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Mechthild Kayser war der Auffassung, dass es in Ermittlungen sowieso immer besser war, mit den damit beschäftigten oder betroffenen Menschen im persönlichen Gespräch zusammenzutreffen. Ein Papier konnte nur erlesen werden, aber im persönlichen Kontakt erhielt man weitaus mehr Hinweise, Gefühlsregungen und andere nonverbale Informationen vermittelt, als es selbst ein Video nicht zustande bringen könnte. Polizeiarbeit war in erster Linie immer eine Arbeit mit Menschen und ihrem individuellen Ausdruck in einem Rahmen von ganzheitlicher Kommunikation.
Viel war am vergangenen Wochenende nicht geschehen. Neben den allgemeinen Mitteilungen über Fahndungen nach gestohlenen Autos, entwichenen Strafgefangenen und verschwundenen psychisch Kranken gab es in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag einen Blitzeinbruch in ein Juweliergeschäft in der Sögestraße, gleich am Anfang der innerstädtischen Fußgängerzone. Die Täter waren mit einem gestohlenen Auto einfach in die Eingangstür gerammt und hatten blitzschnell die Auslagen abgeräumt.
Ganz schön dreist, dachte Mechthild.
Für sie gab es drei Nachrichten, die in ihre Zuständigkeit fielen: Ein kleines Mädchen wurde als vermisst gemeldet. Die nächste E-Mail teilte mit, dass sie unversehrt wiedergefunden wurde. Also doch nichts zu tun. Und die dritte Nachricht bezog sich auf einen Frührentner, der nach einem Restaurantbesuch nicht wieder heimgekehrt war und von seiner Ehefrau vermisst wurde.
Wahrscheinlich ist er bei seiner heimlichen Freundin auf dem Sofa eingeschlafen, dachte Mechthild. Doch sie musste diese Mitteilung trotzdem ernst nehmen. Mit gutem Grund war die Bearbeitung von Vermisstensachen Aufgabe der Mordkommission in Bremen. Häufig wurde ein vermisster Mensch als Opfer eines Kapitalverbrechens aufgefunden.
„Da hatte der Kriminaldauerdienst ja ein ruhiges Wochenende“, sprach Mechthild laut in ihr leeres Büro. Sie sah auf die Uhr. Halb neun. Und von ihren Mitarbeitern war noch keiner zu sehen. Mit der Einführung der Gleitzeit konnte jeder seinen täglichen Arbeitsbeginn selbst festlegen. Allerdings musste er spätestens um neun Uhr auf der Matte stehen. Kontrolliert wurde das durch ein elektronisch gesteuertes Chipkartensystem. Und durch Mechthild selbst. Sie bestand darauf, dass sich ihre Kollegen jeden Morgen bei ihr zu melden hatten, wenn sie ihren Dienst aufnahmen. Auf diesem Weg erlangte sie nicht nur einen groben Überblick über die zu leistenden Dienststunden, sondern erhielt jeden Tag auch einen Eindruck über Stimmung und Verfassung der einzelnen Mitarbeiter der Mordkommission.
Mechthild Kayser beschloss, die Sache mit dem vermissten Rentner an den Jüngsten in ihrer Truppe zu übergeben. KK Heiner Heller war vor kurzem gerade dreißig geworden und vor einem Jahr aus dem Raubkommissariat zu ihr gewechselt. Er wirkte immer noch unreif und hatte etwas Jungenhaftes an sich. Heller hinterließ bei vielen den Eindruck, dass er alles nicht so ernst nehmen würde. Er war noch ledig, ging viel auf Partys und zog an freien Wochenenden durch die Diskos der Stadt, um Frauen aufzureißen. Da er sehr gut aussah und eine sympathische, anziehende Art hatte, war er auf diesem Gebiet sehr erfolgreich. In seiner Arbeit hatte er allerdings noch keine großen Erfolge aufzuweisen, und Mechthild war sich sicher, dass er sich nur zu ihr beworben hatte, um in einem anderen Arbeitsfeld die Gelegenheit zu erhalten, sich profilieren zu können, was ihm im Raubkommissariat nicht vergönnt gewesen war. Aber sie mochte ihn. Seine unbeschwerte Art, sein lockeres Umgehen mit den unschönen und belastenden Dingen ihrer Arbeit, verbesserte die Atmosphäre für alle, auch wenn seine lockeren Bemerkungen an vielen Stellen völlig unpassend waren.
Als Erster meldete sich ihr Kollege Roder mit einem wie immer frustrierten Blick durch den Spalt ihrer halbgeöffneten Bürotür und einem knappen „Moin“ an. KHK Kurt Roder war ein schwieriger Typ. Als einziger Kriminalhauptkommissar in der Mordkommission war er Mechthilds Stellvertreter. Roder war ein unverbesserlicher Macho, hatte Schwierigkeiten, unter der Leitung einer Frau zu arbeiten, und sein Charakter war von unterdrückter Aggressivität und einer spürbaren, schlummernden Gewaltbereitschaft geprägt. Er hatte selbst Ambitionen gehabt, Leiter der Mordkommission zu werden. Er war am längsten hier tätig und hätte sicher auch das Zeug dazu gehabt. Aber durch die vor einigen Jahren begonnene Polizeireform waren die Kommissariatsleitungen höher bewertet und sukzessive durch Kriminalräte ersetzt worden. Und Roder war nicht bereit gewesen, sich für die Ratslaufbahn zu bewerben und sich einer Prüfungskommission zu stellen. Aus welchen Gründen auch immer. Ob er nun Angst gehabt hatte, durchzufallen und abgelehnt zu werden, oder ob er seinen Anspruch auf die Leitung als selbstverständlich ansah, er hatte es jedenfalls nicht getan und war seitdem immer schlecht gelaunt.
Dennoch hatte er auch seine Vorteile und Fähigkeiten, die Mechthild Kayser sehr wohl sah und zeitweise zu schätzen wusste. Roder konnte Verdächtige in einer harten und brutalen Art und Weise verhören, sie bis an die Grenzen der Legalität verbal und durch seine körperliche Präsenz unter Druck setzen wie kaum ein anderer.
Mechthild war überzeugt, dass er, wenn sie nicht dabei war, diese Grenzen ohne Skrupel auch überschritt, um Ergebnisse zu erreichen. Aber bislang gab es keine belegbaren Vorwürfe, die dazu geführt hätten, Roder in seine Schranken zu verweisen. Und solange das so war, musste sie davon ausgehen, dass er sich an die Regeln hielt.
Zusammen mit Ayse Günher trat der junge Heller in ihr Büro. Sie begrüßten sich kurz, und Mechthild erinnerte daran, in zehn Minuten ihre Frühbesprechung machen zu wollen. Sie sollten KHK Roder mitbringen.
Mechthild steckte die ausgedruckte E-Mail über den vermissten Rentner in eine Besprechungsmappe zu den Vorgängen, die noch von Freitag unbearbeitet auf ihrem Schreibtisch lagen, und verließ ihr Büro.
Das Besprechungszimmer der Mordkommission war im Zuge der Personalreduzierung entstanden. Zwischen zwei nicht mehr belegten Büros war die Trennwand entfernt worden und ein Raum entstanden, in dem man jetzt einen großen, rechteckigen Tisch, umrahmt von zwölf Stühlen, unterbringen konnte. Durch die vier nebeneinanderliegenden, hohen Fenster hatten sie einen schönen Blick auf die Wallanlagen der Stadt, die den alten Stadtkern im Mittelalter vor Angreifern schützen sollten. Während sich damals die aufgrund ihrer Gewürzimporte als „Pfeffersäcke“ bezeichneten Kaufleute mit den anderen Honoratioren der Stadt sicher hinter den Befestigungsanlagen verschanzen konnten, wurden die Bewohner der davorliegenden Stadtteile regelmäßig Opfer der Brandschatzung angreifender Truppen.
Das Besprechungszimmer hatte die Tristesse aller mit öffentlichen Mitteln eingerichteten Funktionsräume. Im Gegensatz zu den Büros der Mitarbeiter fanden sich hier keine persönlichen Gegenstände, die die Atmosphäre auflockerten. Photos, Pflanzen, Andenken fehlten völlig. Die Vorgaben für die Beschaffung von Büromöbeln waren eng gefasst. Entscheiden konnte man sich lediglich zwischen zwei verschiedenen Kunststoffoberflächen: hellgraues Plastik oder Nussbaumimitat. Wer etwas auf sich hielt und bereit war, in seine Arbeitsumgebung selbst zu investieren, der stellte sich die Möbel für seine Besprechungsecke im Büro selbst zusammen. Das wurde von der Leitung toleriert, führte es ja schließlich auch dazu, Kosten einzusparen. Doch ließ sich auch der Verdacht nicht von der Hand weisen, dass so manche Mitarbeiter auf diesem Weg ihre alten Wohnzimmereinrichtungen einer neuen Nutzung zuführten oder besser gesagt diese Möglichkeit zu deren Entsorgung nutzten. Jedenfalls bekam man einen Einblick über die vorherrschenden, zum Teil erschreckenden Geschmäcker der Kollegen.
Mechthild Kayser begrüßte noch einmal ihre kleine Truppe und begann die angefallene Arbeit zu verteilen. Heiner Heller als Benjamin in der Mordkommission bekam den Vorgang um den vermissten Rentner, der einzige aktuelle Fall an diesem Tag und ihres Stellvertreters Roder nicht würdig. Die fehlenden Unterlagen über die bisher durch den Kriminaldauerdienst getroffenen Maßnahmen würden Heller in Kürze über den Botendienst erreichen. Ayse Günher wurde von ihrer Chefin mit einer Anfrage aus den neuen Bundesländern beauftragt. Dort war in Leipzig eine Prostituierte ermordet worden, und man bat um Auskünfte über ähnlich gelagerte Fälle. Sie liebte es, an ihrem Computer die Tatort- und Täterdateien zu durchforsten und nach Übereinstimmungen in den Fällen zu suchen. Mechthild wusste, dass Ayse ein echter Fan von Serienkillern oder besser – und weniger reißerisch ausgedrückt – von Wiederholungstätern war. Obwohl es sie unter Mördern selten gab. Kurt Roder musste sich mit einer Bitte des Bundeskriminalamtes befassen. Das BKA wollte eine Expertise über Ausstattung und Einsatzmöglichkeiten von Observationsfahrzeugen erstellen, und alle Bundesländer waren aufgefordert, ihre Erfahrungen darzustellen. Genau das Richtige für Roder, der es gerne sah, wenn unter einem Papier, das zentral in der Polizeiführung ausgewertet wurde, sein Name stand.
Mit dem Wissen, dass sie sich selbst mit elender Kriminalstatistik zu beschäftigen hatte, entließ Mechthild ihre Kollegen in den Tag. Wenn kein Tötungsdelikt zu bearbeiten war, ging das Leben in der Mordkommission einen beschaulichen Gang. Überstunden konnten abgebummelt werden, endlich war dann Zeit für Weiterbildungen, oder alle konnten mal wieder zum Schießen fahren und die jährlich vorgeschriebenen Übungen ableisten. In solchen Zeiten galt es für Mechthild gegenüber ihren Kollegen großzügig zu sein, was die Ausgestaltung der Dienstzeit betraf. Denn bei Vorliegen eines Kapitalverbrechens änderte sich abrupt alles. Urlaub und Freizeit wurden nicht gewährt. Und wer glaubte, einen Acht-Stundentag zu haben, wurde arg enttäuscht. Solche Haltungen gab es jedoch nicht in der Mordkommission. Wenn es galt, einem Verbrecher habhaft zu werden, scheute niemand Zeit und Mühe, und alles andere wurde zurückgestellt.
Thomas Brandt parkte den gemieteten weißen Lkw vor dem geöffneten Rolltor einer ehemaligen Fertigungshalle in der Bremer Neustadt. Hier hatte ein Betrieb bis vor etwa zehn Jahren Stanz- und Falzmaschinen zur Blechbearbeitung hergestellt. Sie waren pleite gegangen oder hatten den Betrieb verlagert. Das wusste Thomas Brandt nicht. Und es interessierte ihn auch nicht.
Als Partyveranstalter war er stetig auf der Suche nach neuen, ungewöhnlichen Örtlichkeiten, die man in der Szene „locations“ nannte, um den Erlebnishunger seiner jungen Kundschaft immer wieder aufs Neue zu befriedigen.
Das Geschäft war in den letzten Jahren schwerer geworden. Auch andere veranstalteten jetzt Partys, und der Wettbewerb hatte dazu geführt, dass Brandt sich jedes Mal etwas wirklich Neues, Irres ausdenken musste, um es der Konkurrenz zu zeigen. Als er begann, reichten ein paar künstliche Palmen neben einer Cocktailbar in einem alten Keller aus, dazu noch ein paar Lichteffekte und natürlich einer der angesagten Discjockeys der Stadt. Und fertig war die Dschungelparty. Mittlerweile ließ er DJs aus London, New York und Barcelona einfliegen. Jede Party bekam ihr eigenes, gestyltes Image, ein Motto, das von der gesamten, aufwendigen Dekoration und Aufmachung widergespiegelt wurde. Dabei explodierten natürlich die Kosten, und immer weniger blieb für ihn übrig.
Für die Party vom letzten Wochenende hatte er einen „martial-industry-sound“ angekündigt. Dafür hatte er die alte, heruntergekommene Fertigungshalle angemietet. Unter die nicht mehr funktionsfähigen Lastkräne an der Decke der Halle hatte er Gitterkäfige mit Gogo-Girls hängen lassen. Die mit Bikinis bekleideten Mädchen traten im Schweißeroutfit auf. Am Eingang brannten helle Feuer in verrosteten Ölfässern, und der Clou der Party war eine Anlage, die oberhalb der Tanzfläche brennende Gasfontänen mit hohem Druck über die Tanzenden schoss, so dass man beim Tanzen einen heißen Schauer abbekam. Das war alles sehr teuer. Und die Eintrittseinnahmen waren auch nicht mehr so berauschend. Da er sich nicht mehr darüber ärgern wollte, wie viel Geld ihm seine Bedienungen an den Theken klauten, hatte er den gastronomischen Teil seiner Veranstaltungen gegen eine Gebühr an einen örtlichen Caterer vergeben. Aber trotz der Verluste durch Diebstahl fehlte ihm unter dem Strich etwas. Er hatte zwar die Eintrittspreise erhöht, aber es gab Grenzen, deren Überschreitung das Bremer Publikum nicht mehr akzeptieren würde. Um Ausgaben zu sparen, fuhr er nun selbst den Lkw für den Abtransport und packte auch beim Abbau mit an.
Als er in die Halle trat, war nichts mehr von der ausgelassenen Stimmung der Samstagnacht zu spüren. Es roch nach Rauch, Schweiß und abgestandenem Bier. Die bunte Welt des martial-industry-sounds war einer öden, maroden und staubigen Umgebung gewichen. Es war kalt in der Halle, jetzt, da keine Menschenmassen mehr da waren, die sie aufheizten.
Wo während der Party noch buntes Licht von außen durch die Hallenfenster strahlte, fiel der Blick nun auf verrostete Eisenrahmen, durch deren butzenartige Fensteraufteilung ein wild überwucherter Hof zu erkennen war. Es fehlten einzelne Scheiben, einige waren zerbrochen. Die Gitterkäfige waren schon verschwunden. Die beiden Männer der PA-Firma luden ihr Equipment in bereitstehende, rollbare Holzkisten, die Trapeztürme für die Licht- und Gasanlage lagen auseinandergebaut auf dem Hallenboden.
Thomas Brandt sah sich nach den Klapptheken um. Sie standen schon für den Abtransport vorbereitet am Eingang. Er zählte die Zapfanlagen und die Kühltruhen. Nichts fehlte.
In der Mitte der Halle stand der große, schwere Rolltresen der Cocktailbar. Die einzige Theke, die er noch selbst betrieb. Er hatte sie vor wenigen Jahren, als die Geschäfte noch besser liefen, nach seinen eigenen Vorstellungen anfertigen lassen. Sie war aus massivem Holz mit eingebauten Zapfanlagen und Kühlschränken. Der Rolltresen war nicht auseinanderzunehmen und selbst, wenn man die Ware ausgeräumt hatte, richtig schwer. Um ihn zu transportieren, bedurfte es mindestens zweier Männer und eines Lkws mit Hebebühne.
Thomas Brandt winkte zwei seiner Aushilfen herbei, die gerade damit beschäftigt waren, die an den Wänden aufgehängten Ölfackeln abzunehmen. „Los, kommt! Erst mal den Tresen raus. Dann den Kleinkram!“ kommandierte er.
Bereitwillig kamen beide her und lösten die Verriegelungen der Gelenkrollen. Dann drückten sie mit aller Kraft gegen eine Flanke des Tresens, um ihn ins Rollen zu bringen. Da die beweglichen Rollen noch nicht alle in eine Richtung wiesen, stellte sich der Tresen quer, und Thomas Brandt schnauzte: „Dahin, dahin!“ und zeigte dabei auf das Rolltor, wohlwissend, dass sich das Ungetüm erst zurechtlaufen musste. Aber schließlich war er der Chef hier und wollte das auch zeigen. Er stemmte sich mit aller Kraft an eine Ecke des Tresens, um ihn in Fahrt zu bringen, als plötzlich unter ihm der Boden nachgab und der Tresen mit der gegenüberliegenden Ecke in einen Hohlraum einsackte und schief hängen blieb. Im gleichen Augenblick hörte man das Splittern von Holz, und Thomas Brandt schrie auf, als er in eine etwa einen Meter tiefe Versenkung rutschte und auf einem weich gefüllten Plastiksack landete. Holzsplitter und Bruchstücke zerborstenen Estrichs rieselten auf ihn nieder.
Glücklicherweise hing der schwere Tresen fest. Wenn er ins Rutschen gekommen wäre, hätte er Thomas Brandt zerquetschen können. Nun saß er auf dem Boden und schrie verärgert: „So eine Scheiße!“ Der Schreck saß ihm in den Knochen. Er sah zu seinen Füßen herunter, und ab diesem Zeitpunkt wusste er für sein ganzes restliches Leben, was es hieß, sich wirklich zu erschrecken.
Vom anderen Ende des durchsichtigen Plastiksacks, auf dem er saß, sah ihn im Halbdunkel der Grube eine blonde Frau mit aufgerissenen Augen an. Eine tote blonde Frau. Obwohl er in diesem Moment keinen bewussten Gedanken fassen konnte, war ihm dieser Umstand intuitiv klar. Mit einem markerschütternden Schrei fuhr er hoch und versuchte aus dem Loch zu kommen. Er richtete sich mit einer hastigen Bewegung auf, stemmte sich mit den Händen auf der Kante des Loches ab und wusste genau, dass das Weiche, das er noch unter seinen Füßen fühlte, eine Leiche war, auf der er immer noch stand. Er drückte sich nach oben, rollte sich auf dem Hallenboden ab und sprang sofort auf.
Alle Anwesenden, denen die Sicht auf die Tote versperrt war, starrten ihn verblüfft an. Schlechte Nerven, dachten sie. Dreht gleich durch, wenn mal was schiefgeht!
Thomas Brandt war kreidebleich im Gesicht und zitterte. Noch nie hatte er eine Leiche aus der Nähe gesehen. Und schon gar nicht unter diesen Umständen.
„Roland für Roland 5012 kommen!“
„Hier ist Roland! Bitte 5012!“ antwortete die Einsatzzentrale der Bremer Polizei, deren Rufname vom Wahrzeichen der Stadt, einem steinernen Rolandritter auf dem Marktplatz, herrührte.
„Bitte IDA schalten!“ meldete sich die Stimme von 5012 wieder.
IDA, das Sprachverschlüsselungssystem der Polizei, wurde immer dann verwendet, wenn der polizeiliche Funkverkehr, der theoretisch von jedem Radiobesitzer illegal mitgehört werden konnte, brisante Meldungen enthielt, die nicht für jedermann einfach zugänglich sein sollten.
Der Streifenführer von Roland 5012 fuhr fort: „Es handelt sich um einen Tatort. Eine weibliche Leiche in einem Plastiksack. Fremdverschulden nicht auszuschließen. Fundort ist die Richard-Dunkel-Straße 10a, die ehemalige Halle von Siemer & Behrend. Ich brauche Unterstützung zur Tatortsicherung. Und benachrichtigt die Kollegen von K!“
Die Einsatzzentrale bestätigte die Meldung und erreichte einen Einsatzwagen des Kriminaldauerdienstes, der sich im Stadtgebiet aufhielt und ebenso wie zwei weitere Streifenwagen der Schutzpolizei die Fahrt in Richtung des Leichenfundortes aufnahm. Grundsätzlich war es von großer Wichtigkeit, möglichst schnell eine großzügig bemessene Absperrung eines Tatortes zu veranlassen und alle in der Nähe befindlichen Personen festzuhalten, um Spuren und Zeugenaussagen zu sichern. Während die eingesetzten Streifenwagen unter Wahrnehmung ihrer Sonderrechte mit Blaulicht zum Fundort der Leiche brausten, schrieb Mechthild Kayser noch immer Zahlenschlüssel in grün- und blauumrandete Kästchen. Als ihr Telephon klingelte, war sie dankbar für die kleine Ablenkung.
Noch während der Beamte der Einsatzzentrale in knappen Worten die für sie erforderlichen Fakten übermittelte, schob sie den nervenden Papierkram beiseite und machte sich ihre ersten Notizen. Dann legte sie auf und drückte die Taste für die Konferenzschaltung an ihrem Telephon. Bei all ihren Mitarbeitern klingelte es nun gleichzeitig mit einem besonderen Ton, der darauf hinwies, dass eine Nachricht erster Priorität auf dem Display abzulesen war. „Einsatz! Sofort Lagebesprechung!“
Mechthild schnappte sich ihren Notizblock und eilte zum Besprechungszimmer. In Kürze waren alle versammelt, bis auf Heller, der nach dem vermissten Rentner suchte.
Kurz und knapp gab Mechthild die wenigen Erkenntnisse, die sie bisher hatte, ihren Mitarbeitern bekannt. „Fund einer weiblichen Leiche. Fremdverschulden nicht auszuschließen. Identität unbekannt. Fundort in der Richard-Dunkel-Straße 10a in einer leerstehenden Fabrikhalle. Die Kollegen der Schutzpolizei sind vor Ort. Die Absperrung steht. Zeugen werden vor Ort festgehalten.“
Sie blickte auf ihre Kollegen. Roder saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Arme verschränkt. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Ganz anders bei Ayse Günher. Sie wirkte aufgeregt und voller Einsatzfreude.
Mechthild Kayser sah kurz auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Sie schrieb die Zeit auf ihren Block und sann dann über ihre zu treffenden Maßnahmen nach. Gerade Roder brauchte eine klare Ansprache, sonst wurde er bockig. Ayse würde auch ohne ihr Zutun wissen, was im ersten Angriff zu unternehmen sei. Aber Mechthild war die Chefin und hatte hier das Sagen. Sie musste jetzt präzise Aufträge verteilen.
„Herr Roder, Sie informieren den Erkennungsdienst und fahren beim ED mit. Wir haben nur einen Wagen. Der andere ist mit Heller unterwegs. Informieren Sie auch die Gerichtsmedizin und sorgen Sie dafür, dass die vor Ort erscheinen!“ Dann wandte sie sich Ayse Günher zu. „Du fährst mich! Am Tatort nimmst du dir dann zuerst alle Zeugen vor. Sprich vorher mit den schon eingetroffenen Kräften, ob Personen sich schon entfernt haben und ob Personalien hinterlassen wurden. Frag sie nach Auffälligkeiten!“ Sie überlegte noch einen Moment, und mit einem „Los geht’s!“ hob sie die kurze Lagebesprechung auf.
Als Mechthild auf dem Innenhof des Polizeihauses in ihren Dienst-Mercedes einstieg, hatte Ayse gerade das mobile Blaulicht mit dem Magnetfuß am Wagendach festgeklickt. Sie fuhr in zügiger Fahrt mit eingeschaltetem Blaulicht von der Buchtstraße links über die Straßenbahnschienen und versuchte so den Weg in die Neustadt abzukürzen. Mechthild hatte währenddessen ihr Funkgerät eingeschaltet und ihre Einsatzfahrt der Zentrale gemeldet. Ayse legte ein rasantes Tempo vor, und obwohl Mechthild wusste, dass ihre Freundin ein Auto wie ein Rallyemeister beherrschen konnte, war es ihr doch etwas zu riskant, so zu brausen.
„Ayse, bitte etwas langsamer! Wir wollen heil ankommen. Die Leiche kann uns nicht mehr weglaufen!“
Ayse reduzierte wie befohlen das Tempo und kam trotzdem überraschend gut durch den Verkehr. Sie überquerten die Weser auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke und gelangten in die Friedrich-Ebert-Straße. Dann passierten sie bei roter Ampel vorsichtig die vielbefahrene Neuenlander Straße. Ein innerstädtisches Hinweisschild zeigte nach links in Richtung Flughafen. Rechts ab ging es hier zur Richard-Dunkel-Straße.
Ayse schaltete das Blaulicht aus. Beide Frauen hielten Ausschau nach Hausnummern an den größtenteils leerstehenden Gebäuden dieser ehemaligen Gewerbeansiedlung. So wie Siemer & Behrendt waren hier auch andere Betriebe weggezogen, und weitere Hallen moderten vor sich hin. Ayse kannte die Gegend. Sie hatte sich im zurückliegenden Herbst von einem Gotcha-Club überreden lassen, auf dieser Industriebrache an einem Häuserkampf teilzunehmen. Das war zwar nicht erlaubt, aber Spaß gemacht hatte es ihr trotzdem. Die vielen bunten Farbkleckse an den Wänden der Hallen zeugten noch davon.
„10a muss weiter hinten von der Straße weg liegen“, erinnerte Mechthild ihre Fahrerin. Langsam bewegten sie sich weiter vorwärts, und dann sahen sie etwa zweihundert Meter entfernt ein Blaulicht blitzen.
Ayse bog ab auf einen welligen, asphaltierten Weg, der zu beiden Seiten von Maschendrahtzaun begrenzt wurde. Ein Eingangstor hatte es mal gegeben, aber an den verrosteten Türangeln konnte man erkennen, dass es schon lange fehlte. Sie fuhren an einer ehemals weißen Halle vorüber, deren Putz an vielen Stellen von den Wänden gebrochen war und rote Backsteine zum Vorschein kommen ließ. Scheiben befanden sich nicht mehr in den Fenstern. Der Weg machte jetzt eine Rechtskurve, und sie gelangten auf einen grasüberwucherten Vorplatz, der mal als Parkplatz gedient haben musste. Ein Blechschild auf einem abgebrochenen Balken wies früher einmal den Stellplatz für die Geschäftsleitung aus. Vor der hier befindlichen Halle waren mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei abgestellt. Neben einem geöffneten Rolltor stand ein weißer Lkw mit heruntergelassener Hebebühne.
Als erstes dirigierte Mechthild Kayser einen Schutzpolizisten an die Straße, um die nachfolgenden Kräfte in die richtige Einfahrt zu weisen.
Ein uniformierter Polizeihauptkommissar, der bis zu ihrem Eintreffen den Einsatz am Tatort geleitet hatte, erstattete ihr seinen Bericht und fragte, ob er für weitere Unterstützung vor Ort bleiben sollte. Aus Erfahrung wusste Mechthild, dass verfügbare Kräfte nicht so schnell entlassen werden sollten. Wenn man sie nach geraumer Zeit gleich wieder anfordern musste, galt man als unfähig. Sie bat den Polizeihauptkommissar, der sich nun als Leo Jettner vorstellte und stellvertretender Leiter des Neustädter Polizeireviers war, mit seinen Leuten zu bleiben. Dann wollte sie sich den Fundort der Leiche ansehen.
Zuerst zeigte sie sich sehr verärgert darüber, dass Jettner die Absperrung um den Tatort auf die unmittelbare Umzäunung des Loches im Boden und den darin hängenden Tresen reduziert hatte. Aber nachdem er erklärt hatte, dass hier unmittelbar zuvor über tausend junge Leute gefeiert hatten und auch die Umgebung der Halle mit Dutzenden von Autos befahren worden war, nahm sie ihre Kritik zurück. Sehr zur Freude von Jettner übernahm nun die attraktive Ayse die weiteren Gespräche mit ihm.




