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Exakt fünfundachtzig Millimeter tief, so stellte die Kommission fest, war ein zu diesem Zeitpunkt noch nicht näher identifiziertes, spitzes Instrument in den Brustkorb der Kaiserin eingedrungen, hatte dabei die vierte Rippe zertrümmert, war dann durch den vierten Rippenzwischenraum weiter vorgedrungen, hatte den unteren Teil des oberen Lungenflügels durchbohrt und die vordere Fläche der linken Herzkammer getroffen, einen Zentimeter vor dem absteigenden Zweig der Arteria Coronaria, dem Koronargefäß. Die linke Herzkammer wurde vollständig durchstochen, die hintere Scheidewand zeigte eine dreieckige Öffnung in der Größe von ca. 1 mm. Der Herzbeutel wies einen großen Erguss geronnenen Bluts auf, Ursache des Herzstillstands. Den allgemeinen Zustand des Leichnams und seine Verletzungen dokumentierte man mit 69 fotografischen Aufnahmen, die man bei der Gerichtsverhandlung vorführte und anschließend vernichtete.
Noch während der Untersuchungen meldete sich die Portiersfrau eines Hauses nahe dem Hotel Beau-Rivage bei der Polizei. Sie hatte im Hausflur hinter der Eingangstür eine Feile gefunden und zuerst geglaubt, ein Handwerker hätte sie verloren, dann jedoch von dem Attentat auf die Kaiserin gehört. Sie übergab ihren Fund der Polizei. Für die Gerichtsmediziner gab es keinen Zweifel: Es handelte sich um das Mordwerkzeug.
Um 16 Uhr 10 telegrafierte Graf Kuefstein nach Wien, um den Abschluss der Obduktion »in den Grenzen des Allernotwendigsten« und die Einbalsamierung der Leiche mittels Injektionen von Formaldehyd zu melden, eine Prozedur, die für die dabei anwesende Hofdame Sztáray schwer zu ertragen war. Verbreitete sie doch im ganzen Hotel einen beißenden Gestank und machte eine Desinfektion der Räume vor weiterem Gebrauch notwendig.
Am 13. September 1898 verfassten fünf Ärzte den offiziellen und beglaubigten Bericht über die Obduktion. Er stellt auch heute noch für die Biografen Elisabeths eine wichtige Quelle dar, enthält er doch teilweise vollkommen neue Erkenntnisse. An der Objektivität und Integrität der Schweizer Pathologen besteht kein Zweifel, ebenso wenig an ihren beruflichen Qualifikationen. Für eine absichtliche Verfälschung der Untersuchungsergebnisse fehlte das Motiv – das Protokoll ist zweifellos ein wahrheitsgetreuer und exakter Befund über die körperliche Verfassung der Kaiserin von Österreich zum Zeitpunkt ihres Ablebens.

Der Obduktionsbericht vom 12. September 1898, unterzeichnet von den Professoren Hippolyte Jean Gosse, Auguste Reverdin und Louis Mégevand. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Österreichisches Staatsarchiv.
Der Zustand des kaiserlichen Herzens ist dabei besonders interessant. Es wies nur eine minimale, alterskonforme Vergrößerung auf, bis zuletzt verfügte es über eine ausgezeichnete Pumpfunktion. Es gab keinerlei Anzeichen für eine Erkrankung oder Schwächung des Organs.
Für ihr Alter besaß Elisabeth ungewöhnlich gute Zähne. Bonne dentition, ein »ausgezeichnetes Gebiss«, stellten die Professoren fest. Ihre Angaben werden durch Quellen bestätigt. Wie die im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien verwahrten Rechnungen beweisen, gab Elisabeth große Summen für Zahnärzte aus. Drei Spezialisten bemühten sich um das kaiserliche Gebiss. Dr. Raimund Günther, seines Zeichens Hofarzt, wurde dafür sogar als Edler von Kronmyth geadelt. Daneben zählte auch Levi Spear Burridge, einer der berühmtesten amerikanischen Zahnärzte seiner Zeit, die Kaiserin zu seinen Patientinnen. Der 1887 verstorbene Burridge galt als sehr fortschrittlich, verfertigte bereits Kronen, wurde für ästhetische Zahnpflege geschätzt und führte bereits Mundhygiene durch. In ihren reiferen Jahren vertraute die Monarchin Dr. Otto Zsigmondy, dem damaligen Zahnarzt des Wiener Hofs.
Sie hatte es demnach, wie fälschlicherweise oft kolportiert, nicht notwendig, ihre Zähne hinter einem Fächer zu verstecken. Und bonne dentition schließt ein falsches Gebiss aus. Auch in den erhaltenen Honorarnoten der Zahnärzte finden sich keine Hinweise auf Prothesen. Trotzdem will die Schauspielerin und Zeitzeugin Rosa Albach-Retty, die Großmutter Romy Schneiders, die Kaiserin in einem Restaurant bei der heimlichen Reinigung ihrer falschen Zähne in einem Wasserglas beobachtet haben.
Auf jeden Fall lautete das aufgrund der Untersuchung des Leichnams gezogene Resümee: »Die Kaiserin erfreute sich bis zuletzt bester körperlicher Gesundheit.« Ihre Probleme waren demnach nicht physischer, sondern psychischer Art.
Im Todesjahr der Kaiserin, 1898, kursierten viele Gerüchte, dass diese chronisch krank sei, sich nur mehr mühsam fortbewege. Nur wenige Personen haben damals den Zustand der Monarchin richtig eingeschätzt. So meinte ihre Hofdame Irma Sztáray: »… mit ihrem stählernen Optimismus und ihrer zähen Natur könnte die Kaiserin 100 Jahre alt werden.« Und der berühmte Internist und Neurologe Professor Carl Nothnagel konstatierte nach einer Untersuchung der kaiserlichen Patientin: »Eine partielle Nervenentzündung, nicht ungewöhnlich, sehr schmerzhaft, aber ungefährlich.«

Der Pathologe Louis Mégevand, Mitglied der Obduktionskommission. 1910 nahm er auch die Autopsie an der Leiche Luigi Luchenis vor.
Tatsächlich hätte Elisabeth unter günstigen Bedingungen sehr alt werden können. Dies war die logische Folge ihrer – nach modernen Begriffen – gesunden Lebensweise: Die Kaiserin war eine der kühnsten Springreiterinnen ihrer Zeit. Jahrelang trainierte sie täglich viele Stunden, oft unter Anleitung einer Dressurreiterin vom Zirkus »Krone«. Sie nahm an tollkühnen, anstrengenden Parforcejagden teil. Daneben turnte und schwamm sie gern. Bewegung in frischer Luft fehlte nie, denn sie unternahm lange und ausgedehnte, mit großer Geschwindigkeit zurückgelegte Wanderungen. Training und eiserne Kondition ermöglichten stundenlange Touren. Es freute sie, wenn ihre Bergführer aus Erschöpfung aufgaben. Die Hofdamen wurden im Hinblick auf ihre körperliche Belastbarkeit ausgewählt und aufgenommen.
Immer wieder eingeschobene Hungerkuren schwächten die Kaiserin nicht, modernes Dinner cancelling gehörte zu ihrem Tagesprogramm und ersparte ihr langweilige Abendgesellschaften. Sie konnte sich aber durchaus, wie die Aufzeichnungen ihrer Entourage beweisen, an einer guten Mahlzeit erfreuen, liebte Eis, Konfekt und vor allem frische Milch. In Bayern nahm sie gern die schweren Speisen im Hofbräuhaus zu sich, auf Reisen kehrte sie auch in einfachen Gaststätten ein. Elisabeth hatte, wie alle ihre Schwestern, einen überaus zarten Knochenbau und achtete wie diese auf ihr Gewicht: Sie war stolz auf ihre schlanke Figur und ihre Widerstandskraft. So waren Schifffahrten auf stürmischer See für die Kaiserin ein wahres Lebenselixier – ganz im Gegensatz zu ihrer meist seekranken Begleitung.
Aus Elisabeths Leben ist keine einzige schwere Erkrankung bekannt, auch keine einzige Operation. Trotzdem klagte die Monarchin selbst seit früher Jugend über schlechtes Befinden und schwache Gesundheit. Beides diente ihr als Anlass zur Absage offizieller Verpflichtungen und für häufige Kuren, die erste davon bereits im Alter von 23 Jahren. Damals litt sie unter starkem Husten, man befürchtete Lungenschwindsucht. Es folgte ein mehrmonatiger Genesungsaufenthalt in Madeira. Danach wurden Kuren – oft mehrmals im Jahr – zum festen Bestandteil im Jahresablauf der reisefreudigen Kaiserin. Elisabeth war Stammgast in den bekanntesten Heilbädern Europas. Zur Linderung ihrer Beschwerden fuhr sie unter anderem sechs Mal nach Bad Kissingen und vier Mal nach Meran, weiters in das Seebad von Biarritz, zu den Schwefelquellen in Aixles-Baines und an die Riviera. Hof- und Kurärzte wurden konsultiert. Sie diagnostizierten »matte Herztätigkeit«,«ein geschwächtes, vergrößertes Herz, »wässrige« Blutbeschaffenheit, dazu Ischias und erschlaffende Nerven«, verordneten warme Bäder, Massagen und Trinkkuren.
»Welch schmerzlich der ganze Eindruck ist, den sie macht«, schreibt ihre Tochter Marie Valerie besorgt in ihrem Tagebuch. »Sehr erschrocken über ihr schlechtes Aussehen, die sichtliche Müdigkeit.« Die von Elisabeths Ärzten festgestellte, angebliche Herzschwäche beunruhigte ihre Familie zutiefst. Besonders Franz Joseph und die jüngste Tochter Marie Valerie lebten angesichts des vermeintlich bedrohlichen Gesundheitszustands der Kaiserin, der größte Rücksichtnahme erforderte, in ständiger Sorge.
Wie stellt sich der Tod Elisabeths aus heutiger medizinischer Sicht dar? Dr. Hildegunde Piza-Katzer, Spezialistin für plastische Chirurgie, hat die Ereignisse um das Attentat analysiert:
»Die über 60-Jährige befand sich zum Zeitpunkt der Tat in für ihr Alter ungewöhnlich guter Verfassung. Sie muss auch über eine fast übermenschliche Disziplin verfügt haben. Nur so ist es zu erklären, dass sie nach der tödlichen Attacke, die sie als furchtbaren Schlag verspürte, auf dem Quai du Mont-Blanc zu Boden fiel, sich aber aus eigener Kraft erhob, den zu Hilfe eilenden Passanten in verschiedenen Sprachen höflich dankte, ruhig ihre Frisur ordnete und sich mit festem, raschem Schritt auf das zur Abfahrt bereitstehende Schiff begeben konnte.
Aus dem Bericht der Hofdame wissen wir, dass sie sogar mehr verwundert als empört, auf jeden Fall aber mit normaler Stimme sprach: ›Was glauben Sie, wollte der Mann von mir? Vielleicht meine Uhr?‹
Dies ist bei unter schwerem Schock stehenden Personen durchaus möglich. Elisabeth verspürte trotz zertrümmerter vierter Rippe – eine Verletzung, die im Allgemeinen bei jedem Atemzug ungeheure Schmerzen verursacht – zu Beginn nicht viel. Sie war der Meinung, nur einen heftigen Stoß erhalten zu haben. Auf die Frage ihrer Hofdame erklärte sie ruhig: ›Ich glaube, die Brust schmerzt ein wenig.‹ Das enganliegende Mieder erwies sich als Stütze. Nur so erklärt sich, dass sie noch 120 Schritte zurücklegen konnte. Dann jedoch wurde sie blass, erbat den Arm ihrer Begleiterin und sank nieder. Man labte sie mit einem Zuckerstück. Bei der Öffnung ihres Mieders noch bei Bewusstsein, versuchte sie sich mit eigener Kraft nochmals aufzurichten. Sie atmete schwer. Mit den letzten Worten: ›Was ist nur mit mir geschehen?‹, sank sie in eine Ohnmacht, aus der sie nicht mehr erwachte. Auf Grund der Art der Verletzung verlief ihr Tod schmerzlos. Sie ist nach ca. 90 Minuten, als die Pumpfunktion des Herzens das allmählich eindringende Blut nicht mehr bewältigen konnte, ohne Todeskampf still verschieden.«

Die Tatwaffe: eine scharf zugeschliffene Dreikantfeile. Den Holzgriff ließ Lucheni von einem Freund, dem Lausanner Kunsttischler Benito Martinelli, anfertigen.
Zur Art und Weise von Luchenis Angriff meint Dr. Piza-Katzer: »Dieser ist nicht nur mit enormer Wucht, sondern auch sehr zielgerichtet erfolgt. Auf jeden Fall hatte der Täter für einen ungebildeten Laien ungewöhnlich große anatomische Kenntnisse. Die, wie sich später herausstellte, von ihm selbst dreikantig messerscharf zugeschliffene Feile war ein ideales Mordinstrument. Die sehr kompakte Kleidung des Opfers aus schwerem Stoff – Jacke, Seidenkleid, Mieder, darunter ein Batisthemd – barg das Risiko des Abgleitens der Waffe. Der Anschlag selbst gelang jedoch beim ersten Versuch, er hätte effizienter nicht durchgeführt werden können.«

»Nach Mittheilung des eben hier gewesenen Staatsanwalts von Genf ist man einem weitverzweigtem Complott auf der Spur, welches wahrscheinlich in London angezettelt und dann nach Zürich übertragen wurde. Es soll ursprünglich gegen Seine k. und k. Apostolische Majestät geplant gewesen sein, wovon man aber abgegangen sei, da man den Coup in der Schweiz ausführen wollte und gegen die Kaiserin einen ebenso schweren Schlag zu führen meinte. Das Attentat wäre also von langer Hand vorbereitet gewesen, die Action durch den von London hergeschickten Ciancabilla in Fluß gesetzt und die Ausführung dem Lucheni anvertraut worden.« Telegramm von Graf Kuefstein an das Informationsbüro des Außenamtes in Wien, 30. September 1898.
Dr. Piza-Katzer beantwortet auch die Frage, ob die Kaiserin nach heutigem Stand der Medizin hätte gerettet werden können: »Das ist sehr unwahrscheinlich. Dazu hätte die Tat in einer Spezialklinik stattfinden müssen. Denn ein Hubschrauber braucht Zeit. Die Vorbereitung der Operation braucht Zeit und auch die Öffnung des Sternums. Eine Herzbeuteltamponade führt meistens zum Tod.«
Die Chirurgin kommt dann zu einem interessanten Schluss: »Wir wissen, dass der Täter, ein 25-jähriger junger Mann, im Straßenbau schwere körperliche Arbeit verrichtete und über die entsprechende Kraft verfügte. Wir wissen aber auch, dass er als fanatischer Anarchist von Hass gegen die herrschende Klasse erfüllt war, in Genf unter Gleichgesinnten um Anerkennung rang und sich zu beweisen suchte. Die Möglichkeit, dass man Luigi Lucheni systematisch auf seine ›Propaganda der Tat‹ hintrainierte, ihn sozusagen einschulte, ist nicht auszuschließen.«
Diese These erhärtet sich durch erst in jüngster Zeit zugängliche Dokumente des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien. Meldete doch Graf Kuefstein, der österreichisch-ungarische Gesandte in Bern, dem Informationsbüro des Ministeriums des Äußeren, der damaligen Geheimpolizei, am 30. September 1898 die Angaben eines Spitzels nach Wien: »… dieses Attentat wäre also von langer Hand vorbereitet gewesen, die Action durch … Ciancabilla (einem führenden Anarchisten) in Fluß gesetzt und die Ausführung Lucheni anvertraut worden.«
Luigi Lucheni selbst hat dazu eisern geschwiegen. Er wollte seinen Ruhm mit niemandem teilen: »Ich bin stolzer Anarchist. Den Mord habe ich ganz allein geplant. Ich bin froh, dass sie tot ist«, betonte er.
DIE REISE INS VERDERBEN

Dichtes Gedränge der Sommergäste am Bahnhof von Caux bei Territet. Bereits zum sechsten Mal bezog Elisabeth am 30. August 1898 in dem beliebten Schweizer Ausflugsort Quartier.
Ich gehe immer auf die Suche nach meinem Schicksal. Ich weiß, dass mich nichts davon abhalten kann, es an jenem Tag zu treffen, an dem ich es treffen muß. Das Schicksal macht lange die Augen zu, aber einmal erblickt es uns doch.
Kaiserin Elisabeth, April 1892

Ein Pionier der Balneologie als Arzt des Vertrauens: Medizinalrat Dr. Alfred Sotier betreute Kaiserin Elisabeth während ihrer Kuraufenthalte in Bad Kissingen.
Im Jahre 1898 entschloss sich Kaiserin Elisabeth zu einem wahren Kurmarathon, der im Frühjahr in Bad Kissingen seinen Anfang nahm. Sie ließ dort ihre Leiden – Rheuma und Ischias – von dem renommierten Arzt Dr. Alfred Sotier mittels heißer Bäder behandeln. Im Laufe ihres 60-jährigen Lebens hatte die gesundheitsbewusste Monarchin schon früh eine große Leidenschaft für Heilmaßnahmen aller Art entwickelt. Sie suchte regelmäßig die besten europäischen Heilanstalten auf und blieb – stets unter dem Pseudonym einer Gräfin von Hohenembs – mehrere Wochen lang und kehrte auch immer wieder. Bei ihrem sechsten Aufenthalt in Bad Kissingen besuchte sie Kaiser Franz Joseph am 25. April 1898, der in großer Sorge um seine leidende Gattin gleich seinen Leibarzt Dr. Joseph Kerzl mitgebracht hatte. Ihm gegenüber klagte Elisabeth über Müdigkeit und Atemnot.
Bei einer ihren Promenaden im Kurpark wurden Kaiserin und Kaiser von einem Fotografen aus Bad Kissingen ohne ihr Wissen und ohne Erlaubnis heimlich aus der Entfernung aufgenommen. Auf dem Foto ist Elisabeth, wie immer seit dem Selbstmord ihres Sohnes Rudolf, ganz in Schwarz zu sehen, mit weißem Sonnenschirm und einem Fächer, den sie stets bereithält, um ihr Gesicht zu verbergen. Franz Joseph trägt als Privatmann Zivilkleidung. Es ist die letzte gemeinsame Aufnahme des Paares.

Ein letztes gemeinsames Bild: Kaiser Franz Joseph und Elisabeth beim Spaziergang im Kurpark von Bad Kissingen.
Foto: Atelier Johann Kolb, Bad Kissingen, 1898.
Bald danach traf auch die jüngste Tochter der Patientin in Bad Kissingen ein. Wie immer war Marie Valerie trotz der eigenen großen Kinderschar stets bereit, sich um die Mutter zu kümmern, ihr auf einen Wink hin nachzureisen, sich ihre Klagen anzuhören. »Mama sieht furchtbar schlecht aus«, schrieb sie nach ihrer Ankunft besorgt in ihr Tagebuch. »All der Jammer dieses armen, trostlosen Lebens, nun gesteigert durch Alter und Kränklichkeit und immer noch ohne das tröstende Licht …« Die sehr fromme Marie Valerie war enttäuscht und sorgte sich um das Seelenheil der Mutter, die auch diesmal vom »tröstenden Licht« des Glaubens absolut nichts wissen wollte. Die Auswirkungen der Kurtherapien mit einer zeitweisen Verstärkung der Schmerzen stimmten Elisabeth nicht milder. Im Gegenteil. Mit leiser, gepflegter Stimme übte sie in den langen abendlichen Gesprächen zum Entsetzen der Tochter beißende Kritik an der katholischen Kirche. Marie Valerie blieb nur die Hoffnung, dass Gott diesen schweren Frevel vergeben möge und kam zu dem Schluss:»… sonst müsste sie selbst erschrecken vor den furchtbaren Dingen, die sie sagt, also völliges Ableugnen von Gottes Barmherzigkeit.«

Der tragische Tod von Elisabeths jüngster Schwester Sophie Charlotte: Sie kommt beim Brand des Pariser Bazars de la Charité am 4. Mai 1897 in den Flammen um.
Die bejahende Antwort auf die Frage, ob sie denn nicht an Gott glaube, konnte Marie Valerie nicht beruhigen. »O ja, an Gott glaube ich – so viel Unglück und Leiden kann nicht durch bloßen Zufall entstehen. Er ist mächtig, erschreckend und grausam«, beharrte die Kaiserin und führte den Tod ihrer jüngsten Schwester Sophie Charlotte beim Brand des Pariser Bazars de la Charité im Jahre 1897 an. Die mütterlichen Ansichten erinnerten die biedere, konservative und deutschnationale Tochter in fataler Weise an die Religionsfeindlichkeit der Sozialisten, wenn nicht gar an die der Anarchisten. »Kein Gott, kein Herr!«, lautete einer der Schlachtrufe der anarchistischen Bewegung, deren Taten damals die Medien beherrschten.

In Ischl verbrachte »Sisi« noch einige Tage im Kreis der Familie, am 15. Juli 1898 verließ sie die Salzkammergut-Sommerfrische in Richtung Bad Nauheim, um eine angebliche Herzschwäche zu kurieren.
In Bad Kissingen schien sich der Zustand der Monarchin allmählich zu bessern. »Wetter entsetzlich«, notierte Marie Valerie. »Sturm und Regen, was aber Mama nicht hindert, lange, lange Spaziergänge zu machen …« Und dies trotz einer Entzündung des Ischiasnervs.« »Gott Lob, es muß Dir besser gehen!«, wunderte sich der Kaiser, »da Du so große Ausflüge unternimmst!« Von Kissingen ging es zur Nachkur nach Bad Brückenau, wo die Kaiserin bis zum 12. Juni blieb. Dann erfolgte ein Rückzug in die Einsamkeit der Hermesvilla, ihr von menschenleeren Wiesen und Wäldern umgebenes kleines Schloss im Lainzer Tiergarten am Rande von Wien. Die Haupt- und Residenzstadt selbst hat die Monarchin nicht geschätzt und aus Abneigung prinzipiell gemieden. Anschließend hielt sie sich bei ihrer Familie in Bad Ischl auf, um dann am 15. Juli erneut abzureisen: zu einer weiteren, fünfwöchigen Kur unter Leitung von Dr. Theodor Schott nach Bad Nauheim. Hatten doch die Ärzte bei der Kaiserin ein neues Leiden, nämlich Herzschwäche, festgestellt.
Kaiser Franz Joseph schrieb resigniert: »…nach so unendlich kurzem Zusammensein sind wir wieder auf schriftlichen Verkehr beschränkt. Das ist sehr traurig, aber leider nicht zu ändern. Die neuerliche Trennung geht mir sehr nah …«
Elisabeths Reiseroute führte über München, wo die vermeintlich Herzkranke frohgemut durch die Stadt bummelte, im Englischen Garten spazierte und voll Nostalgie die Stätten ihrer Kindheit, darunter den Familiensitz, das Herzog-Max-Palais, aufsuchte sowie im Hofbräuhaus Bier trank. »Ich verlasse niemals München, ohne hier einzukehren«, meinte die Kaiserin zu ihrer Begleiterin. Auch in ihrer Heimatstadt suchte die Monarchin, wie auf all ihren Reisen und Kuraufenthalten, die lästigen Bewacher abzuschütteln. Überhaupt gab es, wie die Münchener Stadtväter meinten, keinen Grund, die Anwesenheit der gebürtigen Wittelsbacher Herzogin geheim zu halten. Stolz vermeldeten die Fremdenlisten der lokalen Zeitungen jedes Mal die An- und Abreise Elisabeths. Wurde diese, wie es im Hofbräuhaus geschah, von Fremden erkannt und gegrüßt, brach die Monarchin sofort auf. Sie liebte es unerkannt zu bleiben. Ein »Bad in der Menge« war und blieb ihr eine unerträgliche Belästigung.
Bad Nauheim wurde ein Erfolg. Die Kaiserin fühlte, wie ihre Begleitung bemerkte, ihre »Lebenskraft wachsen« und sie schmiedete Pläne für die Zukunft. »Noch eine solche Kur, Gräfin«, meinte sie zu ihrer Hofdame Irma Sztáray, »und Sie werden sehen, ich kann mich auf die größten Seereisen begeben, dann wollen wir zu den Canarischen Inseln«. Davor jedoch stand noch eine Nachkur in Caux hoch über Territet in der Nähe von Montreux am Genfer See auf dem Programm. Die Kaiserin liebte die demokratische Schweiz und die kosmopolitischen Schweizer. In der Eidgenossenschaft sah sie ein Vorbild für die künftige Gestaltung der europäischen Staaten, denn sie zweifelte am Fortbestand der Monarchien. Aus diesem Grund deponierte sie in weiser Voraussicht in der Schweiz, die damals noch nicht zu den führenden Finanzplätzen Europas zählte, auch einen Großteil ihres beträchtlichen Vermögens, zu dem ihre Tochter Marie Valerie bei der Testamentseröffnung nur staunend bemerken konnte: »Es ist erschreckend groß.«
Über die Gefahren, die in der Schweiz, damals eine wahre Hochburg der Anarchisten, auf sie lauerten, war sich Elisabeth durchaus bewusst. Für ihre eigene Person zog sie es vor, diese einfach zu ignorieren und verfasste dazu ein Spottgedicht:
Schweizer, Ihr Gebirg ist herrlich!
Ihre Uhren gehen gut.
Doch für uns ist sehr gefährlich
Ihre Königsmörderbrut!

Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth im Garten des Hotels Cap Martin, Frankreich, zusammen mit der Kaiserin-Witwe Eugenie von Frankreich. Autotypie nach einer Zeichnung von Arthur Lajos Halmi. Abbildung aus: Max Herzig (Hg.): »Viribus unitis. Das Buch vom Kaiser« (1898).
Um die Sicherheit ihres Gemahls war sie jedoch höchst besorgt, wie ein Brief Kaiser Franz Josephs aus dem Jahr 1895 bezeugt, als das Herrscherpaar einen gemeinsamen Urlaub in Cap Martin an der französischen Riviera genoss. »… Deine Besorgnis wegen meiner Sicherheit in Cap Martin war unnöthig«, beruhigte er Elisabeth. »… denn es handelt sich nach meiner Überzeugung nur um unbegründete Geschäftigkeit und um die Nervosität der französischen Polizeibeamten …«
Die Angst Elisabeths um den Kaiser war durchaus berechtigt, wie die nach der Ermordung der Kaiserin enthüllten Pläne französischer und italienischer Anarchisten beweisen sollten. Den Jüngern der schwarzen Fahnen waren die Aufenthalte des österreichischen Kaiserpaars an der Côte d’Azur in den Jahren 1894, 1895 und zweimal 1896 nicht entgangen. 1896 hielt sich Franz Joseph drei Wochen in Cap Martin auf, wobei er der englischen Königin Victoria einen viel beachteten Höflichkeitsbesuch abstattete. Damit geriet er als mögliches Opfer ins Visier der Protagonisten der »Propaganda der Tat«. Es war für die anarchistischen Planer eine große Enttäuschung, dass Kaiser Franz Joseph 1898 wegen Regierungspflichten keine Zeit für einen Urlaub aufbringen konnte.




