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Ich hatte früher mal überlegt, ob ich Bücher schreiben soll, aber die Versuche waren richtig mies gewesen. Das eigene Zeug hatte mir Schamesröte ins Gesicht getrieben, also hatte ich es schnell wieder gelassen.
Meine Verwirrung des Schlafs und der Dunkelheit verflog rasch. Der Kopfschmerz kam leider nicht von Alkohol. Manchmal tat er das, heute nicht.
Ich kratzte mich am rechten Knie und nahm die Füße von der Konsole. Die Kniekehlen waren zu lange durchgedrückt worden. Es tat ein bisschen weh und kribbelte. Das war so eine unheilvolle Mischung aus eingeschlafenen Beinen und Schmerzen im Knie. Unheimlich angenehm.
Ich hätte weder schnell aufspringen noch weglaufen können in dem Zustand. Dabei gab´s in der Ausbildung tatsächlich Instruktionen zum Campieren im Feld. Also so nannten die das. Die meinten Schlaf im Kampf. Für die ST war das meistens eher nicht auf einem Schlachtfeld unter freiem Himmel. Und man sollte sicher nicht im Kommandosessel mit den Beinen auf der Lehne schlafen, eher flach auf dem Boden. Aber wozu? Ich war eingeschlossen. Anscheinend hatte der, die oder das Täter in den letzten Stunden nichts Lautes angestellt, sonst wäre ich ja wach geworden. Ich war noch da, es war nicht bei mir. Soweit so göttlich toll.
Trotzdem ging es mir nach dem Schlaf körperlich nur ein klein wenig besser als vorher, dafür war das allgemeine Wohlbefinden nun vollständig im Eimer.
Ich hätte gern lange geschlafen, in Ruhe und Frieden und in einem Bett, nicht in Uniform, nicht am Arbeitsplatz.
Allein zu schlafen war okay. Mir war nicht jegliche Art von Beischlaf recht. Schon verdammt lange nicht mehr.
Ich dachte an Stan. An Jill. An alle möglichen merkwürdigen Menschen, die nicht bei mir waren.
Hilft nichts. Heul nicht! Alle Systeme ausgefallen. Luft okay, genug Sauerstoff drin. Ist die Lüftung auch aus? Wahrscheinlich. Wie spät ist es?
Ich hatte Durst. Hier drin gab es absolut nichts, und das würde bald ein Problem werden. Meine Ausrüstung: eine Schusswaffe. Nichts zum Tendrieren, also Scannen dabei. Kein Calculator, den man etwas hätte fragen können.
Nur mich.
Nicht mal eine verdammte Uhr!
Es mochte um die frühen Morgenstunden sein, vielleicht fünf oder sechs Uhr.
Ich sah mir die Tür noch einige Minuten länger an, ohne mehr als ihre dunkelgrauen Konturen und die minimalen Spalten schimmernden, nebelhaften Lichts außen herum in Ansätzen zu erkennen.
Dann stand ich auf und strich meine Uniform glatt.
Ich fand es unwürdig, weiter zu warten.
Mit einer raschen Bewegung öffnete ich die Tür.
So sehr der Wunsch nach absoluter Sicherheit gekommen war, so schnell war er nun auch wieder gegangen.
Manche Menschen funktionieren so.
Auch ich funktioniere manchmal so.
Nennt man das sprunghaft oder entscheidungsfreudig?
Ich sah mich um.
Der Korridor war nicht vollgeschleimt, zerkratzt, oder gar mit Blut beschmiert, aber ich hatte das ungute Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas mehrmals darin herumgeschnüffelt hatte, während ich schlief.
Es lag eindeutig etwas in der Luft, und an den Wänden waren Abfallbehälter und Bilder verschoben worden. Das meiste hing ein wenig schief. Wieso? War hier ein Elefant durchgelaufen? Wieso war nichts kaputt?
Irgendein Irrer muss sich alles genau angesehen, alles angefasst und ein wenig verdreht haben.
Die Vorstellung von einem völlig gestörten Psychokiller half mir nicht weiter.
Vielleicht war er, sie oder es aber auch nur betrunken.
Meine Gedanken tun alles, um mich zu beruhigen. Ich sollte ihnen mal ein Bier ausgeben.
Oder es war gar kein Mensch und ich verstehe einfach grundsätzlich nicht, was es ist und was es will.
Okay, Gedanken, doch kein Bier für euch!
Doch kein Morpher, oder? Doch nicht schon wieder ein Morpher! Der Krieg ist vorbei. Klar bleibt Terror möglich, aber Morpher sind eigentlich nicht so langsam.
Sie waren eines der Völker des Vielvölkerreiches, des Prismoniums, gegen das wir Krieg geführt hatten. Sie konnten die Gestalt anderer Wesen annehmen. Geschichten von Morphern endeten oft damit, dass der vermeintliche Partner oder beste Freund jemanden mit einem schleimigen Tentakel erwürgt hatte. Auch ich hatte persönliche Morpher-Geschichten zu erzählen.
Ich wünschte, ich hätte keine zu erzählen gehabt.
Das Gefühl, Morpher zu hassen, verbot ich mir. Hass war schlecht und führte nirgendwo hin. Meiner Erfahrung nach. Aber das hieß nicht, dass man ihn nicht ab und zu empfand. War eben so. Man sollte ihm nur nicht weiter nachgeben.
Nicht zu oft.
Ich sah mir die Tür des Kontrollraums von außen an.
Es überraschte mich eigentlich nicht, dass sie keinen Kratzer aufzuweisen hatte.
Halluzinationen? Wirklich? Oder Nervengift aus den Luftschächten? Abhaken! Abhaken, ganz dringend! Dann war es eben keine Axt.
Ich verdrängte alle Sorgen so gut es ging und suchte langsam Gänge und Räume der Einrichtung ab, immer mit dem Searer im Anschlag.
Ich fand im ganzen Gebäude nichts Lebendiges.
Ich kann nicht sagen, dass mich das sehr zufriedengestellt hätte. Für eine ordentliche Spurensuche war ich weder ausgerüstet noch in der optimalen Verfassung, und ich allein war kein ausreichend großes Team. Ich musste auf meine Sicherheit achten und hatte keine Ruhe für Analysen. Der Angreifer konnte immer noch irgendwo in der Nähe sein, und wenn er vorhatte, mir etwas anzutun, dann würde er es sicher wieder versuchen. Andererseits hatte er womöglich aufgegeben, als er nicht in meinen Panic Room hatte eindringen können.
Falls er das ernsthaft versucht hatte.
Dann war er schon seit Stunden fort? Dann war keine Rache mehr möglich. Keine Rache? Auch nicht so richtig befriedigend.
Ich muss wirklich versuchen, nicht verrückt zu werden. So schlimm ist das alles nicht. Atme, Woodi! Alles wird gut.
Irgendwann gönnte ich mir den erlösenden Moment, die Anspannung fallen zu lassen.
Nicht die Waffe, nur die Anspannung.
Ich setzte mich, an eine Wand gelehnt, auf den Boden, strich mir durchs knapp schulterlange Haar und schloss die Augen.
Mich machte die Sache richtig traurig, nicht nur der Toten wegen. Ich war keine Action-Figur aus dem Kinderzimmer. Ich hatte keinen Bock mehr auf den Scheiß. Dafür war ich nicht auf die Erde gekommen.
Ich will keine Feinde. Warum hab ich das merkwürdige Angebot des Commodores angenommen, der Sache auf den Grund zu gehen? Das wird mich von hier wegführen, oder? War das überhaupt ein Angebot oder eher Zwang? Verflucht noch mal, früher war ich von Irren umgeben, aber wenigstens nicht allein. Heute bin ich selbst die einsame Irre.
Gegen 4:30 Uhr konnte ich endlich ein Mini-Einsatzkommando anfordern, welches um 5:00 Uhr vor Ort war.
Sie bargen Maryjas Leiche und räumten den Schrott des explodierten Gleiters weg.
Der Doc würde Maryja in einer Einrichtung in Dublin obduzieren, wenn ich es recht verstand – er war nicht Teil des Kommandos - der Schrotthaufen sollte nach Birmingham ausgeflogen werden. Dort befand sich eine Einheit der Ermittlungsbehörden.
Ich war froh, dass mir diese Last abgenommen wurde, doch weder davor noch danach fand ich Schlaf.
VII
NOONA
Ein weißer Gleiter fuhr vor.
Der Morgen war gekommen.
Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel voller weißer Wolkenberge, die aber irgendwie nie direkt vor der Sonne lagen, sondern sie stets nur ehrfürchtig flankierten.
Der eingetroffene Gleiter war sauber. Nein, sauber trifft es nicht. Er war wie geleckt. Wie aus dem Ei gepellt. Das mit dem Ei wurde durch die weiße Farbe überdeutlich. Rund war das Ding allerdings kaum, sondern flach. Verdammt flach.
Ein extrem sportliches und kostspieliges Modell.
Natürlich musste man in unserer geldlosen Gesellschaft keinen Gleiter teuer erwerben, aber für ein solches Luxusteil musste man Privilegien eintauschen, und zwar sehr, sehr viele davon. Exklusivität gab es immer noch – Menschen unterschieden sich gern voneinander. In allen Zeiten waren sie grundsätzlich eins und doch auch immer unterschiedlich. Alle Ideologien, die Menschen gleichschalten wollten, waren mir zuwider. Ich empfand nichts Negatives, wenn ich so ein Protzteil sah, aber es sagte eben etwas über den Besitzer aus. Im Gegensatz zu früheren Zeiten musste das nicht einmal etwas Schlechtes sein. Neid war aufgrund von Gegenständen schlichtweg äußerst selten geworden. Ich hätte auch so einen Gleiter haben können. Ich brauchte nur keinen.
Kaum hatte das Ding gestoppt, fuhren die beiden Seitentüren wie Flügel nach oben. Das sah schon ziemlich cool aus, auch wenn mich Gleiter sonst nicht besonders interessierten. Das aber hatte was von einem Schmetterling.
Ich mochte Schmetterlinge.
Die Fahrerin stieg aus.
Sie trug eine silbergrau glänzende, hautenge Uniformjacke und dazu eine schwarze Stoffhose.
Auch ich trug diese Klamotten, aber an ihr sah es gänzlich anders aus. Es passte besser, der Schnitt schmeichelte der Figur, es glänzte scheinbar mehr. Klar lag das nur an der Sonne, aber der Kontrast zu mir und meinen verschwitzten, dreckigen Klamotten war groß. Außerdem war ich kleiner als sie, auch ein bisschen breiter, und meine Brüste waren – machen wir uns nichts vor - einen Tick zu groß für meine Figur. Vielleicht auch zwei Ticks.
Ich sah vielleicht nicht aus wie ein kleiner, stämmiger Junge mit dicken Titten, aber …
Warum machen wir Frauen uns immer so viele Gedanken darüber, wie wir aussehen? Gerade mir ist das ja eigentlich völlig egal, aber wenn man verknallt ist oder so eine andere Frau als Vergleich geradezu vor den Kopf geschlagen bekommt, kehren alte, böse Gedanken und Geister aus der Pubertät zurück. Diese bösen, bösen Geister! Jemand sollte sie einsaugen und wegsperren!
Die Frau aus dem Gleiter war wie eine Femme Fatale aus einem schlechten Film. Oder aus einem guten Film. Es gab auch verdammt gute Filme mit Femme Fatales.
Sie trug eine spiegelnde, übergroße Sonnenbrille. Silberfarben. So eine Art Flieger- oder Pilotenbrille.
Und sie kaute etwas. Vermutlich Chewing Gum. Kaugummi. War auch mal mein Ding gewesen, aber als Teenager.
Am Gürtel, und ein Gürtel gehörte gar nicht zur Standardausrüstung der ST, trug sie zwei Holster mit einem Searer an der rechten und einem Analyzer an der linken Seite.
Ich trug übrigens auch einen Gürtel, aber das hatte andere Gründe als Waffen und Ausrüstung mitzuführen.
So richtig schmal war ihre Hüfte gar nicht, schon sehr weiblich, aber der Rest des Körpers war wahnsinnig schlank. Ein Mensch wie eine Schlange, drahtig und muskulös. Sie war gefährlich, ich wusste das. Sie hatte schon Gegner mit bloßen Händen getötet. Dutzende, wenn ich mich recht erinnerte. Ich hatte es nicht gesehen, aber sie war schon auf einigen Schiffen im Dienst gewesen. Solche Dinge sprachen sich herum. Akteneinsicht in ihre Vergangenheit hatte ich nie gehabt. Da sie mir nun formal unterstellt wurde, sollte ich aber eigentlich bald eine Akte bekommen. Das würde eine äußerst interessante Lektüre werden.
Noona Striker spuckte das Kaugummi auf den Boden, bückte sich in den Gleiter und steckte sich dann eine Zigarette in den Mund, die sie mit einem Mini-Lighter entzündete.
Ich hatte auch amateurhafte Erfahrungen mit diesem archaischen Ritual des Rauchens, aber wie sie nun den Qualm tief inhalierte, und durch die Nase ausströmen ließ, sah einfach abgezockt aus. Irgendwie verlieh ihr das einen entschieden männlichen Touch. Nicht so einen jungenhaften Kumpel-Touch wie bei mir, sondern eine Mischung aus Nymphomanin und männlichem Action Hero.
Ich zweifelte nicht an meiner Entscheidung, sie angeworben zu haben. Falls der Täter ihre Ankunft ebenso beobachtete wie ich, würde er sich entweder vor Angst oder vor Erregung in die Hose machen.
Ich betätigte sämtliche Entsperrungs-Funktionen und meine Station öffnete sich wie eine erblühende Knospe.
Alle Systeme fuhren hoch, alle Türen, Fenster, Sonnenblenden, Luftschächte, Luken und Tore wurden geöffnet.
Und alles funktionierte!
Ich hatte in den frühen Morgenstunden Routine um Routine durchlaufen lassen, um ein Gefühl für den Zustand der Anlage zu bekommen. Systemreparaturen, Systemwiederherstellungen, Schwachstellensuchen. Viele kleine zertretene Sprösslinge der IT-Struktur hatten sich wieder aufgerichtet. Ob damit alle Sabotage oder Schadsoftware aus dem System verbannt war, blieb Spekulation, aber die Station gehorchte meinen Kommandos.
Das tat verdammt gut!
Wie das unablässige Weitermachen und Ausprobieren am Ende oft doch noch zu Verbesserungen führt! Aufgeben und verzweifeln ist einfach kacke. Nicht vergessen, dass es immer wieder aufwärts geht, Woodi, egal in welchem Loch du steckst!
Ich dachte an den oder die Verursacher dieser ganzen Schieflage. Doch Andrew? Wenn dieser Penner noch hier drin war – fein! Sein Problem. Und wenn nicht, was irgendwie wahrscheinlich war, musste die Angst einfach weg, die mir wie Feuchtigkeit in der Seele hing.
Ich hatte eine Schusswaffe.
Noona Striker hatte eine Schusswaffe.
Gemeinsam würden wir auch einen Killer-Androiden platt machen.
Ich fand, Striker vermittelte immer den Eindruck, unsterblich zu sein. Dabei war sie mindestens zwei Mal so gut wie tot gewesen, und das waren nur die Stories, die ich kannte.
Diese Frau würde erst sterben, wenn sie damit einverstanden war.
Das getönte Fenster vor meiner Nase fuhr hoch in seine Rahmenhülse.
BAMM!
Die Sonne traf mein müdes Hirn mit all ihrer monströsen Pracht.
Aua, stechender Kopfschmerz des Grauens, verpiss dich!
Der Schmerz pochte kurz wie Migräne, inklusive Schwindel und einsetzender Übelkeit. Ich kniff die Augen zusammen, dann blinzelte ich mühsam und gewöhnte mich langsam an die grelle Herrlichkeit unseres Sterns Sol. So hieß unsere Sonne in der Unterscheidung zu den Milliarden anderen Sonnen da draußen. Ich hatte bestimmt hundert andere mit eigenen Augen gesehen, trotz meiner wenigen Jahre im All. Bei einer durchgehenden Karriere von sechzig Dienstjahren sah man sicher eintausend Sonnen oder mehr.
Das relativierte einiges.
Anfangs.
Aber bald schon war mir klar geworden, dass es in meinem Herzen nur eine Sonne gab.
Unsere.
Alle anderen nannte ich bei ihrem kartographischen Namen. Manche waren kleiner, andere größer. Viele hatten gänzlich andere Farben. Aber unsere Sonne war eben meine Sonne.
Und ich sah sie am liebsten vom Boden aus, nicht durch den Screen eines Raumschiffs.
Trotzdem wünschte ich in diesem Moment, eine Wolkenwand hätte sie verschluckt.
Ihr Licht war entlarvend rein und tat mir weh.
»Hi Noona!«, rief ich und winkte.
Eine Begrüßung mit mehr Esprit war mir nicht eingefallen.
Esprit war nicht so meine Stärke.
Striker sah zu mir hoch und stemmte die Hände in die Hüften.
»Was für ein beschissener, gottverlassener, abgrundtief langweiliger Ort«, rief sie. »Passt zu dir, Woodman!«
Sie lächelte nicht und ging zu ihrem Gleiter.
Ich wusste, wie sie war, aber ich war dennoch angepisst. Sorry für die Wortwahl.
Was für eine elende Bitch!
Sorry für meine … ach, scheiß drauf!
Nicht provozieren lassen!
Sie fuhr ihren Gleiter hinein, ich ging hinunter.
Im gläsernen Büro meines zerhackten Crewies Lennox Torgan standen wir uns dann gegenüber.
Striker nahm die Sonnenbrille ab.
Ich fand ihre grünen Augen noch verspiegelter als die dunklen Gläser der Brille. Ihr Blick war wie ein scharfkantiger Smaragd, der einem die Luftröhre zerschnitt.
»Wie sagte Stan immer? Rehaugen-Dewie Woodi?«, fragte sie in erstaunlich neutralem Tonfall. Spott fehlte darin, und das verunsicherte mich.
Stan sagte das? Wieso sagte? Ist ihm was passiert? Sind sie nicht mehr zusammen? Oder einfach nur wegen früher?
»Heute Stalev Woodman natürlich«, korrigierte sie sich hastig. Nach Respekt klang es jedoch nicht gerade, allerdings auch nicht bösartig.
»Man hat mir interessante Dinge versprochen, wenn ich kurz unter deiner Fuchtel diene, Woodman. Wie kommt denn das?«
Ich kratzte mich an der Nase und dachte einen Moment darüber nach, wie ich es ihr am besten erklären sollte.
»Naja, ich bin da vielleicht in eine krasse Sache geraten, und du bist ziemlich unerschrocken.«
Sie lächelte erstmals.
»Unerschrocken? Meinst du nicht eher verrückt oder abgefuckt?«
Ich schaffte es, nicht zu nicken.
»Verrückt sicher nicht. Ich halte dich für sehr gut, in dem was du tust.«
Ihr Lächeln verschwand. Sie ging an mir vorbei und stieß, sicher nicht unabsichtlich, ihre Schulter gegen meine.
»Wo ist die Kommandozentrale, falls dieses Schulgebäude oder was dieser hässliche Schandfleck in der Landschaft sein soll, sowas hat?«
Ich eilte hinter ihr her wie eine Untergebene und erklärte den Weg. Sie ging so schnell, dass ich fast rennen musste, um zu folgen.
»Was weißt du?«, fragte ich, hinter ihr her hechelnd.
Das war sowas von unhöflich von ihr!
»Dass es Anschläge auf Geschütze gab und bei dir hier einen Mord. Muss ich viel mehr wissen?«, gab sie gelangweilt zurück.
Sie erreichte mein Büro, also die Zentrale, und fing gleich an, sich an den Konsolen und Displays Aufzeichnungen und Daten anzusehen.
Das Zeug flimmerte beeindruckend schnell an ihr vorbei, aber sie schien es problemlos verarbeiten zu können.
Nach einigen Momenten entschied ich, sie trotzdem über ein paar Dinge aufzuklären. Die Berichte, die sie da las, hatten sicher nur eine seltsame Version der Realität abgebildet.
»Einen Verräter, eine Verletzte, einen Toten. Nein, zwei Tote inzwischen! Letzte Nacht wurde einer meiner Assistance-Dewies in die Luft gesprengt. Ein nettes Mädchen. Der erste Tote wurde mit einer Axt zerhackt. Und einer der anderen Assistance-Dewies hatte zuletzt Zugang zur Anlage. Laut Protokoll wurde er nie ausgeloggt.«
Während ich das sagte, las Noona weiter, nickte ab und an. Ich wusste aber nicht, ob sie mir dem Screen zunickte.
»Der Verräter, dieser Jensen, ist flüchtig?«, fragte sie.
Ich nickte.
»Und kommt nicht als Mörder in Frage?«
»Eigentlich nicht, nein. Ich wüsste nicht, wie das gehen sollte. Aber er hat meine Kollegin niedergeschlagen.«
»Jill Bekker?«
Ich nickte.
»Sie wurde verhaftet, wird mir aber bald überstellt. Als Gefangene.«
Noona hörte auf zu lesen und wandte sich mir zu.
»Wieso wurde sie verhaftet?«
»Sie behaupten, sie hätte ihren Kameraden zerhackt. Dabei hatte der Verräter sie vorher niedergeschlagen und Lennox Torgan, das Opfer, hat ihr geholfen. Ein Arzt war noch da. Die Sache muss später passiert sein. Also das ist das, was ich gehört habe. Ich war schon nicht mehr hier, als das passiert ist. Also der Mord.«
Noona sah mich kritisch an.
»Du bist ganz schön durcheinander, Woodman. Aber die Sache scheint mir auch seltsam zu sein. Du bekommst Geheimdienst-Infos?«
»Angeblich ja. Bisher aber nicht«, sagte ich achselzuckend. »Ich weiß nicht, ob ich Commodore Dangler vertrauen kann, aber sie hat mich beauftragt, der Sache nachzugehen.«
»Dangler ist in Ordnung«, sagte Striker. Ihr Vater müsste es eigentlich wissen, und was er wusste, wusste auch Noona.
Sie dachte einen Moment nach, das sah man ihr an. Sie vermittelte einen angestrengten, aber klugen Eindruck, und vor allem hatte ich das Gefühl, sie jetzt keinesfalls stören zu dürfen.
Also wartete ich.
Und wartete.
Und wartete weiter.
»Sie ist nicht das Problem«, sagte Noona schließlich. »Dangler. Ich denke, der Auftrag kommt wirklich von ihr und wird - viel wichtiger! - von relativ wichtigen Teilen des Geheimdienstes gedeckt. Ist dein Team das einzige?«
Ich zuckte erneut mit den Achseln.
»Wenn´s mehrere gibt, was wahrscheinlich ist, müssen wir aufpassen. Manche Teams neigen dazu, die Schuld auf andere Teams zu schieben, um sich zu profilieren. Üblicherweise heuert der Geheimdienst mehrere Teams an und spielt sie gegeneinander aus. Zu einem gewissen Zeitpunkt zumindest. Wir sollten das beste Team sein – mit echten Ergebnissen statt Betrug. Dann kriegen wir unsere Belohnungen und uns pisst keiner ans Bein.«
Sie schien sowas schon gemacht zu haben. Ich war froh, sie ausgewählt zu haben, egal wie sie drauf war.
Noona sah mich an und grinste plötzlich hinterhältig.
»Was hast du dir eigentlich als Belohnung ausgesucht?«
»Äh, nichts. Ich mach´s einfach. Ich will hierbleiben, meine Stellung behalten und Bekker entlasten. Das reicht mir.«
»Kein Raumschiff, Woodi?«, fragte sie, noch immer merkwürdig grinsend.
»Nein, absolut kein Bedarf.«
Sie machte eine bedeutungsschwangere Pause.
»Oder Stan Pendra nackt auf einem Silbertablett?«
Ich weiß gar nicht, wie es passierte, aber meine rechte Hand landete blitzschnell und hammerhart in diesem hübschen, grinsenden Schlangengesicht.
Noona taumelte gegen die nächstbeste Wand, ohne zu Boden zu gehen.
Im ersten Augenblick sah sie mich mit einem Blick an, der mich einen Kampf auf Leben und Tod erwarten ließ. Dann aber rieb sie sich die Wange, nickte und lächelte anerkennend. Anerkennend!
»Du hast Kraft, kleine Woodi. Gute Reaktion auf so einen billigen Anmach-Scheiß wie meinen gerade.«
Ich schüttelte mich.
Ein cooler Spruch wäre vielleicht gut gekommen, aber mir fiel nichts ein.
Noona beugte sich vor, so dass unsere Nasenspitzen sich fast berührten.
Ich musste mich ein wenig konzentrieren, um nicht vorsichtshalber zurückzuweichen.
»Du hast mich angefordert, obwohl ich mit dem Mann zusammen bin, den du liebst? Was für ein kranker Scheiß ist das bitte?«
Das klang nicht mal so, als wolle sie mich vorsätzlich ärgern, aber vieles in mir sträubte sich heftig dagegen, das unkommentiert stehen zu lassen. Es stimmte einfach nicht.
Zumindest nicht ganz!
»Ich habe dich angefordert, weil ich dir vertraue. Und weil du gut bist, gerade für so was, das neben der Spur und möglicherweise sehr gefährlich ist. Mit wem du ins Bett gehst, ist nicht relevant.«
Sie nickte, vielleicht sogar dankbar, aber sie wartete offensichtlich auf etwas mehr Seelenstriptease.
Ich seufzte resignierend.
»Und ja, ich mochte Stan mal ein bisschen mehr als nur freundschaftlich, aber es war ja nie was zwischen uns. Das ist lange her. Ich liebe ihn nicht und es stört mich nicht, dass du mit ihm zusammen bist. Reicht das zu dem Thema?«
Sie nickte nochmals und zog den Kopf ein wenig zurück.
Ich fühlte mich jetzt nicht mehr wie eine Springmaus vor der Kobra.
»Und ich bin echt mehr an meinen ermordeten Leuten interessiert als an alten Männergeschichten, Stalev Striker.«
Sie nickte, und diese Geste beinhaltete ein deutlich sichtbares Lächeln.
»Gut, kann sein, dass ich dir teilweise glaube. Also lösen wir den Fall, Sherlock! Über Stan reden wir noch. Ich bevorzuge es allerdings, dass wir beide dann sehr, sehr betrunken sind!«
Ich konnte nicht verhindern, darüber zu lachen. Und das tat wirklich gut!
»Du bist echt unmöglich!«
Sie schlug mir auf die Schulter.
»Und du bist in Ordnung, Woodman, lass dich nicht von mir ärgern! Sollte ich eigentlich besser Vanessa sagen?«
»Nenn mich Woodi«, sagte ich.
»Und du mich Strikey«, sagte sie, lächelte aber nicht.
»Schwachsinn, Noona!«
Jetzt lächelte sie.
»Ja, Schwachsinn. Sei du ruhig die Woodi. Kleine, lustige Kumpel-Frauen nimmt eben kein Mann ernst, aber okay, wenn du Woodi sein willst…«




