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Mit schnellen Schritten eilte ich von diesem Ort fort. All dieser Hass auf andere Völker führte zu ständigen Kämpfen und Überfällen. Wenn die Menschen die Arasien derart behandelten, wunderte es mich nicht, dass diese eine Siedlung angegriffen hatten.
Ich gelangte zum Hauptplatz, in dessen Mitte ein großes Podest stand. Mehrere Zimmermänner waren gerade dabei, einen Galgen aufzustellen, während zwei kräftige Burschen einen ungefähr hüfthohen blutdurchtränkten Baumstumpf anschleppten, an dessen Seite ein Brett mit halbrundem, halsbreitem Ausschnitt angebracht war. Folglich waren für den morgigen Tag gleich mehrere Hinrichtungen vorgesehen.
Ich nahm die erste Straße, die von dem Platz weg in westliche Richtung führte, wo sich das Hurenviertel befand.
Ich musste nicht weit gehen, als auch schon ein junges Weib mit offenem lockigen Haar und einem Kleid, das nur leicht zugeschnürt war, auf mich zukam. Sie grinste mich auffordernd an und entblößte dabei ihre schief stehenden Zähne.
Nachdem ich sieben Straßendirnen abgewiesen hatte, kam keine weitere mehr auf mich zu, denn wer sieben abweist, der sucht entweder nach einer bestimmten oder einem bestimmten.
Inzwischen war ich zur Straße des Vergnügens gelangt, wo ein jedes Haus ein Bordell war und eine jede Frau – sofern sie nicht in teuren, geschlossenen Kleidern steckte und das Haar unter einer Haube zusammengebunden hatte oder in Begleitung eines Mannes war – zur Verfügung stand. Dies war das Paradies für einen jeden Freier, hier tummelten sich unzählige junge Mädchen, die kaum dem Kindesalter entwachsen waren, hier wurde man für die Gewaltanwendungen an den verstümmelten Frauen nicht bestraft und hier war man vom ehelichen Treuegelübde entbunden.
Entschlossen schritt ich auf eines der älteren Mädchen zu. Als sie meinen Blick auffing, lächelte sie mich an, fuhr sich verführerisch mit den Fingern durchs Haar und ließ die andere Hand über ihre Rundungen gleiten, die unter der eng geschnürten Bluse deutlich sichtbar waren. Ich schenkte ihr auch ein Lächeln, nahm ihre Hand, führte sie an meinen Mund und küsste sie, wie es unter den wohlhabenden Edelmännern Brauch war. Als die Dirne die Hand wieder zurückzog, umklammerten ihre Finger die Kupfermünze, die sie unauffällig in ihre Tasche gleiten ließ. Sie ließ sich nichts anmerken, woraus ich schlussfolgerte, dass sie die Geste verstanden hatte. »Ich bin auf der Suche nach einer Frau«, sagte ich leise.
»Deshalb kommt ihr Männer doch her!«, hauchte sie mit lasziver Stimme.
»Gewiss.« Ich räusperte mich. »Die Frau, die ich suche, ist jedoch als das Hexenweib bekannt.«
Schlagartig verfinsterte sich das Gesicht der Hure. Nicht bloß hatte sie eben einen Kunden verloren, er fragte auch noch nach ihr. »Ich weiß nicht, wen Ihr meint.«
»Sie betreibt vermutlich ein Bordell in dieser Straße, und bestimmt hast du von ihr gehört.«
»Es tut mir leid, doch ich kann Euch nicht weiterhelfen.« Sie schickte sich an zu gehen, als ich sie am Handgelenk fasste und zurückzog.
»Sie ist eine Bekannte von mir. Ich bin mir sicher, ein weiteres Kupferstück wird deiner Erinnerung auf die Sprünge helfen.«
»Drei!«
Ich griff in meine Tasche und gab ihr das Geld. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass uns keiner beobachtete, und ließ die Kupferstücke in ihrem Kleid verschwinden. »Wenn Ihr der Straße nach Süden folgt, so ist zu Eurer Rechten ein Haus mit roten Fensterläden. Dort lebt ein altes Weib, das die Soldaten als Hexe bezeichnen.«
»Hab Dank!«
»Ihr solltet dort nicht hingehen, sie ist… sonderbar.« Ihr Blick wirkte besorgt.
»Das war sie schon immer.« Der sanfte Tonfall meiner Stimme schien sie zu beruhigen, schließlich zuckte sie mit den Schultern und strich mir mit der Hand über die Wange. »Wenn ich etwas für Euch tun kann, so lasst es mich wissen!«
»Heute nicht, danke. Wie ist dein Name?«
»Die meisten nennen mich Resa.«
»Vielleicht begegnet man sich ja aus einem anderen Anlass wieder. Einen schönen Tag noch, Resa.« Ich winkte ihr zum Gruß und eilte die Straße weiter. Zum einen war ich überrascht, wie schnell – und einfach – ich den Aufenthaltsort des Hexenweibs in Erfahrung gebracht hatte, zum anderen wunderte es mich, dass die Dirne überhaupt bereit gewesen war, über die Hexe zu sprechen. Ich glaubte ihren Worten, ihre Augen sprachen die Wahrheit, es sei denn, sie war durch und durch verlogen, was bei einer wie ihr nicht undenkbar war.
Tatsächlich befand sich ein Haus mit roten Fensterläden am Ende der Straße. Das Gemäuer machte einen schlechten Eindruck, der Mörtel des unteren Stockwerks war herabgebröckelt, das Holz, aus dem die beiden oberen Stockwerke gebaut waren, bog sich in alle Richtungen, war teils von undefinierbarem Grün überzogen und durchnässt von den Regengüssen der Wochen zuvor.
Als ich die Tür, die aus den Angeln gerissen war, aufschob, kam mir ein modriger Gestank entgegen. Der Boden war mit einem roten Teppich ausgelegt, der einst prächtig geleuchtet und Kunden angelockt haben mochte, nun war jedoch nur noch ein zerschlissener, mit Löchern durchsetzter Bodenbelag übrig geblieben. An den Wänden konnte man die Umrisse eines dicken Vorhanges und hinter Wandschirmen verborgene Kerzenhalterungen ausmachen.
Im spärlichen Licht, das durch die Fensterläden fiel, tappte ich die knarzenden Stufen hinauf und sah mich im Obergeschoss um. Vom Gang führten fünf Türen weg. Hinter der einen oder anderen war das lüsterne Stöhnen von Freiern zu vernehmen.
»Ein neuer Kunde?« Erschrocken riss ich den Kopf herum und sah eine Frau lautlos die Treppe vom zweiten Obergeschoss herunterkommen. Sie trug ein ausladendes schulterfreies Kleid, das über der Brust mit ein paar Schnüren zusammengehalten war. Die Wangen und nackten Schultern waren von prächtigen dunklen Locken umrahmt. Ihre haselnussbraunen Augen, die von unzähligen kleinen Fältchen umgeben waren, leuchteten im schummrigen Licht.
»Aber das ist doch… Preston, du bist es wirklich!« Gebannt starrte mich das Hexenweib an, die Hand vor die Brust gehalten. Kurz huschte ein Lächeln über ihre Lippen, das jedoch gleich wieder einem sorgenvollen Blick wich. »Ich hatte dich gebeten, den Städten fernzubleiben.«
Ich schwieg. Wie sehr sehnte ich mich danach, hinzulaufen und sie in meine Arme zu schließen, doch ihre Augen, den Tränen nahe, schienen mir Enttäuschung auszudrücken. Wie sehr hatte ich sie vermisst, und nun stand sie mir so abweisend gegenüber.
»Komm, hier oben können wir ungestört reden«, sprach sie mit leiser Stimme, senkte ihr Haupt und ging die Treppe hinauf.
Wortlos schloss sie ihr Zimmer auf und riss die Vorhänge auf.
Das kleine Zimmer war lediglich mit einem breiten Bett, einer großen Kleidertruhe, einem Tischchen mit einem Stuhl und einer Waschschüssel ausgestattet.
Mit einem unangenehmen Gefühl setzte ich mich auf die Bettkante. Wie viele Männer sich wohl schon in diesem Bett vergnügt hatten?
Das Hexenweib schloss die Türe ab und wandte sich mir langsam zu. Sie stand eine Weile wortlos da, dann endlich kam sie auf mich zu und schloss mich fest in ihre Arme. Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und fuhr mir durchs Haar. »Du hast dich so verändert!«, stieß sie unter Tränen hervor. »Ich hätte dich kaum wiedererkannt!«
Ich löste mich aus ihrer Umarmung und trat einen Schritt zurück, um sie betrachten zu können. »Du hingegen bist immer noch so hinreißend schön wie vor Jahren.«
Sie lächelte und ließ sich auf dem Bett nieder. Ihr Blick glitt zu meinem Schwert, das in der goldenen Scheide an meinem Gürtel hing.
»Was erfüllt dich so mit Sorge?«, ergriff ich das Wort.
»Ich weiß, dass du die Stadt trotz meiner Warnung bereits mehrmals aufgesucht hast – doch nie bist du zu mir gekommen.«
Mein Gesicht errötete vor Scham. Wie hatte ich nur annehmen können, dass ihr meine Besuche in der Stadt verborgen bleiben würden. »Ich befürchtete… du würdest mich tadeln«, stammelte ich hilflos.
»Du hättest besser auch diesmal nicht kommen sollen!«, wies sie mich in recht forschem Ton zurecht. »Es gibt einen guten Grund, warum ich nicht wollte, dass du kommst.«
Verwirrt ließ ich mich auf dem kleinen Stuhl nieder. »Warum… erkläre es mir! All die Jahre blieb ich auf dein Geheiß hin von dir fern, obwohl ich dich stets vermisste. Nun jedoch, da ich vor dir stehe, weist du mich zurück, als sei ich in Ungnade gefallen!«
Das Hexenweib seufzte tief, ihre Brust hob und senkte sich. »Du bist nicht aus Sehnsucht zu mir gekommen. Es gibt einen anderen Grund, der dich dazu bewogen hat, all meine Warnungen in den Wind zu schlagen«, fuhr sie fort.
Erneut starrte ich sie verwundert an. All ihre Worte erschienen mir rätselhaft.
»Es sind die Träume, die dich jagen«, flüsterte sie leise und geheimnisvoll. »Die Frau mit dem goldenen Haar ist dir erschienen, nicht wahr?«
»Woher weißt du davon?«
»Man nennt mich nicht ohne Grund das Hexenweib, mein Junge.« Sie lächelte, ehe sie erneut die Stirn in Falten legte.
»Was haben diese Träume zu bedeuten? Wer ist diese Frau mit den goldenen Haaren?«
»Du kennst ihren Namen aus alten Mythen, aus den Geschichten der Elfen, die ich dir einst erzählt habe. Wir beide, sie und ich, haben all die Jahre über dich gewacht. Vielleicht erinnerst du dich an jene Nächte, in denen du dem Tod nahe warst und ich dir nicht zu Hilfe eilen konnte. In jenen Nächten warst du ihr bereits begegnet.« Das Hexenweib schüttelte lachend den Kopf. »All deine Krankheiten, Knochenbrüche, die Kämpfe, hast du dich nie gefragt, wie du all das überleben konntest? Ohne die Hilfe der Gottheiten wärst du schon längst im Reich der Toten.«
»Diese Frau… sie ist eine Gottheit?«, fragte ich erstaunt und ertappte mich dabei, dass ein Gefühl von Stolz in mir aufstieg.
»Nein, doch sie wacht über dich, wie Oros über das Meer oder Arasis über die Wälder.«
»Warum?« Langsam wurde ich ungeduldig, ergaben doch all ihre Worte keinen Sinn!
»Du hast eine Aufgabe zu erfüllen.«
»Welche Aufgabe? Ich bin ein Ausgestoßener, ein Einsiedler, ein freier Mann – und niemandem verpflichtet!«
»Du bist den Gottheiten verpflichtet!«, herrschte sie mich an. »Wage es nicht, dich über ihre Entscheidungen hinwegzusetzen. Sie haben dich gestärkt, und nun liegt es an dir, ihnen deine Ehrerbietung zu erweisen.«
Schuldbewusst senkte ich das Haupt. Ich wollte das Hexenweib nicht erzürnen, zumal ich ja selbst auch schon den Gedanken gehegt hatte, dass die Gottheiten über mich wachen würden. »Sprich, welche Aufgabe erwartet mich?«
»Verpflichte dich dem Weib mit dem goldenen Haar! Sie wird dir deine Aufgabe verkünden.«
»Sie sprach von Schwertern, von Unterdrückung und Befreiung, hat jedoch nie mich erwähnt.«
»Erinnerst du dich nicht an den Traum? Die Männer, die die Mutter des Mädchens – Rose war ihr Name – töteten. Zweifellos hast du die neuen Rüstungen der Soldaten bemerkt und von den Gerüchten gehört, eine große Stadt sei im Osten erbaut worden. Eine Stadt, die als Todesstätte für so viele Arasien, Bettas, Renz und Elfen bestimmt ist. Kaiser Mandossar will nicht nur seine Macht erweitern, er will alle großen Völker vernichten – einzig die Menschen sollen überleben, weil sie die Auserwählten seien.«
»Die Völker vernichten? Niemals! Dazu sind sie zu stark. Selbst die Hetzjagden zwischen den Oronin und Arasien haben nie eines der Völker ernsthaft schwächen können.«
»Du irrst, Preston! Es hat bereits begonnen. In den Wäldern hier im Westen gibt es kaum noch Arasien – du selbst solltest dies nur zu gut wissen!
Sobald der letzte Arasier vertrieben sein wird, wird die westliche Elfenstadt, die Heimat der Oronin, angegriffen, vielleicht auch schon früher.«
»Warum sollte er sie nicht angreifen, solange das Elfenvolk noch mit den Arasien in den Nordwäldern beschäftigt ist?«
»Mandossar bekämpft die Arasien schon seit Jahren. Sollte er jedoch selbst die mächtigen Elfen angreifen, würde Arasis’ Volk die wahren Pläne des Kaisers durchschauen und sich womöglich mit den Elfen verbünden.«
Eine Weile dachte ich über die Worte des Hexenweibs nach. Gewiss, Mandossar wollte seine Macht ausdehnen und das Westliche Reich von den anderen Kreaturen säubern, doch wie konnte all dies vor unseren Augen verborgen geschehen? Um eine Stadt wie jene der Oronin anzugreifen, brauchte es ein gewaltiges Heer. »Die Oronin sind gut in den Wäldern versteckt, man sagt, sie wären nicht aufzuspüren.«
»Die Elfenmagier haben zwar vereinzelt Wanderer und Krieger in die Irre leiten können, doch gegen ein Heer von Hunderten Soldaten sind selbst die Magier der Oronin machtlos.«
Ich war sprachlos. »Dann gibt es dieses Heer wahrhaftig?«
Das Hexenweib nickte traurig. »Verpflichte dich dem Elfenvolk. Es wird deine Aufgabe sein, die Elfen des Nordwestens gegen die kaiserlichen Truppen anzuführen.«
»Ich? Warum gerade ich? Ich kenne nicht einmal den genauen Aufenthaltsort der Oronin.«
»Warum nicht gerade du? Du bist ein erfahrener Krieger, ich habe dich sowohl das Verhandeln als auch das Kämpfen gelehrt. Du kannst lesen, schreiben, bist ein begabter Handwerker und dein Streben nach Gerechtigkeit ist ausgeprägter als bei allen anderen Menschen, die ich kenne – und das sind viele. Man wird auf all deine Fähigkeiten angewiesen sein. Außerdem wirst du als Mensch den Kaiser richtig einschätzen können.«
»Wohl kaum werden die Elfen mich aufnehmen und als ihren Anführer akzeptieren.«
Das Hexenweib neigte den Kopf nachdenklich zur Seite. »Es gibt eine Prophezeiung.«
»Eine Prophezeiung?«
»Ja, eine Prophezeiung.«
Ich musste auflachen, stand auf und schritt durchs Zimmer. »Ist das wirklich dein Ernst?«
Sie nickte und erhob sich ebenfalls. »Es sind die Schwerter… Von einem Schmied geschmiedet… Die Klinge den Träger krönt… Der Eine unterdrückt, der Andere befreit… Dies sind keine Worte aus einem Gedicht.« Ihre Worte trafen mich wie ein Faustschlag. Mein spöttisches Lachen gefror mir im Gesicht. Das waren genau die Worte, die die Frau mit dem goldenen Haar gesprochen hatte. Wie konnte das Hexenweib davon wissen?
»Ich habe dein Schicksal an jenem Tag besiegelt, als ich dir das Schwert überreicht habe.« Sie war auf mich zugekommen und legte nun die Hände auf meine Schultern.
»Wie kann ein Schwert mein Schicksal besiegeln?«
»An deinem Schwert haftet eine Geschichte.«
»Welche Geschichte?«
»Jene Geschichte, die bei den Elfen ihren Anfang nimmt.«
»Soll das bedeuten, dass du mich zu den Elfen schickst?«
Sie nickte langsam. »Doch bevor du gehst, habe ich noch etwas für dich.« Sie öffnete die Truhe mit einem Schlüssel legte die paar Kleider, die sie herausfischte, achtlos beiseite und klopfte schließlich mehrmals gegen den Truhenboden, als würde sie etwas suchen. Dann holte sie ein Messer unter ihrem Kleid hervor und hantierte damit im Truheninneren herum, bis sie sich endlich wieder aufrichtete und mir einen kleinen Beutel überreichte. »Viel Zeit wird vergehen, ehe du diesen Beutel öffnen wirst. Auf deinem Weg werden sich dir viele Fragen stellen und du wirst dich lange in Geduld üben müssen, bis du bereit bist, die Antworten zu erkennen. Öffne den Beutel erst, wenn du bereits weißt, was sich darin befindet, denn sonst würde dich die Antwort – die der Inhalt dir liefert – nur verwirren und du würdest unüberlegt handeln oder von deiner Bestimmung abkommen.«
Wortlos nahm ich den Beutel, der leer zu sein schien, entgegen, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, und befestigte ihn an meinem Gürtel, ehe ich sie wieder fragend ansah. »Was genau soll ich tun?«
»Reite zu den Elfen und folge deiner Bestimmung.«
»Wie finde ich die Elfen?«
»Sie leben inmitten der Wälder, es sollte dir nicht schwer fallen, doch sorge dich vielmehr…« Sie hielt plötzlich inne und starrte zum Fenster hinaus, als würde sie dort jemanden vermuten.
»Was ist…?« – »Sei still!«, zischte sie und trat näher an das Fenster heran.
Ein Surren erklang, danach schien alles still zu stehen, und während ich nachgrübelte, wo ich dieses Geräusch denn schon gehört haben mochte, schrie das Hexenweib auf, doch es war kein schriller Schrei, es war ein erstickendes Röcheln.
Mit einem Schlag wurde mir bewusst, was das für ein Geräusch war! Ein Pfeil kam durchs Fenster geschossen und traf das Hexenweib am Hals. Von der Wucht des Geschosses wurde sie zurückgeworfen, wobei sie sogleich von einem weiteren Pfeil durchbohrt wurde. Blut befleckte mein Gesicht. Das warme Rot brannte auf meinen Wangen wie Feuer und tausend Messerstiche.
Das Hexenweib fiel – fiel zurück in das Bett, in dem sie so viele Männer beglückt hatte. Blut floss aus der Wunde an ihrem Hals, bahnte sich den Weg zwischen ihren Brüsten und färbte den Stoff ihres Kleides tiefrot. Ein dritter Pfeil durchstieß ihren Unterleib. Noch immer stand ich regungslos vor ihr, die Arme ausgestreckt, um sie zu halten, doch sie entglitt meinen Händen. Ihr Mund war halb geöffnet, die Augen weit aufgerissen. Sie streckte die bereits kraftlosen Finger nach mir aus.
Verzweifelt stürzte ich mich auf sie, umfasste ihren Kopf, betastete die Wunde an ihrem Hals. Ich konnte all dies nicht fassen! Warum? Warum sie? Warum jetzt?
»Mein Werk ist getan.« Mit ihrem letzten Atemzug hauchte sie diese Worte und schwand danach mit einem friedlichen Blick und einem nahezu glücklichen Lächeln in meinen Armen dahin.
Lautes Poltern erklang am Gang vor dem Zimmer. Ich zählte die Schritte vierer Männer, die – dem metallenen Klang zufolge – vermutlich alle bewaffnet waren.
Mit einem schnellen Satz war ich beim Fenster, wo ich im letzten Schein der Sonne die Umrisse zweier Gestalten erkennen konnte, die mit Bögen und Köchern das Weite suchten.
So schnell ich konnte, war ich aus dem Fenster und auf das Dach geklettert, von wo aus ich zum Nachbarhaus hinübersprang.
Die vier Männer waren mir bereits auf den Fersen und erklommen eine Leiter, die von den Dächern zur Straße hinunterführte.
Die Holzhäuser in diesem ärmlichen Wohnviertel waren eng aneinandergereiht und man konnte so mühelos von Dach zu Dach springen.
Hinter mir waren die Rufe der Soldaten zu hören, die das Zimmer, in dem das Hexenweib in einer Blutlache lag, gestürmt hatten. Inzwischen war ich zu jener Stelle gekommen, von wo aus die Pfeile abgeschossen worden waren.
Noch nie zuvor war ich so schnell über Dächer gesprungen oder Leitern hinabgestiegen. Ich bahnte mir einen Weg durch die Menschenmenge und jagte den flüchtenden Mördern hinterher, die brutal jeden beiseite drängten, der sich ihnen in den Weg stellte.
Männer, die Waffen bei sich trugen und nicht in den Rüstungen der Stadtwachen und Soldaten steckten, erregten mehr Aufmerksamkeit als ein Fremder, der mit Blut befleckt war – was allerdings im Dämmerlicht nicht so deutlich sichtbar war.
Hinter mir konnte ich die Schritte und warnenden Rufe der Soldaten hören – aber ich bezweifelte, dass sie dasselbe Ziel verfolgten wie ich.
Den beiden Männern gelang es trotz ihres Vorsprungs nicht, mich abzuschütteln, im Gegenteil, da die Soldaten dicht hinter mir waren, wichen die Leute rasch zur Seite und boten mir somit die Möglichkeit, schneller voranzukommen.
Ich sah die beiden Schurken von der Hauptstraße in eine menschenleere Gasse abbiegen und konnte ihnen gerade noch rechtzeitig folgen, um zu erkennen, dass sie in eine andere Nebengasse verschwanden.
Meine Verfolger schienen sich aufgeteilt zu haben, da das Klirren der Schwerter und Rüstungen nicht mehr so laut zu hören war. Auch war die Gasse nicht breit genug, als dass mehr als zwei Mann nebeneinander laufen konnten.
Die beiden Männer vor mir schienen sich im Gewirr der Gassen und Wege gut auszukennen und wechselten häufig die Richtung, doch ihre lauten Schritte, die von den Mauern der Häuser widerhallten, verrieten mir stets ihren Fluchtweg.
Plötzlich war nichts mehr zu hören. Ich eilte das letzte Stück einer schmalen Gasse entlang, die schließlich in einen kleinen Platz mündete, von dem kein weiterer Weg fortführte. Für einen Moment befürchtete ich, die beiden Männer verloren zu haben, als hinter mir die Rufe der Soldaten erschallten und ich zur nächsten Scheune eilte, um mich dort zu verstecken.
Kaum hatte ich das Scheunentor zugezogen, konnte ich hören, wie der erste der Soldaten laut keuchend stehen blieb.
Finsternis umgab mich. Ich war in einem Meer aus Schatten und Dunkelheit gefangen. Leise schlich ich über den mit Stroh ausgelegten Boden zur Wand, um mich dort niederzukauern.
Draußen waren immer noch die Stimmen der Soldaten zu hören. Sie berieten sich kurz und begannen dann die angrenzenden Häuser und Scheunen zu durchkämmen.
Der Duft von Heu stieg mir in die Nase und ich folgte diesem Geruch, bis ich den Schatten eines großen Haufens vor mir liegen sah, in dem ich mich schnell versteckte.
Doch nun nahm ich noch einen weiteren Geruch wahr, es war der Gestank von Schweiß, gemischt mit jenem, den man aus den Gerbereien kannte.
Angst stieg in mir auf. Ich hielt verzweifelt den Atem an und lauschte. Anfangs konnte ich nur mein laut hämmerndes Herz hören, aber war da nicht auch noch das Hämmern eines zweiten Herzens? Ich begann sachte herumzutasten und berührte den Stoff eines Mantels, der den weichen Körper eines Menschen umhüllte.
Plötzlich fühlte ich mich schwach, Schweiß trat aus all meinen Poren, meine Hand zitterte, die Muskeln spannten sich an, doch bevor ich etwas sagen oder tun konnte, wurde die Tür der Scheune mit einem lauten Krachen aufgestoßen und Soldaten stürmten mit Fackeln in den Händen herein.
Nun war es an der Zeit zu kämpfen. Ich hatte schon nach meinem Schwert gegriffen, war bereit, aufzuspringen und die Gestalt neben mir anzugreifen, doch seltsamerweise verharrte ich weiter reglos in meinem Versteck. Es war nicht Angst, die mich dazu trieb, sondern vielmehr meine Vernunft, die mir eingab, dass ich mich besser ruhig verhalten solle.
Die Soldaten wechselten ein paar Worte, fluchten vor sich hin und verließen die Scheune, nachdem sie jeden Schlupfwinkel abgesucht hatten.
Kaum waren die Soldaten außer Hörweite, sprang der Mann neben mir aus seinem Versteck und warf ein Messer, das nur um Haaresbreite an meinem Kopf vorbeizog.
Geschwind sprang ich rückwärts, rollte mich über den Boden und zückte sogleich mein Breitschwert, um den nächsten Angriff zu parieren.
Es folgte ein schneller Schlagabtausch. Mir wurde sofort bewusst, dass mein Gegenüber ein geübter Kämpfer war, und seine Vermummung ließ darauf schließen, dass er im Auftrag von jemandem gehandelt hatte.
Vom Heuboden, der über der Scheune lag, sprang eine weitere Gestalt herab, die mich mit einem Kurzschwert von hinten angriff.
Ich wich seitlich aus und zog mit einer geübten Bewegung mein langes Messer, welches ich am Gürtel trug. Mit beiden Klingen bewaffnet griff ich nun die zwei Vermummten an, um bald darauf herauszufinden, dass sie mir in der Schwertkunst ebenbürtig waren und einzig die Ausdauer über den Sieg entscheiden würde – doch da ich alleine war, die Müdigkeit der letzten Tage sich bemerkbar machte und ich auf keinen Kampf eingestellt gewesen war, zweifelte ich nicht daran, schlussendlich der Unterlegene zu sein.
Mir war klar, dass ich sie mit dem Schwert nicht besiegen können würde, und plötzlich stieg eine unbändige Wut in mir auf. Beinahe hatte ich vergessen, was der Grund für diese Verfolgungsjagd war, aber nun wurde er mir schlagartig wieder bewusst: Dies hier waren die Mörder des einzigen Menschen, der mir je wirklich nahe stand.
Mit der Wut schien auch mein Blut erneut aufzuwallen – genau genommen war es nicht nur das Blut, sondern die Magie, die in meinen Adern floss.
Jeder der folgenden Schläge war von ungeheurer Wucht. Es gelang mir, die beiden Angreifer zurückzudrängen, doch ich wollte sie brennen sehen, brennen in den Flammen der Verdammnis!
Durch drei kräftige Schläge mit dem Breitschwert verschaffte ich mir genügend Platz, um zur Tür zu springen, die ich mit den Beinen zustieß, sodass es plötzlich stockfinster war.
Ich hielt den Atem an und lauschte. Die beiden Vermummten waren zweifellos nur wenige Schritte von mir entfernt. Zwar konnte ich sie nicht sehen, doch hörte ich ihren Atem, roch ihren Schweiß, spürte ihre Angst.



