Götterhämmerung & Walkürentritt

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Lothar Lehmann war glücklich. Er hatte eine Frau kennen gelernt. Er hatte schon früher einmal eine Frau kennen gelernt, aber das war sehr lange her. Eigentlich hatte er schon zweimal eine Frau kennen gelernt, wenn er es ganz genau betrachtete. Aber das mit der zweiten Frau war so lange her, dass ihm ihr Name nicht mehr einfallen wollte. ‚Ewig ist das schon her‘, sinnierte er, während ihn seine Füße automatisch in den Brettel-Fritz trugen.
Dieses alte Gasthaus hatte früher einmal den Namen ‚Zum Alten Fritz‘ gehabt. Warum die Schenke so hieß, wusste heute keiner mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Der Legende nach soll ein Preußenkönig auf seiner Reise durch den Harz einst darin genächtigt haben. Es ist aber ebenso gut möglich, dass diese Geschichte ihre Entstehung einem langen Winterabend ohne Gäste in der Gaststube verdankt. Während der Zeit der kommunistischen Diktatur hatte der Wirt die Insignien des preußischen Imperialismus selbstverständlich ausmerzen müssen, was er dadurch bewerkstelligte, dass er das Wort ‚Alten‘ mit einem großen Brett zunagelte. Fortan hieß die Kneipe bei ihren Gästen ‚Zum Brettel-Fritz‘. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Experiments hatte der Wirt das verwitterte Brett sofort wieder abgemacht, aber den Namen Brettel-Fritz wurde er nicht mehr los.
Lothar Lehmann setzte sich auf einen der Barhocker. Um diese Tageszeit war im Brettel-Fritz noch kein Betrieb, der Wirt schlief noch oder machte Einkäufe oder was ein Wirt sonst am Nachmittag um drei Uhr tut. Lothar war das Herz so voll, er musste sich jemandem mitteilen. Außer dem arbeitslosen Horst Kindler war niemand im Gastraum, den er kannte. Der saß allein an einem der Ecktische und betrachtete düster sein Bierglas. Hinter dem Tresen stand Ramona, die Aushilfskellnerin, die am Mittag den Laden aufschloss und den Nachmittag über die wenigen Gäste bediente, die nichts Besseres zu tun hatten als schon am hellerlichten Tag mit dem Trinken zu beginnen.
„Hallo Ramona, mach mir ’n Bier, ich setze mich bei Horst“, sagte Lehmann und bemerkte sofort, dass er eine falsche Präposition verwendet hatte. So etwas nervte ihn bei anderen Leuten immer furchtbar, weil Lehmann die Meinung vertrat, es ginge nichts über die exakt angewendete, deutsche Grammatik. Wieso ihm das eben passiert war, konnte er sich nicht erklären. Ramona bemerkte nichts und überprüfte demonstrativ den Glanz ihres Nagellacks im Licht der Tresenbeleuchtung. Lehmann war aufgeregt. Seltsame, ungeahnte Gefühle durchforsteten seine Magengegend, machten am Darm kehrt und fleuchten zurück zum Herzen, woher sie nach Lothar Lehmanns Verständnis auch gekommen sein mussten. ‚Oh, wie wohl ist mir am Morgen‘, wollte er singen, verwarf den Gedanken aber angesichts der vorgerückten Tageszeit als unsinnig.
„Na, Horst“, eröffnete er stattdessen freudig und laut das Gespräch. „Was macht die Kunst? Hast du wieder ein großes Projekt am Laufen?“
Lehmann konnte den Angesprochenen eigentlich nicht leiden, aber er war momentan der einzig verfügbare Bekannte im Brettel-Fritz. Er wusste auch, dass man Horst Kindler erst einmal selbst erzählen lassen musste, ehe man ihm etwas mitteilen konnte. Kindler war von sich sehr überzeugt und meinte, er könne in dieser Stadt vom Bürgermeister über den Theaterintendanten bis hin zum Sparkassendirektor alle ersetzen und würde diese Jobs hundertprozentig besser machen als die Pfeifen, die gerade tatsächlich damit beschäftigt waren. Er würde es nämlich so gut machen, dass für die ganze Welt offensichtlich würde, was er alles drauf hatte. Aber hier waren einfach alle gegen ihn, es lief eine Riesenverschwörung in diesem Kaff, in dem er vor über 44 Jahren geboren worden war. Irgendwann würde er es den ganzen angepassten und faulen Bonzen zeigen, die ihm keine Chance gaben und ständig nur Zeugnisse und Referenzen sehen wollten. Dabei hielt er sich für einen Verfolgten des stalinistisch-kommunistischen Regimes. Schon als Kind in der Schule hatten ihn diese verdammten, bolschewistischen Lehrer betrogen und ihm schlechte Zensuren gegeben. Nur weil er als einziger die Wahrheit gesagt und nicht bei den Genossen gekratzt hatte.
So oder so ähnlich erzählte Horst Kindler seine Lebensgeschichte, der Grad an Ausschmückungen war abhängig vom Alkoholpegel und der Anzahl spendabler Zuhörer. Wenn er keine Lust hatte, über sein erlittenes Ungemach zu lamentieren, brachte er sein Leben kurz und bündig auf den Punkt und benötigte dafür nicht mehr als zwei Worte: „Tolle Wurscht!“
Heute war er von diesem finalen Punkt der Kommunikationsverweigerung nur ein kurzes Stück entfernt und antwortete Lehmann: „Ach, lass mich in Ruhe, alter Sacktreter.“
Lothar schielte auf Kindlers Zettel und erkannte drei Striche. Also, so schätzte er, saß Kindler seit gut einer Stunde hier. Da hätte er die Frau ja fast sehen können, von seinem Platz am Fenster aus.
„Hast du die Frau mit dem komischen Kleid und den dicken, blonden Zöpfen auf dem Theatervorplatz gesehen?“, fragte er Kindler aufgeregt.
„Meinst du diese Ausgeflippte mit den zwei dicken, blonden Zöpfen und dem komischen Kleid?“, fragte der zurück und als Lehmann heftig mit dem Kopf nickte, sagte Horst Kindler: „Nee, die hab ich nicht gesehen.“
Er lachte laut meckernd über seinen tollen Witz, als er Lehmanns hoffnungsvolles Gesicht sich in eine enttäuschte Grimasse verwandeln sah. Lehmann hasste diesen primitiven Humor, der immer wieder bezeugte, was für ein niveauloser Einfaltspinsel dieser Kindler war. Keine Bildung, kein Benehmen, kein Esprit. Vermutlich hätte sich die geheimnisvolle Fremde mit so einem wie Kindler überhaupt nicht eingelassen und wenn Kindler sie nach der Uhrzeit gefragt hätte, dann hätte sie ihn vorsichtshalber belogen, damit er sich keine falschen Hoffnungen machte.
„Tja, mein lieber Kindler“, grinste Lehmann angestrengt. „Da hast du was verpasst.“
„Ach, verpiss dich“, brummelte Kindler, trank einen Schluck Bier und beobachtete Lehmann aus den Augenwinkeln.
„Na, nun sag schon was mit der Alten war“, ermunterte er Lehmann schließlich.
Aber Lehmann schwieg und tat so, als wäre er beleidigt. Er spielte das nicht gut, denn obwohl er so gern ein Schauspieler geworden wäre, hatte er stets ein sehr mangelhaftes Talent bewiesen. Er war ein Übertreiber, der immer gleich ins Melodramatische abrutschte und den Anschein erweckte, als wäre er eben einem Courts-Mahler-Roman entsprungen.
‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut’, musste Kindler auf einmal denken und wusste überhaupt nicht, warum. Wahrscheinlich aber, weil dieser Lehmann wieder große Oper spielte. Und als hätte der seine Gedanken gelesen, platzte Lehmann heraus: „Ich gehe jedenfalls am Mittwoch mit ihr in die Oper. Und überhaupt ist sie die interessanteste und spannendste Frau, die mir je begegnet ist.“
Kindler machte sich auf einen langen Nachmittag gefasst und wog die Chancen ab, das eine oder andere Bier spendiert zu bekommen, wenn er nur so tat, als höre er diesem dicken Spinner geduldig zu.
Unter dem Tisch träumte ein kleiner Hund von einem großen, weißen, mehrere Zentimeter langen, röhrenförmigen Teil mit Verdickungen an beiden Enden. Im Traum versuchte er sich zu erinnern, was er damit anfangen könnte. Warum er es vergraben und nach einer Woche wieder ausbuddeln würde. Es wollte ihm einfach nicht einfallen.

Das Eichhörnchen hatte sich von dem Schock erholt und schaute jetzt neugierig durch das Loch, das der Stein in den morschen Stamm geschlagen hatte. Wer hatte ihm diesen Schrecken eingejagt? Es waren Zweibeiner! So, wie sie die Alten manchmal noch beschrieben hatten. Zweibeiner, die früher hier alles umgekrempelt hatten, die Wälder abgeholzt, die Auen trockengelegt, die Wiesen mit hartem, stinkenden Zeug zugeschmiert hatten. Nun waren also zwei von denen, die seit vielen Generationen nicht mehr gesichtet worden waren, wieder da. In der letzten Zeit hatten die Erinnerungen an ihre Gräueltaten nur den Jungtieren als schreckliche Drohung bei ungebührliches Verhalten gedient. Der eine der beiden Aufrechten war riesengroß. Er hatte einen mächtigen, metallischen Kopf mit zwei Hörnern dran, aus seinem Gesicht ragten lange, gelbe Haare, die ihm bis auf die Brust reichten, die auch aus Metall war. Vom Hals her breitete sich über den ganzen Rücken ein flügelähnlicher Körperteil aus, der fast bis auf den Boden reichte. Beim kleineren der beiden, dem rote Haare aus dem Gesicht wuchsen und wallendes Kopfhaar unter dem Metall hervorquoll, reichte der weiche Körperteil wirklich bis auf den Boden. Das schien ihm nicht zu gefallen, denn mit einer Vorderpfote versuchte er es immer wieder anzuheben. Die andere Vorderpfote hielt einen großen, länglichen Gegenstand, der in der Sonne silbern glitzerte. Der große Mensch hatte ein ganz ähnliches Ding in der Pfote, aber das war noch gewaltiger, als der Stock vom Rothaarigen. Der besaß auch zwei Hinterpfoten aus dickem Fell, das aussah, als sei es ihm gar nicht selbst gewachsen. Jähes Entsetzen durchzuckte das Eichhorn, als es begriff: Die Zweibeiner hatten Vierbeiner getötet und gehäutet. Oder hatten sie die Tiere vielleicht gar nicht getötet und gleich gehäutet? Ein eiskalter Schauer ließ den Leib und vor allem den buschigen Schwanz des Nagers vibrieren. Um die Mitte ihres Körpers hatten die schauderhaften Wesen ein schlangenartiges Ding gewunden. Dort hinein hatten sie ihre schrecklichen, spitzen Totschläger gesteckt. Der obere Teil ihrer Hinterpfoten steckte in irgendetwas, was bei genauerer Betrachtung auch ein ehemaliges Tier sein konnte. Alles, was die Alten erzählt hatten, stimmte also. Bis auf den Geruch, der war anders, als das kleine Nagetier es gelernt hatte. Das kalte Grauen kletterte zum Eichhörnchen in den Baum, packte es am Hals und überredete es, sich nicht weiter um die Zweibeiner zu kümmern und stattdessen einen längeren Waldlauf im gestreckten Galopp zu unternehmen. Und zwar entgegengesetzt der Richtung, die von den Zweibeinern eingeschlagen worden war.
‚Die wollen auch nicht weiter auf der Evolutionsleiter hochklettern‘, dachte der kleine Krieger, der die Gedanken des Eichhorns belauscht hatte. Es war müßig, sich um die spirituelle Vervollkommnung der Tiere zu kümmern. Sie waren einfach nicht entwicklungsfähig oder sie stellten sich bewusst blöd. Vermutlich letzteres, das war schön bequem und man musste sich nicht für den Weltenlauf verantwortlich fühlen, dachte er und stapfte betrübt über so viel mangelndes Pflichtbewusstsein hinter dem Großen her. Sie hatten eine Lichtung erreicht und beide untersuchten den Erdboden mit ihren Schwertern nach Spuren menschlicher Siedlungen.
„Heiliger Donner aller Götter!“, brüllte der Große plötzlich. „Es ödet mich an, wie ein tumber Bauer durch den Wald zu latschen und jeden Meter baumlosen Bodens umzuwühlen wie ein wildes Schwein. Wo bei Wotan sind wir hier gelandet?“
„Ich denke mich an diese Stelle zu erinnern“, warf der Kleine beschwichtigend ein.
„Hier war die Thingstelle in früheren Zeiten, ich spüre es bis in die Knochen, dass hier die Götter angebetet wurden.“
„Bei aller Hochachtung für deinen außergewöhnlichen Spürsinn“, sagte der große Krieger sichtlich um Fassung ringend, „sag mir doch einfach, wann hier eine Thingplatz war. Dann können wir uns gemütlich ausrechnen, in welchem Jahr wir gelandet sind. Wenn wir wenigstens ein paar Spuren von Steinkreisen gefunden hätten, aber hier erinnert nichts mehr an uns und kaum etwas an das ganze Menschengeschlecht. Also Bruder, befleißige dich doch gefälligst mir zu verraten, wann und wo wir sind.“
„Wie ich dir sage, an das wo habe ich deutliche Erinnerungen. Einstens war hier ein Thing, später kamen die Slawen, noch später die Franken und Sachsen. Die Götter wissen, was noch für Horden hier durch sind, schlussendlich kamen die Christen vom anderen Rand dieser Berge und bauten in der Nähe eine Burg. Dann entstand eine Stadt, von hier aus wurden deutsche Könige berufen, sogar Kaiser. Ein gewisser Barbarossa hatte ganz in der Nähe eine Pfalz und soll der Sage nach in einem Berg liegen und schlafen“, erklärte der rothaarige Kämpfer jetzt.
„Was heißt hier der Sage nach!“, brauste der große Krieger auf und sein blonder Bart wehte im aufkommenden Lüftchen. „Wir sind hier der Mythos. Wir machen ihn und wir sind er. Wer hat diese Sage von dem schlafenden Kaiser erfunden?“
„Das ist eine lange Geschichte“, seufzte der andere abwehrend. „Gut, dann erzähl sie mir“, knarrte der Große und setzte sich auf einem Mooskissen zurecht.
„Was, jetzt? Muss das sein?“, nörgelte der Rotschopf.
„Wir haben ja sonst nichts Besseres vor“, erwiderte der große, blonde Recke. „Und verlaufen haben wir uns auch, machen wir eben eine Pause.“
„Na schön“, seufzte sein Begleiter und fing an, die ganze lange Geschichte des Stauffenkaisers zu erzählen, von seiner Jugend, seiner Heirat, seinen Feldzügen, seiner Diplomatie in Italien und anderswo und schließlich von seinem Auszug nach Jerusalem zum dritten Kreuzzug.
„Wir hatten damals große Hoffnungen in den Kaiser gesetzt“, fuhr der Erzähler fort. „Er schien uns die letzte Möglichkeit zu sein, das ganze germanische Göttergeschlecht in den Herzen der Menschen am Leben zu erhalten. Nur wenn es uns gelungen wäre, ihn vom Christentum abzubringen, dann hätte Walhalla eine Chance als Weltreligion gehabt. Unsere Sache stand auch nicht schlecht, denn der Kaiser hatte andauernden Streit mit den Vertretern der christlichen Kirche. Mehrere Päpste hätte er am liebsten auf sein langes Schwert gespießt, aber letztendlich war er doch zu festgelegt in seinem Glauben. Odin persönlich leitete damals die Operation und hatte seinen Sohn Thor ausgeschickt, den Kaiser mit dem roten Bart zu bekehren. Leider war der große Donnerer wenig erfolgreich und Friedrich I., wie der Barbarossa in Wahrheit hieß, hing nach wie vor an diesem jammervollen Gott, dessen Sohn sich kampflos ans Kreuz nageln hatte lassen. Er glaubte uns nicht und hielt uns für Scharlatane und so schlug ihm Thor schließlich einen Wettkampf auf neutralem Boden vor, nämlich im Wasser.“
„Im Wasser?“, schnappte der Zuhörer jetzt wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Der Kaiser liebte das Schwimmen. Ja, ich kann sagen, er konnte vorzüglich schwimmen. So verabredete er also mit Thor ein Wettschwimmen. Gewänne der Kaiser, so hätte Thor ihm göttliche Macht verleihen müssen und bei einem Sieg Thors wollte der Kaiser den alten Göttern wieder huldigen. Beim ersten Hahnenschrei stürzten sie aus der Burg, in der sie auf der Reise genächtigt hatten, und begaben sich zum nahe gelegenen Fluss. Thor war damals als Getreuer des Kaisers unterwegs und niemand weiter begleitete die beiden. Und sie warfen sich in die wilden Fluten des reißenden Stroms, dessen Name mir momentan entfallen ist – warte, ich komm gleich drauf … “, grübelte der Rotbärtige.
„Es ist mir sehr egal, wie diese verwunschene Brühe geheißen wird!“, fauchte sein Zuhörer.
„Na gut, wie du meinst“, beschwichtigte der kleinere Recke, „Sie hatten sich also einen bestimmten Punkt ausgemacht, den es zu erreichen galt. Wer als Erster einen rauen Felsvorsprung erklomm, der deutlich sichtbar aus dem brodelnden Fluss ragte, der sollte der Sieger sein. Odin hatte getobt, als er von dieser Wette hörte, aber da war es schon zu spät. Und es war auch nicht die befürchtete Blamage eines Göttersprosses gegenüber einem sterblichen Menschen die eintrat, sondern das Ende aller religiösen Hoffnungen. Kaiser Barbarossa erlitt einen Herzanfall und ertrank in den Wellen. Salef!“
Der Erzähler machte eine Pause und schaute den anderen triumphierend an.
„Was, Salef?“, fragte der große Kämpfer verständnislos, „Was soll das heißen?“
„Der Fluss. Er heißt Salef und liegt in Kleinasien“, memorierte jetzt der Erzähler.
„Aha“, brummte der Große, ohne sonderliche Begeisterung.
„Thor gewann das Rennen locker und zieht heute noch den rotbärtigen Kaiser mit seinem Sieg auf. Der staunte anschließend nicht schlecht, als er nach seinem Tode nicht bei seinem Wüstengott landete, sondern direkt in Walhalla, wie all die anderen germanischen Fürsten auch. Um aber die Hoffnung nicht vollends aufzugeben, dass die alten Götter eines Tages zurückkehren würden, schuf Odin den Mythos vom schlafenden Kaiser, der einstmals erwachen wird, wenn das Reich ihn braucht. Mit Reich meint Odin aber nichts anderes als Walhalla. Thor sollte diese Rolle spielen und als Barbarossa in einer Höhle liegen. Das war Odins harte Strafe für seinen albernen Schwimmwettkampf. Und deshalb sind wir wahrscheinlich auch hierher geschickt worden, um zu sehen, ob die Zeit nun reif ist.“
„Ja, nur wann sind wir hergeschickt worden?“, knurrte der blonde Riese wieder. Der rothaarige Kämpfer gewann langsam den Eindruck, dass sie sich im Kreis zu drehen begannen. Und das nicht unbedingt räumlich.

Frieda, wie sie sich nun selbst nannte, lief anfangs ziellos durch die alten Straßen der merkwürdigen Stadt und dachte über die Worte des dicken Mannes nach. Von streng geflochtenen Zöpfen hatte er gesprochen und dass ihr Kleid wie ein Nachthemd aussähe. Nun ja, es war schlicht, das stimmte, aber Nachthemd, das ging ihr entschieden zu weit. Die Frauen, die ihr begegneten, hatten nicht solche Kleider an. Einige trugen sogar zerrissene Obergewänder und andere hatten Beinkleider wie Männer an. Dann gab es noch welche, die außer einem breiten Gürtel gar nichts an den Beinen trugen. Und die Haarfrisuren waren ganz anders, das stimmte. Doch Frieda hatte auch schon Mädchen mit Zöpfen gesehen. Die waren nicht so dick wie ihre, aber immerhin. Sie suchte nach einem Marktstand, an dem sie eventuell etwas anderes zum Anziehen bekommen konnte, als ihr Blick durch ein Fenster fiel und sie mehrere Frauen sah, die auf Stühlen saßen und sich offenbar von anderen Frauen die Haare schneiden ließen. Spontan betrat sie das Haus. Im Eingangsbereich erwartete sie eine junge Frau mit hellblauen Haaren.„Hallo“, flötete sie. „Was kann ich für Sie tun?“
Frieda schaute sich nur um und schwieg, denn sie hatte keine Ahnung was diese Person für sie tun konnte.
„Waschen, fönen, legen?“, fragte die Empfangsdame jetzt erneut und lächelte Frieda an.
„Sie haben ja tolles Haar. Ist das alles echt?“, plapperte sie weiter. Frieda verstand nicht, was die junge Frau meinte und schluckte verwirrt.
„Verstehen Sie unsere Sprache nicht?“, plauderte die andere fröhlich. „Leider beherrsche ich nicht allzu viele ausländische Worte. Du juh spick inglisch?“
„Ich verstehe Sie sehr gut“, sagte Frieda. „Ich war nur in Gedanken. Empfehlen Sie mir eine andere Frisur?“
Die Haarscheniderin konnte ihr Glück kaum fassen, an dieser prächtigen Mähne herumschnipseln zu dürfen und antwortete angesichts der sehr hohen Rechnung, die sie dafür zu stellen gedachte, freudig erregt: „Ich kann Ihnen ja mal einige Varianten vorstellen.“
„Gut“, sagte Frieda und nahm vor einem der Bildschirme in einem bequemen Sessel Platz.
Zwei Stunden und vier Computeranimationen später stand ihr Entschluss fest. Sie würde sich von einem Teil ihres Haupthaares verabschieden. Nebenbei bekam sie von der geschwätzigen Haarschneiderin viele Tipps, wie sie sich anziehen könnte. Auch was eine Dame im Theater tragen sollte, wusste die redselige Frau bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Obwohl sie nach eigenen Angaben schon seit mehreren Jahren nicht mehr dort gewesen sei, kannte sie sich immer noch gut aus. Vor allem deshalb, weil sie eine Menge Kundinnen hatte, die regelmäßig die Premieren besuchten und dafür ständig auf der Suche nach neuer Garderobe und unbekannten Frisuren waren. Premieren waren Zusammenkünfte in diesem Haus, das sie hier Theater nannten, bei denen es darauf ankam, ein teureres Kleid als die Frau vom Chef ihres Mannes zu tragen und natürlich eine auffälligere Frisur. Die Frauen hüllten sich in Samt und Seide, ließen sich aufwendig frisieren und benötigten vor einem Besuch des Theaters mehr Zeit für die Pflege ihrer Fingernägel, als sie im letzten Jahr für die Erziehung ihrer Kinder aufgewendet hatten. Wenn das alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, hüllten sie sich zusätzlich in eine wohlriechende Wolke feinster Düfte und gingen ins Theater. Hier gab es drei Möglichkeiten, den Abend zu genießen. Erstens bei der Ankunft, dem rituellen Ablegen des Mantels und der ersten Präsentation der Garderobe. Zweitens in der sogenannten Pause, in der sie durch das gesamte Gebäude defilierten, sich möglichst oft vor Spiegeln drehten und an einem überteuerten Glas ‚Schampanja‘ nippten und drittens nach der Aufführung, wenn der Mantel zeremoniell wieder übergestreift wurde und man im Triumphzug das Theater verließ, um beim Italiener um die Ecke zu dinieren. Verschönern konnte dieses Erlebnis noch ein gut bekleideter, sauber rasierter Mann an der Seite dieser Frauen, aber das wäre nicht zwingend erforderlich, sagte die Haarschneiderin. Frieda dachte an Lehmann und überlegte, ob seine Begleitung ein Gewinn wäre. Sie könnte ja Geschichten erzählen, beteuerte die unablässig schwatzende Frau aus dem Frisiersalon und fing sofort an, ihre Versprechung in die Tat umzusetzen, während sie das dicke, blonde Haar unter einer Brause mit lauwarmem Wasser einweichte. Frieda war es recht, dass sie nicht viel reden musste und binnen kürzester Zeit eine unglaubliche Menge wichtigster, fraulicher Informationen erhielt. Ihre Laune besserte sich von Minute zu Minute. Allmählich machte ihr dieser Ausflug Spaß. Und bei den Göttern, das war es genau, was sie haben wollte – viel Spaß.

„Kindler, schwanke nicht so herum!“, forderte Horst Kindler sich selbst auf. Nach etlichen Stunden im Brettel-Fritz machte er sich auf den Heimweg zu seiner bestimmt schon ungeduldig wartenden Frau. Eigentlich hatte er nur am Mittag die Schuhe zum Schuster schaffen sollen. Das hatte er gemacht. Und Geld hatte er auch kaum ausgegeben. Schlimmstenfalls würde er ihr erzählen, er habe in der Kneipe Fußball geguckt. Er war stark angetrunken und allerbester Laune, denn während der diversen Gläser Bier, die der dicke Lehmann ihm spendiert hatte, war ihm eine prima Idee gekommen. Er würde seine überragenden Fähigkeiten als Hobbyfilmer dazu benutzen, ein Video der aktuellen Götterdämmerungs-Inszenierung des Stadttheaters zu drehen. Das ließe sich dann zweifellos an die Stadtverwaltung verkaufen oder ans Tourismus-Amt oder irgendwen sonst, den er überzeugen würde. Und dass er die Leute überzeugen würde, daran bestand für Horst Kindler überhaupt kein Zweifel. Schließlich wusste er mit Qualität zu begeistern, das war allgemein bekannt. Und er war in diesem Provinzkaff hier mit Sicherheit der beste Filmemacher.
Jedenfalls der beste, den er kannte.
Einen Haufen Geld würde er damit verdienen, jawohl, einen schönen Batzen rabenschwarzen Geldes, denn Kindler plante die immensen Einnahmen weder dem Finanzamt noch dem Arbeitsamt mitzuteilen. Seine finanziellen Sorgen hätten ein Ende, seine Frau brauchte nicht mehr herumzujammern und dürfte ihm das Geld für die Kneipe nicht mehr vorzählen, nur weil sie noch eine Stelle als Verkäuferin im Supermarkt hatte und er nichts.
Und dieses Weibsstück, von dem Lehmann dauernd gefaselt hatte, sollte angeblich genauso aussehen wie eine echte Walküre. Lehmann hatte sich ausgeschüttet vor Lachen und immer wieder gerufen: „Sieht aus wie eine echte Walküre und läuft hier so einfach durch die Stadt. Einfach so!“
Mehr fiel ihm nicht ein, dem Spinner. Aber ihm, Horst Kindler, war etwas eingefallen. Etwas Geniales war ihm eingefallen. Man müsste die Geschichte weiterspielen, die germanischen Götter durch die Altstadt laufen lassen und dann filmen. Eine so tolle Idee ließe sich bestimmt an RTL oder SAT1 verkaufen. Und er würde Regie führen und die Stadt käme wieder zu Ansehen und landesweiter Geltung und aller Dank gebührte ihm, Horst Kindler. Jawohl, genauso würde es sein. Und dann würden sie ihn bitten, ob er nicht Bürgermeister werden wollte. Aber er würde es nicht machen. Er würde sie erst zappeln lassen und ihnen Hoffnung machen und dann würde er sagen: „Nein, ich mache euch nicht die Drecksarbeit. Lange genug habt ihr auf mir herum getrampelt, ihr alle, ihr verschlagenen Opportunisten, Weicheier, Feiglinge. Ihr könnt mich alle mal, jawohl. Horst Kindler macht euch nicht den Dummen!“



