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Mit einem lauten, klirrenden Klang steckte ich das Breitschwert zurück in die Scheide – um Verwirrung zu erzeugen. Tatsächlich konnte ich förmlich spüren, wie sie angewurzelt stehen geblieben waren und angestrengt lauschten.
Ich nahm das Messer in die rechte Hand und umschloss mit der Linken die Klinge. Für einen winzigen Moment hielt ich den Atem an, um die beiden Gestalten auszumachen, ehe ich mit einem entschlossenen Zug das Messer auf einen der beiden Männer schleuderte. Ich fühlte schmerzhaft, wie dabei meine Handinnenfläche aufgeschlitzt wurde und warmes Blut herausspritzte.
Die Messerklinge fand ihr Ziel und ein lauter Schrei entfuhr meinem Gegner. Im selben Moment ließ ich der Magie, welche ich nun so mächtig in mir fühlte, freien Lauf.
Das Blut, das aus meiner Hand floss, und jenes, das durch die Luft gespritzt oder am Messer haften geblieben war, verwandelte sich mit einem leisen Knistern in Flammenzungen.
Das Feuer sprang sofort auf das Stroh am Boden und auf die Kleidung des verletzten Mörders über.
Der Schrei, der zu meiner Überraschung aus dem Mund einer Frau kam, wurde immer lauter, die Flammen stiegen immer höher und der Qualm wurde zunehmend dichter.
Nun konnte ich den Mann sehen, der neben seiner Komplizin stand und vergeblich versuchte, die Flammen mit seinem Mantel zu ersticken. Panische Angst verzerrte sein Gesicht.
Mit langsamen Schritten trat ich auf ihn zu und stieß ihn von der Frau weg, die mittlerweile zu Boden gefallen war und sich schreiend im Feuer wälzte.
Ich bückte mich und holte das Messer aus den Flammen, die mir nichts anhaben konnten, dann wandte ich mich dem Mann voller Wut und Hass zu. »Wer bist du?«
Zweifellos hatte der Mörder erkannt, dass es kein Entkommen mehr gab. Hatte er kurz zuvor noch gegen einen geschwächten Mann gekämpft, so stand er nun einem Magier gegenüber, der sich auch auf die Schwertkunst verstand. Magier waren inzwischen selten geworden, die meisten standen in Diensten des Kaisers und wichen den hohen Offizieren oder den Mitgliedern der Blutigen Schneiden – einer Eliteeinheit – kaum von der Seite. Doch ich war sichtlich kein Anhänger des Kaisers – und somit umso gefährlicher.
»Wir sind Ausgestoßene«, stieß der Mann mit zittriger Stimme hervor. Seine Blicke huschten immer wieder zu dem brennenden Körper hinüber, der inzwischen völlig verstummt war.
»Warum habt ihr das Hexenweib getötet?« Ich bückte mich und drückte dem Mann die heiße Klinge meines Messers an den Hals, um dort sogleich eine Brandzeichnung zu hinterlassen.
»Es war ein Auftrag, wir brauchten das Geld!«
»Wer hat euch den Auftrag erteilt?«, donnerte ich mit bebender Stimme.
»Ein Wirt, ich kenne seinen Namen nicht. Die Bezahlung war gut und er stellte keine Fragen.«
Mit einem Mal erinnerte ich mich, dass Tom mich bei meiner Ankunft gefragt hatte, ob ich den Auftragsmord an einer Hure übernehmen wolle. Ich hatte nicht wissen können, dass es ausgerechnet diese Hure war, die man zum Schweigen bringen wollte. Und auch Tom hatte von meinen Absichten nichts gewusst. Somit war mir auch klar, dass der Mann nichts weiter über den wahren Auftraggeber wusste – Tom war nur der Mittelsmann.
»Es war ein Fehler, dass ihr diesen Auftrag angenommen habt!« Ich erhob mich und steckte das Messer zurück in die Gürteltasche.
Hinter mir ging krachend das Scheunentor auf und Soldaten stürmten herein, um sofort wieder vor den Flammen, die inzwischen auf das gesamte Heu und Holz übergesprungen waren, zurückzuweichen.
Mit einem letzten Blick auf den Mörder, welchen ich nun seinem Schicksal überließ, stürmte ich zum hinteren Ausgang der Scheune und hämmerte so lange gegen die Bretter, bis diese nachgaben und ich ins Freie stolperte.
Es war inzwischen Nacht geworden, allmählich wurden auch die letzten Lichter in den Häusern ausgemacht und auf den Straßen waren einzig die Nachtwächter mit ihren Fackeln anzutreffen.
Die brennende Scheune war weithin zu sehen, auch hörte man noch die Rufe der Soldaten, die das Feuer zu bekämpfen versuchten.
Der in der Folge entstehende Tumult kam mir sehr gelegen. Kaum eine der Wachen hatte noch Interesse, Ausgestoßene oder Gesetzeslose, die zu so später Stunde noch auf den Straßen waren, aufzuhalten und nach ihren Ausweisen zu fragen. Dennoch hielt ich mich vorwiegend in den kleinen dunklen Gassen verborgen und kreuzte eine Hauptstraße nur dann, wenn es unvermeidbar war.
Endlich gelangte ich über viele Umwege zum Wirtshaus zurück, in dem noch recht viel Betrieb herrschte. Die Stube war vom Schein etlicher Kerzen erhellt, das Bier schwappte von den Tischen und dem Tresen, Weinfässer waren geleert worden und die Stimmung wurde durch das Johlen von Trinkliedern zusätzlich angeheizt. Kaum einer war nüchtern genug, um sich über den Fremden zu wundern, der eben mit rußbeschmutztem Gesicht und stinkender Kleidung hereingekommen war.
Mit schnellen Schritten querte ich den Raum und eilte zur Treppe. Als ich am Tresen vorbeikam, warf ich dem Wirt einen vielsagenden Blick zu. Tom kannte seine Kundschaft und verstand ihre Gesten inzwischen gut genug, um zu wissen, wann etwas Unvorhergesehenes geschehen war. Zugleich verstand sich der Wirt darauf, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und so ging er erst dann in den Keller hinunter, wo ich auf ihn wartete, als eines der kleinen Bierfässer leer geworden war.
Er stellte das leere Fass ab und sah sich im trüben Schein seiner kleinen Lampe um, bis er mich schließlich neben einem Weinregal stehen sah. Er blickte mich eine Weile stumme an, runzelte die Stirn, fragte jedoch nichts.
»Von wem hast du den Auftrag bekommen?«
»Welchen Auftrag?«
»Die Hure, die ich hätte töten sollen. Du hast den Auftrag an zwei Gesetzlose weitergeleitet.«
Tom nickte langsam. Er konnte mich gut genug einschätzen, um meinen Zorn zu erahnen, und er wusste, dass es nicht ratsam war, mir etwas vorzulügen. »Ja, was weißt du darüber?«
»Sie sind beide tot, ihren Auftrag konnten sie noch ausführen.«
»Hast du es getan?« Tom ließ sich auf eines der Fässer nieder und tupfte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.
»Wer hat dir den Auftrag erteilt?«, sprach ich mit leiser, drohender Stimme.
»Sind dir die Stadtwachen gefolgt?« Der Wirt hatte sichtlich Mühe, Ruhe zu bewahren.
»Ich konnte sie abhängen, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich finden.«
»Du musst von hier verschwinden!«, zischte Tom und machte eine flehende Geste. Noch nie hatte ich ihn so nervös erlebt.
»Wer war der Auftraggeber?«
»Flieh über die Dächer, beeile dich, bevor es zu spät ist!«
»Das Hexenweib war eine Bekannte von mir! Ich werde nicht gehen, bevor ich weiß, wer für ihren Tod verantwortlich ist«, gab ich entschlossen zurück.
Tom erbleichte. Er öffnete den Mund einen Spalt, ehe er den Kopf schüttelte und mutlos seufzte. »Es waren sehr einflussreiche Männer. Wenn sie dich fangen, dann wird das dein Ende sein – und glaub mir, der Tod kann sehr grausam und schleichend kommen!«
»Ich kann auch sehr grausam sein! Das Hexenweib hat mir alles bedeutet, ich werde nicht gehen, ohne ihren Tod zu rächen!«
»Dann bist du bereits erledigt.« Tom wandte sich ab und lud eines der kleinen Fässer auf seine Schulter. Er war schon bei der Treppe, als er sich ein letztes Mal umdrehte. »Es war ein einfacher Bote, doch er trug den Siegelring der Rejèss.«
»Wenn die Rejèss das Hexenweib tot sehen wollten, warum haben sie nicht ihre eigenen Männer losgeschickt?« Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Die Rejèss waren unter anderem die Leibgarde des Kaisers.
»Tim, du bist inzwischen wie ein Freund für mich. Daher kann ich dir nur raten: Halte dich da raus und verschwinde, solange du noch kannst! Wenn der Kaiser jemanden tot sehen will, dann würde ein jeder gut daran tun, sich aus der Sache rauszuhalten. Dass die Rejèss den Auftrag weitergegeben haben, kann für mich nur bedeuten, dass niemand den Kaiser mit dem Anschlag in Verbindung bringen soll.«
Mit einem Schlag fühlte ich mich trotz meiner Kräfte, meiner Schwertkünste, meiner Magie und meiner Erfahrungen machtlos. Wie ein kleines schutzloses Kind stand ich nun da, das versuchte, mit einem Holzschwert einen steinernen Wall zu Fall zu bringen.
»Wenn dir die Truppen des Kaisers gefolgt sind, werden sie dich bis hierher verfolgen können! Du musst sofort aufbrechen, bei Tagesanbruch wird die Stadt voller Soldaten sein, und sie werden die Tore streng kontrollieren. Lass deine Satteltaschen in der Truhe, ich lass dein Pferd satteln und schicke morgen jemanden, der es bis vor die Stadtmauern führt.«
Zweifelnd sah ich den Wirt an. Gewiss fürchtete er um seine eigene Haut, war ich doch eine große Gefahr, wenn ich blieb, doch konnte ich ihm trauen? Andererseits konnte ich tatsächlich nicht zusammen mit dem Pferd fliehen.
»Wie viel wird es mich kosten?«
»Gar nichts. Da die beiden Auftragsmörder ihre Arbeit ausgeführt haben, aber nicht zurückkommen können, um ihren Lohn einzufordern, ist es ein gutes Geschäft für mich gewesen.«
»Wie kannst du mir trauen, dass ich auch wirklich die beiden Richtigen getötet habe?«
»Die Furcht steht dir ins Gesicht geschrieben, außerdem bezweifle ich…«, abrupt hielt er inne und lauschte. Männer hatten eben die Wirtsstube betreten und einer von ihnen rief nun laut nach dem Wirt. Die Stimme gehörte zweifellos einem Soldaten.
»Verschwinde von hier«, flüsterte Tom mir zu. »Und schwöre, dass du nie mehr hierher zurückkommst! So will ich dein Pferd satteln und vor die Stadtmauern bringen lassen.«
Ich willigte mit einem Nicken ein und versteckte mich hinter ein paar Kisten, als auf der Treppe oben der Schein einer Fackel erschien und auf den Stufen Schritte zu hören waren.
»Ich komme ja schon! Was, bei all den Gottheiten, ist hier los?«, rief Tom mit gespielter Verärgerung.
»Bist du der Wirt?«, fragte eine polternde Stimme.
»Ja, wer will das wissen?«
»Wir sind Soldaten des Kaisers. Ein Verbrecher hat sich hier versteckt – was machst du eigentlich da unten im Keller?«
»Ein Verbrecher?« Tom tat schockiert. »Aber, aber«, fuhr er tadelnd fort, »wenn Ihr jedes Mal so viel Aufruhr wegen eines einzelnen Verbrechers verursacht, verscheucht Ihr mir die ganze Kundschaft! Ihr wisst ja selbst, wie viele Verbrecher in diesem Viertel leben – da würde es für einen Wirt wie mich den Ruin bedeuten, wenn ich den Gästen unangenehme Fragen stelle.« Er setzte das Fass ab und wischte sich mit dem Tuch über die Stirn. »Was ich hier gemacht habe?«, brummte er. »Ich habe den Jungen gesucht – Ihr habt selbst gesehen, welch Betrieb heut’ herrscht, und wir kommen mit dem Einschenken nicht nach. Der Bursche – Arasis möge ihn bestrafen – schläft sich hier ab und zu den Rausch aus… aber diesmal ist er nicht anzufinden. Hätte ihm auch eine ordentliche Tracht Prügel eingebracht. Wenn ich das nächste Mal…«
»Schon gut, schon gut!« Der Soldat war inzwischen heruntergekommen und warf einen Blick in den düsteren Raum. Ich presste mich gegen eine der Kisten und flehte, er möge nicht noch weiter herumsuchen.
»Ich bin mir sicher, das Problem mit diesem… Verbrecher lässt sich gewiss mit einer Flasche edlen Tropfens aus der Welt schaffen.« Der Wirt klopfte dem Soldaten auf die Schultern und griff ins nächste Regal, um eine verstaubte Flasche hervorzuholen.
»Wir suchen keinen kleinen Gauner, der beim Würfelspiel betrügt! Behalte deinen Wein, und sieh zu, dass dir die Namen deiner Gäste wieder einfallen.«
Es folgte kurzes Schweigen, von meinem Versteck aus konnte ich nicht erkennen, was los war, bis Tom wieder das Wort ergriff. »Wenn selbst der edelste Tropfen den hart arbeitenden Soldaten nicht ablenkt, so müsst Ihr wahrlich hinter einem dicken Fisch her sein.«
»Mir scheint, du hast einen ganzen Teich voller Fische.«
»Gewiss doch, aber in meinem Teich schwimmen nur die kleinen Fische.« Der Wirt hob das Bierfass wieder auf die Schultern und schritt die Stufen empor. »Kommt, ich muss in den Papieren nachsehen, doch soweit ich weiß, nächtigt derzeit nur ein Ehepaar in meinem Haus«, rief er laut genug, dass auch ich die Worte verstehen und deuten konnte.
Sobald der Soldat dem Wirt in die Wirtsstube gefolgt war, schlich ich ebenfalls die Treppen hoch und lugte in die verrauchte Stube. Tatsächlich standen fünf Soldaten inmitten des Raums und hielten die Gäste unter ständiger Beobachtung, während der Wirt das Fass auf den Tresen stellte und dem Befehlshaber der Soldaten einen Wink gab, ihm zu folgen. In einem unbeobachteten Moment huschte sein Blick noch schnell zu mir herüber, dann blieb er stehen und sah mit genervter Miene die Soldaten an.
»Aber bitte, muss das sein? Die Männer ruinieren die ganze Feierstimmung! Ist das denn notwendig?«, klagte er. Der Befehlshaber seufzte und scheuchte seine Männer mit einem ungeduldigen Wink hinaus. Der Wirt zeigte sich hocherfreut und rief sein Weib zu sich. »Matilde, schenk doch unseren lieben Freunden von der Stadtwache etwas ein. Sie haben hart gearbeitet und sollen draußen in der Kälte nicht vor Durst umkommen!«
Kaum war die Frau den Soldaten mit den Bierkrügen nachgefolgt, setzte auch schon wieder die Feierlaune der Gäste ein und man bestellte Nachschub. Tom war inzwischen mit dem Soldaten ans andere Ende des Zimmers gegangen und stöberte in verschiedenen – gefälschten – Aufzeichnungen.
Schnell huschte ich ins Obergeschoss hinauf, wo ich gebückt den Gang bis zur letzten Tür entlangeilte, die zur Wendeltreppe führte. An den Abdrücken in der Staubschicht auf den Stufen konnte ich erleichtert feststellen, dass nach mir niemand mehr die Wendeltreppe emporgestiegen war – und mich somit auch niemand erwarten würde.
Als ich in meinem Zimmer war, schloss ich die Truhe auf, band mir das Rückenschwert und die Messer um, packte die Taschen zusammen und sperrte sorgfältig wieder ab. Den Schlüssel zur Truhe hängte ich auf den einzigen Kleiderhaken, der hoch genug angebracht war, um im spärlichen Licht nicht weiter aufzufallen.
Dann öffnete ich das kleine Fenster und kroch leise ins Freie. Als ich auf das Dach des Nebengebäudes hinüberkletterte, um mich dort hinter einem Kamin zu verstecken und mir einen Überblick zu verschaffen, nahm ich die lauten Rufe der Soldaten wahr. Ihre Fackeln waren in der ganzen Stadt zu sehen, vor allem im Südwesten, wo noch immer das von mir entfachte Feuer wütete. Erstmals gelang es mir, alles Geschehene zu überdenken. Wenn es tatsächlich stimmte, was der Wirt erzählte – und davon ging ich aus –, dann hatte der Kaiser die Ermordung des Hexenweibs so in die Wege geleitet, dass auf ihn selbst kein Verdacht fallen würde. Zum Zeitpunkt des Attentats hatten die kaiserlichen Truppen – die bekanntlich nicht mit den Rejèss zusammenarbeiteten – das Zimmer der Hexe gestürmt und die Mörder verfolgt. Wie hatten sie davon erfahren? Wer steckte hinter all dem? Oder sollte alles nur eine Falle sein und man wollte mir den Mord anhängen – doch wer konnte gewusst haben, dass ich das Hexenweib ausgerechnet an diesem Tag aufsuchen würde – schließlich hatte Tom von dem Mordauftrag bereits vor meiner Ankunft erfahren…?
Schmerz und Trauer lasteten schwer auf mir, und es wurde mir bewusst, dass ich die Tat nicht rächen können würde. Die Leibgarde des Kaisers war zu mächtig, um sich mit ihr anzulegen. Die Soldaten hielten mich für den Mörder und Brandstifter und der Kaiser selbst war weit entfernt in der Hauptstadt Elena.
Rufe rissen mich aus meinen trüben Gedanken und ich sah zur Straße hinunter. Mehrere Soldaten stürmten nun das Wirtshaus, einige blickten sogar zum Dach empor, als würden sie mich dort vermuten.
So schnell ich konnte, huschte ich in geduckter Haltung weiter zum nächsten Dach.
»Er ist dort oben! Ich habe ihn gesehen!«, erschallte die Stimme eines Soldaten. Nun zählte jeder Augenblick. Ich achtete nun nicht mehr auf meine Deckung, rannte über das Dach und sprang von einem Mauervorsprung zum nächsten. Die ersten Soldaten waren schon aus meinem Zimmerfenster gestiegen und waren mir auf den Fersen.
Pfeile pfiffen an mir vorbei. Glücklicherweise konnten die Schützen mich genauso schlecht ausmachen wie ich sie, und so waren die Geschosse unpräzise und verfehlten mich.
Inzwischen hatte ich die Orientierung vollkommen verloren. Von allen Seiten hörte ich Rufe, Soldaten hatten die umliegenden Häuser erklommen und schossen mit Pfeilen auf mich.
Plötzlich wurde ich der brennenden Fackeln gewahr, die unweit von mir die Stadtmauern beleuchteten. Mit letzter Kraft wählte ich eine neue Route und versuchte auf die höchsten der an die Stadtmauer angrenzenden Häuser zu gelangen.
Das Ziel war nahe, und mir war, als könnte ich die Freiheit förmlich riechen, sie fühlen, als ob sie ihre Arme ausstrecken und nach mir greifen würde, nur noch wenige Häuser trennten mich von ihr, als plötzlich ein Surren die Luft durchschnitt und mir ein brennender Schmerz durchs Bein schoss.
Ein Pfeil hatte meinen rechten Oberschenkel getroffen. Der Schmerz durchfuhr mich bei jedem Schritt, als würde ich durch die lodernden Flammen eines Feuers schreiten. Schließlich versagte mir das Bein und ich stürzte nach vorne und schlug mit dem Gesicht hart gegen die Holzschindeln des schrägen Dachs. Sofort schmeckte ich das Blut, das aus der aufgeplatzten Lippe floss. Auch am Kopf musste ich mich aufgeschlagen haben, denn ein warmes Rinnsal lief mir über Stirn, Wange und Kinn.
Meine Verfolger waren bereits ganz nah, ich konnte ihre Stimmen hören, ihre Fackeln sehen, das Aufblitzen der Schwertklingen erkennen.
Plötzlich tauchte das Hexenweib vor meinen Augen auf, wie eine Gestalt aus einem Traum. Sie sah mich auffordernd an. »An deinem Schwert haftet eine Geschichte. Jene Geschichte, die bei den Elfen beginnt.«
Dann war sie wieder verschwunden, aber mit einem Mal fühlte ich eine Kraft, die den Schmerz verdrängte und mich auf die Beine zwang. Mit einem entschlossenen Griff brach ich den Pfeil, der mein Bein durchbohrte, entzwei und zog die beiden Hälften aus dem Oberschenkel.
Und wieder fühlte ich die magische Kraft durch meinen Körper strömen. Ich lief zum nächsten Dach, sprang über die Gasse zwischen den beiden Häusern hinweg und erreichte die kalte Fassade der Stadtmauer. Erst in diesem Moment kam mir der Gedanke, dass es mir unmöglich sein würde, die Mauer zu erklimmen. Die Steine waren sauber mit Mörtel abgedichtet und es gab kaum einen Spalt, an dem man sich festkrallen konnte. Zugleich waren meine Verfolger schon bis zum letzten Haus vorgedrungen, wagten jedoch nicht den Sprung über die Gasse.
Bögen wurden gespannt, und als ich mich umdrehte, schossen bereits unzählige Pfeile auf mich zu.
Doch jeder Pfeil, der mich treffen und töten hätte sollen, flammte in einem roten Schein auf und verglühte, ehe er meinen Körper erreichte. Die Magie, die nun aus meinem Inneren herausgetreten war, umhüllte mich wie ein undurchdringlicher Panzer.
Obwohl ich wusste, dass ich über Magie verfügte und mein Blut sich wie Weinbrand entzünden konnte, hatte ich noch nie zuvor eine solche Kraft gespürt. Oder war dies doch der Einfluss der Gottheiten, die über mich wachten?
Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Ich starrte in die verblüfften Gesichter der Soldaten, die erneut nach Pfeilen griffen, welche allesamt sofort aufglühten, kaum dass sie abgefeuert waren.
Ich wandte mich zur Mauer und tat einen Sprung in die Höhe. Kaum hatten meine Füße die Haftung zum Dach verloren, war mir, als ob eine unsichtbare Hand meinen Körper emporkatapultierte, sodass ich leichtfüßig auf den Zinnen der Stadtmauer landete.
Sogleich sprangen mit Schwertern bewaffnete Soldaten auf mich zu. Ich griff nach meinem Breitschwert und schlug jeden Angriff gezielt zurück.
Die meisten der Wachen waren im Kämpfen ungeübt, da es kaum je ein Bürger wagte, sich mit ihnen anzulegen. Zudem löste die Vorstellung, gegen einen Magier anzutreten, zusätzliche Verunsicherung aus, und so fielen ihre Attacken ungezielt und schwach aus.
Mein Schwert durchstieß bereits den Körper des dritten Soldaten, als Paladine des Kaisers im Schein der Fackeln erschienen. Die Paladine gehörten zwar dem Heer an, doch waren sie ebenso wie die Rejèss und die Blutigen Schneiden ausgezeichnete Schwertkämpfer.
Ich griff nach der Fackel, die mir am nächsten war, und warf sie über die Mauer, um die Höhe des Walls abschätzen zu können. Als die Fackel zischend im dreckigen Gewässer des Stadtgrabens erlosch, verbarg ich mich unter meinem Umhang und verschmolz so mit der Dunkelheit, bevor ich mich – unbeachtet von den Soldaten – in die Tiefe stürzte.
Mit einem lauten Klatschen verschwand ich im übel riechenden Wasser und versuchte mich tauchend so weit wie möglich von der Stelle wegzubewegen. Die Zähne aufeinandergepresst, riss ich die Augen auf und sah mich um. Über mir loderte die Wasseroberfläche mehrmals hell auf, als Fackeln von der Mauer herabfielen.
Es war ein Tauchgang voller Qualen. Meine Augen brannten, die Gliedmaßen schmerzten, das Übelkeitsgefühl war unerträglich. Schließlich zog ich meinen Kopf wieder aus dem Wasser, holte tief Luft und schwamm zum Rand des Grabens, um mich dort ans Ufer zu ziehen.
Kaum spürte ich festen Boden unter meinen Füßen, begann ich zu laufen und versuchte den brennenden Pfeilen, welche unweit von mir im feuchten Gras einstachen, zu entkommen.
So schnell ich kannte, durchquerte ich die offene Landschaft und hielt auf den Wald zu, der sich im Mondlicht abzeichnete.
Inzwischen hatte man das Stadttor geöffnet und Reiter ausgeschickt, die nun die Verfolgung aufnahmen.
Da ich außer Reichweite der Feuerpfeile war und mein schwarzer Umhang mich in der Dunkelheit fast unsichtbar machte, mussten die Reiter mühevoll nach meinen Spuren suchen.
Endlich hatte ich den Wald erreicht, wo ich mich durch das dichte Geäst der Sträucher kämpfte. Für einen kurzen Moment hielt ich inne und starrte auf die Ebene hinaus, wo sich die Reiter, mit Fackeln, Bögen, Speeren und Schwertern ausgerüstet, sammelten und Richtung Wald ausschwärmten.
Kaum hatte ich etwas verschnaufen können, da stieg wieder Übelkeit in mir auf und ich musste mich mehrmals übergeben. Der Gestank der Kloake aus Abwässern und allen möglichen Abfällen würde sich kaum noch aus meiner Kleidung herauswaschen lassen.
Als ich mich der letzten Nahrungsreste entledigt hatte, hastete ich weiter.
Die Reiter konnten es nicht riskieren, mit ihren Fackeln einen Waldbrand auszulösen, und so konnte ich etwas Vorsprung gewinnen. Doch war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die Soldaten ihre Bluthunde auf mich hetzen würden, oder – was ich noch mehr befürchtete – die Hetzer ausschickten. Die Hetzer, wie mir vor ihnen graute! Man sagt, es seien die Seelen jener Männer, die durch ihre grausamen Taten zu Lebzeiten im Tode auf Ewigkeit verflucht waren. So ritten sie auf toten Tieren, welche durch den Fluch – oder durch Magie – zum Leben erweckt worden waren. Zwar unterstanden sie nur den Blutigen Schneiden und nicht dem Kaiser, doch handelten die einstigen Leibwächter des Kaisergeschlechts – und Vorgänger der Rejèss – stets im Sinne Mandossars.
Die Hufschläge der Pferde waren vollkommen verstummt. Die Fackeln waren längst hinter den Bäumen verschwunden und es umgab mich nur noch die Finsternis der Nacht. In regelmäßigen Abständen blieb ich stehen und lauschte in den Wald hinein, doch nirgends war das Kläffen der Hunde oder Geheule der Hetzer zu hören.
Und so marschierte ich weiter, in der Hoffnung, mich mit jedem Schritt weiter von der Stadt entfernen zu können.
Müdigkeit drohte mich zu übermannen, und die Trauer um das Hexenweib legte sich wie ein dunkles Tuch über meinen Geist, hielt ihn gefangen und ließ ihn an nichts anderes mehr denken.
Es dämmerte bereits, als mein Magen zu knurren begann, meine Beine mich kaum noch einen weiteren Schritt tragen würden und die Augen halb geschlossen waren. Ich war zu müde, um mich nach einem sicheren Versteck umzusehen – obwohl ich wusste, dass bei Tagesanbruch die Soldaten auf ihren Rössern den gesamten Wald durchkämmen würden.
Schließlich gelangte ich zu einem Bach, der sich leise plätschernd seinen Weg durchs Flussbett bahnte, das von Unwettern, die vor nicht allzu langer Zeit gewütet hatten, verbreitert worden war. Im Zuge der Unwetter musste dieser Bach zu einem reißenden Fluss angestiegen sein, und am Becken über der Lehmschicht war viel Geröll und Geäst angespült worden. Ich grub eine kleine Mulde in den Lehm, um mich dort hinlegen zu können. Zuletzt zog ich mir Geäst über den Leib, um gut genug getarnt zu sein. Kurz darauf war ich eingeschlafen.



