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»Aber Elfen und Menschen waren einander noch nie freundlich gesinnt.«
»Man hat einander zwar gehasst, ja, doch auch als ebenbürtig eingeschätzt und toleriert. Niemand hat je zuvor versucht, unsere Stadt gezielt anzugreifen. Wie es scheint, ist Mandossar dies nun jedoch gelungen.«
»Der Kaiser hat unsere Stadt angegriffen?«, fuhr der Alte erschrocken dazwischen.
»Noch nicht«, antwortete ich. »Was hat das Hexenweib noch erzählt – abgesehen von dem Auserwählten.«
»Es ist unmöglich, Mandossar zu überwältigen. Er ist ein starker Krieger, von starken Kriegern umgeben. Einen Kampf gegen den Kaiser würde man nicht gewinnen, denn seine treuen Diener sind teils magischer Herkunft und es ist nicht möglich, sie alle zu vernichten. Es gibt keinen Krieger im Volk der Elfen, der den Kaiser zu einem Schwertkampf herausfordern könnte. Denn der Kaiser würde sich nicht auf den Kampf mit einem bedeutungslosen Krieger einlassen.«
»Abgesehen vom Auserwählten – der nicht aus eurem Volk stammt.«
»Sofern man an ihn glaubt!«
»Das Hexenweib tat es.«
»Das Hexenweib ist aber tot«, warf der Elf trotzig ein. In dem Moment pfiff der Wasserkessel und Shania erhob sich, um Tee aufzugießen. Anschließend stellte sie den Krug, in dem einige Kräuter und Blätter schwammen, zusammen mit drei Holzbechern auf den Tisch.
»Ja, sie sprach von dem Auserwählten. Von einem König, der fähig sein würde, die Völker zu vereinen. Um uns das mitzuteilen, war sie zu uns gekommen.«
»Warum sollte sie ausgerechnet zu euch kommen? Sie hätte genauso gut die Arasien aufsuchen können.«
»Einzig das Elfenvolk hat das Recht, einen König zu krönen. Die Menschen haben sich dieses Recht herausgenommen, ohne dass es ihnen zusteht. Der einzig rechtmäßige König ist jedoch der König der Elfen.«
»Anfangs waren sie Könige, nun sind sie Kaiser – und stehen damit über eurem Oberhaupt«, widersprach ich.
»Worte, alles nur Worte! Damit versuchten sie bloß ihren Betrug zu verschleiern.«
»Wenn es also einen Mann gäbe, der von den Elfen zum König der Vereinten Völker gekrönt würde, dann hätte dieser also genügend Ansehen, um den Kaiser herauszufordern?«
»Ja.« Der Elf verfiel in einen Flüsterton und starrte in den leeren Becher, der vor ihm stand. »Jeden anderen König würde der Kaiser schlagen, einzig der Auserwählte wäre in der Lage, Mandossar zu stürzen. Er allein könne die Macht des Kaisers brechen.«
»Warum? Was macht diesen Mann so besonders?«
»Sein Schwert. Ein Schwert, wie Ihr es tragt.« Der Alte hob den Kopf und sah mich von der Seite an.
»Wie kann ein Schwert darüber bestimmen, ob man dazu fähig ist, den Kaiser zu bezwingen?«
»Darüber schwieg das Hexenweib. Sie hütete dieses Geheimnis wie ihren Augapfel. Doch vermutlich war jemand dahinter gekommen, denn sonst hätten die Rejèss sie nicht ermordet.«
»Ihr meint, jemand ganz Bestimmter sei dahinter gekommen?«
»Kaiser Mandossar.«
Seufzend lehnte ich mich gegen die Stuhllehne. Erstmals schien die Prophezeiung einen Sinn zu ergeben. Laut dem Hexenweib gibt es nur einen Mann – mich –, der den Kaiser in einem Zweikampf besiegen könnte, doch müsste ich davor zum König der Vereinten Völker gekrönt werden, um über genügend Ansehen, Macht und Einfluss zu verfügen. Doch warum König der Vereinten Völker? Die Antwort dämmerte mir bereits, als der alte Elf zur Erklärung ansetzte.
»Der Kaiser hat also seinen Schlachtzug gegen Arasien und Elfen begonnen, nachdem er die vergangenen Jahre damit zugebracht hat, ein gewaltiges Heer aufzustellen. Nur wenn wir uns vereinen, könnte es uns gelingen, ihm zu trotzen.«
»Ein Völkerkrieg wird ausbrechen! Und es braucht einen Führer, der weder den Arasien noch den Elfen angehört«, schlussfolgerte ich.
»Ihr seht, junger Mann, Ihr seid der Auserwählte. Und nicht nur, dass Ihr zur rechten Zeit am rechten Ort seid, Ihr seid auch ein Krieger! Und ein Magier, und glaubt mir, ich spüre die Kraft in Euch, und die ist ungewöhnlich stark für einen Menschen. Man wird Euch nach Alphradon schicken müssen.«
Es herrschte Stille, während wir Tee tranken und das Gesagte überdachten. Wenn das alles stimmte, so war meine Bestimmung tatsächlich schon vor meiner Geburt festgestanden. Doch wie konnte das Hexenweib die Zukunft vorausgesehen haben, denn dies übertrifft alle Magie- und Hexenkünste? Hier ging es nicht um das Schicksal einzelner Seelen, sondern um das Schicksal der großen Völker.
»Wie konntet ihr alle nur so blind sein?«, fragte ich vorwurfsvoll. »Wieso habt ihr nicht längst schon ein Heer gebildet, das einen Angriff auf eure Stadt abwehren kann?«
Der Alte lachte laut auf, ehe er antwortete. »Preston, mein Guter. Ihr seid jung und kennt das Elfenvolk nicht, doch sagt mir, wie hätten wir handeln sollen? Ein Weib kam einst in unsere Stadt. Sie war von niederem Stand, eine Hure, und sie sprach vom Untergang unseres Volkes. Mandossar, ein zwar mächtiger, aber friedlicher Kaiser, würde uns vernichten wollen. Das klang nach einem lächerlichen Märchen! Natürlich waren wir schockiert, als dann die ersten Elfenverfolgungen einsetzten. Der Kaiser hatte sich tatsächlich gewandelt und machte eine Politik, mit der wir nicht mitgehen wollten! Doch reicht dies aus, um den Worten einer Hure Glauben zu schenken? Wir sollten uns jemandem aus einem anderen Volk unterwerfen? Einen König krönen, dessen Wort über dem unseres eigenen Königs steht?« Er schüttelte den Kopf und erhob sich von seinem Sessel. Als er zum Fenster ging und ins Licht trat, sah ich mit Erstaunen, dass die vielen tiefen Falten in seinem Gesicht wie weggezaubert waren. Auch war seine gebückte Haltung in eine aufrechte übergegangen, das lichte Haar schien an Dichte zugenommen zu haben. Es schien, als sei er innerhalb kürzester Zeit um Jahre jünger geworden.
»Shania, meine Liebe, führe unseren Freund durch die Stadt, zeige ihm die Kasernen und alten Gebäude – in der Bibliothek wart ihr ja bereits, vermute ich. Ich habe etwas mit dem Offizierstisch zu besprechen.«
»Sollte ich dann nicht…«
»Nein Shania, ich bitte dich, kümmere dich um unseren Freund. Ich werde als ehemaliger Sprecher deine Funktion übernehmen.« Man sah ihm an, dass er voller Tatendrang war.
»Wenn dies dein Wunsch ist, dann kommt.« Die Elfe deutete mir, ihr zu folgen, und trat vor die kleine Hütte. Als wir uns verabschiedeten, fiel mir ein, dass wir einander gar nie vorgestellt worden waren. »Verzeiht die Frage, Ihr kennt nun meinen Namen, doch wer seid Ihr?«
»Ich bin Aran. Aran, der Magier.« Der Elf lächelte und schob die Türe zu, ehe ich weitere Fragen stellen konnte.
»Ihr seht hungrig aus«, stellte die Elfe fest und ging zu ihrem Einhorn. »Kommt, suchen wir die Gemeinschaftsküchen auf.«
Jene Gemeinschaftsküche – es gab mehrere in der Stadt –, die wir aufsuchten, grenzte an eine der größten Kasernen. Shania trug einem Soldaten auf, sich um unsere Reittiere zu kümmern, während wir speisen wollten.
»Ihr scheint sehr viel Einfluss auf die Soldaten zu haben.«
»Ich bin Sprecherin des Offizierstisches. Man hat mir Gehorsam zu leisten.«
»Für einen Moment dachte ich, es sei Eure Schönheit, die die Männer bändigt und es unmöglich macht, Euch zu widersprechen.«
Erstmals sah ich die Elfe an diesem Tag lächeln. Sie biss sich verlegen auf die Lippen und zog die Augenbrauen hoch. »Ihr solltet das nicht zu laut sagen, sonst werdet ihr euch bei meinem Volk wohl nie beliebt machen.«
»Ihr seid vergeben? Verzeiht, ich wollte nicht… Natürlich, ich war töricht anzunehmen, eine Frau wie Ihr sei ohne Mann.«
Die Elfe lachte laut auf, woraufhin sich die Köpfe mehrerer Soldaten und Offiziere zu uns umwandten. Vor allem die Offiziere schienen mir nur hasserfüllte Blicke zuwerfen zu können. »Nein, ich bin nicht vergeben.«
»Warum sieht man mich dann so wütend an?«
»Schon mehrere hohe Offiziere und Edelmänner haben sich um mich bemüht, doch kaum einer von ihnen… brachte mich zum Lachen.«
»Ah, demnach sieht man es nicht gerne, wenn eine Frau lacht?« Die Elfe sah mich an, als hätte ich nicht begriffen, was sie mir gerade zu erklären versucht hatte.
Wir betraten eine große Halle, in der mehrere Bänke und Tische aneinandergereiht waren. Es war noch zu früh für das Mittagessen, doch die Halle begann sich allmählich zu füllen.
Nachdem wir bestellt hatten – ich ein gebratenes Stück Fleisch mit Kartoffeln und Bohnen, die Elfe zwei Äpfel und ein Stück Brot – setzten wir uns an einen der hinteren Tische. Während des Essens sprachen wir nicht miteinander, die Elfe war in Gedanken versunken und ich machte mich gierig über die köstliche Speisen her, denn es waren schon Monate vergangen, seit ich etwas so Schmackhaftes wie gebratene Kartoffeln und Bohnen zu mir genommen hatte.
Die dumpfen, schweren Schritte der Männer, die sich langsam näherten, nahm ich nur am Rande wahr.
»Was macht ein Menschenwesen im Herzen unserer Stadt?«, fragte eine raue Stimme.
Gut gelaunt hob ich den Kopf und blickte in ein finsteres Augenpaar. Ich wollte etwas erwidern, doch mein Mund war so voll, dass ich zuerst schlucken musste.
»Es stopft sich mit unseren Speisen den Bauch voll!« Der Elf, ein kräftiger junger Mann in Offiziersgewand, mit breiten Schultern, einer Narbe im Gesicht und rötlichem Haar, lachte laut auf und deutete seinen Männern, sich rings um uns aufzustellen.
»Ich hoffe doch sehr, das Fleisch hat Euch geschmeckt?«
Endlich hatte ich den Bissen hinuntergeschluckt, spülte mit einem Schluck Met nach und konnte antworten. »Ausgezeichnet, ihr Elfen versteht euch auf das Kochen!« Tatsächlich war dies als Kompliment gemeint und ich war auch zu gut gelaunt, um mich von dem Auftritt des Offiziers einschüchtern zu lassen.
Die Elfe hob kurz den Kopf, sah mich an und wandte sich dann wieder ihrem Apfel und ihren Gedanken zu.
Mit einer schnellen Bewegung warf der Offizier ein Messer, das im Fleisch, das auf dem Holzteller lag, stecken blieb. Mir spritzte Soße ins Gesicht, und während die Soldaten johlend aufbrüllten, wischte ich mir sorgfältig das Gesicht ab und zog das Messer aus dem Fleisch. Ruhig und gelassenen säuberte ich die Klinge mit einem Tuch, stand auf und hielt dem Offizier sein Messer hin. »Ich glaube, das gehört Euch. Es muss Euren Fingern entglitten sein. Bestimmt ein Versehen, doch es hätte jemanden verletzen können!« Ich schenkte ihm ein Lächeln, nahm den Teller, um ihn zur Speisenausgabe zurückzutragen, und wandte mich zum Gehen, als der Offizier mich grob von hinten packte und mir gewaltsam seinen kräftigen Arm um den Hals legte.
Ich schleuderte ihm mit aller Kraft den Teller in das Gesicht und befreite mich aus seinem Griff. Er schrie wütend auf, und ich versetzte ihm noch einen Schlag mit der Faust, sodass er zurücktaumelte.
Die Soldaten, die mich umringten, zogen ihre Schwerter, doch waren sie so verunsichert, dass es mir ein Leichtes war, den ersten beiden die Klinge aus der Hand zu treten.
Schnell sprang ich auf den Tisch und wich den Hieben jener Männer aus, die mich nun umzingelten.
Ich zog mein Schwert, und es stellte sich bald heraus, dass die Soldaten im Schwertkampf nicht sehr geübt waren.
Der Offizier war inzwischen wieder auf die Beine gekommen und stieß wüste Beschimpfungen aus. Er sprang auf den Tisch und schlug mit dem Schwert auf mich ein.
Zweifellos war dieser Elf ein geübter Kämpfer. Seine Schläge waren präzise ausgeführt und mir gelang kein einziger Gegenangriff. Es schien, als wären wir einander ebenbürtig, doch während mich der Kampf nur wenig Kraft kostete, tropfte von der Stirn des Soldaten bald der Schweiß.
Mit ein paar schnellen Hieben lockte ich ihn schließlich aus der Deckung und trat ihm in einem günstigen Moment kräftig gegen die Brust, sodass er mit dem Rücken gegen die Tischplatte prallte. Noch bevor ihm jemand zu Hilfe kommen konnte, war ich über ihn hinweggesprungen und hatte sein Schwert beiseite geworfen. Schließlich drückte ich ihm die Klinge meines Breitschwertes an den Hals. »Wagt es nicht noch einmal, einen Mann von hinten anzugreifen!«, schrie ich ihn wütend an.
Den herbeieilenden Soldaten gab der Offizier Anweisung zurückzubleiben. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?«, fragte er mich dann.
»Mein Name ist Preston, ich bin ein Einsiedler und komme aus den Wäldern des Nordens. Ich war hier, um Fleisch mit Bohnen und Kartoffeln zu essen, doch Ihr habt mir dies verwehrt!« Bei dem Gedanken, dass der Offizier mich um mein Mittagsmahl gebracht hatte, stieg erneut Wut in mir auf.
»Spürt Ihr die Klinge?« Meine Stimme war ruhig und bedrohlich geworden.
»Ich fühle Magie in dem Schwert…«, stellte der Mann entsetzt fest. Es kam zwar nicht selten vor, dass Gegenstände voller Magie waren, doch wenn es sich dabei um eine Waffe handelte, war das besonders beängstigend.
»Fühlt Ihr die Kälte des Stahls?« Ich drückte die flache Seite der Klinge gegen seinen Hals. Zuerst geschah nichts, doch plötzlich zuckte der Mann mehrmals zusammen und begann zu schreien.
»Was, bei all den Gottheiten, geht hier vor?«, polterte eine vertraute Stimme. Offizier Haren hatte soeben in Begleitung mehrerer Männer den Saal betreten.
Langsam nahm ich die Klinge vom Hals des Elfs und stieg vom Tisch, während Haren auf den Offizier zueilte und die Narbe begutachtete. »Bringt ihn zu einem Heiler. Sagt ihm, die Wunde ist durch Magie entstanden, nicht durch erhitztes Metall!«
Als die jungen Soldaten den besinnungslosen Offizier hinausgetragen hatten, wandte sich Haren mit funkelnden Augen mir zu. »Wie könnt Ihr es wagen, einen Offizier unseres Volkes anzugreifen?«
»Wie könnt Ihr es wagen, Euren Männer nicht zu sagen, wer ich bin? Oder ist dies ein Teil Eurer Gastfreundschaft. Ich bin gegen meinen Willen in diese Stadt gekommen, und wie es scheint, werdet Ihr jeden Krieger brauchen, der sich bereit erklärt, für Euer Volk zu kämpfen. Ich habe diesen Treueschwur geleistet und werde ihn auch nicht brechen – doch wagt es nicht, Euch mir in den Weg zu stellen! Wagt es nicht, eine Klinge gegen mich zu erheben, Elfenmann!« Nun war ich es, der den Offizier wütend anfunkelte. Meine Hand hielt den Griff des Breitschwertes fest umschlossen.
»Er ist wahrlich ein starker Krieger, nicht wahr?« Aran, der Magier, war neben Haren getreten. Die dunklen Ringe unter seinen Augen waren völlig verschwunden. Das Haar hatte eine braune Färbung angenommen und die Finger umschlossen den Stab, den der Magier nun wie eine Waffe, nicht wie eine Krücke hielt. »Ich kann mich nicht erinnern, dass je zuvor jemand unseren Feldherrn in einem Zweikampf bezwungen hätte.«
»Ob Auserwählter oder nicht, Ihr habt Euch an unsere Gesetze zu halten!« Haren seufzte und deutete mir, das Schwert sinken zu lassen. »Dagara ist ein hitzköpfiger Offizier, er täte gut daran, sich zurückzuhalten, richtet ihm das aus«, wandte er sich an einen der Offiziere von niederem Rang, die neben Aran standen. Dann stieg er auf den Tisch und sah sich in der Halle um. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. »Ihr Soldaten, eine düstere Zeit steht uns bevor!«, rief er über die Köpfe hinweg. »All jene, die noch keine bestimmte Aufgabe zugewiesen bekommen haben, sollen sich in den Kasernen versammeln. Die Offiziere werden euch neue Anweisungen geben.«
Gemurmel hob an. Die Männer sprachen verwirrt durcheinander, bis Haren die Arme hob und sie alle verstummten. »Es wird euch alles erklärt werden, jedoch in den Kasernen. Nun aber geht. Eines noch, ehe ich es vergesse: Preston, der Mensch, steht fortan unter dem Schutz von König Rafra, dem König von Alphradon und des Elfenvolks.«
Mit einem Schlag verstummten die Stimmen der Soldaten, die nun in Scharen zu den Eingangstoren eilten. Man würde mich also zum König der Elfen schicken! Obwohl es mich ehrte, stieg auch Furcht in mir auf. Was jedoch fürchtete ich? Wovor erzitterte selbst ich? Vielleicht, weil nun endgültig klar war, dass der Kaiser seinen Feldzug gegen das Elfenvolk begonnen hatte. Doch warum berührte mich das so sehr? Die Elfen konnten mich nicht ausstehen, und zugegebenermaßen empfand ich genauso wenig Zuneigung zu ihnen – mit wenigen Ausnahmen. Es war etwas anderes, das nun so schwer auf meinen Schultern lastete. Vielleicht war es die Verantwortung, die ich nun hatte. Wie sehr hatte ich mich früher danach gesehnt, kein Ausgestoßener mehr zu sein, sondern geschätzt zu werden wie jene, die den Namen ihrer Vorväter kennen. Es war, als sei mir plötzlich eine Vergangenheit gegeben worden.
Was war es nun also, das mich so erdrückte? War es die Erkenntnis, dass das Hexenweib nicht aus Versehen oder einem nichtigen Grund getötet worden war, sondern dass dahinter eine Verschwörung steckte, eine wirre Geschichte, die selbst den weisesten Elfen ein Rätsel war? Die Bestimmung, von der das Hexenweib sprach, holte mich aus meinem bedeutungslosen Dasein heraus und ich fand mich in der Rolle eines Auserwählten wieder. Ein Auserwählter, der zum König der Vereinten Völker gekrönt werden sollte. Was aber unterschied mich von allen anderen Kriegern und Magiern? War es, dass die Gottheiten über mich wachten?
»Preston!« Die eindringliche Stimme des alten Magiers riss mich aus meinen Gedanken.
»Verzeiht, ich war…« Ich presste die Hände gegen meine Stirn, als mich ein Schwindelgefühl überkam. Ich kippte zur Seite, wurde jedoch aufgefangen und von den Armen meiner wunderschönen Elfe gehalten. »Ihr seht erschöpft aus«, bemerkte Shania besorgt und half mir auf die Beine.
»Mir geht es gut, ich war nur…«
»Preston«, unterbrach mich Aran. »Ihr solltet Euch hinlegen.«
»Nein, es geht mir gut.« Ich amtete tief durch und sah den Magier eindringlich an. »Dann ist es also wirklich wahr? Mandossar wird Dagorra angreifen?«
Aran wechselte einen schnellen Blick mit Haren, der sich umdrehte und den Männer befahl, ihm zu folgen. Als wir alleine waren, fuhr der Magier fort. »Es ist zu früh, dies zu bestätigen, doch haben die Hohen Offiziere eingesehen, dass die Dinge sich… nicht zufällig ergeben haben. Unser König soll über Euer Schicksal entscheiden. Wir haben bereits einen Boten vorausgeschickt. Ihr werdet in den nächsten Tagen ebenfalls aufbrechen, egal was geschieht.«
»Was aber geschieht mit mir, wenn diese Prophezeiung nicht eintrifft und der Kaiser gar nicht am Elfenvolk interessiert ist?«
»Ihr habt uns bewiesen, dass Ihr ein erfahrener Krieger seid. Nur ungern würden wir jemanden wie Euch verlieren wollen. Ihr eignet Euch etwa für die Braunen Kutten, die Leibgarde unseres Königs. Vielleicht werdet Ihr in die Leibgarde aufgenommen und könnt in Alphradon verschiedene Schwertkünste erlernen. Oder Ihr erforscht die Hintergründe der Ermordung des Hexenweibs. Doch auch dafür müsst Ihr in unsere Hauptstadt reisen, denn auch sie war einst in Alphradon.
Was auch geschieht, Eure Zukunft beginnt mit der Reise nach Alphradon – wo die Reise enden soll, ist Eure Entscheidung, wir werden Euch zu nichts zwingen.« Der Magier sah mir forschend in die Augen. »Und nun geht, Shania soll sich um Euch kümmern. Ihr habt eine Menge erfahren und braucht Zeit, um darüber nachdenken zu können!«
»Die Bürger wirken beunruhigt.« Ich hielt die Zügel des Einhorns und meines Pferdes in den Händen, während Shania Vahn versuchte, die Tür einer Scheune zu öffnen. Schließlich schob sie das Tor zur Seite und nahm mir die Zügel ihres Reittieres wieder ab.
»Haren beruft die Soldaten ein. Von einem Angriff ist derzeit noch keine Rede, doch hat sich schnell herumgesprochen, dass ein fremder Mann in unsere Stadt gekommen ist und die Hohen Offiziere seitdem ungewöhnlich angespannt sind. Auch wenn sie es nicht wirklich glauben – oder glauben wollen –, so weiß insgeheim doch jeder, dass uns ein Angriff bevorsteht.« Shania holte tief Luft, ehe sie ihr Einhorn in die Scheune hineinführte.
Eine Weile stand ich noch auf der Straße und betrachtete die Bürger. Die Frauen eilten mit vollen Körben von den Märkten nachhause zurück. Händler, die Schuhwerk, Kleidung, Taschen oder Waffen verkauften, schienen ungewöhnlich viel Kundschaft zu haben. Jeder fühlte anscheinend instinktiv, dass eine Bedrohung in der Luft lag. In den nächsten Tagen würde etwas Ungewöhnliches, vielleicht etwas Schreckliches geschehen. Was mochte es wohl sein? Eine Schlacht? Oder eine Reise? Packtiere wurden beladen, Karren bespannt, viele rüsteten sich, die Stadt zu verlassen. Vermutlich würden sie Verwandte in den anderen Elfenstädten aufsuchen, wo es sicherer war, bis sich die Lage beruhigt hatte und Gewissheit herrschte. Gewissheit darüber, ob die Stadt Dagorra in Gefahr sei oder dem Elfenvolk etwas anderes drohe. Doch zweifellos war dieser Ort nicht mehr sicher. Wer nicht als Soldat bei den Wachen eingeteilt war oder bei der Aufrüstung der Stadtmauern und der Waffenkammern mithelfen musste, tat gut daran, seine Abreise vorzubereiten.
Als ich Nothon in den Stall brachte, wo ich ihm den Sattel abschnallte und er frisches Heu fressen konnte, wartete die Elfe neben ihrem Einhorn. Auch sie war von der Furcht ergriffen worden, die sich in der Stadt ausgebreitet hatte.
»Bestimmt schenken wir dieser Prophezeiung bloß zu viel Beachtung!«, versuchte ich sie zu beruhigen und trat näher an sie heran. »Wer weiß, vielleicht hat das Hexenweib alles nur erfunden, um mir ein Leben bei den Elfen zu ermöglichen? Wie sonst hättet Ihr mich in Eurer Stadt aufgenommen oder wie sonst wäre ich Euch begegnet?« Als sie mich ansah, war ich sofort wieder von ihrer überirdischen Schönheit gebannt. Wie konnte eine so wundervolle Frau ohne Mann sein?
»Schweigt«, sagte sie leise und trat gleichzeitig etwas näher. Sie berührte den Stoff meines Gewandes und lehnte ihren Kopf gegen meine Brust. »Nicht der Zufall hat über Euer Schicksal bestimmt! Ihr seid hier, weil es der Wille der Gottheiten ist.«
»Doch wie kann es der Wille der Gottheiten sein, dass ein Kaiser, von Macht besessen, das Elfenvolk vernichtet?«
»Dagorra ist nur eine Stadt.« Sie hob den Kopf und sah mich an. Unsere Gesichter waren nur wenige Finger breit voneinander entfernt. »Ein Krieg der Völker würde Jahre dauern. Das ganze Land, das Westliche Reich und auch der Osten, wäre ein einziges Schlachtfeld. Doch dies würde erst der Anfang sein.«
»Mandossar hat nicht genügend Soldaten für einen solchen Krieg!«, versuchte ich ihre trüben Gedanken zu verscheuchen.
»Doch sein Heer ist groß genug, um unsere Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Ist erst einmal das gesamte Westliche Reich erobert, sind dem Machthunger des Kaiser keine Grenzen mehr gesetzt.«
»Noch ist nichts geschehen!« Ich umfasste sanft Shanias Schultern. »Wir beide können den Lauf der Geschichte nicht verändern. Wir können nur leben und kämpfen, hier und jetzt.« Ich bemerkte, dass ihr Körper leicht zitterte. »Euch ist kalt, kommt, wir sollten ins Warme gehen.«
Die Wohnstube der Elfe war direkt über dem Stall. Durch die kleinen Risse im Holzboden stieg an den kalten Wintertagen die Wärme aus dem Stall empor, wo neben dem Einhorn auch Schweine, Hühner und Rinder untergebracht waren. Die Wände waren schmucklos, aber sauber. Auch war der Boden gründlich gefegt worden. Von der Treppe führte ein Gang bis ans andere Ende des Hauses.
»Ich habe dieses Haus von meinem Großvater geerbt. Einst wohnten hier mehrere Familien, doch da ich alleine bin und es keine weiteren Nachkommen gibt, habe ich die Hälfte des Hauses den Dienstboten überlassen. Sie kümmern sich im Gegenzug dafür um die Stalltiere und um das Haus, während ich meinen Arbeiten als Sprecherin des Offizierstisches nachkomme«, erklärte die Elfe, während wir den Gang entlanggingen. Wir kamen an einer Kammer vorbei, die direkt über der Güllegrube lag, was einen unangenehmen Gestank zur Folge hatte. »Es riecht zwar nicht sonderlich angenehm, doch ist dies eines der wenigen warmen Häuser, und es gibt sogar einen eigenen Raum zum Verrichten der Notdurft. In unseren Städten gibt es dafür gemeinschaftliche Räume und eine Kanalisation führt die Kloake zu großen Gruben außerhalb unserer Stadt, aber in der kalten Jahreszeit ist man dankbar, wenn man dafür das eigene Haus nicht zu verlassen braucht. Kommt, ich stelle uns einen Tee auf.«
Wir saßen in der großen Wohnstube. Der Boden und die Wände waren mit dicken Teppichen und Tierfellen ausgelegt, der große Tisch, an dem wir unseren Tee tranken, stand neben einer gemauerten Feuerstelle, über der ein großes Bettgestell angebracht war.




