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ganzheit integrität
bisher
produkt der umstände
wird
eigenleistung des organismus
durch abgrenzung eigene relevanzkreise ausgewählter dinge
nach-metaphysische ?
oder
anders-metaphysische zivilisation ?
ethik-umstellung
von
phantasmatisch-universal-friedlich-koexistenz
auf
antagonistisch-interessenwahrung-endliche einheiten
mißtrauenslernen verfärbt den sinn von rationalität
lehrjahre der nicht-hingabe
apriori-informationen werden kanpp
explizite setzung zeitgemäß
optionen ersetzen selbstveständlichkeiten
identität als prothese im unsicheren gelände
einzig „gesundheit“ unentäußerbar
nun „meine“ wankelmütige sicherheit
identität-durch-gesundheit fragil-fragwürdig
jene fein eingestellte labile struktur
biochemisch seit 100 Jahren das „immunsysteme“
biosystemische integrität profunde unwahscheinlichkeit
im körper okkulte kämpfe zwischen erreger und „antikörper“
die verantwortlichen des gesundheitsstatus
unser somatische selbst ein belagertes terrain verteidigt
von körpereigenen grenztruppen
mit wechselndem erfolg: so formuliert es die medizinische falkenfraktion
die taubenfraktion beschreibt das selbst und das fremde
als ineinander verschränkt allzu primitive abgrenzungsstrategien
sind eher kontraproduktiv zu gründliche erfolge
mutieren zu krankheitsgründen eigenen typs
die gefährlich tendenz des eigenen
sich im kampf gegen das andere zu tode zu siegen
jetzt meldet sich der mentale immunstatus:
die aufgeklärte gesellschaft weiß jetzt nicht nur was sie weiß
sonder braucht eine meinung wie sie damit leben will
es zeigt sich den modernen:
fortschritt im wissenkönnen bringt nicht automatisch Immunvorteile
wissen ist nicht einfachhin macht
dem wissenden wird klar was er am nichtwissen hatte
glauben - etwa
ein haltungswechsel
von schwächendem wissen zu stärkendem nichtwissen
in verbindung mit einer wohltuenden illusion
geborgenheit in naivität
der alarm-gesellschaft läuten die glocken 24/7
auf dauer kann bewußtsein nur ein oder zwei alarme bearbeiten
dann kommt die funktionale naivität
nicht alles kann bedacht werden was bedacht werden müsste
potentielles alarmwissen erlaubt sekundäre sorglosigkeit
eine formale stütze.
nietzsche stieß auf ein mentalen abwehrsystems:
dem operativen unbewußten
„ Die Kraft des Geistes, Fremdes sich anzueigenen,
offenbart sich in einem starken Hang,
das Neue dem Alten anzuähnlichen,
das Manigfaltige zu vereinfachen,
das gänzlich Widersprechende
zu übersehen und wegzustossen...
Diesem selben Willen
dient ein plötzlich herausbrechender Entschluss
zur Unwissenheit, zur willkürlichn Abschließung,
ein Zumachen seiner Fenster,
ein inneres Nein-Sagen
zu diesem oder jenem Dinge,
ein Nicht-heran-kommen-lassen,
eine Art Vertheidigungs-Zustand
gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit
mit dem Dunkel,mit dem abschließenden Horizont,
ein Ja-sagen und Gutheissen der Unwissenheit...“
(Jenseits von Gut und Böse)
wo liebe zur weisheit war soll einsicht in die abstoßenden
nicht-integrierbaren eigenschaften zahlreicher
wahrer vorstellungen werden
in aufklärung müssen autoimmunitären paradoxien
des wissens mitgewußt werden ebenso die kosten
für idealistische aufschwünge
selbstwiderspruch und selbstschädigung gehören
zu den prämissen des erkenntnisfortschritts
der hinreichend vor sich gewarnte
gegen eigene bedürfnisse abgehärtete
erkennende
der den einflüsterungen
bornierter vitalvernunft widersteht
zwischenbetrachtung:
licht-zwang vorstoß zur artikulierten welt
making the immune systems explicit
das 20 jhrdt.eine baustelle
voller sicherheitsarrangements der existenz
förmlich gesicherte institutionen
disziplinen und routinen
für deren bewältigung rhetorische formeln:
technik segen und fluch
technikfurcht und technikhoffnung
nutzen und nachteil der entzauberten welt
unruhe und geborgenheit
gewalt gegen reales und mentales
kapitalismus heißt offene grenzen für zuzug von mechanischen
naturgeschichtlichen wissenschaftlichen einwanderern
aus unerfundenheit in erfundenheit
aus unentdecktheit in entdecktheit
zivilisation
lauter nicht-menschliche einquartierungen von
innovationen – elektrizität mikroben kunststoffe etc.-
jede invasion verstellt die gemeinsame welt
der antrieb: sozialer fortschritt
imitative wellen greifen auf lebenswelten über
nachahmungswellen schaffen kollektivverhältnisse
auch für aggresive mitbewohner
im „haus des seins“ ist platz auch für sie
die gesamte ökologie der europäischen zivilisation
durcheinandergeworfen
verändert form und richtung der
ereignisströme und handlungsroutinen
unterschiede die einen wirklichen
unterschied machen
nicht ontologie vom seienden als bestand
sondern ontologie als ereignisse
wo waren die expliziten dinge bevor sie offensichtlich wurden
die Menschen selbst – bisher ausgesetzt in die „natur“
nun bis in intimste dispositionen „zöglinge der luft“
geschöpfe von treibhauseffekte
mit neuen bewohnern
technische objekte
animalische symbionten
alle vollwertige mitglieder
forschung als systematisches wegarbeiten
von unenthültem
heimliche hauptereignisse des 20. jhrdts:
instrumentalisierte kernkraft
aufgedeckte immunsysteme
entschlüsselte gnom und
offengelegte gehirn
die zivilisation ist mit dem monströsen konfrontiert
Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen:
„ Daß uns all die Zeit nicht glühend heiß war, von den Möglichkeiten, die wir nicht ahnten, welch ein Segen.
...Das Kleinste hat gesiegt...Der Weg zur Atombombe ist ein philosophischer...
(Elias Canetti: Die Provinz des Menschen, 1976)
Ende des Exkurses
wo also waren die immunsysteme vor ihrer „entdeckung“?
bio-systemischen immunität wirft einen langen schatten:
menschlich relevante integritätsvorstellungen eine fülle von „vorschlägen“
wie kämpfe um verletzte ganzheiten ordnungszustände
konzeptuell operativ rituell in form zu bringen sind
nicht grund- und bodenherrrschaften
müssen gesichert werden müssen
sondern animations- und kraftgemeinschaften
die sich offenbar aus einem kernbereich
einer verletzbaren peripherie zusammensetzen
vormetaphysische weltauslegung
ein guerilla-ontologisches konzept
welt als angriff und verteidigung
wirklichkeit ein patchwork aus mikrodramen
in den kriegslisten der kraftherde
das unformulierte konzept immunität
eingefaltet ins aufmerken
auf die kampfestüchtigkeit einer kraft
zelebrierte in zauberwett-bewerben sängerkriegen
metaphysische weltbilder
verlagern immunsystemvorgänge
vor zweieinhalbtausend jahren
aus den kombattanten kraftherden
in das erlebte innen das als psyche neu beschrieben wird
„seele“ umschreibt den motivwandel
bei der auslegung der inneren verteidigungs- und behauptungskräfte
jetzt werden die immanenten formkonstanten
die seelen im grenzkrieg mit nebenseelen
und nichtseelischem stärken
psyche
der folgenreichste vorschlag
für die latenzform -verborgenheit- von immunität
metaphysisch eine umstellung von abwehrkraft
auf formbewahrung
folglich heißt das erste attribut von seele „unsterblich“
auch „unverformbar“ „korrosionsbeständig“
eine innere stabilitätsprämie für homo metaphysikus
gegen existenzrisiken seines weltzustandes
das also ist d i e immunleistung der psychischen form:
unsterblichkeit
sie verhilft individuen zur überlegenheit über
bindungs-schauplätze
wahrheit (aletheia) ist immunitas
= höchstes gut
wahrheiten entdecken
unangreifbarkeit des lebens erfassen
wahrheit bleibt wahr
wissende werden anteilnehmer
an ihre transzendente stabilität
nur ein gott kann wissen wie rettung (immunisierung)
aller dinge (in der Welt) zu denken wäre
optimistisch die annahme
dass es ein solch übergreifendes gebe
die umstellung von
verteidigungskraft auf formsicherheit
schaft den archetypus des weisen und gerechten
der dank seelischer formerfüllung
ins immunitäre optimum gelangt
immunität
soziale unangegriffenheit
unbeflecktheit durch verbrechen
ein Weltalter lang ausgesprochen
der weise erfreut sich waffenlosen seinkönnen
aus reiner übereinstimmung
mit den formmitgiften der seele
integrität meint jetzt formerfüllung
römisches recht gewährte ein leben
im schutz der förmlichkeiten
eines entfalteten prozesswesens
radikalstes erstrebt weltseele
geistigen verteidigung und abwehr von
sinn- und formverlusten auf höchster stufe
der vollkommen runde weltkörper wird durch
weltseele überboten
von der es heißt sie die weltkörpermitte
durchdringe das all umkleide den weltkörper
folglich nicht seele im körper sondern körper in seele
platons weltseele das perfekte immunsystem
es absorbiert selbigkeit und andersheit ohne rest
was ihr „begegnet“ ist in gewisser weise vorgewußt
ihre immunleistung:
jeder information jeder invasion
jedem trauma voraus zu sein
weil sie von außen nichts erleiden kann
was in sie eindringen wollte
-von welchem außen kommend?-
ist bereist in ihr enthalten
sie benötigt kein lernen nur erinnerung
das geheimnis der metaphysik:
gleichsetzung der formen
mit der essenz des lebens
das empirirche leben
unter den schutz eines höheren lebens
in wahrheit jedoch dem toten
oder geistigen unterordnete
genauer dem was nicht sterben kann
weil es nie gelebt hat
dem reich der zahlen,
der proportionen, der ideen,
der reinen formen
der tödlichen simplifikationen?
das metaphysisch codierte konzept seele
das erste umfassende antibiotikum und analgetikum.
seine stärke die populärsten
wie die subtilsten interpretationen
zuzulassen
der trost der philosophie
die immunwirkungen solcher
formbetrachtungen
die einzelnen
aufgefordert ihren eigensinn zu opfern
sich dem walten eines gesamtplans
zu unterwerfen
sie will die einzelnen nicht langlebig sondern leichsterbig machen
das konzept wirbt für die aufhebung des kleinen im großen
mit sinn- und wärme-versprechen
erst der tiefe einschnitt des ersten weltkriegs bewirkt vollendet
die katastrophe des neu-europäisch
rezipierten weltseelegedankens
die europäische neuzeit
eine über-innovierte und deregulierte zivilisation
in der die kulturen des weltseeleglaubens
und progressive mechanistik
als ständige gegenseitige irritationen
in antagonistischen verschränkungen
ineinander existieren
die entdeckung der immunsysteme
ihre eingemeindung in die ökologie
des wissens der modernen „gesellschaft“
setzen die ablösung des klassischen holismus
durch eine organismus-und-umwelt-betrachtung
voraus
in der neuen denkform ließen sich
metaphysischen hingabezumutungen
poetische umarmungsbereitschaft
gegenüber dem all als angelegenheiten
privater stimmungen beiseite stellen
die wiener psychoanalyse übernahm ihre rolle
in diesem übergang von weltseele
zur selbstabgrenzung des einzelnen
mit der verdrängung des traumas und
den abwehmechanismen
war sie zu einem semi-immunologischen
standpunkt vorgestoßen
seit die immunstrukturen sich hinreichend entfalten
stehen mittel bereit die moderne „gesellschaften“
als vielheiten von immunraum-Produktionen zu beschreiben
- oder als schäume-
wir wollten, als bürger neuzeitlicher vernunftkulturen
noch Seelen sein und haben uns als benutzer
von Immunsystemen expliziert;
wir wollten an den unverwundbarkeitsgarantien
der form aller formen teilhaben und haben
uns als nervensystem bloßgestellt;
wir wollten uns im ganzen verankern und
haben uns in die vielheiten der systeme
mit ihren spezifischen umwelten zerstreut
wie wäre zu denken
wenn wir den rettbaren rest
des vormals metaphysisch
codierten verlangens nach
offenheit, kommunikation und
all-zusammenhang sichern wollen?
programm
was vor uns liegt
die menschlichen eigenraum-vielheiten
als form-prozesse zu kennzeichnen
bei denen abwehr und erfindung ineinander übergehen
gewissermaßen als sprechende schäume
als über sich hinaus träumende immunsysteme
menschliche haushalte als zellen im sozialen schaum
machen von defensiven vorrichtungen
und vielfältigen expansionsmechanismen
regen gebrauch:
von der einrichung eines wohnbehälters
knüpfung eines sozialen verkehrsnetzes
benutzerdefinierte weltbild-dichtung:
immunität mit offensiven zügen
selbstverteidigung durch kreativität
menschliche dauerarbeiten
an den eigenen lebenssphären
erzeugen die vielheiten aus blasen oder haushalten
deren staplungseffekt wir schaum nennen
durch diesen begriff von immunstrukturen wird die brücke
zwischen körpereigenen abwehrmechanismen
zum endo(binnen)atmosphärisch geschützten raums
dann zu kulturen als selbstklimatisierenden
und potentiell sebstvergiftenden lebensform-einheiten
begehbar
schaum eine metapher für theorieauffällige vielheiten
benachbart ineinandergeschoben übereinander-getürmen
lebensräumliche immunitätsimprovisationen:
moderner individualismus
das starke merkmal individualistischer lebensformen:
raumbildungen inmitten eines weltzustandes
versuchen zu müssen
der seiner extremen bewegtheit wegen
zur ständigen überforderung
angeborener wie erworbener immunstrukturen führt
nie zuvor war die aufrechterhaltung
der selbstaffirmation von so vielen zusatzleistungen
über das defensive niveau hinaus abhängig
deshalb der sinn von kreativität:
sorget nicht um die kreativität des nächsten tages
genug daß jeder tag seinen eigenen aufschwung habe
schaum erfaßt das alles im bild
nicht die gedrängte zerbrechliche nachbarschaft
auch die notwendige schließung jeder zelle in sich selbst
obwohl sie nur als benutzer gemeinsamer trenninstallationen existieren können nachbarschaft und getrenntheit -ko-isolation- ein sachverhalt ohne den groß“gesellschaften“ unverständlich bleiben
schäumen kehrt eigenvolumen
der kommunizierenden einheiten hervor
die relative eigengesetzlichkeit von sinnproduktionen
und ihre abkoppelung von sozialen funktionen
ohne das auseinanderfallen von gesellschaftsstruktur
und semantik keine freiheitserfahrungen
die funktion des dysfunktionalen:
spielraum fürs individuelle zu eröffnen
nachahmung ist eine fernzeugung (Gabriel Tarde)
„nachbarn“ heißen jetzt die anwender analoger immunisierungsstrategien
gleicher kreativitätsmuster verwandter überlebenskünste
das ergibt eine betriebswirtschaftslehre für zivilisationstreibhäuser:
eine atmosphärenethik
das gute gilt als das atembare; sie dürfte auch seifenblasenethik heißen
ihr merkmal:
das zerbrechliste als ausgangspunkt der verantwortung
rechnet personen und kulturen die atmosphärische wirkungungen
ihres handelns zu;
hebt die klimaproduktion als zivilisatorischen kernprozess hervor
Einleitung Luftbeben
Was hat uns das 20. Jhdt neben seinen inkommensurablen Leistungen in den Künsten eingebracht?
1. Die Praxis des Terrorismus
2. Das Konzept des Produktdesigns
3. Den Umweltgedanken
Durch das erste wurde die Interaktion zwischen Feinden auf postmilitärische Grundlagen gestellt;
durch das zweite gelang dem Funktionalismus der Wiederanschluss an die Wahrnehmungswelt;
durch das dritte wurden Lebens- und Erkenntnisphänomene in einer bisher nicht bekannten Tiefe aneinandergeknüpft.
Alle drei zusammen markieren die Beschleunigung der Explikation – der aufgedeckten Einbeziehung von Latenzen oder Hintergrundgegebenheiten in manifeste Operationen.
1. Der Gaskrieg – oder: Das atmoterroristische Muster
Wann und womit hat es begonnen? Exakt am 22. April 1915 um 18.00 Uhr mit dem ersten Großeinsatz von Chlorgasen als Kampfmittel der deutschen West-Armee gegen französisch-kanadische Infanteriestellungen.
Es wird das Zeitalter dessen entscheidender Gedanke darin bestand, nicht mehr auf den Körper eines Feindes, sondern auf dessen Umwelt zu zielen. Dies ist der Grundgedanke des Terrors im expliziteren und zeitgemäßeren Sinn. Shakespeare lässt Shylock im Kaufmann von Venedig sagen: „Ihr nehmt mir mein Leben wenn ihr mir die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.“
Unter den Mitteln sind neben den ökonomischen heute auch die ökologischen und psychosozialen Bedingungen menschlicher Existenz in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit gerückt: von der Umwelt des Feindes her den Entzug seiner Lebensvoraussetzungen zu betreiben. Dieser „neue“, umwelttheoretisch modernisierte Terror unterscheidet sich von allen anderen Varianten (Bomben -anschlägen, Diktatorenterror, Desperardoterror) darin, dass der „neue“ Terrorist seine Opfer besser versteht, als sie sich selber verstehen.
Man liquidiert seinen Gegner, indem man ihn hinreichend lange in ein unlebbares Milieu taucht.
Hieraus entsteht der chemische Krieg, der Gaskrieg als Angriff auf die umwelt-abhängigen Vitalfunktionen des Feindes, namentlich Atmung, zentralnervöse Regulierungen und lebbare Temperatur- und Strahlungsverhältnisse durch Attentate auf die umweltlichen Lebensvoraussetzungen des Feindes. Auch wenn „gestandene“ Soldaten darin eine entwürdigende Degeneration der Kriegsführung sahen. Die konnten nun im klassischen Sinne keine „Treffer“ mehr verbuchen, weil das Ziel die „Atmosphäre“ -hier die Luftumgebung- des Feindes wurde. Es entsteht die „hinreichende Genauigkeit“, d. h. Nahe genug am Feind.
Im Gefolge der ersten Erfahrungen mit dieser Art Kriegsführung schoss eine Militärklimatologie aus dem Boden. Bei den ersten Versuchen verflüchtigte sich z. B. das verwendete tödliche Gemisch zu schnell. Giftwolkenkunde ist die erste Wissenschaft mit der das 20. Jhdt. seine Identitätsurkunde übergibt.
Die blitzartige Entwicklung von Militär-Atemschutzgeräte verriet die Anpassung der Truppen an die Lage. Ebenso liegt hier ein erster Schritt zum Prinzip Klimaanlage.
Darauf hin entwickelten deutsche Chemiker das Gas „Blaukreuz“ das die Masken durchdrang. Gleichzeitig führten deutsche Truppen ein Kampfgas „Gelbkreuz“ ein, das bereits in geringen Mengen und bei Hautkontakt oder Berührungen mit Schleimhäuten und Atemwegen schwere Beschädigungen des Organismus –Erblindungen, katastrophale nervöse Dysfunktionen- hervorrief. Zu den bekannteren Opfern gehörte Adolf Hitler.
Im Gaskrieg werden tiefste Schichten der biologischen Kondition von Menschen in die Attacke auf sie einbezogen: Die unaufhebbare Gewohnheit wird so gegen den Atmenden gekehrt, dass diese zu unfreiwilligen Komplizen ihrer Zerstörung werden. Es löst im Angegriffenen die Verzweiflung aus, durch das Nichtunterlassenkönnen der Atmung zur Mitwirkung bei der Auslöschung des eigenen Lebens gezwungen zu sein.
Mit dem Phänomen Gaskrieg wird eine neue Explikationsebene für klimatische und atmosphärische Prämissen menschlicher Existenz erreicht: Die Immersion der Lebenden in einem atembaren Milieu zur förmlichen Ausarbeitung gebracht. Auch ist das Prinzip Design miteinbezogen, weil der Gaskrieg zu atmotechnischer Innovationen zwingt.
Im Gefolge zog eine schwarze Meteorologie herauf, die sich mit den „Niederschlägen“ ganz besonderer Art befasste.
Entscheidend war, dass die Technik mittels Gasterrorismus in den Horizont eines Designs für das Ungegenständliche durchbrach –wodurch Latenzthemen wie physikalische Luftqualität, künstliche Atmosphärenzustände und sonstige klimabildende Faktoren in menschlichen Aufenthaltsräumen unter Explikationsdruck gerieten.
Durch die progressive Explikation sind Humanismus und Terrorismus aneinander gekettet.
Der Terrorismus hebt die Unterscheidung von Person und Sache auf. Er ist Gewalt gegen jene menschen- umgebenden Sachen, ohne welche die Personen nicht mehr Personen bleiben können.
Der Feind wird als ein Objekt in der Umwelt expliziert, dessen Entfernung einer Überlebensbedingung das System gleichkommt. Die Technik bringt das Wesen der Feindschaft militärisch auf den Punkt: Sie ist nichts anderes als der Wille zur Auslöschung des Gegners.
Terrorist ist, wer sich seinen Explikationsvorsprung hinsichtlich der impliziten Lebensvoraussetzungen des Gegners erarbeitet und für die Tat verwertet.
Das im Ersten Weltkrieg erworbene kampfklimatologische Verfahrenswissen nahm naturgemäß spätestens vom November 1918 an den Umweg über dessen „friedliche“ Nutzung.
Jetzt gerieten die Bettwanzen, die gemeine Singschnake, die Mehlmotte, die Kleiderlaus und die Förderung der Landwirtschaft durch Schädlingsbekämpfungs- mittel und die Reinraumschaffung in Mühlen, Schiffen, Kasernen, Lazaretten, Schulen, Getreide- und Saatgutspeicher ins Visier der Berliner Chemiker.
Die Nichtwahrnehmbarkeit der Gase wurde durch Beimischungen von wahrnehmungs- wirksamen Gasen behoben und unter dem Namen Zyklon A auf den Markt gebracht. Auch dies war insofern ein „Designergas“ weil es zur Wiedereinführung von nicht wahrnehmbaren oder abgeblendeten Produktfunktionen in die Benutzerwahrnehmung.
Philosophisch: Eine Re-phänomalisierung des Nichterscheinenden.
Dem 1924 von einer Hamburger Firma entwickelten und patentierten Zyklon B fehlte dann diese Wahrnehmungs-komponente.
Einer der beiden Firmengründer war von 1915-1920 im Berliner Institut beschäftigt und belegt die Kontinuität der neuen Entwesungspraktiken jenseits von Krieg und Frieden. Nach Kriegsbeginn 1939 hielt die Firma Desinfektionslehrgänge für Wehrmachtsangehörige und Zivilisten ab. Bei diesen spielte auch Gaskammerdemonstrationen eine Rolle.




