie rund um die Uhr verfügbar, verzichtete auf Urlaub und nahm den Herrschaften auf Reisen den Filius ab. Sie hatte kaum Ausgaben, und so verfügte sie mittlerweile über ein kleines, aber ansehnliches Vermögen, das ihr eines Tages den Lebensabend versüßen sollte. Sie war nicht verheiratet. Der richtige Mann tauchte in ihrem Leben nie auf. Freundschaften hatte sie keine. Sie bewegte sich seit ihrer Ausbildung ausschließlich im Kreis von Dienerschaften. Das war ein sehr eingeschränktes soziales Gefüge. Aber sie vermisste nichts. Auch keine Kinder. In allen Haushalten, in denen sie diente, waren Kinder. Das wollte sie so, und das reichte ihr. Mittlerweile liebte sie den kleinen Benjamin, den sie fast von Geburt an kannte, und kümmerte sich sorgsam um ihn. Und sie bekam von ihm das an Zuneigung und Nähe zurück, was ihr sonst im Leben fehlte.
Sie hatte früh festgestelltt, dass ihre Herrschaften als Mutter und Vater nicht viel hergaben. Ein alleinunternehmerischer Fabrikbesitzer, dessen Stahlhandel sein Leben war und der von seiner Frau nur erwartete, dass sie ihm erstens einen Sohn bescherte und zweitens ihren Verpflichtungen in der Gesellschaft zur Genüge nachkam. Hierfür war sie in seiner Welt, und sie entsprach seinen Ansprüchen nur zu gerne. Den Sohn hatte sie ihm geboren, ihn an Berta abgegeben und konnte sich nun um ihr Aussehen, die neueste Mode und den jüngsten Tratsch kümmern. Eine gelungene und angenehme Situation für Berta, die wie alle Hausangestellten am besten zurechtkam, wenn die Herrschaften nicht zu Hause waren.
Sie hätte auf dem Markt noch ein paar Balkonpflanzen kaufen sollen. Mechthild Kayser hatte die hölzerne Terrasse hinter ihrer Küche im Hochparterre gefegt und geschrubbt und auch die losen Gummikanten an den Stufen der in den Garten hinunterführenden Treppe festgeklebt. Die Kunststoffmöbel, die sie vergessen hatte über Winter in den Keller zu bringen, waren nun auch wieder ansehnlich. Doch in den Kästen an der Umrandung fehlte eindeutig etwas, das Farbe in das Bild brachte. Nächste Woche kaufe ich neue Erde und bepflanze alles mit Fuchsien, beschloss sie. Nur einen Kasten wollte sie mit Kräutern versehen, die sie bei Gelegenheit frisch in die Küche holen könnte.
Das Telephon klingelte. Mechthild Kayser erschrak. Obwohl sie sich angewöhnt hatte, eine furchtlose Frau zu sein, zuckte sie zu Hause beim Klingeln ihres Telephons jedes Mal zusammen. Zu oft hatte sie erlebt, dass das Klingeln nichts Gutes verhieß.
Sie wartete zu lange, und der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Sie hörte ihre eigene, fremd anmutende Stimme mit der Ansage und wartete den Pieps ab.
„Hallo Mechthild, ich bin’s, Ayse.“
Mechthild Kayser lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ayse Günher war eine der Ermittlerinnen aus ihrem Team. Adrenalin schoss sofort in ihren Kreislauf, öffnete alle ihre Sinne und aktivierte die Schutzmechanismen.
„Erschrick nicht. Es ist nichts passiert. Ich wollte nur fragen, ob wir heute etwas gemeinsam machen können.“
Mechthild griff erleichtert zum Hörer und betätigte die Ruftaste. Der Anrufbeantworter schaltete sich aus, und sie meldete sich. Nach einem kurzen Gespräch vereinbarten die beiden Frauen, den Samstagabend gemeinsam zu verbringen. Vielleicht mit einem Kinobesuch. Ihre Mitarbeiterin würde sie zu Hause abholen.
Im Café Sand tobte mittlerweile der Bär. Der Nachmittag bescherte dem Weserstrand so viele Besucher, dass der Fährbetrieb schon mit zwei Schiffen im Pendelverkehr auf der Weser agierte. Im Wechsel spuckten die Ostertor und die Punke Menschenmassen aus ihren aufgeklappten Mäulern, die nun alle für die wenigen angekündigten Sonnenstunden einen Platz im Café Sand suchten. Trotz zusätzlich vor dem Café aufgebauter Verkaufsstände gab es an jedem Tresen endlose Schlangen, und die Bedienungen standen wie so oft mit grimmigen Mienen an den Ausschankstellen. Manchmal hatte man geradezu den Eindruck, die Beschäftigten des Cafés wären zwangsweise aus einem Resozialisierungsprojekt für ehemalige Knackis rekrutiert worden. Aber wahrscheinlich war es eher so, dass sie viel lieber selber in der Sonne sitzen wollten, als durstige Väter mit quengelnden Kleinkindern auf den Armen zu bedienen, während die dazugehörigen Muttis von Zeit zu Zeit ihre genießerisch der Sonne entgegengestreckten Gesichter in ihre Richtung lenkten und mit vorwurfsvollen Blicken das Eintreffen der Getränke anmahnten. Was die Väter noch gereizter und die Kinder noch unruhiger machte.
Doch nach wenigen Stunden war der Spuk vorüber. Je näher der Zeitpunkt der Dämmerung kam, desto mehr Strandgäste verließen ihre Plätze und machten sich auf den Heimweg. Abends war es den meisten doch noch zu kühl, um draußen zu sitzen. Der Cafébesitzer rannte schon umher und schickte seine Aushilfen nach Hause, um bloß nicht eine Stunde zuviel bezahlen zu müssen, und die Außenstände wurden schon wieder geschlossen. Aber der Saisonauftakt war gelungen.
Mechthild Kayser sah gerade die Nachrichten im ZDF, als ihr erwarteter Besuch klingelte. Sie schaltete den Fernseher stumm und ging zur Tür. Sie freute sich auf einen Abend mit viel Gequatsche. Ayse Günher war die einzige Beziehung, die es aus ihrem beruflichen Umfeld bis in ihr Privatleben geschafft hatte. Mit Polizisten, egal welchen Geschlechts, konnte sie persönlich nichts anfangen. Es war nicht nur die Hierarchie, die zwischen ihnen bestand. Die meisten Kollegen wollten immer nur über den Dienst reden, sich über die Belastungen der Arbeit beklagen oder ihr gegenüber geistreiche Bemerkungen machen. Das ging ihr ziemlich auf den Senkel.
Mit Ayse war das glücklicherweise anders. Die Kriminalkommissarin, deren Eltern aus der Türkei nach Deutschland eingewandert waren, wollte nach Abschluss der Polizeihochschule eigentlich im Bereich der Umweltkriminalität arbeiten, musste aber in einem ermittlungsaufwendigen Mordfall zum Nachteil eines vierjährigen Kindes in der Mordkommission aushelfen, da Mechthild Kayser einen ihrer Mitarbeiter zum Bundeskriminalamt hatte gehen lassen. Bei den mit der Ermittlung verbundenen unendlichen Hausbefragungen zeigte Ayse Günher neben einer unerschütterlichen Ausdauer ein enormes Talent, Hinweise aus den Menschen herauszukitzeln und trug maßgeblich zur Ermittlung des Täters bei, so dass Mechthild sie nach Rücksprache mit dem Polizeipräsidenten bat, in ihr Team zu kommen. Sie willigte ein. Sicher nicht nur, weil sie selbst spürte, dass ihr die Arbeit in der Mordkommission zusagte, sondern auch, weil sich dort durch den Weggang eines Hauptkommissars klare Entwicklungsperspektiven für sie ergaben.
Die Freundschaft mit Ayse machte es Mechthild in ihrem Berufsleben nicht leicht, sie für eine Beförderung vorzuschlagen. Komischerweise dachten alle Männer ernsthaft, dass vor den Frauen erst mal sie befördert werden müssten. Anschließend sollten die Frauen sich mal um den Rest streiten. Vielen Polizisten fiel es immer noch sehr schwer, zu akzeptieren, dass manche Kolleginnen weitaus besser und qualifizierter als die Männer waren. Hundert Jahre Machogesellschaft in der Polizei ließen sich per Dekret nicht mal eben ausradieren. Alle, die sich übergangen und benachteiligt fühlten, würden eine Beförderung von Ayse auf die Freundschaft mit ihrer Chefin zurückführen. Ganz egal, welche Erfolge sie vorzuweisen hätte. Sie würde als Leiterin der Mordkommission damit angreifbar werden und Führungspotential einbüßen. Aber Ayse hatte eine Beförderung verdient.
Mechthild Kayser entschied sich, dieses Problem in Kürze mit dem Polizeipräsidenten Ernst Logemann zu besprechen. Der PP war ein echter Verwaltungsmann und Schreibtischakteur. Er hatte sie schon damals als Erste Kriminalpolizistin an die Führungsakademie nach Hiltrup geschickt und sie dann äußerst versiert als Leiterin der Mordkommission berufen.
Die beiden Frauen schlenderten eingehakt und leichtfüßig den Dobben hinunter und standen nun vor dem Cinema. In einer halben Stunde lief ein Film über ein klarinettespielendes Mädchen, das taubstumme Eltern hatte. Die Problematik des Films gefiel den beiden, und sie kauften Eintrittskarten. Die Zeit bis zum Beginn des Films verbrachten sie im zum Kino gehörenden Café und plauschten mit Carola, der Besitzerin.
Benjamin lag auf seinem Bett und starrte an die Decke.
Das Hühnerfrikassee lag ihm schwer im Magen. Aber das hatte er auch so gewollt, und er fühlte sich wohl damit. Nach der dritten Portion hielt ihn seine Mutter zur Mäßigung an, doch zu diesem Zeitpunkt hatte er sowieso schon genug.
Jetzt auf dem Bett zu liegen und der Verdauung Zeit zu verschaffen, war schon die richtige Entscheidung gewesen. Allerdings war diese Ruhezeit nicht auf seine Völlerei zurückzuführen, sondern auf die unsägliche Anordnung seiner Mutter, dass von Mittag bis drei Uhr nachmittags Ruhe im Hause zu herrschen habe. Er wusste, dass Kleinkinder mittags ihren Schlaf brauchten. Aber er war zwölf Jahre alt, und ihm war klar, so wie es ihm sein Innerstes sagte, dass er jetzt eigentlich draußen toben wollte und müsste. Gleichermaßen war ihm dadurch klargeworden, dass seine Mutter diese Regel aufrechterhielt, um sich nicht mit ihm beschäftigen zu müssen. Er hatte mehrfach Versuche unternommen, sie dafür zu begeistern, mit ihm etwas zu unternehmen. Aber alle Versuche scheiterten. Irgendwann hatte sich ihm erschlossen, dass sie nichts mit ihm anzufangen wusste. Ja sogar, dass er ihr im Wege stand.
Es war ihm leichter gefallen zu akzeptieren, dass sein Vater nicht erreichbar war, da ihn seine Fabrik so beschäftigte, dass er für nichts anderes Zeit hatte. Aber im Urlaub, wenn sich die Fabrik nur beizeiten einmal per Fax oder mit einem Anruf meldete, nahm er sich die Zeit, mit ihm auf Nachtwanderungen zu gehen, Hirsche im Morgengrauen zu beobachten oder einfach nur mit ihm zu schwimmen oder Tennis zu spielen. Dann fühlte er, dass sein Vater ihm verbunden war. Sie kamen sich zwar nicht wirklich nahe, aber er spürte, dass sich sein Vater dies sehr wohl wünschte und wollte − wenn er es aus welchen Gründen auch immer, nicht wirklich zustande brachte. So konzentrierten sich seine Bedürfnisse nach Liebe und körperlichen Kontakt anfangs auf seine Mutter, die ja nicht arbeiten musste und eigentlich immer zu Hause war. Aber sie konnte oder wollte einfach nichts mit ihm anfangen. Wenn er sie berührte, wurde sie steif. Nichts Weiches oder Gemütliches war an ihr.
Je größer er wurde, desto offensichtlicher wehrte sie ihn ab. Sie vermittelte ihm das Gefühl, dass es unanständig war, sich körperlich nahe zu kommen. Aber er ließ nicht locker. Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine eigene Mutter ihn nicht wollen würde. Je häufiger sie ihn zurückstieß, desto größer wurden seine Anstrengungen, ihr seine Liebe zu zeigen und ihr zu gefallen. Aber alles blieb ohne Erfolg. Es musste irgendwie auch an ihm liegen.
Also änderte er sein Verhalten und hielt sich von ihr fern. In der Hoffnung, dass dies der Weg zur Liebe seiner Mutter sein könnte, begann er sich schweren Herzens nicht mehr um sie zu kümmern. Es bereitete ihm große Qualen, obwohl es genau das zu sein schien, was sie von ihm erwartete. Aber sie beantwortete sein Verhalten nicht mit der von ihm erwarteten plötzlich aufflammenden Zuneigung, dem Bewusstsein, dass sie Versäumnisse zugelassen hatte, sondern sie genoss die Entfernung.
Irgendwann war sie ihm fremd geworden. Zeitweise empfand er sie wie Besuch im Haus. Das Einzige, was er sicher wusste, war, dass er sie wollte. Er liebte sie, und in seinen Träumen wollte er sie immer um sich haben. Sie sollte ständig für ihn erreichbar sein und nur darauf warten, dass er zu ihr kam, um ihn dann erleichtert in die Arme zu nehmen, weil sie schon dachte, er würde sie verschmähen. Aber sie beschäftigte sich nur mit sich selbst. Das war die schreckliche Wahrheit. Der Erhalt ihrer Schönheit war ihr wichtig. Dafür tat sie alles. Fitness-Studio, Kosmetikerin, Frisör. Immer die elegantesten Klamotten. Sie hatte eine schlanke, tolle Figur, schöne, blonde Haare. Ihre Zähne blitzten, wenn sie ihr hollywoodreifes Lachen in die Welt jagte. Andere Männer beneideten seinen Vater um sie.
Vielleicht steckte ja er hinter all dieser Qual. Vielleicht war er es, der wollte, das alles so ist, wie es war. Dass sie nur schön für ihn, ihn allein sein sollte. Dass sogar sein kleiner Sohn nicht daran teilhaben durfte. Dass sein Vater in seinem eigenen Sohn einen Nebenbuhler ausmachte, den es auszustechen galt. Aber Benjamin wusste, dass er zwar nicht mehr ganz klein, aber doch sicher nie und nimmer ein Mann war. Und er wollte seinem Vater nicht die Frau nehmen, er wollte nur eine richtige Mutter haben.
Sein Glück war Berta. Sie liebte ihn, das wusste er. Und sie kümmerte sich um ihn. Sprach mit ihm, sorgte sich und achtete auf ihn. Manchmal mehr als ihm lieb war. Alles wollte sie wissen. Manchmal quetschte sie ihn geradezu aus, um zu erfahren, mit wem er Umgang hatte, wer seine Freunde in der Schule waren, worüber sie sprachen und welche Pläne er für die Zukunft schmiedete. Manches war aber auch befremdend an ihr. Wenn er zum Vorlesen auf ihrem Schoß saß und sich gemütlich an ihren dicken Busen anlehnte, hielt sie das Märchenbuch nur mit einer Hand. Mit der anderen streichelte sie seinen Oberschenkel. Das war schön. Und aufregend. Sie war so warm. Und sie roch so gut. Aber ihr Streicheln war ihm auch nicht geheuer. Dennoch ließ er es über sich ergehen. Er war sich nicht ganz sicher, ob er sich falsch erinnerte, aber einmal, als er eine kurze Hose trug, dachte er, sie hätte seinen kleinen Schniedel berührt. Aber er wusste es nicht mehr so genau. Er war froh, dass er sich, wenn er es nötig hatte, in ihre Leibesfülle verkriechen konnte. Ohne sie konnte er in diesem Haus nicht überleben.
Der Abend war gekommen, und nachdem er den Nachmittag mit seiner neuen Carrera Autorennbahn verspielt hatte, war es Zeit für das Abendbrot. Im Esszimmer standen ein paar fertig geschmierte Brote für ihn bereit und wie immer ein Glas Milch.
Seine Mutter rannte seit geraumer Zeit aufgeregt durchs Haus. Während er noch vor dem Abendbrot spielte, sah er sie durch die geöffnete Kinderzimmertür zwischen Bade- und Ankleidezimmer in immer anderen Abendkleidern hin- und herrennen. Ab und zu hörte er die Stimme seines Vaters hinter ihr herrufen: „Nimm das blaue, das blaue sieht phantastisch aus!“ Oder kurze Zeit später: „Ja, das rote. Das rote ist es!“ An Vaters Stimme war zu hören, dass ihn das alles mehr als nervte. Dafür liebte Benjamin ihn.
Aber das änderte nichts. Aufgeregt probierte sie immer wieder andere Outfits an. Benjamin kannte diese Ritual. Fast jedes Wochenende wiederholte es sich. Sein Vater hatte ständig gesellschaftliche Verpflichtungen, und seine Mutter liebte sie. Es war Aufschwung in Deutschland, und seine Eltern waren dabei. Man zeigte, was man hatte.
Endlich war der Affentanz vorbei, und er wusste, was jetzt kommen würde. Seine Mutter eilte gehetzt zu ihm an den Tisch im Esszimmer. „Hier nimm! Das wird dir gut tun!“ sagte sie und reichte ihm wie immer, wenn sie am Wochenende ausgingen, diese Tablette.
Sie sah hinreißend aus. Sie trug ein bodenlanges, rotes, mit Pailletten besetztes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt. Ihr Busen schien gewachsen zu sein, denn wie nie zuvor wölbte er sich oben über den Saum des Ausschnitts. Benjamin stellte fest, dass sie etwas Glitzerndes auf ihr Dekolleté gepudert hatte. Oh ja, sie war wunderschön.
Er sprang von seinem Stuhl auf und wollte sie in die Arme nehmen. Aber sie ergriff ihn bei den Schultern und hielt ihn sich vom Leib. „Nein, nein! Du machst alles nur kaputt!“ herrschte sie ihn an und drückte ihm die Tablette in den Mund. „Los jetzt. Wir haben keine Zeit mehr. Wir kommen sowieso schon zu spät!“
Widerwillig griff er zu seiner Milch und spülte die Tablette runter. Sie wartete, bis er die Schlaftablette hinuntergeschluckt hatte, und eilte dann aus dem Raum. Benjamin hörte noch seinen Vater etwas Unverständliches rufen, und dann schlug die Haustür zu. Vielleicht hatte er ihm jetzt doch noch zum Geburtstag gratuliert. Und er hatte es nur nicht richtig verstanden.
Abrupt war Stille im Haus.
Er stand regungslos neben dem Esstisch, und ein ungutes Gefühl überkam ihn. Er kannte nicht den Grund, aber immer, wenn seine Eltern auf ihre Partys gingen, war er irgendwie beunruhigt. So als stünde ihm etwas bevor, weil sie ihn im Stich gelassen hatten. Er wusste es nicht genau.
Berta kam ins Esszimmer und mahnte ihn, seine warme Milch auszutrinken. Obwohl sie ihm sonst sehr zugetan war und so manches Mal entgegen der Weisung seiner Eltern am Abend noch Fernsehen gestattete – sie hatten halt ihre kleinen Geheimnisse –, war sie an den Wochenenden, wenn die Eltern ausgingen, zu nichts zu bewegen. Nach dem Abendbrot musste er ins Bett; keine Widerreden, keine Kompromisse. Vielleicht war es so zwischen seinen Eltern und Berta eindeutig abgesprochen. Vielleicht hing es mit der Tablette zusammen.
Jedenfalls gab es in diesem Zusammenhang keine Alternativen. Ein paar Male hatte er versucht, Berta zu etwas zu überreden, aber nichts fruchtete. Es waren die einzigen Anlässe, wo er sah, wie Berta zunehmend wütender werden konnte. Und das konnte er nicht riskieren. Es sich mit Berta zu verderben. So war das eben.
Das Licht ging im Cinema wieder an, und Mechthild Kayser war noch immer beeindruckt von der Geschichte des kleinen Mädchens, dem es gelang, seinen gehörlosen Eltern sein Klarinettenspiel näherzubringen. Starke Bilder waren es gewesen. Erst jetzt nahm sie Ayse Günhar neben sich wieder wahr und bekam ein schlechtes Gewissen. Aber Ayse schien es nicht anders ergangen zu sein. Sie schauten sich an, und Ayse sagte: „Wow!“ Dann lachten beide, und Mechthild war froh, dass ihre Freundin nicht bemerkt hatte, dass sie sie während des ganzen Films ignoriert hatte.
Carola hatte recht behalten, als sie sie im Café in ihrem Entschluss stärkte, diesen Film unbedingt anzusehen. Er hatte nicht nur eine schöne Geschichte zu erzählen, sondern war auch beeindruckend inszeniert worden. Beiden gefiel, dass trotz der dargestellten Schwierigkeiten so viel Liebe zwischen den Menschen zum Ausdruck kam. Ayse und Mechthild stiegen die Treppe zum kleinen Café des Kinos hinauf und suchten sich einen Platz am Fenster. Leuchtreklamen und Laternen erhellten den Ostertorsteinweg. Viele Menschen waren auf der Straße unterwegs. Es war wieder kalt geworden. Auch im Café. Sie zogen sich ihre Mäntel wieder über und bestellten sich beide heißen Tee.
„Schön, dass du dich meldest. Ich heiße Elena!“ hörte er eine Frauenstimme sagen. Unverkennbar war ein osteuropäischer Akzent wahrzunehmen. „Ich bin etwas über vierzig Jahre alt und habe eine runde, weibliche Figur. Wenn du mich anrufst, dann können wir uns vielleicht treffen. Ich freue mich auf dich!“
Dann nannte die Stimme noch eine Telephonnummer, die er hastig auf einem Zettel mitschrieb. So war das am besten. Die Frau, die diese Kontaktanzeige in einem der vielen Blätter über eine Flirtline aufgegeben hatte, schien das Prinzip nicht ganz verstanden zu haben. Normalerweise musste der Anrufer eine Nachricht hinterlassen und etwas über sich sagen. Mit der dann zurückgelassenen Nachricht konnte die Anzeigenaufgeberin entscheiden, ob sie zurückrief oder ihr die Stimme des Anrufers schon so unsympathisch war, dass er für sie nicht infrage kam.
Sie hatte schon den ersten Fehler gemacht, und er würde eine Spur weniger hinterlassen. Nervosität breitete sich in ihm aus, und seine Knie wurden weich. Er war aufgeregt. Am besten gleich anrufen, dachte er sich. Dann hätte er es hinter sich. Er wählte zitternd die Nummer. Er hielt sich in der Telephonzelle noch einmal den DIN-A4-Bogen mit seinem Fragenkatalog vor Augen, und während er dem Tuten im Hörer seine Aufmerksamkeit widmete, verinnerlichte er erneut seine Gesprächstaktik, die er sich zurechtgelegt hatte.
Alles war darauf ausgelegt zu erfahren, ob sie alleine sei, Kinder habe, Freunde in der Stadt oder eine regelmäßige Arbeit. Sie fühlte sich einsam; das war klar. Er hatte sich freundliche, stimmungsschaffende Formulierungen zurechtgelegt, und sein Ziel war, wenn sie die für ihn erforderlichen Kriterien erfüllte, sich unbedingt mit ihr zu treffen.
„Ja, bitte?“ erreichte ihn die nun schon vertraute Stimme Elenas aus dem rosa Hörer.




