Die Braut von Louisiana (Gesamtausgabe)

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»Nein, ich wusste es nicht«, versicherte Arthur, »denn zwei Tage später traf erst der Brief ein, der meine plötzliche Reise notwendig machte.«
»Und wohin, wenn ich fragen darf?«
»Nach New Orleans.«
»Mein Herr«, rief Arabella mit Würde, und ihre großen Augen hefteten sich auf den jungen Mann, als ob sie ihn durchbohren wollten, »mein Herr, so viel Zeit wäre Ihnen wohl noch geblieben, mich durch einige Zeilen von Ihrer dringenden Reise in Kenntnis zu setzen; mir wäre der Schmerz über die erlittene Schmach erspart geblieben und Ihnen …«
»Beste Arabella«, unterbrach Arthur die Zürnende, deren zartes Gesicht eine matte Röte übergoss, »ich tat es und gab den an Sie gerichteten Brief meinem besten Freund zur Besorgung. Noch mehr: Selbst von hier aus habe ich ihm Briefe gesandt, die er an Sie befördern sollte, wenn Sie nach London zurückgekehrt sein würden – was ich befürchtete, machen Sie mir jetzt zur Gewissheit: Er hat meine Briefe unterschlagen!«
»Wer ist denn dieser saubere Freund? Kenne ich ihn?«
»Sie kennen ihn – Edward Temple!«
Bei Nennung dieses Namens biss Arabella ihre fein geschweiften Lippen zusammen, als ob ihr plötzlich alles erklärlich wäre.
»Arabella«, rief Arthur, »haben Sie gewusst, dass ich hier bin?«
»Nicht eine Silbe, denn ich bin von Frankreich nach Amerika gegangen.«
»Und was veranlasste Sie dazu? Warum kehrten Sie nicht nach London zurück?«
»Arthur, dieses Bekenntnis mag Ihnen den Beweis liefern, dass ich geneigt bin, Ihnen zu verzeihen: Ich reiste über das Meer, um in einer andern Welt meinen Schmerz über die erlittene Kränkung zu vergessen.«
»Engel, Göttin«, rief der Dandy und sank neben der Ziege zu Arabellas Füßen nieder, »so segne ich den ungetreuen Freund, der dich veranlasst hat, diesen Entschluss zu fassen! O mein Gott«, fuhr er wie berauscht fort und bedeckte beide Hände der Tänzerin mit glühenden Küssen, »wie selig war ich, als ich diesen Morgen eine Einladung zum Abonnement auf Ihre Vorstellungen erhielt – ich kleidete mich an, und mein erster Weg war zu Ihnen!«
»Triumphieren Sie nicht zu früh«, sagte das reizende Mädchen lächelnd, »denn ehe ich den Zweck Ihres Aufenthaltes in New Orleans nicht kenne, weiß ich nicht, ob ich Sie völlig amnestieren kann.«
»O Sie können es, teure Arabella, denn dieser Zweck liegt meiner Liebe zu Ihnen so fern, dass ich ihn unumwunden mitteilen kann.«
»So teilen Sie mit, ich werde hören!«
Arthur erhob sich und nahm seinen Platz wieder ein; dann begann er:
»Meine Geburtsstadt ist Boston, wo mein Vater einem nicht unbedeutenden Handelshaus vorstand. Dort verlebte ich meine Jugend und erhielt auf der Handels- und Navigationsschule dieser Stadt die erste Bildung.«
»So sind Sie kein gebürtiger Engländer?«, fragte Arabella erstaunt.
»Nein, ich bin von Geburt Amerikaner. Doch wahrscheinlich wollte mein Vater einen Engländer aus mir machen, denn als ich achtzehn Jahre alt war, sandte er mich zu seinem Bruder nach London, damit ich die in Boston angefangene Bildung vollenden und mir die Sitten und Gebräuche der großen Weltstadt zu eigen machen sollte. Inwieweit mir dies gelungen ist, überlasse ich Ihrer eigenen Beurteilung, da ich das besondere Glück hatte, länger als ein Jahr von Ihnen gekannt zu sein.«
»Mein Gott«, rief die Tänzerin, »das alles sagen Sie mir erst jetzt? Aus welchem Grund verschwiegen Sie mir in London Ihre Lebensgeschichte, da ich Ihnen doch so offenherzig die meine erzählt habe?«
»Weil ich den Zweck meines Vaters vollkommen erreichen, das heißt, ein vollkommener Engländer werden und als solcher erscheinen wollte. Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen, denn zwei Tage nach Ihrer Abreise aus London nach Paris erhielt ich die Trauerkunde, dass mein Vater schwer erkrankt darniederliege, dass er mich noch einmal sehen und segnen wolle und dass ich, um diesen Wunsch zu erfüllen, auf der Stelle abreisen müsse. Ich war der einzige Sohn und liebte meinen Vater. Sie, meine beste Arabella, waren auf zwei Monate verreist, und da mich sonst nichts an London fesselte, beschloss ich, den Wunsch des kranken Vaters zu erfüllen – ich reiste ab. Obgleich wir eine glückliche Fahrt hatten, kam ich leider dennoch zu spät – ich betrat das väterliche Haus in demselben Augenblick, als der Leichenzug meines guten Vaters, den ich schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, von dem Gottesacker zurückkehrte.«
»Mein armer, armer Freund«, seufzte das junge Mädchen und trocknete mit dem weißen Batisttuch eine große, helle Träne, die wie ein Tautropfen in den langen, schwarzen Augenwimpern zitterte.
Arthur ergriff das Tuch, dessen Falten die Träne aufgenommen hatte, drückte seufzend einen Kuss darauf und fuhr fort:
»Nachdem ich dem Schmerz um den Verblichenen die ersten Opfer gebracht hatte, schritt ich zur Eröffnung des Testaments. Der Erblasser forderte darin, dass ich sein Geschäft aufgeben, die darin angelegten Kapitalien zurückziehen und die Leitung einer großen Plantage übernehmen sollte, die sein zweiter Bruder, der zwei Jahre früher verstorben war, hinterlassen hatte. Da die Plantage in der Nähe von New Orleans liegt, habe ich hier meinen Wohnsitz aufgeschlagen, reise wöchentlich einige Tage in die Wälder und Pflanzungen und erfülle auf diese Weise genau den Willen meines Vaters. Sie können wohl ermessen, meine süße Freundin, dass die Auflösung eines alten und die Übernahme eines neuen Geschäftes viel Zeit und Mühe erfordert, zumal wenn man an das materielle Geschäftsleben so wenig gewöhnt ist wie ich – trotzdem aber ist es meiner rastlosen Tätigkeit gelungen, die durch den Tod von zwei tätigen Männern etwas verwirrten Sachen so weit in Ordnung zu bringen, dass ich diesen Sommer noch den sehnlichsten Wunsch, das glühendste Verlangen meines Herzens in Erfüllung bringen kann, das heißt, eine Reise nach London anzutreten. Und jetzt ermessen Sie meinen freudigen Schreck, als ich diesen Morgen erfahre, es bedarf einer Reise nicht, um den Stern meines Lebens zu sehen, es bedarf des langen, martervollen Aufenthalts auf einem Schiff nicht, um in den Himmel zu gelangen, das heißt, an den Ort, den Ihre reizenden Füße betreten – Arabella, ich bin im Himmel, denn ich liege zu Ihren Füßen!«
Arabella beugte sich und drückte einen Kuss auf die Stirn des jungen Mannes, der vor ihr auf den Knien lag und sehnsüchtig mit seinen großen Augen zu ihr aufblickte.
»Arthur«, sagte sie mit einem unbeschreiblichen Lächeln, »ich glaube Ihnen; mag alles, was geschehen ist, vergessen sein! Doch eine Erklärung fordere ich von Ihnen – eine offene, wahre Erklärung.«
»Was fordern Sie, Arabella? Jede Falte meines Herzens will ich glätten, dass es klar wie der Spiegel des ruhigen Meeres vor Ihnen liegen soll!«
»Arthur«, lispelte das junge Mädchen, »erinnern Sie sich noch Ihrer Versprechungen, Ihrer Schwüre?«
»Ich erinnere mich ihrer nicht nur, ich bin sogar bereit, sie zu wiederholen!«
»Dessen bedarf es nicht, Ihr offenes Auge bekundet die Wahrheit. Nicht wahr, mein lieber Freund, ich darf dem Auge noch trauen, das mir stets so klar entgegenleuchtete?«
»Mädchen«, rief der junge Mann, indem er sich rasch erhob, »welcher Dämon hat den Argwohn in dir angefacht, dass ich je …«
»O still, mein lieber, lieber Freund«, sagte Arabella in einem bittenden Ton, verließ ihren Platz, legte den blendend weißen Arm auf Arthurs Schulter und ihr glühendes Köpfchen an seine Brust, »o still, nicht um dich zu kränken, sage ich diese Worte, sondern um mich ganz des Glückes erfreuen zu können, das mir dein Wiedersehen bereitet.«
Die Wangen des jungen Mannes hatten sich ein wenig gerötet, und in seinem Blick malte sich eine leise Befangenheit ab. Beides bemerkte Arabella, sie schrieb es aber dem Eindruck zu, den ihr geäußertes Misstrauen hervorgebracht hatte. Lächelnd blickte sie ihn an und drückte dabei mit herzlicher Innigkeit seine Hand.
»Arabella«, sagte Arthur, »sollte derselbe treulose Freund, der meine Briefe so schändlich unterschlug, seine Verwerflichkeit so weit getrieben haben, dass er auch den Samen des Argwohns in dein kindliches Herz gesät hat?«
»O nein, seit meinem Weggang aus London, seit unserer Trennung habe ich weder etwas von ihm gehört noch gesehen.«
»Und sollte der angegebene Grund der einzige sein …?«
»Du sprachst von einem Testament, mein Arthur – es ist nichts Ungewöhnliches, dass der letzte Wille eines sterbenden Vaters auch dem Herzen des Sohnes den Gegenstand bezeichnet, den es lieben soll – sieh, dieser Gedanke war es, der mich zu jener Frage veranlasste, die ich wünschte, nicht an dich gerichtet zu haben.«
Die Tänzerin war in diesem Augenblick zu sehr Liebhaberin, als dass sie die Wolke bemerken konnte, die ihre besänftigenden Worte von der Stirn des jungen Plantagenverwalters verscheuchte. Sein Ernst verwandelte sich plötzlich wieder in ein unbefangenes Lächeln, und seine Stimme nahm wieder die Herzlichkeit an, die für einen Augenblick verschwunden gewesen war.
»Nein, meine Arabella«, rief er, »der letzte Wille meines Vaters war nur darauf bedacht, dem einzigen Sohn die Mittel an die Hand zu geben und zu sichern, die seine Zukunft nicht nur vor Sorgen schützen, sondern sogar glänzend gestalten sollen. Meinem Herzen hat er kein Vermächtnis hinterlassen; ich darf darüber verfügen, und«, flüsterte er zärtlich, »habe darüber verfügt, denn ich habe es einem Engel geschenkt, der …«
»Nun, der?«, fragte die Tänzerin mit einem schelmischen Lächeln.
»… der es mir gestohlen hätte, wenn ich so geizig gewesen wäre, es behalten zu wollen!«
»Arthur!«
»Arabella!«
Eine lange, innige Umarmung folgte dem Ausruf dieser beiden Namen.
Der junge Mann erwachte zuerst aus seinem Liebesrausch, aber nicht etwa, weil er sich selbst ermunterte, sondern weil er auf seinem Rücken so unsanft berührt wurde, dass er erwachen musste. Djali, die weiße Ziege mit dem roten Halsband, die der Szene bis jetzt ruhig zugesehen hatte, hatte plötzlich ihren Teppich verlassen und war – in welcher Absicht, können wir nicht sagen – dem glühenden Liebhaber mit beiden Vorderfüßen über den grünen Rücken gefahren, dass er sehr unsanft an die Erde erinnert wurde.
»Sieh doch, Arthur, auch Djali, das treue Tier, will dich umarmen«, rief Arabella jauchzend, ergriff die beiden Füße der Freundin und führte sie dem Freund entgegen. Dieser streichelte sanft das glänzende Haar und ergoss sich in Lobeserhebungen über die Klugheit und Schönheit des seltenen Tieres.
»In der Tat ist es klug«, sagte die Bajadere mit einem Seufzer, »denn es sah mich oft so mitleidig an, wenn ich unter Tränen an den flüchtigen Geliebten dachte, als ob es meinen Schmerz verstände und ihn teilen wollte. Doch nun sollst du auch sehen, welche Fortschritte es in seiner Kunst gemacht hat.«
Die Tänzerin wollte eben ihre Studien wieder beginnen, als Sally, die Zofe, eintrat.
»Miss«, sagte sie, »ich muss wider meinen Willen stören.«
»Was gibt es?«, fragte die Gebieterin unwillig.
»Der Wagen, der Sie zur Ballettprobe abholen soll, wartet bereits seit einer Stunde. Soeben kam der Direktor des Theaters, um sich persönlich nach dem Grund der unerwarteten Verzögerung zu erkundigen. Der gute Mann ist in tausend Ängsten – er glaubt, Sie seien krank geworden.«
»Ach, mein Gott«, rief Arabella, »ich habe die Probe vergessen! Wie spät ist es?«
»Zwölf Uhr, um elf Uhr sollte die Probe beginnen.«
»Sir Arthur«, wandte sich die Tänzerin zeremoniell zu dem Dandy, »die Pflicht ruft – wann sehe ich Sie wieder?«
»Hier ist meine Adresse«, wandte er sich zu Sally und gab ihr eine Karte. »Sie, reizende Arabella, haben über Ihren Diener zu bestimmen!«
»Sally«, befahl das junge Mädchen, »führe den Herrn Direktor in den Saal, dann komm zurück, um mir beim Ankleiden zu helfen.«
Als die Zofe sich entfernt hatte, nahm Arthur durch einen zarten Kuss Abschied von der Königin seines Herzens.
»Wann darf ich wiederkommen?«, fragte er.
»Sobald das Herz Ihnen die Aufforderung dazu diktiert«, war die Antwort, von einer Verbeugung begleitet.
»Diesen Abend?«
»Diesen Abend!«
Kaum war Arthur verschwunden, als Sally wieder eintrat, um die Toilette ihrer Herrin zu vollenden.
»Trage ich noch immer die Schuld«, fragte die listige Zofe, indem sie die schwarzen Haare Arabellas zu Locken formte, »dass die Vorstudien zu dem Ballett unterblieben sind?«
»Von dieser Schuld entbinde ich dich«, sagte die Tänzerin lächelnd; »doch eine Verantwortung hast du zu übernehmen.«
»Und welche?«
»Die gegen den Theaterdirektor.«
»Ich habe sie bereits übernommen.«
»Was hast du ihm gesagt?«
»Lassen Sie sich die Entschuldigung von dem Herrn Direktor selbst wiederholen. Ihr Kopfputz ist fertig!«
Während Arabella einen großen, kostbaren Schal um ihre Schultern warf und vor dem Spiegel einen gelben Hut mit einer weißen, wallenden Feder auf die Locken setzte, knüpfte Sally eine seidene Leine in das Halsband der Ziege. Nachdem die Herrin, deren Gesicht durch die Fülle der Locken einen neuen Reiz erhalten hatte, den letzten Blick in den Spiegel geworfen hatte, gab die Zofe ihr die Leine in die Hand. Dann öffnete sie die Tür des Saales, und Arabella, die Ziege führend, trat zu dem ungeduldig harrenden Direktor ein.
»O mein Gott, was muss ich hören!«, rief der Mann mit gekrümmtem Rücken und einem devoten, schmerzlichen Lächeln, »Ihre arme, allerliebste Ziege hat einen apoplektischen Anfall gehabt?«
Arabella gedachte der Entschuldigung ihrer Zofe.
»Der Anfall ist vorüber«, sagte sie lächelnd, »und die Probe kann beginnen.«
»Gott sei Dank«, rief der Bühnenlenker und küsste die Hand der Dame, »Gott sei Dank, dass er keine Folgen hatte! Darf ich um Ihren Arm bitten?«
Nach zwei Minuten öffnete ein Diener den Schlag des Wagens, der vor der Eingangstür des Hauses wartete. Die Tänzerin stieg zuerst ein, dann hob der Bühnenlenker die Ziege empor und setzte sie behutsam an die Seite ihrer Herrin – er selbst nahm dem Künstlerpaar gegenüber seinen Platz ein.
Der Wagen rollte an. Nach einer Viertelstunde begann die Ballettprobe.
2.
Am rechten Ufer des Mississippi, und zwar fünf bis sechs englische Meilen von der Hauptstadt Louisianas entfernt, zieht sich ein hoher, majestätischer Wald nach dem Westen des Landes hin, dessen Umrisse man, wie wir bereits berichtet haben, von Arabellas Boudoir aus deutlich erkennen kann. Der mit Schlingkraut und großen, breiten Blättern bewachsene Boden, in der Nähe des Flusses sumpfig und ein Aufenthalt für Schlangen und Gewürm aller Art, wird in geringer Entfernung von dem flachen Ufer mit jedem Schritt fester und trockener, das Gestrüpp verwandelt sich nach und nach in dichtes Unterholz, dessen Blätterdach den glühenden Sonnenstrahlen ein Ziel setzt und sie ihrer erschöpfenden Kraft beraubt, und die schlanken Zedern und Myrthenbäume, von dem schimmernden Jasmin wie von Girlanden umrankt, erscheinen in einem dunklen, goldfarbenen Licht, als ob die Abendröte sie mit einem milden Schein umfinge. Statt der wilden Schlingpflanzen beherrschen Blumen von mannigfacher Gestalt und Farbe, würzigen Duft verbreitend, den grünen Boden, während die majestätische Palme und die üppige Magnolie Königen gleich gebietend und majestätisch über den Wald emporragen.
In dieser Gegend des Waldes, wo die üppigste Vegetation alle Naturreize Louisianas entfaltet, trifft man sorgfältig gebahnte Wege: Den Jasmin- und Weinreben ist ihr Ziel gesteckt, dass sie rechts und links dichte Hecken zwischen den Stämmen der Bäume bilden, die hin und wieder vorkommenden sumpfigen Stellen sind mit Erde ausgeschüttet und festgemacht, und wo riesige Wurzeln den Pfad erhöhten, sind sie durch Feuer und Spaten vertilgt, dass dem Fuß fast kein hemmendes Hindernis mehr in den Weg tritt.
Diese Wege stellen die Kommunikation zwischen den einzelnen Pflanzungen her, die durch den Wald getrennt sind, und dienen den Bewohnern nicht selten zu Spaziergängen sowie dem forschenden Reisenden als Pfade, um das Innere des Landes kennenzulernen.
Ungefähr um dieselbe Zeit, als Arthur in das Zimmer Arabellas trat, durchschritt einen dieser einsamen Waldgänge ein Mann, der weder das Aussehen eines Spaziergängers noch eines Reisenden hatte. Zwar trug er eine feine englische Büchse unter dem Arm, eine Jagdtasche an der Seite und ein Waidmesser mit kostbarem Griff, aber auch die Absicht zu jagen schien er nicht zu haben, denn er ging langsamen Schrittes unter der blinkenden Blätterwölbung hin, große Wolken Tabakrauches unter seinem breitkrempigen Strohhut hervorblasend, ohne sich um das aufgeschreckte Wild, das aus dem Gebüsch über den Weg sprang, zu kümmern und ohne nach den Vögeln zu blicken, die sich in bester Schussnähe auf den elastischen Zweigen wiegten. Sein Anzug bestand einfach aus ein Paar gelben, weiten Hosen, einem hellgrauen Oberrock mit einer Art kurzem Mantelkragen, aus dem der Kragen eines bunt gestreiften Hemdes hervorsah, und Stiefeln aus hellbraunem Leder, die von der Farbe der Hosen wenig abstachen. Seine Bewegungen, obgleich er nur langsam dahinschritt, verrieten dennoch den kräftigen Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, und sein Gesicht, von einem kurzen, braun gekräuselten Bart umgeben, drückte einen Ernst aus, der zu mild war, um ihn Härte oder Wildheit zu nennen, und zu streng, um ihn mit den Worten Traurigkeit oder Schmerz zu bezeichnen.
Wohl eine halbe Stunde Zeit hatte dieser Mann gebraucht, um eine Strecke Weges von einer Viertelstunde zurückzulegen, als plötzlich durch eine Lichtung des Waldes die Sonnenstrahlen senkrecht auf sein Haupt fielen und ein anderer Weg den seinen durchschnitt.
Sinnend blieb er stehen und blickte rechts den Kreuzweg hinunter, der stets breiter und luftiger wurde und in geringer Entfernung die roten Dächer einer Besitzung in dem dunklen Grün zeigte, deren Anblick einen besonderen Eindruck auf ihn auszuüben schien. Wie unwillig nahm er sein Gewehr von der Schulter, setzte es heftig zu Boden, legte die gekreuzten Arme auf dessen Mündung und sah mit starren, ungewissen Blicken zu den Häusern, die ein freundliches Panorama in der wilden Waldgegend bildeten.
Die Sonne sandte eine sengende Hitze durch die Lichtung der Blätter, kein Lüftchen regte einen Halm oder einen Zweig, und große Scharen Moskitos umschwärmten den sinnenden Mann, dann und wann zurückgescheucht durch den Tabakrauch, der in hellblauen Wolken aus seiner kurzen Pfeife stieg.
Das Gestirn des Tages stand am Zenit – es war Mittag.
Plötzlich unterbrach ein leises Rauschen in den Blättern des Weges die fast unheimliche, beklemmende Waldstille. Ein Vogel mit glänzendem, buntfarbigem Gefieder flatterte auf und eilte erschrocken dem Dickicht zu, das undurchdringlich rechts und links zur Seite stand. Das Geräusch kam näher. Es wurde von einem Mann verursacht, der aus der entgegengesetzten Richtung des Weges kam, den der Mann im grauen Rock unablässig mit den Blicken verfolgte. Der Ankommende seufzte tief und schwer; die Hitze und der zurückgelegte Weg schienen ihn so erschöpft zu haben, dass er nur noch mit großer Anstrengung seine Füße bewegen konnte.
Fassen wir diesen Mann einen Augenblick näher ins Auge.
Er war von wohlgenährter, untersetzter Statur – man konnte ihn nicht mit Unrecht korpulent nennen. Er trug einen weißen, blau und rot gestreiften Rock mit großen schwarzen Hornknöpfen besetzt, dessen Schnitt den englischen Röcken glich, wie man sie häufig bei den Dandys in London sieht. Dieser Rock war so kurz, dass er kaum die Knie seines Trägers bedeckte. Die etwas nach außen gebogenen kurzen Beine waren mit einer weißen Hose aus englischem Leder bekleidet und lagen so fest an, dass man die eben nicht vorteilhafte Körperbildung ihres Inhabers deutlich wahrnehmen konnte. Ein weißes, sorgfältig gewaschenes Hemd mit einem breiten Kragen, der an dem fleischigen Hals durch ein leichtes schwarzes Tuch zusammengehalten wurde, bedeckte die breite Brust, und um die unförmigen Hüften schlang sich eine hellrote Schärpe aus feiner Wolle. Auf dem dicken, runden Schädel, der mit schwarzen, krausen Haaren bewachsen war, wie der Rücken eines europäischen Schafes, prangte ein feiner, glänzender Strohhut, den ein grünes Band zierte, das in zwei langen Zipfeln über den breiten Rücken herabflatterte. Hände und Gesicht waren schmutzig gelb und zeigten auf den ersten Blick den Mulatten an. Die Sorgfalt, mit der die saubere Kleidung gewählt und angelegt war, bildete einen stechenden Kontrast zu der plumpen Gesichtsbildung, die man mit vollem Recht hässlich nennen konnte. Die rechte Hand, derb wie die eines Holzspalters, hielt ein Bambusrohr von der Stärke eines Daumens umfasst – es schien in diesem Augenblick als Spazierstock zu dienen.
Als der Mulatte den Mann mit der Büchse erblickte, stand er plötzlich still; er musste ihn kennen, denn der Ausdruck seines Gesichtes gab deutlich kund, dass ihm die Begegnung mit dem Bewaffneten nicht angenehm war. Dieser verharrte indes in seiner Stellung; das Auge voll düsteren Ernstes haftete fast unbeweglich auf dem Punkt, den es anfangs zum Gegenstand der Beobachtung gewählt hatte – er regte sich kaum und schien so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er das, was um ihn vorging, nicht bemerkte.
Da an ein Ausweichen nicht zu denken war, denn das Dickicht rechts und links stand undurchdringlich, setzte der Mulatte, der Eile zu haben schien, nach einigen Augenblicken stiller Überlegung seinen Weg fort. Verwundert schüttelte er den dicken, runden Kopf, als er vielleicht noch zehn bis zwölf Schritte von dem Nachdenkenden entfernt war und dieser auf das Geräusch des Ankommenden noch immer nicht reagierte.
»Sonderbar«, murmelte er leise vor sich hin, »dieser große Pflanzer tritt mir jedes Mal unter die Augen, wenn ich ihn am allerwenigsten vermute. Ich wollte, der Teufel bannte ihn auf die Spitze der höchsten Zeder, dass ich vorbeigehen könnte, ohne ihm Rede stehen zu müssen – der Mensch besitzt keine Lebensart, er ist grob und ungeschlacht wie der gemeinste Neger1 auf seiner Pflanzung. Ich bedauere ihn, obgleich er der reichste Mann unseres Distrikts ist!«
Kaum war diese Betrachtung zu Ende, als der Pflanzer seinen Kopf zur Seite wandte und den Mulatten, der sich stellte, als ob er übergroße Eile hätte, erblickte, wie er eben mit einem flüchtigen Gruß an der Seite vorüberschlüpfen wollte.
»Halt, Freund Kato«, rief der Pflanzer mit einer kräftigen, tiefen Bassstimme. Woher des Wegs?«
»Von der Tabakpflanzung hinter dem Wald«, antwortete der Angeredete keuchend, »ich habe den faulen Negern andere Arbeit angewiesen!«
»Und wohin so eilig?«
»Zu meiner jungen Herrin, Miss Jenny, die mich gewiss schon mit Ungeduld erwartet.«
»So mag sie noch länger warten«, sagte der Pflanzer in einem befehlenden Ton, »bleibe!«
»Sir Jackson«, sagte der Mulatte erschrocken, »die verdammten Neger auf der Pflanzung haben mich schon über eine halbe Stunde länger aufgehalten, als ich ausbleiben wollte; ich habe, bei meiner Ehre, nicht eine Minute Zeit übrig, wenn ich mir den Zorn meiner liebenswürdigen Miss nicht zuziehen will.«
»Hast du Lust, dir meinen Zorn zuzuziehen?«, fragte der Pflanzer drohend, indem er den Ladestock seines Gewehrs zur Hälfte herauszog. »Ich denke, du kennst mich!«
»Nein, Herr, Ihre Freundschaft ist mir lieber, auf Ehre! Doch sprechen Sie nicht in diesem harten Ton, Sie sind ja ein steinreicher Mann und reiche Leute müssen stets mit einer gewissen Manier …«
»Meine Manier ist die richtige, dummer Teufel, denn ohne sie wäre ich sicher nicht geworden, was ich bin. Jetzt tritt näher und antworte auf meine Fragen«, sagte der Pflanzer in einem milderen Ton und stieß den Ladestock in den Schaft des Gewehres zurück.
Kato nahm seinen Strohhut ab, trocknete sich mit einem seidenen Taschentuch das glänzende Gesicht und trat mit der Miene eines Kindes näher, das aus Furcht vor Strafe gehorsam ist.
»Du hast Eile, Freund, dass du nach Hause kommst – sagtest du nicht so?«
»Ja, Sir Jackson«, war die Antwort des Mulatten.
»So! Und darf man den Grund wissen?«
»Den Grund, lieber Herr?«, sagte Kato lächelnd, dass zwei Reihen großer, weißer Zähne, wie künstlich aus Elfenbein gearbeitet, sichtbar wurden. »Fragen Sie lieber nach den Gründen, denn ich habe so viel zu besorgen, dass ich nicht weiß, wo ich beginnen soll.«



