Die Stunde der Patinnen

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Doch Giusy setzt sich trotz Prügel und Drohungen durch. Ein Jahr später, mit neunzehn, heiratet sie und bekommt im Abstand von einem Jahr zwei Kinder, Francesco und Rita. Der ruhige und eher schwache Angelo Caleca, der vor Gericht von seiner Ehefrau als „la signora“ spricht, bringt nicht die erhoffte Erfüllung ihres Daseins. Ein Neubeginn wird das Leben als Ehefrau und Mutter nicht. Giusy bleibt eine Vitale und ihrer Herkunftsfamilie mehr denn je aufs Engste verbunden. Immer häufiger übernimmt sie die Aufgaben der Mutter, bis sie sie letztlich ganz ersetzt. Giusy verfolgt die Justizangelegenheiten der Brüder, sie hält Kontakt zu den Anwälten – oft Top-Juristen der Insel – und sie betreut ihren flüchtigen Bruder Vito. Drei Jahre wird er von der Polizei gesucht. Giusy hingegen weiß, wo er steckt. Sie trifft ihn sogar mehrmals wöchentlich in seinem jeweiligen Versteck, bringt ihm Essen, Trinken und auch Waffen, versorgt ihn mit Informationen. Sie lernt als Überbringerin von Botschaften zwischen den Clanmitgliedern den Kontakt zu halten und sorgt dafür, dass die oft verschlüsselten Nachrichten an die richtige Adresse kommen. Immer tiefer taucht sie in das operative Geschäft und die Geheimnisse des eigenen Clans ein. Zuerst werden ihr die legalen Geschäfte der Familie anvertraut – die landwirtschaftlichen Betriebe und deren Verwaltung. Gelder aus diesen Unternehmungen können ordnungsgemäß verbucht und auch angelegt werden. Doch nach den sauberen Einkünften kommen alsbald auch die illegalen Einnahmen in Giusys Hände: Schutzgelder, die Geschäftsleute und Unternehmer gezwungen sind an die Familie zu zahlen; Gelder aus Erpressungen; Schwarzgelder aus dem Bereich öffentlicher Aufträge. Kein Bau einer Straße oder Brücke, keine Errichtung einer Schule oder eines anderen öffentlichen Gebäudes, bei denen die Cosa Nostra nicht mitschneidet. Die Mafia hatte in Sizilien ein unfehlbares System aufgebaut, in dem es Politiker und Unternehmer eng an sich band. Das organisierte Verbrechen garantierte, dass alle Arbeiten reibungslos und störungsfrei ablaufen würden. Im Gegenzug fließen in die Kassen der Mafia anteilige Beträge in der Höhe von zwei bis drei Prozent der Gesamtsummen. Ein Millionengeschäft.
Viel wichtiger als die Finanzoberhoheit innerhalb des Clans ist für Giusys Aufstieg im Inneren der Cosa Nostra der Umstand, dass sie zu Versammlungen mitgenommen wird. Ihre Brüder sind bekannt als treue Vasallen des gefürchteten Totò Riina, doch das muss Tag für Tag neu bewiesen werden. Der Boss, dessen Devise es war, man müsse alle Möglichkeiten ausnutzen, um ein gestecktes Ziel zu erreichen, und dafür auch bereit sein, jegliches Hindernis zu eliminieren, verlangt absoluten Gehorsam und völlige Unterwerfung. Hatte er Zweifel an der Ergebenheit eines Mitglieds der „Ehrenwerten Gesellschaft“, scheute er nicht davor zurück, seine Killer loszuschicken. Auch die Mitgliedschaft in seinem Clan war keine Lebensversicherung. Die Lage in Sizilien ist Anfang der 1990er-Jahre wieder einmal hochexplosiv.
Giusys Brüder haben Beziehungen zu den wichtigsten Mafiosi der Insel aufgebaut und erweitern nun kontinuierlich ihren Machtbereich. 1992 zählen sie zum kleinen Kreis derer, die das Sagen haben. Dabei kommen ihnen auch äußere Umstände zu Hilfe. Nach dem aufsehenerregenden Maxiprozess von Palermo im Jahr 1986 sind etliche Ehrenmänner untergetaucht. Auch Giovanni Brusca, Totò Riinas profiliertester Killer und von ihm persönlich in die Cosa Nostra aufgenommen, ist flüchtig. Unterschlupf findet er auf dem Gebiet der Vitale. Leonardo nimmt sich persönlich seiner an, sorgt für den unauffälligen Wechsel seiner Verstecke und für seine Versorgung. Brusca, ein Analphabet, befestigt auch die 500 Kilo Sprengstoff unter der Autobahn bei Capaci, deren Zündung den Anti-Mafia-Jäger Giovanni Falcone mit seiner Frau und seinen drei Leibwächtern das Leben kostet. Bruscas Schutz sichert dem Vitale-Clan einmal mehr seine Position.
Wie nahe die Familie der cupola, der Cosa-Nostra-Spitze ist, zeigt sich in mehreren Aussagen Giusys. Eines Tages, Anfang 1992, ruft sie ihr Bruder Leonardo an. Er braucht ihre Hilfe. Sie soll Getränke und Brote besorgen und alles zu einem der Ställe der Familie in Val Guarnera bringen. Schnell müsse alles gehen, gibt Leonardo ihr mit, sehr schnell. Als sie in einiger Entfernung zum Stall ihr Auto parkt, bemerkt sie eine Gruppe Männer, die im Kreis stehen, und ein großes schwarzes Fahrzeug mit Chauffeur. Bei näherem Hinsehen entdeckt Giusy eine Figur, die sie nicht zuordnen kann: Es ist ein Bischof in vollem Ornat. Erst am Abend zu Hause erfährt sie von ihrem Bruder die wahre Identität des vermeintlichen Würdenträgers. Es war der Mafia-Boss Bernardo Provenzano. Seit den frühen 1960ern war er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Mit seiner Verkleidung wollte er die Polizei narren.

Bernardo Provenzano, Spitzname „Traktor“
Provenzano stammt wie Totò Riina aus Corleone und war lange Zeit dessen rechte Hand. Später wird er jedoch zu Riinas internem Widersacher und letztlich sein Nachfolger. Schon als junger Mann erhielt Provenzano den Spitznamen „Binnu u’ Tratturi“, „Onkel Traktor“. Und „der Traktor“ walzt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Mehr als 50 Morde werden ihm angelastet. Binnu schieße wie ein Gott, soll bereits sein damaliger Boss, Luciano Liggio, über den jungen Provenzano gesagt haben. Insgesamt 43 Jahre lebt das „Phantom von Corleone“ im Untergrund, bis er endlich am 11. April 2006 festgenommen wird. Nach Riinas Verhaftung 1993 war er der alleinige Herrscher über die Cosa Nostra.
Doch davon ist bei dem Mafia-Meeting auf dem Land bei Partinico noch nicht die Rede. Die Differenzen zwischen den beiden Superbossen werden jedoch auch das Leben des Vitale-Clans maßgeblich beeinflussen.
Eine Zeitlang ist Giusy als Fahrerin für ihren älteren Bruder tätig, der keinen Führerschein hat. Später nimmt sie aktiv an den streng geheimen Versammlungen der Mafia teil. Bei einem dieser Meetings bemerkt sie von weitem auch Totò Riina. Ein unscheinbarer Mann, erinnert sie sich, der schweigend an der Versammlung teilnimmt und nur hin und wieder mit dem Kopf nickt. Kaum zu glauben, dass dies der Drahtzieher vieler Attentate ist, die ganz Italien in Schach halten werden, darunter auch die Ermordung des Richters Giovanni Falcone.
Die erste Patin der Cosa Nostra
Die Zeit der großen Herausforderungen beginnt für Giusy jedoch 1995 – ein „Schreckensjahr“ für den Vitale-Clan. Ihr Bruder Vito wird im Februar zwar aus dem Gefängnis entlassen, doch als er von einer drohenden neuerlichen Verhaftung erfährt, schließt er sich Giovanni Brusca im Untergrund an. Drei Monate später wird Leonardo festgenommen und nach Palermo ins Gefängnis gebracht. Zuletzt landet sogar der mittlere Bruder Michele, der in Partinico bisher eine eher untergeordnete Rolle innegehabt hat, hinter Gittern. Die Führung des Clans geht einem ungeschriebenen Gesetz nach von Leonardo auf Vito über, denn er ist, wenn auch in einem Versteck lebend, der einzige sich in Freiheit befindende Bruder. Die Fäden laufen jedoch bei der 23-jährigen Schwester zusammen. In dieser Zeit arbeitet Giusy „Tag und Nacht“. Sie lernt alles, was man über das mandamento, den Herrschaftsbereich, der Vitale wissen muss und führt einen Großteil der Geschäfte bereits ganz allein. Einmal mehr will sie ihren Brüdern zeigen, dass sie ihnen ebenbürtig ist und problemlos die Führung des Clans übernehmen könnte. Und das, obwohl sie eine Frau ist! Mit Stolz nimmt sie wahr, dass sie ihre Brüder gegenüber anderen Mafia-Mitgliedern lobend erwähnen, auch wenn sie ihr gegenüber nach wie vor diktatorisch auftreten. Staatsanwältin Lia Sava bezeichnet sie als „Frau mit energischem Temperament, die wie ein Erdbeben die komplexe Welt der Cosa Nostra erschüttert“.
Immer mehr entfernt sich Giusy von ihrer eigenen Familie. Für die Kinder und vor allem für den Ehemann bleibt wenig Zeit. Sie ist für ihre Brüder jederzeit abrufbereit: für Vito, der nun meist in einem Stall nahe Partinico lebt, zwischendurch jedoch immer wieder anderswo in den Bergen Unterschlupf sucht, und für Leonardo, der im Gefängnis Ucciardone inhaftiert ist. Mehrmals pro Woche nimmt sie die vom Gesetzgeber vorgesehenen Besuchstermine wahr. Giusy fungiert als Verbindungsfrau zwischen den beiden, übermittelt verschlüsselte Botschaften und trägt ihren Teil zur Umsetzung getroffener Entscheidungen bei. Sie tritt aber auch immer häufiger mit anderen Clans in Verbindung und wacht über die territoriale Integrität des familiären Herrschaftsbereichs.
1996 steht die Familie – und damit auch Giusy – vor ganz neuen Herausforderungen. Giovanni Brusca, Vitos Vertrauter, geht der Polizei ins Netz. Nur durch einen Zufall befindet sich Vito zum Zeitpunkt der Razzia nicht im selben Haus und entgeht damit knapp der Festnahme. Der öffentliche italienische Fernsehsender RAI widmet der Verhaftung des „Superkillers“ eine Sonderausgabe seiner TV-Nachrichten. Auch Giusy verfolgt die Bilder im Fernsehen. „Der Mörder Giovanni Falcones“, „das Monster“, „der Verantwortliche für hunderte Delikte“: Die Journalisten überschlagen sich in ihren Aussagen. Bald darauf tauchen erste Gerüchte auf, die später ihre Bestätigung finden: Giovanni Brusca habe eine Zusammenarbeit mit der Polizei akzeptiert und möchte als Kronzeuge ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Für Vito wird es eng, sehr eng. Doch der Boss scheint dies geradezu als Ansporn zu verstehen, und so läuft die Familie in dieser Zeit zu ihrer kriminellen Höchstform auf. Ihr Arm reicht bis nach Palermo und Trapani, wo ein neuer Pate am Mafia-Himmel aufsteigt: Matteo Messina Denaro. Die Vitale wollen neue Allianzen schließen, um den eigenen Aufstieg abzusichern. Vito ist sogar als Nachfolger Totò Riinas im Gespräch. Zwei Jahre lang funktioniert die Familienstrategie, bis am 14. April 1998 die Polizei erneut zuschlägt. Vito wird verhaftet. Giusy protestiert lautstark, während das Polizeiauto mit quietschenden Reifen Richtung Gefängnis davonfährt.

Festnahme des Auftragskillers Giovanni Brusca 1996
Der Schock ist gewaltig. Nun ist der Clan führungslos. Zumindest offiziell.
Was also tun? Bisher kannte die Cosa Nostra in einer derartigen Situation nur zwei Auswege: Entweder ein weiteres männliches Mitglied rückt in die entstandene Lücke nach oder der Clan ist dem Untergang geweiht. Wie eine Beute auf dem Servierteller für gegnerische Familien angerichtet, deren Machthunger und Rachedurst gestillt werden wollen.
Wie aus den zahlreichen Abhöraktionen hervorgeht, findet Giusys ältester Bruder die Lösung für dieses Dilemma, und Leonardo ist keiner, der klein beigibt. In seiner Zelle fällt er die schicksalshafte Entscheidung: Der Clan bleibt bestehen, lässt er aus dem Gefängnis ausrichten. Nichts werde sich an der Macht der Vitale ändern. Leonardo setzt seine Schwester als Oberhaupt ein. Giusy ist ab nun ein echter Boss, die erste Frau an der Spitze eines Clans in der Geschichte der Cosa Nostra. Die erste Frau, die nicht nur von der eigenen Familie als Regentin, sondern auch von anderen Familien als solche anerkannt wird.
„Ich hatte die Führungsrolle inne“, erklärt Giusy später dem Staatsanwalt. „Ich habe die Cosa Nostra angeführt und ich habe jene Entscheidungen getroffen, die ich als richtig empfand.“
Giusy steht ihren Brüdern an Härte und Grausamkeit in nichts nach. Sie ist skrupellos wie sie und sie ist nun Herrin über einen willfährigen Machtapparat mit entsprechendem Waffenarsenal. Ohne Bedenken treibt sie verstärkt Schutzgelder ein und verdoppelt dadurch innerhalb kürzester Zeit die Einnahmen von rund 700 Millionen Lire auf eineinhalb Milliarden. Das erpresste Geld, das vorwiegend aus dem Bauwesen stammt, dient auch dazu, die „Geschwister im Gefängnis sowie deren Familien“ zu versorgen.
Als Boss an der Spitze des Clans entscheidet Giusy aber auch über Leben und Tod, und sie tut dies, ohne mit der Wimper zu zucken. Zutiefst überzeugt, dass alles, was der Familie schaden könnte, eliminiert gehört. Die Schmach über die Verhaftung Vitos sitzt tief. Die Verräter müssen daher gefunden und neue Vertrauensmänner angeworben werden. Hinter allem wittern die Vitale einen übermächtigen Gegner: Bernardo Provenzano, der – im Gegensatz zu seinem bereits inhaftierten Gegenspieler Totò Riina – weiterhin aus dem Untergrund seine Herrschaft ausübt. Provenzano will Partinico unterwandern, glaubt auch Giusy, und ist sich sicher, seine eingeschleusten Mittelsmänner bereits identifiziert zu haben. Besonders einer ist ihr ein Dorn im Auge: Salvatore Riina, ein Lebensmittelhändler, der zufällig wie der Ex-Boss der Bosse heißt und den Spitznamen „Mortadella“ trägt.
Als aufmüpfig beschreibt Giusy den „Gewerbetreibenden, bei ihr ums Eck“, als einen, der die Vitale im Ort „kleinredet“ und ihnen gleichzeitig die Einnahmen aus der Vergabe öffentlicher Aufträge streitig machen will. Das ist sein Todesurteil.
Am 23. April 1998 ist Giusy wieder einmal bei ihrem Bruder Leonardo zu Besuch im Gefängnis. Das Gespräch wird – wie alle anderen auch – von den Sicherheitskräften aufgezeichnet. Später wird der Staatsanwalt hervorheben, dass es vor allem Giusy war, die an diesem Tag für „Mortadellas“ Ermordung eintrat. Er sei ein Mann Provenzanos, insistiert sie. Offen bleibt am Ende nur mehr die Frage, wo und durch wen sie den Mann umbringen lassen wird.
Weitere drei von ihrem Bruder eingeforderte Mordaufträge werden vorerst aufgeschoben.
Als echter Boss hat Giusy eine rechte Hand, die ihr rund um die Uhr zur Seite steht. Michele Seidita ist ein Freund der Familie und sie kennt ihn seit ihren Kindheitstagen. Jetzt ist er Giusys einziger Vertrauter. Ein notwendiger Vertrauter, denn auch wenn sie als capomandamento, als Bezirksboss, akzeptiert ist, bleibt sie in den Augen der patriarchalisch dominierten Mafia-Welt in erster Linie eine Frau und darf an den Versammlungen nur in Begleitung eines Mannes teilnehmen. Mit Seidita plant und organisiert sie die Ermordung des „Verräters“, wählt Ort, Zeit und Waffe aus. Während am Abend des 20. Juni in der Garage des Opfers die tödlichen Schüsse fallen, befindet sich Giusy mit Mann und Kindern für alle sichtbar in einer Pizzeria, die Verwandte vor kurzem eröffnet haben. Im selben Lokal essen auch der Sohn des Mordopfers, Giuseppe, dessen Verlobte und einige Freunde. Man freut sich über das zufällige Wiedersehen, plaudert ein wenig und Giuseppe spielt mit Giusys Sohn Francesco. Dann geht jede Familie zu ihrem Tisch und gibt ihre Bestellung auf. Ein ganz normaler Abend in einer ganz normalen Pizzeria. Doch noch bevor die Pizze fertig sind, verlassen Giuseppe und seine Begleitung eilig und ohne Worte das Lokal. Der junge Mann hat einen Anruf auf seinem Mobiltelefon erhalten. Niemand beachtet den Vorfall, nur Giusy. Sie kennt als Einzige den Inhalt des Telefonats. Jemand hat Giuseppe mitgeteilt, dass sein Vater ermordet worden ist. Nach Mitternacht gibt es im Haus von Michele Seidita einen fröhlichen Umtrunk. Man stößt auf das gelungene Unternehmen an. Eine eindeutige Botschaft an den damaligen Boss der Bosse, Bernardo Provenzano: Hier regieren wir, die Vitale, und sonst niemand.
Am 25. Juni 1998 wird Giusy Vitale verhaftet. Wie besessen von ihrer Machtfülle, hat sie diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen. Als sie mit den vielen verschiedenen Abhörprotokollen konfrontiert wird, ist sie überrascht über die eigene Unvorsichtigkeit. Zu wenig verschlüsselt waren die Aussagen, zu eindeutig das aufgezeichnete Beweismaterial. Die langjährigen Ermittlungen der Polizei zeigen, dass Giusy schon bald eine außergewöhnliche Rolle innehatte, dass sie Mitwisserin vieler, auch blutiger Geheimnisse war und Kontakte zu anderen Mafia-Familien hielt. Giusy war eine Frau, die Befehle auszuführen wusste und Befehle geben konnte. Sie war Teil des berüchtigten Corleoneser Clans um Totò Riina und damit Teil eines der dunkelsten Kapitel der neueren italienischen Geschichte.
Giusy wird wegen Mafia-Zugehörigkeit zu sechs Jahren Haft verurteilt, die später auf viereinhalb Jahre reduziert werden. Doch bereits 2003 wird sie erneut verhaftet und angeklagt. Diesmal muss sie sich wegen des Mordes an „Mortadella“ verantworten. Die junge Frau, die ihre Haft absaß, ohne jemals Zeichen der „Schwäche“ zu zeigen, bekommt erstmals Angst, lebenslang hinter Gittern zu bleiben und ihre Kinder nie mehr wiederzusehen. Im Februar 2005, sieben Jahre nach ihrer ersten Verhaftung, beschließt Giusy Vitale nach langem inneren Kampf, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Als erste Patin packt sie aus und erzählt aus ihrem Leben als Mafiosa. Sie gibt Einblick in die sonst verschlossene Welt der Bosse, deckt Verbindungen zu Politik und Wirtschaft auf, klagt eine nur allzu nachsichtige, weil korrupte Verwaltung an. Giusy löst mit ihren Aussagen, die tausende Seiten füllen, ein regelrechtes Erdbeben aus. Mit derselben Radikalität, mit der sie sich vorher in den Dienst der Mafia gestellt hat, tritt sie nun gegen das organisierte Verbrechen und ihre eigene Familie auf. Die Reaktion der Brüder lässt nicht auf sich warten. Während einer Verhandlung am Schwurgericht in Palermo wird Leonardo Vitale, der sich in einem Gefängnis in Parma befindet, zugeschaltet. Von dort richtet er den Bannstrahl gegen die abtrünnige Schwester: „Ich habe gehört, eine Ex-Blutsverwandte von mir arbeitet jetzt mit der Polizei zusammen. Wir sagen uns von ihr los, ob lebendig oder tot, was sie hoffentlich bald sein wird … Sie ist ein giftiges Insekt!“
Doch Giusy lässt sich nicht beirren. Sie geht ihren eingeschlagenen Weg weiter und bricht weiter Tabus. Diesmal auf der anderen Seite. Der richtigen, wie sie jetzt sagt. Wie eine sprudelnde Quelle gibt sie immer mehr Details preis. Sie erzählt von der Verlogenheit der „Ehrenwerten Gesellschaft“, ihrer Scheinheiligkeit und den nur nach außen gelebten familiären Werten. Sie spricht von den Abenteuern ihres verheirateten Bruders und von ihren eigenen Liebhabern, mit denen sie ihren Mann betrogen hat. Vom geringen Wert des menschlichen Lebens, wenn man auf der falschen Seite steht. Es ist ein Befreiungsschlag, den Giusy Vitale versucht. „Ich habe dreißig Jahre wie im Mittelalter gelebt“, sagt sie eines Tages, „damit muss Schluss sein. Ich will ganz neu anfangen.“
Letztlich – sagt sie – war dann doch alles ganz einfach. Es war eine einfache Frage ihres Kindes, die alles ins Rollen gebracht hat: „Mama, was ist das: die Mafia?“
Giusy Vitale wird der erste weibliche Boss, der sich ins Zeugenschutzprogramm aufnehmen lässt.


Auch sie hat drei Brüder. Auch sie ist die Jüngste in der Geschwisterreihe: Nunzia Graviano, von der Familie liebevoll „a Picciridda“, „die Kleine“, genannt. Doch das Nesthäkchen ist kein verträumtes und verzärteltes Mädchen. Sie wächst fest verankert im Wertekodex der Mafia auf und übernimmt, als ihre Brüder im Gefängnis landen, eine Schlüsselfunktion im Clan. Nunzia wacht über die „Graviano-Holding“. Sie ist die Finanzexpertin des Clans und entwickelt sich in vielen Bereichen zum „Alter Ego“ ihrer mächtigen Geschwister. „Ich war mir ziemlich sicher, dass sie der Boss war. Ich hatte zumindest diesen Eindruck“, sagt später Giorgio Puma, ein bekannter und angesehener Steuerberater aus Palermo, während seiner Vernehmung aus. Puma, der auch beste Beziehungen zu den Justizbehörden hatte, für die er immer wieder als Konsulent tätig war, arbeitete für die Familie Graviano. Seine erste Ansprechperson in wirtschaftlichen Fragen war Nunzia, und es war ein Kontakt auf Augenhöhe mit einer fachlich bestens informierten Frau. Nunzia zeigt stellvertretend auf, dass sich die Mafia der 1990er-Jahre verändert hat. Sie ist nicht mehr von coppola und lupara – also von der typisch sizilianischen Mütze und der berüchtigten abgesägten Flinte – geprägt, die auch in unzähligen Hollywood-Filmen als Symbole Verwendung finden. Nein, sie dringt vielmehr in den Börsen- und Finanzbereich ein – was aber nicht bedeutet, dass die Clans deshalb weniger grausam agieren. Nur die Prioritäten haben sich verändert.
Wie Giusy Vitale ist auch Nunzia aus dem Stoff, aus dem Bosse gemacht werden. Doch anders als die junge Frau aus Partinico, die einem Mafia-Clan aus den ländlichen Gebieten angehört, stammt Nunzia aus Palermo und gehört der städtischen Cosa Nostra an. Ihre Heimat ist nicht die Kleinstadt mit ihren vorgelagerten Ställen und Feldern. Sie ist ein Mitglied der sogenannten Mafia-Bourgeoisie, die sich durch sicheres Auftreten und eine ausgeprägte Vorliebe für Luxus auszeichnet.
Nunzia Graviano wird 1968 in eine der tonangebenden Mafia-Familien der sizilianischen Hauptstadt hineingeboren. Mit vierzehn Jahren verliert sie ihren Vater. Michele Graviano hatte sich mit den Corleonesern verbündet und wurde dafür im Zweiten Mafia-Krieg von der gegnerischen palermitanischen Fraktion im Rahmen eines Rachefeldzuges ermordet. Acht Jahre später wird die Familie für diesen Verlust entschädigt und ihre Treue zu Totò Riina belohnt. Nunzias Brüder, der damals 29-jährige Filippo und der 27-jährige Giuseppe, treten die Nachfolge des inhaftierten Clanchefs Giuseppe Lucchese an. Filippo und Giuseppe werden somit formal die Herren über Brancaccio-Ciaculli, ein Industrie- und Wohnviertel in Palermo. Hier, wo um das Jahr 1000 ein arabischer Emir seine blühende Residenz erbaute und später die normannischen Eroberer einen riesigen künstlichen See anlegen ließen, herrschen nun die Gravianos. Und damit Gewalt und Verbrechen.
Als im Jänner 1993 der Superboss Totò Riina nach über zwei Jahrzehnten mitten in Palermo endlich festgenommen wird, ist das eine der wichtigsten Herausforderungen in der kriminellen Karriere des Brüderpaares. Es geht um die Zukunft der Cosa Nostra. Gemeinsam mit den bedeutendsten Bossen der Insel – wie Matteo Messina Denaro und Giovanni Brusca – nehmen Giuseppe und Filippo an einem eilig einberufenen Mafia-Gipfel nahe Bagheria teil. Dort beraten sie, wie die Cosa Nostra auf die Festnahme des capo dei capi reagieren soll. Die Antwort ist schnell gefunden und die Strategie der kommenden Monate ebenso: Die Mafia wird den Staat erneut herausfordern. Und sie wird dies wieder mit Bomben tun. Nicht mit einem einzelnen Attentat, sondern gleich mit einer Bombenserie. Nach den tödlichen Attacken auf Richter Giovanni Falcone und – nur 57 Tage danach – auf seinen Mitstreiter Paolo Borsellino will die Cosa Nostra mit aller Härte zeigen, dass sie in der Lage ist, den Staat Italien in die Knie zu zwingen. Sie will dies umso mehr, da die Ermordung der beiden auch außerhalb Italiens bekannten Juristen zum ersten Mal eine Welle der Empörung in Sizilien selbst ausgelöst hatte und die Behörden in Rom endlich reagierten: Tausende Soldaten wurden auf die Insel geschickt, wie in eine abtrünnige, aus dem eigenen Machtbereich entglittene Provinz. Doch von dort kommt eine erneute Kampfansage. Mit ihrer neuen Strategie zielt die Mafia nicht nur auf Menschen, sondern in erster Linie auf Kulturdenkmäler ab. Richter und Staatsanwälte können ersetzt werden, zitiert der vormalige oberste Anti-Mafia-Staatsanwalt Pietro Grasso aus Abhörprotokollen, weltberühmte Monumente nicht. Dass dabei auch unschuldige Menschen ums Leben kommen können, wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist vielmehr beabsichtigt. Es verstärkt die Wirkung. Die Mafia kennt keine Gnade.
In Italien herrscht Anfang der 1990er-Jahre ein gefährliches Machtvakuum. 1992 wird Mario Chiesa, Leiter eines Altenheimes und Mitglied der Sozialistischen Partei, in Mailand erwischt, als er eine Schmiergeldzahlung in der Höhe von sieben Millionen Lire annimmt. Der Skandal weitet sich wie ein Lauffeuer innerhalb kürzester Zeit in ganz Italien aus. Die Mani pulite, also „Saubere Hände“ genannten Ermittlungen decken ein riesiges System aus Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung auf. Tangentopoli taufen die Italiener diesen Skandal, der die Grundfesten des Staates erschüttert und das Ende altgedienter Parteien wie der Democrazia Cristiana und der Sozialistischen Partei bedeutet. Wie ein Erdbeben erschüttern die Ereignisse Italien. Die Erste Republik bricht zusammen. Allerorts herrscht Chaos. Mitten darin aber zieht die Mafia – und mit ihr die Familie Graviano – ihre Fäden. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod.



