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»Doch Ihr scheint viel Einfluss und Macht zu haben.«
Die Elfe schenkte mir ein Lächeln, neigte jedoch den Kopf zur Seite. »Einfluss gewiss, doch nur in bestimmten Angelegenheiten. Macht habe ich keine.«
»Und dennoch brachtet Ihr den Offizier zum Schweigen.«
»Haren ist ein guter Mann, er ist sehr bemüht, unser Volk vor jeder Gefahr zu schützen.«
»Er wäre ein schlechter Wirt in einem Gasthaus für fremde Durchreisende.«
Erneut lachte die Elfe auf. »Ja, er hat nicht viel für Fremde übrig, doch wenn Ihr bedenkt, dass die meisten Fremden den Niedergang unseres Volks wünschen, dann würdet Ihr sein Misstrauen verstehen.«
Wir stiegen die breiten Stufen zur majestätischen Bibliothek empor. Zu beiden Seiten standen Wächter mit Lanzen so reglos da, als seien sie aus Stein gehauen.
Als wir das große Holztor am Ende der Treppe erreichten, klopfte die Elfe gegen einen Eisenring und wartete, bis ein kleines Guckfenster aufgemacht wurde und ein dürres Gesicht zum Vorschein kam. Die Augen des kleinen Kopfes huschten umher, dann verschwand das Gesicht, das Guckloch wurde zugeworfen und mit leisem Knarren öffnete sich eine Tür im Tor.
Die Elfe wandte sich den Kriegern zu, die uns begleitet hatten, und gab ihnen mit einem Nicken zu verstehen, hier die Stellung zu halten, während sie mit mir hineinging.
Hinter uns glitt die Tür wieder zu und ein kleiner Elf, der mir kaum bis zur Hüfte reichte, stellte einen Hocker vor das Guckloch. Dann deutete er uns mit seinem knochigen Finger, ihm zu folgen.
»Ist er ein Oronin?«, flüsterte ich der Elfe leise zu. Sie war über meine Frage etwas überrascht und antwortete ebenso flüsternd. »Ja, einer der wenigen, die noch nicht mit den Elfen verschmolzen sind. Ihr Name gerät zunehmend in Vergessenheit, da man das Volk Dagorras als den Oronin-Stamm bezeichnet. Sie, die kleinen Elfen, werden nur noch Elfchen genannt – obwohl sie selbst die Bezeichnung Ursprungselfen bevorzugen.«
Noch bevor ich etwas erwidern konnte, gelangten wir in die hohe Halle der Bibliothek. Bei dem Anblick versagte mir die Stimme. Der Raum war eine gewaltige Kuppel, die bis zum Himmel emporzureichen schien. Überall standen hohe Regale, vollgestopft mit Büchern und Schriftrollen. Vor den Fenstern befanden sich Pulte, an denen Gelehrte saßen und Abschriften anfertigten. Noch nie zuvor hatte ich eine so große Ansammlung an Aufzeichnungen gesehen. Hier mussten Hunderte, wenn nicht Tausende von Schriften lagern.
Am anderen Ende des Raumes war ein langer Gang, von dem viele kleine Lesestuben wegführten, in denen überall Gelehrte saßen und unterrichteten, schrieben oder studierten.
Das Elfchen blieb schließlich vor einer prächtig verzierten Türe stehen und griff nach der Laterne, die an einem Eisenhaken neben der Pforte hing. Der Oronin schnippte mit den Fingern und schon entflammte der Docht der Laterne.
»Folgt mir!«, krächzte er in schrillem Tonfall und stieß die Türe auf.
Als wir in den dunklen Gang eintraten, knallte der kleine Elf die Türe hinter uns wieder zu und lief an die Spitze. Es war – bis auf den Schein der Laterne – stockdunkel.
Das Licht reichte gerade einmal aus, um zu erkennen, dass all der Prunk, welcher uns gerade noch umgeben hatte, verschwunden war. Der Boden war voller Staub, an der Decke hingen Spinnweben, von den Wänden bröckelte der Mörtel.
Wir schritten durch ein endloses Gewirr an Gängen. Recht schnell hatte ich die Orientierung verloren und ich gab mir Mühe, immer dicht bei der Elfenfrau zu bleiben, um ja nicht zurückzufallen.
Schließlich gelangten wir in einen Gang, der heller beleuchtet war. Vor einer wuchtigen Holztür standen zwei Wachen, die dem Oronin zunickten und zur Seite traten, ehe sich die Tür wie durch magische Hand auftat.
Wir passierten den Eingang und das kleine Elfchen verließ uns mit einer knappen Verbeugung.
Der Vorraum war zwar düster, doch gab es hier einen kühlen Windhauch, der Frischluft zuführte.
Die Elfe schritt an mir vorbei und trat in den nächsten Raum, inmitten dessen ein großer schöner Holztisch stand, an dem mehrere Offiziere saßen – unter ihnen auch Haren. Als sie uns sahen, erhobenen sie sich und verharrten in einer Verbeugung. Auch wir verbeugten uns, ehe die Elfe mich anwies, mit ihr am Ende des Tisches Platz zu nehmen.
»Bitte, setzt Euch.« Haren wies auf die beiden freien Stühle. Als alle saßen, fuhr der Offizier fort. »Nun, ehrenwerte Sprecherin, verkündet dem Offizierstisch den Grund der Einberufung.«
Die Elfe ließ ihren Blick über die versammelten Männer schweifen, ehe sie das Wort ergriff. »Es freut mich, dass ihr so schnell kommen konntet. Rasches Handeln ist angesagt.« Sie atmete tief durch. »Vor einigen Jahren kam eine Fremde in unsere Stadt. Sie verkündete eine Prophezeiung, der keiner Glauben schenken wollte.«
»Meint Ihr die Hure? Diese Hexe?«, warf ein kräftig gebauter Offizier ein. Noch ehe ich ihn anschreien konnte, fuhr Haren dazwischen. »Das Hexenweib, ja. Einige von uns haben sie selbst erlebt, andere haben nur die Berichte gelesen.«
»Für jene, die sich nicht mehr erinnern können: Das Hexenweib war gekommen, um unser Volk zu warnen. Es hieß, ein junger Krieger, den sie selbst aufziehen würde, sei in den Wäldern des Nordens geboren worden. Würde der Kaiser unser Volk einmal vernichten wollen, so wäre dieser Junge unser Verbündeter, unsere Hoffnung. Einige Jahre später, als sie abermals zu uns kam, sprach sie von einem Schwert.«
»Es sind die Schwerter… Von einem Schmied geschmiedet… Die Klinge den Träger krönt… Der Eine unterdrückt, der Andere befreit… Wir alle kennen diese Verse«, äußerte sich ein weiterer Offizier herablassend.
Die Elfe warf ihm einen wütenden Blick zu, dann fuhr sie fort. »Das ist kein bedeutungsloses Gedicht! Sie sagte, es werde die Zeit kommen, da der Kaiser die Macht an sich reißen und die großen Völker vernichten wollen wird.«
»Das zu prophezeien ist keine Kunst. Mandossar war schon immer machtbesessen. Wir alle hätten das voraussagen können, doch ist selbst er nicht in der Lage, alle Völker zu vernichten.«
»Es hat bereits begonnen. Wie viele Arasien durchstreifen noch unsere Wälder? Unsere Kundschafter und Spione haben selbst berichtet, dass der Kaiser dabei ist, eine Armee zusammenzustellen, die einer jeden Streitmacht überlegen ist.«
»Das sind doch alles nur Vermutungen«, wandte ein weiterer Offizier ein.
»Vielleicht, doch lasst mich Folgendes berichten: Dieser Mann hier hat das Hexenweib in Hesana aufgesucht, kurz darauf wurde sie auf Geheiß der Rejèss ermordet.«
»Wer behauptet das? Er?« Empört schleuderten sie mir Beschimpfungen entgegen.
»Ruhe!«, polterte Haren. »Ihr behauptet also, die Rejèss sind für ihren Tod verantwortlich? Wie verlässlich ist Eure Quelle?«, fragte er mich.
»Es gibt keinen Grund, warum der Mann, der es mir verriet, lügen sollte. Als ich die beiden Attentäter verfolgte, waren Dutzende Soldaten – und Paladine – hinter mir her. Sie verfolgten mich, bis ich sie im Wald in der Dunkelheit abschütteln konnte.«
»Ein einzelner Mann? Wie konntet Ihr den Stadtwachen entkommen? Und wie in der Nacht die Stadtmauern überwinden?«, fragte Haren zweifelnd.
»Durch Magie. Ich sprang in den Wassergraben hinunter und entschwand in der Dunkelheit.«
»Das erklärt zumindest den Gestank«, witzelte einer der Offiziere und löste damit Gelächter aus.
»Verzeiht meine Offenheit«, meldete sich ein recht junger, gutaussehender Offizier zu Wort. »Ihr seht wie ein kräftiger Krieger aus, und ich zweifle auch nicht an Eurem Mut. Dass Ihr über Magie verfügt, ist eine seltsame… Fügung des Schicksals, doch – wenn ich mir erlauben darf, dies zu sagen – glaube ich nicht daran, dass Ihr den Stadtwachen entkommen konntet.«
Nachdenklich legte ich die Stirn in Falten. Der junge Elf schien Gründe für seine Skepsis zu haben, denn anders als die anderen Offiziere zweifelte er nicht an meinen Fähigkeiten. »Was bewegt Euch dazu, dies zu vermuten?«
»Oh, schon mehrmals wurden unsere Spione in den Städten der Menschen enttarnt, doch nur sehr wenigen gelang die Flucht – und sie waren alle kampferprobte Krieger. Ich glaube vielmehr, dass man Euch entkommen lassen wollte.«
»Das erklärt jedoch nicht, warum sie mir sämtliche Stadtwachen auf den Hals gehetzt haben.«
»Wie Ihr schon sagtet, innerhalb der Stadtmauern sind die Wachen für Eure Festnahme verantwortlich, außerhalb jedoch die kaiserlichen Truppen. Es stimmt also, was Ihr sagtet – die Rejèss oder gar die Blutigen Schneiden werden für Eure Verfolgung verantwortlich gewesen sein.«
»Ihr meint, sie wollten mir folgen?«
»Gewiss war es kein Zufall, dass das Hexenweib ausgerechnet an jenem Tag ermordet wurde, an dem Ihr sie aufgesucht habt.«
»Wir hätten seine Verfolger aufgespürt!«, widersprach Haren in strengem Ton. »Außer den Arasien, die wir alle niedergemetzelt haben, war niemand im gesamten Gebiet zu sehen. Aber wir haben Späher ausgeschickt, die erkunden werden, was in Hesana tatsächlich geschehen ist.«
»Sie haben unserem Freund hier vielleicht keine Soldaten nachgehetzt, doch traue ich ihnen zu, dass sie ihn mit einem Magiebann belegt haben.«
Plötzlich trat Schweigen ein. Alle hielten den Blick starr auf mich gerichtet, während mir das Blut in den Adern gefror. »Einen solchen Magiebann hätte ich gefühlt!«
»Wir alle wissen, dass erfahrene Magier zu unerklärlichen Dingen fähig sind.«
»Ihr hättet ihn genauso wie die Arasien töten sollen, Haren!«, fuhr der kräftige Offizier dazwischen. Die Männer waren nun aufgesprungen und diskutierten wirr durcheinander. Immer wieder deuteten sie auf mich oder warfen mir abschätzige Blicke zu. Einzig die Elfe schien ruhig zu bleiben. Sie sah mich an, lächelte und griff nach meiner Hand, die ich jedoch erschrocken zurückzog.
Schließlich klopfte der junge Offizier – welcher als Einziger mir gegenüber nicht feindlich gesinnt war – mit einem harten Gegenstand mehrmals auf den Tisch. »Ich bezweifle, dass Zeit für Streitereien bleibt, wenn unsere schlimmsten Befürchtungen eintreffen.«
»Erzählt uns, Marth, was sind unsere schlimmsten Befürchtungen?«
»Dass die Worte des Hexenweibs wahr sind.«
»Das sind nicht unsere Befürchtungen!«
»Das sollten sie jedoch sein! Ich scheine hier der Einzige zu sein, dem die Häufung seltener Zufälle zu denken gibt.« Eine Weile herrschte Schweigen, dann setzten sich wieder alle auf ihre Stühle und warteten gespannt, dass der Elf fortfuhr. »Das Hexenweib wird an jenem Tag getötet, an dem ein uns fremder Mann sie aufsucht. Ihre Ermordung erweckt ungewöhnlich viel Aufsehen bei den Stadtwachen, und vermutlich steckt sogar die Leibgarde des Kaisers hinter dem Attentat! Kurz darauf durchquert der fremde Mann unsere Wälder. Wäre er auf der Flucht, hätte er diese Region gemieden, da ein jeder weiß, dass hier Arasien leben. Dieser Fremde trägt ein Schwert bei sich, obwohl man ihm all seine Waffen abgenommen hat! Es ist keine gewöhnliche Klinge, sondern ein kostbares Schwert mit goldener Scheide. Wenn er, wie er sagt, ein Einsiedler ist, wie kommt er dann in den Besitz dieses Schwertes?
Wenn wir uns an die letzte Begegnung mit dem Hexenweib erinnern – oder an die Aufzeichnungen darüber –, so sprach sie von einem edlen Schwert, das durch Magie an den Träger gebunden sei. Sie sagte voraus, dass es Krieg geben würde, sobald der Träger hier erscheine. Doch anstatt ihn aus unserem Reich zu verbannen, sollten wir ihn zu unserem Anführer küren, denn er trägt all unsere Hoffnung.«
Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort. Alle waren in Gedanken versunken, und selbst ich grübelte über das Gesagte nach. Schließlich durchbrach der kräftige Offizier, der gegen mich Stimmung gemacht hatte, die Stille. »Es deutet nichts auf diesen Krieg hin. Wo ist die Armee, die uns angreifen soll?«
Haren erhob sich langsam von seinem Stuhl und schritt den Tisch ab. »Unsere Späher haben von einem Heer berichtet, das von Süden aus auf dem Weg nach Norden ist. Sie würden Katapulte, Bogenschützen, Reiter und Magier mit sich führen – sie sind gerüstet für die Eroberung einer Stadt.«
»Wann gedachtet Ihr uns denn dies zu erzählen?«, fragte die Sprecherin wütend.
»Die Späher waren sich der Sache nicht ganz sicher! Sie sind abermals ausgeritten, um zu überprüfen, ob das wirklich zutrifft. Wir alle wissen, welche Panik im Volk ausbrechen würde, wenn wir von einer Bedrohung berichten, die vielleicht gar nicht vorhanden ist!«
»Ob wir der Prophezeiung nun Glauben schenken wollen oder nicht, unsere Verteidigung ist auf jeden Fall geschwächt. Das Elfenvolk hat zu viele Jahre in Frieden verbracht, kaum einer von den Bürgern ist je in eine Schlacht gezogen. Wir sind nachlässig geworden und sollten uns unbedingt für einen Kampf rüsten, denn wie es aussieht, ist für den Kaiser nun ein günstiger Zeitpunkt gekommen, unser Volk anzugreifen – und dass er dies eines Tages tun wird, wissen wir. Wir können zwar einzelne Wanderer durch unseren Schutzzauber in die Irre leiten, doch sind wir gegen ein großes Heer, das Magier mitführt, machtlos.«
Es wurde eifrig getuschelt, selbst Haren war an seinen Platz zurückgekehrt und beriet sich mit seinen Sitznachbarn. Schließlich erhob sich die Elfe an meiner Seite und gebot mit einem Wink ihrer Hand Ruhe. »Als Sprecherin des Offizierstisches bitte ich um eine Abstimmung darüber, ob sich unsere Stadt für eine Schlacht rüsten sollte.« Die Abstimmung verlief überraschend eindeutig. Selbst der eine Offizier, der der Elfe und dem jungen Offizier stets widersprochen hatte, stimmte zu.
»Ich danke für eure Offenheit. Es gibt jedoch noch eine weitere Sache, die es zu besprechen gilt«, fuhr die Elfe fort. »Wenn die Prophezeiung zutrifft und eine Schlacht bevorsteht, so sollten wir diesen Mann nicht mehr als einen Fremden, einen Feind behandeln!«
»Und ihn stattdessen zu unserem Anführer ernennen? Selbst unser besonnener Freund Marth hat gesagt, es wäre möglich, dass sein Kommen den Standort unserer Stadt verrät!«, antwortete der kräftige Elf mit selbstbewusster Stimme und deutete mit abwertender Geste auf mich.
»Da war ich noch nicht im Besitz aller Informationen. Aber wenn selbst der Feind davon überzeugt ist, dass dieser Mann der Auserwählte ist, warum sollten wir daran zweifeln?«, gab Marth zurück.
»Warum sollten wir ihm trauen?«
»Weil ich…«, rief ich laut in die Runde und ergriff erstmals wieder das Wort. »Weil ich an eurer Seite kämpfen werde. Die kaiserlichen Soldaten haben mir den einzigen Menschen genommen, der mir wichtig war, der mir nahe stand. Kurz bevor das Hexenweib starb, gab sie mir die Anweisung, die Elfen aufzusuchen. Sie sagte, mein Schwert berge eine Geschichte, die hier in Dagorra beginnt. Zuvor hatte ich nichts von dieser Bestimmung gewusst, aber nun bin ich bereit alles zu tun, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Ich bin auf ihr Geheiß hier, nicht weil ich selbst es wollte!
All die Jahre über hatte ich das Hexenweib für eine… Hure gehalten, doch nun scheint mir, als wäre sie alles andere als das gewesen. In den letzten Tagen hatte ich seltsame Träume von Elfen – obwohl ich nie zuvor einen von eurem Volk gesehen hatte. Ich war nach Hesana gekommen, um mit dem Hexenweib darüber zu reden. Kurz darauf…« Mir versagte die Stimme. Ich holte tief Luft und fuhr fort. »Die Soldaten jagten mich durch die Stadt, als wäre ich schuld an diesem Verbrechen! Warum geschieht dies alles? Und warum begegnet ihr mir mit Hass, wo ich doch nur die Wahrheit spreche und keine Gefahr für euch darstelle!«
Erneutes Schweigen. Man warf einander vielsagende Blicke zu, die ich nicht zu deuten wusste, und mir schien, als würden sie mir noch etwas vorenthalten.
»Ihr wisst nichts über die Prophezeiung des Hexenweibs?«, fragte die Elfe mit sanfter, jedoch ernster Stimme.
»Sie sagte, dieses Gedicht – wie ihr es nanntet – sei kein Gedicht. Und dass mein Schwert mein Schicksal bestimme.«
»Es sind die Schwerter… Von einem Schmied geschmiedet… Die Klinge den Träger krönt… Der Eine unterdrückt, der Andere befreit…«, wiederholte die Elfe langsam. »Das Hexenweib hat die Schlacht vorausgesagt, und wenn sie komme – und ein erneuter, verheerender und vermutlich letzter Krieg der Völker ausbricht –, so müssten wir den Träger des prachtvollen Schwertes zu unserem König krönen, denn einzig er sei fähig, dem Kaiser die Stirn zu bieten. Einzig er sei in der Lage, die Völker zu vereinen.«
Heftige Diskussionen brachen los, kaum einer der Männer war auf seinem Stuhl sitzen geblieben, alle waren aufgesprungen, um mit ausladenden Gesten das Gesagte zu unterstreichen.
Haren erhob sich schließlich und schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass das Holz gefährlich krachte. »RUHE!«, schrie er mit polternder Stimme in die Runde, Zornesröte war ihm ins Gesicht gestiegen. »Dies ist der Offizierstisch! Eine Ratsversammlung – kein Marktplatz, wo man sich wegen Betrügereien die Köpfe einschlägt!«
Niemand wagte dem Elf ein Wort zu entgegnen. Trotz seines Alters wirkte er furchteinflößend.
»Noch ist nichts entschieden! Wir rüsten unsere Stadt auf und treffen alle Vorkehrungen. Sollte sich die Prophezeiung des Hexenweibs erfüllen…«, er nahm einen tiefen Atemzug, »so liegt es nicht mehr in unserer Hand, darüber zu entscheiden. Sollte dieser Fremde der Auserwählte sein, so liegt es am Königshaus, über sein Schicksal zu entscheiden. Bis dahin hat er uns Treue zu schwören und uns im Falle einer Schlacht beizustehen.«
»Ihr vertraut diesem Fremden?«, rief der muskulöse Offizier überrascht dazwischen.
»Niemand hat Euch aufgefordert zu sprechen, Parmun!« Haren funkelte den Elf mit seinen düsteren Augen an. »Ich vertraue keinem Menschen – selbst einem Einsiedler nicht, doch befürchte ich, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als darauf zu hoffen, dass Ihr, Preston, unserem Volk beisteht!« Der Elf sah mich auffordernd an, als erwarte er meine Zustimmung.
»Verzeiht, dass ich spreche, Herr.« Pramun räusperte sich, sichtlich in seinem Stolz verletzt. »Wie wollt Ihr wissen, dass dieser Fremde sich nicht den kaiserlichen Truppen anschließt, sobald sie unsere Stadt angreifen – sofern sie überhaupt einen Angriff planen?«
»Ich vertraue auf seine Vorstellungskraft, was wir mit ihm anstellen würden, wenn er dies beabsichtigt.« Haren warf mir einen drohenden Blick zu und deutete der Elfe, das Wort zu ergreifen.
»Möge die Versammlung für den heutigen Tag beendet sein.« Die Elfe erhob sich und verbeugte sich mit einem knappen Nicken.
Ein kühler Abendhauch wehte, als ich mit der Elfe vor die Bibliothek hinaustrat. Sie blieb für einen Moment stehen und blickte über die Dächer der Häuser hinweg. Ihre Stirn war sorgenvoll gerunzelt, ein Zucken der Mundwinkel verriet, dass sie intensiv nachdachte.
»Ihr glaubt an diese Prophezeiung, nicht wahr?«, fragte ich leise.
»Sie war nicht einfach nur eine Hure, die unser Reich durchquerte.«
»Gewiss würde es auch den Menschen schwer fallen, jemandem zu vertrauen, der verkündet, dass man sich dem Angehörigen eines anderen Volker unterwerfen muss. Gibt es eigentlich noch eine weitere Vorhersage des Hexenweibs?«
Die Elfe zog die Schultern hoch und atmete tief durch. »Sie sagte, es würde der Tag kommen, an dem sich unser Volk mit den Arasien verbünden müsse.«
Überrascht hob ich die Augenbrauen. »Arasien und Elfen vereint? Eine absurde Vorstellung!«
»Das hat unser Vertrauen in sie zerstört.«
»Preston!« Marth, der junge Offizier, kam aus der Bibliothek gelaufen und winkte uns zu. »Ich hatte gehofft, Euch noch anzutreffen.« Er musterte mich gründlich, bevor er fortfuhr. »Leider hatte ich nie die Gelegenheit, das Hexenweib persönlich kennenzulernen, doch las ich all die Aufzeichnungen, die wir über sie haben. Sie beschrieb Euch als einen jungen, tüchtigen Krieger. Obwohl jeder unserer bestausgebildeten Soldaten es mit Eurer Schwertkunst aufnehmen könnte, seid Ihr dennoch der Einzige, der sich als unser Anführer – unser König – erweisen wird können. Einzig Ihr könnt der König der Vereinten Völker werden.«
»König der Vereinten Völker? Das hört sich so dramatisch an«, entgegnete ich.
»Dies sind nicht meine Worte. Das Hexenweib hat davon gesprochen. Ich frage mich, was Euch so besonders auszeichnet.«
»Ich wusste nichts von der Prophezeiung oder meinem Schicksal! Zwar bin ich nun ein Freund Eures Volkes und werde im Falle einer Schlacht – möge sie nicht kommen – an Eurer Seite kämpfen, doch sobald sich die Prophezeiung als Trug erweist, werde ich in mein altes Leben zurückkehren.«
Meine Worte mussten den jungen Offizier amüsiert haben, denn anstatt Protest einzulegen, lachte er laut auf und schüttelte den Kopf. »Ihr missversteht mich, Preston. Ich zweifle nicht an Eurer Treue oder Eurem Eigensinn! Genauso wenig wie ich an der Prophezeiung zweifle, denn die Vergangenheit hat mich gelehrt, dass Zufälle nie in solchem Ausmaß auftreten. Nein, Ihr seid der Auserwählte. Doch was macht Euch so besonders? Was habt Ihr erlernt, das uns fehlt? Ihr kanntet das Hexenweib, was hat sie Euch erzählt oder gelehrt?«
Nachdenklich warf ich den Kopf zurück. Zweifellos war Marth der einzige männliche Elf, der mir und dem Hexenweib Vertrauen schenkte. Seine Frage war keine Kritik an meinen Fähigkeiten, sondern Neugier an meiner Vergangenheit. »Sie hat nie ein Wort über diese Prophezeiung verloren. Vor dem Tag, an dem sie ermordet wurde, hatten wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Als ich noch jung war, hat sie mich einmal auf eine Reise mitgenommen. Sie wollte, dass ich lerne, die Menschen nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen. Sie lehrte mich, dass Wohlstand nicht durch Besitz erlangt wird, dass man Gerechtigkeit nicht durch Gesetze, sondern Nachsicht und Verzeihen schafft. Auf der Reise erlernte ich die Schrift und verschiedene Handwerke. Wir hatten mit Händlern, Kaufleuten, Reisenden, Beamten, Handwerkern, Dienern, Knechten, Huren und Bettlern zu tun. Doch nie hatte ich den Eindruck, dass irgendeine spezielle Absicht dahinter stand. Nie wollte sie mich… auf etwas vorbereiten, wie Ihr es vermutet.«
»Was wäre, wenn doch? Was wäre, wenn sie diese Reise mit Euch angetreten hat, damit Ihr bestimmte Erfahrungen macht und Euch besonderes Wissen aneignet?«
»Das hätte sie dann alles jedoch schon lange im Vorhinein planen müssen!«
»Das hat sie gewiss getan, sie war sehr jung, als sie unsere Stadt zum ersten Mal aufgesucht hat.«
»Wie hätte sie so weit in die Zukunft blicken können?«
»Vielleicht, weil sie etwas wusste, das uns verborgen ist.«
»Ich hätte ja auch sterben können, und dann wären all ihre Bemühungen und Vorbereitungen vergebens gewesen.«
»Sterben?« Marth zog mit gespielter Überraschung die Augenbrauen zusammen. »Ich dachte, die Gottheiten würden über Euch wachen, wie könntet Ihr dann sterben?«
»Die Gottheiten? Hat sie das so gesagt?« Verblüfft fuhr ich mir mit den Händen durchs Haar.
»Sie meinte, dass über Euch gewacht werde – sofern Ihr je zu uns gelangt.«
»Was meint Ihr damit?«
Der junge Offizier wechselte mit der Elfe einen Blick. »Ihre Prophezeiung war stets an eine Gegebenheit gebunden. Einzig diese eine Sache würde darüber entscheiden, ob Ihr der Auserwählte seid oder doch nur ein gewöhnlicher Einsiedler.«
»Welche Gegebenheit?« Allmählich wurde ich ungeduldig.
»Mandossar müsse unsere Stadt angreifen, nachdem er zuvor die meisten Arasienstämme aus unseren Wäldern vertrieben habe.«
»Und?«
»Die Arasienstämme wurden bis auf eine einzige Ausnahme vernichtet«, erklärte die Elfe mit besorgter Miene.
»Was hat das zu bedeuten?«
»Dass all jene Arasien, die wir aufspüren konnten – auch jene, die Euch angriffen – einem einzigen Clan angehörten.«
»Einem Clan?«
»Ein Clan ist die Vereinigung einiger Stämme«, erklärte die Elfe.
»Das weiß ich! Doch warum nur ein Clan?«
»Selbst die klügsten Köpfe unserer Stadt haben darüber nur Mutmaßungen treffen können«, antwortete Marth.
»Es besteht ein altes Bündnis zwischen diesem Clan und den Menschen, das vor etwa drei Jahrzehnten neu besiegelt wurde.«
»Da ungefähr müsste ich geboren worden sein«, flüsterte ich leise. »Doch von diesem Bündnis – sofern es noch heute besteht – wissen die Bürger der Städte des Westlichen Reichs nichts. Andernfalls hätte ich davon erfahren.«




