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Er holte hörbar tief Luft. „Hier ist Benjamin. Ich habe deine Anzeige gelesen, und als ich deine Stimme hörte, wusste ich sofort, dass ich dich anrufen muss. Ich mache das zum ersten Mal und bin ehrlich gesagt sehr aufgeregt.“
Diese Einleitung des Gesprächs hatte er sich ausgedacht, da er glaubte, damit bei den Frauen einen mütterlichen Instinkt auszulösen. Sie würden versuchen, ihn zu beruhigen und ihm die Angst zu nehmen. Und so geschah es auch. Elena ermutigte ihn gleich, von sich zu erzählen, und somit war die Verantwortung für das Gespräch emotional auf ihrer Seite.
Er erwähnte, dass er Mitte dreißig sei und wusste, dass sie es lieben würde, einen jüngeren Mann zu treffen. Beiläufig wies er darauf hin, dass er Ingenieur und Berater bei einem Landmaschinenhandel sei. Ebenfalls nicht unerwähnt ließ er, obwohl er so tat, als wenn es ihm peinlich wäre, dass er kürzlich eine ansehnliche Erbschaft gemacht und sich einen alten Bauernhof davon angeschafft hatte, den es jetzt zu einem gemütlichen Zuhause herzurichten galt.
Er wollte sie zum einen neugierig machen, zum anderen sollte sie auch schon die Möglichkeit spüren, mit ihm gemeinsam eine Aufgabe meistern zu können. Geschickt flocht er das ein, was er wirklich wissen wollte. Sie war eine sogenannte Wolgadeutsche, erst seit kurzem in der Stadt und wollte hier in Deutschland Fuß fassen. Sie lebte allein, war kinderlos und hatte hier keine Verwandtschaft. Es existierte eine befreundete Familie in Stuttgart, mit der sie allerdings noch keinen Kontakt herstellen konnte. Er bot ihr an, ihr dabei zu helfen. Vielleicht könnte man ja gemeinsam dort hinfahren.
Er vergaß auch nicht, darauf hinzuweisen, dass er sich lange damit auseinandergesetzt hatte, ob er Kinder haben wollte. Wohlwissend, dass sie mit über vierzig wahrscheinlich keine Kinder mehr bekommen konnte, dass sie dies eventuell als hinderlich für eine neue Partnerschaft ansah, verdeutlichte er ihr seinen Entschluss, kinderlos zu bleiben und erklärte ihr, dass er sicher sei, auch nur mit einer Partnerin an seiner Seite ein glückliches Leben führen zu können.
Elena war neugierig geworden. Sie wollte nicht nur ihn sehen, sondern auch sein neues Heim, das noch nach eigenen Wünschen gestaltet werden konnte. Sie war glücklich, einen jüngeren Mann kennenlernen zu können, der nicht nur so ähnlich dachte wie sie, sondern zudem noch finanziell gut gestellt war.
Sie stand in ihrem kleinen, teilmöblierten Appartement am Rembertiring, das so wenig aussagekräftig war und noch keine persönliche Note von ihr trug. Sie schämte sich für ihr kümmerliches Dasein und entschloss sich, das Treffen an einem anderen Ort stattfinden zu lassen. Sie druckste ein wenig herum, weshalb sie nicht wollte, dass er gleich erfuhr, wo sie wohnen würde, und wünschte, sich mit ihm an einem neutralen Ort zu treffen. Schließlich sei er ja trotz allem ein Fremder für sie. Und so weiter. Sie erklärte umständlich ihre Bedenken, warum es ihr lieber war, sich in der Öffentlichkeit zu treffen.
Benjamin lächelte. Er ahnte, warum sie log, und es war ihm recht so. Jemand, der nichts vorzuweisen hatte, suchte verzweifelt nach einer Chance, seiner Situation zu entrinnen. Er würde leichtes Spiel mit ihr haben. In ihre Wohnung wollte sie ihn nicht lassen, aber hatte keine Bedenken, mit ihm auf seinen fremden Bauernhof zu fahren. Er brauchte sich keine Sorgen zu machen, die Kontrolle zu verlieren. Mit einer Verständnis heuchelnden, verbalen Geste überließ er ihr die Bestimmung des Treffpunktes. An ihrer nun folgenden Unentschlossenheit und an ihrem Zögern erkannte er, dass sie sich in der Stadt noch gar nicht auskannte.
Elena blickte unruhig aus ihrem Fenster im sechsten Stock hinaus auf die Straße. Sie entschied sich für den Parkstreifen vor einer Diskothek, der dem Hochhaus gegenüberlag. Elf Uhr. Benjamin war einverstanden. Er würde mit einem grünen VW-Transporter kommen, da er vorher noch Baumaterialien holen müsse, ließ er sie wissen. Sie würde ihn also leicht erkennen.
Dann war das Gespräch zu Ende.
Elena freute sich auf einen ereignisreichen Tag, der alles entscheiden konnte. In ihrer Phantasie entstand schon ihr neues Leben. Wenn alles gut laufen würde, hätte sie es geschafft. Deutschland war das Wunder für sie.
Hoffentlich sah er gut aus. Seine schöne Stimme hatte ihr Vertrauen eingeflößt. Ein eigenes Haus, Geld genug für die schönen Dinge des Lebens. Alle würden sie beneiden. Nervös stand sie vor ihrem kleinen Kleiderschrank. Was sollte sie morgen anziehen? Sie wollte nichts falsch machen. Alles wollte sie unbedingt richtig machen. Schon jetzt erschöpft und überfordert, ließ sie sich erst einmal auf das Bett sinken und hing weiter ihren Träumen nach. Morgen war der große Tag.
Benjamin verließ die Telephonzelle am Europahafen. Er musste sich sputen, um alles für den morgigen Sonntagsausflug vorzubereiten. Er hatte schon Übung. Sie war nicht die Erste. Hoffentlich entsprach sie seinen Vorstellungen. Und wenn nicht? Auch nicht so schlimm. Dann würde er einfach an ihr vorbeifahren, und das wäre es dann gewesen. Es musste schon genau passen.
So wie bei Mathilde. Sie war mehr als mollig gewesen. Aber er hatte sie schlank bekommen. Und sie hatte von Natur aus blonde Haare in der richtigen Länge. Eine wunderbare Frisur hatte er ihr gemacht. Sie sah einfach phantastisch aus. Er durfte sie nicht so lange alleine lassen. Er versprach sich, sie demnächst zu besuchen. Aber erst wollte er Elena haben.
Auch sie schien die Richtige zu sein. Es fügte sich zusammen. Es war von einer höheren Macht so gewollt. Das Schicksal war endlich mal auf seiner Seite. Er versuchte sich ein Bild von ihr zu machen. Vor seinem inneren Auge entstand sie: mittelgroß, übergewichtig. Die Haarfarbe war egal, die ließ sich ändern. Ein Lächeln in ihrem fülligen Gesicht. Er musste unwillkürlich an Berta denken. Kurz flammte eine starke, unberechenbare Wut in ihm auf. Im Gehen ballte er die Fäuste, und er hätte sofort unkontrolliert zuschlagen können. Alles in ihm stand plötzlich und unvermittelt unter Druck. In seinem Kopf rauschte es, und sein Blick verfinsterte sich. Seine Gedanken entglitten ihm, und sein wildes, ungestümes Inneres nahm ihn gänzlich in Besitz und führte ihn in eine fast vollkommene Abwesenheit zur Außenwelt.
Ein Quietschen kam von weit her immer lauter werdend auf ihn zu und holte ihn in die Realität zurück. Er stand regungslos und völlig überrascht auf der Nordstraße. Ein Auto hatte nur durch eine Vollbremsung verhindern können, ihn zu überfahren. Erst jetzt begriff er die Situation. Er war völlig gedankenverloren auf die Fahrbahn der dicht befahrenen Hafenrandstraße gegangen. Total durcheinander und nun erschreckt nickte er mehrmals entschuldigend in Richtung des Fahrers, hob beschwörend die Hände und lief auf den Gehweg. Er musste sich konzentrieren. Er durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren. Alles konnte schiefgehen, wenn er sich jetzt nicht zusammenriss. Er brauchte dringend Entlastung. Entspannung.
Obwohl er es eigentlich nicht mehr machen wollte, ging er wie von einer fremden Macht geleitet in ein in der Nähe gelegenes Pornokino. Niemand sah, wie er durch den dunklen Samtvorhang in den Vorraum des Sexshops trat. Gelangweilt saß ein älterer Herr hinter einem Verkaufstresen und begrüßte ihn, ohne sich eine Regung im Gesicht anmerken zu lassen. Benjamin bezahlte den Eintritt und betrat den kleinen Kinosaal. Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit. Das Kino war kaum besucht. Er machte vier oder fünf Männer aus, die auf die Leinwand starrten. Er bemerkte, wie jemand neben ihm diskret seinen Mantel über die Beine schlug. Er suchte sich einen Platz in einer freien Reihe und verfolgte eine Zeitlang das Geschehen auf der Leinwand. Irgendeine blonde Frau mit großen Busen wurde überaus stur und mechanisch von zwei Männern gevögelt. Er bereute schon seinen Entschluss, überhaupt hier zu sein, als einer der anderen Männer aufstand und sich neben ihn setzte. Diese plötzliche Nähe konnte er eigentlich nicht ertragen. Trotzdem war sie ein Teil der Gründe, warum er hier war. Verstohlen blickte er aus dem Augenwinkel seinen Nachbarn an und sah, wie dieser sein erigiertes Glied aus der Hose geholt hatte und jetzt daran rieb. Seine Seele erstarrte und schien ihre Lebendigkeit einzufrieren, und sein Körper tat es ihr gleich. Er traute sich kaum zu atmen und war unfähig sich zu bewegen. Er glaubte, dass jede Bewegung von ihm den anderen ermutigen könnte, irgendetwas zu tun. Etwas mit ihm zu tun. Stumm und mit Angst vor dem, was kommen könnte, blickte er nach vorn. Die Bilder auf der Leinwand kamen schon nicht mehr bei ihm an. Er war der Situation auf eine unbeschreibliche Art und Weise ausgeliefert.
Nun spürte er eine Hand auf seinem Bein. Durch den Stoff der Hose fühlte er, wie sie langsam nach oben strich und seinen Schritt erreichte. Die Hand drückte seine Hoden. Wie von fern hörte er das leise Ratschen, als sein Hosenstall geöffnet wurde und war sich sicher, nichts damit zu tun zu haben. Die Hand glitt gleich darauf hinein und verschaffte sich Zugang in seine Unterhose. In seinem Inneren war er völlig aufgewühlt, aber er verwandte seine ganze Kraft darauf, sich nichts anmerken zu lassen. Es gelang ihm, sich von dem, was nun geschah, abzutrennen. Das war nicht mehr sein Körper. Das war nicht mehr er. Es war, als wenn er sich selbst mit seinem Paar Augen aus einigem Abstand beobachten würde. Wie einen Fremden. Er spürte Angst in sich, die seine Erstarrung vollendete.
Teilnahmslos ließ er alles über sich ergehen. Er war nicht in der Lage, den anderen abzuwehren. Grenzen zu setzen. Er wusste nicht, wie er sich anders verhalten sollte. Er sagte sich im Stillen immer wieder, dass er nichts damit zu tun habe. Das war nicht er.
Sein Penis erigierte nicht, aber dennoch schied er mehrmals in kurzen Abständen Sperma aus. Die Hand zog sich zurück.
Benjamin schämte sich nun. Er hatte keinen Steifen gekriegt. Er fühlte sich nicht als ganzer Mann. Eine Blamage. Nur weg hier, nur weg. Resolut zog er den Reißverschluss seiner Hose zu und sprang auf. Er drängte sich hastig an dem Mann neben ihm vorbei und meinte noch zu sehen, wie dieser ihn mit einem mitleidigen Blick bedachte. Oder war es Verachtung? Verwunderlich wäre das nicht gewesen.
Draußen auf der Straße kam er wieder zu sich. Natürlich wusste er, was gerade geschehen war. Aber so wie immer tat er es ab, als wenn es nicht passiert wäre. Er bereute sein Handeln, hasste sich dafür. Er wusste aus vorherigen Erfahrungen, dass er dort versagen würde. Dass er nicht stolz seinen steifen Schwanz vorführen konnte. Dass ihn nicht alle beneiden würden. Dass ihn niemand höflich gefragt hatte, ob er dieses tolle Teil einmal anfassen dürfte.
Er war wütend auf sich. Und er machte sich schwere Vorwürfe. Natürlich war er es gewesen, der das Kino aufgesucht hatte. Und sicher hatte er den anderen Mann provoziert und durch irgendetwas angemacht. Er hatte ja selber Schuld, immer wieder diese Schmach zu erfahren.
Das war das letzte Mal, entschied er selbstbewusst und hoffte zugleich, dass er diesen Entschluss auch wirklich durchhalten könne. Er verabscheute seine Schwäche. Das musste doch anders werden. Das war nicht er. Er konnte sich so nicht akzeptieren. Er hasste sich dafür.
Eiligen Schrittes ging er zu seinem Auto. Jetzt schnell hier weg. Die Stätte der Peinlichkeit verlassen. Er musste nach Hause. Aus diesen Niederungen musste er jetzt verschwinden. Großes stand bevor. Vor ihm lag die Möglichkeit, seiner Erbärmlichkeit ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
Mechthild und Ayse entschlossen sich, noch ein paar dunkle Biere im Irish Pub zu sich zu nehmen. Der schöne Film hatte sie entspannt, und plötzlich waren sie in Partylaune. Und die laute Atmosphäre des Hegarty’s war jetzt genau das Richtige für sie. Der Laden war voll wie eh und je. Neben der großen Theke auf der kleinen Bühne setzte ein Gitarrist gerade zu Country Rose an, und der ganze Saal mit seiner angetrunkenen Meute brüllte bierselig den Refrain mit. Eine echte Saufatmosphäre, dachte Mechthild, aber heute gefiel sie ihr. Ayse hatte zwei große, dunkle Biere bestellt. Sie prosteten sich zu und schmeckten den wohltuenden bitteren Schaum des kühlen Bieres.
In der Ecke hinter einem Stützpfeiler entdeckte Mechthild Hanni, eigentlich Hans-Heinrich, einen kleinen Ganoven aus dem Zuhältermilieu vergangener Zeiten. Er hatte in einem Keller im Viertel eine Puffbar betrieben, konnte sich aber nicht lange über Wasser halten. Als die Bars vertrieben wurden, steuerte auch er um und machte aus ihr eine Livemusik-Kneipe. Aber der Erfolg blieb erwartungsgemäß aus. Als er eines Tages betrunken die Freundin eines alteingesessenen Viertelbewohners in einer Kneipe übel beleidigte, bekam er von diesem in Begleitung eines Freundes Besuch in seinem Laden und eine Abreibung. Voller Vergnügen warf einer der beiden Kumpel zum Abschluss der Aktion einen Barhocker in den hinter der Theke befindlichen großen Spiegel. Wie bei einer Saloon-Rauferei in einem traditionellen Western. Hanni lag niedergeschlagen hinter seiner Theke, und die anwesenden Gäste wurden eindringlich daran erinnert, besser nichts gesehen zu haben. Schließlich waren die unerwünschten Besucher nicht gerade unbekannt. Danach erzählte Hanni überall, dass er schon Särge für die beiden bestellt hatte. Aber passiert war bis heute nichts. Um seinem wirtschaftlichen und persönlichen Desaster endlich ein Ende zu bereiten, stieg Hanni dann in den Drogenhandel ein und wurde prompt an der französischen Grenze mit einem Kofferraum voll Drogen festgenommen. Während seiner sicher nicht angenehmen Haft in einem südfranzösischen Gefängnis versteifte er sich darauf, dass die beiden Racheengel von damals ihn beim Zoll verpfiffen hatten. In Wahrheit war er aber nur zu faul gewesen, das Kofferraumschloss seiner goldenen S-Klasse reparieren zu lassen. Als er an der Grenze stand, sprang der Deckel auf, und die Zöllner nahmen ihn fest. Nun war er also wieder da. Die Haft hatte ihm erkennbar zugesetzt. Er sah blass, alt und müde aus.
Mechthild kümmerte sich nicht weiter um ihn und bestellte die nächste Runde. Der alkoholisierte Zustand der zwei Frauen ließ keine ernsthaften Gespräche zu, und so vergnügten sie sich mit Bemerkungen über die anwesenden Vertreter des männlichen Geschlechts. Beide waren herzhaft am Lachen und hofften insgeheim, dass sie niemand belauschen würde. Aber bei dem Lärmpegel im Hegarty’s war das eher unwahrscheinlich. Nach dem dritten Bier waren Mechthild und Ayse ziemlich angetrunken und entschlossen sich, nach Hause zu gehen.
„Aber nicht ohne die Fahne!“ lallte Ayse ziemlich laut und bestellte an der Theke noch zwei Irish Flag, ein Teufelszeug aus verschiedenen Likören in den irischen Nationalfarben. Sie kippten den Schnaps hinunter, und Mechthild wusste, dass der morgige Sonntag mit Kopfschmerzen beginnen würde. Aber das war jetzt egal. Sie war schon lange nicht mehr so ausgelassen gewesen und war glücklich, mit Ayse auch eine Freundin für solche Gelegenheiten zu haben. Auch die Chefin der Mordkommission brauchte mal etwas Ablenkung. Vielleicht mehr als alle anderen.
Kichernd schlenderten sie den Ostertorsteinweg entlang und erreichten die Sielwallkreuzung, wo sie sich trennten.
Ayse wohnte in der Verlängerung des Ostertorsteinwegs im Steintor über einer Kneipe. Sie hatte es nicht weit, und Mechthild brauchte sich keine Sorgen um den sicheren Heimweg ihrer Freundin und Kollegin machen. Überfälle auf Frauen waren im Viertel die Ausnahme. Dazu war hier einfach zu viel los. Auch morgens um vier oder fünf Uhr waren hier am Wochenende noch wahre Menschenmassen unterwegs. Und Leute, die sich notfalls, vielleicht auch aus weniger edlen Motiven, hilfreich einmischten, gab es hier genug. Ayse lebte gerne hier. Sie war jung und brauchte ein lebhaftes Viertel mit Kneipen und Geschäften um sich herum. Trotzdem suchte sie eine neue Wohnung. Sie hatte nicht bedacht, dass in der Kneipe genau unter ihrem Schlafzimmer ein Flipper stand und seine Spielgeräusche ihr nachts den Schlaf rauben würden. Es war allerdings nicht so leicht, etwas Neues zu finden. Wohnungen im Viertel wurden selten inseriert. Hier bekam man eine neue Bude durch Verbindungen. Der sicherste Weg war, in bestimmten Kneipen von seinem Wohnungswunsch und seinem geregelten Einkommen zu tratschen, und das möglichst flächendeckend und immer darauf bedacht, dass man Anhaltspunkte hinterließ, wie man denn gefunden werden könnte. Gegenüber Bullen gab es traditionell immer noch Vorbehalte, falls man nicht einen passenden, politischen Hintergrund hatte. Aber welcher Bulle hatte den schon. Und sie war dafür sowieso zu jung. Trotzdem hatte sie keine Lust, irgendeinem Makler ihr Geld in den Rachen zu stopfen, um in einen der Neubauten zu ziehen, die ausschließlich für die neue Schickeria gebaut wurden.
Als Mechthild an ihrem Haus ankam, merkte sie, wie betrunken sie war. Die irische Flagge ließ grüßen. Der Schlüssel wollte einfach nicht so recht ins Schloss der Haustür, und sie fluchte leise vor sich hin. Aber dann klappte es doch. Im Gehen streifte sie auf dem Flur ihre Kleider ab und legte sich ins Bett. Zähneputzen fiel heute aus. Bevor sie das Licht löschte, warf sie schnell noch einen Blick auf das Photo ihrer Tochter auf dem Nachtschrank. Das Photo zeigte ihre Anna, als sie ein Jahr alt war. Vier Jahre hatte sie sie schon nicht mehr gesehen. Traurigkeit stieg in Mechthild auf, aber das wollte sie jetzt nicht. Bloß keinen Depri kriegen. Nicht, wenn sie etwas getrunken hatte. Sie kippte den Rahmen mit dem Bild nach unten auf den Nachtschrank, murmelte „scheiß Alkohol“ und schlief glücklicherweise gleich ein.
Benjamin wachte ziemlich benommen auf. Er kannte das schon. Die Schlaftabletten waren viel zu stark für ihn, und er hätte sicher auch ohne sie gut schlafen können.
Er hatte Kopfschmerzen, und ihm war schwindelig. Für einen kurzen Moment glaubte er sich daran zu erinnern, Berta in der Nacht aus seinem Bett schlüpfen gesehen zu haben. Aber dieser Gedanke verflüchtigte sich schnell. Ein Traum. Er war immer noch nicht richtig wach. Er drehte sich um und schüttelte die Bettdecke mit seinen Beinen auf. Kühlere Luft drang an seinen Körper, und er versuchte noch einmal einzuschlafen, in der Hoffnung, dass er später mit einem klareren Kopf aufwachen könnte. Aber es ging nicht. Er setzte sich auf die Bettkante und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Er kam sich vor, als wenn er über Nacht Schwerstarbeit geleistet hätte. Er drückte sich von der Bettkante hoch und schlurfte in sein kleines Badezimmer. Als er zum Pinkeln auf dem Klo saß, stellte er fest, dass er seine Schlafanzughose falsch herum anhatte. „Scheiß Tabletten“, sagte er leise zu sich selbst.
Mechthild Kayser war es nicht gewohnt, lange zu schlafen. Genauso wenig war sie daran gewöhnt, zu viel Alkohol zu trinken. Trotzdem war es in den vergangenen Jahren immer mal wieder vorgekommen. Jetzt rächte es sich zum wiederholten Mal, dass sie zu wenig Rücksicht auf sich nahm.
„Wider des besseren Wissens“, stöhnte sie und hielt sich ihren Kopf. Einige Stunden mehr Schlaf hätten ihren Kater sicherlich erträglicher gemacht. Aber es war nun mal so, wie es war. Sie quälte sich aus dem Bett, mischte sich in der Küche einen Aspirincocktail und hoffte auf Besserung. Der Morgen war kühl. Es war eben doch noch nicht Sommer. Sie zog sich einen Bademantel über und setzte sich in einen Sessel auf ihrem Balkon. Für einen kurzen Moment konnte sie sich daran erfreuen, dass sie ihn gestern für den Frühling hergerichtet hatte. Aber dann drückten sie ihre Kopfschmerzen in eine dumpfe Lethargie, und sie starrte teilnahmslos und das Ende ihrer Leiden erwartend einfach geradeaus auf die Rückfronten der an ihren Garten angrenzenden Häuser.
Das Viertel war noch nicht am Erwachen. Aus den verqualmten Kneipen drangen nach und nach die letzten Zecher der Nacht, erschrocken über die ihnen vorwurfsvoll entgegenschlagende Helligkeit. Vor dem Bistro Brasil hatte es eine Schlägerei gegeben. Wie Mechthild später den hausinternen Mitteilungen der Polizei entnehmen konnte, hatte ein zugekokster Postbeamter in seinem vermeintlichen Allmachtsrausch grundlos versucht, einen ehemaligen Anti-AKW-Kämpfer mit einem Tritt in die Genitalien niederzustrecken. Aber der kampferfahrene, heutige Soziologe konnte noch immer so einiges wegstecken, und der Postbeamte erlebte das, was Jahre vor ihm schon einige Polizisten erleben mussten und ihnen den Glauben an ihre Ausbildung in Selbstverteidigung genommen hatte.
Gegen Mittag und ziemlich durchgefroren noch immer im Sessel auf dem Balkon konnte Mechthild endlich wieder Entscheidungen treffen und ging duschen. Sie merkte, dass das Haarewaschen eigentlich noch ihre Kräfte überstieg, aber sie konnte sich zusammenreißen und war nachher froh, dass sie es zustande gebracht hatte.
Sie verließ das Haus und zerrte ihr Fahrrad durch die Pforte ihres Vorgartens. Dabei stellte sie sich recht ungeschickt an und blieb mehrmals mit den Pedalen irgendwo hängen. Wenn sie dabei einer gesehen hätte, würde der gleich bemerkt haben, dass sie gestern gezecht hatte, dachte sie bei sich. Aber sie schaffte es, glaubhaft elegant auf den Sattel zu kommen und fuhr eindeutig gerade los.
Die frische Luft tat ihr gut. Sie erreichte den Osterdeich und fuhr entlang der Weser bis zum Weserwehr. Einer in Beton neugebauten Weserquerung, die die frühere in das ehemalige Wasserkraftwerk integrierte Überführung ersetzt hatte. Auf der anderen Seite des Flusses musste sie sich entscheiden: große Runde oder lieber die kleine. Da sie heute ihren Kräften nicht so traute, entschied sie sich für den kürzeren Weg der Erholung und radelte Richtung Werdersee. Der auf dieser Weserseite gelegene künstliche See galt als Naherholungsgebiet und war zur Weser hin von unzähligen Kleingartenvereinen mit ihren Parzellen begrenzt. Am anderen Ufer stieg steil ein Deich empor, der sich schützend vor das dahinter befindliche Wohngebiet, die Neustadt, legte.
In der Stadt gab es ein ungeschriebenes Gesetz: Wer auf der einen Weserseite geboren war, zog niemals auf die andere. Nur sogenannte Zugezogene wechselten die Seiten. Woher diese Regel kam, wusste Mechthild nicht. Sie wusste nur, dass zu Zeiten der Räterepublik nach dem Ersten Weltkrieg die freiheitsliebenden Räteverbände von der Neustadtseite aus angegriffen wurden und an der alten Weserbrücke in Höhe der Altstadt erbitterten Widerstand leisteten. Vielleicht war das ein Grund. Vielleicht war diese Regel aber auch schon früher entstanden, und die Geschichte bewies damals nur einmal mehr, dass der anderen Weserseite nicht zu trauen war.
Oben auf dem Deich fuhr Mechthild an den Gebäuden der Bereitschaftspolizei vorbei. Hier hatte sie einmal ihre kriminalpolizeiliche Laufbahn begonnen, zu einer Zeit, als es für Frauen noch nicht möglich war, in den uniformierten Polizeidienst einzutreten. Damals war es noch etwas Besonderes, bei der Kripo zu sein. Auch sie fiel auf die von oben vermittelte Klassentrennung zwischen uniformierten Polizisten und den „Kriminalisten“ herein und stolzierte mit den verordneten Würden herum. In der täglichen Arbeit hatte ihr das später allerdings nicht geholfen. Schon früh bemerkte sie, dass eine Trennung der Dienste in der Polizei nicht hilfreich, sondern hinderlich war. Ein elender Konkurrenzkampf zwischen den Sparten wurde so entfacht. Auch viele sogenannte Kriminalisten gaben ihrer Eitelkeit nach und pflegten ihr Image der wahren Verbrechensbekämpfer auf Kosten ihrer uniformierten Kollegen. Und das Fernsehen tat sein Teil vielfach dazu, indem es das Erscheinungsbild der kriminalistisch ermittelnden Kommissare und ihrer Handlanger aus der uniformierten Polizei verstärkte. Während des Radelns erinnerte Mechthild sich an den Regisseur Jürgen Roland, der in seinen Kriminalfilmen als Erster eine Lanze für die uniformierten Kollegen im Fernsehen brach.
Heute waren die Laufbahnen durchlässiger. Die ehemaligen Standesunterschiede hatten sich nahezu völlig aufgelöst. Man war eine Polizei geworden. Die politisch den Ton angebenden Sozialdemokraten hatten der Forderung der Gewerkschaft nachgegeben und den mittleren Dienst bei der Polizei abgeschafft. Beizeiten gab es nur noch den Ausbildungsweg über die Hochschule, und alle erfolgreichen Abgänger traten als Kommissare ihren Dienst an. In Uniform oder in Zivil.
Von ihrem Großvater wusste sie, dass in den zwanziger Jahren Hundertschaften der Polizei von sogenannten Hauptleuten geführt wurden. Als sie Kriminalkommissarin wurde, verneigte er sich ehrfurchtsvoll, als er ihr zur Beförderung gratulierte. In seinen Augen war sie nun etwas ganz Besonderes geworden. Später erfuhr sie, dass er in den Freikorps gedient und zu diesen Zeiten bestimmt nicht auf Seiten der demokratischen Kräfte gestanden hatte. Was er wohl getan hätte, als sie zur Kriminalrätin befördert worden war? Doch da war er schon Jahre verstorben, und ihre Oma hatte all das nie beeindruckt.




