Der Schatz der Kürassiere

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„Wir werden das Bild nach Köln bringen, dort wo es hingehört, und es ist meiner Meinung nach keine Kriegsbeute, sondern Eigentum der Kirche, des Klosters St. Andreas oder der Stadt Köln. Das werden wir schon herausfinden. Und übrigens, haben wir die Kiste niemandem weggenommen, sondern haben sie gefunden, Anton. Und genau so, wie du es vorgeschlagen hast, machen wir´s oder Oskar?“
„Auch da stimme ich dir zu, Kurt. Aber sollten wir zur Finanzierung der Rückholaktion nicht wenigstens ein paar Goldmünzen mitnehmen? Wenn sich jeder von uns fünf davon einsteckt, müsste das reichen.“ Von Buschhagen sah seine Kameraden ernst an.
„Auch das ist viel zu riskant. Was ist, wenn einer von uns verwundet wird und ins Lazarett muss. Dann wird irgendwer die Münzen finden, und wie wollen wir erklären, wie wir an französische Goldmünzen gekommen sind? Nein, Oskar, wenn der Krieg vorbei wäre und wir morgen den Rückmarsch antreten würden, dann könnten wir es riskieren, aber unter den gegebenen Umständen rate ich dringend davon ab.“
„Anton hat wieder mal recht“, pflichtete Müschen bei. „Und Oskar, das Geld werden wir schon irgendwie auftreiben, da bin ich mir sicher.“ Ahren war beruhigt.
„Es stellt sich jetzt nur noch die Frage, wo und wie wir die Kiste sicher verstecken können. Was haltet ihr davon, wenn wir sie hier in der Stube unter dem Dielenboden vergraben“, schlug von Buschhagen vor.
„Dazu brauchen wir viel Zeit und ich habe meine Zweifel, ob wir den Dielenboden wieder so hinbekommen, dass es nicht auffällt“, warf Müschen ein. „Oskar, wo würdest du hier auf dem Hof etwas sicher verstecken?“
„In der Jauchegrube“, entgegnete Ahren spontan. „Da wird niemand ein Versteck vermuten und deshalb dort auch nicht suchen. Um eine Jauchegrube macht jeder einen großen Bogen. Ich habe lange genug auf einem Bauernhof gelebt, glaubt es mir. Nach unserem Einrücken habe ich den Hof sofort inspiziert. Die Grube befindet sich neben den ehemaligen Ställen, wo auch sonst? Sie ist mit Holzbohlen abgedeckt und, obwohl der Hof schon längere Zeit verlassen ist, stinkt es dort immer noch erbärmlich. Also Restjauche ist noch vorhanden, jedenfalls ist der Gestank schon ziemlich abschreckend. Weitere Vorteile liegen auf der Hand. Das Versenken geht relativ schnell, viel schneller als zum Beispiel vergraben. Und wenn wir beim Abzug den Hof in Brand setzen, wird hier so schnell keiner mehr einziehen wollen.“
„Dein Plan ist genial Oskar, und obwohl ich mich mit dem Gedanken in Jauche wühlen zu müssen, nicht richtig anfreunden kann, sollten wir es so machen“, stimmte von Buschhagen naserümpfend zu. Ahren grinste seine beiden Kameraden an.
„Gut, dann schlage ich folgende Vorgehensweise vor: Da diese Kiste nicht mehr zu gebrauchen ist, müssen wir die Sachen in eine Munitionskiste umpacken. Wir nehmen eine von denen, die mit Zinkblech ausgeschlagen ist, denn die sind absolut wasserdicht, äußerst stabil und werden demnach auch ein längeres Jauchebad aushalten. Damit eine Bergung später, ohne in der Jauche fischen zu müssen, möglich ist, werden wir die Kiste an einem Zügel herunterlassen. Den Zügel werden wir an einer der Bohlen anbinden, welche die Grube abdecken, so dass man es nicht sieht. Die kaputte Holzkiste hier, werden wir vorher in der Grube versenken.
Ich hole jetzt zunächst die Munitionskiste, dann laden wir um. Wir müssen dann den Wachwechsel um zwei Uhr abwarten. Diesmal besuchst du, Anton, die neuen Wachen, wenn sie ihren Posten bezogen haben und verlässt mit ihnen unter einem Vorwand kurzzeitig den Hof. Kurt und ich brauchen ungefähr fünfzehn bis zwanzig Minuten, um die Kiste wie geplant zu verstecken. Dann sollten wir uns hier noch einmal kurz treffen, bevor wir uns beruhigt noch zwei, drei Stunden aufs Ohr legen.“ Müschen war verblüfft:
„Oskar, kannst du mir einmal erklären, wie du so spontan einen solch genialen Plan aus dem Ärmel schütteln kannst?“
„Mein Vorschlag ist eigentlich nicht neu. In unserer Familie erzählt man sich, dass mein Urgroßvater, als die Franzosen unter Napoleon das Rheinland besetzten, seine Wertsachen so vor den Besatzern versteckte. Und das hat hervorragend geklappt, obwohl es nicht nötig gewesen wäre, denn die französischen Soldaten, die bei meinen Urgroßeltern einquartiert waren, hatten sich korrekt verhalten und nicht einen Silbergroschen mitgehen lassen. So, lasst uns endlich anfangen, ich möchte gerne noch etwas pennen.“
Kapitel 4
Paris, 23. August 1870
Ein Landauer rollte gemächlich in den Park des großbürgerlichen Hauses No. 17 in der Rue de Passy und stoppte direkt vor der Freitreppe. Durch das Pferdegetrappel und das Knirschen der Räder auf dem Kies aufmerksam geworden, trat eine schwarz gekleidete Frau an das Erkerfenster der ersten Etage. Was sie sah, ließ ihr Herz höher schlagen. Richard Fréchencourt entlohnte den Kutscher und winkte lächelnd seiner Mutter. Dann sah er der Kutsche hinterher, bis sie durch das schmiedeeiserne Parktor verschwunden war.
„Kommen Sie Philippe, gehen wir ins Haus.“ Als sie die erste Stufe der Treppe betraten, öffnete sich die Haustüre und ein Mann eilte die Treppe herunter, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Richard Fréchencourt hatte. Statur, Bewegungen und die Gesichtszüge glichen sich so sehr, dass man die beiden für eineiige Zwillinge hätte halten können.
„Richard, Philippe, wie ich mich freue euch zu sehen.“ Antoine Ouvrard umarmte zunächst seinen Bruder und begrüßte dann herzlich Philippe.
„Wie seid ihr denn aus Metz herausgekommen, Richard? Gestern sind drei deiner Männer hier eingetroffen, die berichteten, dass Metz vollkommen von den Deutschen eingeschlossen ist.“
„Das ist eine etwas längere Geschichte“, antwortete Richard Fréchencourt.
In der geräumigen Vorhalle eilte ihnen Giselle Fréchencourt entgegen. Als Tochter der höheren Gesellschaft hatte sie gelernt, keine Gefühle zu zeigen. Das gelang ihr nicht ganz, denn Richard erkannte an den geröteten Wangen und ihrem strahlenden Lächeln, wie sehr sich seine Mutter über sein Kommen freute. Er hauchte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.
„Mutter, ich bin froh, wieder zu Hause zu sein“, sagte er. „Philippe und ich haben die abenteuerlichste Reise unseres Lebens hinter uns, nicht wahr Philippe“, fuhr er fort. Der Angesprochene, der sich im Hintergrund gehalten hatte, trat auf Giselle Fréchencourt zu, verbeugte sich und sagte:
„Madame Fréchencourt, da kann ich Ihrem Sohn nur beipflichten, abenteuerlich und außergewöhnlich, wie auch immer, jedenfalls bin ich auch sehr froh, wieder in Paris zu sein.“
„Mir fällt jetzt erst auf, dass ihr kein Gepäck bei euch habt“, staunte Ouvrard.
„Apropos Gepäck, Antoine. Hatten meine Männer eine Kiste bei sich?“
„Eine Kiste? Nein! Sie hatten nichts bei sich. Ich weiß das so genau, weil ich zufällig vor dem Haus stand, als sie durch das Tor kamen. Wegen ihrer Kleidung hatte ich sie zunächst für Bauern gehalten. Sie erklärten mir, dass sie Franctireurs seien und hier auf dich warten sollten und zeigten mir ein von dir verfasstes Schreiben. Mehr war aus ihnen nicht heraus zu bekommen. Ich habe sie im Gästeflügel einquartiert.“
„Gut Antoine, ich muss sofort eine Depesche an das Kriegsministerium senden. Kannst du mir bitte schnell etwas zum Schreiben und einen Briefumschlag besorgen, es ist wirklich sehr dringend. Ich erkläre euch das alles später.“
„Mach ich, bin schon unterwegs.“
„Ist Romain zufällig anwesend?“
„Oui, Monsieur Fréchencourt.“
„Bonjour Romain, tut mir leid, aber Sie müssen sofort anspannen und zum Kriegsministerium in die Rue Saint-Dominique fahren und dort eine Depesche abgeben.“
„Sehr wohl Monsieur.“ Romain eilte davon, um die Kutsche fahrbereit zu machen.
Fréchencourt und Philippe begrüßten nun die übrigen Dienstboten, die sich nach und nach in der Eingangshalle eingefunden hatten.
Ouvrard kam zurück und übergab seinem Bruder die gewünschten Schreibutensilien. Der ging zu einem kleinen Tisch, schrieb schnell ein paar Zeilen, steckte den Brief in das Kuvert, verschloss es und gab es dem Kutscher, der inzwischen die Pferde angespannt und auf weitere Anweisungen gewartet hatte.
„Beeilen Sie sich bitte Romain. Ich hoffe, die beiden Herren sind noch nicht nach Hause gegangen.“ Der Kutscher entfernte sich eiligen Schrittes. Kurz darauf hörte man wie der Zweispänner das Anwesen verließ.
„Darf ich jetzt endlich einmal wissen, was das für eine geheimnisvolle Kiste ist, die solch einen Wirbel verursacht?“ Ouvrard blickte herausfordernd seinen Bruder an.
„Das gehört auch zu der längeren Geschichte. Du und Mutter werdet noch heute Abend alles erfahren, jetzt müssen wir zuerst einmal etwas essen und trinken. Ich habe einen Mordshunger und Sie sicher auch Philippe, oder?“ Der Angesprochene nickte.
Die Dienstboten hatten mittlerweile die Eingangshalle wieder verlassen, um weiter ihren Beschäftigungen nachzugehen, nur die Köchin blieb.
„Denise wird euch etwas zum Essen bereiten“, sagte Madame Fréchencourt.
„Mutter, Philippe und ich erwarten heute Abend um acht Uhr zwei Herren aus dem Kriegsministerium zu einer wichtigen Besprechung. Ich möchte, dass du, Antoine und Denise daran teilnehmt. Dann erfahrt ihr auch, was in den letzten Tagen so alles geschehen ist. Denise, schaffen Sie es zu dieser Uhrzeit ein Abendessen für sechs Personen zu zaubern?“ Richard Fréchencourt schaute die Köchin mit einem charmanten Lächeln an.
„Hm, dann hätte ich etwas mehr als drei Stunden Zeit. Wenn Sie und Philippe sich jetzt mit Brot und Käse begnügen und mir zudem noch jemand zur Hand geht, könnte ich zur gewünschten Zeit ein Menü auf die Beine stellen. Ich weiß im Moment allerdings noch nicht, wie es aussehen wird, denn ich muss zuerst einmal nachsehen, was die Vorratskammer so alles hergibt. Gott sei Dank habe ich heute Morgen auf dem Mittwochsmarkt frisches Gemüse und Fleisch eingekauft.“ Richard Fréchencourt war sehr zufrieden.
Dank Denises Kochkünsten galt die Küche der Fréchencourts in der Pariser Gesellschaft als eine der besten. Die Dienstboten im Hause Fréchencourt tuschelten hinter vorgehaltener Hand, dass die attraktive Mittdreißigerin und Philippe ein Paar seien, handfeste Beweise dafür hatten sie allerdings nicht. Nur die Familie Fréchencourt wusste, dass die Gerüchte stimmten.
„Ich lasse das kleine Esszimmer herrichten und Marie soll Denise beim Kochen helfen.“ Madame Fréchencourt verließ die Vorhalle, um Marie entsprechende Anweisungen zu geben.
„Bis nachher Bruderherz, ich bin neugierig, was ihr so zu berichten habt“, verabschiedete sich Antoine Ouvrard und zog sich in sein Zimmer zurück. Richard Fréchencourt, Philippe und Denise begaben sich in die Küche.
„So nun begrüßt euch erst einmal richtig“, schlug Fréchencourt vor und schaute teilnahmslos aus dem Fenster.
Punkt acht Uhr abends fuhren die Gäste vor. Richard Fréchencourt hatte auf dem oberen Treppenabsatz auf seine Besucher gewartet und schritt langsam die Stufen hinunter, als Grau und Muller aus der Droschke stiegen.
„Pierre, Jean, lange nicht gesehen“, sagte er ironisch. „Ich hoffe, Sie haben Hunger mitgebracht.“
„Selbstverständlich, Richard“, antworteten die beiden gleichzeitig.
„Das ist sehr gut“, freute sich Richard Fréchencourt und bat seine Besucher ins Haus. Nachdem der Butler die Mäntel, Hüte und Spazierstöcke der Gäste entgegengenommen hatte, führte Fréchencourt seinen Besuch in den im englischen Stil nobel eingerichteten Salon. Dort wurden sie bereits von der Hausherrin, Antoine Ouvrard und Philippe erwartet.
„Darf ich vorstellen, Monsieur Grau und Monsieur Muller vom Kriegsministerium, meine Mutter und mein Bruder Antoine Ouvrard.“ Grau und Muller kondolierten zunächst Madame Fréchencourt zum Tod ihres Mannes und anschließend Ouvrard.
„Wir haben schon von Ihnen gehört, Monsieur Ouvrard.“
„Ich hoffe, nur Gutes“, antwortete dieser lächelnd.
„Den beiden Herren ist es zu verdanken, dass Philippe und ich heute in Paris sind. Ganz davon abgesehen, dass wir beide sehr froh sind, zuhause zu sein, ist der eigentliche Grund eine sehr ernste Angelegenheit. Ja, ich übertreibe nicht, wenn ich hinzufüge, dass die gesamte französische Nation betroffen ist“, sagte Richard Fréchencourt pathetisch.
„Sag uns doch endlich, was es mit der Kiste auf sich hat und mach nicht immer nur Andeutungen.“ Ouvrard blickte leicht verärgert zu seinem Bruder.
„Na gut, wenn du es nicht abwarten kannst“, gab Richard Fréchencourt klein bei.
„Der Inhalt der Kiste ist von nationaler Bedeutung. Denn darin waren unter anderem Konstuktionspläne für ein neues Geschütz, das Vater entworfen hat und unserem Militär einen erheblichen waffentechnischen Vorsprung vor den Deutschen gesichert hätte.“
„Wenn die Kiste nicht hier ist, wo ist sie dann?“ Ouvrard schaute fragend in die Runde.
„Sie ist wahrscheinlich in deutsche Hände gefallen“, antwortete Grau betreten.
„Das vermute ich auch. Als ich von Antoine erfuhr, dass meine Leute bei ihrer Ankunft keine Kiste bei sich hatten, musste ich unverzüglich Monsieur Grau und Monsieur Muller darüber informieren. Ich habe sie gebeten nach hier zu kommen, um zu beratschlagen, was nun zu tun ist und habe dies gleichzeitig mit einer Einladung zum Abendessen verbunden. Wir sollten jetzt das Essen nicht kalt werden lassen, deshalb schlage ich vor, uns zum Diner zu begeben. Ich bin einmal gespannt, was uns Denise zubereitet hat.“ Richard Fréchencourt öffnete eine Flügeltüre und bat seine Gäste einzutreten.
Das so genannte kleine Esszimmer war perfekt für das Diner hergerichtet. Den ovalen Tisch bedeckte ein schneeweißes Damasttischtuch. Darauf waren kostbares Porzellan, geschliffene Gläser und silbernes Besteck für sechs Personen geschmackvoll angeordnet. Kleine Blumenbouquets und zwei silberne dreiarmige Kerzenleuchter rundeten die Tischdekoration ab. Auf einem Büffet aus Nussbaumwurzel standen Karaffen mit erlesenen französischen Weinen. Die Kerzen der Tisch- und Wandleuchter tauchten den Raum in ein dezentes Licht.
Philippe reichte den Aperitif. Richard Fréchencourt erklärte den Anwesenden, warum anders als sonst üblich, an diesem Abend keine Bediensteten anwesend waren.
„Was hier gesprochen wird, muss unter uns bleiben. Wir haben Denise, unsere Köchin, gebeten, ausnahmsweise auch zu servieren.“ An Muller und Grau gewandt ergänzte er:
„Denise ist seit fast zwanzig Jahren bei uns und gehört zur Familie. Im Übrigen werden sie und Philippe in Kürze heiraten.“
Nachdem alle einen mehr oder weniger großen Schluck des Orangenweins zu sich genommen hatten, bat Richard Fréchencourt, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich als Gastgeber ans obere Tischende, rechts von ihm hatten Grau, Muller und Philippe Platz genommen, ihnen gegenüber saßen Madame Fréchencourt und Ouvrard.
Kurz nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, erschien Denise in der Verbindungstür zwischen Esszimmer und Küche und begrüßte die Anwesenden mit einem bezaubernden Lächeln.
„Kann ich jetzt servieren?“ Der Gastgeber nickte.
„Ja, bitte Denise, ich kann den Essensduft aus der Küche kaum noch ertragen!“ Denise war es tatsächlich gelungen, mit Hilfe von Marie in der kurzen Zeit ein Sechsgänge-Menü zu bereiten.
Zum Entrée gab es Crudités variés, das waren für jeden sechs kleine Schüsseln mit unterschiedlichen Gemüsesorten und Salbeisalzgebäck. Dann das Hors d’oeuvre. Es bestand aus gemischtem grünen Salat mit Roquefort und Walnüssen. Als dritten Gang servierte Denise eine Lauchcremesuppe mit Räucherlachs. Die Krönung des Abendessens war das Hauptgericht, bestehend aus Rinderfilet in Estragonsauce, Buttererbsen, zarten grünen Bohnen und Karottengratin. Als Dessert verzauberte ein Fondant au chocolat die Gaumen, und die obligatorische Käseplatte rundete das Diner ab.
„Liebe Denise, was Sie uns zubereitet haben, war wieder einmal ausgesprochen köstlich“, ließ sich Richard Fréchencourt zufrieden vernehmen und löste damit allgemeine Zustimmung aus, insbesondere bei Grau und Muller.
Denise, die um ihre außergewöhnlichen Kochkünste wusste, hatte, selbstbewusst wie sie war, eigentlich nichts anderes als Lob erwartet. Dennoch freute sie sich, dass es allen geschmeckt hatte.
Nachdem der Tisch, bis auf Wein und Käse, abgeräumt war, bat Madame Fréchencourt Denise, sich zu ihnen zu setzen, um sich die Geschehnisse der letzten Wochen und Tage schildern zu lassen.
Den Anfang machte Grau. Er begann seine Schilderung mit dem Eingang von Gerard Fréchencourts Brief im Kriegsministerium, von der daraus resultierenden Hektik und seiner und Mullers Odyssee von Paris nach Metz.
Danach übernahm Richard Fréchencourt das Wort. Er erzählte, wie er zusammen mit Philippe die Kiste aus dem Tresor genommen, deren Inhalt inspiziert und sie auf den Weg nach Paris gebracht hatte. Dann bat er Philippe weiter zu erzählen.
Philippe begann seine Erzählung mit der Ankunft Graus und Mullers in der Rue des Jardins und berichtete über ihre Erlebnisse im Fort Plappeville. Als er erstmals den Ballon erwähnte, schauten Madame Fréchencourt und Antoine Ouvrard ungläubig in die Runde. Philippe beendete seinen Bericht mit dem Start des Ballons im Fort Plappeville.
„Wer kann besser über eine Ballonfahrt berichten, als der Ballonführer selbst“, sagte er und übergab das Wort an Muller.
„Da ich annehme, dass außer uns vier keiner von Ihnen mit einem Ballon gefahren ist, und Ihnen daher einiges unbekannt sein dürfte, werde ich bei meiner Schilderung anfangs ein wenig ins Detail gehen und auch einige Besonderheiten nicht unerwähnt lassen, wobei es mir selbstverständlich fern liegt, Sie belehren zu wollen.“ Muller räusperte sich und begann mit seiner Schilderung:
„Leider ist ein Ballon nicht steuerbar, denn die Fahrtrichtung und die Geschwindigkeit bestimmt einzig und allein der Wind. Wir hatten Glück, denn dieser wehte aus nord-östlicher Richtung und damit von Metz aus in die ungefähre Richtung Paris. Im Schutze der Dunkelheit und der tiefhängenden Wolkendecke hatten wir schnell eine sichere Höhe von fast dreitausend Fuß erreicht, das sind ungefähr eintausend Höhenmeter, und damit die kritischste Phase unseres Flugs hinter uns gebracht. Gott sei Dank war unser Start von den Deutschen nicht bemerkt worden. Obwohl die Windgeschwindigkeit achtundzwanzig Knoten betrug, das sind ungefähr fünfzig Kilometer die Stunde, war es im Korb absolut windstill, denn ein Ballon fährt mit dem Wind, das heißt, er wird vom Wind geschoben und ist daher nicht schneller oder langsamer als die ihn umgebende Luft. Würde man zum Beispiel im Ballon während der Fahrt ein Zündholz anzünden, so würde die Flamme vollkommen ruhig niederbrennen.
Alors, seit dem Start beobachtete ich konzentriert den Höhenmesser, als mir irgendwann auffiel, dass sich die Nadel, die normalerweise immer ein wenig nach rechts und links ausschlägt, nicht mehr bewegte. Sie hing fest. Alles Schütteln des Höhenmessers und Klopfen auf seine Glasscheibe halfen nichts. Meine Beschäftigung mit dem Höhenmesser hätte unserer Reise fast ein jähes Ende bereitet.
‚Da unten sind Feuer!’, unterbrach Richard die Stille. Ich schreckte hoch und was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Es war das Flackern hunderter Wachfeuer. Plötzlich und unerwartet und von mir nicht bemerkt, befanden wir uns in einer Wolkenlücke. Und wie wir unschwer erkennen konnten, hatten wir außerdem auch noch erheblich an Höhe verloren. Unser Höhenmesser hatte uns in der kritischsten Phase unserer Fahrt einfach im Stich gelassen. Er zeigte nach wie vor eine Höhe von dreitausend Fuß an. Ausgerechnet über den deutschen Linien trafen mehrere unglückliche Umstände zusammen. Wir mussten uns für die Deutschen wie eine überdimensionale Zielscheibe gegen den Himmel abgehoben haben und das Schlimmste – wir waren in Schussweite.
Es dauerte auch nicht lange, da wurden wir von den deutschen Wachposten bemerkt. Sofort wurde das Feuer auf uns eröffnet. Die Kugeln verfehlten uns Gott sei Dank, einige nur um Haaresbreite, bis auf diese eine hier!" Muller lehnte sich zurück und kramte ein Schächtelchen aus seiner Jackentasche.
„Die hier steckte im Ballonkorb.“ Muller hielt ein Geschoss zwischen Daumen und Zeigefinger. „Mein Glücksbringer“, ergänzte er. Übertrieben sorgfältig steckte er die Kugel wieder ein. „Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Pierre hatte schon reagiert und Ballast abgeworfen, so dass wir wieder merklich an Höhe gewannen. Aber die Deutschen hatten noch nicht aufgegeben. Wir sahen, wie sich einige Soldaten auf ihre Pferde schwangen und versuchten uns zu verfolgen. Und plötzlich, wie von Gott gesandt, war sie wieder da, die undurchdringliche Wolkendecke. Wir waren wieder mittendrin und damit gerettet. Und paradoxerweise funktionierte der Höhenmesser wieder.“
„Ja, das war verdammt knapp. Glaubt mir, ich habe noch nie in meinem Leben so sehr dicke Wolken herbeigesehnt“, unterbrach Fréchencourt Mullers Schilderung. Muller grinste und erzählte weiter:
„Nach einer Stunde Fahrt konnten wir endgültig aufatmen, denn wir mussten nun schon weit hinter den deutschen Linien sein. Vom Feind drohte uns daher keine Gefahr mehr, aber wo befanden wir uns? Ich beschloss zunächst in unveränderter Höhe weiterzufahren, wenn möglich bis es dämmerte oder die Wolken aufrissen. Da ich eine Änderung der Windrichtung nicht feststellen konnte und der Ballon nach wie vor prall war, konnte ich die Höhe, von ein paar kleineren Korrekturen abgesehen, ohne Probleme halten.
Nach ungefähr einer weiteren Dreiviertelstunde wurde die Wolkendecke zunächst dünner, dann plötzlich fuhren wir unter einem sternenklaren Himmel über mondbeschienenes Land. Wir konnten nun unter uns Dörfer, einzelne Bauernhöfe, Felder, Wälder und Gewässer erkennen, doch noch wussten wir nicht, wo wir waren. Es war absurd. Alles war so friedlich, doch nur wenige Kilometer hinter uns war Kriegsgebiet.
Die Windgeschwindigkeit nahm nun mehr und mehr ab, und nach kurzer Zeit waren wir nur noch halb so schnell unterwegs, aber das störte uns nicht. Wir genossen nun unsere Fahrt. Ich ging auf zweitausend Fuß, ungefähr sechshundert Höhenmeter, herunter. Nach einiger Zeit meldete Richard, er könne voraus eine Stadt erkennen. Und tatsächlich, im Zwielicht der beginnenden Morgendämmerung war schwach eine große Häuseransammlung zu sehen, aus der sich eine Kirche mit zwei Türmen erhob. Ich schaute auf die Karte, konnte aber noch nicht sehr viel erkennen, da es noch nicht hell genug war. Als wir näher kamen, meinte Richard, der Kirche nach könne das nur Vitry-le-François sein. Hier sei er schon einmal gewesen. Er könne sich deshalb gut an die Kathedrale Notre-Dame erinnern, weil der Chor noch nicht fertig gestellt sei, und der Fluss da vorne müsse demnach die Marne sein.
Richards Vermutung stellte sich als richtig heraus, denn seine Beschreibung passte auf die nun unter uns liegende Stadt. Ein Blick auf die Karte – inzwischen war es hell genug – genügte um zu erkennen, dass wir nur knapp von der eingezeichneten Route abgewichen waren. Wir fuhren nicht nördlich an der Stadt vorbei, sondern etwas südlicher mitten darüber hinweg.
Obwohl es im Ballonkorb recht eng war und wir uns fast schon die Beine in den Bauch gestanden hatten, wollten wir Paris so nah wie möglich kommen. Mit Pferd und Wagen über Straßen zu rumpeln schien uns viel unbequemer und anstrengender als noch einige Zeit im Korb ausharren zu müssen.
Dann wurden wir entdeckt, und man winkte uns zu. Viele Menschen dort unten hatten offenbar vorher noch nie einen Ballon gesehen. Einige versuchten vergeblich, uns auf Pferden zu folgen, aber wir waren immer noch relativ schnell und mussten uns nicht an Wege und Straßen halten. Jedenfalls erschien die Zeit im Ballon nun sehr kurzweilig. So gegen acht Uhr bemerkte ich, dass der Wind seine Richtung leicht geändert hatte, und wir ein wenig nach Süden abdrifteten. Weil wir weder nach Orleans noch sonst wohin wollten, sondern nach Paris, beschloss ich nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau zu halten. Ich wollte, wenn möglich, in der Nähe eines Bauernhofes landen. Wir waren inzwischen auf eintausend Fuß heruntergegangen, da entdeckte ich hinter einer Bodenwelle einen Gutshof, umgeben von abgeernteten Feldern. Auf einem dieser Felder beschloss ich zu landen.



