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„Du musst jetzt ganz stark sein, ja“, sagte er und streichelte meinen Rücken. „Du darfst jetzt nicht aufgeben, ja!“ Er drückte mich sanft und im nächsten Moment blitzte eine Kamera auf. Entsetzt machte ich mich los.
Mir war heiß und mein Kopf schmerzte. Um mir Abkühlung zu verschaffen, wollte ich meine Jacke öffnen. Ich nestelte an den großen Knöpfen herum, ohne sie jedoch aufzubekommen. In diesem Moment trat Jutta zu uns, ergriff meine Hand, die stark zitterte, und schob mich in den Schatten einer großen Tanne. Oder hatte sie mich gar durchschaut? Meinen Versuch, Harry doch noch Gelegenheit zu geben, in meinen Körper zu schlüpfen?
Ich schaute zum Himmel, er war strahlend blau, mit einer einzigen gemütlichen Schäfchenwolke über mir, deren Umrisse mich entfernt an einen liegenden Menschen erinnerten. Ich ließ von meinen Knöpfen ab, es war unmöglich, Harry eine Chance zu geben. Letztlich glaubte ich auch nicht wirklich an eine solche Möglichkeit, und die Vorstellung, dass Harry da oben auf einer watteweichen Wolke über den Himmel schwebte und auf mich herunterschaute, gefiel mir ohnehin besser.
Während wir Harry das letzte Geleit gaben und uns anschließend am Grab versammelten, saß der Mann im dunklen Anzug wie ein falsch platziertes Mitglied im Schatten und langweilte sich. Mir war nicht ganz klar, wofür Bernhard so einen Mann überhaupt brauchte, bis er auf ein Zeichen seines Chefs herüberkam, ohne große Worte den Weg frei machte und die Wagentür öffnete. Erleichtert sank ich in das dunkelgraue Polster. Meine Augen waren leer geweint und ich wollte nur noch nach Hause. Bernhard tat mir den Gefallen.
Vor meiner Wohnungstür sah ich ihn bittend an. „Willst du vielleicht ...“, stotterte ich. Da schob sich ein vorsichtiges Lächeln in sein Gesicht und er nickte. „Mir ist jetzt auch nicht nach Rummel“, sagte er und folgte mir neugierig in die Wohnung. Kaum war er durch die Tür, da strafften sich seine Schultern und sein Gesicht wurde zu einer Maske. Zu gern hätte ich gewusst, was in ihm vorging in diesem Moment. Im Hause Kaufmann gab es nur echte Eiche rustikal, die hält ein Leben lang und lässt sich anschließend noch an die nächste Generation weiter vererben, so viel wusste ich, aber es hätte mich brennend interessiert, was er von unserer Wohnung hielt.
Auf einmal drehte er sich zu den Tigersesseln um, lächelte belustigt und sank hinein. Er schien sichtlich entspannt. Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, musterte sein Gesicht, und erneut fiel mir auf, wie wenig sich die Brüder ähnelten. Bernhard holte tief Luft, betrachtete die Bücherregale und den alten Sekretär und sah mich dann an.
„So hat er also gelebt.“ An die Stelle seines Lächelns trat ein Anflug von Spott und ich wusste nicht, was ich erwidern sollte.
„Möchtest du vielleicht was trinken?“, fragte ich schnell und sprang auf. Vor lauter Verwunderung hatte ich doch glatt meine guten Manieren vergessen.
„Hmm“, antwortete er unschlüssig und ich zählte ihm schnell die verschiedenen Getränke auf, die ich im Kühlschrank hatte. „Oder möchtest du lieber Whiskey oder so was?“
„Trank Harry Whiskey?“, fragte er interessiert zurück.
„Hin und wieder einen Bourbon mit Eis.“ Ich stand auf, um Flasche und Gläser zu holen, aber er wehrte ab.
„Nein, lass mal, ich möchte doch lieber etwas Alkoholfreies! Ich habe gleich noch einen Termin.“
33. Szene
Klara
Das war keine schlechte Vorstellung, die Kirche besetzt bis auf den letzten Platz und alle traurig und ehrfurchtsvoll ergriffen. Wir hatten gemeinsam für einen Mann, den ich nicht einmal kannte, gebetet und dem Pfarrer auf seinen Sprechgesang geantwortet, und auf einmal fühlte ich mich nicht mehr so allein in dieser neuen Stadt, und ich dachte, vielleicht sollte ich öfter mal zum lieben Gott beten, einfach so. Damals bei meiner Hochzeit machten sie auch so viel Aufhebens, aber gehalten hat es trotzdem nicht, resümierte ich traurig.
„Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld!“ Nur, wer war es wirklich? Natürlich gab es haufenweise blonde Frauen. Echte und falsche, und Männer hatten auch viele und ich hätte schwören können, dass ein Großteil sie heftig betrog.
Einen grünen Sportwagen sah ich nicht, rund um das Friedhofsgelände und am Grab fand ich eigentlich nur Frau Morgenroth so richtig überzeugend. Irgendwie tat sie mir leid. Sie dachte immer noch, er hätte es verdient, so betrauert zu werden. Ich hielt mich hinter den Büschen verborgen und knipste alles, was mir vor die Linse kam. So blieb mir zumindest noch eine Hoffnung.
34. Szene
Magdalena
„Fühlst du dich eigentlich wohl in dieser Wohnung?“, fragte Bernhard auf einmal und stellte sein Glas auf den kleinen Tisch neben seinem Sessel.
„Ja natürlich, wir haben sie zusammen eingerichtet!“
„Es sieht ein bisschen wie in einer Räuberhöhle aus“, sagte er und lächelte. War das nett gemeint?
„Findest du?“ Rasch schaute ich mich um, was sollte dieser Vergleich?
„Hat Harry eigentlich ein Testament gemacht?“
Ich schüttelte den Kopf, wir waren jung, und wenn man jung ist, dann sterben immer nur die anderen.
„Ich werde mich darum kümmern, dass du alles behalten kannst“, versprach er und richtete sich auf.
„Na ja, also das wäre wirklich nett“, versicherte ich ihm und fühlte mich dennoch unwohl dabei.
Am Himmel hatten sich die Schäfchenwolken vermehrt und die Sonne verdeckt, darum stand ich auf und schaltete sämtliche Lampen an. Von wegen Räuberhöhle. Fünfundzwanzig Birnchen erstrahlten, keine aufdringlich, jede bewusst platziert. Bernhard staunte nicht schlecht, stand ebenfalls auf und durchschritt die ganze Wohnung. Vor den Tigersesseln hielt er erneut inne. „Glaubst du, sie würden zu mir passen?“
Ich wollte sie ihm auf keinen Fall überlassen, aber sein spitzbübisches Lächeln verunsicherte mich. Bernhard lächelte nur selten so.
Vielleicht war es doch noch nicht zu spät für ihn, dachte ich, vielleicht wurde doch noch ein richtig sympathischer Mensch aus ihm, wenn der Wahlkampf erst einmal hinter ihm lag und er Landrat war.
Endlich schüttelte ich den Kopf. „Aber wenn du jemals Sehnsucht nach ihnen hast, dann komm doch einfach vorbei!“
Und dann kam vom Hof das Zeichen zum Aufbruch. Ich hätte ihn gern noch gefragt, ob das erforderlich sei, aber in dem Moment sagte er mit kalter, entschlossener Stimme: „Ich hoffe, das ist nicht nötig!“
35. Szene
Klara
Zuerst war Obermüller ziemlich ungehalten über meine Bitte. Er sagte, das wäre ja das dämlichste, was er je gehört habe. Eine ganze Trauergesellschaft zu checken. Aber dann ließ er sich doch locken. Frischen Cappuccino gab es nicht alle Tage und einen halben Kuchen hatte ich auch noch für ihn besorgt.
Einen Teil der Bilder konnte selbst ich zuordnen: die Nachbarinnen, den Bruder, seine Frau und die Mutter - die Ärmste. Obermüller stellte mir die wichtigsten Obrigkeiten vor und wunderte sich hin und wieder über das Partei übergreifende Interesse. Bei manchen Bildern musste er passen, nahm sie aber an sich und versprach, sich darum zu kümmern. Sicher rechnete er beim Abschluss seiner Recherchen mit einer ebenso freundlichen Bewirtung.
Nachdem ich also auf diese Art noch nicht weitergekommen war, machte ich einen Spaziergang, vorbei an der Neuen Bischöflichen Residenz, in der der Domschatz ruhte, und lief dann ziellos über den Vorplatz des Stephansdoms. Als ich das große Tor erreichte, blies mir ein heftiger Wind ins Gesicht. Schnell drehte ich um. Zum Abschluss des Tages wollte ich noch zu Bernhard Kaufmann. Mal sehen, was der gestresste Bruder zu unseren Ermittlungen zu sagen hatte.
36. Szene
Klara
Warum freuen sich die Menschen eigentlich so selten, wenn sie mich sehen? Bernhard Kaufmann ging es wie den meisten. Er wirkte abweisend, blies die Backen auf, grummelte und schmatzte. Doch wirklich - aber es half ihm nichts, ich wollte hinein und das schaffte ich auch.
Das Haus lag in der Ilzstadt, hatte einen gepflegten Vorgarten und eine eindrucksvoll gestaltete Hausnummer. Eine Doppelgarage und ein Springbrunnen gehörten zur Vorderansicht, und obwohl hier zwei Kinder zu Hause sein mussten, war das Haus penibel aufgeräumt. Im Arbeitszimmer durfte ich mich auf einen Besucherstuhl setzen und dem Besitzer ein paar Fragen stellen.
Mein Gott, was für ein Unterschied. Wenn Harry Kaufmanns Körper ein Tempel war, dann war sein Bruder eine Ruine, zumindest sein Gesicht. Den Rest verbarg er geschickt in einem maßgeschneiderten Anzug. Ich fragte ihn nach seinem Wahlkampf und ob das alles nicht sehr anstrengend wäre. Dann erst schwenkte ich zum eigentlichen Thema um. Sein Bruder und er hätten kaum Kontakt gehabt, sagte er und wahrscheinlich war das noch untertrieben. Bei einem solchen Unterschied musste es einfach Spannungen geben. Ich wollte auch keine Schwester, die aussah wie Sandra Bullock. Bernhard Kaufmann war sehr schweigsam an diesem Abend, ganz anders als in seinen Wahlkampfreden.
Zum Sprechen bringen wollte ich ihn, erwähnte das Diazepam und den grünen Sportwagen, aber natürlich hatte er keine Ahnung, wo er doch so mit seinem Wahlkampf beschäftigt war. „Er war schon als Kind nicht ganz einfach, aber deshalb wurde er ja wohl nicht umgebracht!“
Als ich vor die Haustür trat, begann der Regen gerade die Luft zu reinigen. Es tat gut, obwohl er meine Frisur ruinierte. Bevor ich ins Auto stieg, warf ich noch schnell einen Blick zurück. Im offenen Garagentor erkannte ich die dunkle Limousine und einen mittelblauen Zweitwagen für die Ehefrau. Grün gab es auch hier nicht und ein aufgemotzter Sportwagen hätte im Grunde ja auch gar nicht zu ihm gepasst.
37. Szene
Magdalena
Lange noch nachdem Bernhard weggefahren war, saß ich im Sessel und dachte über die beiden Brüder nach. Die Wolkenfront hatte sich verdichtet und die ersten Blitze schossen mit lautem Donner vom Himmel. Bis auf zwei Stehlampen hatte ich alle Lichter wieder gelöscht. Ich saß gern im Dunkeln und sah dem Gewitter zu. Vor den Fenstern fegte ein heftiger Wind Blätter und kleine Zweige vorbei und schlug sie gegen die Scheiben. Das Prasseln des endlich einsetzenden Regens war wie eine Erlösung für meine wunde Seele. Waschtag! Ich holte mir ein Glas Wein, legte die Füße hoch und trank es schnell leer.
Auf einmal sah ich Harry. Die Hände fest zum Gebet gefaltet, in einem mit weinrotem Samt ausgeschlagenen Sarg. Wie auf ein Zeichen hin versuchte er sich gegen den Deckel zu stemmen, frische Erde drang zu ihm herein und bedeckte seinen Körper. Zum Zuschauen verdammt war ich bei ihm, bis sein Kopf mit einem breiten Lachen im blassen Gesicht durch den frisch aufgeworfenen Grabhügel herausschaute. Gemeinsam beobachteten wir, wie hinter ihm eine tiefe, schwarze Grube entstand. Aus den hohen Bäumen drang Juttas Stimme zu mir: „Wenn das Grab einstürzt, stirbt bald wieder jemand aus der Familie, der Tote holt sich einen Kameraden, einen Kameraden, einen Kameraden...“ Ich hielt mir die Ohren zu. Harry würde so etwas nie tun, er liebt mich doch, oder vielleicht gerade aus diesem Grund?
Jetzt hatte er mich erkannt, seine Züge hellten sich auf. Ich wusste, es war ein Traum, aber ich konnte ihn nicht beeinflussen, wiederholte immer wieder: „Harry, komm her, halt mich fest!“ Aber je mehr ich ihn mir herbei wünschte, um so weiter entfernte er sich.
„Magdalena, das ist kein Ort für dich!“, mahnte er mich und löste sich langsam im Nebel auf. Zurück blieb ein offenes Grab, das auf mich zu warten schien.
Als ich wieder zu mir kam, tat mir alles weh. Natürlich war das kein Ort für mich, aber auch nicht für ihn. Ich holte mir Sylvias Pillendöschen, doch bevor ich eine nahm, las ich auf dem Etikett:Trockenextrakt aus der Baldrianwurzel und alles mögliche. Von Diazepam keine Rede. Ich trank noch ein Glas Wein hinterher und legte mich ins Bett. An die Decke starrend, wartete ich auf den Schlaf, ahnungslos gegenüber dem, was in nächster Zeit auf mich einstürzen würde.
Freitag 23.8.
38. Szene
Magdalena
Am nächsten Morgen wollte ich ein ausgiebiges Bad nehmen, aber dann kamen Sylvia und Julia. Sie brachten einen selbstgebackenen Kuchen mit und einen Kaffee, der Tote zum Leben erwecken konnte, nur eben nicht Harry.
„Du kannst nicht ewig Trübsal blasen, das Leben geht weiter, und Harry hat dich immerhin geliebt. So was erleben manche Menschen nie!“ Julia nahm ihren Teller in die Hand, lehnte sich zurück und erzählte von einsamen, ungeliebten Männern, die Tag für Tag und Nacht für Nacht zu ihr kamen.
Julia war eine Zauberfee, und das hielt ich für die hübscheste Umschreibung ihres Berufes überhaupt. Bei ihr durften die Männer sich wünschen, was sie wollten, Dinge, die sie sonst nirgends bekamen. Dafür bezahlten sie gerne.
Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, war ich, wie wohl die meisten Menschen, erst einmal schockiert, versuchte mir ihr Leben auszumalen, ohne eine Ahnung davon zu haben. Ich musste einen Mann lieben oder wenigstens unheimlich anziehend finden, so wie Harry damals. Ohne Liebe war es für mich unmöglich, mit einem Mann zu schlafen. Julia konnte das, und verdiente dabei nicht schlecht. Trotzdem wurden wir Freundinnen. Wir respektierten einander.
Bei einem festen Kundenstamm war Julias Risiko relativ gering. Die Herren waren verheiratet, scheuten jeglichen Skandal und suchten in der Regel Abwechslung von ihrer lustlosen Ehefrau oder den richtigen Kick.
„Sag mal, Julia, vor ein paar Tagen stand so ein Typ mit Maske und langem schwarzen Mantel vor deiner Tür, wollte der was Bestimmtes?“, fragte Sylvia recht naiv.
Julia lachte, „natürlich wollte der was Bestimmtes, sonst wäre er ja nicht zu mir gekommen.“
„Mit einer Maske? Hast du so was öfters?“, wollte ich wissen.
„Manche brauchen das, und bei ihm ging es sogar noch weiter.“
„Ach!“ Sylvia legte ihre Gabel weg und beugte sich vor.
„Ihn törnen gut platzierte Schläge an, die Maske ist nur Teil seines Spieles. Aber sonst ist er total nett und unheimlich großzügig.“
„Und hast du es ihm ordentlich gegeben?“ Ich sah Sylvia mit schwarzen Lackstiefeln und Peitsche über einem armen wimmernden Mann stehen und auf ihn eindreschen. Das war wirklich zu komisch.
„Er ist verheiratet, da muss man sehr vorsichtig vorgehen, damit keine Andenken zurückbleiben, sonst kriegt er daheim Ärger.“
Sylvia ereiferte sich: „Aber das will er doch, oder?“ Sie sah mich fragend an.
Unwissend zuckte ich die Schultern. „Keine Ahnung!“ gab ich zu, denn Harry hatte so etwas nicht begeistert.
„Falls du es mal ausprobieren willst, nimm auf jeden Fall etwas Flaches, einen Tischtennisschläger zum Beispiel oder die Rückseite einer Haarbürste“, empfahl Julia und aß ihren Kuchen weiter, als hätte sie gerade irgendwelche Tipps über das Rühren von Knetteig gegeben.
„Das ist gar keine so schlechte Idee, wenn ich mir vorstelle, dass ich im Krankenhaus Tag für Tag schufte und es doch nie so weit bringen werde wie du, dann könnte ich mir wirklich vorstellen, in Zukunft für Geld Männer zu verhauen!“ Bei dieser Vorstellung verschluckte ich mich beinahe und außerdem bahnte sich bei mir ein Lachkrampf an.
„Du brauchst gar nicht zu lachen, Magdalena, ich trage mich schon lange mit dem Gedanken, dem Krankenhaus den Rücken zu kehren. Öffentlicher Dienst hin oder her, was hilft es mir, wenn sie jetzt öffentlich auf unserem Rücken sparen?“
„Was willst du denn sonst machen?“, fragte ich, und Sylvia zuckte unwissend die Schultern: „Weißt du, das ist im Moment nicht so einfach.“
Das Telefon klingelte, und Julia fragte: „Warum?“ Ich nahm den Hörer ab, lauschte und sah, wie Sylvia rot wurde und Julia ungläubig den Kopf schüttelte. Dann musste ich mich auf das Gespräch konzentrieren, es war sehr leise.
„Hallo, Magdalena, ich muss dir unbedingt was erzählen!“
„Wer ist denn da?“, fragte ich, weil ich die Stimme nicht zuordnen konnte.
„Jutta“, antwortete das Flüstern. „Magdalena, das komische Verhalten hängt doch mit der Firma zusammen. Der Chef ist völlig fertig und verlangt dauernd nach dir. Hast du irgendetwas angestellt?“
Ich schüttelte den Kopf: „Nein“, hauchte ich.
„Er sagt nichts, aber diese verfluchte Stella hat...“
Im Hintergrund wurde eine Tür geschlagen und dann erlebte ich das Donnerwetter: „Jutta!!!“, schrie er, und Jutta flüsterte: „Ich muss jetzt Schluss machen, ich ruf dich wieder an!“
Was war das denn, so hatte ich meinen Chef noch nie erlebt! Ich setzte mich an den Tisch zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Die beiden waren noch immer beim selben Thema.
„Na, ich weiß nicht, Abfindung hin, Sicherheiten her, ich bin lieber meine eigene Chefin, da kann ich machen, was ich will!“
„Du? Du musst doch machen, was die Männer wollen!“, schnaubte Sylvia verächtlich. Aber Julia nahm es gelassen, sie kannte diesen Standpunkt. Er rührte daher, dass Sylvia von Annas Vater verlassen worden war, als Ausgleich für ihre Erziehung diese Wohnung bekommen hatte und seither eigentlich kein großes Glück mehr mit Männern hatte, außer kleineren Spielereien.
„Ach Sylvie, du siehst das völlig falsch, ich mache es, weil ich Spaß am Sex habe, und wenn es mir mal keinen Spaß macht, dann bekomme ich wenigstens gutes Geld dafür. Außerdem entlaste ich so manche Ehefrau. Im Prinzip ist es nicht anders als bei dir. Ich erbringe eine Dienstleistung. Du pflegst deine Männer so und ich pflege sie so, beides tut ihnen gut!“
Sylvia schien nicht wirklich überzeugt zu sein und auch ich überlegte mir, ob ich mich jeden Abend vor einem anderen Mann ausziehen und seine Wünsche erfüllen wollte. So lustig, wie Julia das manchmal schilderte, konnte ich es mir nicht vorstellen.
„Lass uns nicht streiten, in deinem Zustand ist das nicht gut“, lenkte Julia versöhnlich ein, und ich merkte, dass mir vorhin tatsächlich etwas entgangen sein musste.
„In welchem Zustand?“, fragte ich daher.
„Sylvie ist schwanger!“, erklärte Julia so stolz, als sei es von ihr.
39. Szene
Klara
Die Eichenholzkommode schaute mich zweifelnd an. Ich fühlte mich schlecht und vermutlich spürte sie es. Nach der letzten Tour hatte ich mich noch mit Obermüller getroffen. Ach, der gute Obermüller.
Julia Fabriosa heißt in Wirklichkeit Andrea Sondelhofer und arbeitet als Callgirl. Sie ist eine richtige Hure; daher der Wohlstand!
Der Inhalt meines Glases war rot. Wodka mit Erdbeersaft. Ich trank und war ein bisschen belustigt über Andrea-Julia-Sondelhofer-Fabriosa.
Natürlich ist das hochinteressant und unheimlich wichtig für mich. Ich will schließlich meine Vergangenheit ablegen, und wie könnte ich es in Passau besser zu etwas bringen, als durch Informationen? Diese Julia empfing bestimmt tolle Männer. Kleine Würstchen trauen sich ja nicht zu so einer, die verdrehten höchstens den Kopf nach einer wie mir. Hin und wieder tun wir uns dann für eine Nacht zusammen und vergessen dabei unser Elend.
Beim nächsten Schluck dachte ich über die Möglichkeit eines Beobachtungspostens nach. Eine kleine Andeutung hier, eine Indiskretion da, schon öffnen sich Tür und Tor, das war überall so.
Meine Vorbereitungen waren ebenso wie meine Informationsquellen immer einwandfrei gewesen - ich trank einen wütenden Schluck - bis man mich zum Ziel des Spottes gemacht hatte. Der Wodka besänftigte mich, in Zukunft wollte ich mir meine Männer genauer anschauen. Ohne Eile erhob ich mich vom Bett. Das Glas war leer, mein Geist leicht. Ich konnte weiter trinken, entschied mich aber für den Sinn des Lebens.
Bei den blonden Frauen war leider keine dabei, die in Frage kam. Meine Hochachtung für so schnelle Arbeit. Mein erster Gedanke war: sie will sich verbergen. Der zweite: Magdalena kennt sie, erkennt sie und sagt aus. In meinem Auto lagen noch die Sachen von Harry Kaufmann. Ich könnte seine Magdalena noch einmal besuchen, sie ihr geben und sagen: „Komm, lass uns ein wenig über deinen Harry plaudern!“
40. Szene
Magdalena
Jutta hatte nicht mehr angerufen. Also war es vermutlich nichts Ernstes gewesen, der Chef wieder ruhig und am Montag alles wie immer. Nachdem Julia und Sylvia mich verlassen hatten, nahm ich mir die Wohnung vor, putzte, suchte mir einen lustigen Film für den Abend heraus und leerte eine ganze Büchse Ravioli. Satt und zufrieden wartete ich auf den Vorspann. Ich hatte mir eine Flasche Weißwein kalt gestellt und freute mich auf den Film. Doch dann kam alles anders. Vor der Tür stand die Kommissarin mit einigen Sachen unter dem Arm, die ich sofort erkannte. Sie wolle nicht stören, sagte sie, und hereingelassen werden. Film adé.
„Wenn Sie schon nicht wissen, wo Ihr Freund an jenem Freitag hin wollte, dann wissen Sie ja vielleicht, wo er herkam?“ Sie hielt mir den Packen entgegen, die Brieftasche obenauf. Zumindest sie war jetzt wieder da, wo sie hingehörte. Die Kommissarin deutete darauf. „Leider war hier noch nicht mal eine Tankrechnung drin, obwohl das Auto erst sechzig Kilometer vor dem Unfall getankt worden war. Wissen Sie etwas darüber?“
Ich roch ihre ziemlich scharfen Pfefferminzbonbons. „Nein, nein, ich weiß nichts darüber!“
„Sie müssen uns helfen, sonst können wir seinen Tod nie aufklären!“
Ich ging zum Kamin und sah sein Bild an. „Können Sie ihn mit Ihren Methoden am Ende auch wieder lebendig machen? Ich meine, so richtig, nicht nur in meiner Erinnerung?“
„Nein, natürlich nicht, aber wir können den Täter verurteilen und bestrafen.“
„Harry bleibt trotzdem tot!“ Resigniert ließ ich mich in den Sessel fallen. Die Kommissarin ging nun ebenfalls zum Kamin und schaute sich Harrys Bild lange an. Noch hatte mich die Trauer nicht völlig überwältigt. Ich stand auf, holte den Weißwein und zwei Gläser und fragte: „Möchten Sie auch ein Glas?“ Mein Film hatte eh längst angefangen, da konnten wir auch ein wenig plaudern.
„Ja gern!“ Sie löste sich von Harrys Foto und setzte sich zu mir. Ich musterte sie heimlich, während sie das Glas gierig in sich hineintrank.
„Harry sah sehr gut aus, er war sehr sportlich.“ Gespannt sah ich auf. „Sicher haben Sie noch mehr Bilder von ihm!“ Sie zeigte zum Kamin. Ich zögerte, dachte nach, dann holte ich mein Lieblingsalbum.
41. Szene
Klara
Das war der Moment, an dem es anfing, schief zu laufen. Magdalena reichte mir ein Fotoalbum und ließ mich blättern. Sie sahen unverschämt glücklich aus, für meinen Geschmack zu glücklich. Ein Bild zeigte ihn am Tennisplatz, ein anderes beide gemeinsam am Badesee, Sylvia mit Baby, Harry mit Anna, dann eines in der Wüste in Shorts und Khakihemd, das Gewehr im Anschlag, mit einem Bock als Trophäe unter seinem rechten Fuß.
Ein warmes Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus, während ich Seite für Seite umblätterte und jedes Detail studierte. Der Pathologe hatte Recht: diesem Körper wurde gehuldigt und er war zu schön für eine Frau allein. Nachdem Magdalena nachgeschenkt hatte, trank ich einen Schluck Wein und gleich noch einen. Dann deutete ich auf das Jagdbild: „Wo war das?“ Magdalena beugte sich vor und Stolz zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Das war in Namibia bei der Oryxjagd!“
Mein Magen knurrte, ich hatte den ganzen Tag nur wenig gegessen, hastig trank ich noch einen Schluck. Auf der letzten Seite sah ich Harry dann fast nackt in Positur, ein Bild wie aus der Werbung. Ich löste es vorsichtig unter der Klebefolie heraus und fragte möglichst unschuldig: „Darf ich mir das hier mitnehmen?“ Magdalena nippte verträumt an ihrem Weinglas, sicher dachte sie an jenen Urlaub zurück, jetzt schoss sie hoch, riss mir das Bild aus der Hand. „Warum?“, fragte sie und drückte es an sich. Alkohol machte einen manchmal sentimental und hemmungslos und manchmal auch aggressiv, so wie mich jetzt.




