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Als der Krieg endlich zu Ende ging, verliess Thomas Reusser mit seiner kranken Frau und seinen drei Kindern Serbien und kehrte in die Schweiz zurück. Dunja wurde in die Psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie sich nur langsam von ihrem Trauma erholte. Thomas Reusser fand eine Stelle als Arzt im Kantonsspital Luzern, die es der Familie ermöglichte, wenigstens finanziell ein sorgloses Leben zu führen. Aber auch er war nicht mehr derselbe. Für die Kinder, die um eine fröhliche und unbeschwerte Kindheit gebracht worden waren, erwies sich der Weg in die Normalität ebenfalls als schwierig. Sanja musste sich nach ihren traumatischen Erlebnissen psychologisch betreuen lassen. Sie litt unter Angstzuständen. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, sich laufend umzudrehen, weil sie sich verfolgt fühlte. Hinter allem witterte sie eine Gefahr. Ständig war sie in Alarmbereitschaft, litt unter Schweissausbrüchen, Zittern, Herzrasen und Atemnot. Mithilfe ihres Psychologen gelang es ihr in langen und intensiven Gesprächen, diese lähmende Angst zu bewältigen und ein einigermassen normales Leben zu führen. Vergessen konnte sie ihre traumatischen Erlebnisse nicht, die Panikattacken suchten sie aber nur noch bei seltenen Gelegenheiten heim.
Zum Glück hatte ihr Vater Schweizerdeutsch mit den Kindern gesprochen, sodass sie sprachlich keine Probleme hatten. Sanja verfolgte nur ein einziges Ziel. Sie wollte Hauptkommissarin bei der Mordkommission werden, und zwar die Beste. Sie wollte das Schlechte und Böse bekämpfen. Sie kannte nichts anderes, als sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen. In zwei Monaten würde sie von Peter Caduff die Leitung der Mordkommission übernehmen.
Sie war bereit.
6
Caduff, Sanja und Philipp gönnten sich einen Kaffee auf der Hotelterrasse, die am Morgen noch im Schatten lag, und besprachen das weitere Vorgehen. Sanja fröstelte und zog sich immer weiter in ihre zu grosse rote Jacke zurück. Ihre Hände verschwanden in den Ärmeln und mit einer energischen Geste zog sie die Kapuze über ihren Kopf. Böse Zungen sagten ihr nach, sie kopiere die Übergrössen von Caduff.
Philipp berichtete, dass die Videoüberwachung im Hotel seit einiger Zeit defekt war. Der dafür zuständige junge Angestellte, Sven Guggisberg, hatte es versäumt, sie vom Hersteller reparieren zu lassen. Caduff schüttelte enttäuscht den Kopf. Überwachungskameras hatten sich oft als Segen für die Polizeiarbeit erwiesen. Manch Unerwartetes konnte entdeckt werden. Was für ein Schlendrian, dieser Guggisberg!
Caduff plante ein Gespräch mit dem Zimmermädchen, das den Getöteten gefunden hatte, während sich Sanja und Philipp den Hotelgästen widmeten. Danach, um 10:00 Uhr, würden sich Sanja und Caduff Klara Niedermann vornehmen.
Nils Sägemann, der Hoteldirektor, erschien auf der Terrasse und begrüsste die drei Kommissare. Es schien ihm besser zu gehen. Alles in allem machte er einen ausgeruhten Eindruck. Wie schnell man sich von einem Mord erholen kann, dachte Caduff, nicht ohne ein leises Gefühl von Bitterkeit. Er selbst fühlte sich wie in der Waschmaschine geschleudert und hoffte auf die Wirkung des schwarzen Kaffees.
»Das Zimmermädchen, Maria Violetti, erwartet Sie bereits im Vernehmungsraum. Ich hoffe, dass dieser Ihren Anforderungen entspricht.«
»Wunderbar. Alles bestens, vielen Dank«, entgegnete der sonst so wortkarge Philipp Müller unaufgefordert. Caduff bedachte ihn mit einem erstaunten Lächeln.
Alle drei erhoben sich und Caduff begab sich in den Vernehmungsraum. »Guten Morgen, Frau Violetti. Ich sehe, dass es Ihnen besser geht. Das freut mich sehr«, begrüsste er die junge Frau und gab ihr die Hand, die sie erstaunlich kraftvoll drückte. Interessiert betrachtete er sie. Ihre langen schwarzen Haare, die heute wie bei Sanja zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden waren, glänzten. Sie hatte ein schmales Gesicht und eine Stupsnase.
Caduff lächelte die junge Frau an und dachte an seine Frau. Carole fand Menschen mit Stupsnasen zum Gähnen langweilig, während sie bei ihm Schutzgefühle auslösten. Insgeheim verdächtigte er seine Frau, neidisch auf Frauen mit Stupsnasen zu sein. Caroles Geruchsorgan konnte man getrost als Hakennase bezeichnen. Aber sie war stolz auf ihre, wie sie sagte, Charakternase und ihren feinen Spürsinn.
Maria betrachtete ihn mit ihren schwarzen Augen und bestätigte, dass es ihr heute viel besser ginge. »Ich habe noch nie im Leben eine Leiche gesehen, ausser im Fernsehen. Und vor allem bin ich noch nie über eine gestolpert«, entschuldigte sie sich.
»Natürlich, das verstehe ich. Es war kein schöner Anblick, nicht einmal für uns Hartgesottenen. Erzählen Sie mir doch bitte, wann Sie gestern das Zimmer betraten und was passierte. – Ist das für Sie möglich?«, schob er nach und betrachtete sie mitfühlend.
»Ja, natürlich. Ich begann meine Runde wie üblich um 19:00 Uhr, weil die meisten Gäste um diese Zeit auf der Terrasse ihren Apéro geniessen. Meine Aufgabe ist es, die Wäsche zu überprüfen und auszuwechseln, die Bettüberwürfe aufzuschlagen und die Pyjamas dekorativ auf den Betten zu drapieren. Ich mache diese Arbeit gerne, weil es um diese Zeit so still ist. Man kann so schön seinen Gedanken nachhängen.«
»War es gestern ebenfalls still?«
Maria Violetti runzelte die Stirn und dachte über den gestrigen Abend nach. Liebend gern hätte sie sämtliche Geschehnisse verdrängt und vergessen, aber sie wusste, dass sie möglichst detailgetreu berichten musste, um der Polizei zu helfen. Es war ihr aber auch klar, dass sie nicht viel zu erzählen hatte. Ausser der Leiche hatte sie nichts Aussergewöhnliches bemerkt. Diese war allerdings mehr als aussergewöhnlich.
»Ja, es war ausgesprochen ruhig im Haus«, ging sie auf die Frage ein und sah zur Tür. Es hatte geklopft.
Sanja trat kommentarlos ein und setzte sich zu Caduffs Erstaunen neben ihn. Ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen, erzählte Maria von dem älteren Ehepaar, mit dem sie kurz in Zimmer 120 geplaudert hatte. Danach habe sie das Todeszimmer betreten, wie sie es nannte. Caduff fand den Ausdruck makaber. Sie berichtete, wie sie von der Sonne geblendet wurde und zum Fenster ging, ohne auf den Boden zu achten. Plötzlich sei sie gestolpert und habe sich neben der Leiche liegend wiedergefunden. Bei dieser Erinnerung schüttelte sie sich wie ein nasser Hund.
Caduff war froh, dass sie nicht weinte. Zwar war er in seinem Beruf daran gewöhnt, weinende Menschen zu sehen und zu trösten. Trotzdem fühlte er sich oft hilflos. Wie schön müsste es sein, den Menschen positive Nachrichten zu überbringen, in strahlende Gesichter zu blicken und ihren Dank zu spüren. Aber als Kommissar der Mordkommission war das nicht oder nur in wenigen Ausnahmefällen möglich.
»Was geschah dann?«, nahm Sanja den Faden wieder auf.
»Ich lief aus dem Zimmer und blieb im Flur bei einem offenen Fenster stehen. Mir war speiübel. Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich habe eine Gedächtnislücke bis zu dem Moment, als mein Freund kam. Das Notfallteam hat sich um mich gekümmert und mich nach Hause gelassen, als es mir etwas besser ging. Es tut mir leid, ich weiss, dass ich Ihnen keine Hilfe bin.«
Nun begann Maria doch zu weinen. Sanja legte ihr tröstend eine Hand auf den Arm, was sie beruhigte. »Das verstehen wir, machen Sie sich keine Vorwürfe«, sagte sie. Caduff war überrascht, dass sie ihre Einfühlsamkeit zeigte. Sie konnte es also doch – wie erfreulich. Diese Seite hatte sie bisher viel zu selten offenbart.
»Arbeiten Sie schon lange im Hotel Seeblick?«
»Nein, nur während der Semesterferien im Sommer als Hilfskraft. Herr Sägemann gibt mir seit einigen Jahren diese Chance, um Geld zu verdienen. Er ist ein grosszügiger Mensch und kümmert sich sehr um seine Angestellten. Während der Coronakrise wurde das noch deutlicher. Er war immer für seine Leute da. Und als ich ihn fragte, ob ich wieder zwei Monate als Hausmädchen arbeiten könnte, zögerte er keinen Augenblick und gab mir einen Vertrag.«
»Was studieren Sie?«
»Im Herbst werde ich mein Studium als Lehrerin abschliessen. Darauf freue ich mich sehr. Dass ich diese Ausbildung machen konnte, verdanke ich meinen Eltern. Sie sind einfache Leute und haben auf vieles verzichtet, um mich finanziell zu unterstützen. Für sie war das selbstverständlich. Der Job hier im Hotel erlaubte mir trotz allem eine gewisse Unabhängigkeit, deshalb war er mir immer so wichtig. Bald ist das alles Vergangenheit«, ergänzte sie und lächelte.
Ihr Lächeln erreichte ihre Augen. Maria Violetti wirkte ausgesprochen sympathisch. Caduff sah ihr an, dass sie Italienerin war. Er sah ihr auch an, dass sie glücklich war, wenn sie nicht gerade über eine Leiche stolperte.
»Wo leben Ihre Eltern?«, fragte Sanja.
Caduff war sich nicht klar, ob er diese Frage für angebracht hielt oder doch für etwas zu neugierig. Aber die junge Frau gab bereitwillig eine Antwort.
»In Luzern. Sie sind allerdings beide waschechte Venezianer. Die ersten Lebensjahre verbrachte ich in Italien. Als ich ins Gymnasium wechselte, zogen wir in die Schweiz. Seither lebe ich hier und fühle mich als Schweizerin. Mein Freund und ich werden nächstes Jahr heiraten und in der Umgebung bleiben. Er ist auch Lehrer. Und wir wünschen uns Kinder.«
Sie lachte fröhlich und schien zu vergessen, weshalb sie mit Caduff und Sanja sprach. Caduff lächelte. So jung und unbeschwert müsste man nochmals sein!
»Das freut mich. Absolvieren Sie den Rundgang mit dem Wäsche-Servicewagen jeden Abend?«, fragte er, obwohl es ihm schwerfiel, sie in die Realität zurückzuholen.
»Nein, wir wechseln uns ab.« Die beiden Kommissare tauschten einen schnellen Blick. »Wie dürfen wir das verstehen?«
»Das bedeutet, dass sich Sven Guggisberg und ich alle vier Tage abwechseln. Vier Tage macht er den Rundgang, die nächsten vier Tage übernehme ich.«
»Sven Guggisberg? Ist der nicht für den technischen Dienst zuständig?«
Marias eben noch heiterer Gesichtsausdruck verschwand und eine steile Sorgenfalte bildete sich zwischen ihren Augen.
»Das ist richtig. Bitte fragen Sie ihn selbst oder wenden Sie sich an den Direktor. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sven ein netter und zuverlässiger Typ ist«, antwortete sie und war offensichtlich nicht bereit, sich weiter über ihren Kollegen auszulassen.
Verwundert sah Caduff zu Sanja, die ihm mit den Augen Zeichen machte, die er nicht verstand.
»Was ist?«, fragte er leicht genervt.
»Ich bin bei euch reingeplatzt, weil ich mit dem Hoteldirektor ein interessantes Gespräch über Sven Guggisberg führte. Es ist eine längere Geschichte. Guggisberg hat heute seinen freien Tag, aber ich bin überzeugt, dass sich ein Gespräch mit ihm lohnt.«
»Brauchen Sie mich noch? Ich habe viel Arbeit zu erledigen«, unterbrach Maria. Seit der Name Sven Guggisberg gefallen war, schien sie das Vernehmungszimmer möglichst schnell verlassen zu wollen.
»Nein, Sie können gehen. Aber halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.«
Maria erhob sich und verliess den Raum. Sie nahm sich nicht die Zeit, den beiden Kommissaren die Hand zu reichen. Ein »Auf Wiedersehen« murmelte sie mehr, als dass sie es laut aussprach.
»Gut, sprechen wir morgen mit diesem Guggisberg, wenn er wieder im Dienst ist«, entschied Caduff und sah Sanja an. »Schreib aber bitte trotzdem einen Bericht über deine Besprechung mit dem Hoteldirektor. Sobald ich Zeit habe, werde ich ihn lesen.« Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. »Jetzt ist es höchste Zeit, Klara Niedermann zu treffen. Ich bin gespannt, was sie uns erzählt. Am Nachmittag schaue ich bei Bamert in der Rechtsmedizin vorbei und bin danach im Büro. Ich erwarte deinen Bericht bis um 15:00 Uhr auf meinem Tisch. Kannst du Philipp Bescheid geben, dass ich seine Rapporte über die Gespräche mit den Hotelgästen ebenfalls bis 15:00 Uhr brauche?«
Sanja nickte zustimmend und machte sich Notizen.
7
Klara Niedermann betrat zögernd den Raum. Ohne ihre Freundin wirkte sie noch kleiner, verloren und scheu wie ein Reh. Im Türrahmen blieb sie unschlüssig stehen.
Caduff erhob sich und begrüsste sie freundlich. Sanja tat es ihm gleich und bedeutete ihr mit einer einladenden Geste, auf dem Sessel, auf dem eben noch Maria Violetti über den gestrigen Abend berichtet hatte, Platz zu nehmen. Die beiden Kommissare setzten sich ihr gegenüber.
Klara trug dieselben Kleider wie am Vortag: eine helle Jeans und einen beigen Pullover. Sie war ungeschminkt und blass. Sie war kein Prachtweib, wie der unangenehme Peter Meierhans sie genannt hatte. Dieser Begriff passte eher zu Kim Lacher, dachte Caduff, auch wenn er ihn abschätzig gegenüber Frauen fand und nie gebrauchen würde. Er fand Klara Niedermann apart. Obwohl es bereits warm war im Raum, schien sie zu frieren.
»Geht es Ihnen besser?«, begann Caduff das Gespräch, obwohl er ihr ansah, dass sie nicht viel geschlafen hatte. Sie sah noch zerknittert und verweint aus, wofür er volles Verständnis hatte. Wenn er sich vorstellte, jemand würde seiner Carole ein Leid antun. Nicht auszudenken, wie es ihm dann gehen würde!
»Frau Niedermann, für unsere Ermittlung ist es wichtig, mehr über Ihren verstorbenen Mann zu erfahren. Wie hiess er mit Vornamen?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte. Er wollte sie mit einfachen Fragen auf den Kern des Gesprächs vorbereiten.
»Benno«, kam die einsilbige Antwort.
»Bitte erzählen Sie uns von Ihrem Mann. Was machte er beruflich? Wie war er als Vater und als Ehemann? Erzählen Sie uns einfach, was Ihnen durch den Kopf geht.«
Klara Niedermann sass auf ihrem Stuhl und sah mit leerem Blick an ihm vorbei. Caduff war nicht sicher, ob sie tatsächlich überlegte oder mit ihren Gedanken weit weg war. Er wartete und spürte, dass Sanja neben ihm langsam ungeduldig wurde. Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und signalisierte ihr, ruhig zu bleiben.
Endlich nahm Klara Augenkontakt mit ihm auf. »Benno ist dreiundfünzig. Benno war dreiundfünfzig«, korrigierte sie sich. »Ich kann es nicht fassen, dass er nur dreiundfünfzig Jahre alt wurde. Dabei war er kerngesund …« Tränen schossen ihr wieder in die halbgeschlossenen Augen und liefen ihr über die Wangen bis zu den Mundwinkeln. Energisch wischte sie sie weg.
»Wir haben zwei Kinder, Balz und Laura. Nach unserem Gespräch fahre ich nach Hause zu ihnen. Sie wissen noch nicht, was geschehen ist. Ich wollte sie gestern nicht beunruhigen. Ich möchte ihnen und meiner Mutter die traurige Nachricht heute persönlich überbringen. Wenn sie die Wahrheit erfahren, werden sie mich dringend brauchen.«
Klara war nicht mehr fähig, weiterzusprechen. Der Kloss in ihrem Hals wurde grösser und sie schluckte heftig. Caduff und Sanja warteten ab, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte.
»Selbstverständlich können Sie heute zu Ihren Kindern fahren. Sobald wir dieses Gespräch beendet haben«, bestätigte Caduff, worauf sich Klara ein wenig entspannte. »Ich habe nur ein paar Fragen. Welchen Beruf hatte Ihr Mann?«
»Mein Mann war Banker. Er war Private Banker, um genau zu sein. Er war mit der Bank verheiratet.«
Als Klara bewusst wurde, was sie gesagt hatte, schlug sie sich erschrocken eine Hand vor den Mund. »Unsere Ehe war vorbildlich, nicht dass Sie falsche Rückschlüsse ziehen. Wir waren glücklich miteinander. Uns verband wesentlich mehr als die Ehe und unsere beiden Kinder«, bemühte sie sich um Richtigstellung. Sanja kniff die Augen zusammen, was erfahrungsgemäss darauf schliessen liess, dass sie skeptisch war.
Caduff erwartete ihre Reaktion, die prompt nicht auf sich warten liess. »Was verband Sie mehr als die Ehe und Ihre gemeinsamen Kinder, Frau Niedermann?«
Klara sah Sanja aus tränennassen Augen an. »Das heisst nichts anderes, als dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten. Wir waren immer füreinander da, falls Sie sich das vorstellen können. Sind Sie verheiratet?«
Ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen. Es war nicht zu überhören, dass sie von diesem Gespräch genervt war und sich überfordert fühlte. Als Sanja nicht antwortete, hakte Klara nach. »Sind Sie verheiratet?«
Sanja verneinte. »Also können Sie mich nicht verstehen und meine Situation nicht nachvollziehen«, triumphierte Klara. Die Stimmung wurde aggressiver. Caduff versuchte, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Könnte es sein, dass Ihr Mann Feinde hatte?«
»Feinde? Mein Mann hatte nicht mehr Feinde als jeder andere Banker auch. Das Geschäftsleben sei kein Ponyhof, erklärte er immer seinen Kunden, wenn er sie enttäuschen musste. Und Sie als Polizist machen sich definitiv keine Freunde mit Ihrer Fragerei. Meinen Sie, Benno sei selbst schuld an seinem Tod? Oder glauben Sie, dass ich ihn erschlagen habe?«
»Natürlich nicht«, versicherte Caduff und bemühte sich, die Wogen zu glätten. Das Gespräch ging in eine komplett falsche Richtung. Er blieb ruhig und beobachtete Frau Niedermann, wie sie um Fassung rang. Als sie sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, fragte er, ob ihr Mann gern Banker gewesen sei.
»Sehr gern. Er konnte stundenlang über Bankgeschäfte sprechen«, lächelte Klara. Caduff und Sanja warfen sich einen Blick zu. Gut. Sie schien sich gefasst zu haben und das Gespräch konnte weitergehen.
»Was waren seine Hauptaufgaben?«
»Als Private Banker verwaltete er die Vermögen von gut situierten Privatpersonen sowie kleineren bis mittelgrossen Firmen und tätigte in deren Namen neue Anlagen«, erklärte Klara. Aus ihrem weiteren Bericht schloss Caduff, dass er wohl selbstständig gearbeitet hatte und stolz darauf war, Entscheidungen autonom zu fällen. Ihm kam es vor, als zitierte Klara die wichtigsten Punkte aus einem Anforderungsprofil für Private Banker. Benno hatte insgesamt neun Mitarbeitende unter sich, für die er die Verantwortung trug. Gemäss ihrer Meinung war er ein fordernder, aber fairer Chef. Leider habe er kaum ein privates Wort mit seinen Untergebenen gewechselt und sich nicht ansatzweise für ihr Privatleben interessiert. Das ginge ihn nichts an, habe er immer gesagt, wenn sie ihn darauf ansprach. An Jahresend-Essen wollte niemand neben ihm sitzen, weil sich seine Themen ausschliesslich um Bankgeschäfte drehten. Er war freundlich, aber distanziert und lachte aus Prinzip selten. Klara konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihm jemand aus der Bank nach dem Leben trachtete. Auch mit seinen Kunden und Geschäftspartnern war er in keinem herzlichen, aber nichtsdestotrotz guten Einvernehmen.
Nach weiteren Fragen zu Bennos Job realisierte Caduff, dass aus Klara Niedermann heute nichts mehr herauszuholen war. Sie war erledigt und wollte zu ihren Kindern. Eine traurige, heikle und schwierige Aufgabe wartete auf sie, sodass sich ihre Gedanken nur noch darum drehten. Es war auch nicht der Moment für private Fragen.
Caduff schaute sie an. »Eine letzte Frage habe ich noch für heute. Weshalb hat Ihr Mann seine Golftasche im Hotelzimmer aufbewahrt?«
Klara hob erstaunt die Augenbrauen. Sie hatte eine weitere Frage zu seiner Arbeit erwartet. »Das ist eine gute Frage. Er reinigte und pflegte seine Schläger selbst. Seine Golfsachen waren ihm heilig. Mein Mann traute grundsätzlich nur wenigen Leuten. Mit seinem Putter führte er jeden Abend vor dem Schlafengehen noch ein paar Übungsschläge aus. Dieses Ritual war ihm wichtig, auch zu Hause. Deshalb stand sein Putter stets griffbereit neben der Schlafzimmertür.«
Obwohl Caduff keine Ahnung hatte, um was für einen Golfschläger es sich beim Putter handelte, erhob er sich und streckte ihr die Hand entgegen, die sie ergriff. »Ich danke Ihnen, Frau Niedermann. Sie können jetzt heimfahren. Ich bitte Sie, zu Hause zu bleiben und sich weiterhin zu unserer Verfügung zu halten. Es tut mir sehr leid. Ich wünsche Ihnen alles Gute.«
Unter der Tür drehte er sich nochmals um. »Wo haben Sie Ihre Golfschläger im Hotel aufbewahrt, Frau Niedermann? Wir haben nur die Tasche Ihres Mannes im Zimmer gefunden.«
»Mein Golfbag befand sich im Caddy-Raum. Wie die Taschen aller anderen Gäste ebenfalls«, kam ihre postwendende Antwort.
»Ich danke Ihnen, Frau Niedermann.«
Mit diesen Worten verliess er den Raum zuerst und machte sich im Kopf eine Notiz. Er wollte sich erkundigen, um welchen Schläger es sich beim Putter handelte. Ob und wie sich Sanja und Frau Niedermann voneinander verabschiedeten, kümmerte ihn nicht mehr.
Zum Mittagessen fuhr Caduff heim, was selten vorkam. Meistens nahm er im Büro eine Kleinigkeit zu sich. Aber heute zog es ihn zu seiner Frau Carole, die ihm nicht nur etwas Gutes zu essen kochen würde, sondern auch eine ausgezeichnete Zuhörerin war und kluge Fragen stellte. Sie kannte ihn in- und auswendig und wusste, wann ihm zum Sprechen zumute war. Und das brauchte er heute.
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