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„Wir hätten uns auch eine schönere Beschäftigung für heute denken können“, knurrte Mineiro.
Coelho gab Mineiro die Hand und nannte seinen Namen. Er tat so, als würde er Gil nicht kennen. Sie übersah seine ausgestreckte Hand. Der Kommissar bot ihnen einen Platz an und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Ich vermute, dass ihr das Material gelesen habt, das meine Sekretärin gestern Nachmittag gemailt hat. Zunächst sah es so aus, als ob sich Max de Lima dort an der Fabrikhalle das Leben genommen hätte. Aber die Lage seiner zerschmetterten Gliedmaße war ungewöhnlich.“ Er räusperte sich. „Bei der Obduktion fand der Pathologe einige Hämatome an seinem Körper. Er wurde im Gesicht und in den Unterleib geschlagen. Der Abschlussbericht fehlt noch. Doch mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er keines natürlichen Todes gestorben.“
Er legte einige Schwarzweißfotos auf den Schreibtisch. Gil schaute sich die Bilder von der Leiche und dem Tatort zusammen mit Mineiro aufmerksam an.
„Wisst ihr schon etwas über den Todeszeitpunkt?“ Mineiro gähnte verstohlen.
„Soll ich euch einen Espresso bringen lassen? Die Fahrt war bestimmt anstrengend, so wie ihr ausseht.“ Coelho ging an das Telefon.
„Wo waren wir stehengeblieben? Ach so, ja. Also die beiden Sicherheitsleute fanden die Leiche am Freitagmorgen neben einer alten Fabrikhalle der Firma Bosch, die im Augenblick nicht mehr genutzt wird. Die Täter konnten davon ausgehen, dass der Tote nicht sofort entdeckt wird. Es war mehr oder minder Zufall, dass die Leute bei ihrer Kontrolle von der normalen Route abgewichen sind. Der Tote sieht nicht so gut aus. Ratten haben an ihm genagt.“
Gil schüttelte sich. „Können die Pathologen schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen?“
„Wie gesagt steht der Bericht noch aus. Gestern Abend habe ich mit einem Arzt telefoniert. Er meinte die Nacht war relativ kalt. Die Temperatur der Leiche war gesunken. Aber noch keine Leichenstarre. Vermutlich kam er zwischen Mitternacht und vier Uhr früh zu Tode. “ Coelho schwieg. Dann sagte er: „Warum seid ihr als Spezialeinheit eingeschaltet worden?“
„Na, weil sie euch eben nichts zutrauen.“ Mineiro grinste. „Seid ihr nicht darüber informiert, dass alle Verbrechen, die im Zusammenhang mit Fußball stehen, bei der zentralen Erfassungsstelle in der Hauptstadt gemeldet werden müssen. Ich gehe davon aus, dass eure Staatsanwaltschaft dies ordnungsgemäß gemacht hat. Die Zentrale hat sich mit unserem Staatsanwalt in Verbindung gesetzt, da der Journalist de Lima in São Paulo wohnt. Unsere Aufgabe ist nicht nur zu helfen, dass der Fall gelöst wird. Die brasilianische Regierung will in den Tagen mit so vielen Besuchern aus aller Welt verständlicherweise gut dastehen und braucht keine negative Schlagzeilen.“
„Das wird sich bei Max de Lima kaum vermeiden lassen“, warf Gil ein. „Wo wohnte der Journalist in Curitiba?“
„Er war hier im Stadtzentrum im Hotel Flora abgestiegen. Ein einfaches Hotel, zwei Sterne. Am Sonntag kam er an und buchte für vier Tage. Der Mann an der Rezeption hat erzählt, dass de Lima in der Nacht von Montag auf Dienstag nicht im Hotel war. Er kehrte erst am Dienstagabend wieder ins Flora zurück. Wir haben noch keine Ahnung, was er in dieser Zeit machte. Am Mittwochmorgen verließ er das Hotel mit unbekanntem Ziel und tauchte dort nicht mehr auf. Gestern durchsuchten zwei Kollegen von der Spurensicherung sein Zimmer und überprüften sein Gepäck. Viel war es nicht. Ein kleiner Handkoffer, dreckige und saubere Wäsche, Kulturbeutel, eine Tageszeitung, Hose, Hemd, ein Foto seiner drei Söhne. Es wurden keine Rechercheunterlagen gefunden.“
Mineiro und Gil sahen sich an. Die Kommissarin sagte. „Ist es vorstellbar, dass ein Journalist wie de Lima ohne Laptop, Tablet oder Mobiltelefon reist?“
Coelho verdrehte die Augen: „So weit waren wir auch schon, dazu brauche ich keine Spezialermittler. Eine Hotelangestellte hat uns versichert, dass er definitiv einen Laptop dabei hatte. Er fragte nach Wlan. Doch die elektronischen Geräte sind alle verschwunden.“
„Oder die Mörder haben sie geklaut!“ Mineiro rieb seine Wange. „Sicher habt ihr das Hotelpersonal schon gefragt. Haben die etwas mitbekommen?“
Der Polizist aus Curitiba schüttelte den Kopf: „Die Hotelangestellten haben nichts gesehen. Ich vermute, dass er den Laptop und das Mobiltelefon dabei hatte, als er weg ging. Er war praktisch nicht im Hotel, sondern ist weggegangen und war mehr als zwei Tage verschwunden.“
„Wir müssen herausfinden, an was er dran war.“ Gil rutschte auf dem Stuhl hin und her.
„So sehen wir das auch. Seine Arbeitssituation war nicht so einfach. Denn de Lima hatte seinen Job bei‘ O Globo‘ verloren. Er war einige Zeit weg vom Fenster und hat sich nun wieder rangeschafft. Vor einem halben Jahr fing er bei einem kleineren Fernsehsender an.“
„Und wie sieht es mit Familie und Freunden aus“, hakte Mineiro nach.
„Da könntet ihr uns gut unterstützen. Er lebte von seiner Frau getrennt. Sie wohnt in São Paulo. Führt ihr das Gespräch mit der Witwe?“
Es klopfte. Eine junge Polizeibeamtin kam herein und trug ein Tablett mit drei Espressi. Sie stellte die Tassen auf den Tisch und berührte dabei mit ihrer Hand den Arm Coelhos. Der Kommissar bedankte sich bei der Polizistin und tätschelte ihren Arm. Gil hatte plötzlich das Gefühl, dass der Kommissar nicht nur wegen des Falles noch im Präsidium war.
Ihr Gastgeber holte die Akte von seinem Schreibtisch und gab ihnen ein Blatt Papier. „Hier ist die Adresse der Witwe von Max de Lima und die Adresse eines seiner erwachsenen Kinder.“
„Und was bedeutet ‚Nova Vida‘“, fragte Gil.
„Das ist der Fernsehsender, bei dem de Lima in den letzten Monaten gearbeitet hat. Die Zentrale befindet sich in São Paulo. Vielleicht wissen die, mit was er sich beruflich beschäftigt hat. Möglicherweise finden wir so eine Spur.“
Der Capitão nickte: „Gut! Ihr kümmert euch um Zeugenaussagen in Curitiba und versucht herauszufinden, was er hier wollte. Die Tage in Curitiba müssen lückenlos rekonstruiert werden. Wir befragen seine Familie und die Arbeitskollegen. Am Mittwochmorgen telefonieren wir zusammen. Kannst du uns die Dinge aus der Akte kopieren, die wir noch nicht haben? Können wir hier in der Nähe etwas essen?“
„Gleich gegenüber gibt es ein gutes Lokal, das einen köstlichen Feijoada am Buffet hat. Am besten, ihr geht gleich hin. Ich lasse euch die Kopien dorthin bringen.“
Die beiden Ermittler standen auf und gingen zur Tür. Plötzlich meinte Coelho: „Ach eine Sache wäre da noch. Sollen wir mit dem Tod an die Presse gehen?“
Mineiro rieb seinen Bart: „In Brasilien können wir so eine Sache nicht lange geheim halten. Morgen könnt ihr an die Presse gehen. Aber lass uns heute noch Zeit, Kontakt mit seinen Angehörigen aufzunehmen. Die müssen es nicht aus dem Fernsehen erfahren.“
Als sie eine Stunde später im Polizeifahrzeug saßen, dachte Gil daran, dass in sechs Tagen die Fußballweltmeisterschaft begann. Hatte der Tod des Journalisten etwas mit dem Diebstahl des Pokals zu tun?
Kapitel 12
Samstag, 7. Juni 2014, abends, Avenida Ipiranga
Das Edifiçio Coban war drei Kilometer vom Büro der Polícia Civil in der Rua Brigadeiro Tobias entfernt. Gil ließ sich von einem Agente in einem Fiat an die Avenida Ipiranga 200 fahren. Der bekannte Architekt Oskar Niemeyer hatte das Edifiçio Coban in den 50er Jahren entworfen. Die 1163 Wohnungen des weltweit größten Hochhauses waren in den sechziger Jahren der letzte Schrei. In den achtziger und neunziger Jahren gab es den Niedergang. Doch seit 10 Jahren zogen wieder Leute in das Coban. Dort zu wohnen, war wieder in.
Gil kannte das Coban, weil eine Großcousine ihrer Mutter mit ihrer Familie dort lebte. Sie erinnerte sich an langweilige Verwandtenbesuche mit nervigen eingebildeten Cousinen. Die Frau, die sie suchten, lebte in dem Bereich, in dem die wohlhabenderen Familien wohnten. Sie klingelte und nannte an der Sprechanlage ihren Namen und ihre Funktion bei der Polizei. Sie musste ihren Polizeiausweis durch einen kleinen Spalt unterhalb einer dunklen Panzerglasscheibe durchschieben. Der private Sicherheitsdienst prüfte sorgfältig. Erst nach ein paar Minuten sprang die Schleuse mit einem Summen auf, und sie konnte das Coban betreten. Die Frau von Max de Lima lebte im 19. Stock.
Paulo Mineiro hatte sie nach Hause geschickt. Wenn er sich mit dem Umziehen beeilte, konnte er noch rechtzeitig zum Hauptgang in dem libanesischen Restaurant sein.
Die Kommissarin drückte auf die Klingel. Eine weibliche Stimme fragte. „Was wollen Sie?“
Sie hielt ihren Polizeiausweis vor das Kameraauge. „Mein Name ist Gabriella Gil. Ich bin Kommissarin bei der Polícia Civil und möchte mit Ihnen sprechen. Darf ich reinkommen?“
Die Tür summte. Kurz darauf stand sie einer zierlichen Frau mit lockigen Haaren gegenüber. Ihr Lächeln und das helle Leinenkleid machten sie jünger als sie vermutlich war. „Worum geht es?“
„Können wir uns zu dem Gespräch einen Augenblick setzten?“
Die Frau nickte und lief barfuß den Flur entlang. Sie deutete auf ein Sofa und nahm selbst auf einem gepolsterten Hocker Platz. Von dem Panoramafenster hatte man einen grandiosen Blick auf die Lichter der Stadt.
„Also, was wollen Sie von mir?“ In ihrer Stimme lag Ungeduld.
Gil nahm Platz. „Leider ist es eine ernste Angelegenheit. Sie sind Luiza Vargas de Lima?“
Die Frau nickte. „Bitte sprechen Sie! Ich erwarte noch Gäste.“
Jetzt bemerkte Gil, dass im Esszimmer ein Tisch gedeckt war. Sie räusperte sich. „Ich habe leider eine traurige Nachricht. Max de Lima, Ihr Ehemann, ist tot.“
Vargas de Lima reagierte anders, als Gil gedacht hätte. „Er ist nicht mehr mein Ehemann. Wir leben seit Jahren nicht zusammen.“ Sie stand auf und holte aus der Küche eine Packung Zigaretten. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. „Entschuldigen Sie bitte. Vielleicht denken Sie, ich habe kein Gefühl. Ich bin natürlich traurig, dass mein Ehemann tot ist. Doch ehrlich gesagt, es berührt mich nicht, nicht besonders. Er war schon lange tot für mich. Verstehen Sie das?“
Gil schüttelte langsam den Kopf. Gerne hätte sie auch eine Zigarette geraucht. Sie versuchte sich zu konzentrieren und sagte: „Können Sie es mir bitte erklären?“
Die Frau holte sich einen Aschenbecher, nahm hastig einige Züge. Dann drückte sie die Zigarette wieder aus und öffnete die Tür zum Balkon. „Die letzten Jahre mit Max waren schwierig, extrem schwierig. Die Öffentlichkeit kennt ja nur den erfolgreichen Sportjournalisten und rasenden Reporter. Seit wir verheiratet sind, war er viel unterwegs. Am Anfang fand ich das interessant, aber mit den Kindern war es ein unmöglicher Zustand. Er hat Karriere gemacht, und ich blieb zuhause. Der Kinder wegen.“
Die Frau lief einige Schritte Richtung Küche. Dann fragte sie: „Wollen Sie etwas trinken? Ich hole mir einen Martini.“
Gabriella Gil hätte lieber eine Zigarette genommen. Aber sie sagte nur: “Für mich bitte ein Glas Wasser!“
Die Frau machte sich in der Küche zu schaffen, dann kehrte sie mit zwei Gläsern zurück.
Gil nahm einen Schluck Wasser und versuchte sich zu konzentrieren. „Leider muss ich Sie als Zeugin zu dem Tod befragen. Es gibt Hinweise, dass er ermordet wurde. Ich habe ein kleines Aufnahmegerät mitgebracht. Kann ich unser Gespräch aufzeichnen?“
Ihr Gegenüber nickte. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen helfen kann. Wir hatten die letzten Jahre kaum noch Kontakt.
„Gespräch mit Luiza Vargas da Lima am 7. Juni 2014 in ihrer Wohnung“, sprach die Kommissarin ins Aufnahmegerät. „Sie haben gerade erzählt, dass Sie mit Ihrem Mann kaum mehr Kontakt hatten.“
Die Witwe trank den Martini aus und sagte: „Vor etwa dreieinhalb Jahren hatte Max großen Stress. Ja, auch mit mir. Nach einem Streit lebte ich einen Monat bei meinen Eltern. Noch mehr Stress gab es beim Fernsehen. Sie wollten, dass er noch mehr macht. Mit den Quoten waren sie nicht zufrieden. Es gab einen neuen Chef, mit dem Max nicht mehr klar kam. Das Übliche eben. Dann fand man Unregelmäßigkeiten bei der Spesenabrechnung. Um es kurz zu machen: Max begann zu trinken. Am Anfang habe ich nichts gemerkt. Irgendwann fiel mir auf, dass er schon morgens einen gewissen Pegel brauchte, um in die Gänge zu kommen. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Er stritt es ab. Wir zankten uns. Es war schrecklich! Waren Sie schon einmal mit einem Alkoholiker zusammen?“ Vargas de Lima wischte mit einem Papiertaschentuch Tränen aus ihrem schönen Gesicht. Trotz ihrer 52 Jahre hatte sie sich etwas Mädchenhaftes bewahrt. „Die Sache ging über Monate. Getrennte Schlafzimmer. Irgendwann ist er für mich gestorben. Er wurde gefeuert. Ich habe mich von ihm getrennt. Für ihn brach natürlich eine Welt zusammen. Das war vor etwas mehr als zwei Jahren.“
„Wohnten sie noch zusammen?“
Die Frau schüttelte energisch ihren Kopf. „Das wäre nicht gegangen. Max hat mir sogar gedroht. Er musste ausziehen und ein neues Leben beginnen. Erstaunlicherweise ist ihm das irgendwann ganz gut gelungen. Max hat die Kurve gekriegt. Meine Söhne sagen, er hat mit der Sauferei vollkommen aufgehört.“
„Hatten Sie noch Kontakt mit ihm?“
„Nein, das ging nicht. Wir haben es auch nach der Trennung nochmal versucht. Auch wegen unserer erwachsenen Kinder. Seit ungefähr sechs Monaten haben wir nicht mehr miteinander gesprochen. Wir waren 27 Jahre verheiratet, eine lange Zeit. Die Scheidung habe ich eingereicht, doch er hatte noch nicht eingewilligt. Vielleicht hatte er noch Hoffnung.“ Sie strich sich die Haare hinter den Kopf. „Manchmal habe ich von den Kindern etwas von ihm gehört.“
„Leben Ihre Kinder bei Ihnen?“
Vargas de Lima lächelte: „Nur der Jüngste. Ernesto studiert Medizin im 2. Semester und lebt noch hier bei mir. Die beiden übrigen haben ein eigenes Leben. Der Älteste hat mit dem Vater gebrochen. Michele, der Mittlere, stand noch in Kontakt mit ihm, besonders seitdem er mit seiner Frau ein Kind hat. Auch Ernesto traf sich hin und wieder mit seinem Vater.“ Sie atmete tief durch: „Die Nachricht von seinem Tod wird ihn treffen. Er war so froh, dass es Max wieder besser ging.“
„Wie kam es dazu, dass es ihm wieder besser ging?“
„Da müssen Sie meine beiden Söhne fragen. Einzelheiten kenne ich nicht. Ernesto hat nur einmal erzählt, dass er jetzt bei so einer Sekte wäre und regelmäßig in die Kirche ging.“ Sie zündete sich wieder eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Dann eilte sie zur Terrassentür und rauchte dort weiter. „Max und die Kirche! Das war früher undenkbar. Er ging nur an Weihnachten in die Messe oder bei der Kommunion unserer Söhne. Religion war seiner Meinung nach etwas für Kinder. Diese Christen scheinen ihm Halt gegeben zu haben. Er hörte mit dem Trinken auf. Und er fand Arbeit bei dem Sender ‚Nova Vida‘.“
„Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“
Ihr Gegenüber zögerte. „Das weiß ich nicht. Wir haben uns bestimmt seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das letzte Mal waren unsere Anwälte dabei. Es galt, das mit dem Unterhalt zu regeln.“
„Können Sie mir die Telefonnummer von Michele und Ernesto geben?“
Vargas da Lima klemmte die Zigarette in ihren Mundwinkel, ging zum Wohnzimmerschrank und schrieb zwei Mobilnummern auf einen gelben Haftzettel.
Gil steckte den Zettel in ihren Rucksack. Sie dachte nach und fragte: „Wissen Sie etwas von seinen aktuellen Projekten? Haben Sie gehört, in welchen Bereich er gerade recherchiert hat?“
Die braune Frau dachte einen Augenblick nach. Gil hatte das Gefühl, dass ihr ein Gedanke kam. Dann klingelte die Türglocke. „Keine Ahnung. Fragen Sie meinen Sohn. Dio mio, jetzt habe ich meinen Gast ganz vergessen! Und ich bin noch gar nicht ganz fertig.“ Hastig drückte sie die Zigarette aus und trug die beiden Gläser zur Spülmaschine. „Bitte, Sie müssen jetzt gehen. Ich erwarte einen wichtigen Besuch.“
Gil drückte auf die Stopptaste des Aufnahmegerätes, packte es in ihre Tasche und verabschiedete sich. An der Tür begegnete sie einem älteren Mann mit graumelierten Haaren und maßgeschneidertem Anzug. Der Sechzigjährige kam ihr irgendwie bekannt vor. Er küsste Luisa Vargas de Lima auf den Mund. Sie strahlte wie ein verliebtes Mädchen. Nach all den Jahren war ihr dies zu gönnen. Aber einer neuen Verbindung stand möglicherweise Max de Lima im Weg. Dieser Spur musste sie nachgehen. Aus Liebe war schon mancher Mord geschehen.
Nachdenklich lief sie den Weg zur Metrostation. Wenn sie eine gute Verbindung bekam, konnte sie mit dem öffentlichen Nahverkehr in siebzig Minuten zu Hause sein. Es war Samstagabend, morgen konnte sie ausschlafen. Sie überlegte, was sie an diesem Abend noch unternehmen könnte. Auf keinen Fall wollte sie mit ihrer Mutter reden. Das zog sie nur runter. Gestern hatte ihr ein alter Freund eine E-Mail geschrieben. Vor vielen Jahren hatte sie mit ihm Judo trainiert. Vielleicht hatte Leon Zeit, um mit ihr auszugehen. Sie war schon lange nicht mehr im Kino gewesen. Oder Tanzen? Dieser Gedanke hellte ihre Stimmung sofort aus. Nachher im Bus musste sie sehen, ob sie seine Mobilnummer gespeichert hatte. Unvermittelt kam ihr der graumelierte Mann in den Sinn. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Vargas de Lima ihn nicht vorgestellt hatte. Aber sein Gesicht hatte sie schon irgendwo gesehen.
Kapitel 13
Pfingstsonntag, 8. Juni, später Nachmittag, deutsches Quartier
Pfingsten war der Familientag im deutschen Quartier. Das Trainingslager in Mexiko war beendet und die Spieler konnten zwei freie Tage mit Ehefrauen, Freundinnen oder Angehörigen verbringen. Die meisten nutzten die beiden Tage, um die Altstadt von Olinda zu besichtigen. Einige reisten zu den weltberühmten Wasserfällen von Iguaçu im Grenzgebiet zu Argentinien. Wenige Funktionäre und Betreuer blieben in der Ferienanlage zurück. Monsignore Michael Braun nahm mit anderen Offiziellen an der Heiligen Messe in der Basilika von Salvador teil.
Cacau machte Forte den Vorschlag, einen evangelischen Pfingstgottesdienst zu besuchen. Zu seiner Überraschung schloss sich ihnen Thorsten Grasse, der Busfahrer der Nationalmannschaft, an. Mit dem Leihwagen des Hotels chauffierte Cacau die beiden Männer in die Innenstadt von Porto Seguro. Schon von weitem sahen sie das lila Leuchtkreuz der „Assembléia de Deus“.
„Die Assembléia de Deus gibt es in ganz Brasilien. Sie hat im Ganzen mehr als 8 Millionen Mitglieder. Hier ist die Gemeinde nicht so groß“, erzählte Cacau. „Ohne diese Pfingstgemeinde hätte ich den Weg zu Jesus nicht gefunden. Dann würde ich heute in einer Baracke wohnen oder im Gefängnis sitzen. Die Gemeinde hier kenne ich nicht.“
Das Kirchengebäude unterschied sich äußerlich nicht von einer Fabrikhalle. Im Foyer hörten sie laute Musik. Ein Mann begrüßte den Fußballer mit einer Umarmung. Im Gottesdienstraum standen viele Menschen und streckten die Arme nach oben. Auf der Bühne spielte eine Band laute lateinamerikanische Rhythmen. In der Halle herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die drei Männer suchten sich im hinteren Bereich einen Platz auf einem weißen Plastikstuhl. Cacau stand auf und sang viele Lieder mit. Als die Musik endete, gingen vier Menschen auf die Bühne, um von ihren Erfahrungen mit Gott zu sprechen. Forte wusste, dass man das „Zeugnis ablegen“ nannte. Cacau übersetzte leise einige fromme Statements.
Nun betrat der Pastor die Bühne. Er stellte sich als Bruno vor und gewann die Herzen der Leute durch eine humorvolle Bemerkung. Der Pastor trug ein weißes Hemd über seiner blauen Hose. Er sprach über das Geschenk des Geistes. Seine Rede wurde immer wieder von Applaus unterbrochen. Der zierliche Mann besaß die Gabe, Menschen in seinen Bann zu ziehen.
Cacau flüsterte Forte ins Ohr: „Er hat früher Fußball gespielt. Dann hat er ein schlechtes Leben geführt bis er zu Jesus gefunden hat. Nun ist er ein neuer Mensch.“
Am Ende der Predigt erinnerte Bruno seine Gemeinde an den Zehnten. Mit pathetischer Stimme beschwor er die Menschen 10 Prozent des Verdienstes an Gott zu geben. Wer den Zehnten nicht bezahle, riskierte Gottes Segen zu verlieren. Als einige Mitarbeiter mit dem Klingelbeutel herumliefen, sah Forte, dass sie gut mit brasilianischen Banknoten gefüllt waren.
Zwei Stunden später diskutierten die drei Männer nach dem Mittagessen bei einem Glas chilenischem Cabernet Sauvignon über ihre Eindrücke.
Grasse meinte. „So etwas habe ich noch nie erlebt. Als Konfirmand dauerten mir die Gottesdienste bei uns in Eberstadt immer zu lang. Der Pfarrer war aber ein cooler Typ. Mit dem konnte man sogar zur Eintracht ins Stadion gehen.“
„Ich war ja auch ein paar Mal in Stuttgart in einem Gottesdienst der Landeskirche. Da ist zu wenig Rhythmus für mich. Hier in Brasilien beten die Leute nicht nur mit dem Kopf, sie beten mit dem ganzen Körper, auch mit ihren Gefühlen“, meinte Cacau.
„Das mag ja alles stimmen“, sagte Forte. „Mir fehlt in diesen Pfingstgottesdiensten ein wenig die Ruhe und die Andacht.“
Sie waren die einzigen Gäste im Hotelrestaurant. Die anderen Tische waren leergeräumt. Ein Kellner saß weiter hinten vor einem großen Fernsehschirm. Er zappte sich durch die Kanäle bis er einen Nachrichtensender fand.
„Für mich muss ein Gottesdienst zu Herzen gehen“, sagte Cacau. „In Deutschland sind die Gottesdienste oft ein bisschen steif. Bei uns in Brasilien ist mehr Lebensfreude, vor allem bei den ‚Pentecostales‘.“
Forte wollte gerade nach den finanziellen Unregelmäßigkeiten bei einigen Gemeinden fragen, als er erstarrte. Im Fernsehen sah er das Bild eines Mannes. Er rannte zum TV-Apparat. Der Kellner sah ihn erstaunt an. Forte bat ihn, den Ton lauter zu stellen. Im Fernsehen zeigten sie ein Foto des Mannes, der ihm in der Kirche den Umschlag gegeben hatte. Der Mann hieß Max de Lima und war tot. Die Sprecherin sprach davon, dass er Opfer einer Gewalttat geworden war und die Polizei ermittelte. Forte war geschockt. Er hätte gerne noch mehr gehört, doch inzwischen sprach sie über das Trainingslager der Nationalmannschaft und Bilder der Seleção flimmerten über den Schirm.
„Ist alles in Ordnung? Sie sehen ganz bleich aus,“ fragte Cacau besorgt.
„Ich kann es einfach nicht fassen. Eben haben sie gesagt, dass dieser Mann, dieser de Lima tot ist. Ich habe ihn am Mittwoch in Curitiba in der Basilika gesehen. Dann kamen Polizisten und haben ihn verhaftet. Und jetzt ist der Mann tot.“
Der Spieler des VfB Stuttgart fragte auf Portugiesisch den Kellner. Dann wandte er sich an Forte: „Der Mann hier sagt, dass der Journalist tot in Curitiba gefunden wurde. Sturz vom Fabrikgebäude. Die Männer, die ihn mitnahmen, waren keine Polizisten. Sie hatten die Uniformen gestohlen.“
„Es waren keine Polizisten?“
Cacau räusperte sich: „Leider kommt das in Brasilien vor. Es gibt immer noch viel Gewalt. Max de Lima ist ein bekannter Sportjournalist. In den letzten Jahren hatte er Probleme mit dem Alkohol. In einer Pfingstgemeinde ist er wieder geheilt worden und hat bei einem Sender wieder als Journalist gearbeitet.“
„Soll ich mich bei der Polizei melden? Wo müsste ich dann hin?“
„Für Mordermittlung ist die Polícia Civil zuständig.“ Der Fußballer zögerte. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen empfehlen soll, mit der Polizei Kontakt aufzunehmen. In Brasilien ist der Polizeiapparat manchmal etwas unangenehm. Sie müssen entscheiden, ob Sie sich das zumuten wollen.“
Forte nickte. Ihm war der Appetit vergangen. Gedankenverloren verabschiedete er sich von den beiden Männern und lief den gepflasterten Weg zu seinem Ferienappartement. Das rot angestrichene Holzhaus war in vier Appartements unterteilt. Neben Monsignore Braun wohnten hier noch zwei Physiotherapeuten. In der kleinen Wohnung zog er seine Schuhe aus und legte sich auf das Bett. Die Geschichte mit dem Journalisten ging ihm nicht aus dem Kopf. Er musste unbedingt mehr über Max de Lima herausfinden. In seinen Laptop gab er den Namen des Journalisten in die Suchmaschine ein. Er fand 26790 Einträge. Leider waren fast alle Artikel auf Portugiesisch. Die meisten Einträge beschäftigten sich mit seinem gewaltsamen Tod. Was sollte er nun tun? Er holte den Umschlag aus dem Schrank und nahm den Zettel heraus. Was bedeutete die Abfolge von Buchstaben und Nummern? Ihm kam ein Gedanke. Konnten das Nummernschilder sein? Er ging ins Internet, um sich über brasilianische Nummernschilder zu informieren. Es war eine falsche Fährte. Sorgfältig legte er den Umschlag wieder in den Schrank. Konnte man der Polizei in Brasilien trauen?




