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»Schön und gut«, sagte ich. »Einarbeiten und integrieren kann ich mich eigentlich überall ganz gut. Ich bin kein Newbie mehr. Aber ich brauche neue Leute, Commodore! Jensen, Torgan und Bekker sind … weg. Ich brauche mindestens zwei neue Leute.«
»Wünsche?«, fragte sie nickend und nahm ihren Noticer, um sich Namen aufzuschreiben.
»Erst mal Bekker«, sagte ich.
Ich habe ihr Verrat zugetraut. Schlimm genug. Aber der Mordvorwurf ändert alles. Sie hat nichts damit zu tun. Ich will es glauben! Ich glaube es.
Dangler schüttelte entrüstet den Kopf.
»Eine Mordangeklagte! Was Besseres fällt ihnen nicht ein?«
»Sie war´s nicht, Commodore! Sie ist Teil des Rätsels. Wir sind Freunde, und sie ist ein ausgezeichneter Offizier. Wenn Sie mir Jill Bekker entziehen, kann ich keine großen Sprünge garantieren.«
Dangler überlegte einen Moment. Dann nickte sie zaghaft.
»Sie bekommen Jill Bekker, aber nur als Gefangene.«
Das würde merkwürdig werden, aber ich stimmte zu.
»Wen noch? Jetzt aber wirklich Leute, die arbeiten dürfen, Woodman.«
Alle Freunde und Freundinnen, die mir in den Sinn kamen, waren sehr weit weg, tot, schwer geisteskrank oder anderweitig verhindert.
Naja, bis auf … nein, besser nicht!
»Ich vermute, das ist zu viel verlangt, aber könnten sie Noona Striker reaktivieren?«
Dangler schaute mich überrascht an.
»Die Tochter des Ex-Commodores, der in die Politik gegangen ist?«
Ich nickte.
»Naja, sie ist aber nicht nur Tochter, sondern auch Stalev.«
»Außer Dienst!«, sagte Dangler mit abfälliger Betonung. »Außerdem ist sie selbst so eine Art Politikerin. Ganz davon abgesehen finde ich ihre öffentlichen Auftritte geradezu obszön.«
Oh ja, das sind sie. Ich habe mich nie großartig mit ihr verstanden, aber sie ist unterhaltsam, und für Intrigen und Ermittlungen ist sie geradezu optimal. Ich brauche diese verfluchte Hexe! Vielleicht finde ich nebenbei Dinge über sie heraus, die mir helfen bei … anderen Angelegenheiten.
»Trotzdem!«, sagte ich. »Ich habe eine Zeit lang mit ihr gedient und denke, sie hat für diese Sache genau die richtigen Fähigkeiten.«
»Denken Sie denn, sie würde überhaupt Interesse haben?«, fragte Dangler skeptisch.
Hinter ihr sah ich Müllkolonnen anrücken, mein schönes Geschütz zu recyceln.
»Was bietet ihr die Squadronica?«, fragte ich zurück.
Für mich selbst bat ich um nichts.
»Kein Kommando!«, sagte Dangler bestimmt.
Volltreffer! Genau das hätte Noona interessiert.
Anscheinend grinste ich, ohne es zu bemerken. Dangler fragte zumindest, warum ich grinse. Ich grinste weiter, weil ich mich schämte, gegrinst zu haben, ohne es zu wissen. Also falls es denn stimmte.
Ach, verflucht noch mal!
»Äh, also können Sie ihr wirklich kein Kommando anbieten? Ich weiß, sie ist Stalev, noch ganze drei Ränge vom Stalord entfernt und darf kein Schiff haben, aber geben Sie ihr doch irgendwas anderes. Eine Abteilung an der Fortress oder sowas.«
»Das kann ihr Vater ihr selbst geben! Titel und politische Ämter sind nicht unser Geschäft. Eine militärische Position vergibt allein die Squadronica – und Lady Striker hat sich kein Kommando verdient.«
Dangler beeindruckte mich erstmals ein wenig. Sie schien nicht ohne Weiteres korrumpierbar zu sein.
»Dann mache ich auch nicht mit. Sie finden bestimmt viele andere wie mich. Es war ohnehin nur ein dummer Zufall, dass Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind«, sagte ich kurzentschlossen, drehte mich um und ging.
Oder? Muss ich bei Ablehnung dieser Anfrage eigentlich in Untersuchungshaft?
Ganz davon abgesehen ließ man als Stalev keinen Commodore einfach so stehen, fiel mir glühend ein.
»Warten Sie gefälligst, Woodman!«
Dangler seufzte.
»Frauen sind wirklich schlimmer als Männer. Ich muss es ja wissen«, sagte sie bittersüß.
Ich grinste.
»Schlimmer nicht, nur klüger.«
»Striker kann eine Forschungsabteilung oder ein Waffenlager haben«, bot sie zähneknirschend an.
»Sie wird eine Waffenfabrik haben wollen, also Forschungsabteilung plus Produktion plus Tests plus Lager«, sagte ich.
»Ich kann einem so jungen Stalev keine Waffenfabrik geben!«
»Gut, dann gehe ich«, sagte ich wieder.
Ok, das war vielleicht wirklich ein bisschen zu bockig. Dangler pfiff mich zurück und appellierte an meine Vernunft.
Ich sicherte zu, alles zu versuchen, Noona auch ohne Groß-Kommando zu bekommen. Ich hielt es aber wirklich für schwierig. Noona hielt nicht so wahnsinnig viel von mir.
»Bieten Sie ihr doch einfach den ganzen Strauß von Stalev Stadux-Privilegien an, ohne dass sie Stalev Stadux ist, Comodore! Das brächte diese Position doch weitestgehend mit sich. Das reicht vielleicht.«
Ich sah Dangler mit großen, fragenden Augen an und schwieg. Manchmal funktionierte der Einsatz dieses Kampfmittels sogar bei Frauen.
Sie seufzte.
»Eine Forschungsabteilung in einer Waffenfabrik ist möglich. Auch Test- und Produktionskapazitäten, nur nicht die ganze Fabrik … Sie wissen schon.«
Ich nickte. Ich würde es kurz und knapp schriftlich an Noona weiterleiten, gleich während der Rückfahrt.
Ein Gespräch mit ihr würde zu weit führen, möglicherweise eher kontraproduktiv sein.
»Wen wollen Sie noch? Sie sagten, sie brauchen zwei Crewies. Bekker zählt als Gefangene nicht dazu.«
Dangler machte den Eindruck, als müsse sie los. Sie sah sich immer wieder nach den anderen um, mit denen sie gekommen war. Die begaben sich auf den Rückweg zu ihrem InterTrafficer.
Ich nickte.
»Ja. Bekker plus zwei.«
»Aber nicht Pendra!«, sagte sie sehr bestimmt.
Ich lachte.
Schön wär´s, aber nein. Stan wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine Katastrophe, vor allem in Kombination mit Noona. Vor allem für mich! Ich wusste nicht mal sicher, ob die beiden noch zusammen waren, aber gepasst hatte mir diese Beziehung nie.
»Das nicht, aber ich hätte gern Garrett.«
Auch wenn er dann vielleicht wieder denkt, ich verliebe mich doch noch in ihn, was ich nicht tun werde.
»Flink P. Garrett?«
Ich nickte.
Sie hatte es mit einem beinahe verzweifelten Unterton gefragt.
»Kennen Sie ihn?«, fragte ich.
Sie nickte und wurde blass.
»Ich habe ihn an der Fortress unterrichtet.«
So wie sie das sagte, musste es eine schreckliche Erfahrung gewesen sein. Ich konnte es mir vorstellen, aber er war mitunter auch genial und mutig. Ein lebhafter Spinner, ein bisschen zu emotional, aber das glich mich ganz gut aus. Ich war eher ein bisschen zu kühl für manche Dinge.
Er und Noona hatten nie Interesse aneinander gehabt. Ich wusste nicht genau, wieso das so war. Vielleicht waren sie sich zu ähnlich, wobei ich das gar nicht fand. Aber da würde nicht viel passieren zwischen den beiden. Party vielleicht, aber kein Streit und auch kein Sex. Die Kombination müsste passen und der Sache dienen.
»Ich werde diese beiden schwierigen Personalien für Ihre Anfrage freischaufeln, Woodman. Im Hintergrund. Die offizielle Anfrage dürfen Sie bitte selbst schriftlich formulieren. Eine Zusage der Squadronica ist dann so gut wie sicher, aber wir können die beiden nicht zwingen, mitzumachen. Braucht Garrett auch eine zusätzliche Motivation?«
Sie sah sich erneut ungeduldig um.
»Nein, ich denke nicht. Ich bin sicher, dass er mir helfen möchte.«
Das ist einer der wichtigsten Unterschiede zu Noona. Er ist eben mein Freund, sie aber nicht meine Freundin.
Dangler nickte und schloss ihre Notizen ab.
»Und jetzt kehren Sie zurück zu ihrer Basis!«
»Bringen Sie Bekker heute noch dorthin zurück?«, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
Ich nickte und verabschiedete mich.
An meinem Gleiter angekommen, drehte ich mich noch einmal zu der Stelle des Anschlags um.
Das Meer konnte ich von hier aus nicht sehen, aber ich hörte es. Galway war schließlich eine Hafenstadt. Der Duft von Salz und Austern – oder Algen – wehte herüber, mischte sich aber auf unangenehme Weise mit den Hydraulikölen, die der Recycling-Trupp ausdünstete.
Das kleine Schiff mit den grünen Streifen erhob sich und flog nach Südosten davon. Ich lehnte am Cockpit des Gleiters und massierte mir die Stirn. Ein pochender Kopfschmerz bahnte sich seinen Weg durch abebbendes Adrenalin, wurde aber durch eine andere, lange unterdrückte Empfindung dringlich abgelöst.
Vielleicht zweihundert Meter rechts des Geschützkraters erspähten meine dankbaren Augen ein Café mit Ausschank.
Ich rannte los, als wäre eine feindliche Invasionsarmee hinter mir her.
Die müssen doch eine Toilette haben! Ein Wunder, dass ich mich noch nicht vollgepinkelt habe!
III
ALLEIN
Von Galway fuhr ich erst sehr viel später wieder fort. Ich hatte meinen Magen beruhigt und in dem Café, das zum Glück eine Toilette zu bieten hatte, noch etwas zu Mittag gegessen. Danach hatte ich wieder am Cockpit des Gleiters gelehnt und den Krater angestarrt. Mich rief aber auch dann noch nichts heim, also hatte ich einen Spaziergang am Meer unternommen, um den Kopf frei zu bekommen. Wenigstens ein bisschen. Es hatte gegen die Kopfschmerzen geholfen.
Dangler wollte, dass ich sofort zurückkehrte, ermittelte und reparierte? Schön, dass sie das wollte. Dazu konnte sie mich aber nicht zwingen.
Ich gönnte mir ein paar Stunden, um das Ganze zu verarbeiten. Aktuell wartete eh niemand am Lough Mask auf mich.
Der Tag ging in den Abend über, als ich mit der gemächlichen Rückfahrt begann. Jill war festgenommen worden, Jensen abgehauen, Lennox Torgan … abtransportiert. Ich freute mich nicht auf die Rückkehr, aber ich musste zurück.
Die Dunkelheit kroch über die Hänge der Westküste, wurde aber von sanft grünlich illuminierendem Straßenbelag durchbrochen. Es war angenehm für die Augen und ließ beinahe alle Fahrrisiken des Dunkels verschwinden, aber es war auch unnatürlich und verdrängte die angenehme Ummantelung schwarzer Nacht. Immerhin passte das Grün zu Irland.
Wenn man volltrunken war, konnte man auf Autopilot umstellen. Musste, nicht konnte. Sorry. Er orientierte sich dann unter anderem am pulsierenden Licht der Straße. Meiner Erfahrung nach brachte er einen nicht immer ans gewünschte Ziel, aber er überfuhr zumindest auch niemanden.
Vielleicht hätte ich in Galway einfach was trinken sollen. Da gibt´s guten Whisky. Nein. Ich hab Angst. Wenigstens ein bisschen. Was, wenn der wahre Täter noch dort ist?
Ich war nicht schreckhaft oder ängstlich veranlagt, aber eine verlassene Station, in der am gleichen Tag jemand ermordet worden war, war einfach kein guter Ort.
Ich hätte früher zurückfahren sollen!
Im Hellen!
Mist!
Alles Mögliche ließ sich regeln, ändern, ausdiskutieren, aber ein toter Lennox war ein toter Lennox. Ich wusste nicht, warum Jensen scheinbar überflüssigerweise Jill ausgeknockt hatte. Vielleicht log sie doch an irgendeiner Stelle ihrer Geschichte. Aber dann sollte sie Torgan aufgrund meines Befehls, sie festzunehmen, ermordet haben?
JILL? Niemals! Sie hätte sich grinsend und kopfschüttelnd festnehmen lassen, anstatt so etwas zu tun.
Sie war eine verrückte, lesbische Wissenschaftlerin, die auf Popmusik und Fast Food stand – und die zudem absolut genial war. Ihre Verrücktheit war aber keine Verantwortungslosigkeit anderem Leben gegenüber. Manchmal dem eigenen, aber nicht dem anderer Wesen, egal ob Alien oder Maus. Jill würde, selbst für einen politischen Verrat oder eine Intrige, keinen harmlosen, unschuldigen Menschen ermorden. In was sollte sie sich verwickeln lassen, wofür sie Lennox töten würde?
I don´t fucking believe it! Nicht Jill!
Ich diktierte dem KomSystem des Gleiters meine Nachrichten an Noona Striker und Flink Garrett.
Ohne weiteres Korrekturlesen schickte ich sie direkt ab. Ich wollte es aus den Füßen haben, dieses Kommunikations-Zeug. Sprach- und Textnachrichten nervten mich meistens ziemlich an.
Noona und Flink waren noch irreal, noch weit weg für mich. Der Sinn stand mir nur ganz dringend nach Jill Bekker. Ich empfand manchmal etwas für sie, das ein wenig über Freundschaft hinausging. Jetzt fühlte ich nichts Romantisches, aber ein starkes Bedürfnis, sie in Sicherheit zu wissen und sie bei mir zu haben, damit auch ich mich sicherer fühlen konnte.
Als ich an der Rampe der Basis ankam, war es vollständig dunkel. Die gesamte Anlage war schwarz wie der Himmel darüber.
Von der vierköpfigen Stammbesatzung war nur ich übrig, dazu gab es drei sehr junge Dewies, die ich üblicherweise nur zu Wach- und Aushilfsdienten aus Donegal an der Nordküste kommen ließ. Keiner von ihnen war heute angefordert worden. Laut Plan hätten Jill und Lennox Nachtdienst gehabt, also jeder von ihnen je fünf Stunden. Die Zivilisten, die tagsüber ab und an um uns herumschwirrten, durfte ich nicht in die Kommandozentrale setzen. Sie belieferten uns, führten Reparaturen aus, die Zivilisten besser durchführen konnten als wir, und so weiter. An der Überwachung militärischer Anlagen waren sie aber nicht zu beteiligen, deswegen war auch nachts nie einer von ihnen da. In der unmittelbaren Nähe der Anlage wohnte ohnehin niemand.
Die übliche äußere Sicherheitsprozedur der Anlage funktionierte. Mein Gleiter wurde tendriert - das heißt gescannt - und ich wäre ohne Codes nicht bis zur Rampe gekommen. Einen Menschen hatte ich jedoch nicht gesehen oder gesprochen, während diese Dinge abliefen. Das machte alles das System.
Bei einer Nachtwache stand auch nie ein Mensch mit Waffe an irgendeinem Tor. Das lief von der Kommandozentrale her, alles technisch.
Dabei mussten die Leute von Commodore Dangler oder vom Geheimdienst heute hier gewesen sein, um Jill zu verhaften. Oder etwa nicht? Diese Info fehlte mir, wie ich feststellte.
Sie haben Lennox´ Leiche doch wohl abtransportiert, oder? Wo war denn der Tatort? Verflucht! Ich hätte fragen sollen!
Jetzt gefiel mir die nächtliche Basis noch weniger.
An seinem üblichen Arbeitsplatz? Spuren? Blut?
Leer, leblos und dunkelgrau wurde ich erwartet.
Die Sonne über dem Ozean vor Galway schien endlos weit entfernt, dabei war sie nur zwei Stunden zuvor über mein nachdenkliches Gesicht gewandert.
Etwas in mir schrie laut, ich solle nicht hineingehen.
Musste ich aber.
Irgendwie.
Außerdem war es albern, sich vor der Dunkelheit zu fürchten, wenn man mehr oder weniger aus dem Weltraum kam.
Wenn ich jemals ein Stern war, dann war ich niedergegangen. Aber ein Stern fürchtet doch die Weite nicht, die Kälte oder die Stille.
Ich würde nun einfach selbst die Nachtschicht übernehmen, als wäre ich ohnehin damit dran. Ich würde mich endlich detailliert darüber informieren, was von allen Geschützen in meinem Zuständigkeitsbereich übriggeblieben war. Dazu waren keine Meldungen in meinen Account im Gleiter angekommen.
Merkwürdig.
Der konnte doch nicht schon wieder gehackt worden sein. In Galway hatte ich ihn neu codiert, außerdem war Jensen sicher weit weg und hatte wohl kaum noch Interesse an der Anlage hier.
Oder daran meinen Zorn zu spüren!
Eigentlich hätten mir allerhand Leute schreiben sollen.
Die Kommunikation muss zwischenzeitlich abgeriegelt worden sein. Durch das Command oder den Geheimdienst. Hoffentlich sind die Nachrichten an Flink und Noona rausgegangen.
Ich passierte die Rampe und ließ mich von meiner Pflicht verschlucken.
Den Gleiter in der Halle abzustellen, fühlte sich okay an. Die Lampen an der Decke schalteten sich, Reihe für Reihe mit leichter Verzögerung, klackend ein. Ihr Licht fiel auf Container, Kanister, Räder und Fahrzeuge.
Eigentlich wie immer.
Nicht eigentlich.
Wie immer.
Alles ist wie immer!
Ich ging über den lieblosen Betonboden, der mich bis heute nie gestört hatte. An diesem Abend jedoch sah ich jeden Ölspritzer, jedes Quantum verschmierten Hydraulikgels, jeden Krümel und jeden Fussel.
Es roch nach Öl und Desinfektionsmitteln.
Ich hörte nur meine Schritte, besser gesagt: ein knautschiges Quietschen.
Lederstiefel ohne Absätze sind ziemlich leise.
Es erklang weder ein Piepen noch ein Summen irgendwelcher Relais oder Displays.
Nur die Schritte und ihr Quietschen.
Ich blieb mitten in der Halle stehen und ging nicht weiter. Zu meiner Linken lag der Aufgang zum Korridor. Davor war der Glaskasten im Weg, der Lennox Torgans Büro gewesen war.
Ich drehte mich drei Mal komplett um die eigene Achse, doch jede Ecke blieb still und es war auch alles recht gut ausgeleuchtet.
Wer konnte noch hier herein? Jensens Codes mussten längst gelöscht worden sein, oder? Durch wen?
Die drei Dewies aus Donegal fielen mir wieder ein.
Sie hatten Codes.
Ich ging noch nicht in den Korridor. Mir machten die beiden Etagen mit ihren langen Fluren aktuell ein wenig Sorge.
Ich hatte auf Raumschiffen furchtbare Dinge in schrecklichen Korridoren erlebt, aber hier in diesem verschissenen Gebäude war ich der Chef und verdammt einsam. Mit Fünfundsiebzig wäre ich vielleicht abgezockter gewesen, aber in meinem Alter trotz allem eben noch nicht.
Angst gehört zum Menschsein dazu.
Solange sie nicht bestimmt, was für ein Mensch wir sind, ist das okay.
IV
EINGELOGGT
Ich nutzte erst einmal das Terminal in Lennox´ Glaskasten-Büro. Es gab darin zum Glück keine Spuren von Gewalt.
Aber er hat doch hier gesessen, als ich ihn angerufen habe. Naja, vielleicht nicht mehr bei der Tat. Jill und der Doc könnten wissen, wo … Mensch, der Doc!
Der Arzt, der die wenigen übers Jahr verteilten medizinischen Fälle in der Station betreute, hatte ebenfalls Zugangs-Codes und wohnte in der Nähe. Er war zwar inzwischen Zivilist, aber früher im aktiven Squadronica-Dienst gewesen. Ein ziemlich erfahrener Veteran, inzwischen über Sechzig. Gut, das war kein Alter mehr, aber er hatte rechtzeitig auf eigenen Wunsch den Hut genommen.
Ich rief ihn mit dem stationären Kom an. Ich wollte mein mobiles Kom im Moment lieber nicht mehr benutzen. Dass es unsicher war, war nur eine Empfindung, das war mir klar, und man konnte auch stationäre Koms hacken, aber Empfindungen darf man nachgeben. Manchmal.
Mach das öfter! Nicht immer alles unterdrücken, Woodi!
Ich erreichte den Doc.
Er lehnte dankend ab, noch vorbeizukommen, teilte aber meine Einschätzung, dass Jill Lennox wohl kaum erschlagen hatte. Immerhin war der Doc noch kurz zuvor bei ihnen gewesen, um Jill nach Jensens Niederschlag zu untersuchen.
Sie habe sich mehrfach bei Torgan bedankt, dass er sich um sie gekümmert hatte, sagte der Doc.
Er war allerdings auch gebeten worden, Torgans Leiche rasch zu untersuchen.
»Jill Bekker würde nicht auf diese Weise töten!«, sagte er.
Ich fragte, welche offizielle Info man ihm hinterher hatte zukommen lassen. Er war als Arzt zuständig für diese Einheit. Er musste doch eine Info erhalten haben.
Ich ging von Totschlag oder einem Searerschuss aus.
Die Information, die der Doc dann preisgab, kam unerwartet.
Sie veranlasste mich dazu, erneut rasche, prüfende Blicke in alle Winkel der Halle zu werfen.
Ich sitze in einem Glaskasten! Das Ding ist überhaupt nicht sicher! Eine denkbar schwache Position!
Lennox Torgan war mit einer Axt getötet worden.
Welcher der insgesamt acht Volltreffer zum Tod geführt hatte, konnte der Bericht nicht klären, aber achtmal einen großen, schweren Mann mit einer Axt zu schlagen, passte noch weniger zu meiner Jill mit den wirren blonden Haaren und den meistens zu kurzen Hosenbeinen. Sie war nicht klein oder schwach, aber sie tötete ganz sicher anders, wenn sie töten musste. Doch nicht mit einer Axt! Achtmal!
»Wer immer das war … das ist eine ganz kranke Sau«, sagte der Doc trocken und beendete das Gespräch.
Ich wusste genau, was er meinte.
Allein im Angesicht dieser großen, massiven Halle starrte ich in halbwegs ausgeleuchtete Ecken.
Ich hatte vergessen, den Doc zu fragen, wo der Mord stattgefunden hatte. Das Wie hatte zu sehr dominiert.
Ich rief ihn erneut an, aber er aktivierte die Leitung nicht. Entweder wollte er mir heute keine Fragen mehr zu Todgehackten beantworten oder war schlafen gegangen.
Oder man zensiert oder überwacht ihn, blockiert die Leitung oder … Ich muss damit aufhören, das ständig bei allem und jedem zu denken!
Ich würde es einfach später herausfinden müssen.
Als nächstes checkte ich die drei Dewies aus Donegal.
Kathy Hussaria saß mit Freundinnen Zuhause und diskutierte die Ereignisse auf Basis von Infos aus dem GlobalCom. Sagen wir besser: Sie fiel auf die Halbwahrheiten herein, die von der Regierung verbreitet wurden. Kathy war nett. Ich war froh, dass sie offensichtlich nichts damit zu tun hatte. Alles, was ich von ihr und ihren Freundinnen hörte, deutete auf einen kompletten, gemeinsamen Tag weit weg von hier hin. Ich sah davon ab, sie als Wache anzufordern. Selbst mit Gleiter dauerte es, wenn man nicht wie besessen fuhr, noch eine Stunde von Donegal runter zum Standort unserer Einrichtung am Lough Mask.
Maryja Snoozi erreichte ich ebenfalls sofort, aber sie wusste fast nichts darüber, weil aiw den ganzen Tag allein über Lernstoff für eine Weiterbildung gebrütet hatte. Konnte niemand bezeugen, aber ich glaubte ihr vorerst.
Ich forderte sie an und sagte ihr, sie solle sofort losfahren und ihr Zeug mitbringen. Sie konnte schließlich auch hier lernen.
Und ich wäre nicht mehr allein in diesem Gebäude.
Das wäre großartig.
Allein der Gedanke an Maryjas Eintreffen machte mich beinahe glücklich.
Dann, obwohl ich sonst niemanden mehr brauchte, kontaktierte ich noch Andrew Falls.
Er war nicht zu erreichen.
Das musste er abends ohne Schichtzuteilung auch nicht sein. Vielleicht lag er auf seiner Freundin Nancy.
Oder auf seiner anderen Freundin Gracy.
Oder auf Stacy.
Ich fragte mich, wo ein Kerl so viele Geliebte mit ähnlich klingenden Namen herbekam. Er redete ständig ungefragt über seine Affären, oder was auch immer sie für ihn waren, aber ich fand ihn völlig okay. Für einen muskulösen Typen Anfang zwanzig war der leicht beschränkte Horizont vielleicht ganz normal. Immerhin baggerte er mich nie an, was richtig schlau von ihm war.
Ich hätte es dabei bewenden lassen können, dass Andrew nicht erreichbar war, aber dann hätte ich ja aus meinen heutigen Erfahrungen überhaupt nichts gelernt.
Stichwort: Wartungsroutine. Also sei nicht zufrieden, sondern geh der Sache nach, Woodi! Mal sehen, wann er zuletzt hier war.
Ich gab meinen Autorisierungscode ein und ließ mir die letzten Zugänge zum Gebäude anzeigen.
Es war jetzt 19:48 Uhr.
Da waren einige Zivilisten am Mittag und frühen Nachmittag auf dem Gelände gewesen. Es war normal, ich kannte die Namen und erkannte ihre Signaturen.
Dann fanden sich einige Überbrückungszugänge im Protokoll. Die mussten von externen Sicherheitskräften stammen. Da ging es sicher um die Sache mit Lennox und Jill. Ich war jahrelang selbst so etwas wie eine externe Sicherheitskraft gewesen. Ich hätte es genauso gemacht. Das war ST-Standard-Vorgehen.
Naja, und dann war da noch meine eigene Einfahrt um kurz nach 19 Uhr.
Ich scrollte noch mal den ganzen Tag ab, aber dieses Mal bis ganz nach oben.
Ach du heilige Scheiße! Eine von Andrew um 04:43 Uhr. Nicht ausgeloggt. Hab ich heute Morgen nicht gesehen!




