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Die Asiatin war nicht so gehorsam, wie Vater es gerne gehabt hätte. Die beiden hatten einen fürchterlichen Streit. Worum es genau ging, weiß ich nicht. Zur Strafe ließ er sie auf der Insel zurück. Er hat nicht bemerkt, dass ich das Haus heimlich abschloss und den Schlüssel an mich nahm. Ich konnte doch nicht ahnen, dass es kurz darauf zu einem dramatischen Wetterumschwung kommen würde. Vor dem aufkommenden Sturm mit ungeplantem Kälteeinbruch hatte sie sich in die Hundehütte verkrochen. Genau dort hatte Vater sie wenige Tage später gefunden und sie einfach darin gelassen. Ich hatte, Unangenehmes ahnend, flink vor ihm das Boot verlassen und, während er es vertäute, das Haus aufgeschlossen und den Schlüssel an seinen gewohnten Platz gelegt. Dass sie sich in die Hundehütte verkrochen hatte, schrieb er ihrer Angst vor Gewittern zu. In Panik handeln Menschen unüberlegt. Sich in der Hütte zu verkriechen, war ziemlich dumm von ihr, so fand er. Wir sprachen nie wieder über sie. Ich hatte Vaters ganze Aufmerksamkeit wieder für mich allein. Da die Asiatin illegal in Schweden war, fiel ihr Verschwinden niemandem auf. Genau genommen war sie ja auch nicht verschwunden. Sie war die gesamte Zeit über auf der Insel. Bis die neugierige Mutter meines Freundes ihre Ruhe gestört hat. Ich weiß nicht, welche Strafe mir bevorsteht. Mein Vater war es doch, der sie auf der Insel zurückgelassen hat. Von der Sache mit dem Schlüssel weiß niemand. Womöglich habe ich gegen das Bestattungsgesetz verstoßen. Aber eigentlich hat sie ja niemand bestattet. Vater lebt seit drei Jahren in einem Heim, ich besuche ihn, sooft es mir möglich ist. Ihn zu befragen, ist für die Polis zwecklos. Er ist an Demenz erkrankt. Egal, was die ihn fragen, er wird sich an nichts erinnern können. Oft erkennt er nicht einmal mich, wo wir uns doch so nahestehen. Ich fühle trotzdem noch die enge Verbindung zu ihm. Diese Asiatin war lediglich eine kurze Episode, eine Art Verirrung. Sie hat nicht zu unserer Familie gehört. Ob die Polis mir glauben wird, wenn ich behaupte, ich habe von alldem nichts gewusst? Keiner kann mir das Gegenteil beweisen.
*
»Was ist mit Frida, Julian? Du trennst dich hoffentlich von ihr!« Edelgard ordnete die Pflanzen, die sie mehr oder minder gegen den Willen ihres Sohnes erworben hatte, auf dem Balkon. »Nach diesem grausigen Fund.« Sie zog eine Grimasse, um ihr Missfallen zu unterstreichen.
»Mom, ich weiß es nicht. Es ist zu viel auf einmal für mich. Immerhin hat sie niemanden umgebracht und vergraben.«
»Auf ihrer Insel saß eine Leiche! Schon vergessen?« Edelgards Stimme überschlug sich beinahe vor Entrüstung.
Norbert rief aus dem Wohnzimmer: »Sie zu vergraben, ging ja auch schlecht. Die Schäreninseln sind aus Granit. Sie hätte einen Presslufthammer gebraucht!«
»Das ist nichts, worüber man Witze macht. Ich habe sie schließlich gefunden. Das war weiß Gott kein schöner Anblick. Ich hatte mir unseren Ausflug auf die Insel anders vorgestellt und mich sogar richtig darauf gefreut. Die Schäreninseln sind wirklich toll.«
»Lass erst mal die Polis ihre Arbeit machen. Soweit ich informiert bin, befragen sie Frida eingehend. Nach diesem Vorfall hat sie sofort Urlaub genommen, aber ich habe mit ihr gesprochen. Für mich klang sie ziemlich überrascht von dieser Angelegenheit. Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung für alles.«
»Eine Schiffbrüchige hat sich auf die Insel gerettet?«
»Weshalb nicht?«
»Komm schon, Julian. Diese Frida zieht dich da in etwas hinein. Das gefällt mir nicht. Die Frau ist nichts für dich. Das habe ich im Gefühl. Sie tut dir nicht gut!«
Während Edelgard mit Julian auf dem Balkon diskutierte, fiel ihr auf, dass in der Wohnung der seltsamen Frau gegenüber die Jalousien hochgezogen waren. War die nicht vorhin weggegangen?
Julian folgte ihren Blicken. »Was ist, Mom? Hast du eine weitere Verbrecherin ausgemacht?«
»Mit der Frau, die dort wohnt, stimmt irgendwas nicht.«
»Du liest wirklich zu viele Krimis. Paps hat völlig recht, wenn er das immer wieder sagt.«
»Sie liest sie nicht nur. Sie guckt auch im Fernsehen ständig welche«, ließ sich Norbert von drinnen vernehmen.
»Ich habe ein Fernglas im Koffer.«
»Mom! Wozu das denn?«
»Dein Vater und ich reisen weiter ins Baltikum. Ich möchte an der Ostsee Vögel beobachten.«
»Aha. Vögel.«
Edelgard verschwand kurz im Wohnzimmer, um gleich danach mit dem gesuchten Gegenstand wiederzukommen. Sie setzte die Gläser vor ihre Augen und stellte sie scharf. »Das gibt’s doch nicht!«
»Was, Mom?«, fragte Julian gedehnt. »Hat sie ihre Wohnung nicht aufgeräumt? Nein, jetzt weiß ich es: Eine Leiche sitzt an ihrem Esstisch. Halt! Zwei Leichen? Präpariert und mit Gurten an ihren Stühlen befestigt!«
»Ich war mir sicher, die Frau von dort drüben auf dem Aussichtspunkt gesehen zu haben. Du weißt schon, da, wo das deutsche Paar bestohlen wurde.«
»Ja, und? Was bitte ist daran verdächtig?«
»Auf ihrem Tisch liegen unzählige Geldbörsen.«
»Sie macht vielleicht Döstädning.«
»Was soll das bitte sein?«
»Aufräumen. Sie mistet aus, was sie nicht mehr braucht. Womöglich zieht sie bald um und trennt sich von überflüssigen Sachen, die sie seit Jahren nicht in Benutzung hat. Das ist übrigens keine schlechte Idee. Sollte jeder hin und wieder machen. Es sammelt sich derart viel an. Wenn ich da an euren Keller zu Hause denke …«
»Du meinst, sie entrümpelt? Nein, das sieht für mich wirklich gänzlich anders aus. Die Frau ist eine Taschendiebin. Auf dem Tisch liegt ihre Beute. Wir müssen unbedingt die Polis verständigen.«
»Mom! Was denken die, wenn du hier ein Verbrechen nach dem anderen entlarvst?«
»Aber man kann ihr das auf keinen Fall durchgehen lassen! So etwas geht doch nicht.« Edelgard schritt unruhig auf dem Balkon auf und ab. »Jetzt habe ich eine Idee! Ihr habt doch sicherlich einen Hausmeister!«
»Worauf willst du hinaus?«
»Ich habe eben Rauch in der Wohnung gesehen …«
»Da ist aber nichts zu erkennen. Beim besten Willen nicht.«
»Glaub mir einfach. Da war Rauch. Ich finde es dringend notwendig, dass dort jemand nach dem Rechten sieht. Nicht auszudenken, wenn sich dort ein Schwelbrand unbemerkt ausbreitet! Das gefährdet das gesamte Haus! Es könnten Menschen sterben.«
Nur wenige Minuten nach Julians Anruf beim Hausmeister, zu dem ihn seine Mutter mit beharrlichem Drängen nötigte, fuhren Feuerwehr und Polis beim gegenüberliegenden Haus vor.
»Die sichern jetzt die Beweismittel. Die Feuerwehr kriegt die Wohnungstür rasch auf und die Leute von der Polis werden staunen, wenn sie da reingehen. Ich gehe jede Wette ein, dass die Geldbörsen des bestohlenen Paares, das wir auf der Aussichtsplattform getroffen haben, mit den anderen auf dem Tisch liegen. Na, das wird eine Überraschung für die Dame, wenn sie nach Hause kommt! Ich glaube, die ist vorhin weggegangen.«
»Könnte man so sehen. Mit der Begrüßung rechnet sie bestimmt nicht.«
»Julian, wie bist du dieser Frau eigentlich nähergekommen?«
»Äh … der dort drüben? Die kenne ich überhaupt nicht.«
Seine Mutter gab ihm scherzhaft einen leichten Klaps auf den Arm. »Du weißt schon, wen ich meine. Natürlich Frida. Erzähle mir von ihr. Mir ist klar, dass ihr zusammen arbeitet. Aber wie seid ihr ein Paar geworden? Hast du sie nach Dienstschluss auf einen Kaffee eingeladen?«
»Nicht jetzt, Mom. Mir ist momentan nicht danach. Aber was ist das eigentlich für eine Plumpsklo-Geschichte, die Paps auf der Insel angedeutet hat? Von der habe ich noch nie gehört!«
»Oh, mein Gott! Also wirklich, daran werde ich nicht so gerne erinnert. Ich erzähle dir ein anderes Mal davon.«
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