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„Klara, das ist ausgezeichnet. Mit dieser These findest du den Täter, stellst ihn wegen Totschlag und Fahrerflucht vor Gericht und beweist nebenbei auch noch, dass Harry Kaufmann ein Schwein war, wie alle Männer!“
Eigentlich brauchte ich nur die Beerdigung abzuwarten, und schon konnte ich zuschlagen. Ich schob die Cappuccinotasse zur Seite, nahm mir ein Blatt Papier und begann meine Fallanalyse zu erstellen.
23. Szene
Magdalena
Es war schon nach drei, als ich die Kaffeeküche betrat. Außer Jutta, die wieder mit ihrem Pendel hantierte, war niemand da. Ich nahm mir eine Tasse und fragte sie, ob ich ihr auch einschenken solle. Sie legte ihr Pendel in die linke Hand und umschloss es zärtlich, dann erst kam sie zu mir herüber. „Hast du den Chef heute schon gesehen?“
„Nein“, gab ich zu, obwohl das eigentlich merkwürdig war.
„Er hat ziemlich schlechte Laune. Ich hab das Gefühl, dass er unter Druck steht, und wüsste zu gerne warum, du nicht?“
Ich zuckte mit den Schultern. Stella hatte so etwas erwähnt, aber wenn Jutta es nicht wusste, wer dann? Sie war die Seele der Firma, hatte schon beim Seniorchef gearbeitet und miterlebt, wie der junge Wirtmeir den Betrieb übernahm.
„Ich habe das Pendel schon gefragt, aber es will mir keine Antwort geben. Wahrscheinlich bin ich zu aufgeregt und verwirre es“, gestand sie mir freimütig und öffnete vorsichtig die linke Hand.
Ach, Jutta, dachte ich, warum musst du nur immer an so einen Quatsch glauben? Jutta trat vor das kleine Waschbecken und ließ kaltes Wasser über ihre linke Hand laufen.
„Glaubst du, es ist ihm zu heiß geworden?“, spöttelte ich.
„Ich reinige es von negativen Strahlen, die hier überall herumschwirren“, belehrte sie mich, während sie es vorsichtig abtrocknete. Ich trank meinen Kaffee aus und ging. Vielleicht war sie ja morgen besser drauf. „Hat der Chef Probleme zu Hause?“, war die letzte Frage, die ich hörte.
24. Szene
Klara
Obermüller kam herein. Er erzählte, dass der Obduktionsbericht am nächsten Tag mit der Post käme und die Leiche für die Beerdigung am Donnerstag freigegeben sei. Die Familie habe gedrängt, sei ja auch verständlich, schließlich müssten sie den Wahlkampf durchstehen. Also wusste er es doch!
„Wir werden den Fall zu den Akten legen, dann kommen die Angehörigen wenigstens zur Ruhe.“
Obermüller setzte sich auf meinen Besucherstuhl. „Ist das Cappuccino in der Dose!“
„Stell dir vor!“
„Ob du mir wohl einen machst? Ich bin ziemlich am Ende, war kein schöner Anblick. Ich glaube, bei dem Jungen war kein einziger Knochen mehr heil.“ Ich stand auf - ausnahmsweise!
„Er hatte noch nicht einmal die Spur einer Chance!“
„Glaubst du denn, Harry Kaufmann hatte eine Chance?“ Ich rührte in der Tasse und stellte sie ihm auf den kleinen Tisch neben dem Stuhl. „Ich meine, wer hat denn überhaupt eine Chance, wenn es so schlimm kracht!“
Obermüller trank langsam. „Na ja, er hätte zumindest bremsen können, aber der Junge, der war schon platt, bevor er begriff, was eigentlich los war!“
Nachdenklich blieb ich neben dem Wasserkocher stehen. Das stimmte natürlich, bremsen hätte er können. Er schien doch sonst so raffiniert zu sein.
25. Szene
Magdalena
In meinem Briefkasten lagen etliche Briefe. Man schrieb mir von Hoffnung und Gnade und wünschte mir ein schnelles Vergessen. Wollte ich das? Ich las und legte sie achtlos beiseite, als einer meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er stammte vom Auktionshaus Franziskus in München. Harry und ich waren vor einem Jahr dort gewesen, um an einer Versteigerung teilzunehmen. Harry schwärmte von alten Waffen und hatte schon eine kleine Sammlung im Tresor, und auch für mich war es ein unvergessliches Erlebnis. Vor der Versteigerung hatten wir alte Vorderlader, Steinschlossflinten, Schwarzpulverflaschen, antike Messer, angerostete Degen, an denen noch das Blut vergangener Duelle zu kleben schien, Pistolen und Revolver, Schilde und sogar ein paar echte Ritterrüstungen besichtigt. Ich faltete das Blatt auseinander und wunderte mich!
Harry wollte sich von seinen Waffen trennen, so stand es da schwarz auf weiß. Warum? Ich meine, klar, nun konnte er sie ja nicht mehr gebrauchen, es gibt keine Taschen im letzten Hemd, aber laut Brief hatte er sie bereits vor Wochen persönlich hingebracht, und das war mehr als merkwürdig. Die Veranstaltung sollte am Mittwoch, den 28. August stattfinden. Nächste Woche.
Einer Eingebung folgend ging ich ins Schlafzimmer, öffnete den Tresor und sah, dass er tatsächlich leer war. Der Brief fiel aus meinen Händen, auch mein geliebter Schmuck war weg. Ein Rubinarmband, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte, und eine schlichte goldene Kette, ein Geschenk meines Vaters zum 13. Geburtstag. Meine Mutter hatte sich damals furchtbar aufgeregt, weil mein Vater mir ein so teures Geschenk machte. Sie war der Meinung, ich könne es gar nicht richtig einschätzen. Aber da hatte sie sich geirrt. Außerdem war es die letzte Erinnerung an meinen Vater, danach löste er sich in Nebel auf.
Ich bückte mich und las den Brief noch einmal Zeile für Zeile. Nein, mein Schmuck wurde mit keiner Silbe erwähnt. Also begann ich zu suchen. In unserer Wohnung gab es viele Plätze, an denen sich ein Schmuckkästchen abstellen ließ. Ich musste logisch vorgehen. Durcheinander war ich nur wegen den Waffen. Warum wollte Harry sie hergeben? Er hatte sie geliebt!
Seine Firma war eine tolle Sache. Nachdem er die Regensburger Firma Top Ten verlassen hatte, hätte ich nie geglaubt, dass sie einmal so gut gehen würde. Ich stand vor dem großen Esstisch und schaute auf die massive Platte aus dunklem Nussholz. Hier hatte er auf seinem Notebook die Programme geschrieben, hatte mit verschiedenen Firmen telefoniert und sie beworben, bis er endlich den ersten Auftrag in der Tasche hatte. Den ersten eigenen Auftrag! Und dann war alles ganz schnell gegangen, zu schnell, denn jetzt brauchte er Leute, die ihm halfen. Die Blonde – ja, auch wenn sie blond war, er brauchte sie, sonst hätte er sich kaputt gemacht!
Während ich sämtliche Pullover zur Seite schob, unter jeden Stapel und in jede Jackentasche fasste, gewissenhaft meine Strümpfe aus- und wieder einräumte, in jeder Handtasche nachschaute und sogar hinter den Fernsehschrank kroch, dachte ich voller Mitgefühl an Harry. Er hatte sich so in seine Arbeit hinein gekniet, war allem Anschein nach sogar bereit, seine Waffen zu verkaufen, nur um sein Ziel zu erreichen, wollte hoch und noch höher steigen. „Software ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, und je dümmer die Benutzer sind, desto intelligenter muss das Programm sein!“
Gern hörte ich Harry zu, wenn er erzählte und auch jetzt hätte ich viel darum gegeben, wenn er mir hätte sagen können, wo mein Schmuck geblieben war. Weder zwischen dem Geschirr noch in einem der Töpfe oder der Besteckschublade wurde ich fündig.
Resigniert setzte ich mich in einen Sessel und schloss für lange Zeit die Augen. Der strahlende Tag war einer wolkenlosen Nacht gewichen und mein Magen machte sich angesichts heftiger Vernachlässigung drauf und dran auszuwandern. Mühsam stand ich auf und öffnete den Kühlschrank. Doch nichts von dem, was ich sah, konnte mich wirklich reizen. Immerhin war der Hunger ein tatsächlicher Schmerz, und dann dachte ich doch wieder an Harry, er hatte es hinter sich. Mein Mitgefühl galt mir. Es troff aus allen Nähten und die Versuchung, mit Harrys Pulli im Arm einfach loszuheulen, war groß! Nur satt machte es nicht.
Mittwoch 21.8.
26. Szene
Magdalena
Der nächste Morgen war drückend. Mein Nachthemd klebte unangenehm an meinem Körper und fühlte sich an, als ob ich durch einen Regenguss gelaufen wäre. Ich zitterte und fror trotz sommerlichen Wetters und hing noch immer in meinem letzten Traum fest, dessen Botschaft ich verzweifelt zu verstehen versuchte. Harry hatte mich hintergangen!
Durch die Vorhänge sah ich das erste Licht des Tages. Es ist alles gut, es ist alles gut! Unbewusst lullte ich mich mit dieser monotonen Phrase ein. Ich zog mein Nachthemd über den Kopf, warf es zu Harrys Kratzbürste und wendete die Decke.
Um acht rief ich in der Firma an und meldete mich krank. Jeder hätte vermutlich Verständnis für meinen Wunsch nach Ruhe gehabt, nur Jutta nicht. Sie bestand darauf, sofort vorbeizukommen und mich ein wenig zu bemuttern. Im ersten Moment sah ich lauter okkulte Auswüchse durch meine Wohnung tanzen, doch dann fühlte ich mich durch ihren Besuch wenigstens dazu gezwungen, nicht andauernd Trübsal zu blasen. Ich stellte mich unter die Dusche, erst heiß, dann kalt, und holte meinen Körper ins Leben zurück.
Noch bevor Jutta klingelte, war der Kaffee fertig. Wir tranken und redeten, über unseren schönen Chef und seine Launen, und darüber, dass er, wie Jutta glaubte, vielleicht etwas mit einem der Mädchen hätte.
Hellhörig schaute ich auf. „Stella?“, fragte ich, ohne zu überlegen, weil sie eigentlich die einzige war, der ich so etwas zutrauen würde.
„Stella?“ Jutta grübelte. „Nein, das glaub ich nicht, obwohl ich von Anfang an wusste, dass Stella nichts als Ärger machen würde!“
Jutta und ihre Befürchtungen. Ich schenkte uns eine zweite Tasse Kaffee ein und schaute sie abwartend an.
„Wie kommst du darauf? Gefällt dir ihre Nase nicht?“
„Ach was“, brummte Jutta, „sie ist die dreizehnte in unserer Abteilung und das bringt nun mal Unglück.
„Jutta, das ist doch Blödsinn!“
Aber so leicht ließ sich Jutta nicht von ihrer Behauptung abbringen. Über den Rand ihrer Brille hinweg sah sie mich ernst und weise an. „Immerhin gab es viele berühmte Männer, die daran glaubten. Napoleon zum Beispiel, zog an einem Dreizehnten in keine Schlacht, und Bismarck unterzeichnete keinen Vertrag, und Heinz Wirtmeir hätte gut daran getan, diese Stella nicht einzustellen, sie ist sein Verderben!“
Stella war ein Problem, weil sie alles hatte. Tolle Haare, ein liebliches Gesicht mit einer Nase wie aus Meissner Porzellan, eine schöne Haut und vor allem eine tolle Figur! Nur war unser Chef viel zu gerissen, sich an eine wie Stella heranzumachen. Die wäre im Stande und würde sich bei seiner Frau beschweren, weil die Knöpfe an seinen Hemden zu groß sind und sie sich immer ihre Fingernägel daran abbricht. Das sagte ich Jutta, und Jutta konnte es nur bestätigen, außerdem würde er sich keinen hausgemachten Skandal in die Firma holen.
„Warum sollte unser Chef überhaupt eine Geliebte haben?“
„Weil ich ihm Karten für diese Sexmesse am kleinen Exerzierplatz samt Liveauftritten besorgen musste, und eines weiß ich ganz sicher, seine Frau würde da niemals mit ihm hingehen!“
Mir gefiel der Gedanke, doch Jutta wechselte das Thema. „Hast du dir für morgen schon alles hergerichtet?“, fragte sie ungemütlich.
„Für morgen?“
„Die Beerdigung, du solltest für diesen Tag gut gerüstet sein!“
Harrys Beerdigung. Ich versuchte nicht daran zu denken. Jutta meinte mit alles hergerichtet meine Kleidung, mein korrektes Auftreten sozusagen, als ob das jemand interessieren würde.
„Du musst auf jeden Fall etwas Schwarzes mit einem möglichst langen Rock anziehen und einen Hut mit Schleier aufsetzen. Hast du so was?“
Natürlich hatte ich schwarze Sachen, was für eine Frage, ich hatte alles, was schwarz, edel und schick war. Harry stand ja auf so was, und ein schwarzes Kostüm hatte ich natürlich auch, obwohl Harry mein schwarzes Kleid, in dem wir uns kennen gelernt hatten, sicher bevorzugen würde.
„Was soll ich mit einem Hut, ich trage nie Hüte, sie passen nicht zu mir!“ Angestrengt versuchte ich mir dabei vorzustellen, dass es sich bei unserem Gespräch um so etwas wie die Reparatur der Gemeinschafts-Waschmaschine im Keller handelte.
„Die schwarzen Sachen schützen dich vor dem Geist des Verstorbenen!“, erklärte Jutta feierlich.
„Du meinst, Harry würde in mich fahren, wenn ich Weiß trage?“ Ich stellte mir das Ganze bildlich vor. Harry und ich in meinem Körper vereint. Nun ja, das wäre vielleicht ein bisschen eng, andererseits hätte ich ihn dann wenigstens bei mir und bräuchte den kratzigen, braunen Pulli nicht mehr.
Dann erzählte sie mir, wieso man am Grab Kerzen aufstellt - sie sollten den Toten vor bösen Geistern schützen -, und dass es Sitte sei, einen Toten mit den Füßen voran aus dem Haus zu tragen, damit er nicht mehr zurückkomme. Ich überlegte angestrengt, ob mein Körper im Falle einer Geistereinnistung wohl männliche Züge annehmen würde und ob ich mich dann künftig rasieren müsste.
27. Szene
Klara
Obermüller kam an diesem Tag etwas später zum Dienst, dafür sah er aber auch wieder besser aus. Vermutlich hatte er seine Betroffenheit im Hemingway´s ertränkt. „Ich nehme alles zurück, der Tote vom Freitag hatte genauso wenig Chancen zu bremsen wie der Junge gestern!“
Verblüfft sah ich ihn an. Obermüller hatte es bisher noch nie geschafft, mich zu verblüffen. „Wie das?“
Er wedelte mit dem Bericht vor meiner Nase herum und ließ ihn dann elegant auf meinen Schreibtisch gleiten.
„Hier!“ Obermüller deutete auf eine Stelle, die gelb markiert war. „Der Kerl war randvoll mit Diazepam.“
Im ersten Moment dachte ich, so einer war dieser Harry Kaufmann also, aber dann fiel mir ein, dass er ja zu einer Verabredung wollte. Obermüller sah, wie ich litt und lächelte schwach. „Du kannst ihn behalten, es ist eine Kopie!“
Ich dankte ihm und begann von vorne zu lesen. Dann rief ich in der Gerichtsmedizin in München an und fragte, wie ich mir das alles vorzustellen hätte.
„Kennen Sie Silvester Stallone?“, fragte der Doktor statt einer Antwort.
„Ja, doch.“ Wer kannte den nicht?
„In einem Interview sagte er einmal: mein Körper ist mein Tempel! Genau so müssen sie sich das bei unserem Freund vorstellen. Er war kerngesund und durchtrainiert, außen und innen ohne Makel!“
„Sie meinen, er war nicht der Typ, der sich ruhig stellte?“
„Zumindest habe ich dafür keinerlei Anhaltspunkte gefunden.“
„Okay, das hab ich verstanden, aber wie ist das mit seinen Händen?“
„Das ist eigentlich ganz einfach. Wir wissen, dass er der Fahrer war, aber seine Hände lagen ganz entspannt in seinem Schoß, als es krachte, und da er auch nicht angegurtet war, flog er ungebremst gegen das Lenkrad!“
28. Szene
Magdalena
Die Angst vor der Einsamkeit ließ mich immer nur die Tischplatte anstarren und machte mich bewegungslos: später, später räume ich auf, wenn es gar nicht mehr zu ertragen ist. Doch plötzlich klingelte es an der Tür. Es war die Kommissarin. Sie fragte mich nach meinem Befinden, und als ich vorgab, es ginge schon, legte sie unverzüglich los.
„Sie haben also keine Ahnung, wer die Freundin gewesen sein könnte?“
„Harry hatte keine Freundin!“, antwortete ich fest.
„Hören Sie, Ihr Freund wurde mit Diazepam, mit Valium, vollgepumpt und dann gegen einen Betonpfeiler gefahren, es ist sogar möglich, dass er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr in der Lage war, selbst zu lenken. Und jetzt frage ich Sie, wer macht so was?“
„Sicher niemand, der ihn liebt!“, antwortete ich kleinlaut und zog vorsichtig die Nase hoch.
„Nein, aber leider haben wir auch sonst kein Motiv. Sie sagen, er hatte keine Freundin und auch keine Feinde. Erpresst wurde er sicher auch nicht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Vielleicht war alles doch nur ein dummer schrecklicher Unfall“, versuchte ich zu erklären und spürte, wie meine Stimme brach.
„An solche Unfälle glaube ich schon lange nicht mehr. Zumal die einzige Zeugin auch noch verschwunden ist.“
„Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass Harry Beruhigungsmittel nahm? Harry war Sportler, für ihn gab es andere Möglichkeiten, sich zu beruhigen.“ Ich versuchte, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.
„Das mag schon zutreffen, aber irgendwie scheint er doch nicht klargekommen zu sein. Laut Obduktionsbericht hat er mindestens zehn Tabletten genommen, haben Sie dafür auch eine harmlose Erklärung parat?“
„Nein, nein...“ O Gott - Obduktionsbericht! Mir wurde ganz schlecht. Er lag nicht mehr in seiner Zinkwanne, sie haben ihn aufgeschnitten, ihn auseinandergenommen, wie ein Stück Vieh, ich musste mich setzen. „... was haben Sie gesagt, wie viel hat er getrunken?“
„Mindestens zehn Tabletten Valium, aber ich habe nicht gesagt, er hat es getrunken!“ Sie sah mich an, und ich hatte das Gefühl, dass sie triumphierte.
„Wissen Sie denn jetzt wenigstens, wo er hin wollte? Sie haben sich doch sicher Gedanken darüber gemacht!“
29. Szene
Klara
Jetzt hat sie auch noch einen kleinen Altar aufgebaut, wie süß, mit Rose und einem Bild, so richtig zum Verlieben. Also, ein Hübscher war er ja schon, dieser Harry Kaufmann. Bei seinem Anblick wusste ich gleich, dass der keine Probleme hatte, sich eine Frau zu angeln.
Dass Frau Morgenroth das nicht verstand, war klar, sie war immer noch blind vor Liebe und Trauer. Also lag es an mir, sie mit den Tatsachen zu konfrontieren. Dann tat es wenigstens nur einmal weh!
Diazepam gab es nicht nur in Apotheken, sondern auch in Krankenhäusern. Im Auto saß eine blonde Frau, und ein aufgemotzter Sportwagen drängte sie beide von der Straße. Kaufmann war nicht angeschnallt und hatte die Hände nicht am Steuer. Das passte alles nicht zusammen.
Nachdem ich schon einmal im Haus war, klingelte ich bei Frau Nigl. Sie war Krankenschwester und kannte sich mit Medikamenten aus. Ich dachte mir, wenn ich ihr erzähle, was mit ihrem Nachbarn wirklich passiert ist, erinnert sie sich vielleicht besser an die blonde Frau.
Leider war sie nicht zu Hause, und Julia Fabriosa auch nicht. Ich verglich den Namen auf dem Schild mit meinen Notizen, er stimmte. Auf dem Weg in meine Pension nahm ich mir fest vor, weiter nach ihr zu forschen. Ich konnte es nicht offiziell tun, sie war keine Verdächtige. Trotzdem war es merkwürdig, dass es sie überhaupt nicht gab.
Donnerstag 22.8.
30. Szene
Klara
Um Frau Morgenroth zu provozieren, hatte ich sie gefragt, wo Harry Kaufmann an seinem letzten Tag hin wollte, das war natürlich falsch. Ich musste wissen, wo er herkam, wie er seinen Tag verbracht hatte. Bis zur Beerdigung hatte ich noch etwas Zeit, darum ging ich zu Obermüller. Ich traf ihn im Gang mit einem Ladendieb am Schlafittchen. Während wir nebeneinander herliefen, fragte ich nach den Gegenständen, die im Auto gefunden wurden.
„Muss das jetzt sein?“ Ich nickte. Der Junge war vielleicht dreizehn, klaute schon morgens vor der Schule. Er trug eine Jacke mit vielen Taschen und eine dieser übergroßen Hosen, bei denen ich immer den Verdacht hatte, es stecke noch eine Windel drin. Aus einer der Taschen führte ein Kabel direkt zu seinen Ohren. Kaum hatte er das Zimmer betreten, begann er im Takt zu wippen, nicht ansprechbar für alles um ihn herum. Bum, bum, bum machte es dumpf und laut, es war scheußlich.
„Hör mal“, sagte Obermüller und nahm mich zur Seite. Der Junge knatschte einen Kaugummi und blätterte völlig ungeniert in einer Akte herum. „Wir waren wirklich froh, dass du uns geholfen hast, aber heute ist die Beerdigung, der Wagen ist noch nicht gefunden, die Zeugin mit den blonden Haaren weiterhin verschwunden, und wir haben andere Sorgen!“ Er riss dem Jungen die Akte weg und drückte ihn auf einen Stuhl.
„Eben, also wo?“
Obermüller deutete auf ein Fach im Rollschrank und seufzte.
„Danke“, sagte ich freundlich. Soll er doch froh sein.
In meinem Zimmer packte ich alles aus, eine Brieftasche, ein Päckchen Kaugummi und einen Straßenatlas. Es half mir nicht weiter. Ich musste noch einmal zu Frau Morgenroth. Leider war die viel schlauer als mir lieb war. Mit dummen Menschen konnte man eine Weile spielen und sie so verwirren, dass sie am Ende alles zugaben. Aber die Morgenroth durchschaute mich. Ich sah auf die Uhr. Verdammt, jetzt musste ich mich aber beeilen.
31. Szene
Magdalena
„Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, rief der Pfarrer feierlich in den Raum. Ich saß in der zweiten Bank, zwischen Julia und Sylvia und konnte vor lauter Schmerz und Verzweiflung kaum atmen. Der Sarg war über und über mit Blumen geschmückt und vor der Tür stapelten sich die Kränze.
„Lamm Gottes!“, rief der Pfarrer und erhob seine Hände zum Himmel. Der schwarze Hut mit dem dezenten Schleier, den mir Jutta schließlich gebracht hatte, gab mir ein wenig Deckung; in meiner geräumigen Tasche häuften sich die verheulten Taschentücher.
„Heilige Maria Mutter Gottes, voll der Gnaden!“ Die Kaufmanns saßen in der ersten Reihe. Ich warf einen Blick auf Bernhard, der erstaunlich sicher seine Haltung bewahrte. Gelernt ist eben gelernt. Neben ihm saß lässig ein großer Mann in dunklem Anzug, weißem Hemd und durchgestuften, dunklen Haaren, der angestrengt seine Umgebung musterte und sich scheinbar nur widerwillig an dem ganzen Auf und Ab der Trauergemeinde beteiligte. Wahrscheinlich ein Bodyguard, obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was Bernhard dazu veranlassen sollte, sich in Gefahr zu wägen.
„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um...“ Und wenn schon, Harry hätten selbst zehn Bodyguards nicht helfen können.
„...viel zu früh wurde er aus unserer Mitte gerissen!“ Sylvia schluchzte auf, und ich drückte ihr schnell die Hand.
„Vater unser im Himmel!“ Sie registrierte es gar nicht.
„Dein Wille geschehe!“ Warum Harry, warum? Auf der Rückenlehne der Bank vor mir stand: Gott war hier! Wenn er hier war, wenn er Harry geleitet hat, warum hat er ihn dann nicht umgeleitet? Die Ministranten schwenkten das Weihrauchfass, und mir wurde schlecht. Ich hasse Weihrauch! Ich hasse Beerdigungen! Ich wollte Harry doch nur lieben, für immer und ewig! Seine Mutter war sehr still, ich konnte nicht ergründen, ob sie überhaupt bei der Sache war. Still betrachtete ich ihren Hut und die zierlichen goldenen Ohrringe. Plötzlich hielt mir Julia ein Opferkörbchen hin. Wir waren gerade zum Gebet aufgestanden. Verdutzt hielt ich es in der Hand und starrte hinein. Es lagen schon etliche Geldscheine drin. Vielleicht können wir ihn ja freikaufen, dachte ich und schaute auf die mitgelieferten Sterbebildchen. Es war ein Ausschnitt. Ich hatte das Bild nach einer erfolgreichen Jagd auf einen Oryx in der Savanne Namibias gemacht. Damals hatte Harry seinen Sieg errungen, den Sieg über einen fahlbraunen Oryxbock. Aus seinen Augen leuchtete Stolz, denn der Oryx galt als hartes, mutiges Wild, dass sich seinem Jäger auch mal entgegenstellte, um ihn auf seine langen Hörner zu nehmen. Aber Harry blieb der Sieger, damals, als er noch lebte. Doch jetzt war er tot. Krampfhaft hielt ich das Körbchen fest und starrte vor mich hin, bis Julia sanft meine Finger löste und es nach hinten weiterreichte. „Lamm Gottes, in Ewigkeit. Amen!“
32. Szene
Magdalena
Der Gang über den Friedhof glich einem Spießrutenlauf. Es war schrecklich heiß und nach der Kühle in der Kirche kaum zu ertragen. Überall standen Leute, die mich beobachteten. Mit letzter Kraft setzte ich Fuß vor Fuß. Warf einen roten Rosenstrauß auf den dunklen Sargdeckel und hielt für einen Moment stille Andacht für Harry. Als mir klar wurde, dass er von diesem Zeitpunkt an für immer aus meinem Leben verschwunden war, ohne eine Hoffnung auf Rückkehr, überkam mich eine solche Verzweiflung, dass ich nichts sehnlicher wünschte, als mich gleich zu ihm zu legen.
Ich wollte sterben, hier und jetzt und für immer und ewig, und ohne mein Leid länger ertragen zu müssen. Aber man ließ mich nicht. Eine starke Hand fasste nach mir, bevor ich ganz zu Boden gehen konnte und zog mich an sich. Es war Bernhard. Die Art, wie er mich hielt, erinnerte mich an Harry und das allein tröstete mich mehr als seine Worte.




