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Allerdings machte sich Josch über solche Dinge nie Gedanken. Seine Welt war einfach. Wenn er beim Essen war, dann wollte er seine Ruhe haben und nicht ständig denken müssen. Das musste dann warten. Es sei denn, er hatte einen Auftrag. Der ging zu jeder Zeit vor. Überhaupt war der Job für ihn das Wichtigste, denn nur durch ihn hatte er eine Chance, irgendwann einmal aus diesem Loch herauszukommen. Er grinste zufrieden, denn er wusste, dass er in dem, was er tat, gut war, sonst würde er ja gar keine Aufträge bekommen.
Als auch der zweite Burger verspeist war, leckte er sich der Reihe nach den Fleischsaft von den Fingern. Dann erst stand er auf, warf die Burgerschachtel in eine Ecke der Halle, die ihm als Unterschlupf diente, und lief ein paar Schritte, um sein Lager zu inspizieren. Bis zum Abend wollte er aufräumen und sauber machen − Aufgaben, die zu seinem Job gehörten, auch wenn sie ihn langweilten. In der vergangenen Woche war er viel unterwegs gewesen, um neue Ware zu ordern. Er war jetzt Einkäufer. Beim Gedanken daran, wie wichtig er dadurch geworden war, huschte ein entwaffnendes Lächeln über sein gebräuntes Gesicht. Es war sein Markenzeichen, etwas, das ihm Türen öffnete und half, wenn er unterwegs war.
Am Anfang hatte er sich und seine Fähigkeiten noch nicht richtig einschätzen können, und da war ihm auch mal ein Geschäft durch die Lappen gegangen, aber jetzt – er lachte selbstgefällig – war er richtig gut geworden. Heute konnte er problemlos gute und sehr gute Ware voneinander unterscheiden. Und schlechte Ware kam ihm schon gar nicht mehr ins Lager. Schlechte Ware bedeutete nur Ärger, und wer ständig Ärger hatte, gehörte zu den Verlierern. Das hatte er früh lernen müssen.
Über sein Leben hatte er sich noch nie beschwert, brachte ja doch nichts. Man kriegt, was man verdient, hatten sie ihm früher immer gesagt, und er hatte als Konsequenz daraus gezogen, dass man sich dann einfach nehmen musste, was man haben wollte.

Franziska fuhr die Spitalhofstraße entlang und reihte sich schließlich auf der Linksabbiegerspur vor der roten Ampel ein. Straßen, Häuser und Menschen, die hastig bis zum nächsten schützenden Dach eilten, waren tropfnass. Der Regen fiel ununterbrochen vom Himmel herab, Fußgänger wie Autofahrer schauten missmutig drein. Dieses Wetter machte niemandem Freude.
Als die Ampel auf Grün sprang, folgte die Kommissarin dem Berufsverkehr die Danziger Straße hinauf. Die Häuser, die hier standen, waren in den Siebzigerjahren aus viel Beton und dunklem Holz gebaut worden. Doch was damals schick gewesen war, sah heute, vor allem bei Regen, eher trostlos aus.
Da Franziska und Hannes immer noch darauf warteten, dass sich Rechtsanwalt Viktor Mooslechner, der Verwalter der Erbengemeinschaft, bei ihnen melden würde, waren sie im Internet selbst auf über das Haus der Familie Beinhuber gegangen.
Sie hatten herausgefunden, dass es vier Beinhuber-Brüder gab, von denen drei allem Anschein nach gut situiert waren. Bernhard Beinhuber war Internist am Klinikum, Josef Oberstudienrat am Adalbert-Stifter-Gymnasium und Franz Maschinenbauingenieur in der Zahnradfabrik. Diese drei, so hatte die Kollegin Hoffmann Hannes erzählt, wollten Haus und Laden verkaufen, das Geld aufteilen und ihre Ruhe haben. Anders sah es bei Christian, dem jüngsten Beinhuber aus, der, laut der Erzählung der Kollegin, noch zu Hause wohnte, irgendetwas Alternatives machte und das Haus nicht veräußern wollte. Aus diesem Grund hatten ihn die Kommissare für eine erste Befragung ausgewählt, wenn sie den Rechtsanwalt schon nicht erreichen konnten. Sie rechneten damit, dass der, der das Haus behalten mochte, auch am ehesten wusste, was dort vor sich ging.
Die Wohnungstür öffnete ihnen eine blond gesträhnte Frau in kariertem Wollrock und unifarbenem Rollkragenpullover. An den Füßen trug sie Ballerinas, die ihrer zierlichen Statur etwas Mädchenhaftes verliehen. Den Recherchen nach musste Martha Beinhuber Ende sechzig sein, doch so wie sie jetzt vor ihnen stand, erschien sie viel jünger. Während Hannes die Vorstellung übernahm, musterte Franziska Mutter Beinhuber interessiert.
„Der Christian ist nicht zu Hause“, erklärte sie freundlich und bat die beiden Kommissare, ihr ins Wohnzimmer zu folgen. Nachdem alle Platz genommen hatten, veränderte sich auf einmal der Gesichtsausdruck der alten Dame, und wie von einer düsteren Ahnung überkommen, fragte sie: „Ist dem Bub was passiert?“
„Nein, nein, wir möchten mit ihm nur einen Sachverhalt abklären“, beeilte sich Franziska zu versichern.
Sie saßen am oberen Ende des großen Esstisches. Gleich daneben führte eine Tür auf die Dachterrasse, die jedoch, still und grau und ohne Blumenschmuck, wenig Beachtung fand.
„Ach so.“ Die Mutter schien beruhigt.
„Sagen Sie, können wir Ihren Sohn irgendwie erreichen?“, wollte Hannes wissen.
„Ja, also, ich weiß auch nicht. Er ist ja bei diesem Seminar, aber anrufen kann man ihn dort nicht, hat er gesagt.“
„Wo findet das Seminar denn statt?“ Hannes blickte Mutter Beinhuber freundlich interessiert an.
„Also, das hat er nicht gesagt, nur dass er Ende der Woche wiederkommt.“ Franziska gab sich zufrieden. „Sagen Sie, Frau Beinhuber, was macht der Christian eigentlich beruflich?“
„Ja, also, der Christian, der hat eine Gabe. Er kann Menschen heilen, indem er ihnen die Hand auflegt.“ Frau Beinhubers Gesicht erstrahlte, als sie das sagte.
„Ein Geistheiler?“, hakte Hannes nach.
„Ja, ein Geistheiler!“, rief sie lebhaft aus.
„Äh“, Franziska stutzte.
„Was bitte ist ein Geistheiler?“
„Geistheiler nennt man diejenigen, die mithilfe esoterischer, religiöser oder magischer Behandlungsmethoden heilen“, erklärte Hannes beflissen.
Also Spinner, dachte Franziska, hielt aber den Mund und nickte stattdessen verständnisvoll.
„Wissen Sie, als der Christian klein war, da hatte er schon diese besonderen Hände“, fuhr Mutter Beinhuber aufgeregt fort. „Ich sagte dann immer zu ihm: „Christian, gib mir deine Hand, das tut mir so gut!“
„Und davon kann man leben?“ Franziska war skeptisch.
„Ja. Naja, er lebt ja noch bei mir, aber er hat Pläne, und er sagt oft: „Wenn das klappt, dann werde ich reich.“
Nachdenklich nickte Franziska vor sich hin. Was ihr nicht klar werden wollte, war, wie ein Mann mit heilenden Händen in dem alten Haus an der Donau Geld verdienen wollte. Aber vielleicht hatte er ja auch ganz andere Pläne, und an dem Gerücht von den vier zerstrittenen Brüdern, das Hannes aufgetischt bekommen hatte, war gar nichts dran.
„Das Haus gehörte der Schwester Ihres Mannes, Ihrer Schwägerin Emmi, die vor drei Jahren gestorben ist?“, fragte Hannes gerade in ihre Überlegung hinein.
„Ja, das stimmt. Es kam fast ein bisschen plötzlich für uns. Wobei sie wohl schon länger Bescheid wusste, uns aber nichts gesagt hat. Sie wollte uns nicht beunruhigen. Sie dachte bis zuletzt, dass sie wieder gesund wird. Christian hat sie damals sehr oft besucht, aber er konnte ihr leider auch nicht helfen.“
„Trotz Christians Besuchen und seinem offensichtlichen Interesse an der Immobilie hat sie es aber an alle Neffen vererbt“, stellte Hannes klar.
Ein Schatten legte sich auf das Gesicht der Mutter, und zum ersten Mal konnte man ihr wahres Alter erahnen. „Ach, dieses leidige Thema. Ich kann es schon nicht mehr hören. Glauben Sie mir, ich mochte meine Schwägerin sehr, aber ihre Hoffnung, dass sie durch diese Entscheidung die Brüder enger zusammenschweißen könnte, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Wenn es nach mir ginge, würde Christian das Haus bekommen, und es wäre wieder Ruhe in der Familie. Aber nach dem Tod meines Mannes gehörte das Haus Emmi, und sie konnte damit machen, was sie wollte. Vielleicht hat sie es ja sogar gut gemeint. Aber wie sagt man so schön: Gut gemeint, ist nicht gut gemacht!“
„Die drei anderen sind dagegen, dass Christian das Haus übernimmt?“, ließ sich Hannes die Erzählung der Kollegin Hoffmann bestätigen.
„Ja, das stimmt. Das heißt, sie würden ihm ihre Anteile verkaufen, aber der Christian hat ja kein Geld.“
„Und warum will der Christian unbedingt dieses Haus haben? Hat das etwas mit seiner Geschäftsidee zu tun?“
Mit jedem weiteren Vordringen in die Familie fürchtete die Kommissarin, Frau Beinhuber werde sie jetzt gleich fragen, warum sie das alles wissen wolle.
„Na ja.“ Mutter Beinhuber lächelte, und Franziska meinte, einen Hauch von Stolz in den Augen aufglimmen zu sehen. „In dem alten Haus gibt es eine Stelle mit besonders positiver Energie. Genau dort will er seinen Behandlungsplatz einrichten. Zusammen mit seiner Gabe wäre das für seine Klienten wie ein Jungbrunnen.“
„Positive Energie auf einer Stelle gebündelt?“, fragte Franziska ungläubig nach.
„Ja. Glauben Sie mir, die Kraft ist so stark, dass sich sogar eine Bodenfliese gelöst hat. Direkt vor dem alten Verkaufstresen.“
Vor dem Tresen … Franziska überlegte. Sie hatte die lockere Fliese gesehen, bevor das Wasser kam und sie von den Füßen riss. Sie hatte sie aus Versehen sogar fotografiert, als sie umgefallen war. Mona hatte sie noch damit aufgezogen. Vielleicht …
Mama Beinhuber riss sie energisch aus ihren Spekulationen. „Jetzt sagen Sie schon, was mit dem Christian passiert ist.“
„Wie kommen Sie darauf, dass ihm etwas passiert sein könnte?“, wich Franziska aus.
„Weil ich mir sicher bin, dass Sie nicht ohne Grund nach all dem fragen.“
Franziska fühlte sich ertappt. Sie hatte tatsächlich gehofft, mit ihrer Geschichte durchzukommen. „Solange wir Ihren Sohn nicht gesprochen haben, darf ich Ihnen leider keine Auskunft über unsere Ermittlungen geben“, erklärte sie und hoffte, dass diese Auskunft Frau Beinhuber beruhigen würde.

„Hast du das gehört?“, erklärte Franziska feierlich, nachdem sie wieder im Auto saßen. „Ich stand auf einem Punkt mit besonderer positiver Energie, als ich umgerissen wurde.“
„Was beweisen würde?“, erkundigte sich Hannes skeptisch.
„Dass ich außerordentliches Glück hatte, nicht auf einem Punkt mit negativer Energie gelandet zu sein“, feixte Franziska mit einem schiefen Lächeln und griff nach ihrem Handy.
Irgendwann am gestrigen Abend, nachdem Hannes gegangen war und der Rotwein sie endlich an etwas anderes als ihr Beinahe-Ertrinken denken ließ, hatte sie Walter eine SMS geschickt, in der sie ihm, wohl etwas umständlich, von ihrem schlimmen Erlebnis erzählt hatte. Keine zwei Minuten später hatte das Handy geklingelt. Besorgt hatte Walter gefragt, wie so etwas denn passieren könne und ob es ihr auch wirklich gut gehe. Am liebsten wäre sie in ihr Handy hineingekrochen, so gut tat ihr seine Stimme und seine Besorgnis, die nur noch von der Ankündigung „Ich komme sofort zu dir“ hätte getoppt werden können. Was natürlich nicht ging, wie er ihr versicherte, und auch, dass er voller Sehnsucht darauf warte, dass sie den Fall abschloss, um endlich zu ihm nach Palermo zu kommen. „Ich vermisse dich sooo!“, hatte er ihr gestanden.
Selbst jetzt, allein bei der Erinnerung daran, wurde ihr ganz warm ums Herz, und ihr Körper begann vor Sehnsucht zu kribbeln. So einen Satz hatte sie von Walter noch nie gehört. Wehmütig schloss Franziska die Augen, doch kaum begann sie vor sich hin zu träumen, da holte Hannes sie auch schon wieder ins unfreundliche Passauer Regenwetter zurück.
„Ich frage mich, wie oft die drei Brüder überhaupt in dem Haus waren, und ob sie wussten, in welchem Zustand es war.“ Hannes sah sie so eindringlich an, als könnte er ihre Gedanken lesen, blieb aber bei der Sache. „Ich hab mich übrigens bei der Feuerwehr erkundigt, wer die Hochwasservorkehrungen bei der Beinhuber-Immobilie getroffen hat“, erklärte er. „Die Sandsäcke hat auf jeden Fall die Feuerwehr vor die Tür geschichtet. Das machen die, sobald die Warnung des Wasserwirtschaftsamts kommt. In der Regel helfen die Anwohner natürlich mit, ist ja in ihrem Interesse, dass ihre Häuser möglichst gut geschützt werden. Von den Beinhubers war allerdings keine Rede.“
Franziska nickte nachdenklich, warf einen letzten Blick auf ihr Handy und schob es in ihre Tasche zurück.
„Also, wenn ich dieser Christian wäre und dafür gekämpft hätte, dass ich das Haus bekomme, dann hätte ich auch dafür gesorgt, dass es gut geschützt wird“, überlegte Hannes weiter.
„Kann doch sein, dass das einfach so ein Spinner ist und seiner Mutter mit seinen Plänen nur was vorgemacht hat“, stieg Franziska in die Überlegung ein. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie es bei einem Geistheiler zugeht?“
„Du meinst wohl, ich probier alles aus, was?“, lachte Hannes.
Franziska grinste frech. „Würde ich dir zutrauen.“
„Nein, leider, aber wenn du wissen willst, wie das so ist: Ich habe einen Freund, der schon mal bei einem Geistheiler war.“ Hannes warf einen Blick auf die Uhr. „Wir könnten vorbeifahren und ihn fragen.“
Franziska sah ihn an. „Hat er dir denn nichts von dem Erlebnis erzählt?“
„Nur, dass es auf einmal ganz hell wurde, als der Typ ihm die Hände aufgelegt hat, und dass es ein unbeschreibliches Gefühl gewesen ist.“
„Weißt du was? Die Märchenstunde heben wir uns noch ein bisschen auf.“ Franziska wollte lieber wieder mit Walter telefonieren. „Ich glaube, ich bin doch noch nicht so ganz auf dem Damm und würde jetzt lieber langsam Feierabend machen. Und Hunger hab ich auch.“
Die Kommissarin startete den Motor, parkte aus und reihte sich in den Feierabendverkehr ein.
„Ich glaube, ich hab nicht mal mehr eine Scheibe Brot zu Hause“, sagte Hannes mit starrem Blick durch die Heckscheibe, während der Regen auf Dach und Scheiben trommelte.
Franziska schluckte und sagte nichts. Ihr war bewusst, dass Hannes sie indirekt fragte, ob sie sich gemeinsam etwas kochen wollten. Womöglich in Franziskas Küche. Womöglich bei einigen Gläsern Rotwein. Aber das konnte und wollte sie nicht. Gestern das war eine Ausnahme gewesen, da war es gut, dass Hannes da gewesen war und sie ablenkte, Heute würde sie sich auf die Felle legen, die Augen schließen und Walters Stimme lauschen und sich dabei vorstellen, er wäre bei ihr oder käme zumindest gleich herein.
Sie mochte Hannes, und gerade aus diesem Grund wollte sie nicht, dass ihr Verhältnis jemals ein anderes als ein kollegiales war. Da war es besser, einen großen Bogen um Rotwein und Kaminfeuer zu machen. Deswegen schlug sie vor: „Was ist denn mit der Kollegin Hoffmann, willst du nicht mit der den Kochlöffel schwingen?“
Kopfschüttelnd betrachtete Hannes die Kollegin. „Ach Franzi, manchmal bist du wirklich unmöglich!“

Zwei Stunden später lag Franziska, von duftendem Schaum umgeben, wieder einmal in ihrer Wanne und dachte über das Leben und seine seltsamen Fügungen nach. Einem Mann wird genau zu der Zeit, wo die Passauer Altstadt vom Hochwasser überschwemmt wird, in einem leer stehenden Haus an der Ortsspitze der Hals aufgeschnitten. War die Flut nur ein Zufall, oder gehörte sie zum Plan des Täters? Hatte er tatsächlich die Prognosen des Wasserwirtschaftsamtes richtig gedeutet und sich zu eigen gemacht? Und welchen Nutzen hatte das Wasser für ihn überhaupt? Bedeutete es einen Zeitgewinn? Aber wofür brauchte er dann eine Gewebeprobe vom Toten? Vor allem, warum nur Haut- und Fleischstücke, warum nicht gleich einen Finger? Franziska schloss die Augen, weil ihr schon wieder schwindlig wurde. Trotzdem kamen ihre Gedanken nicht zur Ruhe.
Wie passte diese ganze Konstellation zu den vier Beinhuber-Brüdern, von denen einer unbedingt Haus und Laden erben wollte, während die anderen das Ganze nur als schöne Möglichkeit sahen, an Geld zu kommen? Hatte die alte Tante den Wunsch des jüngsten Neffen wirklich ignoriert und stattdessen versucht, mit ihrem Letzten Willen die Brüder zusammenzuschweißen? Glaubte sie, dass das gelingen konnte? Oder war das Ergebnis der verunglückten Familienzusammenführung eben jener unbekannte Tote? Hatte Christian Beinhuber, der angeblich bei einem Seminar war und dort nicht erreicht werden konnte, etwas damit zu tun? Oder war das alles doch nur ein Zufall, und es nutzte ein Fremder die Gelegenheit, das verlassene Haus als Tatort und später als praktische Entsorgungsstätte für den Toten zu verwenden? Aber wie waren Täter und Opfer überhaupt zusammengekommen? Hatte der Täter sein Opfer in den Laden bestellt? Oder war der, der das Treffen vorgeschlagen hatte, am Ende das Opfer, das nicht mit einem Übergriff des Täters gerechnet hatte? Und war das planmäßig passiert oder eine Affekthandlung? Etwa, weil das Opfer den Täter provoziert hatte?
Nachdem sie Hannes unterwegs abgesetzt hatte, war sie nach Hause gefahren und hatte sich an den Laptop gesetzt, um mehr über die Gabe eines Geistheilers zu recherchieren. Tatsächlich gab es Geistheilerseminare in nahezu allen Großstädten, und jeder schwor darauf, dass man die Fähigkeit des Handauflegens jederzeit erlernen könne. Als letztes Insignie der Geistheiler macht öffnete der Seminarleiter, so wurde es beschrieben, bei der ersten Geistheiler-Klient- Berührung die mentale Schleuse und machte somit jede Heilung möglich.
Kichernd richtete sich Franziska im Wasser auf und nahm das Rotweinglas von dem Hocker daneben. Als ihr der Wein fruchtigherb durch die Kehle rann, breitete sich ein wehmütiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Wenn nicht all diese Fragen im Raum stehen würden, wäre sie vielleicht schon auf dem Weg nach Sizilien und würde schon morgen in Walters Armen erwachen. Bestimmt würde es ihr auf dieser von der Sonne verwöhnten Insel schnell besser gehen.
Nachdenklich streckte sie ein Bein in die Höhe und wackelte mit den pink lackierten Zehen. Dabei fühlte sie sich wie ein verliebtes Schulmädchen. Vor allem, wenn sie da weitermachen würden, wo sie vor seiner Abreise aufgehört hatten.
Seufzend ließ sie das Bein ins Wasser zurückgleiten und reckte das andere in die Höhe. In Palermo musste es jetzt schön sein, und bestimmt konnte man ganz in der Nähe im Meer baden und dann …
Bevor sie sich von wilden Sexfantasien davontragen ließ, nahm sie das Glas am Stiel und schwenkte den Wein vorsichtig im Kreis. Es war ein sattes volles Rot, und mit jedem Schluck, den sie davon trank, wurden ihre Kopfschmerzen besänftigt und ihre Gedanken mutiger - fordernder.
Walter war von Anfang an anders gewesen als die Männer, die sie vor ihm gekannt hatte. Allerdings hatte sie sich ihm auch noch nie so nahe gefühlt wie nach der Nacht, in der sie in ihrem um dekorierten Wohnzimmer Was-auch-immer aus einem Kelch getrunken hatten. Vor allem, weil auch Walter seither wie verändert war.
Gut, dass er heute nicht erreichbar gewesen war, hatte sie schon geärgert. Aber gerade, als sie anfing, sich wirklich darüber aufzuregen, hatte sie eine supersüße SMS von ihm bekommen, die all ihre Wut schlagartig verpuffen ließ. Schon immer hatte er sie mit den wunderbarsten Nachrichten beglückt, aber noch nie hatte er sich so verliebt angehört wie heute:
Hallo Frau Kommissarin,
komm, so schnell du kannst.
Ich vermisse dich wie
verrückt und würde zu
gerne noch ein bisschen
von dir und vom Kelch
der liebe trinken.
Heiße Küsse und zärtliche
Umarmungen dein Walter
Ein Kribbeln, das ihren ganzen Körper aufwühlte und sich dann als pulsierende Wärme in ihrem Schoß niederließ, war die Antwort auf seine Zeilen. Ach, es ist so schade, dass er ausgerechnet jetzt weggefahren ist, dachte sie und zog einen Schmollmund.
Und während sie darüber nachdachte, was sie in dieser Wanne alles mit Walter anstellen könnte, wenn er jetzt hier bei ihr wäre, sie sich nackt an seinen Körper schmiegen, seine Lust erkunden und ihre eigene damit steigern würde, wurde sie auf einmal richtig sauer. Denn sie könnte ja bei ihm sein und ihr Glück auskosten, wenn nicht ausgerechnet jetzt dieser dämliche Mord dazwischen gekommen wäre.
Beim nächsten Schluck Rotwein war ihr alles klar. Der Täter betrog sie um Stunden voller Lust und Liebe. Um zarte Berührungen und Küsse, die in ihren Schoß kribbelten und sie dazu animierten, alles zu tun, was Walter ihr vorschlug. Einfach so, weil es in diesem Moment das Schönste war, was sie sich vorstellen konnte. Aber das würde er büßen müssen. Selbst wenn der Gedanke vielleicht etwas weit hergeholt war, nahm es Franziska dem Täter durchaus übel, dass er sie wegen einer im braunen Wasser treibenden Leiche in einem verlassenen Haus um diesen wundervollen Liebesurlaub mit Walter gebracht hatte. Als kleiner Nebeneffekt war ihre Wut sehr gut dazu geeignet, um sie zu Höchstleistungen anzuspornen. Noch hatten sie dem Täter keinen Fehler in seinem Vorgehen nachweisen können, einen hatte er aber auf jeden Fall bereits gemacht: Er hatte sich mir ihr ganz persönlich angelegt. Und das war sein größter Fehler, wie sie nach dem nächsten Schluck Rotwein grimmig befand.

Fröstelnd legte sich Natalia ein warmes Tuch um die Schultern, nahm den Schlüssel vom Haken und verließ leise die Wohnung. Im Treppenhaus blieb sie einen Moment stehen und lauschte, doch alles war ganz ruhig.
Trotzdem setzte sie die Schritte mit Bedacht, als sie die Holztreppe hinunterging, zwei Stockwerke, bis sie die Tür zum Keller erreicht hatte. Es war eine schlichte Tür, und von außen konnte niemand ahnen, was sich seit Jahrhunderten dahinter verbarg. Als sie die Tür durchschritten und wieder hinter sich geschlossen hatte, stand sie in einem schmalen Gang, der im Dunkeln lag. Damit war die schwierigste Etappe ihres Weges geschafft.
Wie gewöhnlich fanden ihre Finger den Kippschalter. Nach wenigen Momenten wurde der Raum in ein dämmriges Licht getaucht und ihr Blick auf die wunderschöne zweiflügelige Eichenholztür gelenkt. Ehrfürchtig ging Natalia auf sie zu, öffnete einen Flügel und schlüpfte hinein.
Als sie diesen Raum zum ersten Mal betreten hatte, war er für sie, wie für alle anderen im Haus, nur ein Keller gewesen. Sie hatte ihren Koffer in die eine Ecke gestellt, und mit ihm all das, was sie nicht für jeden sichtbar in ihrem Zimmer aufbewahren wollte.
Nach und nach war sie immer öfter heruntergekommen, denn sie hatte gespürt, dass dieser Raum förmlich nach ihr rief. Im Laufe der Wochen hatte sie damit begonnen, ihn aufzuräumen und sauber zu machen, wobei sie irgendwann endlich auf sein Geheimnis gestoßen war. Sie befand sich nicht nur in einem Keller, sondern in einer verlassenen Kirche, und als sie dann auch noch ein Bildnis der Jungfrau Maria gefunden hatte, war sie sich sicher, dass es ein Gotteshaus zu ihren Ehren sein musste. Eine Kirche der Heiligen Jungfrau Maria. Unter der Erde.
Auch jetzt holte Natalia das kleine Bild hervor, lehnte es in einen Mauervorsprung, zündete die beiden links und rechts davon stehenden dicken Kerzen an und sank auf die Knie. „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnaden“, flüsterte sie dem Bild zu und wartete darauf, dass die Jungfrau sie anlächeln würde.
Die Gottesmutter ließ sich Zeit, erst nach der fünften Ansprache erhellte ihr sanftes Lächeln den ganzen Raum. Sofort beruhigte sich Natalia. Dann faltete sie die Hände und begann zu beten: „Der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“
Schon als Kind hatte Natalia viel gebetet, mit der Großmutter, der Mutter und den Schwestern, und immer war es die Jungfrau Maria, die sie um Schutz und Hilfe anflehten. In der Heimat waren sie als Christen eine Minderheit, toleriert, aber nie wirklich dazugehörig. Jetzt war sie hier und zählte doch schon wieder zu denen, die nicht dazugehörten. Zu denen, die keine Rechte hatten.
„Du kannst mir ja helfen, o Mächtigste. Du willst mir ja helfen, o Gütigste. Du musst mir nun helfen, o Treueste. Du wirst mir auch helfen, Barmherzigste.“




