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„Sie haben Ihre Anweisungen, und ich meine. Bei uns geht der Eigenschutz vor, und weil wir für ihn ohnehin nichts mehr tun können“, er zeigte zu dem Mann, dessen Körper halb im Müllsack steckte, „sage ich: Wir gehen. Jetzt!“
Frömml nickte seinem Kollegen zu, woraufhin beide um den Tresen herum in Richtung Lagerraum und Fensterausstieg stapften. Hannes wandte sich ebenfalls um, nur Franziska blieb zurück und fotografierte fluchend alles, was ihr wichtig schien.
„Wo bleiben Sie denn?“, rief Frömml vom höher gelegenen Nebenraum.
Hannes drehte sich wieder zur Kollegin um. „Komm jetzt!“, rief er und versuchte energisch, nach Franziskas Arm zu greifen. Doch so schnell wollte die nicht aufgeben.
„Lass mich wenigstens noch ein paar Fotos machen.“ Sie entzog sich seiner Hand und knipste, sobald der Blitz wieder bereit war, in den Raum hinein. Immer wieder erhellte das grelle Licht der kleinen Kamera für einen Moment den schaurigen Tatort, bevor er erneut in einer diffusen Dämmerung verschwamm. Akustisch wurde die Szene von dem technischen Sirren der Kamera, wenn sich der Blitz wieder auflud, und dem unheimlichen Knirschen des Glases beherrscht. Unermüdlich wechselte die Kommissarin die Perspektive, um auch alle anderen Teile des Raumes festzuhalten.
Während sie sich Schritt für Schritt voran arbeitete, orientierte sie sich an dem massiven Tresen, als könnte er ihr, wie ein Fels in der Brandung, Halt geben. Ohne auf die warnenden Stimmen der Feuerwehrmänner und die aufgeregten und besorgten Rufe von Hannes zu hören, machte sie weiter, bis es in einem ohrenbetäubenden Knall die Schaufensterscheiben und die Glaseinsätze der Ladentür zerriss.
Braune Wassermassen schossen herein und füllten den Raum in Sekunden aus. Alles, was sich ihnen entgegenstellte, wurde einfach umgeschmissen und dann mitgerissen, bis sich die nächste stabile Wand den Wassermassen entgegenstellte. So erging es auch Franziska. Unfähig, sich nach dem lauten Knall noch in Sicherheit zu bringen, wurde sie vom eiskalten Wasser erfasst, herumgewirbelt und schließlich gegen den Tresen geschleudert, der ihr jedoch keinen Halt bot. Ohne wirkliche Orientierung versuchte sie die Wasseroberfläche zu erreichen, und als es ihr tatsächlich gelang, wurde ihr klar, dass sie sich knapp unterhalb der Decke befand.
Ist das Wasser schon so hoch gestiegen?, dachte sie, und dann schnappte sie hastig nach Luft, denn schon wurde sie erneut hinunter in die kalte braune Donau gezogen. Ihre Kleidung hinderte sie an sinnvollen Schwimmbewegungen, und die Muskeln waren von der Kälte des Wassers innerhalb von Sekunden träge und beinahe nutzlos geworden.
Nachdem die Donau den Raum erst einmal eingenommen hatte, stieg das Wasser zunächst höher und höher, bis es sich dem Niveau draußen vor der Tür angepasst hatte und schließlich zur Ruhe kam. Für Franziska dauerte dieser Vorgang eine Ewigkeit. Bei ihrem zweiten Versuch, Luft zu schnappen, hatte sie einige Schluck Donauwasser erwischt und trieb jetzt würgend und hustend und erneut Wasser schluckend in der Brühe, die sie gefangen hielt, ohne sie wirklich festzuhalten. Immer wieder wurde sie von herumschwimmenden Gegenständen gestreift, und bei ihrem Versuch, sich an irgendetwas zu klammern, daran erinnert, wie glitschig Wasser war.
Längst hatte sie die Orientierung verloren und begann gerade, mit ihrem Leben abzuschließen, als sie in der Ferne ein ganz schwaches Licht ausmachte. Kurz dachte sie an Walter und Hannes und sogar an Obermüller und daran, ob sie sie vermissen würden. Seltsame Bilder kamen in ihr hoch. Sie glaubte sich in einem Tunnel, der sie immer tiefer in sich hinein sog, bis am Ende … War das das Ende? Sah sie gleich ihren Lebensfilm rückwärts ablaufen, und wenn sie wieder Kind war, dann war alles vorbei?
Mit letzter Kraft begann Franziska mit den Armen zu rudern und mit den Beinen wild ins Wasser zu treten, bis sie tatsächlich etwas berührte, von dem sie sich abstoßen konnte. Und dann wurde das Licht heller, und sie hörte eine Stimme, Hannes‘ Stimme, die nach ihr rief: „Franziska!“
Sie spürte eine Hand, die nach ihr griff, sie aber nicht fassen konnte. Mein Gott, Hannes war da, Hannes wollte sie retten. Mit aufgerissenen Augen versuchte sie die Stelle zu erreichen, von der das Licht und weitere Stimmen kamen, und als sie es endlich schaffte, erneut eine Hand spürte, die nach ihr griff und an ihr zog, als sie sich schon gerettet wähnte, bekam sie einen fürchterlichen Schlag auf den Kopf und versank erneut in gnädiger Dunkelheit.

Wie ein geprügelter Hund stand Kriminalhauptkommissar Josef Schneidlinger auf dem Holzsteg unterhalb des Einstiegsfensters und machte sich selbst die schwersten Vorwürfe.
Natürlich war die Kollegin Steinbacher erfahren, und der junge Hollermann war ja auch mit reingegangen, aber wie sich jetzt gezeigt hatte, war die junge Kommissarin vielleicht doch noch nicht so weit – zumindest, wenn es um die Einschätzung des Risikos ging.
Der Hauptkommissar beugte sich über das Fensterbrett und versuchte einen Blick auf das Geschehen im Haus zu werfen. Als er vor wenigen Minuten am Tatort eingetroffen war, hatte man ihn mit der Aussage konfrontiert, dass sie jetzt vermutlich eine zweite Wasserleiche hätten. Nun, das kommt vor, dachte der Hauptkommissar im ersten Moment, schließlich war die Sachlage insgesamt etwas undurchsichtig. Als die Kameraden von der Feuerwehr jedoch hinzufügten, der Kommissarin wäre ja auch nicht zu helfen gewesen, wurde ihm schlagartig flau im Magen. Sie habe die Warnung selbst dann noch ignoriert, als es schon nicht mehr zu überhören war, dass das Glas im nächsten Moment zerreißen würde, berichtete ein Mann, und der Rest, na ja, der sei dann einfach Pech gewesen. Ihr Kollege hätte sie ja schon fast gehabt, als die Stützkonstruktion der Decke umkippte und der Balken der lebensmüden Kommissarin direkt auf den Kopf donnerte.
Nachdem er die Haustür ins Schloss gezogen hatte, war er noch froh darüber gewesen, dass er der aufgeladenen Stimmung, die an diesem Wochenende in seinem Elternhaus herrschte, den Rücken kehren konnte. Ausgestattet mit Gummistiefeln und einer regenfesten Jacke war er in seinen Porsche Boxster gestiegen, in weiser Voraussicht, dass er zwar nicht auf dem Weg zu einer echten Alternative für einen anständigen Sonntagabend war, aber immerhin weg kam. Er hatte die Autobahn genommen, war in Passau-Süd abgefahren, weiter über die B12 und dann runter auf die Regensburger Straße bis zum Schanzl. An der Ludwigstraße war er in die Fußgängerzone eingebogen und folgte ihr, bis er über den Heuwinkel zum Rindermarkt kam. Über die Messergasse und den Steinweg hatte er schließlich den Residenzplatz erreicht, wo man ihn dann nichtmehrweiterfahren ließ. Hier parkten auch der Bus der KTU und der Wagen von Franziska Steinbacher. Die gesamte Fahrt war Schneidlinger endlos und beschwerlich erschienen. Starker Regen prasselte auf das Verdeck seines Wagens, wie ein unermüdliches Stakkato, oder, wie er jetzt wusste, wie der Countdown zu dem Moment, in dem er hier stehen musste, um sich einem wahren Albtraum zu stellen.
Seit einem guten Jahr war er der Leiter der Passauer Mordkommission, und inzwischen kannte er nicht nur alle schönen Winkel dieser Stadt, sondern auch die weniger beschaulichen Ecken. Gleichzeitig waren ihm die neuen Kollegen ans Herz gewachsen, jeder auf seine ganz eigene Art. Vor allem die engagierte Oberkommissarin Steinbacher, die so erfrischend ehrlich, aber, wie er sehr wohl beobachtet hatte, auch verletzlich war, mochte er sehr. Und jetzt? Kurz war Schneidlinger versucht gewesen selbst hineinzusteigen, um bei der Bergung zu helfen. Andererseits waren da drin schon genug Fachleute im Einsatz, und so blieb ihm nur das lange und zermürbende Warten.
Für einen Moment ließ der Hauptkommissar das Fenster außer Acht und sah sich um. Neben ihm auf dem Steg standen die Kollegen von der Kriminaltechnik, die gehofft hatten, den Tatort inspizieren zu können, bevor das Wasser alle Beweise vernichtete. Sie alle blickten bekümmert zu dem kleinen Fenster hin, durch das Franziska mit Hannes und den Männern von der Feuerwehr in das Ladenlokal gestiegen war. Niemand schien Schneidlinger und seine Sorgen zu beachten, bis er spürte, wie sich ihm ein Blick in dem Rücken bohrte. Neugierig wandte er den Kopf und stierte in die Dunkelheit, um den zu finden, der ihn so interessiert musterte, als er erschrocken zusammenfuhr, weil ihm jemand mit lauter Stimme zurief: „Weg da! Wir haben sie!“
Der Hauptkommissar reckte sich, um endlich zu sehen, was mit der Kollegin passiert war, doch statt Franziska erschien ein großer und kräftiger Feuerwehrmann im Fenster und kletterte heraus.
„Ist sie …?“ Schneidlinger traute sich nicht, seinen Satz zu beenden. Mit verzweifelter Miene sah er den Feuerwehrmann an.
„Unkraut vergeht nicht“, versicherte der Mann grob, überließ Schneidlinger die weitere Deutung und stapfte davon.
„Chef?“
Der Hauptkommissar wandte den Kopf, und sofort huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Franziska …äh, Frau Steinbacher! Bin ich froh, Sie zu sehen.“
Schnell sprang er zwei Schritte auf den Fensterausschnitt zu, um ihr beim Heraussteigen behilflich zu sein. Haare und Kleidung klebten an ihrem Körper, und ihr Gesicht sah mitgenommen aus. Trotzdem gelang ihr ein kleines Lächeln, als Schneidlinger sie vorsichtig vom Fensterbrett hob.
„Wir bringen sie zum Krankenwagen“, mischte sich die herbeieilende Mona von der Kriminaltechnik ein, bevor die Stimmung zu rührselig werden konnte. „Sie muss ins Warme, und ihr Kopf muss untersucht werden.“
Schneidlinger nickte. „Ja. Danke. Ich mache mir nur noch ein Bild der Lage und komme dann nach.“

Am Krankenwagen, der vor der Theologischen Hochschule stationiert war, empfing der Notarzt Dr. Franz Buchner den kleinen Trupp. Schnell hatte die Nachricht von Franziskas unfreiwilligem Bad in der Donau und dem anschließenden die Runde gemacht, und alle hatten so besorgt reagiert wie der Hauptkommissar; schließlich kannte man sich von verschiedenen Einsätzen.
„Meiner Meinung nach haben Sie eine Gehirnerschütterung“, erklärte der Notarzt im gleichen Ton, in dem er sonst an einem Tatort über die Todesursache spekulierte, nachdem er Puls und Blutdruck gemessen und Franziskas Schädel auf eine mögliche Verletzung hin abgetastet hatte. „Näheres kann ich erst nach weiteren Untersuchungen im Klinikum sagen. Ich würde Sie gern für ein paar Tage zur Beobachtung aufnehmen“, schlug Dr. Buchner vor.
Doch schon während er diesen Satz vortrug, schüttelte Franziska den schmerzenden Kopf und zog die Decke enger um den zitternden Körper.
„Tatsächlich habe ich nicht erwartet, dass Sie zustimmen“, gab sich der Notarzt sofort geschlagen und lächelte die Kommissarin aufmunternd an. „Aber dann nehmen Sie zu Hause wenigstens ein warmes Bad und legen sich ins Bett. Haben Sie jemand, der sich um Sie kümmert?“
Bevor Franziska darauf antworten konnte, sagte Schneidlinger: „Natürlich, wir werden sie nicht aus den Augen lassen.“ Er schien ernsthaft besorgt.
„Schon okay, Chef. Ich kann auf mich selbst aufpassen. Mir ist nur so schrecklich kalt.“
„Jemand sollte sie heimbringen“, begann Dr. Buchner erneut.
„Gut.“ Schneidlinger warf einen Blick zu Hannes. „Herr Hollermann hat mir bereits von den Verletzungen des Toten berichtet. Frau Steinbacher kann bedenkenlos nach Hause gehen und sich auskurieren.“
Franziska nickte. „Wann werden sie den Toten herausholen können?“, fragte sie.
Schneidlinger zuckte mit den Schultern.
„Ich habe Fotos gemacht. Vielleicht … Ich hoffe, sie sind nicht beschädigt worden, als die Kamera nass geworden ist“, fügte sie hinzu, doch Schneidlinger wiegelte sofort ab.
„Jetzt machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Erholen Sie sich, und den Rest sehen wir dann schon.“
„Aber …“
„Kein Aber. Es war schon unverantwortlich von Ihnen, nicht auf die Mahnung der Rettungskräfte zu hören.“ Der Hauptkommissar atmete tief aus und wechselte einen kurzen Blick mit Hannes bevor, er in versöhnlichem Tonfall weitersprach. „Natürlich kann es sein, dass wir im Laufe der Ermittlungen noch sehr froh über Ihre Unterstützung sein werden. Wo ist denn die Kamera eigentlich?“
Mit einem kleinen Lächeln zeigte Franziska auf die nassen Sachen, die auf einem Haufen neben der Trage lagen, auf der sie saß. Obenauf lag die Kamera.
„Gut, dann gebe ich sie der Kriminaltechnik, damit die sich darum kümmern. Wie haben Sie das eigentlich geschafft, dass sie die Kamera im Wasser nicht verloren haben?“
„Ich weiß auch nicht“, gestand Franziska. „Ich glaube, ich habe mich einfach an ihr festgehalten.“

Längst hatte er den Beobachtungsplatz aufgegeben und ruderte mit seiner Zille, die er am Ende der kleinen Fluchtgasse stationiert hatte, an der Stadtmauer und am Hotel Schloß Ort vorbei. Das Fahren mit der Zille lernten die Kinder im Örtl früh, schließlich nutzte man dieses wendige Boot nicht nur beim jährlichen Hochwasser, sondern auch für kleine Ausflüge auf Inn und Donau. Manche hatten sogar einen Motor und wurden von den Anwohnern wie ein Wassermofa benutzt. Im Hochwassergebiet war es allerdings besser zu rudern, und auf Donau oder Inn würden heute nur Lebensmüde hinausfahren.
Vor dem Hotel machte er eine Pause, um sich eine Zigarette anzuzünden. Es war seine letzte, und er musste zusehen, dass er neue bekam. Hunger hatte er auch. Leider war durch diesen ganzen Trubel sein Zeitplan durcheinandergeraten. Während er rauchte, blickte er zu Fassade des Hotels hinauf, das, wie alle Häuser im Örtl, schon tief im Wasser des Inn stand. Trotzdem strotzte es seit Jahrhunderten allem Unbill, und so ein Hochwasser würde es schon gar nicht umreißen. Um das Jahr 1200 hatte man es schon in einer Urkunde erwähnt, hatte ihm seine Mutter einmal erzählt, weil damals gerade Bischof Berthold von Salzburg kam, um die Stadt von den bayerischen Besatzern zu befreien, die sich genau hier, in der Veste Ort, eingenistet hatten. Damals war das hier die wichtigste Schutzfestung von Passau gewesen. Kann man heute kaum noch glauben, hatte seine Mutter immer gesagt. Fünfzig Jahre später wurde die Veste Ort dann sowieso nicht mehr gebraucht, weil sie jetzt die Veste Niederhaus auf der anderen Seite der Donau hatten. So wurde das Schloss halt zum Gefängnis, und der Bannrichter wohnte auch mal hier.
Er lauschte. Waren das eben Schreie gewesen? Aus dem alten Gemäuer? Vom Wasser herausgespült?
Red nicht so einen Unsinn, würde seine Mutter jetzt sagen. Und jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und basta.
Sie hatte recht, denn schließlich gab es Wichtigeres als dieses Haus, das ja erst einmal zu dem hatte werden müssen, was es heute war. 1873 war es zum Hotel umgebaut worden, weil es schön war, wenn man auf der Terrasse saß und auf den Inn blicken konnte. Seine Mutter hatte immer davon geträumt, dort mal zu sitzen. Aber es sollte halt nicht sein, und damit basta.
Inzwischen war er klatschnass und fror fürchterlich. Selten war die Donau im Juni noch so kalt wie in diesem Sommer. Während er weiterruderte, setzte er das Paddel voller Aufmerksamkeit ein, schließlich wusste man nie, was einem unter Wasser so alles begegnete. Einmal war ihm sogar ein Auto entgegengeschwommen, allerdings war das am Rathausplatz gewesen, und damals hatte das Wasser auch viel höher gestanden. Aber wer weiß, noch hatten sie das Schlimmste ja nicht hinter sich.
Als er das Platzl erreichte, warf er einen Blick zum alten Laden. Das Fenster hatten sie zugenagelt, damit niemand mehr auf die Idee kam einzusteigen. Den Toten hatten sie noch immer nicht herausgeholt, das hatte er genau beobachtet, und er hatte gehört, wie sie davon sprachen, dass sie ihn so schnell auch nicht bergen konnten, weil der Stützpfeiler, der die einsturzgefährdete Decke sichern sollte, umgefallen war. Eine Tussi von der Polizei hätte es auch fast erwischt. Wie konnte man auch nur so dumm sein und nicht auf das Glas hören?
Der Chef war als Letzter gekommen, auch nicht schön, man ging als Chef doch voran, aber irgendwie auch schlau, so war ihm das Bad in der Donau erspart geblieben. Als der so da gestanden und auf das Fenster geschaut hatte, hatte er für einen Moment befürchtet, er habe ihn entdeckt, doch dann hatten sie die Polizistin rausgeholt und wie einen nassen Sack durch das kleine Fenster des Häuschens hinaus ins Freie gezogen, und das hatte ihn gerettet. Aber so wie es schien, wussten sie noch immer nichts über den Toten. Er hätte ihnen sagen können, was das für einer gewesen war, aber bestimmt würde ihm dann wieder keiner glauben. So war das schon immer gewesen, und so würde es immer bleiben.

Ein wenig verlegen stand Franziska vor der Badewanne und schaute zu, wie sich an der Stelle, an der der Wasserstrahl auf die Oberfläche traf, immer mehr Schaum bildete. Als ihr klar geworden war, dass Hannes sie nicht nur zu Hause abliefern, sondern bei ihr bleiben und sich um sie kümmern würde, hatte sie eine Extraportion Badeschaum in die Wanne gegossen.
Hannes hatte ihre Absicht sofort durchschaut und frech gegrinst. „Keine Angst, ich schau dir schon nichts ab!“
„Ich hab keine Angst“, hatte Franziska erklärt, aber ein wenig nervös an ihrem Shirt herumgezupft. Nachdem Schneidlinger zu Hannes gesagt hatte, er solle sie nach Hause fahren, hatte Mona ihre Sportsachen aus dem Auto geholt und sie ihr für den Heimweg angeboten. Die Trainingshose und das Shirt waren zwar schön trocken, aber leider auch viel zu kurz.
„Ich mach dir mal einen schönen Tee“, hatte Hannes die Situation überspielt und war hinausgegangen, wobei er die Tür angelehnt ließ. Rasch zog Franziska sich nun aus, legte ein großes Handtuch bereit und setzte sich in die Wanne. Sofort begannen ihre Beine und ihr Po zu kribbeln. Dr. Buchner hatte sie ermahnt, sie solle nicht gleich komplett ins heiße Wasser steigen, ihr Köper müsse langsam erwärmt werden − aber wie langsam, hatte er nicht gesagt.
Nach einer Weile ließ sich Franziska tiefer ins Wasser gleiten, bedeckte ihren Oberkörper gewissenhaft mit Schaum und schloss die Augen. Schnell gingen ihre Gedanken auf Wanderschaft, und natürlich landeten sie wieder in dem Haus an der Ortsspitze, wo jetzt die Leiche des unbekannten Mannes und die eingestürzte Deckenabstützung im trüben Donauwasser schwammen.
„Tee ist fertig“, rief Hannes endlich durch die angelehnte Tür, und Franziska hatte gerade noch genug Zeit, eine große Portion Schaum auf ihrem Busen zu verteilen, als er auch schon vor ihr stand. In den Händen hielt er ein beladenes Tablett. „Eine schöne Wohnung hast du.“ Hannes zwinkerte ihr zu, und Franziska war sich sicher, dass er, auf der Suche nach der Küche und den richtigen Utensilien, einen Rundgang durch alle Räume gemacht hatte.
„Ich glaube, so etwas hat es noch nie gegeben. Wir finden eine Leiche, schauen sie uns an und müssen den Tatort verlassen, ohne sie bergen zu können.“
Franziska warf ihm einen kurzen Blick zu und versuchte dann, das Bild von den braunen Wassermassen aus dem Kopf zu verbannen, die sie wieder und wieder unter sich begruben. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Wasserhahn, an dem ihre Zehen herumspielten.
„Hey. Zerbrich dir nicht den Kopf. Seit wann geht in unserem Beruf immer alles rund, hm?“, versuchte Hannes die Kollegin zu trösten, als er sah, wie sie sich quälte. „Immerhin haben wir die Fotos.“
Doch Franziska ließ sich nicht aufmuntern. „Wir müssen den Hausbesitzer verständigen und ihn fragen, ob es nicht doch noch eine andere Möglichkeit gibt, um die Leiche sicher zu bergen.“ Auf einmal sah sie auf und Hannes an, als wäre er soeben erst hereingekommen. „Hol doch bitte mal meinen Laptop. Steht auf dem Tisch im Wohnzimmer. Dann können wir …“
„Auf keinen Fall! Das hat alles Zeit bis morgen“, unterbrach sie Hannes und stellte endlich das Tablett auf den Hocker mit dem Handtuch. Als Franziska sah, was er alles mitgebracht hatte, musste sie unwillkürlich lächeln. Neben einer Teekanne und zwei Tassen standen eine Zuckerdose, ein brennendes Teelicht, ein kleiner Blumentopf, den er vom Fensterbrett in der Küche genommen hatte, und einen sorgsam auf einem Teller drapierten Müsliriegel. Vermutlich das einzig Nahrhafte, das er in ihrer Küche gefunden hatte. „Süß!“, entfuhr es ihr.
Hannes lächelte zufrieden, reichte ihr einen Becher Tee mit viel Zucker und erklärte: „Auf dein zweites Leben!“
Franziska war gerührt, doch bevor Hannes noch mehr Sentimentalitäten über sie und ihr Glück von sich geben konnte, fragte sie: „Warum fährst du eigentlich nicht mehr Auto? Ich meine, du kannst es doch, und zwar nicht mal schlecht – hast es ja eben bewiesen.“
Geistesabwesend schaute Hannes in seine Tasse, von der er immer wieder einen Schluck nahm, schwieg aber in den folgenden Augenblicken, bis Franziska schon fürchtete, er würde sich wieder einmal vor einer Antwort drücken, wie er es immer tat, wenn ihm etwas unangenehm war.
„Weißt du, du kanntest sie ja nicht … aber Mira war etwas ganz Besonderes.“ Hannes hatte seine Tasse abgestellt und starrte jetzt ein wenig abwesend aufs Badewasser. „Sie hatte eine ganz feste Vorstellung von dem, wie ihr Leben einmal verlaufen sollte. Nach dem Abitur studierte sie und suchte sich nebenbei schon die richtige Firma aus, um anschließend dort zu arbeiten. Es war klar, dass sie einmal viel Geld verdienen würde. Trotzdem störte es sie nicht, dass ich zur Polizei gehen wollte. Sie sagte, jeder müsse das tun, was ihn glücklich mache.“ Hannes ließ seine Hand gedankenverloren über die Wasseroberfläche gleiten und begann, mit dem Schaum zu spielen.
Franziska sah ihm zu und ließ ihn gewähren.
„An jenem Abend waren wir bei meinen Kollegen eingeladen“, fuhr Hannes fort. „Und obwohl ich ihre Idee von der Gleichberechtigung mochte, bestand ich darauf, das Auto nach Hause zu fahren. Wir hatten sogar einen kleinen Streit deswegen, aber ich sagte: ‚Nein, ich fahre‘, und sie nahm es dann einfach hin. Ich habe mich anschließend oft gefragt, warum sie wohl so schnell nachgegeben hat. Das war so gar nicht ihre Art.“
Hannes holte einen Berg Schaum aus dem Wasser und pustete vorsichtig hinein.
„Kurz bevor wir die Kreuzung erreichten, meinte Mira: ‚Weißt du, Hannes, ich finde es schade, dass du manchmal so kleinlich bist. Aber ich liebe dich trotzdem.‘ Ich kam nicht einmal mehr dazu, ihr zu antworten.“
Hannes starrte auf seine Hand und sah dann ganz plötzlich Franziska an, die aber nichts sagte, um ihn nicht zu unterbrechen.
„Der andere Wagen kam so schnell. Sie war sofort tot. Die Kollegen haben später festgestellt, dass der Fahrer 2,4 Promille hatte und eigentlich unzurechnungsfähig war. Das Stoppschild hat ihn überhaupt nicht interessiert, er ist einfach auf die Kreuzung zugefahren.“
„Aber du konntest doch nichts dafür“, versuchte Franziska ihren Kollegen mit sanfter Stimme zu trösten.
„Doch, denn wenn ich nicht darauf bestanden hätte zu fahren, dann wäre sie jetzt noch am Leben. Verstehst du?“
„Ja, aber dann du wärst tot. Glaub mir, es war dir nicht bestimmt.“
„Ihr etwa?“, begehrte Hannes auf und ließ seine Hand kraftlos ins Wasser sinken.
„Vielleicht“, gab Franziska sehr vorsichtig zu bedenken. Dann zuckte sie hilflos mit den Schultern. „Wir wissen doch gar nicht, was das Schicksal mit uns vorhat.“

„Na bitte“, lobte Hannes sich selbst und legte zufrieden das Mobilteil auf die Station zurück. Dann machte er einen Strich unter die letzte Aussage, als wollte er damit bekräftigen, dass er alles erledigt hatte. Während er sich genüsslich in seinem Schreibtischstuhl ausstreckte, dachte er an den gestrigen Abend zurück und daran, wie er Franziska alles über den schrecklichsten Tag in seinem Leben erzählt hatte.




