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»Die 50 Quadratmeter sind aber wirklich gut aufgeteilt«, staunte sie, als sie von der Küche aus durch einen kleinen Schlafraum mit Bett und einer unterhalb der Decke befestigten Stange als Schrankersatz in das Wohnzimmer ging, wo neben einer bequemen Sitzgruppe ein kleiner Esstisch mit vier weißen Stühlen stand. Auf der schmalen Fensterbank neben der Balkontür befand sich ein Topf mit einer weißen Orchidee. »Außerdem ist es klasse, dass du Urlaub bekommen hast, während wir hier sind.«
»Ich habe mir gedacht, heute essen wir hier. Die Couch lässt sich ausziehen, die müsste für euch beide reichen.«
»Für mich schon«, griente Norbert, während Edelgard auf den Balkon trat.
»Ein Reh! Dort, zwischen den Bäumen!«, rief sie erstaunt aus.
»Die kommen hier öfter her. Weil ihnen niemand etwas tut, sind sie ganz schön zutraulich.«
»Was ist mit Elchen?«, wollte Edelgard wissen.
Julian lachte. »Dazu müssen wir nach Skansen. Dort könnt ihr Elche mitten in der Stadt sehen.«
»Skansen? In unserem Reiseführer steht, das ist ein Freilichtmuseum«, mischte Norbert sich ein.
»Es ist ein Freilichtmuseum und ein Zoo. Man kann es mit einem gemeinsamen Ticket besuchen.«
Während die beiden Männer sich zurück ins Wohnzimmer begaben, nahm Edelgard den schräg gegenüberliegenden Block genauer in Augenschein. Er hatte fünf Etagen, genau wie der, in dem sie momentan weilte. Die Balkone ohne Blumenschmuck erinnerten sie an den des schwedischen Kommissars Beck in der gleichnamigen Fernsehkrimireihe, der einen ähnlichen hatte. Des Öfteren wurde der müde Kommissar zu Feierabend von seinem Nachbarn, der aus für sie ungeklärten Gründen eine Halskrause trug, behelligt. Bestimmt war das Tragen der Halskrause prompt in einer der wenigen Folgen erklärt worden, die sie nicht kannte.
Der unterste Balkon gegenüber weckte spontan ihre Aufmerksamkeit. Eine junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren eilte nach drinnen, genau in dem Moment, als Edelgard sie erblickte. Sie guckte sogar zu ihr herüber, als ihre Hand nach dem Jalousiengurt griff und ihn betätigte.
Edelgard begab sich ebenfalls nach drinnen.
»Paps ist im Bad. Mom, was ich dich immer schon mal fragen wollte – ist es dir damals, als du mich bekommen hast, eigentlich schwergefallen, deine Arbeit aufzugeben?«
»Was hätte ich denn tun sollen? Wir hatten niemanden vor Ort, der mich unterstützt hätte. Meine Mutter wohnte weit weg. Und dich als Baby schon in eine Krippe zu geben, das hätte ich wirklich nicht über mich gebracht. Du warst so ein süßes Kind.«
Julian zog eine Grimasse. Er konnte selbst aufs Gramm genau angeben, wie viel er bei der Entbindung gewogen hatte, über die Größe wusste er ebenfalls Bescheid. Edelgard hatte ihm ausführlich von der glücklichen Geburt erzählt. »Gab es damals keine Elternzeit?«
»So wie heute war das nicht geregelt. Auf keinen Fall hätte ich wieder auf meinen alten Arbeitsplatz zurückgekonnt. Der war ohnehin zeitlich befristet, so war das damals an der Uni, an der ich arbeitete, üblich.«
»Das war praktisch für deinen Dienstherrn, also wirklich! Wieso hat Paps sich nicht beurlauben lassen? Beamte können, soweit ich weiß, zwölf Jahre lang freigestellt werden. Und du hättest dich um einen neuen Vertrag kümmern können.«
»Ach, Julian. Dein Vater hat mehr verdient als ich. Wir hatten uns grade das Haus gekauft. Das musste abbezahlt werden.«
»Also, hier in Schweden ist es üblich, dass Eltern sich die Erziehungszeit teilen. Es ist ganz normal, dass Väter sich ebenfalls um die Kinderbetreuung kümmern.«
»Julian, jetzt sag bloß … Warum denkst du so viel darüber nach? Hast du etwa eine Freundin? Weshalb hast du nichts davon erzählt?«
»Am Telefon? Nee, ich wollte es dir persönlich sagen.«
»Wir lernen Sie hoffentlich kennen?«
Julian legte sich nicht fest. »Mal sehen, wie sich das einrichten lässt.«
Edelgard legte ihre Hand auf Julians Arm. »Will sie denn mit dir in Deutschland leben?«
»Mom, ich finde es großartig hier in Stockholm. Die Menschen sind anders als zu Hause. So gelöst. Und respektvoll. Sie lassen den anderen so sein, wie er ist, ohne ihm ständig vorzuhalten, was er falsch macht. Irgendwie kommen mir die Leute hier entspannter vor. Zumindest in der Hauptstadt.«
»Aber …« Edelgard schluckte. »Dann sind ja meine Enkelkinder so weit von mir weg.«
»Mom! Enkelkinder. Da sind noch keine in Sicht! Ich habe lediglich überlegt, weshalb du damals beruflich pausiert hast. Außerdem ist Stockholm nicht aus der Welt. Wie lange seid ihr geflogen? Zwei Stunden!«
»Dein Vater hat Flugangst. Du möchtest im Flugzeug nicht neben ihm sitzen!«
»Das wird sich geben.«
»Du hast keine Ahnung. Es ist bühnenreif, was er da aufführt. Er hat sich benommen, als ob er gleich sterben würde. Ein sterbender Schwan ist nichts dagegen! Er könnte wirklich damit auftreten.«
»Dann fahrt ihr eben mit dem Zug! Über Hamburg und Kopenhagen. Oder mit der Fähre. Von Rostock aus.«
»Bist du glücklich mit ihr?«
Julian nickte. Er zog sein Smartphone aus der Jackentasche. »Ich zeige dir ein Foto.«
Edelgard blickte auf den kleinen Bildschirm. Eine groß gewachsene blonde Frau war zu sehen. Ihr Sohn hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Die beiden wirkten sehr verliebt. Es versetzte ihr einen kleinen schmerzhaften Stich. Eine Fremde. Julian hatte ihr bislang nicht einmal erzählt, dass es jemanden in seinem Leben gab. So etwas Wichtiges erzählte man seiner Mutter doch! War sie denn nicht immer die Person gewesen, die ihm am allernächsten stand? Die Erkenntnis, dass eine andere Frau diesen Platz nun einnahm, war wie ein Nadelstich direkt in ihr Herz. Sie versuchte tapfer, sich ihre Kränkung nicht anmerken zu lassen.
»Was macht sie beruflich?«
»Wir sind Kollegen in derselben Firma.«
»Kann sie kochen?«
»Mom, echt jetzt, was soll das? Ich habe keine Stelle für eine Haushälterin ausgeschrieben!« Um vom Thema abzulenken, sagte er: »Paps hat mir mal erzählt, du wolltest damals nach deinem Studium in Biologie eigentlich promovieren.«
»Ja, schon. Aber mein Doktorvater ist gestorben und alles hat sich irgendwie verzögert. Ja, und dann war ich schwanger. Danach hat sich mein Leben sowieso verändert.«
»Paps meint, du warst richtig gut, damals an der Uni.«
Edelgard wurde verlegen. »Das hat er gesagt?«
»Ja, du hättest sogar bessere Noten gehabt als er. Er war sehr stolz auf dich.«
Norbert, stolz auf sie? Edelgard war verblüfft. Davon hatte ihr Mann ihr gegenüber nie etwas gesagt. Norbert schien für sie nach der Devise zu leben: »Nicht getadelt zu werden, ist genug des Lobes.« Solange er, wenn er abends nach Hause kam, sein Essen auf dem Tisch und im Kühlschrank ein Bier vorfand, schien er zufrieden mit sich selbst und der Welt zu sein.
»Wirklich?«
»Klar. Du meinst doch nicht etwa, dass ich mir das ausdenke?«
Edelgard lehnte sich zurück. Wie lange waren sie und Norbert schon ein Paar? Hatte ihr Mann noch mehr Seiten, die sie nicht kannte? War er gar nicht nur das bequeme Trampeltier, als das er sich ihr gegenüber so oft gab? Es hatte Zeiten in ihrem Leben gegeben, da hatte sie ernsthaft darüber nachgedacht, ob ein Leben ohne ihn nicht angenehmer für sie wäre.
»Aber warum hat er …«
»Dir das nie gesagt? Mom, du kennst Paps besser als ich. Und du weißt ja, Männer und Gefühle. Da redet er halt nicht so gerne drüber.«
»Dir gegenüber hat er es aber geäußert!«
»Das war so ein Vater-Sohn-Gespräch. Irgendwann kurz nach meinem Abi. Bei einer Flasche Rotwein. Du warst mit deinem Gemeinde-Chor auf Reisen. Wir haben sogar gemeinsam gekocht.«
»Ihr habt was?!«
»Gekocht.«
»Nein, ich meine das andere. Ihr habt Wein getrunken?«
Norbert kam zurück. »Entschuldigung, dass es etwas länger gedauert hat.«
»Macht nichts, Schatz. Möchtest du etwas zu trinken?« Edelgard lächelte ihn glücklich an.
Norbert sah unsicher von seiner Frau zu seinem Sohn. Worüber hatten die beiden sich miteinander unterhalten, dass sie jetzt derart nett zu ihm war? Plante sie für morgen womöglich eine Achterbahnfahrt im Vergnügungspark Gröna Lund auf der Halbinsel Djurgården? Ihm steckten noch immer der Flug und seine damit verbundene Angst in den Knochen. Auf keinen Fall würde er in eine Achterbahn einsteigen! Egal, was die beiden vorhatten. Nichts auf der Welt konnte ihn dazu bewegen.
Vorsichtig sagte er: »Ein Pils würde ich nicht ablehnen.«
»Keinen Wein, Paps?«
»Hier in Schweden? Nein danke.«
»Die bauen sogar welchen an.«
»Bei den klimatischen Bedingungen in den nördlichen Breiten haben sie hier sicher nicht sehr viel Wein. Den muss ich niemandem wegtrinken! Mir ist ein Bier immer noch lieber. Meine Güte, das wisst ihr beide nun wirklich. Aber was ich ansprechen wollte: Ich war mir sicher, das Ladegerät für meinen Rasierapparat eingesteckt zu haben! Sehr sicher sogar. Aber es ist nicht in meinem Kulturbeutel, ich habe eben nachgesehen.«
»Rasierst du dich neuerdings zweimal am Tag, Paps? Du hast dich doch sicherlich heute Morgen rasiert. Weshalb frägst du jetzt danach? Ich dachte, im Alter lässt der Bartwuchs nach!«
»Das liegt bestimmt zu Hause. Vielleicht wolltest du es einstecken, dann ist dir ein Gedanke dazwischengekommen und du hast es liegen lassen.« Edelgard gelang ein unschuldiger Gesichtsausdruck.
»Ich kann mich ganz genau erinnern, es eingepackt zu haben.«
»Nimm einfach meinen Rasierer.« Für Julian war das Problem seines Vaters damit gelöst.
*
Die Schlangen im Systembolaget wurden täglich länger. Ein deutliches Indiz für die bevorstehenden Mittsommerfeiern, wenn die Menschen sich vermehrt mit Alkohol eindeckten. Hochprozentiges wurde ausschließlich in den Geschäften des Monopolisten angeboten. Im Supermarkt gab es lediglich Bier, das vom Alkoholgehalt eher an Limonade erinnerte. Einer ihrer Kollegen hatte extra eine Fahrt auf einer der Ostsee-Fähren ins Ausland gebucht und ließ sich den dort viel billigeren Alkohol direkt mit der Sackkarre ans Auto im Bauch des großen Schiffes liefern. Sie rümpfte angewidert ihre Nase, als sie durch das bodenhohe Schaufenster die geduldig Wartenden sah. Mit Schaudern erinnerte sie sich an die Erzählungen einiger ihrer früheren Kommilitonen, die ein Auslandssemester in Deutschland verbracht hatten und bei den dort überaus beliebten sommerlichen Schwedenfesten weit über ihren Durst hinaus tranken. Sie selbst mochte keinen Alkohol und behielt lieber die Kontrolle über sich. Verachtung war noch das Geringste, was sie für Menschen empfand, die sich ins Koma soffen.
So viele Fremde kamen ins Land, aus Ländern, die nichts mit Europa zu tun hatten. Als ob hier nicht schon genug Menschen lebten. Zumindest für ihren Geschmack. Sie hatte sich extra für einen Job entschieden, in dem es für sie keinerlei Kundenkontakt gab. Es reichte ihr völlig aus, sich ihr Büro mit einem Kollegen teilen zu müssen. Dies reizte ihre soziale Kompetenz vollends aus. Mehr Berührungspunkte zu anderen brauchte sie weiß Gott nicht in ihrem Alltag. Sie trennte Berufliches und Privates strikt. Oft erfand sie eine Ausrede, um nicht an der täglichen Fika teilnehmen zu müssen. Die Kaffeepause mit Süßem war den meisten ihrer Kollegen heilig. Auch in dieser Hinsicht ähnelte sie ihrem Vater, wie in so vielem anderen. »Du bist wie sein Zwilling, nicht wie sein Kind«, hatte die Mutter oft bemerkt. Sie selbst hatte dies immer für einen Scherz gehalten. Aber es war die Wahrheit. Sie waren sich derart ähnlich, dass sie sich mit zunehmendem Alter eher wie sein Klon als sein Kind fühlte. Ihre Mutter hatte sich genetisch bei ihr nicht durchzusetzen vermocht. Lag es daran, dass sich die Mutter, seit sie denken konnte, immer seinen Wünschen anpasste? »Papakind« war einer von ihren nettesten Ausdrücken für sie gewesen. Wie lange hatte sie sie eigentlich nicht mehr gesehen? Besaß sie überhaupt ihre aktuelle Adresse?
Die Fremden hielten sich nicht immer an die Gepflogenheiten hier. Musste sie sich sorgen? Würde an Mittsommer eine Horde Betrunkener an ihrer Insel anlegen und sie erstürmen? Sollten sie nach Plätzen suchen, um ihren Flüssigkeitsüberschuss wieder loszuwerden, würden sie über die gesamte Insel stromern. Darin lag eine große Gefahr, Vaters Geheimnis zu lüften. Das konnte sie nicht dulden. Letztendlich würde es auf sie zurückfallen. Nichts davon gewusst zu haben, würde ihr niemand abkaufen. Und es war ja so, dass sie Bescheid wusste. Von Beginn an. Bis zum Ende.
Sie bemerkte selbst an sich, wie sie von Tag zu Tag unruhiger wurde. Schon ein paar Einladungen von Kollegen zum Shrimps-Essen und Champagner-Trinken hatte sie für Mittsommer ausgeschlagen. Das Beste würde sein, sie meldete sich bereits am Abend vorher im Büro krank und verbrachte den riskanten Tag in ihrem roten Holzhaus auf den Schären. Im Haus befand sich eine alte Waffe des Großvaters. Ihr Vater hatte irgendwann einmal, auf welchen Wegen auch immer, Munition dafür besorgt. Sie stellte sich vor, dass es nicht allzu schwer sein konnte, zu schießen. Ein Schuss wäre durchaus ein wirksames Mittel, um Fremde vom Anlegen abzuhalten. Diese Vorstellung vermochte sie ein wenig zu beruhigen. Noch heute würde sie Ballistol kaufen, um die Waffe zu reinigen. Dies hatte ihr der Vater neben vielem anderem beigebracht. Er war unumschränkt die wichtigste Person in ihrem Leben. Keiner der Männer, mit denen sie sich von Zeit zu Zeit einließ, konnte auch nur annähernd an ihn heranreichen.
*
Als sie am nächsten Tag aus dem Haus gingen, lugte Edelgard hinüber, wo die Frau am Abend zuvor so flink vom Balkon in die Wohnung gehuscht war. Sosehr sie sich bemühte, sie konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken. Außer, dass an besagtem Fenster die Jalousien geschlossen waren. Was im Vergleich zu den anderen Fenstern in der Gegend ziemlich ungewöhnlich war.
»Was ist denn da drüben, Mom?«
»Nichts.«
»Für ›nichts‹ guckst du aber ziemlich neugierig.«
Edelgard verzichtete auf eine Antwort. Manches Mal verstand es ihr Sohn vorzüglich, sie zu nerven. Mit der Annahme, nach der Pubertät wäre es damit vorbei, hatte sie sich wohl getäuscht.
Julian führte sie über eine Brücke zur Altstadt Stockholms Gamla Stan. Die befand sich auf einer eigenen Insel. Edelgard zeigte sich beim Durchschlendern schnell begeistert von den schönen Plätzen und den Gassen mit ihren hübschen Häusern und vielen Läden.
»Da muss ich rein!«, rief sie Julian und Norbert zu und verschwand in einem Hutgeschäft. Sie interpretierte das reizende Schaufenster als persönliche Einladung an sie, das Geschäft zu betreten. Ein Hut aus Filz erweckte sofort ihre Aufmerksamkeit. Er war geformt wie ein Topfhut aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, die gemeinhin als die Goldenen bezeichnet werden. Lila, mit verschiedenenfarbigen Federn darauf drapiert. Edelgard war komplett hingerissen von dem ausgefallenen Exemplar.
»Ich habe ein Hutgesicht, gell, Norbert?«, sagte sie um Bestätigung heischend zu ihrem Mann, während sie sich glücklich von allen Seiten in dem mehrteiligen Spiegel betrachtete.
»Du siehst damit aus wie ein schwedisches Blumenhuhn.«
Norberts Humor war mal wieder unschlagbar. Blumenhühner waren eine besondere schwedische Art dieser Tiere, das wusste sie wohl. Sie trugen den Namen, weil ihr Gefieder besonders bunt war. Edelgard verzog keine Miene, zückte ihre Kreditkarte und erwarb den Hut. Ganz sicher würde sie sich den Kauf nicht von ihrem Mann verderben lassen! Männer und Shopping. Da prallten zwei Welten aufeinander.
»Den nehme ich mit auf meine nächste Chor-Reise. Alle werden von mir wissen wollen, wo ich ihn herhabe.«
»Pass bloß auf, dass du damit keinen Tierschützern begegnest. Du gerätst mit dem Ding auf dem Kopf in Verdacht, eigens ein Huhn dafür gerupft zu haben.«
Edelgard ignorierte den Einwand ihres Mannes und nahm mit einer würdevollen Handbewegung ihre Papiertüte entgegen.
Vor der nächsten Schaufensterauslage drückte Norbert sich die Nase platt. Bunte Süßigkeiten lagen dort ausgebreitet. Zuckerstangen und Bonbons in allen Farben ergaben ein optisches Potpourri. Aus der leicht geöffneten Ladentür strömte ein verlockender Duft nach Lakritze und Vanille. Wie von unsichtbaren Fäden eines Puppenspielers gezogen schritt Norbert mit verklärter Miene in das Geschäft. Tatsächlich lag in seiner Gangart etwas von einer willenlosen Marionette. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck puren Entzückens. Die hölzerne Ladentheke mit ihren vielen Gläsern erinnerte an einen alten Tante-Emma-Laden. Norbert war in seinem Element und orderte kräftig bei der freundlichen Verkäuferin, die Englisch sprach.
»Das trägst du jetzt den ganzen Tag mit dir herum?«, zog ihn Edelgard auf, als diesmal er die volle Papiertasche an sich nahm.
»Bis abends ist sie bestimmt leichter geworden«, kommentierte Julian, dem die Naschsucht seines Vaters bestens bekannt war, und griff selbst flink nach einer Zuckerstange. Genießerisch wickelte er sie aus und steckte sie sich in den Mund. »Wir müssen unbedingt zum Balkon!«
»Balkon? Den haben wir doch in deiner Wohnung«, fragte Norbert erstaunt.
Julian lachte. »Damit ist eine Aussichtsplattform gemeint, von der man einen der besten Blicke auf Stockholm hat. Ihr werdet schon sehen! Paps, gib die Tüte her. Ich trage sie für dich.«
»Damit sie leer ist, wenn ich sie zurückbekomme?«
»Vertraust du mir nicht?«, fragte Julian in gespielter Empörung. »Ich will lediglich, dass du nicht so schwer tragen musst.«
»Wie aufmerksam, nein, kaum zu überbieten, mein Sohn!« Norbert umklammerte die Tüte und machte keinerlei Anstalten, sie Julian auszuhändigen.
Edelgard genoss das Geplänkel zwischen »ihren beiden Männern« und spazierte, die Tasche mit ihrem neu erworbenen Hut am Arm, zufrieden hinter den beiden her.
Sie stimmte Julian voll und ganz zu. Die Aussicht vom Fjällgatan war wirklich spektakulär. Fand Edelgard zumindest. Sie folgte mit ihren Blicken dem ausgestreckten Arm ihres Sohnes.
»Dort liegt Djurgården. Da müssen wir unbedingt hin.«
»Was gibt es dort zu sehen?«
»Die Vasa, ein spektakuläres Schiff. Extra auf Geheiß des Königs im Jahr 1628 für den Krieg erbaut, fuhr sie nur knapp einen Kilometer weit, um dann zu versinken. Man hat eigens für sie ein Museum geschaffen. Erst im letzten Jahrhundert wurde sie geborgen. 333 Jahre nach ihrem Untergang.«
»Wasa? War das der Knäckebrotkönig?«
Julian knuffte seinen Vater in die Seite. »Paps, du und deine Witze! Viel später hat sich eine Firma so benannt, wie der König hieß, warum auch immer. Da war der schon längst tot.«
Während Norbert kicherte, zog Edelgard eine Grimasse. Manchmal war der Humor ihres Mannes wirklich etwas seltsam und erschloss sich anderen nicht auf Anhieb. Aber da vorne, schlenderte da nicht die Frau, die sie gestern auf dem Balkon am Haus gegenüber gesehen hatte? Die hatte ebenfalls so langes helles Haar und sah ihr überdies frappierend ähnlich. Julian lenkte sie jedoch von ihrer Überlegung ab.
»Mom, für dich gibt es dort etwas, was dich womöglich mehr interessieren wird als ein Kriegsschiff.«
Edelgard war neugierig, was nun kommen würde. Hinter ihnen schob sich soeben eine Gruppe Schaulustiger vorbei, in der Englisch gesprochen wurde. Gefolgt von einer Gruppe weiterer Touristen, die sich in einer Sprache unterhielten, die sie nicht verstand. Sie tippte auf Japanisch.
Norbert summte ein paar Takte eines Schlagers.
»Na, Mom, klingelt es bei dir ebenfalls?«
»Da klingelt gar nichts.« Edelgard schüttelte den Kopf.
Norbert legte seinen Arm um sie, während er weitersummte. »Meine Dancing Queen«, raunte er ihr zu, »weißt du noch, damals beim Abschlussball unserer Schule?«
»Unser Abiball?« Edelgards Wangen nahmen eine rosafarbene Tönung an. Sie beide waren seit ihrer gemeinsamen Schulzeit zusammen. Norbert war als Sitzenbleiber in ihre Klasse gekommen. Er hatte damals aufgrund seines Alters die anderen um Haupteslänge überragt und es hatte ihr geschmeichelt, dass der älteste Junge der Klasse sich für sie interessierte. Gemeinsam waren sie nach dem Abitur aus ihrer Heimatstadt zum Studium in eine andere Stadt gezogen. Der Popsong war damals schon ein paar Jährchen alt gewesen.
»Zu dem Lied haben wir zusammen getanzt.« Norbert drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
»Ihr habt gemeinsam getanzt?«
Edelgard winkte verlegen ab. »Wir waren sogar im Tanzkurs.«
Doch Norberts Erzähldrang war geweckt. »Ich habe mit deiner Mutter in jungen Jahren so manche Pirouette gedreht!«
Julian dämmerte etwas. »Hast du ihr bei diesem Lied einen Heiratsantrag gemacht?«
Edelgard lag daran, dieses Thema möglichst rasch zu beenden. »Das war ein anderes Mal.«
»Aber Paps hat Oma um Erlaubnis gefragt?«
»Meine Schwiegermutter hat mich mit großer Herzlichkeit aufgenommen.« Norbert grinste zufrieden bei dieser Erinnerung.
Eine Aussage, die Edelgard bezüglich ihrer eigenen Schwiegermutter nicht bestätigen konnte. Da, wo sie beide herkamen, gab es sogar den Begriff »Gegenmutter«. Für Edelgards Dafürhalten umschrieb das passend die negative Haltung von Norberts Mutter ihr gegenüber. Aus deren Sicht kein Wunder. War sie ihrer Meinung nach immerhin ihres einzigen Kindes beraubt worden, das sie nun viel zu selten zu Gesicht bekam. Aber Edelgard hatte kürzlich eine famose Idee entwickelt, um die Schwiegermutter zu beschäftigen. Sie musste unbedingt bei passender Gelegenheit Julian davon erzählen! Und sie würde peinlich genau darauf achten, dass ihr Gatte nicht mithörte. Der bewertete die Angelegenheit womöglich anders als sie selbst. Dabei war die Lösung, die sie für ihr anstrengendes Problem gefunden hatte, wirklich genial.
»Julian, das Riesenrad dort drüben! Wo gehört das dazu?«, schwenkte Edelgard um auf ein anderes Thema, bevor sie sich womöglich in Norberts Gegenwart verplapperte. Sie war sich unsicher, wie Norbert die Sache aufnehmen würde. Gegenüber allem, was seine Mutter betraf, verstand er wenig Spaß. Er war geprägt davon, immer alles zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen.
»Das gehört zu Gröna Lund …« Julian stoppte, weil in ihrer Nähe eine schrille Stimme ertönte.
Die dazugehörige Frau hockte auf dem Boden und durchwühlte hektisch ihre Tasche. »Ich weiß genau, dass sie eben noch da war. Meine Geldbörse ist weg!«, rief sie aufgebracht.
»Meine ebenfalls!« Ihr Begleiter klopfte auf die Außentasche seiner Jacke. »Geklaut, oder wie?«
Die beiden sahen sich um.
Edelgard eilte zu ihnen. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Spielt Mom immer noch Miss Marple?«, raunte Julian seinem Vater zu und folgte seiner Mutter.
»Alles ist weg! Meine Kreditkarten, mein Pass! Wie fliege ich jetzt morgen zurück nach Hamburg? Eine Katastrophe.«
»Meine Brieftasche ist auch verschwunden! Ausweis, alles weg.« Der Mann war wütend. »Ich dachte, Stockholm sei eine sichere Stadt! Zumindest als ich hierherreiste.«
»Haben Sie Ihr Smartphone noch?«, fragte Julian die beiden.
Der Mann griff in die Innentasche seiner Jacke. »Ja, das ist da.«
»Wenden Sie sich an die deutsche Botschaft. Die Adresse finden Sie rasch im Internet.«
»Aber wie kommen wir dahin? Unser Geld ist weg!«
Julian zog seine Börse, entnahm ihr einen Schein und eine Visitenkarte.
»Nehmen Sie sich ein Taxi. Wenn Sie wieder zu Hause sind, melden Sie sich bei mir und geben mir das Geld zurück.«
»Danke sehr, Herr …?«
Julian tippte auf die Karte, die der Mann in der Hand hielt. »Buchmann. Viel Glück!«
Er zog seine Eltern weiter.
»Schrecklich, im Urlaub alle Papiere zu verlieren«, kommentierte Edelgard das soeben Erlebte.
»Es gibt Schlimmeres, Mom. Es ist ärgerlich, nichts weiter.«
»Wer das wohl war? Lieber Himmel, so ein Raub hätte uns genauso treffen können!«
»Mom, übertreibe bitte nicht derart. Von ausrauben kann hier keine Rede sein. Niemand wurde bedroht oder ist körperlich zu Schaden gekommen. Das war Diebstahl, nichts weiter.«
»Deine Mutter sieht überall Verbrecher. Kannst du mir getrost glauben.«
»Ach was, ich sehe lediglich die Realität. Oder was war das eben? Ich habe mir nicht etwa eingebildet, dass das nette Paar beklaut wurde?«




