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»Euer Schlafgemach?«, fragte ich und deutete über den Kamin.
Die Elfe hob kaum die Augen und nickte. »Auch eine Idee meines Großvaters.«
»Manche Bürger bevorzugen die Wärme eines anderen Körpers – Ihr etwa nicht?«
»Ein Mann würde mich meiner Freiheit berauben.«
»Er würde Schutz bieten.«
»Innerhalb der Stadtmauern habe ich genügend Schutz. Was ist mit Euch, warum seid Ihr ohne Weib?«
»Ich bin ein Ausgestoßener. Keine Frau würde sich freiwillig einem Mann wie mir anvertrauen wollen.«
»Wir Elfen urteilen anders. In Dagorra werden keine Kinder ausgestoßen.«
Ihre Antwort brachte mich zum Lachen. »Das ist der Fluch der Armut, und Armut trifft Euer Volk genauso wie das meine!«
Wir saßen noch bis zum späten Abend in der gemütlichen Stube beisammen. Als es draußen dämmerte und sich alle in ihre eigenen Häuser begaben, machte auch ich mich daran aufzubrechen. Zwar bot mir die Elfe an, an ihrer Seite zu nächtigen, doch lehnte ich ab. Zum einen könnte es Schande über sie bringen, wenn ein fremder Mann bei ihr nächtigte, zum anderen fühlte ich mich unwohl bei dem Gedanken, nackt neben einem fremden Körper zu liegen.
Nach ein paar Stunden Schlaf warf ich mir am nächsten Morgen nach einem kurzen Reinigungsritual wieder die Elfenkleidung über und stieg die Treppen empor. Die Pforte in der Baumrinde, welche in der ersten Nacht für mich noch geschlossen gewesen war, ließ sich diesmal mühelos öffnen.
Dichter Nebel hatte sich über die Stadt gelegt. Es war kalt und trüb. Wie sehr sehnte ich mich nun nach meinem dicken Mantel.
Ich durchschritt den verlassenen Garten und gelangte zur breiten Straße, welche wie ein Burggraben um den Park herum angelegt war. Noch immer war – bis auf wenige Wächter, die mit Laternen den Weg beleuchteten – niemand auf den Straßen unterwegs.
Bei einem der Ställe, die nahe dem Garten standen, traf ich dann endlich auf einen Elfenjungen, der damit beschäftigt war, den untergestellten Pferden frisches Heu zu richten.
Kaum hatte der Junge mich wahrgenommen, stellte er die Heugabel beiseite und sattelte meinen schwarzen Hengst. Ich bedankte mich und gab ihm ein Kupferstück.
Bei den Kasernen herrschte hektische Aufregung. Soldaten eilten umher, Schmiede, die auch während der Nacht gearbeitet haben mussten, brachten neu angefertigte Waffen, Frauen kamen mit geflickten und frisch gewaschenen Uniformen und Bäcker verteilten Brot.
Als ich vom Pferd stieg, eilte ein jüngerer Soldat herbei und bat um die Zügel, während ich die große Halle der Gemeinschaftsküchen betrat. Anders als an den Tagen zuvor nickte man mir nun respektvoll zu. Natürlich gab es auch noch den einen oder anderen feindseligen Blick in meine Richtung, doch kaum blickte ich zurück, wurden die Köpfe abgewandt. Demnach hatte Haren das Elfenvolk über mich unterrichtet. Ich war nicht länger ein fremder Mensch, ich war zumindest ein geachteter Gast.
Vielleicht war es auch der Kampf mit dem Feldherrn Dagara gewesen, der mir diesen Respekt verschaffte.
Nachdem ich mir ein paar Scheiben Roggenbrot und Äpfel genommen hatte, setzte ich mich auf eine der freien Bänke und begann zu essen. Kurz darauf erschien ein Soldat, der mich zögerlich anredete. »Verzeiht Herr, gestattet Ihr, dass ich mich zu Euch geselle?«
Mir war zwar nicht nach Gesellschaft, doch fand ich es unhöflich, dem Mann den Wunsch abzuschlagen, und so willigte ich mit einem knappen Kopfnicken ein.
»Ich habe Euch gestern gesehen.« Er klang schüchtern, als befürchtete er, ein falsches Wort könne meinen Zorn erwecken. Da ich nichts erwiderte, fuhr der Mann fort. »Ihr habt gegen den Feldherrn Dagara gekämpft.«
»Er ist ein erfahrener Kämpfer«, sagte ich zustimmend. »Dennoch hätte er gut daran getan, einen Fremden nicht herauszufordern.«
»Oh, die ganze Stadt spricht davon! Dagara zählt zu unseren stärksten Kriegern, es war… noch nie zuvor wurde einer unserer Feldherrn von einem Menschen bezwungen.«
»In einer Schlacht sind solche Kämpfe keine Seltenheit.«
»Natürlich, doch war dies keine Schlacht. Dagara hatte seine Soldaten bei sich und dennoch ist es Euch gelungen, ihn zu überwältigen.«
»Ich hatte die Magie als meinen Verbündeten und konnte ihn überraschen. Es war ein Kampf mit ungleichen Mitteln. Völlig gleichgültig, wer den anderen bezwungen hat, gesiegt hat keiner!«
»Und dennoch seid Ihr in aller Munde!«
Ich schüttelte abwehrend den Kopf.
Der Soldat sah sich nach allen Seiten um und beugte sich flüsternd vor. »Ist es wahr, was man munkelt?«
»Was munkelt man denn?«
»Die Hohen Offiziere haben Späher ausgeschickt. Man sagt, wir müssen uns auf eine Schlacht vorbereiten.«
»Auf eine Schlacht sollte man immer vorbereitet sein – ganz besonders, wenn man inmitten eines feindlichen Reichs lebt.«
»Seid Ihr der Auserwählte, von dem die Männer sprechen?«
»Wie ich sehe, seid Ihr bereits in Gesellschaft. Schade, ich hätte Euch gerne auf ein Wort gesprochen!« Der Offizier Marth war zu uns gestoßen und gab dem Soldaten mit einem Wink zu verstehen, den Platz zu räumen, was dieser auch sofort tat.
»Ich bin Euch etwas schuldig – Ihr habt mich vor diesem geschwätzigen Soldaten gerettet.«
»Das freut mich zu hören. Begleitet mich ein Stück.«
Fragend hob ich den Blick. Marth hatte einen Brotkorb und einen Holzteller mit Wurst und Käse in der Hand.
»Wir Offiziere speisen nicht mit den gewöhnlichen Soldaten«, erklärte er und deutete zu einer Treppe am Ende der Halle, die zu einem Balkon hinaufführte, von dem man den Saal überblicken konnte.
Als wir oben waren, nahmen wir an einem schmucken Holztisch Platz. Die Bänke waren mit roten Samtkissen gepolstert und selbst die Stühle hatten einen weichen Überzug.
»Ich wollte Euren persönlichen Rat einholen«, begann der Elf und biss von einer Brotscheibe ab.
»Meinen persönlichen Rat? Da seid Ihr wohl der einzige Elf, der sich dafür interessiert.«
»Sagt dies nicht! Soweit ich weiß, scheint Ihr bereits lange Gespräche mit Shania und Aran geführt zu haben.«
»Zugegeben, das sind zwei Ausnahmen.«
»Ihr sagtet, Ihr seid aus Hesana geflohen. Mich würde interessieren, ist dort etwas vorgefallen? Wie war die Stimmung in der Stadt?«
»Es soll Angriffe von Arasien gegeben haben. Auch habe der Kaiser unlängst einen weiteren Stamm gefangen nehmen können.«
»Konntet Ihr Genaueres in Erfahrung bringen?«
Nachdenklich schüttelte ich den Kopf. »Die Boten des Kaisers scheinen bewusst Falschmeldungen zu verkünden. Demnach wünscht Mandossar nicht, dass die Bürger der Städte von seinen Plänen erfahren.«
»Wenn er einen Angriff auf unsere Stadt plant, ist ihm dies nicht zu verdenken. Er weiß, dass wir Spione unter seinen Leuten haben. Ist Euch sonst noch etwas von Bedeutung aufgefallen?«
»Nein, abgesehen davon, dass der Hass auf die Arasien deutlich stärker ist als der Hass auf die Elfen. Niemand redet über Euer Volk, es ist, als würden die Elfen die Menschen nicht interessieren.«
»Wie ist die Stimmung?«
»Hesana ist vielleicht nicht gerade der geeignetste Ort, um auf das restliche Reich zu schließen. Die Bürger sind verschlagen und hinterhältig wie eh. Aber es fällt doch auf, dass es mehr gezielte Anschläge und verdeckte Morde zu geben scheint. Irgendjemand, der sehr reich und einflussreich ist, beginnt ein Spiel zu spielen. Keiner weiß, wohin das führen soll, doch ich befürchte, dass eure Soldaten recht bald erfahrenen Söldnern gegenüberstehen werden, die nicht so leicht zu bezwingen sind wie die Miliz des Kaisers.«
»Ihr meint, es bildet sich so etwas wie eine neue Eliteeinheit?«
»Weniger eine Einheit als vielmehr eine gewaltige Ansammlung verbitterter Krieger. Die Armut treibt die Menschen in die Verzweiflung und macht viele von ihnen unberechenbar. Mandossar braucht diese Männer nicht ausbilden zu lassen, denn ein von Verzweiflung getriebener Krieger ist viel gefährlicher als jeder kampferprobte Soldat.«
»Glaubt Ihr, er wird mit diesen Männern gegen uns vorgehen?«
»Mandossar braucht nur wenige Tage vor einem Angriff in eine Stadt wie Hesana zu kommen und zu verkünden, dass jeder Mann berechtig ist, sich nach dem Fall der Elfenstadt alles zu nehmen, was er unter den Armen tragen kann. Allein schon deswegen werden Hunderte seinem Ruf folgen. Also ja, Ihr habt allen Grund zur Sorge.«
Marth schob den Rest seines Frühstücks beiseite und musterte mich nachdenklich. »Ihr habt zwar den Schwur geleistet, doch werdet Ihr uns bei einem Angriff tatsächlich anführen können – und wollen?«
»Die Menschen haben mir das Hexenweib genommen! Sie war mir wie eine Mutter. Mir scheint, sie ist gestorben, weil sie Euch unterstützen wollte und etwas gegen das Kaiserreich in der Hand hatte. Mag sein, dass Mandossar sie zum Schweigen bringen konnte, doch durch ihren Tod hat er sich einen weitaus gefährlicheren Feind geschaffen!«
Am Eingang der Halle trat mir ein Wächter entgegen und reichte mir ein Stück Pergament, auf dem ein Wachssiegel war. »Die Sprecherin des Offizierstisches gab mir dies und lässt ausrichten, dass sie Euch bei der Bibliothek erwartet.«
»Habt Dank!« Ich ließ meinen Hengst kommen und erkundigte mich bei einem Wächter nach dem Weg zur Bibliothek. Dort angekommen, war ich überrascht über die Betriebsamkeit der Gelehrten, die die Treppen auf und ab huschten oder mit Schriftrollen unter dem Arm kleine Wagen beluden, die am Fuße der Stufen warteten.
Als ich durch die großen Flügeltüren trat, musste ich schnell ausweichen, um nicht mit Gehilfen der Gelehrten zusammenzustoßen.
»Ihr müsst Preston sein, nicht wahr?«, wandte sich ein junger Elfengelehrter an mich. »Habt Ihr das Siegel?«
Überrascht zog ich das Stück Pergament aus meiner Tasche und zeigte es dem Elf. Dieser nickte zufrieden und deutete mir, ihm zu folgen. »Der Einsiedler Preston ist eben eingetroffen!«, rief er in einen der Gänge hinein, die von der großen Halle, an den Bücherregalen vorbei, zu den Lesepulten führten. »Der Magier Aran wird Euch sogleich empfangen«, sagte er mit gedämpfter Stimme und eilte wieder davon.
»Ah, Preston, gut dass Ihr gekommen seid!« Aran kam hinter einem Stoß alter Bücher und Schriftrollen zum Vorschein. Er schien abermals jünger geworden zu sein. Seine Haltung war aufrecht und nichts erinnerte mehr an den gebrechlichen alten Mann, als den ich ihn kennengelernt hatte.
»Shania hat nach mir geschickt?«
»Ja, sie ist in einer der Nebenkammern.«
»Mir scheint, als haben die Stadtbewohner das Interesse an Büchern neu entdeckt«, sprach ich mit Ironie und deutete auf die vielen Elfengelehrten, welche eiligst von Regal zu Regal huschten.
»Ich befürchte, dem ist nicht so.« Der Magier seufzte schwer. »Wir rechnen nun ernsthaft mit einem Angriff, und in dieser Bibliothek befinden sich die kostbarsten Schätze unserer Stadt. Vollkommen gleichgültig, wie es enden wird, ich fand es ratsam, die wertvollsten Schriften mit Schiffen nach Alphradon zu verfrachten. Aber nun kommt, ich geleite Euch zur Sprecherin.«
Nachdem wir Shania in einer der kleinen Kammern angefunden hatten, widmete sich Aran wieder seiner Arbeit, während ich die Elfe musterte, wie sie mit konzentriertem Blick eine Schrift studierte. Ich stand still da, um sie in Ruhe länger beobachten zu können.
Plötzlich hob sie den Kopf und schreckte bei meinem Anblick zurück. »Oh, ich hatte Euch nicht bemerkt. Wie lange steht Ihr schon hier?«
»Ich bin gerade erst gekommen«, log ich. »Die anderen Gelehrten scheinen damit beschäftigt zu sein, Schriften zu verschiffen – ihr hingegen nehmt Euch die Zeit, sie zu studieren. Wollt ihr herausfinden, ob es die Mühe wert ist, dieses Schriftstück nach Alphradon bringen zu lassen?«
»Spottet nur, Mensch!«, gab sie mit gespielter Kränkung zurück. »Nein, ich studiere Aufzeichnungen über verschiedene Verteidigungsstrategien in den vergangenen Jahrhunderten, in denen unsere Stadt angegriffen wurde. Ihr könntet mir Gesellschaft leisten.« Sie deutete auf den Sitzplatz auf der anderen Seite ihres Pultes und auf den Stapel verschiedener Schriften. »Beherrscht Ihr die Kunst des Lesens?«, fragte sie, als ich mich gesetzt hatte und etwas verzweifelt die Schriften betrachtete.
»Ihr unterschätzt mich! Ich beherrsche sogar die Schrift der Arasien.«
»Die Arasien haben eine eigene Schrift? Das ist mir neu. Ich dachte, sie hätten sich ursprünglich nur durch Laute verständigt und erst in späterer Zeit die Sprache der Menschen erlernt.«
»Deshalb beherrsche ich ja auch ihre Schrift!«, neckte ich die Elfe und griff nach dem ersten Schriftstück. »Ehe ich es vergesse, was hat es mit dem Siegel, das Ihr dem Wächter gegeben habt, auf sich?«
»Das Siegel macht selbst einen Stallburschen zum Botschafter und verschafft ihm somit Zugang zu allen Räumen der Stadt – selbst dem Versammlungsraum der Hohen Offiziere. Zugleich kann sich ein Fremder – wie Ihr etwa – mit dem Siegelzeichen ausweisen. Ihr habt es noch bei Euch?«
Ich gab ihr das Pergamentstück und zuckte zusammen, als sie es in die Flamme der Kerze hielt, die neben dem Pult stand. »Jedes Siegelzeichen muss sofort vernichtet werden, sobald es zu dem Siegelträger zurückgefunden hat.«
»Schade, ich hatte mir erhofft, ein Erinnerungsstück an Euch behalten zu können.«
»Ich wollt uns verlassen?«
»Wie kommt Ihr darauf?«
»Dann gibt es auch keinen Grund, warum Ihr Euch an mich erinnern müsst – ich werde dicht an Eurer Seite bleiben, sofern Ihr das wünscht.«
Bis spät in die Nacht hinein studierten wir gemeinsam die Aufzeichnungen bei Kerzenschein. Einige der Schriften waren in der Sprache der Elfen verfasst und für mich unmöglich zu lesen, andere wiederum waren derart fesselnd geschrieben, dass es mir schwer fiel, sie wieder beiseite zu legen – mitunter handelte es sich sogar um Schriften des Schreibers Romanus.
Irgendwann waren die Kerzen herabgebrannt, die Augenlieder schwer vor Müdigkeit und wir waren kaum noch in der Lage, das Gelesene aufzunehmen. Der Elfe waren bereits die Augen zugefallen und auch mich übermannte der Schlaf…
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