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Ich schüttelte den Kopf und legte eine Hand an die Stirn.
Im Grunde hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Es war kein Standard-Vorgang, in einer vergleichsweise randständigen Einheit wie unserer, noch dazu in Friedenszeiten, morgens bei Dienstbeginn erstmal die Garagen-Protokolle der letzten Nachtstunden zu checken.
Jetzt allerdings hatte ich den Salat: Einen muskulösen Mann Anfang Zwanzig im Gebäude, der möglicherweise Lennox ermordet hatte. Und es war nicht sehr unwahrscheinlich, dass er noch mehr getan hatte als das.
Ist der wirklich noch hier?
Ich stand von der Konsole auf, nahm einen Searer in die Hand und stellte mich mit dem Rücken an die Wand zum Korridor. Das in meinem Rücken war allerdings auch nur eine Glaswand.
Ich will eine Raumschlacht mit einem Raumschiff! Ich will nicht mit einem Mörder verstecken spielen!
Die Angelegenheit war dank Commodore Dangler und der Begleitumstände zu allem Überfluss auch noch geheim. Ich konnte nicht einfach Verstärkung aus anderen Einheiten rufen. Was hätte das wieder für ein Durcheinander gegeben! Wären Flink und Noona schon hier gewesen – fein! Das würde aber vielleicht noch ein paar Tage dauern. Selbst eine eingesperrte Jill hätte mich beruhigt, aber die würde frühestens morgen kommen.
Mir fiel ein, dass ich Maryja angefordert hatte. Ich funkte sie an. Falls Andrew wirklich noch hier und ein potentieller Mörder war, musste ich sie warnen.
Mein InterKom funktionierte nicht.
Die Leitung war blockiert.
Das wächst sich zu einem echt ätzenden Running Gag aus!
Hatte Andrew für Jensen, mit Jensen oder irgendwie sogar gegen Jensen gearbeitet? Das war alles gar nicht gut. Wer stand hier auf der Leitung?
Shit!
Mein Magen schmerzte.
Ich hatte seit Stunden nichts getrunken, aber davon kam das sicher nicht.
V
FILMENDE
Es gibt ganz, ganz miese, ganz, ganz fiese Filme.
Ich mag Horrorfilme ja, aber Science-Fiction-Horror ist manchmal echt schwierig. Zwar habe ich inzwischen manche Sachen krasser erlebt, als die Filmemacher von früher sich das ausgedacht haben, aber manche Streifen mit so echt alptraumhaften Aliens, die durch enge, dunkle Röhren und Verbindungstunnel schleichen, und die dann in grünen und gelben Blinklichtern plötzlich aus dem Lüftungsdampf von Maschinen schnellen, um Menschen Löcher in den Kopf zu beißen … brrrr!
Manche Szenen sind echt genial gemacht, und ich zog mir sowas ja auch freiwillig rein. Wenn einen ein Film zum Schreien bringt, hat er wenigstens emotional einen Effekt ausgelöst. Jill stand total auf sowas, aber sie lachte immer bei den besonders grausamen Szenen, anstatt zusammenzuzucken. Sie war eben ein bisschen sonderbar.
Also mit Aliens rechnete ich nicht in dieser Halle meiner verdammt noch mal eigenen Einrichtung, aber es gab eben doch ein möglicherweise akutes Problem.
Andrew Falls war vielleicht noch immer in diesem Gebäude, und falls dem so war, musste er durchgeknallt sein.
Ich setzte alle Codes auf Null. Das funktionierte zum Glück noch. Auch mir selbst verpasste ich einen neuen.
Nach kurzer Überlegung entschied ich, Maryja ihren bisherigen Code doch wieder zuzuteilen. Sie käme sonst nicht hinein und würde wieder wegfahren.
Oder wäre es besser für sie, wenn sie nicht reinkommt? Aber verflucht noch mal, ich habe keine Beweise für eine Gefahrenlage. Du parkst doch wohl hier drin, Maryja, oder? Du kommst doch sicher durch die Schranke, benutzt deine Codes und kommst in diese Halle gefahren, oder? Das hast du doch immer so gemacht. Du würdest Lennox begrüßen, dann zu Jill gehen … Dann sehen wir uns also direkt hier vorne. Dir kann vorher gar nichts passieren, und mir …
Ich sah auf die Uhr.
Das hatte ich schon oft getan.
Wenn Maryja gleich nach meiner Anforderung losgefahren war, müsste sie bald da sein. Es war inzwischen 20:36 Uhr.
Ich verließ das blöde Glasbüro nicht und legte den Searer nicht mehr aus der Hand. Es war aber eigentlich keine sichere Position. Die Halle überblickte ich, aber den Korridor hinter mir nur ein paar Meter in jede Richtung. Und dieses Glas war nicht schussfest.
Ob es eine Axt aushält? Echt mal, eine Axt? Andrew?
Man will so etwas von niemandem glauben, aber irgendwie traute ich es Andrew zu, auch wenn er nie ein böses Wort von sich gegeben hatte. Es war einfach so ein Gefühl, dass dieser Mann seine Stärke auch in Wut ummünzen konnte. Das konnten die meisten Typen, aber viele eher auf eine hilflose Art. Also als so ein zickiges Männer-Wüten ohne was dahinter, ohne wirklich gefährlich zu sein, und wenn brutal, dann ungeschickt. Ich hatte Andrew jedoch im Zweikampftraining gesehen. Wir hatten alle eine harte Nahkampfausbildung hinter uns, aber manche wurschtelten sich eben so durch. Bei Medizinern, Ingenieuren oder Biologen war es letztlich nicht prioritär.
Andrew hatte sich nicht durchgewurschtelt.
Den Kerl würde ich kaum besiegen können. Da half auch meine Kampferfahrung nichts.
Er war zwar genauso gut ausgebildet wie ich, dafür aber deutlich größer und um einiges stärker. Das war nicht nur ein Mann-Frau-Ding, aber eben auch. Acht von zehn Typen würde ich im Zweikampf weghauen, egal wie alt oder schwer sie waren. Mit Technik statt Kraft eben. Aber wenn das Gegenüber auch gut ausgebildet und deutlich massiger war, gab´s einfach Grenzen für einen kleinen, weichen Stöpsel wie mich.
Vielleicht lag ich aber auch völlig falsch.
Vielleicht faulte Andrews Leiche irgendwo im Gebäude herum, und nur deswegen war er nicht ausgeloggt.
Und der wahre Täter war dann was?
Ein schreckliches Alien mit Axthänden? Woodi! Reiß dich mal zusammen, eyh! Keine Horrorfilme mehr für dich!
Ich musste eine Toilette aufsuchen. Vernunft ist immer schön und gut, aber ich musste das tun, wenn ich mich im Büro nicht vollpinkeln wollte.
Sowas fehlt in epischen Actionfilmen immer.
Menschen haben Bedürfnisse.
Ich trat in den Korridor hinter dem Glaskasten. Er war hell erleuchtet. Nichts regte sich darin.
Natürlich nicht. Was auch?
Ich rannte trotzdem so schnell wie möglich. Der Korridor kam mir einfach nicht sicher vor. Mir war, als wäre vor kurzem noch jemand hindurchgegangen, obwohl das Gebäude ja eigentlich leer sein sollte.
Komm mal mit Vernunft gegen solche Phantasien an! Ich werde das nicht los, wenn ich Andrew nicht lokalisieren kann. Wahrscheinlich liegt er zufrieden auf Stancy, Grancy, Fancy. Tut mir leid, Mädels, ich weiß nicht mal mehr, wie viele ihr seid und wie genau ihr heißt.
Mit gezogener Strahlenwaffe und offener Toilettentür hockte ich auf der Schüssel und lauerte.
Als nach einer Weile das automatisierte, an Bewegungen gebundene Licht erlosch, hätte ich fast geschrien.
Dämliche Situation! Mörder im Haus, ich sitze auf dem Klo und das Licht ist aus! Echt heroisch!
Nichts geschah.
Natürlich geschah nichts.
Der Calculator schaltete das Licht wieder an, als ich mich bewegte. Ich zog die Hose hoch und alles war wieder ein bisschen besser.
Aber nur ein bisschen.
Mit einem weiterhin miesen Gefühl huschte ich zurück in mein Aquarium.
Schön ausgeleuchtet auf dem Präsentierteller im Glaseimer.
Und wo, zur Hölle, blieb Maryja?
Ich hatte mich zehn Minuten lang nicht bewegt, bis endlich etwas geschah, das auf Maryjas Kommen hindeutete.
Auf einem Screen sah ich ihren Gleiter vor der Schranke stoppen. Ich beobachtete sie beim Eingeben des Codes. Dann fuhr der Gleiter leicht abschüssig hinab. Das automatische Tor der Rampe zur Halle öffnete sich. Genauso war es gewesen, als ich selbst mit meinem Gleiter hineingefahren war.
Ihre Lichter kreuzten in der Halle auf.
Sicher sah sie mich im erleuchteten Glasbüro stehen.
Der Gleiter kam ziemlich nah heran. Er hatte getönte Scheiben.
Bitte fall nicht tot raus! Bitte sei nicht Andrew oder ein Alien! Sei einfach Maryja! … Was für dämliche Ideen! Was bin ich heute nur für eine Heulsuse?
Maryja stieg aus.
Das erleichterte mich mehr als der Toilettenbesuch zuvor.
Sie trug ihre Uniform und winkte mir lächelnd zu. Wie üblich holte sie noch eine riesige Handtasche vom Beifahrersitz.
Ich winkte gelöst zurück. Es tat mir fast leid, dass ich ihr gleich alles erzählen und die gute Laune zerstören müsste. Ich brachte sie in Gefahr, aber das war ihr Job.
Meiner sowieso. Das vergaß man an der irischen Küste im friedlichen Alltag manchmal, aber ich vergaß nie, was ich dank dieses Jobs schon alles an Gewalt und Tod gesehen hatte. Aber wenn ich nicht weiter diente, wer würde mich ersetzen? Welche Motivationen würde dieser Jemand haben? Es war besser, dass ich weitermachte.
Noch.
Ich hätte Kathy auch anfordern sollen. Dann wären wir einer mehr. Wir müssen die Blockade des Kom-Systems abschalten. Ich glaub, Maryja könnte sowas können. Sie ist ziemlich …
Feuer und unerträgliche Helligkeit.
Eine Druckwelle ließ die Scheiben meines Glasbüros zerspringen.
Ich wurde nach hinten gegen die berstende Glaswand zum Korridor geschleudert, prallte ab und landete auf Bauch und Händen. Splitter regneten auf meinen Rücken. Ich spürte keine Verletzung, keinen Schmerz.
Meine Augen waren noch irritiert von dem hellen Blitz zuvor, die Ohren dröhnten von der Detonation, aber ich checkte mich wie ein Humanbot und kam zu dem Schluss: Ich war intakt.
Ich zog mich wieder auf die Beine und blickte in die Halle. Maryjas Gleiter war explodiert.
Ihr Körper lag zerfetzt neben dem brennenden Wrack.
Zumindest die meisten Teile von ihr.
Die übergroße Handtasche lag, in Streifen gerissen, mindestens zwanzig Meter neben ihr.
Sie war sofort tot gewesen und würde es auch bleiben.
Ich war kein Arzt, aber diese Körperteile hätte man nicht mehr nähen können.
Ich konnte den Anblick von Leichen ertragen, hatte schon schlimmer zugerichtete gesehen, aber der Schock über die Explosion saß tief.
Außerdem sah die nette, blutjunge und gerade noch fröhlich lächelnde Maryja nun wirklich nicht mehr wie ein menschliches Wesen aus. Ich schluckte krampfhaft in den Hals aufsteigende Magensäure hinunter.
Newbies kotzen. Ich doch nicht!
Wie hatte der Täter das angestellt? Und wozu überhaupt musste solch eine arme Maryja sterben, während ich unbehelligt einfahren konnte?
Wut brodelte in mir hoch.
Bis zum Anschlag!
Ich öffnete das interne Kom. Das lief nun über alle Lautsprecher der gesamten Anlage, drinnen wie draußen.
Lange genug ängstlich versteckt.
»Hör mal, Andrew, oder welcher feige, verschissene Penner diese Scheiße auch immer abzieht – ich werde dich nicht töten, sondern den Behörden übergeben, aber es ist gut möglich, dass es vorher auch schrecklich weh tut. Wenn du ein Problem mit der Squadronica, den Geschützen, der Menschheit oder mir hast, dann lass uns das klären – aber hör auf, harmlose Leute umzubringen! Das macht mich sehr … zornig. Sehr, sehr zornig!«
Ich aktivierte einige Schaltflächen. Schließlich war nach aktuellem Kenntnisstand nur die externe Kom teilweise gehackt. Alles andere war doch sehr viel komplizierter und sensibler.
Mit meinem Kommandanten-Password schaltete ich alles aus: Automatische Türen und Tore, alle Terminals und jegliches Licht.
Das war zwar auch für mich nicht angenehm, aber welche Vorteile der Täter, warum auch immer, haben mochte – ich musste sie ihm nehmen.
Ganz nebenbei fragte ich mich, warum ich nach all dem Shit, den ich im Weltraum schon überstanden hatte, jetzt in einer Tiefgarage oder einem Flur in Irland sterben müsste. Das Ende ist dann immer unspektakulärer als man gedacht hat.
Das Leben ist kein Film, aber eins haben beide gemeinsam: Ein Ende.
VI
PANIKRAUM
Es hatte keinen Sinn, sich Maryjas Leiche oder den Trümmerhaufen daneben anzusehen. Ich hatte manuell die letzten Flammen per Spray gekillt, nun aber wollte ich endlich meine Position ändern.
Ich trat vorsichtig durch die Reste der zerbrochenen Glasscheibe hindurch in den Korridor hinein.
Dann rannte ich, so schnell ich konnte, in Richtung Kontrollraum.
Würde mich unterwegs jemand angreifen, wäre ich schon in Bewegung, in Action. Das Rennen machte mich mutiger und stärker, fühlte sich gesünder an als all das Abwarten zuvor. Es war dunkel, aber Notleuchten von der Größe kleiner Schaltknöpfe leuchteten mal hier, mal dort. Ich registrierte alle Farben und jede Bewegung viel intensiver als je zuvor. Vor jedem Quäntchen Licht hätte sich eine Kontur abzeichnen können, eine verräterische Bewegung.
Aber alles blieb menschenleer.
Bis auf meinen Atem und meine Schritte hörte ich im ganzen Gebäude nichts.
Es roch nach meinem Schweiß und einem Hauch von Rauch.
Ich trat die Tür zu meinem Büro, wie ich den Kontrollraum zu nennen pflegte, auf.
Die Screens der Terminals im Stand-by-Modus warfen grau-blaues Licht auf den Boden. Es genügte, um den Raum sofort zu überblicken, als ich eintrat.
Niemand war drin. Nur das zählte jetzt.
Ich schmiss die Tür wieder zu und verriegelte sie dreifach. Mehr Verriegelungsstufen gab es auch nicht.
Der Raum hatte ein eigenes Lebenserhaltungssystem und einen zweiten Ausgang. Auch den verriegelte ich dreifach.
Ich schaute nicht mal nach, ob im Raum dahinter jemand oder etwas war.
Viel zu gruselig! Ähm, völlig unnötig.
Mir reichten diese paar Quadratmeter momentan völlig aus.
Ein Held sein. A hero to be.
Tolle Songs gibt´s dazu, sicher auch viel Heldenmut – hatte ich schon gesehen und vielleicht ansatzweise auch selbst gezeigt – aber letztlich pissen sich in Kriegen doch alle in die Hose und beten, dass es vorbei geht. Gewalt und Kriege verherrlichen hinterher vor allem jene, die nicht mal an einem realen Konflikt geschnuppert haben.
Ich hätte das Gebäude nun im Dunkeln abgehen können, mit der Waffe in der Hand.
Der übliche Horrorfilm-Plot.
Türen vorsichtig öffnen.
Irgendwann würde ich die Toilettenbereiche prüfen. Ich würde mich hinknien, um unten durch sehen zu können, und dann stünde der Mörder auf der Schüssel. Oder so ähnlich.
Kann mal einer vorspulen? Das ist so langweilig! Ich würde aber wahrscheinlich dabei sterben. Langweilig sterben. Ich kann im Weltraum, im Krieg auf einem Schiff, gerne irgendeine sich schnell ausbreitende Katastrophe verhindern, oder schneller schießen als man zielen kann – mit den Bordwaffen – oder Leute umtreten, Torpedos rasend schnell umprogrammieren und so weiter. So ein Zeug eben. Kriegszeug. Aber das hier? Das ist kein Krieg. Das ist Scheiße.
Ich dachte an das, was draußen war.
Irland und seine verschlafene, wild-romantische Westküste. Ich war doch hier, damit ich meine Ruhe hatte. Das Command war erst mal ein wenig traurig gewesen, dass ich nicht mehr auf einem Schiff dienen wollte, aber danach dachten sie sich, ich würde bestimmt wenigstens gern Tokyo übernehmen.
Tokyo!
Von dort wurde die halbe Erde kontrolliert, wenn es um Verteidigungstechnologien ging. Und wie viele Menschen da rumrannten!
Äh, und ich dann so: Nöööö!
Ich hatte mir vorher schon angesehen, wo Teams und Standorte etabliert werden. Nichts war randständiger als das hier, als County Mayo und Co.
Ich wollte diesen Standort, da hier nichts explodierte, niemand starb und keine politischen Intrigen durch die Tür kamen.
Fuck! Pech muss man haben!
Und jetzt saß ich im dunklen, abgeriegelten Kontrollraum.
Wie in einem Panic Room!
Einige Gefühle in mir warben dafür, schnell wieder hier herauszukommen, aber ich würde auf keinen Fall rausgehen. Irre Mörder warteten doch nur darauf.
Aber Kommunikation, fand ich, musste schon sein. Ich konnte ja nicht ewig hier bleiben. Das Licht hatte ich selbst ausgemacht, also musste jetzt gezwungenermaßen aufs Tageslicht gewartet werden. Wobei, wie viele Morde passieren bei Tag, wie viele bei Nacht?
Warum habe ich eigentlich Angst? Habe ich denn Angst? Kein Freund oder Kind wartet auf mich in meinem spartanischen Zuhause. Bislang ist das so, und das meiste davon ist selbst gewählt. Ich will nicht klagen, aber wovor habe ich Angst? Was würde ich, was würde das Universum schon verlieren? Keinen Stern.
Ich lag in meinem Kommandosessel und sehnte mich nach Getränken, die mir die Situation erleichtert hätten. Es gab keine. Aber die galoppierende Gedankenlawine war jetzt ohnehin nicht mehr aufzuhalten.
Aber ich hab es mir doch eigentlich ganz hübsch gemacht. Nein, hab ich nicht! Wem will ich das erzählen? Weil Frauen sich immer alles hübsch machen müssen? Wieso eigentlich? Ich schmeiße gern meine verschwitzten Stiefel neben die Tür und lasse sie dort verrecken.
Aber schön, stylish und kuschelig mag ich´s ja auch. Ich weiß nicht, wie viele von uns Frauen zerrissen sind zwischen Gestaltungswillen und Ästhetik auf der einen, aber auch Coolness und Rotzigkeit auf der anderen Seite. Ich glaub, das sind ganz, ganz viele von uns.
Ich bin aber noch mal ein ganzes Stück weniger Durchschnitt. Wahrscheinlich eher halb Mann, halb Frau. Irgendwie. Mit einem leichten Tick zur Frau. Ich muss mich aber eh nicht entscheiden. Nicht dafür.
Alles im Kontrollraum fiel plötzlich aus.
Wirklich alles, das in irgendeiner Weise die noch verbliebene Energie beanspruchte, war nun offline.
Es war stockfinster, und nichts regte sich.
Die Minuten verstrichen.
Ich lauschte auf das Nichts und bewegte mich nicht.
Ich war nicht sicher, ob die weitere Abschaltung eine Folge meiner vorherigen Abschaltungsstufen oder ein externer Eingriff war.
Die Türverriegelung war nicht nur elektronisch, sondern auch mechanisch und magnetisch. Das war Standard bei Kontrollräumen der ST, vom Raumschiff bis zur Kleinstation in Irland.
Meine Position war nicht unsicherer als vorher, aber diese Schwärze war neu.
Der Raum hatte keine Fenster.
Es war eine allumfassende Dunkelheit.
Schwarz wie die Nacht in Afrika. Mann, wird´s da nachts schwarz! Wunderschön!
Überhaupt ist die Farbe schwarz wundervoll. Schwarze Menschen sind so fucking schön! Nur steh ich selbst halt nicht drauf. Dafür kann ich ja nichts.
Ich mag eher japanische Typen. Gut, dass ich nicht nach Tokyo gegangen bin! Manche sind voll knuddelig, aber der Vorteil ist dann irgendwie auch der Nachteil. Ich sehe denen manchmal nicht an, ob sie 16 oder 36 sind. Irgendwie fehlen da Hormone. Mir wahrscheinlich. Und wenn doch mal einer richtig cool und geil und irgendwie in meinem Alter ist, dann stimmt irgendwas anderes nicht. Zu hohe Stimme. Oder spricht nur japanisch. LOGISCH. Aber ich nicht. Oder er ist trotz meiner eigenen Verzwergung nicht größer als ich. Ich mag schon eher größere Typen. SEUFZ. Jaja, Äußerlichkeiten sind egal, ist schon klar. Am Arsch! Sind sie ja dann doch kaum jemandem. Zumindest anfangs. Ist wie Geschmack beim Essen. Lieben soll man jeden Menschen. Find ich zumindest. Aber Sex? Ich esse doch auch nichts, was mir nicht schmeckt. Wenn ich vorher schon weiß, es schmeckt mir nicht, dann schon mal gar nicht. Ok, das weiß man bei Essen selten vorher. Stimmt also auch wieder was nicht bei dieser Überlegung, aber bei Sex? Ich hatte mal fast … nein, falsch. Mich hatte mal fast ein Asiat. Böh, wie das klingt. Rassistisch. Also die letzten, keine Ahnung, dreißig Generationen seiner Familie stammten zumindest dem Äußeren nach aus dem früheren Japan, Korea oder China. Keine Ahnung. Also angeblich war er Japaner. Hat er gesagt. Egal. Der hatte mich soweit. Wir waren irgendwo, und irgendwann plötzlich nackt, und zwar ganz nackt! Dann ging es langsam los… Manche Klischees sind leider wahr. Und ich wollte das dann irgendwie doch gar nicht mehr so sehr. Also geliebt haben wir uns sowieso noch nicht, aber ich finde, man kann als Frau auch mal ehrlich sein, auch wenn niemand danach fragt. Ich geb´s zu, auch wenn das gemein ist. Ja, manche von uns mögen eben keine viel zu kleinen …
Etwas knallte an die Tür.
Der Schreck ließ mich nach hinten springen, und alle völlig absurden Gedanken und Erinnerungen waren sofort fort.
Hatte jemand etwas geworfen oder dagegen geschlagen?
Selbst wenn es eine Axt wäre, käme man durch die verschlossene Tür des Kommandoraums mit bloßen Händen oder Handwerkszeug nicht hindurch.
Das war keine Sperrholzplatte.
Keine Angst vor Äxten! Ich hab doch einen Searer!
Es knallte wieder.
Und ich denk an Schwanzgrößen statt mir einen Plan zu überlegen. Echt super. Total vorbildlich.
Der Searer lag schon länger in meiner rechten Hand, aber ich würde auf keinen Fall grundlos die Tür schmelzen.
Es knallte wieder.
Gut möglich, dass da wirklich einer hackte.
Bisschen sehr irre, oder?
Ich entschied mich, es langweilig zu finden, tastete mich zu meinem Kommandostuhl und setzte mich wieder.
Ich legte die Füße auf die Konsolen vor mir und ließ das nur sehr unregelmäßig erklingende Hacken über mich ergehen.
Nach etwas mehr als fünf Minuten verschwand es und ich fragte mich, ob das wirklich ein Mensch gewesen war.
Wer bitte hackte so langsam?
Wer braucht so lange, um auszuholen?
Ein Opa von 120 Jahren?
Und wer würde es so oft ausprobieren, wenn jedem normalen Menschen nach drei Schlägen klar sein muss, dass man so nicht durch die Tür kommt? Eine naive, dumme, böse Kinderintelligenz? Als nächstes kam dann wohl der Angriff der Plastiklöffel.
Plastiklöffel? Möchte mal wissen, wie meine Denk-Krankheit eigentlich heißt. Was macht man dagegen? Soviel Erfahrung und Ausbildung, und nützt alles so wenig. Halluzinationen?
Es hämmert. Man sitzt im Dunkeln auf seinem Stuhl und weiß, dass der Idiot nicht reinkommt, egal wie viel er hämmert. Falls es einen Idioten gibt.
Aber er mochte ja auch einen Searer haben. Warum hatte er ihn dann nicht benutzt?
Die Stille danach gefiel mir allerdings auch nicht.
Ich war wirklich nicht mehr leicht zufriedenzustellen.
Ich raffte mich schließlich auf tastete mich zu allen Konsolen in Reichweite.
Sie waren schlichtweg platt, offline, nutzlos.
Da tat sich nichts.
Also runter auf die Knie, Schutzplatten knapp über dem Fußboden abmontieren, und … naja, und dann?
Ich hatte ja nicht mal eine fucking Taschenlampe!
In den Kabelkanaleingeweiden hätte es wenigstens ein bisschen leuchten müssen. Leichte Entladungen, Farbspiele, prismatisches Funkeln. Was Stromstärken dieser Intensität eben manchmal so auslösten. Kontrollkreise und Blink-Lighties hätten gelb und grün flackern müssen.
Taten sie aber nicht.
Die Struktur unter der Struktur war weg? Dann war die Sache nicht abgeschaltet, sondern gekappt worden.
Hardware statt Software.
Und das sollte alles Andrew getan haben?
Some things seem to be very strange in here!
Also nicht in einem schwarzen Escape Room, der bekanntlich keiner war, sondern in dieser verdammten Anlage.
Die Nacht würde lang werden, aber jetzt, da ich nicht mal mehr ahnen mochte, ob es Andrew war, wollte ich erst recht nicht mehr rausgehen.
Ich war irgendwann eingenickt und dann kurz panisch, als ich erwachte. Aber ich hing wieder in meinem Kommandosessel, wie ich schnell feststellte, und meine Füße lagen auf der Querkonsole.
Wie lange hatte ich geschlafen? Blablabla! Sinnlos, darüber nachzudenken. Weiß man eben nicht. Irgendwas zwischen einer und vier Stunden, schätzte ich. Der Rest ist Film oder albernes Buch. Als ob man gleich wüsste, was los ist, wenn man verknautscht aufschreckt! Ich wusste immerhin, wo ich war, warum ich dort war und was ich war. Wer das ständig abstreitet, erzählt Fantasy-Scheiß, aber nicht die Wahrheit.




