- -
- 100%
- +
»Du hast deine Lieder beim Kaminkönig gelassen«, meinte diese gerade. Stella nickte. »Das war sehr großherzig von dir.«
Stella wollte sagen, dass Mary ihr das Wichtigste sei, aber dann ließ sie ihre Finger auf dem Zeitungspapier ruhen, weil sie wusste, dass das Mylady Muerte längst bekannt war. Stattdessen ließ sie ihre Blicke neben sich huschen, wo Mary und Little Eric in einer Umarmung standen, als hätte es nie eine Zeit gegeben, in der sie sich nicht umarmt hätten. Stellas Herz schlug vor Freude ein wenig schneller, als sie das Glück ihrer besten Freundin sah. Aber dann räusperte sich Mylady Muerte und führte ihr wieder vor Augen, dass es mitnichten ein Happy End war. Weil es noch nicht zu Ende war. »Nichts endet«, meinte Mylady Muerte und Stella fragte sich, wo sie das bereits gehört hatte, aber sie hatte keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken, denn die Lady fuhr bereits fort: »Und doch — auch wenn es mir imponiert, dass ihr, ohne auch nur einen Moment zu zögern für die, die ihr liebt in mein Reich gekommen seid, ich kann euch euren Wunsch nicht erfüllen. Wen ich einmal zu mir rufe, der bleibt bei mir.« Stella sah, wie Mary sich von Little Eric löste und ihm ein Lächeln schenkte, als ob sie sagen wollte, dass das schon in Ordnung sei, jetzt, da sie wusste, dass er sie auch liebte. Aber Stella fand es nicht in Ordnung. Sie trat vor, auf Mylady Muerte zu und ihre Finger hasteten über das Stück Zeitungspapier, das ihr als Stimme diente. Als sie innehielt, sah die Lady sie eine ganze Weile an, wog das Angebot, das Stella ihr gemacht hatte, ab.
»Das ist ein hoher Preis, den du zu zahlen bereit bist, Stella Koboldprinzessin«, meinte sie schließlich. Stella nickte, und neben ihr schnappte Mary nach Luft, denn sie hatte verstanden, was die Freundin tun wollte. »Nein«, entfuhr es ihr, aber Mylady Muerte befahl ihr mit einer Geste zu schweigen.
»Ich glaube, ich würde dein Angebot sogar annehmen«, meinte sie. »Aber ich kann es nicht. Du bist die Prinzessin des Koboldkönigs.«
Traurig sank Stella in sich zusammen. So einfach wäre dieser Handel gewesen. Mary hätte mit Little Eric und dem Streichholz gehen sollen, und sie wäre geblieben. Die Raben krächzten, als es zu lange still blieb im Kreis der Nebelkinder.
»Ich bleibe«, sagte Little Eric auf einmal. Die ganze Zeit hatte er kein Wort gesagt, hatte nur seine Mary gehalten und ihr ab und an einen Kuss ins blonde Haar gedrückt, der mehr gesagt hatte, als tausend Worte es vermochten. Mary japste erschrocken auf, Stella tat es ihr nach.
Die Mylady Muerte wandte sich dem jungen Schornsteinfeger zu. Ihre Nachtaugen musterten ihn. »Auch das ist ein hoher Preis«, meinte sie.
Little Eric nickte. »Warum willst du ihn zahlen?« Stella sah, dass auch Little Eric längst wusste, dass Mylady Muerte den Grund schon kannte. Aber er sagte ihn trotzdem. »Ich liebe Mary«, begann er, »und ich weiß, dass Mary Stella liebt wie eine Schwester. Keine von beiden könnte ohne die andere glücklich werden.« »Aber Mary liebt auch dich«, sprach die Lady aus, was Mary Little Eric bislang nur durch Blicke gesagt hatte. »Gerade deshalb. Ich bin glücklich, und schon mein Vater hat gesagt, dass wenn man so glücklich ist, dass einem das Herz zerspringt, man beruhigt vom Dach fallen kann.« Mary drückte sich an ihn, und Stella betrachtete traurig Mylady Muerte. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, dass Mary und Little Eric glücklich sein sollten. Aber scheinbar hatte die Banshee ihr Lied nicht für sie gesungen. Würde es vielleicht niemals singen. Mylady Muerte räusperte sich. Ihre Nachtaugen leuchteten wie Sterne, hell und dunkel zugleich. »Ich würde euch gerne alle zurück in die Stadt an der Themse lassen«, sagte sie leise, »aber das geht leider nicht. Denn auch ich habe die Regeln nicht gemacht. Ich kann keine Seele einfach so loslassen. Eine andere muss dafür bleiben. Und auch das ist nur eine Ausnahme.« Little Eric nickte.
Mary gab ihm einen Kuss, der so schwer wog, dass alle Küsse einer großen Liebe in ihm Platz fanden. Dann löste sie sich von ihm und stellte sich neben Stella. Little Eric blieb einfach stehen, und Mylady Muerte trat neben ihn.
»Ich will euch ein Geschenk machen«, sagte sie, »denn wenn die Koboldprinzessin ihre Lieder gibt, darf dies nicht umsonst geschehen. Doch gut Ding will Weile haben — Nebel müssen fließen und Raben singen. Es wird kommen, wenn es an der Zeit ist.«
Sie neigte den Kopf zum Abschied und dann verschwanden sie alle: Mylady Muerte mit ihren Raben, die Nebelkinder und Little Eric.
Stella sah Mary an, halb lächelnd und halb traurig und zündete das dritte Streichholz des Kaminkönigs an.
Wie verheißen, brachte das Zündholz sie wieder nach London, setzte sie an den Ufern der Themse ab, wo Big Bens Turm über die Stadt wachte. Sofort tasteten kleine Hände sie ab und der Feenstaub kitzelte sie in der Nase. Selbst Mary wurde von den Pixies begutachtet. Auch wenn sie es nicht sehen konnte, sie fühlte es.
In den nächsten Tagen und Nächten erzählte Stella Mary alles. Vom Kuss des Koboldkönigs bis hin zu dem Kaminkönig.
Und dann ging das Leben weiter.
Die Stadt, in der alles lebendig war, bekam ein Auge, das sich drehen konnte. Die Mädchen fuhren oft in den gläsernen Gondeln des Riesenrades.
Sie sprachen oft über Little Eric und Mylady Muerte und dachten darüber nach, was wohl das versprochene Geschenk sein könnte.
Eines Nachts, der Winter streckte langsam seine Finger nach der Stadt aus, setzte sich mit einem Male ein großer Rabe auf die Gondel, in der sie saßen und klopfte dreimal mit dem Schnabel gegen das Glas.
McWhistle, der auf Stellas Schoß saß, flüsterte ihr zu, sie solle ihn hereinbitten.
Stella tat wie geheißen und sagte deutlich: »Herein.«
Der Rabe auf dem Gondeldach neigte kurz den Kopf, klopfte dann noch einmal an das Glas und flog plötzlich davon, über die Themse hinweg Richtung Tower.
Stella blickte den Brownie an, doch McWhistle sagte nichts. Und gerade, als Stella ihn fragen wollte, schlich sich Nebel in die Gondel, Nebel, der gefüllt war mit dem Ruß der Kamine.
Erschrocken hielten die beiden Freundinnen einander fest, in ängstlicher Erwartung wen die Jäger der Mylady Muerte nun holen wollten.
Doch dann baute sich die Gestalt aus Nebel und Rauch vor ihnen auf. In ihrem Inneren glitzerten sanft ein paar Sterne.
Und als Mary das Gesicht des Schornsteinfegers erkannte, löste sie sich von Stella und fiel dem Nebeljungen in die Arme, der sie so fest drückte, wie er konnte, weil in London alles lebendig war.
Das Wasser der Themse.
Die Gassen der Borroughs.
Die Häuser.
Aber vor allem der Nebel.
Das Orangenbäumchen
»Eine Ewigkeit, ein Schmetterlingsflügelschlag.«
(Christoph Marzi, Lumen)
»Alles«, sagte die Katze und zuckte unmerklich mit den Ohren, als sich irgendwo unter ihr eine Taube regte, »ist immer im Wandel. Nichts bleibt, wie es ist, und nichts ist für die Ewigkeit.«
»Ewigkeit«, sagte der Wasserspeier. »Das ist ein schönes Wort.«
»Es ist überbewertet«, sagte die Katze und verfolgte die Menschen, die tief unter ihr durch die Straßen strömten.
(Oliver Plaschka, Drachenschwingen)
Prolog
Der Topf mit der Erde steht vor mir. Ich halte den Orangenkern fest in meiner Hand. Noch ist es nicht Zeit, ihn fallen zu lassen. Ich schaue in den Himmel, der sich über mir im Muster meines kaleidoskopischen Lebens spannt. Gleich – gleich wird es soweit sein. Das Muster wird sich verschieben, das Kaleidoskop sich drehen.
Ich hoffe es funktioniert, Julie, auch wenn ich weiß, was ich tun muss, wenn es nicht klappt. Aber ich hoffe es. Es ist meine letzte Chance, dich in die Welt zurück zu holen. Die anderen habe ich bereits vertan.
Drei Chancen.
Drei Orangen.
Drei Träume.
Drei weitere Drehungen im Kaleidoskop.
Die Menschen, die um mich herumhasten, um den Eiffelturm zu sehen, jenes Stahlgestell, das das Antlitz der Stadt so verändert hat, beachten mich kaum. Wer beachtet schon einen Magier im Schatten des Eiffelturms?
Ich mag diesen Ort nicht wirklich. Und doch – es ist unser Ort. Hier trafen wir uns. Es ist dein Ort, Julie, hier hast du eine Weile gesessen, Tag für Tag, und den Leuten gelauscht.
Sie wissen, dass du fort bist. Sie müssen es einfach spüren. Schließlich ist jetzt niemand mehr da, der sie rettet. Mich hast du auch gerettet.
Aber wahrscheinlich tun sie es doch nicht. Sie sind blind. Waren es schon immer, auch, als du noch da warst, du, und das Orangenbäumchen, das in deiner kleinen Wohnung in Montmartre stand.
Ich spüre, wie sich über mir das Muster meines Himmels verändert. Du hast mir beigebracht, dass das Leben nichts anderes ist, als das Muster eines Kaleidoskops – ein Bild, dass wir betrachten und nach einer Weile scheinbar verstehen – bis es sich wieder ändert und wir wieder von vorne beginnen. Manchmal dauert es Jahre, bis ein Steinchen sich dreht. Manchmal vergehen nur Sekunden.
Bei dir und mir waren es drei Tage.
In meinen Ohren beginnt das vertraute Geräusch der Veränderung. Seit du fort bist, kann ich es erkennen. Die Steine, einer nach dem anderen, mischen sich, zuerst klackernd, dann alle zusammen, rauschend, neu.
Ich lasse den Orangenkern fallen. Meine Hand schwebt über dem Topf.
Es muss gelingen. Es muss gut werden, du musst zurückkehren. Es muss …
I
Julie. Unter diesem Namen kannte dich die Welt, als Stimme aus dem Radio.
Auch ich kannte dich von dort, aus deiner Sendung, die jeden Abend ausgestrahlt wurde. Gedichte und Geschichten hast du vorgelesen, manchmal ein Lied gesungen, und immer waren deine Worte mit einem Lächeln versehen, das man durch die Lautsprecher spüren konnte. Vor allem aber – und ich glaube, das war es, was die Sendung ausgemacht hat, hast du zugehört. Menschen haben dich angerufen, dir ihre Sorgen und Nöte geschildert, dir ihren Kummer und ihr Leid geklagt. Und obwohl du nie viel gesagt hast, stets legten sie am Ende des Gespräches mit einem Lächeln in der Stimme auf. Und auch die, die wie ich vor dem Radio saßen und einfach nur zuhörten, lächelten dann. Weil das Leid, das einen selber quälte, ein Stück kleiner geworden war, durch die Geschichte des Fremden, durch deine Stimme, dein Lächeln.
Nie hat man etwas über dich erfahren. Du warst immer nur Julie. Julie aus dem Radio.
Ich habe dich nie angerufen, obwohl ich oft die Hand schon am Hörer hatte. Doch was hätte ich sagen sollen? Ich sei ein Magier, der seine Magie verloren hat? Ein Trickkünstler, dem die Tricks misslingen? Ein Illusionist, der keine Bilder mehr hervorbringen kann, weil auch diese Dinge nicht ohne einen Funken Magie funktionieren? Wie unsinnig waren diese Dinge, wenn man den fremden Stimmen lauschte, die dich sonst anriefen. Und doch – du hast mir jeden Abend geholfen. Mit deinem Lächeln.
Nie hat jemand gefragt, wie es dir geht. Nie. Auch ich nicht. Nicht einmal daran gedacht habe ich.
Du warst es, die zuhörte. Mir meinen Kummer nahm, meine Traurigkeit. Wie im Radio. Wie zu den Füßen des Eiffelturms, wo du jeden Tag eine Weile verbracht hast, um Menschen kennen zu lernen, ihnen zu lauschen. Und doch – ein wenig von dir hast du mir gezeigt. Vielleicht sogar eine Menge.
Hat je einer außer mir dich kennengelernt, Julie? Dich, den Schmetterling und die Orangen? Wusste überhaupt jemand, wie sehr diese Dinge mit dir verbunden waren? Ich wusste es nicht – und ich begriff es erst, als es zu spät war.
Der Moment, in dem ich dich zum ersten Mal sah, ist mir noch so nah, dass ich das Bild genau beschreiben kann. Ich saß auf einer der Bänke, die es am Eiffelturm gibt. Das Konstrukt aus Stahl ragte über mir in den Himmel und sperrte für meine Augen die Wolken am Himmel für einen kurzen Moment ein. Mir ging es nicht gut. Immer noch suchte ich nach dem Trick, der funktionierte, der Illusion, die nicht sofort als Lüge verflog.
Du hast dich einfach neben mich gesetzt, als hättest du gespürt, wie es um mich stand. Einen weißen Rock mit Blumen, die sich von der Hüfte bis zur Höhe deiner Knöchel rankten, hast du getragen, und eine helle Strickjacke. Um deinen Hals baumelte der silberne Schmetterling mit den hellblauen Flügelflecken, auf jeder Seite einen. »Es sind Regentropfen«, hast du irgendwann mal zu mir gesagt, als ich den Anhänger in der Hand hatte, »Regentropfen voller Licht.« Du mochtest den Regen und das Licht, den Regenbogen, der beides verband.
Der Wind hat mit deinen roten Haaren gespielt und mehrmals musstest du die Strähnen aus deinem sommersprossigen Gesicht streichen, um noch etwas zu sehen – aus Augen, die grün oder blau sein konnten, aber nie beides zugleich.
»Ich bin Julie«, hast du gesagt. Nur das.
Und ich, der deine Stimme, das Lächeln in ihr, sofort erkannte, sagte: »Aus dem Radio.«
Daraufhin sah ich dein Lächeln zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Es war noch viel wunderbarer als in meiner Vorstellung, es kam mir wie ein Sonnenstrahl vor, der durch die Wolken bricht und alles vergessen macht.
»Erzähl mir von dir«, das waren deine nächsten Worte. Und ich tat es. Nach nur einer Stunde wusstest du alles von mir oder das, was ich in diesem Moment selbst noch wusste – meinen Namen, meine Geschichte und meinen Kummer über missratende Tricks und zerfallende Illusionen. Als ich dir alles erzählt hatte, genau in dem Moment, als ich dir sagte, dass ich nur dort gesessen hatte, weil ich nicht mehr wusste wohin mit mir – da wusste ich auf einmal, wie es weitergehen würde. Wie ich meine Illusionen retten und mir meine Tricks gelingen würden. Und du? Ach Julie, natürlich hast du nur gelächelt und nachdenklich mit dem silbernen Schmetterling gespielt. Du wusstest schon so viel mehr von mir, nicht wahr?
Mir kam ein Gedanke, beschwingt wie ein Lied – ein Traum, der wie alle Träume wahre Magie enthielt. Magie, die heute längst vergessen ist und für Trick und Illusion gehalten wird.
Ich hob meine Hand, legte sie vorsichtig um die deine, die den Schmetterling hielt. Du hast mich nur angeschaut und stillgehalten, in der Erwartung dessen, was nun kommen würde.
Ich wusste es, weil ich den Traum hatte, die Melodie, für den nur noch dein Lachen fehlte, dein Lachen, das ich auf deine Lippen zaubern wollte. Ich wollte dein Glück sein, und in diesem einen Moment war ich es – jedenfalls glaubte ich es. Aber Julie, wer glaubt, der weiß nicht und kann irren – nicht wahr?
Als dein Schmetterling mit den Flügeln schlug, hast du gelacht, so, wie ich es mir in dem kurzen Moment zuvor erträumt hatte, doch ungleich schöner, nicht zu beschreiben. Die Luft begann nach Orangen zu duften.
»Jetzt ist er mit Magie gefüllt.« Die Worte klangen in der Melodie deines Lachens wie ein wunderbares Lied.
Warum habe ich dich nicht gefragt, woher du wusstest, dass es wahre Magie war, die bleibt, weil jede Berührung ihre Spuren hinterlässt? Warum habe ich nur an mein Glück gedacht?
Dann, mit dem letzten Flügelschlag, bist du gegangen. Einfach so. Und ich bin dir hinterher – was hätte ich sonst tun sollen?
Dein Lächeln ist für einen Moment eingefroren, als ich dich erreichte. Ich habe es genau in deinen Augen gesehen.
»Ich möchte dich wiedersehen.« So einfach, so klar konnte ich plötzlich sagen, was ich wollte. Kein Herumdrucksen, wie bei anderen – wie sonst immer.
»Das wäre nicht gut.«
Worte, die wie Pfeile waren.
»Warum?«
Die verzweifelte Suche nach dem Grund, dem Verstehen.
»Weil es einfach so ist.«
Und damit bist du wirklich gegangen, und ich bin dir nicht gefolgt.
Am Abend habe ich wieder deine Sendung gehört. Sie war noch schöner, jetzt, da ich dir begegnet war.
II
Am nächsten Tag war ich wieder dort. Saß genau auf derselben Bank. Ich habe auf dich gewartet, vom Morgen an. Trotz deiner Ablehnung. Verzeihst du mir, Julie? Oder ist es gar nicht nötig, dein Verzeihen zu erbitten, weil du wolltest, was geschah?
Du kamst gegen Nachmittag, wie am Tag zuvor. Mit so vielen Leuten hast du dich unterhalten, ehe dich deine Schritte zu der Bank führten, auf der ich saß.
»Du bist wieder hier.«
Nur ein Nicken von mir. Zu gefesselt war ich von deinen Augen – eisblau an diesem Tag. In ihnen lag kein Lächeln, nicht in diesem Moment.
Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen sagte ich: »Ich wollte dich wiedersehen.«
Dieses Mal hast du genickt und dich neben mich gesetzt. Der Schmetterling hing um deinen Hals, reglos, als hätte es meine Magie nie gegeben.
»Du wirst mein Winter sein.«
Was hätte ich darum gegeben, dich damals zu verstehen. Aber deine Worte waren mir nur Rätsel, ungeordnete Puzzleteile.
Ich teilte dir meinen Gedanken mit. Mit meinen Worten kehrte dein Lächeln zurück und du erzähltest mir von Mustern im Leben, die wie die in Kaleidoskopen sind, und wie die kleinste Drehung – ein Schmetterlingsflügelschlag – alles ändern konnte. Dein Schmetterling – dreimal haben seine Flügel geschlagen, es fiel mir in diesem Augenblick wieder ein.
Drei Flügelschläge.
Drei Drehungen im Kaleidoskop.
Drei Tage.
Drei Änderungen.
»Es ist nicht richtig«, hast du wieder gesagt, und doch bist du geblieben. Heute glaube ich, dass ich deine Angst gespürt habe. Gefragt habe ich nie. Nur gelauscht habe ich dir, deiner Stimme, in der, wie ich heute weiß, nicht immer ein Lächeln gelegen hat. Kleinigkeiten hast du mir erzählt, Fragmente von Erinnerungen, vergangen, verblasst und doch nicht vergessen. Und von deinem Orangenbäumchen.
Niemand, hast du gesagt, darf es je berühren.
Niemand seine Blüten pflücken.
Niemand seine Früchte kosten.
Und nie, niemals dürfte es welken.
Wieder hast du den Schmetterling dabei festgehalten. Kurz habe ich überlegt, ihn wieder flattern zu lassen. Welch ein Glück, dass ich es nicht getan habe. Stattdessen habe ich dich nach dem Orangenbäumchen gefragt. Wollte wissen, was es ist, was es dir bedeutet.
Du sagtest, es sei dein Glück. Deine Freude. Dein Leben.
Oh Julie, hätte ich diesen Worten doch nur mehr Bedeutung beigemessen. Hätte ich sie bloß verstanden.
Doch ich war blind. Habe nicht gesehen, dass ich in diesen wenigen Minuten, in denen du gesprochen hast, mehr über dich erfuhr, als jeder sonst.
Du hast danach wieder zugehört. Wie immer. Mir meine Sorgen vom Herzen gewischt.
Wieder hörte ich am Abend, als wir uns voneinander getrennt hatten, deine Radiosendung. Ich meinte, einen Hauch von Traurigkeit in deiner Stimme zu hören – doch, Julie, verzeih – ich habe nicht weiter darauf geachtet, war ich doch selber taumelnd vor Glückseligkeit, denn, auch wenn ich nicht verstand, zum Abschied hattest du mir einen Kuss auf die Lippen gehaucht, eine Berührung, kaum länger als der Flügelschlag einer Libelle.
Du warst eigentlich schon wieder auf dem Sprung zum Sender, da hast du dich umgedreht, ganz nah bist du vor mich getreten. Ich weiß noch, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte, dass deine roten Haare, vom Wind getragen, meine schwarzen berührten.
»In deinen Augen liegt der Frühling.« Deine Worte, nur dahingehaucht, ich verstand sie wieder nicht.
Dann berührten deine Lippen meine. Kurz nur, ganz kurz, vielleicht für die Länge eines Wimpernschlags. Schon in der nächsten Sekunde warst du wieder einen Schritt von mir entfernt. Deine Augen, immer noch strahlend blau, wie das Licht eines Sommertages, lächelten, und auch wenn die Nacht weit entfernt war, dachte ich, dort einen Stern aufblinken gesehen zu haben. Ich wollte fragen, doch du gabst mir keine Gelegenheit. »Jetzt ist es der Sommer!«, hast du gelacht und auf meine Augen gedeutet.
Ich glaube, dass dein Lachen in diesem Moment ein wenig seiner Freude verloren hat, eingeknickt ist wie ein Ast, auf den man tritt. Nach dem Sommer kommt unweigerlich der Herbst. Und auf den Herbst der Winter. Du hast es in diesem Moment schon gesehen, nicht wahr?
Doch ehe ich den Schatten in deinen Augen genauer sehen konnte, jenen Schatten, den ich bemerkte, aber ignorierte, bist du weggelaufen.
Ich dachte, ich könnte ebenso dein Glück sein, wie du meins. Du hattest mir meine Träume zurück gebracht. Meine Magie.
Aber ich war nicht dein Glück. Nie. Ich war die Gefahr, die du von Beginn an in mir gesehen hast.
Der erste Schmetterlingsflügelschlag hatte mein Leben verändert, das Muster in meinem Kaleidoskop gedreht.
Der zweite hat dein Leben, dein Muster, von mir unbemerkt, mit meinem vermischt.
Der dritte, oh Julie, der dritte hat dich zerstört.
Drei Flügelschläge.
Drei Tage.
Zwei waren schon vergangen.
III
Wenn Gefühle erfrieren, sind es stets Glück und Freude, die zu Eis erstarren. Nie Leid und Traurigkeit. Und manchmal geht es so schnell, so schnell, dass Gefühle einfrieren. Auf den Sommer folgt der Herbst, auf ihn der Winter. Und manchmal, ja, manchmal wird man selbst der Winter und erkennt es erst, wenn schon alles geschehen ist, was nie hätte geschehen dürfen.
Ich habe auch am darauffolgenden Tag auf dich gewartet. Wie hätte ich auch nicht können? Du hattest mir meine Träume zurückgegeben, Träume, von denen ich nicht einmal mehr wusste, wann und wo ich sie verloren hatte, die aber so wichtig waren, dass sie meine Magie mitgenommen hatten. Was ist Magie ohne Träume? Nichts. Du hast es immer gewusst. Du hast die Magie in mir gesehen, als wir uns das erste Mal trafen – die Magie und das, was ich einst war. Das, was ich wieder geworden bin, für einen Moment nur, und doch lang genug, um der Winter zu werden, vor dem du dich gefürchtet hast.
An diesem Tag, dem dritten, kamst du früh, und dieses Mal machtest du keinen Umweg, du kamst direkt zu mir. Gelächelt hast du, wie immer, doch deine Augen waren dunkler als zuvor. Ich dachte, es läge an den Wolken, die den Himmel bedeckten, doch in deinen Augen lagen nicht die Wolken des Himmels. Deine Augen waren voller Schatten, die ihre Dunkelheit jeden Tag stärker auf dich warfen, an dem ich mit dir zusammen war.
Ach Julie, warum hast du es zugelassen? Warum bist du wieder zu mir gekommen, obwohl du es doch gewusst hast, es mir sogar am ersten Tag sagtest?
War es bereits zu spät, weil der Schmetterling mit seinen Flügeln geschlagen hatte? Oder wolltest du es, irgendwie?
Aber noch war es nicht soweit, in dem Moment, als wir uns an diesem Tag trafen, lag noch der Sommer in meinen Augen. Sie haben sich in deinen gespiegelt, braun, so wie immer, und doch erfüllt von einem Leuchten, dass ich vielleicht nie kannte, vielleicht auch einfach lange nicht mehr in ihnen gesehen hatte.
Wie ich schon sagte, du hast gelächelt. Und mich umarmt. Der Geruch von Orangen umgab dich, und wäre nicht der Eiffelturm über uns in den Himmel gewachsen, hätte ich gedacht, an einem anderen Ort zu sein, einem, der nur uns zugänglich ist.
Vielleicht waren wir auch in diesem Himmel, für diese eine Sekunde. Dann aber hast du dich von mir gelöst und der Eiffelturm, die Menschen um uns, die vielleicht, wie ich, täglich deiner Stimme lauschten, waren wieder da.
»Willst du es sehen?«
Das hast du gefragt. Ich wusste, was mit »es« gemeint war, sofort. Dein Orangenbäumchen.
Oh Julie, warum diese Frage? Du hast genau gewusst, dass ich nicht ablehnen würde. Du wusstest alles von mir, selbst die Geschichte mit dem Orangenbäumchen, die ich dir, ich bin sicher, nie erzählt hatte.
Du wusstest, was geschehen würde. Mit mir, der der Winter werden würde, wie ich es schon einmal gewesen war. Heute weiß ich es wieder – doch an diesem dritten Tag – da wusste ich nichts. War nur betört von deinem Duft, von deinem Lächeln und dir – ja, Julie, du bist mein Glück gewesen – und ich wollte dein Glück, deine Freude, dein Leben kennenlernen. Dein Orangenbäumchen.
Ich hatte nicht vergessen, was du mir darüber erzählt hattest – es war ja nur einen Tag her. Niemand dürfte es je berühren. Niemand seine Blüten pflücken. Niemand seine Früchte kosten. Und niemals, nein, niemals dürfte es welken.




