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Er packt die Karte aus.
Hauchdünn, durchscheinend, fast unsichtbar verzeichnet er das Grab.
Aber dann schlägt seine Scheu um, und er zeichnet dick und kräftig nach. Auch diesen Anblick kann er nicht lange ertragen. Mit spitzen Fingern greift er zum Radiergummi und schleift das Monument, trägt es vorsichtig wieder ab, pustet die Reste vom Papier. Die zurückbleibende Druckstelle betrachtet er aus verschiedenen Winkeln, befühlt sie aus verschiedenen Richtungen und von beiden Seiten. Was, wenn man allem, das aus der Welt radiert wurde, so nachspüren könnte, wenn alles so einen doppelten Eindruck hinterließe? Das Verschwundene bliebe wahrnehmbar, selbst wenn die Vertiefungen aufgeschüttet würden, von unten bliebe es wahrnehmbar als negative Erhebung.
Es dämmert, es verfinstert sich, er treibt aufwärts in die Nacht, sein Ziel der höchste Punkt, höher als jeder Gipfel, höher noch als der Mond!
Dessen Kuppen hat er vor ein paar Wochen durchs Fernrohr gesehen, die aus schwarzen Schatten herausragenden riesigen Mondkuppen, an denen das wachsende Licht allmählich niederglitt.
Diese Nacht ist sternenlos, der Himmel hält sich bedeckt, doch die Galaxien dahinter sind nur umso deutlicher zu spüren, die Drehungen und Wirbel ihrer gewaltigen Massen, der Tanz der Materie im Rhythmus der Physik, die Welt wurde geworfen aus dem Hüftschwung des Alls!
Wense fällt hin.
Stöhnend umklammert er sein Schienbein.
Ihm ist schon klar, worüber er gestolpert ist, über den Ring der Sieburg, der Burg von Segestes, der vermutlichen, der verfluchten!
Er tastet nach seiner Tasche. Es ist nichts rausgerutscht. Er tastet nach seiner Kappe. Sie sitzt noch auf dem Kopf. Er krabbelt ein Stück und legt sich in die Mitte des Rings, krümmt sich zusammen, kugelt sich zu einem Satelliten.
Langsam beginnt er, im Orbit zu kreisen.
Im Orbit der Römer und Cherusker, Hermunduren, Angrivarier, immer schneller, bis es ihn aus der Bahn wirft. Haltlos driftet er durch den Völkerkosmos, gerät ins Sonnensystem der Maya, wo sich alles um den Gott Tonatiuh dreht, der ihn aber gleich wieder freigibt und an die Nabatäer weiterreicht, mit denen er Duschara umtanzt. Nach zwei Runden zieht es ihn zu Garamant, dem Wüstenplaneten, der grün ist dank unterirdischer Bewässerung. Dann zu Nazca, dem Planet der Langschädeligen, auf dessen Oberfläche übergroße Figuren eingeritzt sind, die berühmten Geoglyphen! Er erkennt ein Trapez, einen Affen, ein Irgendwas, und schließlich sieht ers ganz dick kommen: Der Rote Riese Han will ihn als nächstes an sich reißen, halb Asien ist schon in seinem Reigen! Doch der Weiße Zwerg Xiongnu schiebt sich dazwischen und rammt ihn so heftig, dass es ihn wieder zur Erde schleudert.
In langem Bogen stürzt er über dem Reinhardswald ab und schlägt unten, an der Weser, auf einer Seilfähre ein.
Der Fährmann kommt aus dem Häuschen, blendet ihn mit einer Taschenlampe.
»Bitte schnell, ich will zur Bahn.«
»Welche Bahn?«, fragt der Fährmann mit weiblicher Stimme. Eine Fährfrau.
»Ist da drüben nicht Bodenfelde?«
»Doch, natürlich.«
»Na also. Ich will nach Göttingen.«
Die Fährfrau schweigt und blendet ihn weiter.
»Wurde bombardiert?«, fragt er ängstlich.
»Nicht dass ich wüsste.«
Plötzlich begreift er und kramt im Portemonnaie, streckt ihr sein restliches Geld hin.
Sie nimmt es wortlos und bequemt sich an die Seilkurbel.
Die Fähre legt ab, aber ewig langsam, dümpelt dahin, es wäre ja schneller zu schwimmen!
»Darf man beim Kurbeln helfen?«
»Nein.«
Er atmet tief durch und würgt den Griff seiner Tasche.
Am gegenüberliegenden Ufer funzeln ein paar Luftschutzglühbirnen, die erahnen lassen, wie weit es noch ist. Sie erinnern ihn an das Glühen von Kassel, das er vor drei Tagen aus der Ferne beobachtet hat, die glühenden Schwaden am Horizont, schön wie Polarlichter. Aurora bellica. Er muss seine alte Stadt besuchen, muss sehen, was von ihr übrig ist.
Auf einmal rumpelt es und er verliert das Gleichgewicht, wirft fast die Tasche über Bord.
»Sie können«, sagt die Fährfrau.
Er reckt den Hals, versucht den Boden zu erkennen.
»Ich dachte, Sie hättens eilig.« Sie leuchtet ihm mit der Taschenlampe.
»Danke«, sagt er und springt an Land.
In der Bahn beginnt er einen Brief an Heddy, bemüht sich um versöhnliche Worte. Dass er einfach zu krank gewesen sei während ihres Besuchs. Dass sie sich nicht gestritten hätten, wären sie wandern gewesen. Unter der schummrigen Beleuchtung ist seine Schrift kaum lesbar.
Er kneift die Augen zu, eine Träne kullert, er spürt sie auf der Wange, ihre kühle Spur, sitzt da und spürt, wie sie langsam verdunstet. In seinem Kopf aber ist sie noch, noch zieht sich die Spur durch sein Hirn, ein kleiner, kühler Strich.
Langsam verdunstet auch der.
Shan xing wu zhe ji. Ein guter Wanderer lässt keine Spur zurück, sagt Laozi in der Fassung von Richard Wilhelm. Schon der erste deutsche Übersetzer, Victor von Strauss, hat es so verstanden, allerdings schrieb er nicht Spur, sondern Fußspurmäler, denn es sollte sich reimen: Fußspurmäler auf Rechenzähler!
Wense muss lachen.
Der Waggon schwankt, wiegt ihn hin und her, lullt ihn ein mit Grollen und Quietschen.
In ihm erklingt ein Beduinengedicht, eine Kasside des großen Imru’ al-Qais, die im Rhythmus der Kamele durch die Wüste galoppiert, mit den Stammesbrüdern in die Schlacht, wo die Köpfe fliegen, die abgesäbelten Köpfe, genauso rhythmisch.
Er murmelt die Strophen, stellt sich die arabischen Schriften vor, sucht nach einer passenden Übersetzung.
Als er in Göttingen aussteigt, grübelt er immer noch, auch als er die Haustür aufschließt und in sein Zimmer schleicht. Er setzt sich an den Schreibtisch, wo zwischen den Nachschlagewerken und den Übersetzungen verschiedener Arabisten seine eigene Nachdichtung der Kassiden liegt.
Stundenlang doktert er daran mit Bleistift herum.
Seine Schulter beginnt mal wieder zu stechen. Zur Erholung blättert er in seinen Afrikamappen, erfreut sich an den Sprichwörtern der Ewe, Sotho, Ashanti, Masai. Trotzdem zieht der Schmerz in seinen Arm, bis in die Finger. Gern würde er auf der Schreibmaschine tippen, aber das könnte die Vitzthums wecken. Wie spät ists überhaupt?
Auf dem Nachtschränkchen tickt der Wecker mit verschwommenem Ziffernblatt.
Er blinzelt und hält sich die Taschenuhr vor die Augen.
Halb fünf.
Ja wirklich.
Um sechs fährt der erste Zug nach Kassel.
Unentschlossen lässt er die Schultern kreisen.
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