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»Lass uns etwas essen gehen.« Norbert hatte keine Lust darauf, das Thema Kriminalität ausgerechnet im Urlaub zu vertiefen. Wenn Edelgard erst einmal damit begonnen hatte, war es schwierig, sie davon abzuhalten, sich permanent neue kriminelle Ereignisse auszudenken, die ihnen ihrer Ansicht nach zustoßen könnten.
Julian führte seine Eltern in ein Restaurant. Norbert stellte erstaunt fest, dass es für schwedische Verhältnisse einen relativ günstigen Mittagstisch gab. Jedenfalls waren die Preise, die deutlich über denen in vergleichbaren Gaststätten in Deutschland lagen, weitaus niedriger als die auf der Abendkarte.
»Ich finde gar kein Surströmming.« Norbert blätterte in der Speisekarte. »Einer meiner Kollegen hat mir das empfohlen. Ich soll das unbedingt probieren, während wir hier sind, hat er gesagt.«
Julian grinste. »Hat er das?«
»Es sei eine Delikatesse, die man unbedingt kosten müsse. Ich würde etwas versäumen! Das will ich natürlich auf gar keinen Fall.« Wie immer war Norbert kulinarischen Hochgenüssen gegenüber sehr aufgeschlossen und voller Elan, etwas Neues zu testen.
»Also, Paps, es ist so …«
»Das gibt es nur in richtig teuren Restaurants? Bieten die es deshalb hier nicht an? Kann man es nicht im Supermarkt kaufen und wir essen es gemütlich in deiner Wohnung?«
»Auf gar keinen Fall!«
»Ist es derart teuer? Ach, komm schon, das gönnen wir uns. Wenn wir dich schon mal besuchen. Da will ich nicht auf jeden Cent gucken.«
»Es ist eine seltsame Delikatesse, um die es sich hierbei handelt. Vielleicht schmeckt sie dir gar nicht.«
»Woher willst du das wissen? Hast du sie schon gekostet?«
Edelgard hatte schweigend zugehört. Nun schaltete sie sich ein. »Norbert, das ist Stinkefisch. Da hat dich dein Kollege ganz schön verschaukelt.«
»Stinkefisch?«
»Mom liegt richtig. Surströmming ist vergorener Fisch aus der Dose. Die Dosen sind vom Gärprozess sogar verbeult. Keine Ahnung, weshalb das hier als Delikatesse gilt. Ehrlich gesagt riecht es schon ziemlich eigenartig, um es mal sanft auszudrücken. Es gibt sogar Leute, die sagen, es stinkt fürchterlich. Du verpasst sicherlich nichts, wenn du es nicht probierst. Lass uns lieber etwas anderes Typisches bestellen. Außerdem isst man Surströmming hauptsächlich im Norden Schwedens und nicht in der Hauptstadt.«
»Wie wäre es mit diesen kleinen Hackfleischbällchen?« Edelgard tippte mit ihrem Finger auf die Karte. »Köttbullar?«
Norbert fragte: »Die kennst du von deinen hemmungslosen Teelichter-Einkaufstouren in einem bekannten Möbelhaus?«
Edelgard ignorierte seinen Einwand. »Also, ich nehme die. Wie wäre es mit einem Lachs für dich, Norbert? Wegen deiner Cholesterinwerte sollst du viel Fisch essen.«
Norbert nickte mit einem glücklichen Lächeln. Wie besorgt seine Frau um ihn war. Er gratulierte sich gedanklich zu seiner Entscheidung für sie. Obwohl sie ihn ständig dazu nötigte, in Urlaub zu fahren, und sich dabei oft waghalsig verhielt. Etwa indem sie gemeinsam mit ihm auf Burgen mit steilen Abhängen stieg und dann am Rand balancierte. Schon des Öfteren hatten andere Reisende sie beide auf solche Gefahrensituationen hingewiesen. Wie schnell konnte es geschehen, dass man aufgrund eines einzigen Fehltrittes abstürzte! Aber diese Abenteuerlust hielt seine Liebe zu ihr jung. Wie gut, dass er damals nicht auf seine Mutter gehört hatte, die ihm diese Ehe hatte ausreden wollen. Mutti hatte nicht immer recht! Das hatte er damals intuitiv gespürt. Und erst ihr gemeinsamer Sohn! Edelgard hatte ihn mit der Geburt Julians zum Vater gemacht. Das war für ihn die größte Freude.
Er nickte seiner Frau zu. »Lachs klingt gut. Den nehme ich gerne.«
Julian schloss sich der Entscheidung seines Vaters an und gab die Bestellung auf. Danach erhob er sich, um Wasser zu holen. Das stand in einer Karaffe, neben einer Kanne Kaffee, zur Selbstbedienung auf einem kleinen Tisch bereit.
Als er mit den Gläsern zurückkam und sich wieder setzte, hatte seine Mutter die nächste Frage parat. »Deine Freundin lernen wir doch kennen?«
»Lass den Buben in Ruhe. Sei nicht derart neugierig.«
»Das ist keine Neugierde, Norbert! Du verwechselst das, wie so oft, mit Anteilnahme.« Sie trank einen Schluck. »Also, Julian, wann und wo?«
Julian nahm seine Serviette und tupfte sich den Mund ab. So gewann er immerhin ein klein wenig Zeit, um nachzudenken. »Tja, ich weiß nicht so genau …«
»Mittsommer! Wie wäre es damit? Das ist die perfekte Gelegenheit, um das neue Familienmitglied kennenzulernen.«
»Mom! Wir kennen uns erst seit ein paar Wochen.«
»Kein Grund, sie uns nicht vorzustellen. Ich werde sie mit offenen Armen empfangen. Das kannst du mir glauben.«
Norbert seufzte in Erwartung der wiederholt erzählten Geschichte, wie sie selbst von ihrer eigenen Schwiegermutter abgelehnt worden war.
»Ich freue mich so darauf.« Edelgard lächelte erwartungsvoll.
»Na gut, ich kann ja mal darüber nachdenken. Und sie fragen.«
»Lass dir nicht zu viel Zeit. Mittsommer steht direkt vor der Tür.«
»Schon klar.«
»Wie heißt sie eigentlich?«
»Frida.«
Nach dem Hauptgang ließen sie sich Erdbeeren als Nachspeise bringen.
»Die Erdbeeren sind aber besonders klein«, nölte Norbert.
»Es sind wilde Erdbeeren. Die sehen anders aus als die in deutschen Supermärkten.« Edelgard nahm vorsichtig eine in den Mund. »Fruchtig. Eindeutig. Schmeckt perfekt. Mit so einem vollen Aroma kriegst du die bei uns gar nicht.«
Norbert genehmigte sich ebenfalls eine Beere.
»Du hättest dich wohl besser für Kaka entschieden. Davon servieren sie hier ziemlich große Portionen.«
»Bitte! Was empfiehlst du uns da? War in deinem Glas zufällig Hochprozentiges drin? Hast du nur für uns Wasser geholt und in deinem befand sich etwas anderes? Derartige Witze hast du seit deiner Pubertät nicht mehr zum Besten gegeben.«
Julian grinste. »Was ihr euch schon wieder vorstellt! Alter, kannste dir nicht ausdenken. ›Kaka‹ ist das schwedische Wort für ›Kuchen‹.« Er blickte auf seine Uhr. »Warum ruft eigentlich Oma nicht an?«
Norbert griff nach der Getränkekarte. »Wir telefonieren nicht mehr täglich.«
Julian lachte. »Was ist denn da kaputt? Das machst du doch schon, seit ich denken kann, und erzählst ihr dabei, was es mittags in der Kantine gab!«
»Du telefonierst doch auch mit deiner Mutter!«
»Das ist was anderes.« Edelgard sah sich nicht in der Lage, diesen Einwurf zu unterdrücken. Sie fand den Vergleich unerhört. Im Gegensatz zu Norberts Mutter hatte sie ihren Sohn ja wohl losgelassen! Zumindest sie selbst betrachtete ihr Verhältnis zu Julian derart.
»Versteh ich nicht. Wenn meine Mutter dich anruft, ist es was anderes, als wenn du Julian anrufst?«
»Von Moms Warte aus schon.« Julian konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er selbst verstand es in der Regel geschickt, sich vom Spannungsfeld der beiden Frauen fernzuhalten. »Erzähl schon, was ist los mit Oma?«
»Oma hat …« Norbert suchte nach den richtigen Worten.
Edelgard stupste ihn an. »Erzähl es endlich! Es ist etwas wirklich Positives.«
»Jetzt bin ich echt neugierig. Was hat Oma?«
Norbert räusperte sich. »Holst du mir bitte ein Glas Wasser, Julian?«
Der griff nach dem Glas seines Vaters und stand auf. »Ey, du machst es echt spannend.« Er beeilte sich, mit dem Getränk zurückzukommen, und nahm wieder Platz. »Also, was ist los?«
Norbert nahm einen großen Schluck, bevor er sprach. »Mutti hat jemanden kennengelernt.«
»Wie bitte?«
»Du hast richtig gehört. Der zweite Frühling ist angebrochen. Sie hat keine Zeit mehr, sich um ihren Sohn zu kümmern.« Edelgard strahlte. »Der neue Mann in ihrem Leben tut ihr augenscheinlich gut. Sie blüht richtig auf!«
»Kümmern! Also, Edelgard, Mutti nimmt Anteil an meinem Leben. Das ist was gänzlich anderes.«
Edelgard schwieg zu dieser Bemerkung.
»Mutti hat einen Herrn in ihrem Alter kennengelernt. Den sieht sie häufig.«
»Die beiden erwägen sogar, ihre Haushalte zusammenzulegen«, platzte Edelgard heraus.
Norbert verschüttete sein Wasser, als er erneut trinken wollte. »Na ja, so weit sind wir noch nicht.«
»Was heißt hier ›wir‹? Ziehst du auch mit ein, Paps? Wird das eine WG? Anstelle von einem Altersheim für Oma?«
Norbert ignorierte den Scherz seines Sohnes. »Ich rate Mutti dazu, nichts zu überstürzen. So etwas will schließlich gut überlegt sein.«
»Also, ich finde Theodor ziemlich nett. Ein akkurater und pünktlicher Herr. Außerdem sehr kultiviert! Die beiden passen gut zusammen! Sie ergänzen sich prächtig. Und sie haben dieselben Interessen. Theater, Konzerte, sie sind nur noch gemeinsam unterwegs. Theodor ist seit drei Jahren verwitwet.«
Norbert betrachtete sein Hemd, welches er mit Wasser bekleckert hatte. »Ich mache das eben auf der Toilette trocken.« Er stand auf und entfernte sich.
Als er außer Hörweite war, sagte Julian: »Verstehe. Paps spricht nicht gerne darüber.«
»Meine Güte, er tut so, als ob er einen Stiefvater bekäme! In seinem Alter! Er übertreibt maßlos. Theodor drängt sich ihm wirklich nicht auf.«
»Wo hat Oma ihren Liebhaber denn kennengelernt?«
»Liebhaber? Um Himmels willen! Erwähne das bloß nicht in Norberts Gegenwart. Er scheint diese Verbindung rein platonischer Natur zuzuordnen. Da bin ich allerdings anderer Meinung.« Sie kicherte. »Also, neulich …« Sie besann sich, dass sie im Begriff war, mit ihrem Sohn ein pikantes Thema bezüglich seiner Großmutter zu erörtern, empfand dies rasch als äußerst unangemessen und wechselte deshalb das Thema. »Die beiden unternehmen wie gesagt viel gemeinsam.«
»Lass mich raten. Ist er ihr im Supermarkt begegnet? Sie haben beide gleichzeitig nach dem letzten Brokkoli gegriffen?«
»Kannst du schweigen?« Edelgard blickte hektisch in Richtung Toilettentür. »Norbert darf das nie erfahren. Hörst du? Niemals!«
»Klar schweige ich. Versprochen! Rück endlich raus damit!«
»Schwöre es!«
»Mom! Okay, ich schwöre. Wenn du unbedingt willst. Aber jetzt erzähl’s doch endlich. Du machst es richtig spannend!«
»Ich habe sie in einem Dating-Portal angemeldet. Natürlich heimlich.«
»Was? Mom, das hätte ich dir gar nicht zugetraut!«
»Ich dachte mir, es kann nicht schaden, wenn sie wieder einen eigenen Lebensinhalt hat. Sie hat mir ein bisschen zu viel Anteil an unserem Leben genommen, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Die täglichen Telefonate? Ihre Ratschläge bezüglich deiner Haushaltsführung? Ich erinnere mich. Manches Mal hatte ich den Eindruck, sie gibt dir ständig eine Art Bedienungsanleitung für Paps.«
»Die hat sich bloß schrecklich gelangweilt. Stell dir vor, es funktioniert hervorragend mit Theodor! Sie ist richtig glücklich mit ihm.«
»Aber …«
»Ein einziger Herr hat sich gemeldet. Der dann auch angebissen hat. Jener Theodor.«
»Wie hast du ihm erklärt, dass Oma nichts davon weiß?«
Sie kicherte. »Er wurde ebenfalls hinter seinem Rücken angemeldet. Von seiner Enkelin. Die fand, der alte Herr sei einsam, und sie wollte ihm etwas Gutes tun. Wir beide haben uns ausgetauscht und dann beschlossen, Konzertkarten zu kaufen. Die beiden hören gern klassische Werke. Da hat sich das so ergeben. Wir haben ihnen Karten für nebeneinanderliegende Plätze geschenkt und Gutscheine für die Sektbar. Das hat sie ins Gespräch gebracht.«
»Sektbar? Das wird ja immer doller.«
»Hör zu, Julian. Oma denkt, sie hat ihren Theodor völlig zufällig getroffen. Seine Enkelin hält ebenfalls dicht. Du lässt sie bitte in diesem Glauben, wenn das Thema darauf kommt! Und kein Sterbenswörtchen darüber zu deinem Vater!«
»Bestimmt nicht!«
»Es ist viel entspannter bei uns, seit ihn seine Mutter nicht mehr täglich anruft. Und vor allem, seit sie nicht mehr bei uns nach dem Rechten sieht. Ob auch wirklich alles gründlich genug geputzt ist. So wie früher in den 50ern, als die Leute mit ihrer übertriebenen Sauberkeit den Dreck des schrecklichen Krieges wegzuputzen versuchten.«
»Du hast mein Ehrenwort, Mom.«
Norbert kam zurück. Auf seiner Brust lagen Fitzelchen des Papiertuchs, mit dem er versucht hatte, sein Hemd zu trocknen.
»Wofür gibst du deiner Mutter ein Ehrenwort?«
»Ehrenwort?«, echote Edelgard. »Da hast du dich verhört, Schatz. Wir besprechen unser morgiges Tagesprogramm.« Zur Bekräftigung stieß sie unterm Tisch sanft mit ihrer Fußspitze gegen das Schienbein ihres Sohnes.
Der nickte pflichtschuldig. »Genau. Mom und ich überlegen, was wir unternehmen wollen.«
Am nächsten Tag überraschte Julian seine Eltern mit einem spontanen Vorschlag.
»Und Frida wird das wirklich mögen?« Norbert war skeptisch. »Überfallen wir sie nicht damit? Sie kennt uns doch gar nicht.«
»Höchste Zeit, sie zu treffen! Ich will sie unbedingt kennenlernen.« Edelgard war sofort dabei.
»Ich denke, sie wird sich freuen. Seit Tagen erzählt sie mir, sie habe kein Feuerholz mehr in ihrem Haus. Sie selbst hat keine Zeit, welches einzukaufen und mit dem Boot hinzubringen. Deshalb sähe es furchtbar schlecht aus, dort Mittsommer zu verbringen. Wir füllen das Holz auf und gleichzeitig den Kühlschrank. Das wird eine tolle Überraschung für sie. An Mittsommer bringe ich sie unter einem Vorwand dazu, mit uns auf die Schären zu fahren.«
»Warst du schon mal dort?«
Julian zögerte. »Nein.«
»Ich finde die Idee zauberhaft. Aber wie finden wir hin, wenn du selbst noch nicht dort warst?« Edelgard mischte sich in das Gespräch ein.
Er tippte auf seinem Smartphone herum. »Ich habe die Koordinaten.«
»Will ich wissen, wo du die herhast?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, Miss Marple. Willst du nicht. Die kleine Insel befindet sich im Schärengarten in der Nähe von Sandön. Es steht ein einziges Haus dort. Und das ist Fridas. Sie hat mir davon erzählt. Aber ich war noch nicht dort, weil sie bislang keine Zeit dafür hatte. Wir sollten unbedingt Brennholz hinschaffen. Abends kann es dort sehr kühl sein, auch jetzt um diese Zeit.«
»Aber wie kommen wir ins Haus?«
»Mom, du kannst echt Fragen ohne Ende stellen. Entweder ist es offen oder der Schlüssel liegt unter der Fußmatte. In Schweden hält man respektvoll Abstand. Was denkst du denn? Da würde niemand Fremdes einfach so reingehen. Man legt auch nicht auf einer kleinen Insel an, die einem nicht gehört.«
Edelgard schwieg zu diesen Erläuterungen. Bei sich fand sie, ein Schlüssel unter dem Abstreifer sei schon eine ziemlich direkte Einladung, ein Haus zu betreten.
»Ich besorge rasch alles mit einem Kumpel, der ein Auto hat. Er besitzt auch ein kleines Boot. Damit bringt er uns in den Schärengarten. Wenn wir alles abgeladen haben, können wir in Sandhamn Kuchen essen.«
Edelgard nutzte Julians Abwesenheit, um sich in der Wohnung nützlich zu machen, während Norbert auf der Couch ein wenig vor sich hin döste. Als sie gerade dabei war, das Balkongeländer mit einem Lappen abzuwischen, wurde im Haus gegenüber in der untersten Wohnung die Jalousie hochgezogen. Die blonde Frau steckte noch im Schlafanzug. Edelgard vermutete, dass sie ungewöhnliche Arbeitszeiten haben musste, wenn sie um diese Zeit zu Hause war. Oder sie hatte Urlaub. Aber verbrachte man den wirklich in seiner Wohnung? Vielleicht arbeitete die Frau ja im Schichtdienst. In einem Krankenhaus. Das ergab Sinn! Sie verdunkelte tagsüber ihre Wohnung, damit sie schlafen konnte. Das schwedische Sommerlicht hatte eine völlig andere Intensität als das in Deutschland. Heute Morgen, als sie um 7 Uhr aufgewacht war, hatte sie wegen der Helligkeit angenommen, es wäre schon mittags, und war ziemlich erschrocken, weil sie im ersten Moment meinte, versehentlich einen halben Urlaubstag verschlafen zu haben.
Edelgard hielt in ihren Gedanken inne. Aber sie hatte die Frau doch gestern auf der Aussichtsbühne gesehen?
Jetzt rauchte die Unbekannte hastig eine Zigarette auf ihrem Balkon und verzog sich wieder in ihre Wohnung. Kurz darauf verließ sie das Haus mit einem großen Rucksack auf dem Rücken. Edelgard tauchte ihren Lappen in den Eimer mit warmem Wasser und wrang ihn aus. Während sie damit über das Geländer strich, fiel ihr die Kahlheit des Balkons ins Auge. Hier fehlte etwas, das blühte! Sie musste unbedingt einen Blumenkasten besorgen und ihn bepflanzen. Julian würde sie nichts davon sagen und ihn damit überraschen.
Entgegen seiner Befürchtung wurde es Norbert auf dem kleinen Boot nicht übel. Julians Freund Filip, der sie mit dem landesüblichen »Hej« begrüßt hatte und wie viele Skandinavier Englisch sprach, steuerte es mit ruhiger Hand, sodass es kaum schaukelte. Lediglich wenn größere Boote vorbeifuhren und die davon verursachten Wellen dann auf ihres trafen, wiegte es sich sanft. Sie fuhren beinahe eine ganze Stunde zwischen unzähligen steinernen Inseln hindurch. Einige waren mit mehreren Häusern besiedelt, andere hingegen nur mit einem einzigen oder gar nicht. Die Ostsee war silbrig grau. Sie sahen Fähren, so groß wie Kleinstädte. Möwen begleiteten sie eine Weile, bis sie sich anderen Booten zuwandten, wo sie ein paar Krümel erwarteten. Die Luft roch frisch, aber kaum salzig. Das Binnenmeer Ostsee konnte beim Salzgehalt nicht mit dem Atlantik mithalten.
Edelgard genoss die Sonnenstrahlen. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und saß zufrieden auf der Bank an Deck.
Der Steg an Fridas Insel bot gerade Platz für ein einziges Boot. Julian half Filip, es zu vertäuen. Norbert schätzte die Größe des Eilands auf ungefähr 100 mal 50 Meter. Hinter großen, vom Wind glatt geschliffenen grauen Steinen duckte sich ein rot angestrichenes Haus mit weißen Fensterrahmen in einer Mulde. Daneben stand ein einzelner Baum, der sich mit einer dünnen Erdkrumme zufriedengab. Julian lief zur Tür und rief: »Ist offen! Wir können rein!«
Als Edelgard, Norbert und Filip Julians Einkäufe anschleppten, stellten sie gemeinsam mit ihm überrascht fest, dass sich an der Seite des Hauses unter einer Abdeckung sehr wohl Feuerholz befand. Sogar eine ziemliche Menge davon. Julian konnte dafür aufgrund von Fridas Beteuerungen keine Erklärung finden. Im Haus selbst erwarteten sie schlichte helle Holzmöbel. Die Küche war ganz gut ausgestattet, wenngleich alles einen alten Eindruck machte. Sogar ein Kühlschrank war vorhanden.
»Wie wird der denn betrieben?«, wunderte sich Edelgard.
»Mit Gas.«
»Und das Badezimmer?«
»Ich fürchte, Mom, du wirst dich draußen nach einem Plumpsklo umsehen müssen. Am ehesten hinterm Haus. Mit Kanalisation ist hier nicht zu rechnen.« Er zeigte ein schiefes Lächeln. »Sicherlich gibt es eine Gartendusche.«
»Denk nicht, dass mir das etwas ausmacht. Ich hatte in meiner Jugendzeit eine Freundin, die wohnte mit ihren Eltern auf einem Bauernhof. Ich erinnere mich noch gut daran, wie das bei denen war. Da gab es ein Plumpsklo auf dem Hof und gewaschen hat man sich in einer Schüssel in der Küche.«
»Ist das diese Plumpsklo-Geschichte, die du früher öfter zum Besten gegeben hast? Julian kennt die gar nicht.« Norbert unterdrückte mit Mühe ein Grinsen.
»Ich weiß nicht, wovon du sprichst!«
»Komm schon! Erzähle sie.«
»Glaubst du wirklich, Julian will so olle Kamellen hören?«
»Früher hast du so gerne davon erzählt. Julian, deine Mutter hat ganze Stammtischrunden damit unterhalten.«
»Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern.«
»Ist deine Jugendzeit so lange her?«
Edelgards Faszination für den Humor ihres Mannes hielt sich in Grenzen. In engen. »Derart lange liegt meine Jugendzeit jetzt auch wieder nicht zurück. Jedenfalls hatten wir längst einen Farbfernseher, als ihr noch schwarz-weiß geguckt habt.« Insgeheim freute sie sich über die geglückte Retourkutsche.
»Mom! Diese alten Geschichten. Und Paps ist vor dem Testbild eingeschlafen. Nicht einmal der nächtliche Pfeifton der Sendeanstalt hat ihn geweckt.«
»Fabelhaft, Julian, ich muss meine Erinnerungen gar nicht schriftlich für dich festhalten! Du kannst sie selbst mündlich an meine Enkel weitergeben.«
»So wie früher. Schon in der Steinzeit saßen die Menschen in Höhlen um ein Feuer und haben sich gegenseitig Geschichten erzählt.«
»Jaja, Norbert. Es ist gut. Und genau aus dem Grund grillen Männer heute so gerne. Weil sie das Feuermachen von der Urzeit her kennen. Alte Instinkte und so.« Edelgard verschwand hinter dem Haus.
Sie war kaum weg, als ihr gellender Schrei erklang.
Julian rannte sofort hinaus und lauschte in die Richtung, aus welcher Edelgard immer noch hektisch kreischte. Norbert und Filip folgten ihm.
»Wenn deine Mutter schreit, ist etwas Schlimmes passiert. Die bringt nämlich so leicht nichts aus der Fassung.«
»Mom?« Julian folgte weiter ihrer Stimme. Edelgard befand sich tatsächlich hinter dem Haus. Aber sie zeigte nicht auf das kleine Holzhaus mit dem in die Tür geschnittenen Herz, sondern auf eine ziemlich große Hundehütte. Saß da ein Tier drin? So groß, wie die Behausung war, wäre darin Platz für einen Dobermann. Aber weshalb sah und hörte man nichts von ihm? Hatte er sich vor dem Schreien verkrochen und zitterte nun vor Angst? Wer versorgte ihn, wenn er alleine auf der Insel lebte? Bewachte er das Haus? Es konnte einem zwar wirklich bange werden, wenn Edelgard schrie, und sie konnte mit der von ihr erreichten Lautstärke vermutlich einen Einbrecher verjagen, aber dass sie einen großen Hund damit einzuschüchtern vermochte, erschien Julian ziemlich unwahrscheinlich. Vermutlich würde dessen Aggressivität durch die Lautstärke nur noch weiter angeheizt.
»Mom! Was ist denn los?« Mit einem Satz war Julian bei seiner Mutter.
»Da drin sitzt jemand.« Edelgard zitterte am ganzen Körper.
»Ein großer Hund?«
Sie schüttelte ihren Kopf.
Norbert, der ebenfalls hinters Haus gekommen war, nahm sie in seine Arme. »Beruhige dich. Wir sind bei dir.« Er hielt sie fest und streichelte ihren Rücken.
Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. »Da drin ist etwas ganz Entsetzliches, Furchtbares. Julian, du solltest die Polizei rufen.«
Julian näherte sich der Hütte, ging in die Hocke und beugte sich vor. Gleich darauf schnellte er hoch und wich einige Schritte zurück. Er winkte Filip herbei, der in einigen Metern Abstand gewartet hatte.
»Filip, look here!«
»Horrible.«
»Small person. Perhaps a woman.«
Filip zog sein Smartphone aus der Hosentasche und zeigte Julian das Display.
Der sagte zu seinen Eltern: »Kein Empfang. Wir müssen mit dem Boot fahren. Am besten nach Sandhamn auf Sandön.«
»Ich bleibe auf keinen Fall hier zurück.« Edelgard hatte wieder zu ihrer normalen Tonlage gefunden.
»Aber du hast sie entdeckt, Mom.«
»Meine Güte, Julian, das kann ich auch auf einem Revier aussagen. Auf dieser Insel bleibe ich keine Minute länger. Nicht gemeinsam mit einer Leiche! So wie die aussieht, sitzt die da schon länger.«
»Was ist mit dem Essen?« Norbert wandte sich an Julian. »Das nehmen wir doch wieder mit? Ich halte es in Anbetracht der momentanen Situation für ziemlich unangebracht, hier Mittsommer zu feiern. Obwohl es durchaus bedauerlich ist.«
*
Sie haben mich befragt. Klar, es ist ja meine Insel. Sie sind deshalb sogar zu meiner Arbeitsstelle gekommen. Es war mir schrecklich peinlich, wegen der Kollegen. Ich weiß, wer die Frau ist. Aber was hätte ich machen sollen? Meinen eigenen Vater anzeigen? Weil er sie auf der Insel zurückgelassen hatte? So etwas tut man nicht. Außerdem war sie tot. Es hätte sie nicht wieder lebendig gemacht. Was mich wirklich verletzt, ist der Umstand, dass Julian ohne mich rausgefahren ist. Noch dazu mit drei weiteren Leuten. Ich hatte meinem neuen Freund vertraut. Wirklich dumm, dass er zur Insel gefahren ist, um mir eine Freude zu machen. Er wollte alles für Mittsommer vorbereiten und dann mit mir und den anderen hinausfahren. Ich hätte den Zettel mit den Koordinaten nicht auf meinem Schreibtisch herumliegen lassen sollen. Die Überraschung ist geglückt, das kann man sagen. Aber die lag eher auf seiner Seite.
Vater hatte eine Asiatin kennengelernt. Die seien so anschmiegsam, war seine Rede. Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden. Vater schenkte ihr meines Erachtens viel zu viel Aufmerksamkeit. Nachdem Mutter sich von ihm getrennt hatte, stand ihm nicht mehr der Sinn nach einer selbstbewussten Frau. Die neben ihm ihr eigenes Leben führt und nichts mit ihm gemeinsam hat. So drückte er sich zumindest mir gegenüber aus. Mutter tat nie, was er sagte. Sie wollte auch nicht auf die Insel. Dabei war es dort so schön ruhig. Hin und wieder das Kreischen der Seevögel. Unser Hund war dort auch gerne. Keine lästigen Geruchsspuren, die ihn in der Stadt beinahe wahnsinnig machten. Mutter war eher der gesellige Typ, sie mochte die Einsamkeit nicht. Mir hätte es völlig genügt, mit Vater alleine auf der Insel zu sein. Er hat mir Angeln beigebracht und gezeigt, wie man Fische ausnimmt. Das waren meine glücklichsten Tage.




