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Alles war vorbereitet. Er hatte ein paar alte Eichenbalkenstücke auf die Ladefläche des Transporters gelegt. Er würde Elena erklären, dass er die alten Balken in Bretter sägen wolle, um daraus einen rustikalen Tisch für die geplante Terrasse zu bauen. Das würde ihr bestimmt gefallen. Er ging davon aus, dass Frauen zu einem ersten Rendezvous nicht gerne in einen kleinen Lkw einsteigen wollten, auch wenn er sich bei Elena vorstellen konnte, dass sie einen gebildeten Mann in Hemdsärmeln akzeptieren würde, der ihr damit vermittelte, dass er nicht nur intellektuell war, sondern wusste, wie man zuzupacken hatte. Irgendwie spürte er, dass sie etwas Bäuerliches hatte, dass sie vom Land kam. Er war nah an ihr dran. Er glaubte, sie zu kennen. Er fühlte seine Macht, die sich daraus ergab, dass er immer spürte, was andere wollten. Er hatte die Kontrolle.
Um kurz vor elf Uhr bog er in den Rembertiring ein. Zum einen wollte er die Umgebung erkunden. Und zum anderen wollte er sich vergewissern, dass Elena keine Zeugen mitgebracht hatte. Obwohl er sicher war, dass ihnen die Kenntnis seines Autokennzeichens niemals würde helfen können. Er hatte die Schilder aus der Garage einer betagten Dame gestohlen, die ihn vor Monaten kurz als Gärtner beschäftigt hatte. Sie kannte nicht mal seinen richtigen Namen. Er hatte sie an ihrem Gartenzaun angesprochen und seine Hilfe bei der Gartenarbeit angeboten. Anfangs hatte er noch gedacht, dass sie die Erste hätte sein können, aber er verwarf diesen Plan, da sie eindeutig zu alt für ihn war. Es musste schon alles stimmen.
Als er den Parkstreifen vor der Diskothek passierte, sah er sie schon. Nichts deutete darauf hin, dass Elena jemanden mitgebracht hatte. Sie trug ein rotgeblümtes Sommerkleid. Viel zu kalt für diese Jahreszeit, dachte er. Und sie hatte sich wahrlich herausgeputzt. Sie hatte etwas aus sich gemacht. Ihr Gesicht war deutlich geschminkt, und ihr Haar auffällig frisiert. Sie war in ihrer Aufmachung sicherlich auch schon anderen aufgefallen. Aber hier war Bahnhofsvorstadt. Da standen schon mal aufgetakelte Frauen an der Straße.
Er wusste nicht, ob sie ihn in seinem Transporter schon bemerkt hatte, fuhr aber trotzdem an ihr vorbei und bog rechts in die nächste Straße ein, um nach drei weiteren Schlenkern wieder zu ihr zu gelangen. Jetzt war er wirklich aufgeregt. Sie war schon die Richtige mit ihren braunen, halblangen Haaren. Er war nervös, als er auf den Parkstreifen fuhr, aber er wusste, dass dies für seine Pläne nicht hinderlich war. Nervosität war nur etwas Natürliches, wenn man ein Blind Date hatte. Jede Frau würde argwöhnisch werden, wenn man zu cool auftrat. Elena würde denken, dass es die auch für ihn ungewohnte Situation war, die ihn aufgeregt machte.
Er öffnete ihr nicht einfach die Beifahrertür zum Einsteigen, sondern stieg aus. Er wusste, dass sie das Gefühl haben musste, beim ersten Zusammentreffen einfach Nein sagen zu können. Ohne diese vertrauenschaffende Geste hätte sie möglicherweise Vorbehalte entwickelt. Und die konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gebrauchen. Er ging mit einem gespielt unsicheren Lächeln auf sie zu. Für einen Moment dachte er, es könnte auch wirklich so sein. Er trifft auf die Frau, die ihm alles geben kann und die für ihn alles bedeutet, so dass er sein wahres Motiv nicht weiterleben muss und er nun von allem Leid befreit wird. Seine Erlösung.
Aber dann besann er sich. Eine solche Vorsehung gab es für ihn nicht. Dunkelheit legte sich wieder über ihn. Sein Lächeln versiegte nicht, als er sie begrüßte und ihr vermittelte, dass er eine Enttäuschung erwartet hatte und nun das Gegenteil vorfand.
So kam es jedenfalls bei Elena an. Sie sah in den Augen ihres Gegenübers all die enttäuschten Träume und hatte den Willen, diesem Mann zu seinem Glück zu verhelfen. Und das würde auch ihr Glück beinhalten.
Benjamin schaute, Unbeholfenheit vortäuschend, auf das Pflaster, als er sagte: „Sag mir gleich, wenn es nicht passt. Ich mache so was zum ersten Mal und weiß nicht, wie man weitermacht. Wenn ich dir nicht gefalle, kannst du das ruhig gleich sagen. Das ist nicht so schlimm.“
Das war für Elena die entscheidende Ansprache. Sie sah, oder genauer, sie glaubte, dass sie einen guten Mann vor sich hatte. Er war in ihren Augen eigentlich schwach. Aber er hatte alles, was sie sich zu diesem Zeitpunkt erträumte. Er wirkte auf sie jung und schüchtern. Ein wenig unbeholfen und mit nicht allzugroßem Selbstbewusstsein ausgestattet. Kein Machogehabe, sondern eine Natürlichkeit, die sie brauchte. Und sie war sich sicher, wenn es klappte, hatte sie diesen Mann im Griff.
„Mach dir keine Gedanken. Wir sind doch erst am Anfang“, antwortete sie fröhlich und unbeschwert. „Ich bin gespannt, wie du lebst. Lass uns auf deinen Bauernhof fahren.“
Er gefiel ihr wirklich. Er strahlte etwas Jungenhaftes aus, von dem sie sicher war, dass sie es ergänzen konnte. Sie durfte ihn jetzt nur nicht loslassen. Dem Himmel sei Dank, dass es so gekommen war. Wenn sie gewusst hätte, wie er zum Glauben stünde, hätte sie sich jetzt bekreuzigt. Aber lieber nicht. Wer weiß, was es ausgelöst hätte. Innerlich stieß sie ein Dankgebet gen Himmel. Nun ergriff sie die Initiative, hakte sich bei ihm ein und ließ ihn erst wieder los, als sie die Beifahrertür erreichten und sie ihm die Gelegenheit gab, die Tür für sie zu öffnen. Als sie losfuhren, musterte sie von der Seite sein Profil. Er sah wirklich gut aus. Ein kantiges Gesicht mit scharf konturierten Linien. Seine schlanke, sportliche Figur, die dunklen, lockigen Haare. Elena hatte einen Volltreffer gelandet. Auf dem Lenkrad ruhten seine Hände mit schönen, geraden Fingern und kurzgeschnittenen Nägeln. Ein Mann, wie sie ihn sich erträumt hatte. Attraktiv, aber nicht zu schön. Sie entschloss sich, auf dem Bauernhof mit ihm zu vögeln. Sie wollte etwas schaffen, dass sie genau dort miteinander verband. Und sie würde es ihm gut machen, so wie er es noch nicht erlebt hatte. Guter Sex konnte einen Mann für ewig an eine Frau binden. Und dieser Mann hatte lange keinen guten Sex gehabt. Das war ihr klar.
Der Transporter hatte mittlerweile die Stadt verlassen, und sie befuhren eine von Feldern gesäumte Bundesstraße. Elena war so mit Benjamin und ihren Gedanken beschäftigt gewesen, dass sie den Weg aus der Stadt, den sie bisher zurückgelegt hatten, nicht mehr nachvollziehen konnte. Ein Hinweisschild zeigte ihr, dass sie Richtung Syke fuhren.
Benjamin hatte ihre taxierenden Blicke sehr wohl bemerkt. Nun war es an der Zeit, ein belangloses Gespräch einzuleiten, um sie weiter zu zerstreuen und die Zeit der Fahrt zu verkürzen. „Ich bin gespannt, wie dir das alte Haus gefallen wird“, wandte er sich mit einem kurzen Blick direkt in ihre Augen ihr zu. „Es ist wirklich noch viel zu tun, aber mit ein bisschen Phantasie kann man sich vorstellen, dass es ein Traumhaus wird.“
Sie setzte sich etwas bequemer in den Beifahrersitz. „Ich finde das toll, dass du mir gleich bei unserem ersten Treffen dein Haus zeigen willst“, antwortete sie. „Mir würde es nichts ausmachen, ein Haus umzubauen. Wir haben zu Hause immer alles selber gemacht. Und ich musste immer mit anpacken.“ Dann erzählte sie noch, wie sie schon als Kind im häuslichen Garten mithelfen musste. Und wie sie ihrem Vater beim Bau einer neuen Scheune zur Hand gegangen war. Elena war es wichtig, Benjamin zu vermitteln, dass sie eine praktisch veranlagte Frau war. Und zudem noch alles hatte, was ein Mann sich wünschte. Sie atmete tief ein und drückte ihre Brust nach vorne, damit er sehen konnte, dass sie einen großen Busen hatte, der trotz ihres Bauches deutlich vorstand. Sie wusste genau, dass dabei der Stoff ihres vorne durchgängig geknöpften Kleides sich so weit dehnen würde, dass die Spitze ihres Büstenhalters zu sehen war. Und sie bemerkte, dass Benjamin es auch bemerkte. Sollte er ruhig ein wenig Lust auf sie bekommen. Ihre eigene Lust spürte sie bereits.
Benjamin war nun mehrfach abgebogen, und die Landschaft um sie herum reduzierte sich auf Äcker und kleine Waldstücke. Vereinzelt sah man in einiger Entfernung zur Landstraße pfannenbedeckte Bauernhäuser stehen. Menschen waren nicht auszumachen. Obwohl auch heute der Sonnenschein eine andere Stimmung vermittelte, war überall zu sehen, dass die Natur noch nicht wirklich aus ihrem Winterschlaf erwacht war. Das Grün war immer noch aus dem Vorjahr. Es fehlte die strahlende Frische des neuen Pflanzenwachstums.
Benjamin verlangsamte die Fahrt und sagte: „Hier ist es!“
Elena setzte sich aufrechter hin und blickte aufmerksam durch die Frontscheibe. Sie bogen in einen von einem kleinen Weg durchbrochenen Wald ein. Sofort wurde es merklich kühler im Wagen, da die Bäume die Sonnenstrahlen nicht durchließen. Elena erschauderte.
Nach etwa zweihundert Metern gab der Wald sie wieder frei, und am Ende einer Wiese lag ein altes, weißverputztes Fachwerkhaus. Das Dach war reetgedeckt und musste erst vor kurzem erneuert worden sein, denn es leuchtete in der Sonne hellgelb.
Das Haus war nicht besonders groß, aber an einer Flanke schloss sich ein etwas niedrigerer, länglicher Bau an, ebenfalls aus Fachwerk und rundherum mit Fenstern versehen. Wahrscheinlich ein ehemaliger Stall, dachte Elena. Wenn man ihn zu Wohnraum umbauen würde, ergäbe sich doch ein stattliches Anwesen.
Sie stiegen aus und standen nun beide schweigend vor dem Haus.
„Das sieht ja toll aus!“ beendete Elena als Erste das Schweigen und sah sich weiter um. Rechts von ihnen erhob sich eine große Scheune, die aber ohne Zweifel nicht in bisherige Bemühungen einer Renovierung einbezogen worden sein konnte. Ihr Dach war schief, mehrere Balken hatten nachgegeben, und es fehlten schon einige Dachpfannen.
Elena suchte den Eingang zum Haus, konnte aber nur eine unscheinbare, kleine Tür entdecken. „Wo geht’s denn rein?“ fragte sie.
„Komm!“ Benjamin bedeutete ihr, ihm zu folgen. Sie gingen auf die andere Seite des Hauses, die die eigentliche Vorderseite war. Von hier blickte man auf eine weitere Wiese, die aber angelegt war und von mehreren schmalen Wegen durchschnitten wurde. Verwilderte Reste eines Bauerngartens waren zu erkennen. Auch diese Wiese endete wiederum an einem Wald. Das Haus war in einigem Abstand fast vollständig von Bäumen umgeben. Nur eine breite Schneise ließ den Blick auf dahinterliegende Felder frei.
Früher war der Wald bestimmt für die Versorgung des Hofes mit Feuerholz angelegt worden, dachte Elena. Jetzt dachte sie an gemütliche Stunden vor einem wärmenden Kaminfeuer. Ein wohliges Gefühl kam in ihr auf.
Zu dieser Seite hatte das Haus einen in der Mitte eingezogenen Giebel, unter dem sich die Haustür befand. Dadurch entstand ein kleines Portal, das dem Haus etwas Herrschaftliches verlieh. In einem Balken über der Tür war in verwitterten Buchstaben „Gott beschütze dieses Haus“ zu lesen.
Elena gefiel, was sie sah. Und sie sah Benjamin an, dass er entspannter geworden war und es ihm Spaß machte, ihr alles zu zeigen.
„Komm, wir gehen rein“, schlug er ihr vor. Etwas umständlich schloss er die in dunklem Grün frischgestrichene Eichentür auf. Er trat zurück, um sie zuerst hereinzulassen.
Elena gelangte in einen großen, von diffusem Licht erhellten Raum. Alle inneren Wände des Hauses schienen entfernt worden zu sein. An einer Seite des Raumes entdeckte sie eine provisorisch eingebaute Küche. Der verbliebene Platz war nur spärlich möbliert. Ein runder Esstisch aus über die Jahre gedunkelter Kiefer stand mit ebenso unansehnlichen Stühlen vor einem Fenster neben der Küche. Schräg gegenüber auf der anderen Seite fristeten verloren zwei schwarze, voluminöse Ledersessel ihr Schattendasein. In einer Ecke führte eine massive hölzerne Wendeltreppe mit gedrechseltem Geländer in die obere Etage. Alles wirkte ein wenig trostlos. Sie bemerkte den frisch abgezogenen Dielenboden, dessen neue Versiegelung an den Stellen, auf die das Tageslicht durch die Fenster traf, hell leuchten ließ und ihre Stimmung wieder hob. An der Wand hinter den Sesseln tat sich ein schwarzes Loch auf. Erfreut erkannte sie, dass hier die ersten Steine für einen Kamin gemauert waren. Das gefiel ihr. Es gefiel ihr plötzlich sowieso alles immer besser. Sie hatte erkannt, dass hier ein schönes Heim entstehen konnte. Es fehlte nur noch die Handschrift einer Frau. Ihrer Handschrift.
Elena wandte sich zu Benjamin um. „Das ist wirklich wunderschön. Und der große Garten und die Bäume!“ Sie klang verzückt.
Benjamin strahlte sie an. „Es ist noch viel zu tun. Aber ich mache alles alleine, und das dauert eben. Das Grundstück ist riesig. Der Wald rund herum gehört noch mit dazu. Aber wenn ich jemanden finden würde, der es mit mir aushält, dann käme man schneller voran, und ich könnte auch endlich neue Möbel anschaffen.“
Er kam sich vor, als wenn er sich wirklich auf Freiersfüßen bewegen und Elena aus echten Gefühlen umgarnen würde. Wieder kamen für einen Moment Zweifel in ihm auf, ob ab jetzt nicht alles anders werden könnte. Dann fiel ihm Mathilde ein. Nein, es gab für ihn kein Glück. Nicht bevor er nicht für seine Sicherheit gesorgt hatte. Wenn alles vorbei war, dann konnte er endlich in Ruhe und Frieden leben.
Elena bemerkte, wie sich Benjamins Gesicht verdunkelte. Es ließ sie ein wenig erschrecken. Schnell fragte sie verunsichert, was denn los sei.
In dieser Sekunde hatte er aber schon seine Fassung wieder. Sie durfte nicht verängstigt werden. Er suchte und fand sofort eine Lösung. „Ach, es ist eigentlich nichts“, begann er und spielte den Leidenden. „Ich habe mir hier im Haus schon so viele Gedanken gemacht: Wie es hier unten werden soll, welche Zimmer ins Dach gebaut werden. Aber ich weiß nicht, was ich mit dem Anbau machen soll. Es belastet mich wirklich, dass ich dir da noch nichts zeigen kann. Ich wollte schon die Wand rausnehmen, damit wir mehr Platz haben. Aber ich konnte mich noch nicht entscheiden!“
Er wartete einen Moment und blickte dabei suchend an die Decke. Er brauchte Elena nicht anzuschauen, um erfassen zu können, ob seine verdeckte Botschaft bei ihr angekommen war. Die Spannung im Raum stieg. Er konnte es kaum aushalten, zu verharren. Das kleine Wörtchen wir, scheinbar unbewusst in seine Antwort eingeflochten, sollte ihr neues Vertrauen geben. Er wollte sie dazu bewegen, unbedingt hierbleiben zu wollen. Und er behielt recht.
Als Elena das anscheinend ohne sein Zutun seiner Seele entlockte wir vernahm, durchfuhr sie ein Stich, dem sich ein wohliges Kribbeln in ihrem ganzen Körper und ein aufgeregtes Gefühl in ihrem Magen anschloss. Er hatte sich in sie verliebt. Da war sie sich ganz sicher. Ihr Gefühl konnte sich nicht irren. „Vielleicht habe ich eine Idee!“ äußerte sie erlöst und entschlossen. „Zeig mir doch einfach den Anbau.“ Sie ergriff die Initiative, nahm ihn forsch bei der Hand und zog ihn aus dem Haus.
Sie spürte die Erleichterung, die sie ihm verschafft hatte, und öffnete geradewegs die Tür des Anbaus. Sie würde ihm schon einige tolle Ideen präsentieren.
Benjamin war ebenfalls erleichtert. Er hatte die Kontrolle wiedererlangt.
Als Elena in den dunklen Raum eintrat, konnte sie noch nicht viel erkennen. Die Fenster waren so dreckig, dass kaum Licht eindrang. Sie drehte sich zu Benjamin um und wollte ihn nach einem Lichtschalter fragen, aber dazu kam es nicht mehr. Er stand vor ihr in der offenen Tür, und die von hinten einfallende Helligkeit versenkte ihn vollständig in Schatten, so dass sie sein Gesicht nicht erkennen konnte. In der rechten Hand hielt er einen Eisenstab mit einer doppelten Spitze am Ende. Das Licht reichte aus, dass sie den großen Gummihandschuh bemerkte, mit dem er den dick ummantelten Griff der Stange hielt. Sie erkannte auch noch, dass aus der Stange ein Kabel herausführte und irgendwo im Raum endete. Sie erschrak so sehr, dass ihr für einen Moment sogar die Luft zum Schreien fehlte. Dann traf sie das Ende der Stange in den Bauch.
Kurz funkte es zwischen den beiden Polen. Mit einem Satz sprang Elenas Körper zurück und schlug auf den Boden auf. Benjamin drehte sich um und legte den Starkstromschalter neben der Eingangstür wieder um. Er wartete noch einen Moment ab, bis sich die Restspannung aus dem Eisen verflüchtigt hatte, und legte dann sein Werkzeug vorsichtig auf den Boden. Er schloss die Tür und schaltete die großen Halogenscheinwerfer ein. Elena rührte sich nicht. An der Stelle, wo sie der Starkstrom getroffen hatte, war ihr Kleid verkohlt, und als Benjamin näher rückte, nahm er den Geruch von verbranntem Fleisch war.
Wie bei Mathilde, dachte er. Er hob den Arm Elenas an und suchte nach einem Puls. Nichts war zu fühlen. Er riss ihr Sommerkleid grob auf, legte sein Ohr zwischen ihre Brüste und horchte nach dem Herzschlag. Nichts war zu hören. Sie war tot.
Mechthild Kayser hatte das Ende des Werdersees erreicht. Sie schwitzte unter ihrer Regenjacke. In dieser Jahreszeit zu Beginn des Frühlings konnte man sich zum Radfahren einfach nicht richtig anziehen. Entweder war man zu warm angezogen, oder man fror.
Ein bisschen Schwitzen kann nur gut sein, dachte Mechthild, auf diese Weise käme der störende Restalkohol schneller aus ihrem Körper. Trotzdem wollte sie nicht viel weiterfahren. Die Strecke nach Haus kam ihr schon jetzt ganz schön mühsam vor. Sie entschloss sich, irgendwo eine Rast einzulegen. Das Café Sand kam ihr in den Sinn, aber bei der Vorstellung, sich unter die dort wahrscheinlich verweilenden Menschenmassen zu begeben, wurde ihr unwohl zumute. Sie brauchte es in ihrem angeschlagenen Zustand etwas ruhiger.
Sie lenkte ihr Fahrrad durch das angrenzende Parzellengebiet und steuerte die Einfahrt des Kuhhirten an, ein eher bürgerliches Restaurant und Ausflugslokal. Genau das Richtige für sie. Zudem bot der Kuhhirten eine überdachte Terrasse, die bei diesem Wetter, das auch schnell mal einen Schauer hervorbringen konnte, weit besseren Schutz bot als die wenigen Sonnenschirme mit dem Branding der örtlichen Brauerei im Café Sand. Sie schloss ihr Fahrrad an und stieg die Stufen zur Terrasse hinauf. Sie war der einzige Gast und setzte sich an einen der wenigen eingedeckten Tische.
Mechthild musste eine Weile warten, bis eine Bedienung zu ihr kam. Aber der abklingende Kater in ihrem Kopf verlieh ihr eine gewisse Gleichgültigkeit, so dass sie die Wartezeit nicht als störend empfand. Ansonsten hasste sie es, nicht umgehend und aufmerksam bedient zu werden. Sie war ein ungeduldiger Mensch, der sich ständig Mühe geben musste, andere mit ihrer fordernden Art nicht ungerecht zu behandeln.
Eine junge Frau mit Balkanakzent brachte ihr ein Kännchen Kaffee und ein Mineralwasser. Mechthild wollte zwar nur eine Tasse haben, aber die Bedienung bestand auf der Umsetzung einer Anweisung ihres Chefs, auf der Terrasse nur Kännchen zu servieren.
Kein Wunder, dass hier nichts los ist, dachte Mechthild, bei so viel Sturheit.
Ayse Günher hatte ihren Alkoholexzess erheblich besser überstanden. Nach dem Frühstück war sie mit ihrem Wagen in den Bürgerpark gefahren und hatte drei Runden auf der dortigen Finnbahn gejoggt. Unter achtzehn Minuten. Das war die Zeit, für die sie bereit war, sich mehr als einmal die Woche zu quälen. Und bisher hatte sie es immer geschafft und so manchen lahmen Mann auf der Finnbahn zweimal überrundet. Jetzt hing sie an der Reckstange neben einem Unterstand am Start und ließ ihre Beine baumeln, um die Wirbelsäule zu entlasten. Sie bemerkte zufrieden, dass die Finnbahn als sportliche Stätte kein Interesse bei Dieben weckte, denn an vielen hier abgestellten Fahrrädern waren Schuhe und Kleidungsstücke auf den Gepäckträgern und in Fahrradkörben deponiert. Aus einer der Jacken klingelte sogar ein Mobiltelephon.
In dem Viertel, wo sie wohnte, hätte keine der Sachen auch nur fünf Minuten unbeobachtet bleiben dürfen. Die Beschaffungskriminalität der dortigen Junkies war ungebrochen hoch. Seit ihre Kollegen an den örtlich zuständigen Polizeirevieren die Straßenprostitution der abhängigen Frauen stärker ins Visier genommen hatten und intensiv bekämpften, nahmen Diebstähle und Raubüberfälle auf kleine Geschäfte zu. Während vorher die Frauen den Heroinbedarf ihrer ebenfalls süchtigen Freunde und Männer durch den Verkauf ihrer Körper mit befriedigen konnten, kamen jetzt die Männer in die Versorgerrolle und begingen Diebstähle, Einbrüche und Überfälle. Die Prostitution hatte keinen größeren Schaden am Eigentum der Bevölkerung angerichtet. Ihre Unterbindung führte aber zu einer für alle mehr belastenden Art der Kriminalität. Abgesehen von dem nicht akzeptablen Zustand, dass diese armen Frauen aus ihrer Not auf den Straßenstrich gingen und von vielen Freiern wie Freiwild behandelt wurden. Sie trauten sich nicht, brutale oder perverse Freier anzuzeigen, da sie damit gleichsam ihre eigene Straftat zugeben mussten, die rigoros von Polizei und Justiz verfolgt wurde. Ein wahres Dilemma, das nur durch ein System kontrollierter Drogenabgabe gemildert werden konnte. Aber der derzeitige Justiz- und Sozialsenator wehrte sich aus prinzipiellen juristischen Gründen gegen jede Form irgendeiner möglichen Legalisierung des Drogenkonsums. Die Befürchtung war zu groß, dass ein solcher Bremer Alleingang die Junkies der ganzen Republik anziehen könnte.
Aber sie kamen auch so. Brutale Übergriffe auf Heroinabhängige von Polizisten in anderen Städten, großzügig von oben gedeckt, trieb zeitweise viele Abhängige ins liberalere Bremen. Bis auch hier wieder mal eine Gegenbewegung entstand. Die herrschende Politik bot keine wirkliche Lösung der Probleme an, sondern organisierte nur deren Verdrängung. Und damit kam sie bei der Bevölkerung, die direkt betroffen war, häufig gut an. Je härter, desto besser. Die Menschen, die sich hinter den ausgemergelten Gesichtern und in den von Krankheiten gequälten Körpern befanden, wurden als solche nicht mehr wahrgenommen. Sie störten nur.
Mechthild Kayser hatte es endlich geschafft, ihren Kater loszuwerden. Jetzt trat die unvermeidbare Müdigkeit an seine Stelle, die einem klarmachte, dass man betrunken keinen erholsamen Schlaf haben konnte. Sie radelte zurück nach Hause und beschloss, beim Nachmittagsprogramm des Fernsehens gemütlich auf dem Sofa einschlafen zu wollen.
Es war acht Uhr morgens, als Mechthild am darauffolgenden Tag mit dem Fahrrad das Polizeihaus in der Innenstadt erreicht hatte und nun durch das breite Portal mit den Steinstufen aus weserbergländischen Sandstein ging, um in die erste Etage zu gelangen, wo sich die Büros der Mordkommission befanden.
Das alte Gebäude, das um 1900 im Stil deutscher Renaissance und des Frühbarock errichtet wurde, wirkte mit seinen Fronttürmen sehr martialisch und wehrhaft. Was damals den Anforderungen an ein modernes Verwaltungsgebäude gerecht wurde, entsprach heute schon seit langem nicht mehr der einer zeitgemäßen Polizeiorganisation erfordernden Baulichkeit. Mehrfach hatte man im Kern des Gebäudes mit Umbaumaßnahmen versucht, die Büros so umzugestalten, dass vernetzte Abläufe zwischen den hier Dienst versehenden Ermittlungsgruppen zu organisieren waren. Das alte Gemäuer hatte aber in der Statik begründete Grenzen, die nicht zu verschieben waren. Darum hatte vor kurzem eine Planungsgruppe damit begonnen, nach einem geeigneten Gebäude Ausschau zu halten. Und wie der Polizeipräsident kürzlich verlauten ließ, gab es wohl Anzeichen aus dem Haus des Innensenators dafür, dass die gesamte Kriminalpolizei in eine ehemalige Bundeswehrkaserne im Stadtteil Vahr umziehen könnte. Nach Ende des Kalten Krieges stand dort ein mittlerweile geräumtes Kasernengebäude zur Verfügung. Ein relativ moderner Komplex, der räumlich für eine stabsstellengelenkte Führung ausgerichtet war und über entsprechende Räumlichkeiten für Einsatzplanungen und die Einrichtung von anlassbezogenen Ermittlungszentren verfügte.
Viele Kriminalbeamte waren gegen einen Umzug, da sie die fehlende Zentralität der Kaserne bemängelten. Aber in Wahrheit ging es einigen von ihnen nur darum, die guten Einkaufsmöglichkeiten in der Innenstadt nicht zu verlieren. Mechthild Kayser war eindeutig für den Umzug in ein moderneres Gebäude. Gleichgültig, wo es lag. Mord und Totschlag konnte sie an jedem Ort bearbeiten. Sie stellte in ihrem Büro den Computer an und ging auf ihre polizeiinterne E-Mail-Seite. Bemerkenswerte Fälle würden in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht anstehen. Dann hätte man sie schon am Wochenende alarmiert.
Durch das interne E-Mailsystem wurde die Informationsgeschwindigkeit erheblich erhöht, und jeder bekam seine Aufgaben zeitnaher übertragen. Die zu den Vorfällen gehörenden Akten wurden zwar in Papierform erstellt und durch einen Botendienst verteilt, da Richter, Staatsanwälte und Verteidiger sie in verantwortlich unterzeichneter Form einsehen wollten, aber bald würden in das gesamte System elektronische Signaturen integriert und auf diesem Wege Ausdrucke auf Papier enorm reduziert werden. Das glaubten jedenfalls die Einsparstrategen der Haushaltsabteilung. In Wirklichkeit ließ sich jeder jede auch noch so banale E-Mail ausdrucken, um eine sichtbare Grundlage in den Händen halten zu können. Arbeitende Menschen brauchten etwas zum Anfassen. Etwas, woran sie sich halten konnten.




