Er war mein Urgroßvater

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Die letzten Schritte
Im Rathaus angekommen, unterbricht Franz Ferdinand, begreiflicherweise angesichts der Vorfälle nicht mehr ganz so entspannt wie vor Antritt der Stadtrundfahrt, die Rede des Bürgermeisters, der von Liebe und Ergebenheit der Bevölkerung zum allerhöchsten Herrscherhaus schwadroniert. Und der offenbar – wieder ein offensichtliches Versagen der Kommunikation an höchster Stelle – vom Attentatsversuch gar nichts mitbekommen hat: »Was hab ich von Ihren Reden – da kommt man zu Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfangen. So, jetzt fahren Sie fort.«
Der Bürgermeister versteht noch immer nicht und bringt seine Rede irgendwie zu Ende. Unter den Honoratioren der Stadt herrscht Ratlosigkeit, wie es nun weitergehen soll. Seine Sophie würde der Erzherzog gerne in Sicherheit wissen, sie soll zurück nach Ilidza oder zumindest in den Konak, den Wohnsitz des Landeschefs, wo das Mittagessen stattfinden soll. Freundlich, aber dezidiert weist sie diesen Vorschlag zurück: »Solange der Erzherzog sich heute in der Öffentlichkeit zeigt, verlasse ich ihn nicht.«

Graf Franz Harrach als »Schutzschild« für den Thronfolger
Franz Ferdinand will den verletzten Oberstleutnant Merizzi im Spital besuchen, bevor man dem offiziellen Programm weiter folgt, das Landesmuseum besucht und dann als Abschluss ein spätes Mittagessen einnimmt. Die Wagen starten also. Oberst Bardolff gibt dem Chauffeur des ersten Wagens den Befehl, mit möglichst hoher Geschwindigkeit den Appelkai entlangzufahren, zum Garnisonspital. Nicht, wie ursprünglich geplant, durch die Franz-Joseph-Straße und durch den Stadtkern zum Konak. Und nun passiert’s, das Unglück nimmt seinen Lauf. Die beiden ersten Wagen biegen bei der Lateinerbrücke zur Franz-Joseph-Straße ab – falsch! Das wäre die ursprüngliche Route gewesen! Der Erzherzog will jedoch zum Garnisonspital. Der Wagen mit meinem Urgroßvater bleibt weisungsgemäß hinter den beiden ersten Fahrzeugen.
Als Feldzeugmeister Potiorek im Wagen des Thronfolgers den Irrtum bemerkt, gibt er dem Chauffeur sofort Befehl, zu wenden, über den Appelkai weiterzufahren und erst beim Garnisonspital zu halten. Der Fahrer bremst ab und beginnt zu reversieren. Es folgen die dramatischen Sekunden jenes Augenblickes, der nicht nur ein glückliches Ehepaar plötzlich aus dem Leben reißt und drei Kinder zu Vollwaisen macht. Er löst eine Völkerschlacht aus, die 15 Millionen Menschen das Leben kostet und Österreich fast vollständig von der Landkarte verschwinden lässt.
An diesem warmen, schönen Sonntagvormittag steht der Attentäter Gavrilo Princip, mit einer Pistole bewaffnet, mitten unter den zahlreich die Straße säumenden Zuschauern. Hochrufe sind zu hören, winkende Menschen stehen in Gruppen, die meisten entlang der Häuserfront, wo die Bäume Schatten spenden. Weit weniger Zuseher sind auf der anderen Straßenseite zu sehen, entlang des Flusses. Dort brennt die Junisonne kräftig vom Himmel. Dem Attentäter scheint das nichts auszumachen. Hier kann er sich besser vorbereiten, ungehindert in Position stellen. Er wartet – und hat leichtes Spiel. Denn es gibt nach wie vor so gut wie keine Sicherheitsvorkehrungen. Die wenigen anwesenden serbischen Polizisten, für die gesamte Stadt gerade einmal 120 an der Zahl, machen keinen sehr wachsamen Eindruck. Auch haben der Erzherzog und seine Frau noch immer keine Leibwächter dabei. Heutzutage unvorstellbar!

Die letzte Fahrt beginnt.
Das Fahrzeug mit dem Thronfolger und der Herzogin von Hohenberg muss also kurz halten. Diese Sekunden genügen. Schüsse peitschen durch die Luft. Aus nicht einmal zwei Meter Entfernung schießt der junge Bosnier zweimal und trifft fatal genau. Erst die Bauchschlagader der Fürstin, dann mit dem nächsten Schuss den Erzherzog in die Halsschlagader. Sekundenlang sitzt das Thronfolgerpaar noch aufrecht im Wagen. »Um Gottes Willen, was ist Dir geschehen?«, soll Sophie ihren Mann, aus dessen Hals bereits Blut quillt, noch gefragt haben. Dann sinkt sie nach vorne, ihr Körper rutscht vom Sitz, und es sieht aus, als sei sie ohnmächtig geworden. Sophie, meine Urgroßmutter, stirbt.

Das Attentat (zeitgenössische Illustration)
»Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleib für unsere Kinder«, soll mein Urgroßvater geflüstert haben. Wenn man aber die schwere Verletzung (rechte große Halsschlagader zerrissen, Schilddrüse zerfetzt, Ringknorpel der Luftröhre zertrümmert) bedenkt, war dies schwer möglich. Verzweifelt gedacht haben mag er es indessen schon …
Der Erzherzog spürt, dass das Ende gekommen ist. Graf Harrach versucht, das Vorsinken des Kopfes des Thronfolgers, aus dessen Mund ein dünner Blutstrahl spritzt, zu verhindern, er stützt ihn durch Festhalten am Rockkragen und fragt: »Leiden Eure kaiserliche Hoheit sehr?« Franz Ferdinand soll einige Male, immer leiser werdend, das Bewusstsein verlierend, geflüstert haben: »Es ist nichts.« Auch diese Worte mögen vielleicht durch Lippenbewegungen angedeutet worden sein, ein hörbares Sprechen war mit der tödlichen Verletzung kaum noch möglich.
Meine Urgroßeltern verbluten innerhalb kürzester Zeit. Obwohl der Fahrer sofort reagiert und innerhalb von zwei Minuten beim Sitz des Landeschefs eintrifft, um dort die Erstversorgung in die Wege zu leiten, kommt jede ärztliche Hilfe zu spät. Die beiden leblosen Körper werden über die Treppe in den Konak hineingetragen, wo die Ärzte um 11.00 Uhr nur noch den Tod feststellen können. Die im Protokoll nüchtern festgehaltenen Todesursachen lauten: inneres Verbluten durch Eindringen eines 9-mm-Projektils in den Unterleib – in die Bauchaorta – der Herzogin von Hohenberg; Durchschlagen der Halsschlagader und der Luftröhre des Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este. Wenig später wird die Aufbahrung der Verstorbenen veranlasst, kurz nach 11.00 Uhr sind bereits die ersten Totenglocken aus der katholischen Kathedrale zu hören.

Kurz nach dem Attentat spielten sich tumultartige Szenen ab.
Eine Verkettung unglückseliger und zum Teil auch mysteriöser Umstände führte zum alles entscheidenden, tödlichen Zwischenfall. Es gab und gibt bis heute eine Unzahl an Mutmaßungen, warum an jenem Schicksalstag das Fahrzeug des Thronfolgers genau vor die Mündung des Attentäters geriet. Oder geraten musste?
Fast unheimlich mutet es an, wenn man Vernehmungsprotokolle der Augenzeugen liest und sich des Eindruckes nicht erwehren kann, dass der Doppelmord leicht hätte verhindert werden können. Und dass ein Attentäter am Werk war, der weder als Soldat noch als Waffennarr bezeichnet werden kann. Der jedoch eine so tödliche Präzision an den Tag legte, wie sie selbst ein geübter Scharfschütze kaum zuwege gebracht hätte.

Der Bombenwerfer Nedeljko Čabrinović (+) wird von der Polizei abgeführt.

Die Mordwaffe: eine FN Browning 9 mm, Modell 1910
Es gibt zahlreiche, sehr genaue Augenzeugenberichte, die sich in vielen wichtigen Details decken. Zum Beispiel bezüglich der Tatsache, dass Gavrilo Princip nicht gezielt geschossen hat. Im ersten Moment wollte er eigentlich eine Bombe werfen, die er am Gürtel befestigt hatte. Weil es aber galt, rasch zu handeln, zog der Bursche statt- dessen seinen Revolver, wendete (nach eigener Aussage) dabei sogar den Kopf vom Fahrzeug ab und schoss in einem Winkel von 45 Grad blindlings zweimal drauflos.
Wenn man das Originalfahrzeug im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien genau betrachtet, bestätigt sich diese Angabe. Die Einschussöffnung ist rechts hinten, ungefähr dort, wo das Scharnier für das Verdeck verankert ist. Die Austrittsöffnung im Fahrzeug innen, in der Lederpolsterung, ist 10 cm weiter links. Die Richtung dieses Lochs bildet zum Einschuss einen Winkel von 45 Grad. Das Eisenblech der Verkleidung wurde vom Projektil in einem Ausmaß von 15 mm eingedrückt, der Schusskanal misst 10 mm im Durchmesser. Ein Loch von dieser Ausdehnung ist auch auf der Innenseite des Leders zu erkennen, an jener Stelle, an der Herzogin Sophie tödlich getroffen wurde.

Gavrilo Princip, Mörder des Thronfolgers und von Herzogin Sophie – ein 18-jähriger Maturant
Und dann? Bekannterweise gibt es einen Rückstoß, wenn ein Revolver beim Schuss mit nur einer Hand gehalten wird. Dieser Rückstoß reißt den Lauf der Waffe nach oben. Wenn in diesem Augenblick also noch einmal geschossen wird, muss das zweite Projektil zwangsläufig um einiges höher treffen als das erste. Genau so muss es gewesen sein. Der klein gewachsene Princip schießt nun also »hinauf« und trifft durch diesen weiteren tödlichen Zufall genau die Halsschlagader des Thronfolgers. Selbst mit modernen Waffen und Scharfschützen-Ausbildung wäre es heute fast unmöglich, in drei Sekunden eine solche Tat mit derart tödlicher Präzision auszuführen.
Wenn ich nun also versuche, die letzten Stunden im Leben meiner Vorfahren nachzuvollziehen, so komme ich nicht umhin, festzustellen: Urgroßvater, Du hättest abreisen, auf Deine Berater hören und Dein Pflichtbewusstsein einmal vergessen sollen. Aber Deine Haltung ist wohl dem damaligen Sendungsbewusstsein entsprungen. So etwas wie einen Rückzieher machen, das hat nie Deiner Art entsprochen. Todesbereitschaft, Wagemut und Opferbereitschaft waren für einen Mann wie Dich, mit Deiner militärischen Erziehung und im Zusammenhang mit dem damaligen Zeitgeist, wohl selbstverständlich. Du hättest noch ein langes und erfülltes Leben vor Dir gehabt. Und der Lauf der Weltgeschichte hätte sich entscheidend anders entwickelt.

Die aufgebahrten Särge in der Gruft von Artstetten (dazwischen der Sarg des 1908 tot geborenen Sohnes)

Titelblatt der »Illustrierte Kronen Zeitung« vom 30. Juni 1914
Ein Raum zwischen Damals und Heute
Wer Schloss Artstetten zum ersten Mal besucht, kann sich dem Zauber der harmonisch angeordneten Räume und der Romantik des Landschaftsparks kaum entziehen. Spätestens aber nach dem Verweilen im Innenhof und dem bewussten Nachempfinden der dramatischen Ereignisse jenes 28. Juni 1914 drängt sich die Frage auf: Wo ist der Anfang jener Spirale, die sich im Leben meiner Urgroßeltern plötzlich immer schneller drehte, ohne dass es diejenigen, die davon betroffen waren, bemerken konnten? Wo und wie hat das Leben jenes Mannes begonnen, dessen Name so untrennbar mit dem Attentat von Sarajevo und in letzter Konsequenz mit der Neuordnung Europas verbunden ist?
Der gedankliche Übergang vom gemeinsamen Sterben des Thronfolgers und der Herzogin von Hohenberg – zurück zur glücklichen Kindheit, hinein in die große Familie und Verwandtschaft – gelingt am besten mit einem kurzen Innehalten. Aus diesem Grund haben wir im Schloss den »schwarzen Raum« geschaffen. Bevor man einer Fülle von Exponaten, Bildern, Fotos und Einrichtungsgegenständen aus der damaligen Zeit gegenübersteht, erblickt man in dieser »Zeitschleuse« nur das weiße Gipsrelief des Paares. Hier wird noch einmal deutlich, dass zwei einander von Herzen zugetane Menschen plötzlich sterben mussten. Ohne die Gnade eines gemeinsamen, besinnlichen Alterns; ohne die Freude, die drei geliebten Kinder heranwachsen sehen zu dürfen; ohne das Vergnügen, Enkelkinder haben zu können.
Das Tröstliche ist, dass wenigstens der gemeinsame Todeszeitpunkt, wenn auch viel zu früh, den jeweils anderen nicht hat leiden lassen. Der Erzherzog, mein Urgroßvater, wusste, dass eine der Folgen seiner Hochzeit mit einer nicht ganz »Ebenbürtigen« auch sein würde, dass sie nicht gemeinsam an der für Mitglieder des Erzhauses vorgesehenen Stelle bestattet werden könnten: in der Kapuzinergruft. Da waren die Hausgesetze der Habsburger kompromisslos.
Also sorgte Franz Ferdinand bereits zu Lebzeiten rechtzeitig vor und ließ für sich und seine Familie eine eigene Gruft in Schloss Artstetten errichten. Den Schlüssel zu ihr kann man an der Kasse unseres Museums-Shops ausleihen. Ein paar Schritte um das Haus, und man kann in ruhiger Betrachtung die beiden schlichten hellen Sarkophage auf sich wirken lassen. Die Zeichen für Alpha und Omega, Anfang und Ende, sind jeweils am Fußende der Marmorsärge eingraviert. Mit wenigen Worten wird auf dem gemeinsamen Sockel das Wichtigste gesagt: IVNCTI CONIVGIO FATIS IVNGVNTUR EISDEM –»Verbunden durch das Band der Ehe, vereint durch das gleiche Schicksal«.
So wie ich meinen Urgroßvater einschätze, war es für ihn unerheblich, ob er in Wien oder Artstetten zur letzten Ruhe gebettet würde. Er war überzeugter Katholik. Wichtig war ihm vor allem, dass er jederzeit auf seinen Tod vorbereitet war. Interessant dazu ein Brief seines Beichtvaters, Pater Edmund Fischer. In diesem Schreiben vom 16. Jänner 1909 bezieht sich der Geistliche auf ein zuvor in Konopischt geführtes Gespräch:
»Gewöhnen Euer Kaiserliche Hoheit sich an, vor jeder Reise, an jedem Abend recht innig Reue über alle Armseligkeiten des Tages und des ganzen Lebens zu erwecken, damit einen jeden Augenblick wir vor Gott hintreten können, auch wenn der Priester nicht an unserer Seite wäre. Das ist ein großer Trost und gibt uns Muth.«
Ein guter Rat, der auch heute noch seine Gültigkeit hat, nicht nur für den strenggläubigen Katholiken.
Die Frage nach dem Anfang – die Suche nach den Wurzeln
Die Frage nach dem Jetzt und nach der Entwicklung dorthin beginnt immer bei der Frage nach der Vergangenheit. Wir können uns ihr nicht entziehen: Wohin wir gehen, zeigt, woher wir kommen. Wenn Sie Ihren Blick in den Räumlichkeiten der Eingangsebene von Schloss Artstetten schweifen lassen, dann sehen Sie auf den zahlreichen Bildern einen guten Teil der Familie versammelt.
Einige kennen Sie sicher. Die »Klassiker« sind Kaiser Franz Joseph I. und seine Frau, Kaiserin Elisabeth. Rasch finden Sie bestimmt auch den unglücklichen Kaiser von Mexiko, Maximilian, den jüngeren Bruder Kaiser Franz Josephs, der von Napoleon III. gewissermaßen »hineintheatert« und 1867 in Mexiko standrechtlich erschossen wurde. Seine Frau Charlotte hatte übrigens bis zum tragischen Ende vergeblich versucht, in Europas Fürstenhäusern diplomatische Hilfe für ihren Mann zu bekommen. Auch Kronprinz Rudolf, Sohn Kaiser Franz Josephs, dessen tragischer Selbstmord bis heute rätselhaft bleibt, ist hier vertreten.

Der Onkel: Kaiser Maximilian von Mexiko
Kaiser Franz Joseph war als Onkel Franz Ferdinands nicht immer der gütige ältere Herr, als der er so gerne dargestellt wird. In Wahrheit führte »der gute Kaiser Franz Joseph« ein strenges Regiment, nicht nur in der Innen- und Außenpolitik. Das hat auch die Familie oft genug gespürt, mein Urgroßvater Erzherzog Franz Ferdinand aber in ganz besonderem Maße. Sehen Sie sich seine verschiedenen Bilder und Gemälde etwas genauer an – ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.
Was an den Bildnissen Erzherzog Franz Ferdinands auffällt, ist der durchwegs ernste und entschlossene Blick. Fast gewinnt man den Eindruck, Lachen oder wenigstens Lächeln kam für diesen Mann nicht infrage. Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Um den Menschen hinter der nachdenklichen und ernsten Fassade zu ergründen und anderen zugänglich zu machen, habe ich mich entschlossen, in diesem Buch meinen Urgroßvater ins Zentrum der Betrachtungen zu stellen. Wenn Sie nun also mehr über den Thronfolger erfahren und dabei die vielen anderen Familienmitglieder, deren Gesichter Sie in den Schlossräumlichkeiten betrachten können, zum Teil nur erwähnt werden, so wissen Sie jetzt, warum. Ich will das Andenken an diesen großen Mann und Vordenker so bewahren, wie es ihm gebührt. Es geht mir dabei nicht darum, die Geschichtsschreibung zu beeinflussen; aber es gibt mir das gute Gefühl, meinem Urgroßvater ein sehr persönliches Denkmal der etwas anderen Art zu setzen.
Herausforderung durch die Familie
Wenn Sie sich nun selbst die Frage stellen: Was hat mich in meinem Leben wirklich nachhaltig beeinflusst?, dann kommt fast sicher die Antwort: Kindheit, Zuhause, Familie, Eltern, Geschwister, Großeltern, selbstverständlich auch Lehrer und Mitschüler, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel. Geschwister können Freunde sein, die das Leben schenkt, sie können aber auch der berühmte Haken sein im Lebenslauf, der vieles entscheidet.
Niemand kann sich aussuchen, in welche Familie er oder sie hineingeboren wird. Der alles entscheidende Zufall, das Entstehen des Menschen, seine genetisch bedingten Anlagen, seine Geburt, Kindheit und Jugend – all das kann großes Glück oder tiefstes Unglück bedeuten.
Ab dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens können wir zumindest bedingt Einfluss nehmen auf unser Leben. Entscheidungen treffen, andere mit einbeziehen, manches tun, anderes lassen. Was auch immer wir beginnen: Nie wird der Einfluss von Geburt und Familie aus unserem Leben völlig wegzudenken sein. Ein Faktum, das auch bei sehr einfacher Familienstruktur mit wenigen Geschwistern oder Einzelkindern kaum zu leugnen ist.
Umso größer ist die Herausforderung, wenn man in eine Familie hineingeboren wird, die nicht nur eine der größten Dynastien Europas darstellt, sondern auch noch als »kaiserliche Familie« bezeichnet wird. Da die Lebensgeschichten der Mitglieder des Hauses Habsburg mit seinen vielen Seitenlinien zahllose dicke Bücher füllen, soll hier – aus dem oben genannten Grund – nur auf den engsten Kreis um den Thronfolger Franz Ferdinand eingegangen werden. Wo ist er geboren worden, wie ist er aufgewachsen, was hat ihn geprägt? Wieso wurde er überhaupt zum Thronfolger? Und woher kommt die Bezeichnung seines Namens »Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este«?
Hohe Geburt in Graz

Der Vater: Erzherzog Carl Ludwig, der um drei Jahre jüngere Bruder von Kaiser Franz Joseph; die Mutter: dessen zweite Frau, Prinzessin Maria Annunziata, Tochter von König Ferdinand II. beider Sizilien (um 1863)
Geboren wurde mein Urgroßvater am Morgen des 18. Dezember 1863 um 7.15 Uhr in Graz, an der Adresse »Sackgasse 18«. Sein Vater war Erzherzog Carl Ludwig, der um drei Jahre jüngere Bruder Kaiser Franz Josephs, geboren am 30. Juli 1833 in Schönbrunn. Franz Ferdinands Mutter war Carl Ludwigs zweite Frau, Prinzessin Maria Annunziata, die Tochter von König Ferdinand II. beider Sizilien.

Der fünfjährige Erzherzog Franz Ferdinand bei einer von seinem Vater so geschätzten Theateraufführung, 1868
Bereits jetzt wird die Geschichte etwas kompliziert, denn Franz Ferdinands Vater Carl Ludwig war insgesamt nicht ohne Grund dreimal verheiratet. Die erste Ehefrau, Margaretha (Tochter des Königs Johann von Sachsen), verstarb bereits nach knapp zwei Jahren kinderloser Ehe blutjung, mit nur 18 Jahren, an Typhus. Drei Jahre später heiratete der inzwischen 29-jährige Erzherzog Carl Ludwig die damals 19-jährige Maria Annunziata. Mit ihr führte er eine einigermaßen glückliche, wenn auch nicht allzu lange Ehe, denn auch sie verstarb nach relativ kurzer Zeit. Sie erlag der Lungentuberkulose. Ein Schicksal also, das sich in tragischer Weise wiederholte und damals keine Seltenheit war. Krankheiten, deren Diagnose und Therapie (beziehungsweise deren Vorbeugung) heute selbstverständlich erscheinen, kosteten vor rund 150 Jahren vielen, leider auch sehr jungen, Menschen das Leben.
Maria Annunziata wusste um ihre Erkrankung und spürte, dass sie nicht alt werden würde. Auch deshalb versuchte sie, in ihr kurzes Leben hineinzupressen, was nur irgendwie möglich war. Dazu gehörte auch die Hoffnung, aus der »Provinz«, als die sie die Stadt Graz empfand, wegzukommen und in die Großstadt Wien zu ziehen. Ihr gutmütiger und ihren Wünschen stets gern nachkommender Ehemann erfüllte diesen Wunsch. Die Familie zog daher 1868 in ein Palais in der Wiener Favoritenstraße. Dort kam auch, nach dem 1865 geborenen Otto, der zweite Bruder Franz Ferdinands zur Welt, der Ferdinand Karl Ludwig genannt wurde.
Hier, im Schloss Artstetten, das der Familie Erzherzog Carl Ludwigs auch als Sommersitz diente, erblickte dann noch ein viertes Kind die Welt. Das kleine Mädchen wurde auf den Namen Margaretha Sophia getauft. Die damals schon sehr schwache und schwer kranke Mutter war damit am Ende ihrer Kräfte. Sie kämpfte noch ein Jahr lang gegen den Tod, der schließlich am 4. Mai 1871 eintrat.

Der siebenjährige Franz Ferdinand mit seinen Brüdern Ferdinand (zweijährig) sowie Otto (fünfjährig), Schwester Margaretha Sophie war gerade geboren (1870)
Die junge Frau hinterließ dem nun zum zweiten Mal Witwer gewordenen Carl Ludwig also vier Kinder: Franz Ferdinand (* 1863) sowie dessen Brüder Otto (* 1865) und Ferdinand (* 1868) und Margaretha Sophia (* 1870). Das wäre auch in heutigen Tagen keine einfache Situation. Neben der Trauer um die geliebte Ehefrau plötzlich mit vier kleinen Kindern dazustehen und, als guter Familienvater, den innigen Wunsch zu haben, den Kleinen ein halbwegs geordnetes Familienleben bieten zu können.
Die Bedeutung der Stiefmutter
Was also tun? Es galt, eine Frau zu finden, die nicht nur als liebende Ehefrau, sondern auch als treu sorgende Mutter infrage kam. Für vier ihr fremde Kinder, die noch einen weiten Weg vor sich hatten. Es spricht sehr für die Person und Persönlichkeit Erzherzog Carl Ludwigs, dass sich tatsächlich die ideale Partnerin für ihn fand: in der Person der 18-jährigen Prinzessin Maria Theresia von Braganza, Infantin von Portugal, die nach der Hochzeit mit Carl Ludwig 1873 Erzherzogin Marie Therese genannt wurde. Zur Wahl dieser Ehefrau hatte die Mutter Carl Ludwigs, Erzherzogin Sophie, wie immer ihren nicht unbeträchtlichen Beitrag geleistet.
Das fast Unglaubliche geschah: Die Kinder bekamen eine junge, liebevolle und fürsorgliche Stiefmutter, und endlich kehrte wieder Familienglück im Hause des Erzherzogs ein. Dieses wurde schließlich perfekt durch die Geburt der kleinen Maria Annunziata 1876 sowie einer weiteren Schwester, Elisabeth, die 1878 zur Welt kam. So könnte man meinen, Carl Ludwig konnte zum Glück seiner Kinder den Satz »Was lange währt, wird endlich gut« in jeder Hinsicht bestätigen.
Geht man zurück in die prägenden Jugendjahre Erzherzog Franz Ferdinands, so konnte er trotz des Schicksalsschlages, die leibliche Mutter früh verloren zu haben, eine glückliche und schöne Kindheit erleben. Das harmonische Familienleben inmitten vieler Geschwister muss in ihm schon früh den Wunsch geweckt haben, es später einmal auch so gut zu treffen: mit einer Frau, die man aus Liebe heiratet und mit der man eine glückliche Kinderschar heranwachsen sehen kann.



