Die Braut von Louisiana (Gesamtausgabe)

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An dem Wasserbecken im Hof war es noch lebendig. Mehr als ein Dutzend Neger und Negerinnen füllten dort ihre Gefäße aus Holz oder Blech mit dem klaren Wasser, eilten dann in verschiedenen Richtungen zum Park und tränkten die Blumen auf den Beeten, dass sie die müden Kelche wie erfrischte Augenlider hoben und die stille Luft mit Wohlgeruch durchzogen. Zwei alte Neger, die Aufseher des Parks und der Gärten, leiteten dieses Geschäft, denn man sah sie den Wasserträgern Befehle erteilen.
Als die Millionen Lichter des Himmels in voller Pracht erglänzten, die in dieser Region der Erde den Nächten einen unnennbaren Reiz verleihen, um die Bewohner für den drückenden Tag zu entschädigen, schritt eine weiße Frauengestalt die Stufen hinab, die aus dem Saal, wo der Pflanzer auf Katos Antwort gewartet hatte, in den Garten führten. Die Dame trug ein leichtes seidenes Kleid, das leise über den Boden rauschte, und einen langen, weißen Schleier, den Sie zweimal um Brust und Schultern geschlungen hatte, ohne das Gesicht zu verdecken, das sich lebhaft nach allen Seiten wandte, als ob es alle Düfte des erquickenden Abends, die ihm entgegenströmten, auf einmal genießen wollte. Ein junges Mädchen in einfacher, weißer Kleidung, dessen dunkles Haar in zwei langen Flechten über den Rücken herabfiel, folgte dieser Dame in kurzer Entfernung.
Der klare Sternenhimmel verbreitete so viel Licht über die feierlich schweigende Natur, dass die schimmernden Farben der hervorragenden einzelnen Blumen auf den Beeten und Gesträuchen noch deutlich zu erkennen waren; nur wo die Zweige der Zypressen über den Weg herabhingen, webten die dunklen Schatten der Nacht, denn das Blätterdach war so dicht, dass es die Aussicht auf das Firmament völlig verdeckte und die sanften Strahlen der Sterne in sich aufnahm.
Wie die Farbe der Blumen bei diesem Licht zu unterscheiden war, war es auch nicht minder die Gesichtsfarbe der beiden Frauen. Beide Gesichter waren weiß, und ein jedes hatte ein Paar Augen, die mit dem Glanz der Sterne zu wetteifern schienen. Die dunklen Haare der Ersteren wallten in Locken über die Wangen auf den weißen Schleier herab, die der Letzteren teilten sich auf der Mitte des Kopfes in einen Scheitel und fielen, wie schon gesagt, in langen Flechten über den Rücken herab.
In einer Entfernung von vielleicht fünfundzwanzig Schritten folgten noch zwei andere weibliche Gestalten, deren Kleidung und Kopfputz die dienenden Kreolinnen verrieten.
So waren die beiden Frauen schweigend durch die Gänge des duftenden Gartens geschritten und hatten bald hier, bald dort die Reize des herrlichen Blumenflors eingesogen, als die Voranschreitende sich einem leichten Baldachin näherte, der von fünf schlanken, glänzenden Säulen getragen und rings von Blumenbeeten eingeschlossen wurde. Wie ermüdet ließ sie sich auf einer darin befindlichen Ottomane nieder, löste den weißen Schleier von ihrem Hals, dass ein Teil der glänzenden Schultern sichtbar wurde, und warf sich wie ein schmollendes Kind in die weichen Kissen zurück. Rasch trat ihre Begleiterin hinzu und schob ein Polster vor die Ottomane, auf der sich die zarten Füße der Ermüdeten behaglich ausstreckten.
»Eva«, sagte die Dame mit einer zarten, lieblichen Stimme, »setze dich mir zur Seite – mir ist diesen Abend so wunderbar ums Herz, dass mich selbst der Spaziergang unter meinen Blumen nicht zu zerstreuen vermag. Den ganzen Tag sehnte ich mich nach dieser Stunde, und jetzt, wo sie gekommen ist, finde ich dennoch keine Befriedigung – ich weiß meinem Gemütszustand keinen Namen zu geben. Setze dich, wir wollen hier den Abend verträumen.«
»Mein Gott, Miss Jenny, ist das denn ein Wunder?«, antwortete die Angeredete in einem heiteren Ton, indem sie sich auf das Kissen zu den Füßen der Dame niederließ. »Wie soll einer Braut am Abend vor ihrer Verlobung anders ums Herz sein als wunderbar? Ich kenne zwar diesen Herzenszustand nicht aus eigener Erfahrung, ich kann ihn mir aber lebhaft vorstellen. Und bei Ihnen kommt nun noch das Unangenehme hinzu, dass der Bräutigam, der schon mittags eintreffen sollte, abends noch nicht da ist, um den Platz an der Seite der Braut auszufüllen und mit ihr zu kosen. Glauben Sie mir, Miss Jenny, ist dieser Platz ausgefüllt mit dem, der ihn ausfüllen soll – sie deutete auf den Platz an Jennys Seite –, so ist auch der in dem Herzchen ausgefüllt, das sich jetzt durch den prachtvollen Abend und die herrlichen Blumen nicht erheitern lassen will.«
»Glaubst du?«, fragte Jenny mit einem Seufzer und legte ihre zarte Hand auf den Kopf der knienden Eva.
»Miss Jenny«, rief Eva verwundert, »ob ich das glaube? Und in welchem Ton sagen Sie mir diese Worte? Ist denn der Zustand Ihres Herzens von der Art, dass ihn selbst die Nähe des Bräutigams nicht verbessern kann? Und den ganzen Tag, den wir von Sir Arthur plauderten und jeden Augenblick durch das Fenster in den Hof sahen, ob er noch nicht angesprengt käme, haben Sie nicht ein Wort davon gesagt? Wer weiß, was ihn abgehalten hat, zu der bestimmten Stunde einzutreffen, und ich wette, dass er Sie in seine Arme schließt, ehe Sie es denken. Entweder hat Sir Arthur Geschäfte, die ihn abhalten, oder er beabsichtigt einen Scherz damit, dass er uns warten lässt. Ich weiß genau«, fügte sie flüsternd hinzu, »dass er Sie herzlich liebt, denn es liegt ihm alles daran, dass übermorgen, dem von Ihrem seligen Vater festgesetzten Tag, die Vermählung stattfindet. Und dann sind Sie aller Sorgen enthoben: Sie brauchen sich nicht mehr um die Bewirtschaftung der ausgedehnten Plantagen und um die Zucht der widerspenstigen Neger zu kümmern – diese Last nimmt Ihnen dann der Gemahl ab.«
»Du hast recht, Eva, die armen Sklaven machen mir viel Kummer, und umso mehr, da ich weiß, dass sie mir mit Leib und Seele zugetan sind. Sinnen sie nicht ohne Unterlass auf Mittel, mir zu gefallen? Suchen Sie nicht dem geringsten meiner Wünsche, selbst meinen kleinen Launen zuvorzukommen? Seit mein guter Vater vor zwei Jahren gestorben ist, herrsche ich wie eine souveräne Königin in der ausgedehnten Besitzung, die er mir hinterlassen hat, und ich muss bekennen, mitunter ein wenig despotisch – aber stets ist das Herz da, um die Fehler des Kopfes sofort wieder zu verbessern – und nicht wahr, Eva, meine Untertanen sind meine Freunde?«
»Das kann ich verbürgen, meine teure Miss!«, rief Eva fast mit Enthusiasmus. »Jeder Ihrer Sklaven ist bereit, sich für Sie in Stücke reißen zu lassen. Sie sind aber auch stets so gut und nachsichtig mit diesen Negern gewesen, dass ihre Anhänglichkeit eine ganz natürliche Folge ist.«
»Sieh, meine Eva, dass ich diese armen Menschen nun unter die Botmäßigkeit eines Mannes stellen soll, macht mir in der Tat Kummer, und sooft ich einen von ihnen sehe, möchte ich weinen.«
»Sollte Sir Arthur tyrannisch verfahren, wie zum Beispiel unser Nachbar Jackson, den wir heute Mittag haben abweisen lassen, so sind Sie ja immer noch da, um ein mildes Wort einzulegen. Und bei Gott, Sir Arthur ist ein fein gebildeter Mann, er ist kein Jackson …«
»Eva«, rief die junge Herrin auffahrend, »sprich nicht von diesem Menschen, du weißt, dass ich eine Abneigung gegen ihn hege, die ich füglich mit dem Namen Furcht bezeichnen kann. Ich gestehe zu, dass es eine Schwäche ist, da ich zu dem Mann in keiner Beziehung stehe; aber halte es, wofür du willst, ich bin meiner so wenig mächtig, dass ich schon zittere, wenn ich seinen Namen nennen höre. Selbst als ich noch ein Kind war, floh ich erschrocken aus dem Zimmer, wenn er eintrat, um mit meinem Vater in Geschäftsangelegenheiten zu reden. Ich erinnere mich, dass meine Furcht vor dem wild aussehenden Mann so weit ging, dass er mir mit seinem schwarzen Bart und großem Hut im Traum erschien und mich weinen und zittern machte. Mit den Jahren verwandelte sich meine Furcht in Antipathie und ich war glücklich, als er mit dem Tod meines Vaters seine Besuche einstellte. Ich glaube, Eva, mein Gemütszustand ist eine Folge des Besuchs, den mir Sir Jackson diesen Mittag zudachte. Was mag er nur wollen? Ich habe ihm bei verschiedenen Gelegenheiten meine Abneigung schon so deutlich zu erkennen gegeben, dass er gewiss nicht mehr darüber in Zweifel sein kann.«
»O mein Gott«, antwortete Eva unwillig und drückte Jennys Hand fest in die ihre, »kümmern Sie sich doch nicht um diesen groben Pflanzer! Vielleicht ist er diesen Mittag gekommen, um Sie in einen Prozess zu verwickeln, denn wie ich hörte, geht er stets darauf aus, sich auf diese Weise zu bereichern; soviel er auch besitzt, so grenzenlos geizig und habsüchtig soll er dabei sein.«
»Der Mann ist mir in tiefster Seele verhasst – ich will ihn nie, nie wieder sehen! Schärfe allen meinen Domestiken ein, dass er mir nie, sooft er auch kommen mag, gemeldet werde, denn allein sein Name genügt schon, um meinen Missmut zu wecken: Er macht mich unwillkürlich zittern, wie die Ahnung vor einer unbekannten Gefahr.«
»Beruhigen Sie sich, liebe Miss, so pünktlich und genau wie dieser soll noch keiner Ihrer Befehle erfüllt worden sein, denn niemand mag den Pflanzer leiden, alles flieht ihn wie eine bösartige Schlange. Doch nun genug über diesen unangenehmen Gegenstand, wir wollen ein heiteres Gespräch beginnen, denn ein Bräutchen, und überdies ein so schönes Bräutchen wie Sie, darf den Hochzeitstag nicht durch einen Tränenschleier herannahen sehen – Herz und Auge müssen fröhlich sein, damit der Bräutigam an das Glück seiner jungen Frau und an sein eigenes glaubt.«
»Eine schwere Aufgabe«, seufzte Jenny; »ich soll den Bräutigam an ein Glück glauben machen, an dem ich selbst verzweifeln möchte!«
»O nein«, antwortete Eva rasch, »dazu haben Sie wahrlich keinen Grund.«
»Wenigstens bilde ich mir ein, dass kein Grund vorhanden ist.«
»Miss Jenny«, flüsterte Eva, und das Licht der Sterne ließ ein schalkhaftes Lächeln auf ihrem niedlichen Gesicht erkennen, »soll ich Ihnen meine Ansicht über die ganze Sache mitteilen?«
»Nun, so rede!«
»Ich glaube, Sie werden von der Eifersucht geplagt. Habe ich recht?«
»Wie man es nehmen will«, antwortete Jenny in einem gleichgültigen Ton.
»Ja, wie man es auch immerhin nehmen will, ich habe recht, und Sie haben auch recht, denn Sir Arthur ist ein schöner, liebenswürdiger Mann. Es ist eine wahre Lust, ihn zu sehen, wenn er auf seinem prächtigen Pferd die Allee herangesprengt kommt, die wir von der Terrasse unseres Hauses bis an den Wald übersehen können – mir kommt es immer vor, als ob das Tier stolz wäre, seinen schmucken, schlanken Reiter zu tragen! Nun«, fügte sie einschmeichelnd hinzu, »ist es nicht so?«
»Nicht ganz so«, antwortete die junge Braut mit einem Seufzer, und ihre Augen erglänzten heller in dem milden Sternenlicht, denn eine Träne drängte sich gewaltsam in ihnen hervor.
»Das verstehe ich nicht«, sagte die Zofe verwundert.
»Höre mich an, und du wirst mich verstehen.«
Ein Geräusch in der nahe stehenden Zypressengruppe unterbrach plötzlich die Stille des Abends.
Jenny fuhr erschrocken auf.
»Was ist das?«, rief sie leise.
Die beiden Mädchen lauschten.
»Was wird es sein?«, fragte Eva laut. »Ein Vogel flattert durch die Blätter, das ist alles.«
Und in der Tat, nach einem Augenblick wiederholte sich dasselbe Geräusch, ein mächtiger Nachtfalter schwang sich aus den rauschenden Zypressenzweigen empor und eilte mit lautem Flügelschlag über den Baldachin hin dem Wald zu.
»Da haben Sie die Erklärung, Miss!«, lachte Eva und schlug dabei ihre Hände zusammen, dass in allen Baumgruppen, die kleinen Hainen glichen, das Echo wach wurde. Dann lauschte sie einen Augenblick, als ob sie die Wirkung dieses Manövers erwartete – und sie hatte sich nicht getäuscht, denn hier und da rauschte es abermals in den Zweigen und Gesträuchen, und eine Menge Vögel verließen erschrocken ihr Versteck, das sie sich für die Nacht gesucht hatten.
»So«, sagte das muntere Zöfchen und nahm seinen Platz zu den Füßen der Gebieterin wieder ein, »jetzt werden wir vor den Nachtvögeln Ruhe haben – fahren Sie fort, ich werde hören.«
»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte Jenny, durch die Unterbrechung zerstreut.
»Bei der Eifersucht!«
»Ganz recht! Nun so höre: Schon früh hat mich mein Vater an den Gedanken gewöhnt, in Arthur den künftigen Gefährten meines Lebens zu betrachten. Sooft es Zeit und Umstände erlaubten, musste der junge Mann von Boston, wo sein Vater lebte, zu uns kommen und wochen-, selbst monatelang hier verweilen. Wir waren damals beide fast noch Kinder, und ich muss bekennen, dass ich den munteren Gespielen mit freudigem Herzen empfing und weinend von ihm schied, wenn er mich verlassen musste, um seinen Studien auf der Hochschule zu Boston nachzugehen. Als er auf längere Zeit von uns schied, um nach London zu gehen und dort bei einem Onkel seine Bildung zu vollenden, schloss ich ihn wie einen Bruder in meine Arme, weinte heiße Tränen des Schmerzes an seinem Hals und bat ihn dringend um baldige Wiederkehr. So blieb er drei Jahre aus, und als er diese Besitzung wieder betrat, war sein Vater gestorben – aber auch der meine. Wir standen beide als Waisen in der Welt. Dass nach einem Zeitraum von drei Jahren die kindliche Zärtlichkeit nicht mehr dieselbe war, kannst du dir wohl denken; Arthur war ein schöner junger Mann geworden von feinen Sitten und Manieren, und ich …«
»Sie eine schöne junge Dame«, fiel Eva der Erzählenden rasch ins Wort, »die dem schönen jungen Mann wohl gefallen musste – ich kann mir das denken! Doch weiter.«
»Doch mehr als dieser Umstand«, fuhr Jenny fort, »brachte das Testament meines guten Vaters eine Veränderung in unserer gegenseitigen Stellung hervor. Die Bestimmung, dass wir uns heiraten sollten, zog plötzlich einen Schleier über die glücklich verlebte Jugend, und die Zukunft erschien mir in einem ganz andern Licht. Arthur war nicht mehr der kindlich frohe Jugendgespiele, sondern der aufmerksame, galante Liebhaber, und ich … ich konnte mich nur mit einem sonderbar schmerzlichen Gefühl von dem Gedanken losreißen, dass ich den Jugendfreund verloren, und an den gewöhnen, dass ich einen Bräutigam in derselben Person dafür erhalten hatte. Da ich wusste, dass mein Vater stets nur mein Glück im Auge gehabt hat, vergaß ich indes bald den munteren Knaben und Arthur wurde mir endlich das durch die Gewohnheit, was er mir nach der Bestimmung des Testaments sein sollte.«
»Das heißt, Miss Jenny, Sie lieben ihn, wie man einen Bräutigam lieben muss?«
»Ich weiß es nicht; nur soviel fühle ich, dass es mich unglücklich machen würde, wenn der Wille meines Vaters nicht in Erfüllung ginge. Und darum erregt der Gedanke, ich bekenne es offen, dass Arthurs Neigung durch einen andern Gegenstand gefesselt würde, ein schmerzliches, peinigendes Gefühl in mir. Willst du dieses Gefühl nun Eifersucht nennen, so hast du recht.«
»Ja, ja, es ist Eifersucht«, rief Eva, »Eifersucht in bester Form und vollster Bedeutung! Sir Arthur verdient übrigens eine derbe Lektion, dass er durch sein Ausbleiben ein so peinigendes Gefühl in seiner Braut erweckt – übermorgen soll Hochzeit sein, und heute lässt er über Gebühr auf sich warten – er hätte seine Geschäfte wohl aufschieben können.«
»Du hast recht, Eva!«
»Doch seien Sie ohne Sorgen, denn ich bin der festen Überzeugung, dass Sie in New Orleans keine Rivalin haben, es müsste denn ein Engel zur Erde niedergestiegen sein, der durch seine himmlischen Reize die höchsten irdischen verdunkeln will – und an Wunder glaube ich nicht mehr, oder Sir Arthur müsste mit völliger Blindheit geschlagen sein. Darum verbannen Sie die Sorgen und, wenn es geht – auch die Eifersucht!«
»Ich betrachte den Willen des verstorbenen Vaters als einen Befehl des Himmels und seine Erfüllung als einen Segen, der Heil bringend auf meinem ganzen Leben ruht. Von welcher Seite her eine Vereitelung auch drohen mag – sie wird mich unglücklich machen.«
»Aber, Miss«, rief Eva, »wollen Sie vielleicht dem Erscheinen des wilden Pflanzers eine üble Vorbedeutung beilegen?«
»Eva, ich kann es nicht leugnen!«
»So müsste unserm armen Kato schon sehr viel Unglück widerfahren sein, denn er klagte mir noch heute Mittag, dass er dem ungeschlachten Nachbarn sehr oft begegnen würde, und zwar allein, mitten im Wald.«
»Genug, Eva, mir wird schauerlich zumute, wenn ich daran denke! Nun komm, wir wollen uns in den Saal zurückziehen und das Nachtmahl ohne Arthur einnehmen, denn mir scheint, er wird diesen Abend nicht mehr kommen.«
Jenny erhob sich und schlang den weißen Schleier wieder um Hals und Schultern.
Die Nachtkühle hatte sich eingestellt. Durch die Zweige und Blätter einer gigantischen Maulbeerfeige, die wie ein schwarzer Koloss in einiger Entfernung von dem Baldachin stand, den die beiden jungen Mädchen in diesem Augenblick verließen, strahlte ein dunkles Feuer, das nach und nach jeden einzelnen Zweig deutlich erkennen ließ. Es war der Mond, der in voller Pracht hinter dem Wald hervortrat und dieses großartige Schauspiel veranlasste. Die Beete und Gänge des Gartens, die von den Umrissen des riesigen Baumes nicht verdeckt wurden, lagen bereits in einem hellen Licht da, und die Fenster des nahen Wohnhauses erglänzten wie flimmernde Spiegel.
Jenny hatte sich auf den Arm der Zofe gestützt und schritt langsam, das Gesicht zu dem magisch beleuchteten Baum gerichtet, durch die breiten Wege, in denen die Schatten der Zweige sich wie graue Flecken abmalten.
Die beiden jungen Mädchen sprachen kein Wort – der schweigende, duftende Garten in dieser Beleuchtung hatte alle ihre Sinne gefesselt, und die junge Braut vergaß auf einige Augenblicke den Kummer des Herzens. Und in der Tat, die Poesie eines mondbeleuchteten Haines in Louisiana ist wohl geeignet und mächtig genug, die Mängel und Leiden der Erde vergessen zu machen.
Eva erriet den Gemütszustand ihrer Herrin, deshalb schlug sie unbemerkt einen Seitenweg ein, der nicht direkt auf das Haus zuführte – sie wollte, dass Jenny sich noch ein Weilchen ihren Illusionen überlässt.
Ein lauter Seufzer entquoll der Brust der Braut, als sie an einer Gruppe Zypressen vorübergingen, in deren Nacht ein Singvogel sein melancholisches Lied ertönen ließ. Das Mondlicht fiel in ihr zart gerötetes Gesicht, und Eva, die teilnehmend jeder Bewegung der geliebten Herrin folgte, sah deutlich, wie jedem ihrer Augen eine große Träne entrollte, zitternd auf der lieblichen Wange einen Augenblick still stand und dann in die Falten des weißen Schleiers fiel.
Auch Eva seufzte laut und hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
Jenny stand an der Schwelle, die im Leben der Jungfrau den wichtigsten Abschnitt bildet – der nächste Schritt musste über das Glück oder Unglück ihrer ganzen irdischen Laufbahn entscheiden. Die verzögerte Ankunft des Mannes, in dessen Hand sie ihr künftiges Geschick legen sollte, des Mannes, der ihrem Herzen alles ersetzen sollte, was ihm noch fehlte, um ganz glücklich zu sein, hatte zum ersten Mal dem jungen Mädchen Anlass gegeben, einen ernsten, forschenden Blick in ihr Herz zu werfen, und kalt wie der Strahl der Wintersonne erhellte er ihr Inneres. Die Tochter fand Beruhigung in dem Gefühl der Pflichterfüllung; die Jungfrau aber fand keine Empfindung, die ihr auch nur die leiseste Bürgschaft für das künftige Glück gewährte. Ihr war in dem Augenblick, als sie das klagende Lied des Vogels hörte, so beklommen um die Brust, dass sie laut in die Klagen des gefiederten Sängers hätte mit einstimmen mögen.
Eva war weit entfernt, den wahren Grund der Tränen und des Seufzers auch nur zu ahnen, denn nach ihrer Ansicht waren Arthur und Jenny füreinander geschaffen – sie liebten sich, und ein glückliches Verhältnis musste sich notwendig gestalten. Das Ausbleiben des Bräutigams suchte sie sich durch eine unerwartete Geschäftsverlängerung zu erklären.
»Miss Jenny«, sagte sie in einem erkünstelten unwilligen Ton, als sie in die Nähe des Hauses kamen, »darf ich mir eine Erlaubnis ausbitten?«
»Rede, liebe Eva, du weißt ja, dass ich dir nichts abschlagen kann. Wozu bedarfst du meiner Erlaubnis?«
»Zu einer tüchtigen Strafpredigt, die ich Sir Arthur halten will, wenn er zurückkehrt.«
»Ich glaube kaum«, antwortete Jenny, dass sie angebracht ist. Trägt er freiwillig die Schuld, mag ihn sein Herz bestrafen, und hält ihn ein wichtiges Hindernis, vielleicht ein Unglück ab, ist er nicht minder zu beklagen als ich.
In diesem Augenblick stieg Kato die Stufen der Treppe herab und kündigte an, dass das Nachtessen bereit sei. Eva begnügte sich mit der erhaltenen Antwort.
»Miss«, sagte der Mulatte mit einer tiefen Verbeugung, »befehlen Sie meine Anwesenheit bei Tisch?«
»Ich danke dir, Kato, Eva wird für die Bedienung sorgen.«
Die junge Herrin stieg die Stufen der Treppe hinan. Kato und Eva folgten.
Als sie in dem erleuchteten Saal angelangt waren, wollte Kato einige verbindliche Worte, auf die er schon seit einer halben Stunde gesonnen hatte, an die niedliche Zofe richten, und schon öffnete er den Mund, um sie so zart wie möglich zutage zu fördern – da wandte sich Jenny noch einmal zu ihm und vereitelte seine Absicht.
»Kato!«, rief sie zurück.
Der Mulatte trat näher und verbeugte sich mit edlem Anstand.
»Was befehlen Sie, Miss?«
»Der Mond steht glühend rot am Himmel, er prophezeit für morgen eine große Hitze.«
»Ganz recht, Miss Jenny, eine fürchterliche Hitze, wie wir sie diesen Sommer noch nicht gehabt haben«, bekräftigte Kato.
»So befehle ich hiermit«, fuhr Jenny fort, »dass die Sklaven morgen nicht in die Pflanzungen zur Arbeit gehen, sie sollen ruhen!«
»Wie«, rief der Mulatte bestürzt, »die Sklaven sollen morgen ruhen, wo ich sie bereits zu den verschiedenen Feldern eingeteilt habe? Nein, Miss, das geht nicht!«
»Warum?«
»Die einmal gegebenen Befehle müssen ausgeführt werden, oder mein Ansehen kommt in Gefahr. Diese Brut von schwarzen Geschöpfen hat keine Disziplin im Leibe, nur der Bambus kann bei ihnen noch die Ordnung erhalten. Himmel, was würde daraus werden, wenn ich morgen meine Befehle widerrufen müsste? Miss, hüten Sie sich, die Würde Ihres Intendanten aufs Spiel zu setzen, und obendrein noch eines weißen Intendanten«, fügte er mit einem Seitenblick auf Eva hinzu.
»Weiß«, sagte die Zofe ironisch lächelnd, »nun, wie man will!«
»Ja, Miss Eva, schneeweiß – wenigstens war ich es in meiner zarten Jugend –, aber die Sonne hat mich gebräunt. Ja, ja, ich habe alle Nuancen der braunen Farbe durchgemacht! O meine teure Miss«, wandte er sich wieder zu Jenny, »setzen Sie die Ehre des Intendanten vor den Knechten nicht herab, lassen Sie es bei meinen Befehlen bewenden!«
»Suche irgendeinen Vorwand, der dein Ansehen erhält – aber die armen Sklaven arbeiten morgen nicht, ich will es so!«
Mit diesen Worten war die junge Herrin in die Tür getreten, die zu ihrem Zimmer führte.
»Gute Nacht, Freund Kato!«, sagte Eva, indem sie an ihm vorbeiging.
»Eva, holde Eva«, seufzte der Mulatte, »Ihre Hand!«
»Wozu?«
»Um einen Kuss zur guten Nacht darauf zu drücken.«
»Macht Sie das glücklich?«
»Zum glücklichsten aller zivilisierten Weißen!«
»Hier ist sie«, sagte die Zofe lächelnd und streckte dem Mulatten ihre niedliche weiße Hand entgegen.
Kato ergriff sie mit feinem Anstand, neigte sein rundes, bebuschtes Haupt und drückte einen zarten Kuss darauf.
»Gute Nacht«, flüsterte er, und seine Augen sahen so entzückt an die Decke, dass sie nur noch wie zwei weiße Flecke in dem dunkelbraunen Gesicht erschienen.
»Gute Nacht, Herr Intendant!«, wiederholte die Zofe mit einer graziösen Verbeugung, die mehr Ironie als Artigkeit verriet. »Wenn Sir Arthur diesen Abend noch eintreffen sollte, so melden Sie es mir – verstanden?«
»Nur zu gut, reizende Eva – gute Nacht!«
Eva schlüpfte durch die Tür und folgte ihrer Herrin.
Kato holte eine Zigarre aus der Tasche, zündete sie an und trat rauchend in den Hof hinaus, den das monotone Rauschen der Fontäne erfüllte. Über eine Stunde ging er in der Allee auf und ab, dann zog er sich in sein Zimmer zurück, ohne die Ankunft Arthurs gemeldet zu haben.
4.
Arthur, den Jenny vergeblich erwartete, hielt Arabella Wort. Kaum sank die Dämmerung auf die graue Häusermasse von New Orleans herab, als auch der junge Dandy schon die Treppen zum Boudoir der Tänzerin erstieg. Er zog die Glocke. Nach zwei Minuten öffnete Sally die Tür des Vorsaales.



