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„Rede keinen Unsinn! Sie ist deine Freundin.“
„Ich traue dir alles zu. Sie mag dich. Ich weiß es. Würde sie es sonst mit einem so chaotischen Chef wie dir aushalten?“
„Du redest Unsinn! Hast du sonst noch etwas an mir auszusetzen? Dann raus damit! Ich habe eine wichtige Verabredung mit Kommissar Montebello.“
„Du hast dich nicht verändert!“, klagte sie mit bitterem Ton. „Ich habe gehofft, dass du begreifen würdest, wie ernst es mir mit der Trennung ist, wenn du deinen abscheulichen Beruf nicht aufgibst.“
Es klang nun gar nicht mehr versöhnlich.
„Soll ich Pizzabäcker werden? Du musst mich schon so nehmen, wie ich bin. Du kannst aus mir keinen Hauskater machen.“
„Du bist ein Narr, Serge Christiansen!“, erwiderte sie, sprang vom Schreibtisch und stürmte aus dem Büro. Sie ließ mich mit der Frage zurück, ob mir nur die Option blieb, mich kastrieren zu lassen. Ich stöhnte, stand auf und ging ans Fenster. Sie bestieg gerade ihre Vespa. Mit wehenden Haaren fuhr sie davon. Ich muss ihr sagen, dass sie sich einen Helm aufsetzen soll, dachte ich besorgt.
Ich ging hinunter und über die Straße und setzte mich zu Marcello, der vor dem Café Canova saß.
„Ist schlecht gelaufen, was?“
„Keine Ahnung, was ihr Auftritt sollte. Verbessert hat er die Situation nicht. Wir haben uns nur das an den Kopf geworfen, was wir schon tausendmal durchgehechelt haben.“
„Du hast es vermasselt.“
„Was vermasselt?“
„Sie wollte, dass du ihr einen Grund gibst, euren Streit zu beenden. Einen kleinen winzigen Grund, der sie hoffen lässt.“
„Sie wollte die Kapitulation. Wenn ich ihr nachgeben würde, wärst du deinen Partner los.“
„Idiot!“
„Verstehe die Frauen, wer will!“
„Sie hätte sich mit einem kleinen Finger begnügt.“
„Ah ja? Und was soll das heißen?“
„Zum Beispiel Rom zu deinem Hauptsitz zu erklären und hier eine schöne Wohnung einzurichten. Und wenn du dann noch für ein Kind gesorgt hättest, hätte sie sich mit vielem abgefunden. Italienische Frauen lassen ihre Familie nicht im Stich.“
„Sie muss immer recht behalten.“
„Mach dich mit dem Gedanken vertraut, dass du nicht der einzige Mann bist, der für sie interessant sein könnte.“
„Was soll das denn heißen?“
„Ist das so schwer zu kapieren?“
„Ach, lass mich in Ruhe!“
„Hau ab!“, sagte er lächelnd. „Warum zerbreche ich mir für dich den Kopf, du Barbar?“
Ich trollte mich. Heute war so ein Tag, an dem alle unzufrieden mit mir waren. Am Eingang des Alfredo stieß ich mit Montebello zusammen. Er hatte sich nicht verändert und sah immer noch wie ein alter Seehund aus. Ein sehr großer Seehund mit einem Stalinbart. Wir umarmten uns und klopften uns den Rücken.
„Alter Bandito!“, murmelte er gerührt.
Wir gingen ins Lokal. Das Alfredo bestand aus einem großen Saal, eigentlich so gemütlich wie eine Werkskantine, wenn man ein paar Fresken an der Stirnwand übersah, die wohl in den dreißiger Jahren Mussolini und seinen Gangstern gefallen hatten. Aber die fielen ohnehin nicht weiter auf, weil alle Wände mit Fotos von illustren Gästen bepflastert waren. Es gab wohl keine Berühmtheit, die hier nicht schon die Fettuccine gegessen hatte. Selbst Kennedy und Jackie O. fehlten nicht.
Wir setzten uns, ohne eine Einweisung abzuwarten, in eine Ecke, von wo wir den Saal gut übersehen konnten. Carlo eilte mit der Speisekarte herbei. Er war eine Institution und würde wohl der Letzte sein, der das Licht ausmachte, sollte das Alfredo jemals schließen. Man musste es gesehen haben, wie er die Zubereitung der Fettuccine zelebrierte. Es waren die Bewegungen eines Stardirigenten. Mit weit ausgreifenden Handbewegungen rührte er die Pasta in einer großen Silberschüssel.
„Signore Christiansen, Sie sind mal wieder in der Stadt? Was für eine Freude!“, begrüßte er mich.
Montebello und er umarmten sich. Ich bekam einen kräftigen Handschlag. Irgendwann würde er mich einer höheren Klasse für würdig empfinden und mich mit brüderlichen Küssen beehren. Mit seinem Frack sah er aus wie ein Pinguin, aber ein sehr von sich überzeugter Pinguin.
„Das Übliche?“, fragte er. „Wir haben einen frischen Seewolf hereinbekommen. Kann ich unbedingt empfehlen.“ Er zückte seinen Notizblock. „Also, dann nehmen wir einen Meeresfrüchtesalat, danach natürlich die Fettuccine Alfredo und dann den Seewolf. Zum Schluss Tiramisu?“
„In Ordnung!“, stimmte Montebello zu. „Aber das Tiramisu kannst du streichen. Ein caffè und ein Ramazzotti am Schluss reichen uns.“
Ich nickte zustimmend.
„Sehr wohl“, erklärte auch er sein Einverständnis.
Carlo war kaum zu dem großen Pult zurückgekehrt, wo er die Fettuccine vorbereitete, als Montebello meine Hand tätschelte.
„Nun sag schon! Was führt dich nach Rom? Du bist kaum in Rom angekommen und willst mich sprechen? Dir brennt doch die Jacke! Was hast du auf dem Herzen? Es hat mit dem Vatikan zu tun, nicht wahr?“
Mir fiel die Kinnlade herunter.
„Was? Woher weißt du das?“
„Ich verdöse meine Zeit nicht am Schreibtisch. Rom ist ein Dorf. Im Vatikan hat man sich an deine Fähigkeiten erinnert, stimmt’s? Ein verschwundenes Dokument bereitet ihnen eine Menge Sorgen.“
Ich musste kräftig schlucken.
„Es bleibt in Rom wohl nichts geheim?“
„Mir bleibt nichts geheim.“
Carlo brachte die Antipasti und eine Karaffe Rotwein.
„Ein guter Wein aus San Gimignano. Ihr beide mögt, wenn ich mich recht erinnere, am liebsten Chianti.“ Er hatte recht.
Das Lokal, das ziemlich leer gewesen war, füllte sich nun. Nach Gesprächsfetzen zu urteilen, waren die meisten Amerikaner.
„Was weißt du über die Geschichte?“, fragte ich Montebello. Er wartete, bis Carlo wieder verschwunden war.
„Nicht viel. Eigentlich gar nichts. Nur, dass irgendein Teil vom Lateranvertrag fehlt, was den Vatikan in ein schlechtes Licht rücken könnte. Im Vatikan summt es wie in einem Bienenstock. Ich weiß allerdings nicht, was an dem fehlenden Dokument so aufregend ist.“
„Es ist tatsächlich ein brisantes Papier.“
„Du darfst nichts sagen?“
„Nein. Nur so viel. Die Sache ist so brisant, dass mich sogar der Kardinalstaatssekretär empfangen hat.“
„Wow!“, entfuhr es ihm. „Es geht um irgendwelche Kungeleien mit den Faschisten, stimmt’s?“
Ich sagte nichts dazu. Er wusste nun, dass er auf dem richtigen Pfad war.
„Sachen, die aus der Faschistenzeit auftauchen, sind immer brisant“, sagte er nachdenklich.
„Man könnte den Vatikan damit erpressen!“
„Hm. Vielleicht hat es damit zu tun … Ein ganzes Rudel von der Cantona-Familie ist in der Stadt. Ich lasse sie vorsorglich beschatten. Sie treiben sich meistens auf der Via Veneto herum. Verdächtige Aktivitäten habe ich aber bisher nicht bemerkt.“
„Sieh an, meine alten Freunde von der sizilianischen Mafia!“
„Ja. Aber da wäre noch etwas. Es brodelt im Topf! Von der politischen Polizei habe ich erfahren, dass der KGB mit Mannschaftsstärke in Rom ist. Irgendetwas geht vor. Denn die CIA hat ihre Mannschaft auch verstärkt. Die werden wohl beide den Papst beobachten. Es passt den Sowjets gar nicht, dass ein Pole Papst geworden ist. Die Wahl Wojtyłas hat sie in helle Aufregung versetzt. Die Amis sehen es als Chance, die Russen als Gefahr. Beide liegen auf der Lauer, was der Papst tun wird. Aber dein Problem kann natürlich auch jemand verursacht haben, den wir überhaupt nicht auf dem Schirm haben.“
„Das Papier ist ein paar Millionen wert!“
„Hunderte von Millionen, wenn es so brisant ist, wie du angedeutet hast. Dir bleibt gar nichts anderes übrig, als dich um die Quelle zu kümmern. Wie konnte das Papier aus dem Archiv entwendet werden?“
„Ja. Damit haben wir schon angefangen. Wir untersuchen gerade die Viten von Casardis Mitarbeitern. Bisher hat sich nichts ergeben.“
„Ich werde auch ein paar von meinen Kommissaren darauf ansetzen.“
„Grazie. Je mehr wir aussortieren können, desto besser.“
Montebello sah jäh hoch. Sein Schnurrbart schien sich zu kräuseln. Seine Augen bekamen einen stählernen Glanz.
„Wenn man vom Teufel spricht!“
„Ha!“, entfuhr es auch mir.
Mit tiefen Bücklingen wurden zwei Männer vom Saal-Majordomus begrüßt. Ich kannte die beiden von meinem Besuch in Palermo, als ich den Tod Johannes Pauls I. untersuchte.
„Du hast recht. Die Cantonas sind in Kampfstärke in Rom. Wie heißen die beiden noch?“
„Bonanini und Bacocelli, Leutnants der Cantona-Familie.“
Es waren gut aussehende, schmalhüftige Männer in schwarzen Anzügen. Ihre Hemden waren blütenweiß. Ihre Schuhe glänzten, als wären sie gerade gewichst worden. Sie machten Mienen, als gehöre ihnen das Alfredo.
„Es sind Killer. Leider kann ich ihnen das nicht beweisen.“
Die beiden sahen zu uns herüber und steckten die Köpfe zusammen. Der Saal-Majordomus wies ihnen einen guten Platz am Ausgang zu. Sie setzten sich mit dem Rücken zur Wand. Mafia-Vorsichtsregel: Setz dich stets so, dass keiner deinen Rücken sieht! Die Wild-Bill-Hickok-Regel.
Bacocelli stand wieder auf und setzte sich zu uns in Bewegung. Er riss sich die Sonnenbrille von den Augen und schob sie ins Haar. Ich hätte wetten können, dass es sich um eine Ray Ban handelte. Er stützte sich auf unserem Tisch mit den Händen ab.
„Wer sitzt denn hier so vertraut zusammen?“, fragte er höhnisch. „Unser Maigret und der Barbar aus Hamburg. Seit gestern wieder im Land, stimmt’s? Regnet wohl zu viel in deiner Stadt hinter dem Limes?“
„Euer Betriebsausflug nach Rom ist nicht unentdeckt geblieben. Gleich in Mannschaftsstärke anzurücken, musste doch auffallen. Ist es euch in Palermo zu langweilig geworden? Spuck aus, was du zu sagen hast! Und dann verpiss dich!“, knurrte Montebello.
„Warum so krakeelig, Commissario? Lassen Sie mir doch die Freude, einen lieben alten Bekannten in Rom willkommen zu heißen.“
Es stimmte. Wir kannten uns gut. Hatte ich doch den Cantonas tüchtig in die Suppe gespuckt. Auf ihrer Liste von den Leuten, die sie ganz und gar nicht mochten, stand ich sicher ganz weit oben. Spencer hob seinen wuscheligen Kopf, rappelte sich auf und ließ einen Knurrlaut hören. Bacocelli sah irritiert auf meinen Hund.
„So ein Vieh sollte einen Maulkorb tragen!“
„Er trägt keinen, weil er dich sonst nicht beißen kann“, sagte ich ungerührt. Spencer verstärkte sein Knurren und brachte tatsächlich so etwas wie ein Zähnefletschen zustande. Er merkte, wenn ich jemanden nicht mochte. Montebello strich sich über seinen Schnurrbart.
„Bacocelli, Bacocelli! Irgendwann machst du einen Fehler und dann …“ Er ließ offen, was er mit ihm machen würde.
„Träum weiter, Alter! Das versuchst du doch schon eine ganze Weile und stehst immer noch mit leeren Händen da.“ Bacocelli grinste dreckig.
„Platz, Spencer!“, beruhigte ich meinen Hund. „Er mag dich nicht, Bacocelli!“, erklärte ich Spencers Knurren.
„Sie sollten auf das Vieh aufpassen, sonst fängt es noch eine Kugel.“
„Ich frage mich natürlich, was ihr so weit von eurem Nest zu suchen habt.“ Montebellos Augen glitzerten gefährlich.
Carlo brachte die Fettuccine Alfredo. Bacocelli tat so, als hätte er ihn nicht bemerkt und gab ihm einen Stoß. Die Teller fielen auf den Fußboden und zerbrachen klirrend. Die Fettuccine schlidderten über die Fliesen.
„Scusi! Ich habe dich nicht gesehen. Kannst du nicht besser aufpassen!“, sagte Bacocelli grinsend zu Carlo. Dieser sah ihn an, als hätte er über die Heilige Jungfrau gelästert. Er winkte einem jüngeren Kellner zu, den Boden aufzuwischen.
„Ich bringe euch frische Pasta“, sagte er zu uns mit einer Verbeugung. Ihm war anzumerken, dass er innerlich kochte.
„Da hast du dir einen Freund fürs Leben eingehandelt“, sagte Montebello.
„Ach, es ist doch nichts passiert. Ihr müsst nur ein bisschen länger hungern.“
Er setzte seine Ray Ban wieder auf und verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Schwirr ab! Du hast zu viele Gangsterfilme gesehen“, knurrte Montebello. „Es war ohnehin nicht unser letztes Zusammentreffen.“
„Das wünsch dir nicht! Ciao, ihr beiden!“, erwiderte er und wollte sich zu seinem Tisch in Bewegung setzen. Spencer sprang auf, hob sein Bein und pisste ein paar Tropfen auf seine Schuhe. Bacocelli wollte unter sein Jackett greifen.
„Dieser beschissene Köter!“, rief er mit hochrotem Kopf.
„Lass das besser sein!“, warnte ich ihn. Er sah in meine Smith & Wesson.
Er strich sich nur über sein Revers.
„Jetzt glänzen seine Tangoschuhe noch besser“, kommentierte Montebello.
„Wir sehen uns wieder!“, keuchte der Mafioso. Ich steckte den Revolver weg.
„Dann putz vorher deine Schuhe besser, damit sich Spencer nicht darum kümmern muss.“
Er stieß einen sehr langen Fluch aus und stelzte zu seinem Tisch zurück.
„Woher weiß er, dass ich seit gestern in Rom bin? Doof von ihm, uns das zu verraten“, stellte ich fest.
„Es sollte eine Drohung sein. Aber Prahlereien sind meistens dumm. Wir sollten vielleicht in Betracht ziehen, dass die Vermutung, die Cantonas könnten mit deinem Fall zu tun haben, nicht so ganz falsch ist. Ist im Vatikan schon eine Geldforderung für das Dokument eingegangen?“
„Nein. Kardinal Wischnewski würde mich darüber sofort informieren.“
„Gefällt mir nicht. Das wirft Fragen auf, nicht wahr?“
„Gehen wir ruhig mal davon aus, dass es eine Verbindung zwischen dem Diebstahl und den Cantonas gibt. Einen anderen Faden haben wir im Moment nicht.“
„Hier läuft jedenfalls etwas. Es sind zu viele Cantonas in Rom. So massiv treten sie außerhalb Siziliens nur auf, wenn sie was am Laufen haben.“
Carlo hatte am großen Pult seine Dirigierakrobatik beendet und kam mit frischen Fettuccine an unseren Tisch. Liebevoll stellte er die Teller vor uns hin.
„Was für ein Barbar! Meine Leute haben in die Suppe gespuckt, bevor sie ihnen die Minestrone brachten. Die Kerle haben vor nichts Achtung. So geht man nicht mit meiner Fettuccine um. In der Hölle sollen sie schmoren!“
Als ich mich wieder zur Via del Babuino aufmachte, war ich guter Dinge. Mit Montebello hatte ich unsere Mannschaft wesentlich verstärkt. Bis in den Abend saßen Marcello und ich über den Profilen von Casardi und seiner Familie zusammen. Casardi hatte zwei Söhne, sein Bruder vier. Bis auf einen der Neffen hatten sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Gute, normale Bürger, bis auf Domenico Casardi. Er hatte mal mit Rauschgift gedealt und eine Weile gesiebte Luft geatmet. Aber das war fünf Jahre her. Seitdem aber nicht einmal ein Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung. Marcello hatte dies aus dem Polizeicomputer erfahren. Als ehemaliger Offizier der Guardia Finanza wusste er, wie man das anstellte. Ich informierte Montebello über unsere Erkenntnisse.
„Wie habt ihr das denn herausbekommen?“, staunte er.
„Frag lieber nicht. Ob wir auf eine Spur gestoßen sind, kann ich noch nicht sagen.“
„Immerhin, klemm dich dahinter.“
Am Abend gingen Marcello und ich in einen Sportclub in der Nähe der Bahnstation Termini und quälten uns an diversen Folterinstrumenten. Marcello fand, dass ich gut in Form war. Ich hatte so eine Ahnung, dass dies auch bei diesem Fall notwendig sein würde.
Kurz nach zehn Uhr traf ich in Harry’s Bar ein. Marcello hatte sich brav nach Hause aufgemacht. Spencer hatte ich nicht allein im Hotelzimmer lassen wollen. Er sah dies als Selbstverständlichkeit an. Ich setzte mich auf die Terrasse. Auch Prominenz war anwesend. Delon, Burt Lancaster und Claudia Cardinale und ein paar ähnlich schöne Frauen. Wegen Spencer sah die Cardinale öfter zu mir herüber. Sie stand plötzlich auf, kam zu mir und entschuldigte sich und streichelte Spencer, der dies sichtlich genoss.
„Ich wollt, ich wär mein Hund“, sagte ich zu ihr.
Sie lächelte. „Kommen Sie an unseren Tisch“, lud sie mich ein.
Ich war versucht, dem nachzugeben. Aber ich dachte an Maja und redete mich damit heraus, dass meine Verabredung gleich eintreffen würde.
„Die guten Männer sind meistens vergeben“, sagte sie. Ich bekam noch einmal ein Lächeln und sie ging zu ihren Leuten zurück. Aus den Gesprächsfetzen entnahm ich, dass sie das Ende irgendwelcher Dreharbeiten feierten. Sie bemühten sich alle um einen Mann mit einem respekteinflößenden Gesicht. Als ich den Kellner fragte, wer dieser Mann sei, schüttelte er entrüstet den Kopf.
„Sie kennen Fellini nicht? Der berühmteste Regisseur der Welt. Sie haben doch ‚La dolce Vita‘ gesehen?“
Hatte ich. Er hatte mit diesem Film seinen Römern schonungslos den Spiegel vorgehalten.
Großes Aufsehen erregte auch Estefania, als sie sich zu mir setzte. Claudia Cardinale nickte anerkennend. Die Kellner, die sich bisher mehr um die Filmleute gekümmert hatten, umsprangen nun auch unseren Tisch. Ich bestellte einen Whisky und Estefania entschied sich für einen Martini-Cocktail.
„Na, wie war dein erster Tag bei uns?“, fragte sie und zog die Sonnenbrille ab, die um zehn Uhr abends etwas exzentrisch wirkte. Ihre schönen Augen sollte sie ohnehin nicht dauernd verstecken. Um uns herum wurde viel getuschelt. Estefania war in Rom zumindest so bekannt wie Ava Gardner in Madrid. Sie trug ein weißes Kleid im griechischen Stil, das ihre rechte Schulter frei ließ.
„Eins ist sicher. Du bist sicher eine der schönsten Frauen Roms“, sagte ich anerkennend. Ich hatte keine Hintergedanken. Es war nur eine ehrliche Feststellung.
„Dir ist schon Besseres eingefallen. Mit der Cardinale kann ich bestimmt mithalten. Aber das hat nichts zu bedeuten. Die Kuh schaut dauernd zu uns herüber. Hast du mit ihr …?“
„Nein. Ihre Aufmerksamkeit gilt Spencer.“
„Bist du sicher? Naja, eine Schauspielerin!“, sagte sie herablassend. Estefania hielt sich zugute, dass sie einer der ältesten Adelsfamilien Roms entstammte, vergleichbar nur mit den Orsini und Colonna. Sie erzählte mir den neuesten Klatsch über die vornehmen Familien. Es war völlig belangloser Tratsch. Der Mond hing als runde Scheibe über der Stadt und machte sich auch nicht viel daraus, was unter ihm vorging.
Ich sah sie erst nur aus dem Augenwinkel. Mein Herz schlug ein paar Takte schneller. Hatte mich Estefania deswegen in Harry’s Bar treffen wollen, weil sie wusste, dass Maja hierher kam? Ich traute es ihr zu. Sie war in Begleitung eines sehr gut aussehenden Mannes, der gestikulierend auf sie einredete.
„Sieh da, sieh da! Was sehen meine entzündeten Augen? Das hätte ich nie und nimmer von ihr gedacht!“ Estefanias Lippen kräuselten sich spöttisch.
„Wer ist ihr Begleiter?“, fragte ich mit einem Kloß im Hals.
„Paolo Menotti. Ein bekannter Fernsehjournalist, hat eine Talkshow, in der er mehr redet als seine Gäste. Ich war mal kurz mit ihm zusammen. Lange habe ich es mit ihm nicht ausgehalten. Er hat mich ständig regelrecht zugemüllt. Seine Stimme klingt wie Donald Duck. Selbst im Bett erzählte er mir von Proust. Oft zitierte er auch Ovid. Für eine Stunde ist er ganz amüsant, aber länger halten es nur Groupies mit ihm aus. Er weiß über alles Bescheid. Geschichte, Philosophie, Politik, Literatur, Malerei. Einfach alles. Und alles mit dieser enervierenden Stimme.“
Spencer erhob sich. Ich wollte ihn zurückhalten. Er jaulte empört. Um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, ließ ich ihm seinen Willen. Er lief zu Majas Tisch. Sie schrie auf und umarmte ihn. Er leckte ihr die Hände. Was für ein Verräter! Maja sah sich um und entdeckte uns. Ihr Gesicht wurde eisig. Sie sagte etwas zu ihrem Begleiter und sie kamen zu uns herüber. Menotti und Estefania tauschten Wangenküsse aus. Ich bekam von Maja keinen Wangenkuss. Die beiden Frauen gaben sich die Hand, das heißt, sie berührten kurz ihre Fingerspitzen. Sie hatten sich noch nie gemocht.
„Maja und ich kommen gerade von der Picasso-Retrospektive. Die in Paris vor zwei Jahren war besser. Wir wollen uns hier mit John Wilburn treffen, der angesagteste Vertreter der anarchischen Kunst. Auflösung aller Werte. Purer Nihilismus. Die Weiterführung des Dadaismus. Fantastisch!“
„Aha!“, sagte ich.
Er machte weiter, kannte natürlich alle Kunstrichtungen und sogar die, die erst Kunst werden wollten. Estefania beobachtete ihn ironisch lächelnd und kommentierte seine Ergüsse mit einem „Ach ja“ oder „Was du nicht sagst“. Er merkte nicht einmal, dass sie ihn auf den Arm nahm. Maja stoppte seinen Redeschwall, indem sie mich fragte, ob ich in meinem Fall schon weitergekommen wäre.
„Was? Wie? Was für ein Fall?“, fragte Menotti. Er schien zu befürchten, etwas verpasst zu haben. Eine schier unerträgliche Vorstellung für ihn.
„Ein wenig. Wir haben einen Faden gefunden, an dem wir uns nun entlanghangeln können.“
Menottis Miene zeigte ein großes Fragezeichen.
„Fall? Sind Sie … bei der Polizei?“
„Er ist etwas viel Schlimmeres“, antwortete Maja an meiner Stelle. „Er ist Detektiv. Ein Ermittler. Manche halten ihn für einen Philip Marlowe.“
„Das ist ja hochinteressant!“, begeisterte sich Menotti. „An was für einem Fall arbeiten Sie?“
„Es gehört nicht auf den Marktplatz“, wich ich aus.
„Haben Sie auch eine Waffe bei sich?“
„Hm.“
„Sie haben eine Pistole bei sich?“
Seine Stimme klang wirklich nach Donald Duck.
„Nein. Einen Revolver.“
Ich fragte mich, ob Maja mit diesem Lautsprecher schlief.
„Haben Sie ihn schon einmal benutzen müssen?“, fragte er atemlos.
Ich zuckte mit den Achseln und sagte so gleichmütig wie möglich: „Manchmal.“
„Sie haben getötet?“
„Töten ist mein Geschäft“, sagte ich brutal. Den Spruch hatte ich bei Chandler geklaut. War natürlich Bockmist, was ich da redete. Aber die Vorstellung, dass Maja … Seine Augen wurden so groß wie Mühlenräder. Estefania ließ einen Kiekser hören. Menotti lachte unsicher.
„Er verscheißert mich.“
„Hast du eine Ahnung!“, gab Estefania noch einen obendrauf. „Mit dem Mann aus Hamburg ist nicht zu spaßen! Er hat einige Kerben an seinem Revolver.“
„Hör auf!“, fauchte Maja. „Komm, Paolo, wir gehen.“
„Ist doch ein interessantes Gespräch“, beharrte Menotti. „John Wilburn hat auch schon Menschen umgebracht. Hat er mir selbst gestanden. War in Vietnam dabei. War sein Erweckungserlebnis. Seitdem zeigt er in Happenings auf, dass die ganze Kultur nur ein Firnis ist, der unsere Barbarei überdeckt.“
„Muss ja ein toller Hecht sein“, kommentierte Estefania.
„Nun mal im Ernst. Es bleibt unter uns. Haben Sie wirklich schon einmal jemanden umgelegt?“, fuhr er manisch fort. „Was ist das für ein Gefühl?“
„Paolo, so etwas fragt man nicht!“, entfuhr es Maja.
„Entschuldigung!“, sagte er und schwieg einen Moment betroffen.
Das darauf folgende Schweigen wurde durch das Eintreffen von John Wilburn beendet.
„Ihr kommt doch nachher zu unserem Happening?“, fragte Wilburn den Journalisten und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Du hast mir versprochen, es in deiner Kolumne zu würdigen.“
Ob Wilburn ein Künstler war, konnte ich nicht beurteilen. Er sah jedenfalls so aus.
Sein langes, graues Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Jeans wiesen Löcher auf. Sein Hemd war mit Farbe bekleckert. Seine Augen glänzten verdächtig. Keine Ahnung, was er eingeworfen hatte. Kopfschmerztabletten waren es sicher nicht. Menotti bestellte einen Rum für ihn. Wilburn musterte Estefania mit sichtbarem Interesse.
„Die Contessa Mazarini kennt deine Werke nicht“, nahm Menotti das Gespräch wieder auf. „Sie weiß nicht, welches Aufsehen deine Werke in Japan erregt haben. Die Tokio-Presse stand kopf.“
Estefania beeindruckte auch dies nicht.
„Contessa Mazarini?“, fragte Wilburn elektrisiert. Er rückte seinen Stuhl näher an sie heran.
„Estefania Mazarini, der umschwärmte Star der römischen Gesellschaft“, bekräftigte Menotti.
Wilburn legte wie zufällig seine Hand auf ihren Schenkel. Sie nahm die Hand und legte sie auf den Tisch.
„Sie scheinen ein kleiner Schmutzfink zu sein. Stellen Sie auch ölverschmierte Putzlappen aus?“
„Und Sie sind ein Anachronismus!“, sagte Wilburn keineswegs verlegen. „Beuys war ein Verkünder.“




