Ich bin kein Ausländer, ich heiße nur so

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„Sind Sie komplett deutsch?“
„Na, vermutlich genauso wie Sie“, meinte ich.
Die Karte wies ihn als Geschäftsführer aus. Sein Vorname war Gurinder, und der Nachname passte exakt zu seinem Äußeren. Aber nicht eine Sekunde wäre ich auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, aus welchem Land er kommt.
Dass meine spitzfindigen Antworten auf diese Frage keinerlei Erkenntnis, sondern, ganz im Gegenteil, meist die Wiederholung der Frage, im schlimmsten Falle sogar ein ärgerliches Insistieren zur Folge haben, ist bemerkenswert.
Es ist aber auch wirklich unfassbar! Man weiß ja gar nicht mehr, wo man dran ist, mit all diesen Leuten! Man sollte doch bitteschön erwarten können, dass die Menschen so aussehen und so sprechen wie sie heißen! Oder etwa nicht? Das bringt doch alles durcheinander!
Tja, die Welt ist gründlich aus den Fugen!
Ein Schwarzer war Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, und das sogar acht Jahre lang. Und hierzulande wimmelt es in den Medien, vor allem in Rundfunk und Fernsehen, mittlerweile geradezu von Menschen meines Schlages: hier geborenen Mitbürgern, deren Muttersprache eben nicht die Sprache ist, aus der ihr Name stammt. Frappierenderweise übrigens, wie mir scheint, insbesondere in den Formaten Comedy und Nachrichten – aber das muss wohl an meiner selektiven Wahrnehmung liegen.
„Entschuldigen Sie bitte vielmals, Sie haben Salam gesagt“, sage ich nun zu der Frau auf dem Stuhl neben mir. „Wissen Sie, was ich die ganze Zeit verstanden habe? Es ist warm!“
„Ist das nicht herrlich, wenn man möglichst viele fremde Menschen in ihrer eigenen Sprache zumindest begrüßen kann?“, meint sie. „Ich finde das schön!“
„Großartig! Finde ich auch. Mit mir können Sie Deutsch reden!“
„Ich weiß ja. Aber ich dachte…“
„Wissen Sie, ich bin ehrlich gesagt ein bisschen faul. Ich habe so gut wie keine Fremdsprachen gelernt.“
„Keine Fremdsprachen…?“
„Englisch beherrsche ich ganz gut, aber mit Französisch habe ich schon arge Probleme.“
„Ach – ja? Aber Ihr Deutsch… ist doch… perfekt?!“
„Schukran“, sage ich. „Schönen Dank auch, das will ich doch hoffen. Ist schließlich meine Muttersprache.“
„Und Arabisch…?“
„Verstehe und spreche ich vermutlich nicht mal ansatzweise so gut wie Sie! Ehrlich gesagt: überhaupt nicht.“
„Gar nicht? Kein Wort? Oh… das ist… das ist aber schade. Sehr schade. Dann sind Sie gar kein…, dann sind Sie… Also, dann haben Sie bloß einen Migrationshintergrund!?“
„Ja“, bestätige ich. „Genau wie Sie!“
„Ich? Wie meinen Sie…?“
„Wir haben doch alle einen Migrationshintergrund.“
„Also, ich jetzt aber nicht.“
„Doch, Sie auch. Glauben Sie mir, ich weiß es! Ich kenne exakt zwei Menschen, die hatten keinen.“
„Zwei?“
„Genau: Adam und Eva! Und die mussten das Paradies verlassen. So ging’s los, das war der Beginn aller Migration.“
„Ach, wie, also, das ist aber jetzt weit her-…“
„Lesen Sie’s nach! Gott hat den Migrationshintergrund erschaffen, für alle Menschen.“
„Gott hat WAS?!“
„Erstes Buch Mose, Kapitel drei, Vers 23-24:
‚Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.‘ Kain und Abel hatten also bereits einen Migrationshintergrund. Und alle ihre Nachkommen. Wie Sie und ich. Der Mensch ist ein Migrant. Schon immer gewesen.“
Dann beginnt unser Seminar.
Ich bin allerdings nicht so ganz bei der Sache. Gedanklich stecke ich noch im Migrationshintergrund fest. Früher war auch mir nicht bewusst, dass ich überhaupt einen habe. Und das ging nicht nur mir so. Als das Wort immer stärker die Runde machte, wurde auch meine Mutter davon geradezu überrumpelt.
Auf dem Höhepunkt der hitzigen Diskussion über die wirren Ansichten und teils unsäglichen Thesen von Thilo Sarrazin besuchte ich meine Eltern. Nach dem Essen, beim arabischen Kaffee, kamen wir zwangsläufig auf das Thema zu sprechen. Ich bemerkte, dass auch ich persönlich mich von dieser Hetze unangenehm angesprochen fühle. Denn ich hätte das Gefühl, der Mann ziele zwar primär auf andere, träfe aber in seiner blindwütigen Verirrung letztlich auch Menschen wie mich.
Verständnislos sah mich meine Mutter an:
„Wo bitte hast du denn einen Migrationshintergrund?“
„Na da, da sitzt er! Direkt neben dir! Es ist dein Ehemann!“
„Ma’a salaama“, sage ich zu meiner Sitznachbarin am Ende des Kurses. „Tschö!“ Und überlege, ob ich nicht vielleicht noch ein paar weitere arabische Grußformeln und Floskeln einüben sollte…
Türkisch für Nicht-Araber (2)
Mit starken Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich, aber mit vollständig intakten Deutschkenntnissen war ich also in die Reha-Klinik gereist. Ins Schwäbische. Eine Expedition ins Unbekannte.
Am dortigen Bahnhof angekommen, so wurde mir in einem der zahlreichen Schreiben zweisprachig mitgeteilt, solle ich mich telefonisch melden. Die Klinik verfüge über einen hauseigenen Shuttle-Service, man schicke dann einen Wagen los, um mich persönlich abzuholen. Der Transfer funktioniert tatsächlich reibungslos. Dabei reise ich mit kleinem Gepäck, da ich meine Koffer mitsamt umfangreicher Sportbekleidung bereits vorab versenden konnte.
Locker betrete ich das Foyer der Klinik, die durchaus Ähnlichkeiten mit einer Hotel-Lobby hat. Es gibt eine Rezeption, allerdings weit und breit keine Bar und auch keinen Begrüßungsdrink. Im Gegenteil. Orientalische Willkommenszeremonien hatte ich nun wirklich nicht erwartet, aber der Empfang, den mir die Klinik bereitet, fällt dann doch überaus kühl und sachlich aus. Mir scheint, ich bin zur Unzeit eingetroffen.
An der Rezeption nenne ich der mir namentlich nun schon bekannten Dame vom Patientenmanagement meinen Namen. Da sie keinerlei Reaktion oder Erkennen zeigt – wie sollte sie auch bei der Vielzahl fremder Namen und der unüberschaubaren Zahl von Patienten, noch dazu vermutlich all der türkischen, die hier tagtäglich aufgenommen werden –, buchstabiere ich ihn, damit sie mich in ihrem System finden kann.
Kein Salam, kein großes Gewese, routiniert und nüchtern fragt sie einige Daten ab, nimmt mich als Patienten auf und überreicht mir sodann einen umfangreichen Stapel Papier. Zweisprachig, versteht sich.
Obenauf ein Laufzettel, in welchem Raum ich mich zu welcher Uhrzeit zu welchen Untersuchungen und Gesprächen einzufinden habe: Aufnahmeuntersuchung, allgemeine Begrüßung, Therapieplanung und dergleichen mehr. Dazu ein Lageplan aller Einrichtungen, erneut die Hausordnung, verschiedene Formulare. Mehrsprachigkeit hin oder her: Wir sind hier schließlich immer noch in Deutschland! Alles muss seine Ordnung haben.
Danach folgt eine rasche Einweisung, wo sich mein Postfach, ein kleines Schließfach, befindet, verbunden mit der deutlichen Anweisung, jeden Tag mehrmals hineinzusehen, da dort wichtige Unterlagen, aktuelle Informationen sowie mein Therapieplan für mich hinterlegt würden, der sich täglich ändern könne.
Mit beinahe preußischer Bestimmtheit erfolgt dann der Hinweis: „Also, wenn Sie noch was essen wollen, dann müssen Sie sich jetzt beeilen. Die Küche schließt gleich. Aber um 14 Uhr ist auch die Einführung mit Rundgang für die neuen Patienten. Da werden Sie mit den wichtigsten Einrichtungen vertraut gemacht und man zeigt Ihnen, wo alles ist. Das sollten Sie auf keinen Fall versäumen.“
Nein, sollte ich wohl nicht.
Es ist halb zwei. Ich bin in aller Herrgottsfrühe, um nicht zu sagen mitten in der Nacht aufgestanden, mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren, habe eine rund achtstündige Reise mit der Deutschen Bahn samt Umsteigen in Ulm hinter mir, und alles, was ich seither zu mir genommen habe, sind zwei Brote, ein Apfel, eine Banane und einige Kekse sowie eine Flasche Wasser. Ich bin ermattet, ich habe Hunger.
Ich entscheide mich dennoch gegen eine warme Mahlzeit und stattdessen dafür, mein Zimmer zu beziehen und mich etwas frisch zu machen. Denn der Laufzettel, den ich nun abzuarbeiten habe und dessen Anweisungen ich unbedingt vollständig und gewissenhaft und vor allem: pünktlich, weil sonst das ganze System durcheinander gerät!, Folge zu leisten habe, ist ellenlang. Und verbindlich! Dazu habe ich mich auch per eigenhändiger Unterschrift verpflichtet. Die aktive Mitwirkung des Rehabilitanden ist Voraussetzung und unerlässlich. Andernfalls… ist zumindest ein Therapieerfolg nicht gewährleistet, eine Gesundung nicht zu erwarten; bei Verweigerung der Anordnung drohen Konsequenzen, nicht zuletzt der vorzeitige Abbruch der Maßnahme. Und das wolle ja niemand, wie mir versichert wurde.
Also muss ich mich logischerweise zunächst verschiedenen medizinischen Untersuchungen unterziehen, diverse Daten müssen erfasst und abgeglichen, mein Therapieplan erstellt werden. Das leuchtet mir ein. Die offizielle Begrüßung findet Gott sei Dank erst am folgenden Tag statt.
Aber auch die Haustechnik hat ein berechtigtes Interesse und erwartet schnellstmögliche Kooperation, um – vor der ersten Inbetriebnahme! – meine mitgebrachten Elektrogeräte überprüfen zu können, also etwa Laptop, Notebook, Netz- und Ladegeräte sowie auch Radio, Elektrowecker, Fön, Bügeleisen und dergleichen, was ich alles gar nicht dabei habe, aber sogar meine elektrische Zahnbürste muss fachmännisch erfasst, kontrolliert und abgenommen werden, damit ich keinen Kurzschluss verursache oder gar das ganze Haus abfackele. Terroristische Anschläge wird mir ja wohl niemand unterstellen wollen.
Ein Wellness-Aufenthalt wird das hier nicht, das ist mal klar. Und so eile, hetze ich zu dem Lagerraum, in dem meine Koffer auf mich warten, und eile, hetze, nachdem ich sie gefunden habe, zu meinem Zimmer, um sie dort zu verstauen und mir wenigstens eine Handvoll Wasser ins Gesicht zu werfen. Kaum bin ich im Bad und im Begriff eben dies zu tun, als es an der Zimmertür klopft. Der Haustechniker, der offenbar stante pede von der Dame des Patientenmanagements über meine Ankunft unterrichtet worden ist, verlangt meine Elektrogeräte sowie die zugehörigen Netzteile und Ladegräte zu inspizieren. Nachdem der Experte Laptop, Handy und Zahnbürste fachmännisch untersucht und in eins der vorhin erhaltenen Formulare eingetragen hat, bekomme ich eben jenes Formular – dieses Formblatt ist übrigens nur auf Deutsch – von ihm per Unterschrift nun zur Unbedenklichkeitserklärung aufgewertet zur sorgfältigen Aufbewahrung wieder ausgehändigt. Und dann eile, hetze ich zurück zum Eingangsbereich. Es haben sich bereits einige Neulinge zu dieser angeblich unverzichtbaren Einführung eingefunden. Weitere trudeln ein, zuweilen außer Atem und etwas abgekämpft.
Das Wichtigste sind für mich im Augenblick der Speisesaal und die Essenszeiten, und damit stehe ich offenbar nicht allein, denn auch dem einen oder anderen Leidensgenossen knurrt hörbar der Magen. Unser Rundgang führt zu Sporthalle, Schwimmbad, Kraftraum, diversen medizinischen Einrichtungen und Sprechzimmern, Therapie- und Ruheräumen, zur Waschküche, vorbei an etlichen Wasserspendern, wo jeder kostenlos Trinkwasser abfüllen darf, zur Cafeteria und schließlich wieder zurück zum Ausgangspunkt.
Eine kleine Pause und ein kleiner Snack wären jetzt nicht schlecht, aber dazu ist keine Zeit. Denn die verschiedenen Büros und Ärztezimmer und Labore liegen mitunter weit auseinander. Die Befunde meines Orthopäden in einer Mappe unterm Arm, arbeite ich meinen Laufzettel ab.
Ein einziges Mal in meinem bisherigen Leben habe ich mich in einer ähnlichen Situation befunden. Mit einem durchaus vergleichbaren Laufzettel in der Hand hetzte ich von Station zu Station, von Erstuntersuchung zu Impfung, von San-Bereich zu Kleiderkammer: damals, am Tag meines Dienstantritts – in der Blücher-Kaserne als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr.
Es ist bereits deutlich nach 15 Uhr, und ich muss sehen, dass ich zur Erstuntersuchung komme. Mein Termin ist ungefähr jetzt, und ich habe keinen Schimmer mehr, in welcher Himmelsrichtung sich die angegebenen Räumlichkeiten befinden. Zum Glück habe ich meinen Lageplan dabei, auch hilft die soeben gelernte Orientierung an den farblich unterschiedlichen Stockwerken und Stationen.
Dennoch bin ich etwas außer Atem, als ich endlich den richtigen Raum erreiche. Erstaunlicherweise muss ich gar nicht lange warten, bis ich an der Reihe bin. Nur wenige Leute vor mir, dann werde ich hereingerufen.
„Herr Sahien? Ahmier?“
„Shaheen“, sage ich, „Amir. Das buchstabiere ich Ihnen.“
„Ich bitte darum!“
Ich buchstabiere meinen Namen. Gewicht und Größe werden festgestellt, dann mein Blutdruck gemessen.
„Herr Sahien, Sie verstehen gut Deutsch, ja? Herr Sahien, leiden Sie schon lange unter hohem Blutdruck?“
„Ich heiße Shaheen. Und ich leide überhaupt nicht unter Bluthochdruck. Allenfalls seit ungefähr 13.37 Uhr heute Mittag, als ich erstmals einen Fuß über die Schwelle Ihres Hauses gesetzt habe. Seither bin ich im Laufschritt auf Trab.“
„Na, machen Sie sich keine Sorgen, Herr Sahien, das kriegen wir hier schon wieder in den Griff. Wir nehmen jetzt noch Blut ab. Und in dieses Formular hier…“ – ich bekomme ein weiteres Papier, zweisprachig, versteht sich – „tragen Sie bitte Ihre Blutdruckwerte ein, die Sie in den nächsten drei Tagen bitte dreimal täglich selbstständig und gewissenhaft überprüfen. Danach kommen Sie wieder hier vorbei und legen mir das Formular vor. Blutdruckmessgeräte finden Sie draußen im Wartebereich, eine Anleitung liegt dort aus. Bitte beachten Sie die und machen Sie das in aller Ruhe!“
„In aller Ruhe?!“, staune ich. Das kann ja was werden…
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