Der Schatz der Kürassiere

- -
- 100%
- +
„Ich werde noch heute Ihre Vorgesetzten im Fort Plappeville darüber informieren. Monsieur Fréchencourt, Monsieur Perçu Monsieur Grau und ich werden in der kommenden Nacht nach Paris aufbrechen. Sie beide werden Ihre Uniformen mit Zivilkleidung tauschen und das Haus hier bewachen, bis Monsieur Fréchencourt zurückkehrt oder Sie neue Anweisungen erhalten.“
Philippe, der hinzugekommen war und die letzten Worte mitgehört hatte, schaute irritiert in die Runde. Fréchencourt nahm ihn beiseite und informierte ihn kurz über sein Gespräch mit den Besuchern. Dann wandte sich der Hausherr an Robin und Mourai:
„Philippe wird Ihnen jetzt das Haus zeigen. Sie können sich hier überall frei bewegen. Zum Schlafen stehen Ihnen zwei Gästezimmer im oberen Stockwerk zur Verfügung. In den Schränken finden Sie ausreichend zivile Kleidung vor, sicherlich ist auch etwas Passendes für Sie darunter.
Die Lebensmittelvorräte, über die Sie verfügen können, reichen, je nach Ihrem Appetit, für sechs bis acht Monate. Noch etwas! Es ist möglich, dass einige meiner Männer hier auftauchen, die sich mit der Parole ‚La petite guerre’ zu erkennen geben. Nur diejenigen, die den Code kennen, dürfen Sie ins Haus lassen“, dabei blickte er Philippe grinsend an. Als ihn Robin und Mourai fragend ansahen, fügte Fréchencourt hinzu:
„Ach ja, ich hatte vergessen Ihnen zu sagen, dass dieses Gebäude den Franctireurs als geheimer Treffpunkt und Rückzugsort dient. Damit Sie mit meinen Leuten keine Probleme bekommen, werde auch ich ein kurzes Schreiben aufsetzen, welches Sie ihnen zeigen können, wenn es notwendig sein sollte.“ Muller schloss an:
„Folgenden Rat sollten Sie zu Ihrer Sicherheit dringend befolgen. Gesetzt den Fall, dass es sich abzeichnen sollte, dass der Feind die Stadt besetzen wird, dann wären Sie als Mitarbeiter des Kriegsministeriums, insbesondere aber als Unterstützer der Franctireurs, in größter Gefahr. Deshalb beseitigen Sie frühzeitig alles belastende Material. Vernichten Sie sowohl die von mir als auch die von Monsieur Fréchencourt ausgestellten Legitimationen und geben Sie sich als Bedienstete dieses Hauses aus. Dann haben Sie kaum etwas zu befürchten. Egal was geschieht, bleiben Sie auf Ihren Posten, auch wenn es länger dauern sollte als geplant. Wir werden uns melden, sobald es möglich ist.“ Nun ergriff Fréchencourt das Wort:
„Philippe wird Sie gleich in ein geheimes Kellergewölbe führen. Dort befinden sich ein Schießstand, Vorrats- und Waffenkammern. Ich bitte Sie, Ihre Uniformen und Gewehre in dem eigens hergerichteten Waffenraum unterzubringen. Philippe wird Ihnen dort im Gegenzug Handfeuerwaffen mit ausreichend Munition aushändigen. Vergessen Sie auf keinen Fall, bei Gefahr die Türen zu schließen.“
„Wir werden Sie nicht enttäuschen, Messieurs! Sie können sich voll und ganz auf uns verlassen“, erwiderte Robin. Daran zweifelte niemand, selbst Philippe nicht, der inzwischen seinen Frieden mit den Besuchern geschlossen hatte.
„Beeilen Sie sich Philippe, Sie müssen sich noch reisefertig machen, wir wollen um sechs aufbrechen“, erinnerte ihn Fréchencourt.
Nachdem sich Philippe, Robin und Mourai zur Hausbegehung entfernt hatten, entschuldigte sich Fréchencourt, um sich umzuziehen und ein paar wenige Sachen zusammenzusuchen, die er auf seine vermeintlich letzte Reise mitnehmen wollte.
Grau und Muller zogen sich in die Bibliothek zurück, um sich die Wartezeit ein wenig mit Lesen zu verkürzen.
Wie verabredet, traf man sich kurz vor sechs in der Eingangshalle. Robin und Mourai waren in Zivil kaum wieder zu erkennen, und Philippe sah in Cut und grau-schwarz gestreifter Hose ausgesprochen elegant aus.
Die Gruppe verabschiedete sich von Robin und Mourai und wünschte ihnen viel Glück. Dann traten die Männer auf die Straße und hörten, wie sofort hinter ihnen der Riegel vorgeschoben wurde. Muller blickte prüfend zum Himmel, was er sah, schien ihn zufrieden zu stellen. Die Sonne war wieder hinter dunklen Wolken verschwunden und es wehte ein teils kräftiger Wind aus nordöstlicher Richtung.
„Mon Dieu, was stinkt das hier draußen so erbärmlich, so nach Fäkalien und Verwesung“, angewidert stieß Fréchencourt die eingeatmete Luft aus.
„Das ist Gewöhnungssache, nach einiger Zeit nehmen Sie den Geruch nicht mehr wahr“, beruhigte ihn Grau.
„Wir haben bis Fort Plappeville noch einen Weg von ungefähr vier Kilometern vor uns. Wenn wir stramm gehen, sind wir in gut einer Stunde dort“, sagte Muller und beschleunigte seine Schritte.
Zunächst eilten sie die Rue des Jardins hinunter, an der gotischen Kathedrale vorbei, ein Stück an der Mosel entlang und gelangten über die Pont des Morts auf die linke Flussseite. Überall auf ihrem Weg trafen sie kleinere oder größere Gruppen Soldaten, die den vorbeieilenden Zivilisten spöttisch hinterher schauten. Auch einige lästerliche Worte waren zu hören. Doch davon nahmen die vier Männer keine Notiz. Da es mittlerweile wieder begonnen hatte zu regnen, meinte Grau:
„Wenn wir Plappeville erreicht haben, sind wir nass bis auf die Knochen.“
Als sie hinter sich ein Fuhrwerk hörten, drehte Muller sich um und trat dem Gespann mit empor gestreckten Armen in den Weg. Der Kutscher konnte sein Gefährt gerade noch rechtzeitig vor Muller zum Stehen bringen.
„Sind Sie wahnsinnig, Mann?“, brüllte der aufgebrachte Soldat, der auf dem Kutschbock saß.
„Pardon Soldat, wir müssen so schnell wie möglich zum Fort Plappeville.“ Muller hielt ihm seinen Ausweis unter die Nase.
„Sie müssen meinen Ton entschuldigen, Monsieur, aber das hätte für Sie böse ausgehen können“, stammelte der Soldat, dessen Wut schlagartig verraucht war. Muller beschwichtigte ihn:
„Ich kann Ihren Zorn sehr gut verstehen, aber würden Sie uns bitte zum Fort fahren?“
„Selbstverständlich Monsieur, drei können hinten auf der Pritsche und einer bei mir hier vorne Platz nehmen.“ Muller setzte sich neben den Kutscher, die drei anderen kletterten hinten auf den Wagen unter die Plane. Ein kurzes „Hue“ und das Gespann setzte sich wieder in Bewegung. Pferde und Kutscher gaben nun alles, und nach einer Viertelstunde halsbrecherischer Fahrt hielt das Fuhrwerk an einem Schrankenposten an. Nachdem ein Wachsoldat die Papiere Mullers geprüft hatte, durften sie passieren, und nach hundert Metern rumpelte das Trainfahrzeug in einen der Festungshöfe.
„Wir sind am Ziel“, vermeldete Muller.
Kapitel 2
Fort Plappeville, 21. und 22. August 1870
Mit bleichen Gesichtern und den Kutscher insgeheim verfluchend, gingen die Männer leicht schwankend durch die offen stehende Stahltüre, über der ein Schild mit der Aufschrift „Kommandantur“ hing. Am Ende eines von zwei Gasleuchten schwach erhellten Gewölbeganges lag die Wachstube. Der wachhabende Offizier, ein Lieutenant und die drei anwesenden Soldaten salutierten, als sie die Wachstube betraten. Der Offizier wandte sich an Grau und Muller:
„Messieurs Colonel*, Sie und Ihre Begleiter werden schon erwartet.“ Philippe pfiff leise durch die Zähne, als er vom militärischen Rang der Angesprochenen hörte und auch Fréchencourt war sichtlich überrascht. Ein Soldat öffnete eine Tür und die Männer betraten einen großen quadratischen Raum mit grob verputzten weißen Wänden. Was sofort ins Auge fiel, waren die beiden gekreuzten Lanzen mit den daran befestigten Trikoloren, mit denen die rückwärtige Wand des sonst schmucklosen Raumes dekoriert war. Davor befand sich ein großer dunkler Eichenschreibtisch, der seine besten Tage schon hinter sich hatte.
Der Offizier, der vor dem einzigen Fenster des Raumes stand und den Eintretenden zunächst den Rücken zugewandt hatte, drehte sich nun um und kam den Besuchern entgegen. Grau machte die Männer miteinander bekannt:
„Lieutenant-colonel* Jacques Duchesne, der Festungskommandant. Monsieur Richard Fréchencourt und seine rechte Hand Monsieur Philippe Perçu.“ Duchesne musterte Fréchencourt und Philippe aufmerksam aber nicht unfreundlich.
„Ich hatte eigentlich Ihren Vater erwartet, aber auch Sie Messieurs sind selbstverständlich innerhalb der Mauern von Fort Plappeville willkommen. Sie befinden sich hier in der vordersten Linie, aber das sollte Sie nicht beunruhigen, denn hier sind Sie sicher wie in Abrahams Schoß. Die Deutschen wissen ganz genau, dass sie sich bei einem Angriff eine blutige Nase holen würden. Deshalb begnügen sie sich damit, uns zu belagern und uns hin und wieder eine Granate zu schicken, offenbar um uns zu zeigen, dass sie noch da sind“, spottete Duchesne. Als wenn der Gegner die Worte des Festungskommandanten gehört hätte. vernahmen sie ein unangenehmes Zischen. Sekundenbruchteile später schlug eine Granate irgendwo in der Nähe ein. Eine heftige Explosion ließ die Mauern erzittern und brachte die Deckenbeleuchtung ins Schwanken. Fréchencourt und Philippe duckten sich automatisch.
„Die haben auch schon besser gezielt. Ist wohl im Graben eingeschlagen“, sagte Duchesne unaufgeregt und grinste. Seine Artillerie antwortete umgehend mit einer Salve.
Der Festungskommandant bat seine Besucher an einem Kartentisch Platz zu nehmen und wandte sich dann erklärend an Fréchencourt und Philippe:
„Pierre, Jean und ich kennen uns schon seit Jahren. Wir waren zusammen auf der Militärakademie, danach trennten sich unsere Wege. Ich kam zur kämpfenden Truppe und die beiden heuerten beim Kriegsministerium an. Für Pierre und Jean hat sich dieser Schritt gelohnt, Sie haben sicher ihre Offiziersränge erfahren“, und grinsend fügte er hinzu: „Bei uns Praktikern lassen die Beförderungen nun einmal etwas länger auf sich warten als bei den Theoretikern vom Kriegsministerium. Die beiden sind bereits Colonel und ich bin erst Lieutenant-colonel“, seufzte er. „Ich habe mit ihnen gewettet, dass ich sie eines Tages im Rang überholen werde.“ Grau und Muller lachten amüsiert. Sie ahnten nicht, dass Duchesne diese Wette gewinnen würde. Der Kommandant läutete seiner Ordonanz.
„Messieurs, darf ich Ihnen ein Glas Wein oder lieber etwas Alkoholfreies anbieten?“ Alle vier stimmten für Wein.
„Aber nur ein Glas für jeden, Jacques. Du weißt ja, wir haben noch etwas vor“, meinte Grau. Duchesne zog die Augenbrauen hoch:
„Klar, ich habe die Vorbereitungen vom Fenster aus beobachtet, aber Pierre, erzähle mir doch mal, wie und wo ihr Monsieur Fréchencourt gefunden habt.“ Grau schilderte Duchesne ausführlich das Geschehen, angefangen mit ihrem Eintreffen in der Rue des Jardins No.12 bis zu ihrer Ankunft im Fort.
Duchesne hörte der Schilderung aufmerksam zu und schaute dabei abwechselnd zu Fréchencourt und Philippe. Als Grau geendet hatte, sagte der Festungskommandant:
„Monsieur Fréchencourt., ich hätte auch nicht anders gehandelt als Sie. Ich hoffe nur, Ihre Männer sind durchgekommen.“
„Das hoffe ich allerdings auch“, erwiderte Fréchencourt. Inzwischen hatte die Ordonanz, ein junger Fähnrich, die Gläser mit einem erlesenen Spätburgunder gefüllt. Nachdem der Offiziersanwärter den Raum wieder verlassen hatte, erhob sich Duchesne mit dem Weinglas in der Hand.
„Lasst uns auf ein gutes Gelingen anstoßen“, sagte er. „Messieurs, dürfen Philippe und ich nun endlich erfahren, was da gut gelingen soll?“, fragte Fréchencourt.
„Ach, haben die Schlingel Sie noch nicht eingeweiht? Dann gehen Sie bitte einmal mit mir zum Fenster“, erwiderte Duchesne. Die Gruppe folgte ihm. Was Fréchencourt und Philippe auf dem Festungshof sahen, ließ sie tief durchatmen, dort lag ausgebreitet eine graue Ballonhülle.
„Den haben wir noch nicht lange. Kurz vor Kriegsbeginn hat Paris damit begonnen, alle hiesigen Festungsanlagen mit Ballonen für Aufklärungszwecke auszustatten. Soviel ich weiß, hat aber bis jetzt nur Plappeville einen bekommen. Wie Sie sehen, prüfen meine Männer gerade die Verbindungen der Ballonhülle mit dem Korb. Sobald es dunkel ist, wird der Ballon mit Leuchtgas gefüllt, dann können Sie starten“ erklärte Duchesne.
„Bei den tief hängenden Wolken und dem leichten Nieselregen dürften Sie von den Deutschen unentdeckt bleiben. Wichtig ist nur, dass der Ballon schnell an Höhe gewinnt. Der Wind ist frisch und kommt aus Nordost und soll sich, wie unser ‚Wetterfrosch’ vorhersagt, vorläufig nicht drehen. Diese Luftströmung wird Sie ungefähr in Richtung Paris treiben. Bessere Voraussetzungen für den Überflug der gegnerischen Linien gibt es nicht.“
„Und wer soll das Ding manövrieren?“, fragte Fréchencourt, der während den Ausführungen des Festungskommandanten mit Schweißperlen auf der Stirn starr in den Innenhof geblickt hatte.
„Ich!“, antwortete Muller. „Ich habe schon einige Ballonfahrten hinter mir und bin, wie Sie sehen, immer wieder heil runtergekommen. Wenn wir die ersten vierzig Kilometer geschafft haben, sind wir in jedem Fall jenseits der feindlichen Linien, alles andere wird sich dann ergeben.“ Fréchencourt warf einen Seitenblick auf Philippe, der zufrieden lächelnd das Treiben auf dem Hof beobachtete:
„Du hast wohl gar keine Bedenken Philippe?“
„Warum sollte ich? Im Gegenteil, mein Jugendtraum vom Fliegen geht in Erfüllung, wenn auch nicht unter idealen Bedingungen, aber immerhin. Zudem ist das unsere einzige Chance von hieraus unbehelligt nach Hause zu kommen.“
„Mir ist unwohl bei der Sache, aber mir bleibt ja keine andere Wahl“, stellte Fréchencourt betrübt fest.
„So, lasst uns jetzt endlich anstoßen.“, sagte der Festungskommandant. Die Männer erhoben ihre Gläser und prosteten sich zu.
„Kommen wir nun wieder zum Grund unseres Zusammenseins, folgen Sie mir bitte zum Kartentisch, Messieurs“, forderte Duchesne seine Besucher auf. An Muller gewandt sagte er:
„Jean, hier ist die gewünschte Karte. Wir haben die momentane Windrichtung eingezeichnet und wenn es dabei bleibt, werdet ihr hier irgendwo zwischen Paris und Orleans landen.“ Die Männer beugten sich über die Landkarte.
„Die größten Probleme sind die Wetterverhältnisse und die Dunkelheit, denn wir können nicht auf Sicht fahren und müssen uns ausschließlich auf Höhenmesser und Kompass verlassen“, bemerkte Muller, und Grau fügte hinzu:
„Wir haben keine andere Wahl, Messieurs. Da wir über feindliche Linien hinweg müssen, helfen uns die tiefhängenden Wolken und die Dunkelheit der Nacht, unentdeckt zu bleiben. Darüber hinaus nutzen wir den Vorteil, dass niemand auf der Gegenseite mit einem Durchbruch mit einem Ballon rechnet. Ich jedenfalls habe keine Zweifel, dass wir das schaffen werden, denn Jean ist ein erfahrener Ballonfahrer.
Dennoch können wir nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass es schief geht. Für den Fall, dass wir aus irgendwelchen Gründen zur frühzeitigen Landung über besetztem Gebiet gezwungen werden und wir in die Hände der Deutschen fallen sollten, werden wir uns jetzt eine andere Identität zulegen.
Und zwar starten wir als Mitglieder des hiesigen Ballonclubs ‚Les Charlières de Metz’ und haben den Auftrag, die Post der letzten Tage nach Paris zu bringen. Wir werden deshalb zwei Postsäcke mitführen. Zudem erhalten wir neue Papiere, die zwar unsere richtigen Namen, aber hiesige Adressen enthalten, wobei bei Ihnen, Monsieur Fréchencourt und bei Ihnen, Philippe, als Wohnort das Haus in der Rue des Jardins angegeben ist.
Wenn wir bemerken sollten, dass es brenzlig wird, werden wir alles, was auf unsere wahre Identität hinweist, sofort vernichten. Die Deutschen lieben ‚Husarenstücke’ und sie würden uns großen Respekt entgegenbringen. So hätten wir eine gute Chance halbwegs ungeschoren davon zu kommen.“ Fréchencourt und Philippe nickten zweifelnd.
„Messieurs, ich schlage folgendes weitere Vorgehen vor“, sagte der Festungskommandant:
„Sie sollten versuchen noch ein bis zwei Stunden zu schlafen, denn es wird sicherlich eine anstrengende Nacht. Wir haben für Sie einen Raum neben der Wachstube vorbereitet. Ich werde Sie um elf Uhr wecken lassen.
Um diese Uhrzeit werden meine Männer beginnen, den Ballon zu füllen, denn es muss stockdunkel sein, weil der prall gefüllte Ballon die Festungsmauern überragen wird. Bei Dämmerlicht könnte der Ballon von den deutschen Vorposten entdeckt werden, und dann wäre die Mission gescheitert, bevor sie begonnen hätte.
Sofern die Startvorbereitungen planmäßig verlaufen – wovon ich ausgehe – können Sie so gegen zwei Uhr in der Frühe starten. Bei Beginn der Morgendämmerung werden Sie sich bereits weit hinter den feindlichen Linien befinden und damit den gefährlichen Teil der Unternehmung hinter sich gebracht haben, der Rest wird für meinen Freund Jean ein Kinderspiel sein.“
Die Männer prosteten sich nochmals zu, dann verabschiedete sich Duchesne mit den Worten:
„Ich werde jetzt die Startvorbereitungen überwachen. Bis nachher, und entspannen Sie sich.“ Die vier Ballonfahrer folgten der Ordonanz zu ihrem Ruheraum.
Der Raum war fensterlos und wurde durch einen Luftschacht belüftet. Eine Gaslampe verbreitete ihr müdes Licht. An jeder der vier Wände stand ein Feldbett.
„Nicht sehr einladend, aber für einen kurzen Schlaf reicht es“, bemerkte Grau. Die Männer zogen ihre Schuhe aus, entledigten sich ihrer Cuts und legten sich auf die Strohmatratzen.
Punkt elf Uhr wurde heftig an die Türe gepocht:
„Messieurs, bitte aufstehen, es ist soweit.“ Die Männer erhoben sich. Fréchencourt konnte man ansehen, dass er kaum ein Auge zugemacht hatte, die übrigen drei wirkten ausgeruht und voller Tatendrang. Ein wenig später betraten sie die Wachstube, wo sie bereits erwartet wurden. Der wachhabende Offizier, es war derselbe wie bei ihrer Ankunft, übereichte den Männern ihre neuen Papiere und die Unterlagen, die sie als Mitglieder des hiesigen Ballonclubs auswiesen.
„Und hier der Auftrag der ‚Poste Française’, zwei Postsäcke nach Paris zu bringen“, ergänzte der Wachhabende.
„Philippe, Sie sind der Verantwortliche für diese Sendung“, sagte Grau. „Auf dem Formular steht Ihr Name.“ Philippe warf einen kurzen Blick auf das Schreiben und steckte es dann unbeeindruckt in seine Westentasche.
Der Offizier übergab Muller nun eine geöffnete Holzkiste.
„Höhenmesser, Fernrohr und Kompass.“ Muller nahm die Instrumente einzeln in die Hand und prüfte sie eingehend.
„Auf die können wir uns verlassen“, sagte er zufrieden an seine Mitfahrer gewandt:
„Fehlt nur noch der Regenschutz.“
„Die Capes hängen dort drüben“, antwortete der Wachhabende und zeigte auf einen schmiedeeisernen Kleiderständer. Duchesne, der im Hintergrund das Geschehen verfolgt hatte, trat nun zu den Männern.
„So, Messieurs, nachdem nun alle Formalitäten erledigt sind, lasst uns nach draußen gehen, um zu sehen, wie weit meine Leute mit den Startvorbereitungen sind.“
„Einen Augenblick noch bitte“, unterbrach ihn Grau. „Jacques, ich möchte dich daran erinnern, deine beiden Männer Claude Robin und Roger Mourai aus euren Soldlisten zu streichen, wir hatten dir ja bereits gesagt, dass sie jetzt dem Kriegsministerium unterstellt sind.“
„Pardon, das hatte ich ganz vergessen. Lieutenant übernehmen Sie das. Vermerken Sie hinter den beiden Namen Robin und Mourai ‚Verlust.’ Den wahren Grund müssen wir verschleiern, aber so ganz aus der Luft gegriffen ist ‚Verlust’ ja nicht.“
Die Männer verabschiedeten sich von dem Wachabenden, legten sich die Regenumhänge um die Schultern und folgten Duchesne. Als dieser die Stahltüre zum Innenhof öffnete, schlug ihnen ein von einem kräftigen Wind getriebener Nieselregen entgegen, zudem war es stockfinster.
„Was für ein tolles Wetter“, murmelte Fréchencourt resigniert vor sich hin, so leise, dass die anderen es nicht verstehen konnten. Als sich die Augen der Männer etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten sie schemenhaft erkennen, dass sich der Ballon schon ein wenig aufgerichtet hatte und nun seitlich über dem Korb schwebte. Das Zischen des einströmenden Gases in die Ballonhülle wurde vom Wind fast verschluckt. Noch konnten die Ballastsäcke allein den Ballon am Boden halten, allerdings waren sechs Soldaten vonnöten, ihn mit Seilen gegen ein Abdriften zu sichern. Acht weitere Soldaten hielten sich unter einem Mauervorsprung bereit, um bei Bedarf die Sicherungsmannschaft zu verstärken.
„Was hätten wir nur bei besserem Wetter gemacht?“, ließ sich Fréchencourt, diesmal lautstark, vernehmen. In seiner Stimme schwang so etwas wie Galgenhumor mit.
„Dann hätten wir heute nicht starten können. In einer klaren Nacht wäre das Risiko entdeckt und beschossen zu werden, viel zu groß, denn überall hier in der Nähe befinden sich Vorposten der Deutschen, die ein wachsames Auge auf Fort Plappeville haben. Nur bei diesem Mistwetter geht unser Plan auf“, antwortete Muller. Fréchencourt beschloss, sich seinem Schicksal zu ergeben.
Es dauerte noch gut zwei Stunden, bis ein Unteroffizier dem Festungskommandanten den Ballon startklar meldete. Nachdem die Instrumente im Ballonkorb verstaut und die beiden Postsäcke außen am Korb befestigt waren, verabschiedete sich die Ballonbesatzung von Duchesne und bestieg über eine Leiter den Korb.
„Viel Platz haben wir ja nicht“, schrie Grau gegen den Wind an.
„Die wenigen Stunden werden wir überstehen, oder leidet jemand an Klaustrophobie?“, entgegnete Muller ebenso lautstark.
„Wenn alles klar ist, gebe ich jetzt das Startzeichen.“ Als die Gefährten nickten, hob Muller die Hand. Die Männer der Haltemannschaft, die inzwischen auf über dreißig Mann angewachsen war, ließen die Halteseile zunächst langsam durch die Hände gleiten, bis sich auch der Ballonkorb oberhalb der Festungsmauern befand, dann ließen sie die Seile auf ein Kommando los. Der Ballon machte einen Sprung nach oben. Muller öffnete schnell hintereinander einige Ballastsäcke, so dass der Ballon sehr schnell an Höhe gewann. In wenigen Augenblicken verschwand das Fort aus den Augen der Männer, die Dunkelheit verschluckte die Erde unter ihnen. Die Fahrt ins Ungewisse hatte begonnen.
Kapitel 3
Deutsche Stellung Nähe Metz, 20. August 1870, ein Tag vorher
„Scheißwetter“, sagte einer der drei Soldaten, die in der kargen Wohnstube des verlassenen Bauernhauses saßen. Das schwache Licht einer Petroleumlampe verbreitete sein diffuses Licht im Raum. Die Flamme war auf die geringste Leuchtkraft zurückgedreht. Das war der Situation geschuldet, denn man befand sich schließlich mitten in Feindesland und wollte den Gegner nicht mit einem hell erleuchteten Fenster auf sich aufmerksam machen. Zudem ging auch das Petroleum langsam zur Neige.
„Seit wir am frühen Abend hier eingerückt sind, regnet es ununterbrochen.“
„Das hat auch seine guten Seiten, Kurt. Wegen des schlechten Wetters wird in dieser Nacht wohl nichts mehr passieren. Die Franzosen haben sich nach Metz zurückgezogen und lecken ihre Wunden. Unsere Entscheidung, heute Nacht auf Patrouillengänge in die nähere Umgebung zu verzichten, geht daher vollkommen in Ordnung“, entgegnete der ranghöhere Offizier, der auf einem wackeligen Holzstuhl vor dem einzigen Fenster des Raumes saß und in eine totale Finsternis starrte.
„Dein Wort in Gottes Ohr. Ich hoffe, dass es diese Nacht ruhig bleibt. Wir sind alle ziemlich erschöpft und können jede Stunde Schlaf gut gebrauchen, Anton. Wir haben zwar in die Kämpfe bei Gravelotte nicht mehr eingreifen müssen, sollten aber nicht vergessen, dass wir dennoch die letzten beiden Tage fast ununterbrochen im Sattel gesessen haben.“ Er wandte sich an seinen Kameraden, der auf der Bank neben ihm saß:
„Hast du die Männer schon zur Ruhe geschickt, Oskar?“
„Ja Kurt, sofort nach dem die Pferde versorgt waren, so gegen neun. Ich habe sie in der Scheune einquartiert. Zwei Mann Posten bei den Pferden, zwei Mann am westlichen und ein Mann am östlichen Hoftor. Wachwechsel alle zwei Stunden, Wachhabender Gefreiter Berg“, entgegnete Wachtmeister Oskar Ahren kurz und knapp.
Die drei Männer führten die 2. Kompanie der 3. Eskadron* des Kürassier-Regiments – Rheinisches Nr. 8 – aus Deutz. Das Regiment erhielt nach der gewonnenen Schlacht bei Gravelotte den Befehl, einen Teil der Lücke zwischen dem I. und VII. Armeekorps zu füllen, um den Belagerungsring um Metz zu schließen. Die beiden Kompanien der 3. Eskadron hatten in der Nähe der Ortschaft Pouilly, jeweils zwei Kilometer von einander entfernt, Stellungen bezogen. Der Stab der Eskadron unter Rittmeister* von Seidel hatte sich in Pouilly einquartiert.



