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„Ein Anachronismus? In der Tat. Uns gibt es seit achthundert Jahren. Ziemlich langlebig, nicht wahr?“
„Sie gehören in ein Panoptikum“, sagte Wilburn höhnisch lächelnd.
„… das Sie so gern anstaunen“, gab sie zurück. „Sie sind ein eitler kleiner Bilderstürmer!“
Mich hat Estefanias Arroganz manchmal gestört, aber diesmal fand ich sie wohltuend.
„Über mich schreibt die New York Times, dass ich ein Erneuerer sei. Ich zerstöre die Kunst und setze sie neu zusammen und mache ihre wahre Substanz durch visuelle Schocks sichtbar. Picasso ist tot, es lebe die neue Avantgarde des ‚Destruktivismus‘.“
Ich hatte keinen blassen Schimmer, wovon er sprach. Menotti hatte schon zu lange geschwiegen und brachte das Gesprächsthema wieder auf mich.
„Der Begleiter der Contessa ist ein Detektiv. Er hat schon mal getötet.“
Wilburns Miene verdüsterte sich.
„So? Hat er das? Darüber spricht man nicht. Reine Angabe!“
„Schon gar nicht in einer Bar“, stimmte ich ihm zu. „Die Assyrer waren vom Tod fasziniert. Unsere Gesellschaft hat nicht den Mut und die Kraft, das zu akzeptieren.“
Wilburn musterte mich und schlug sich auf die Knie und lachte.
„Sie sind eine Type! Ehrlich, ich mag Sie! Ich möchte Sie nachher in mein Atelier einladen, um Ihnen die Kunst des Destruktivismus vorzustellen. Das gilt auch für Sie“, wandte er sich an Estefania.
„Was ich gehört habe, lässt mich davon Abstand nehmen“, sagte sie mit der Haltung einer Lucrezia Borgia. „Mein alter Freund Serge ist endlich wieder in Rom und da müssen wir uns umeinander kümmern. Er ist ein Mann vom Schlag der alten Condottieri. Ich genieße jede Minute mit ihm.“
Es hörte sich so an, als wären wir ein Paar. Sie sagte das nur, um Maja eins auszuwischen. Ihre Worte zeigten Wirkung. Maja war weiß wie eine Tischdecke. Sie biss sich auf die Lippen. Mein Gott, der Riss zwischen ihr und mir vertiefte sich. Dabei liebte ich sie. Die beiden Frauen tauschten Blicke, die nicht zu missdeuten waren. Ihr Waffenstillstand hatte sich zur offenen Feldschlacht ausgewachsen.
„Dann sollten wir das Liebespaar nicht weiter stören“, sagte Maja und wollte aufstehen. Wilburn schüttelte den Kopf.
„Warte. Auf diese Heldenverehrung muss ich antworten. Liebe Contessa, haben Sie noch nicht mitbekommen, dass Helden aus der Mode gekommen sind? Wenn Sie sich einmal Zeit nähmen, würde ich Ihnen gern beweisen, welche Kraft die Ideologie der Verneinung freisetzt. Der Destruktivismus verschlingt die alten Werte und deutet sie um.“
„Da können Sie lange auf mich warten. Warum soll ich mich mit so einer negativen Schwurbelei belasten?“, winkte Estefania ab.
Er sah auf die Uhr und trank seinen Rum mit einem Zug aus.
„Im Regis Grand gibt es eine Dichterlesung mit dem berühmten Vergil Nuovo, der auch dem Destruktivismus zuneigt. Mein Happening beginnt erst um zwei Uhr. Wir hätten also noch Zeit, uns bis dahin auszutauschen.“
„Lasst uns gehen“, forderte Maja energisch. Sie knuddelte noch einmal Spencer. Er jaulte sehnsuchtsvoll, als sie abzog. Ich bekam zum Abschied einen Blick, der wohl sagen sollte, dass sie jede Versöhnung zu den Akten gelegt hatte.
„Du wusstest genau, das Maja hier mit dem Fernsehfritzen auftauchen würde!“, warf ich nach dem Abgang der drei Estefania vor.
„Stimmt“, gab sie freimütig zu. „Wie sollte ich dir sonst beibringen, wie es um deine große Liebe steht?“
„Du bist eine Kanaille!“
„Auch das. In der Liebe ist es wie im Krieg. Alles ist erlaubt.“
„Ein Allgemeinplatz! Das Wort Liebe hast du schon inflationär gebraucht.“
„Auch das stimmt“, sagte sie unerschütterlich. „Aber du kannst nicht leugnen, dass ich hartnäckig bin.“
„Der Kerl macht sie doch nur unglücklich.“
„Richtig. Das Ganze dauert nur eine Saison. Sie wird dann einen ganz schönen Kater haben. Er ist bekannt dafür, dass er unter seinen Groupies wildert. Doch nun genug der Trauer! Lass uns zu mir fahren, damit ich dich auf andere Gedanken bringe.“
Natürlich hätte ich dies abschlagen sollen. Aber ich fühlte mich so gedemütigt, dass ich schwach wurde. So viel zu meinem Heldentum. Ich brauchte mir nur vorzustellen, was Menotti in dieser Nacht noch mit Maja anstellte, um Magenschmerzen zu bekommen.
Wir fuhren also zum Palazzo Mazarini und sie gab sich Mühe, mich auf andere Gedanken zu bringen. Die meisten Männer in Rom hätten mich darum beneidet, die Contessa im Arm zu halten. Aber bei allem Schweiß, es war eine Menge Verzweiflung dabei.
Als ich am frühen Morgen den Palast verließ, fühlte ich mich wie zerschlagen und war voller Gewissensbisse. Es war keine gute Idee gewesen, sich wieder mit Estefania einzulassen.
Ich war an der Spanischen Treppe angelangt, da fielen mehrere Schüsse. Sie galten offensichtlich nicht der Treppe, sondern mir. Ich hechtete mich hinter den Springbrunnen. Eine Salve jagte die nächste. Das waren keine Revolverschüsse, sondern Maschinenpistolenfeuer. Spencer bellte wütend.
„Komm zu mir, Spencer!“, schrie ich verzweifelt. Er folgte nicht. Ich hatte Angst um ihn. „Komm, Spencer! Komm her!“
Der Mond hing noch als blasse Scheibe am Himmel. Der Springbrunnen begann wieder mit seinen Fontänen. Ein feiner Wasserschleier fiel auf mein Gesicht. Erneut kam eine Salve. Über mir schlug eine Kugel in das steinerne Gesicht des Neptun.
3
Die Mafia vergisst nicht
Die Schüsse kamen aus der Via Condotti. Die Mafiosi – wer konnte es sonst sein – hörten nicht auf, den Brunnen zu bepflastern. Sie rissen nur kleine Gesteinssplitter aus der Brunnenumfassung. Spencer jaulte auf. Endlich kapierte er und kam winselnd zu mir. Ich zerrte ihn an mich heran. Sein Fell war nass. Blut. Sie hatten meinen Hund verletzt. Ich stand auf und schoss die Revolvertrommel leer. Zwei Schatten huschten heran und es wäre um mich geschehen gewesen, wenn der Deus ex Machina in Gestalt eines Polizeiwagens mir nicht zu Hilfe gekommen wäre. Sie kamen mit Sirene und Blaulicht von der Zugangsstraße zur Piazza del Popolo neben der Spanischen Treppe herab. Die Schatten verschwanden zur Via Condotti hin. Die Polizisten sprangen mit gezückten Pistolen aus ihrem Auto. Da sonst niemand da war, richteten sie ihre Waffen auf mich. Um Missverständnisse auszuschließen, ließ ich meine Waffe fallen. Sie stießen mich gegen den Brunnenrand und tasteten mich ab.
„Was ist hier los?“, schnauzte der Ältere.
„Sieht so aus, als wollte man mich umlegen. Rufen Sie Hauptkommissar Montebello an. Der erklärt Ihnen alles. Nun machen Sie schon. Mein Hund ist verletzt. Ich muss mit ihm zum Arzt.“
„Papiere?“, fragte der Jüngere.
„In meiner Seitentasche.“
Er fischte sie heraus und staunte erst einmal.
„Sie sind Detektiv aus Hamburg, haben aber einen italienischen Waffenschein?“
„Rufen Sie Hauptkommissar Montebello an“, forderte ich noch einmal. Mein Hund sah mit bettelnden Augen zu mir hoch. Endlich folgten sie meinem Vorschlag. Nach vielem Hin und Her bekamen sie Montebello an den Apparat. Sie standen sofort stramm. Montebello war in Rom eine große Nummer. Schließlich reichten sie mir den Hörer des Autotelefons.
„Bist du verletzt?“
„Nein. Aber mein Hund.“
„Sie haben schnell reagiert. Wie viele Leben hast du schon verbraucht?“
„Langsam erreiche ich die kritische Phase.“
„Die Polizisten sagten, dass es Maschinenpistolenschüsse gewesen sind.“
„Richtig. Sie waren sehr eifrig mit ihren Liebesgrüßen.“
„Na gut. Ich sage ihnen, dass sie dich zu einem Tierarzt fahren. Und sei vorsichtig!“
Meine Bekanntschaft mit Montebello hatte die Polizisten schwer beeindruckt. Sie fuhren mich zu einem Tierarzt am Campo de’ Fiori. Es war nur ein Streifschuss. Spencer bekam eine Spritze, die er geduldig hinnahm. Der Arzt scherte ihm das Fell um die Wunde und säuberte sie mit großer Behutsamkeit. Natürlich wollte er wissen, wie es zu dieser Verletzung gekommen war. Ich sagte nur „Mafia!“ und er wollte keine weitere Erklärung. Mein Hund sah mich dankbar an. Ich streichelte seinen Kopf und er leckte mir winselnd die Hände.
„Ein sehr diszipliniertes Tier“, lobte der Arzt.
„Er ist kein Tier, sondern ein Menschenhund!“, lobte ich Spencer. Der Arzt nickte verständnisvoll.
„Ja. Es gibt solche Hunde. Ich hatte da mal einen Patienten …“
Ich hörte nicht hin. Für mich war Spencer ohnehin unvergleichlich. Die Polizisten fuhren mich sogar zur Via del Babuino.
Noch vor der Tür meines Hotelzimmers hörte ich das Telefon klingeln. Spencer verzog sich in den Sessel und sah mich, den Kopf auf die Pfoten gelegt, hechelnd an. Es war nochmal Montebello.
„Wie geht es dir und dem vermaledeiten Hund? Ich weiß ja, wie sehr du an ihm hängst.“
„Es scheint ihm ganz gut zu gehen.“
„Es wundert mich, dass sie es so schnell und so plump versucht haben.“
„Ich habe ihnen ja schon mal in die Suppe gespuckt. Vielleicht reagieren sie auf mich etwas allergisch …“
„Soll ich vor dem Hotel einen Wagen postieren?“
„Nein. Das würde die ganze Straße auf mich aufmerksam machen. Ich werde schon zurechtkommen.“
Ich ging zu unserem Büro hinüber. Spencer tat so, als würde er seine Verwundung nicht spüren und kam mit. Marcello sah von seinem Computer auf und stutzte.
„Siehst ziemlich mitgenommen aus!“
Ich schilderte ihm die Nacht. Estefania ließ ich aus.
„Dann sollten wir uns gleich mal den Domenico Casardi vornehmen“, schlug ich vor. Wir fuhren zu dessen Wohnung in Trastevere. Spencer ließen wir zurück. Diesmal folgte er ohne Proteste.
Domenico wohnte über einer Fleischhandlung im zweiten Stock. Wir klopften höflich an die Tür. Das heißt, Marcello klopfte. Ich stand neben der Tür. Es tat uns jedoch niemand auf. Gegenüber seiner Wohnung wurde die Tür aufgerissen. Eine Frau in den Vierzigern trat heraus. Typ Anna Magnani. Die Empörung war ihr ins Gesicht geschrieben. Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Was wollt ihr von Domenico? Wollt ihr ihm wieder Ärger bereiten?“
„Nein. Wir wollen ihn nur sprechen. Warum wieder Ärger?“
„Heute Nacht gab es drüben einen fürchterlichen Lärm. Man stritt wohl miteinander. Dann gab es einen Knall und einen erbärmlichen Schrei. Ich habe die Gendarmerie angerufen, aber die ist bis jetzt nicht gekommen. Seid ihr beiden nicht von der Polizei?“
Wir enthielten uns der Antwort. Marcello zog die Klinke herunter.
„Die Tür ist offen“, sagte er verblüfft und stieß sie weit auf. Wir gingen hinein. Die Nachbarin folgte uns. Domenico war nicht da. Ein chaotisches Durcheinander. Stühle waren umgeworfen. Schubladen aufgerissen. Der Kleiderschrank war durchwühlt worden. Die Anzüge lagen auf dem Boden. Teure Anzüge von Kiton und Brioni.
„Der Junge scheint bei Kasse zu sein.“
Wir durchsuchten die Wohnung. Es hätte ja sein können, dass wir das Dokument fanden, nach dem hier offensichtlich gesucht worden war. Sein Bankkonto war sehr aufschlussreich. Er hätte gut und gern auch im D’Inghilterra, einem der besten Hotels der Stadt, übernachten können. Das Konto wies einige Millionen Lire aus.
„Wenn es nicht eine Rauschgiftsache ist, könnte es unser Mann sein“, schloss Marcello.
„Koscher ist der Junge nicht! Nimm du dir mal seinen Vater vor. Ich fahre in den Vatikan und fühle Casardi den Puls.“
Die Magnani war sehr plötzlich verschwunden. Dafür kam die Polizei, der sie wohl ein Schauermärchen erzählt hatte. Ich verwies die Gendarmen wieder an Montebello. Er löste auch dieses Problem.
„Du legst dich ja mächtig ins Zeug“, lobte er mich, nachdem der Polizist den Hörer an mich weitergegeben hatte.
„Ja. Vielleicht haben wir etwas Konkretes.“ Ich erzählte ihm von dem dicken Bankkonto. Danach rief ich Kardinal Wischnewski an. Ich berichtete von unserem Verdacht.
„Gut. Ich erwarte Sie an der Pforte Angelo.“
Der Kardinal war zur Stelle und führte mich ins Archiv. Casardi sah etwas verbiestert drein. Einen Freund sah er nicht in mir. Ich erklärte ihm den Grund des Besuches.
„Überlegen Sie! War der junge Mann mal im Archiv?“
Er lief rot an. Er tat nun so, als müsse er heftig überlegen.
„Ja. Einmal“, druckste er schließlich.
„Das ist doch strengstens verboten!“, japste der Kardinal. „Das hat Konsequenzen!“
„Er war doch so interessiert an meiner Arbeit. Er wollte sich bei uns bewerben. Er hat alle Anlagen für diesen Beruf. Neben Geschichte hat er auch in Philosophie mit Summa cum laude abgeschlossen. Ich habe ihm nur sein mögliches Arbeitsumfeld gezeigt.“
„Haben Sie ihn mal allein gelassen?“
Er schwieg. Schließlich quetschte er ein „Nein“ heraus. Das „Nein“ dehnte sich wie ein Strumpfband.
„Aber ich musste mal auf die Toilette.“
Ich warf dem Kardinal einen bezeichnenden Blick zu. Es verdichtete sich immer mehr, dass Domenico etwas mit dem Verschwinden des Zusatzvertrags zu tun haben konnte.
„Sie werden sofort Ihre Sachen packen! Sie sind fristlos entlassen!“, donnerte der Kardinal.
„Nein!“, schritt ich ein. „Er hat zwar gegen die Regeln verstoßen. Aber ich bin mir sicher, dass er es nie wieder tun wird.“
„Aber er hat das wichtigste Gebot missachtet“, ächzte der Kardinal.
„Wie heißt es doch? Wer ohne Sünde ist, … Muss ich einen Kardinal daran erinnern? Ich will nicht, dass draußen bekannt wird, dass wir eine Spur haben.“
„Gut. Sie haben recht. Christus hätte ihm verziehen und da darf ich … Sie haben mich vor einem großen Fehler bewahrt“, gab er zu. „Was nun?“, fragte er.
„Wir bleiben ihm jetzt auf den Fersen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn haben.“
„Sie sind tüchtig“, sagte er zum Abschied.
Für einen Kardinal war er eigentlich ganz in Ordnung.
Ich fuhr ins Büro zurück.
„Sag mal, was hast du denn mit Maja angestellt?“, fragte Marcello. „Ich hatte sie eben am Apparat. Sie ist total durch den Wind. Heult wie ein Schlosshund. Ein richtiger Nervenzusammenbruch.“
„Ich habe sie gestern mit Paolo Menotti in Harry’s Bar getroffen.“
„Ach, Menotti! Den kennt sie noch von der Schule. Eine Kindergeschichte. Er war zwar schon immer wie der Teufel hinter ihr her, aber von ihrer Seite ist es bestimmt nichts Ernstes. Ich kenne meine Schwester. Sie lässt sich nicht auf leichtsinnige Geschichten ein.“
Wenn das stimmte, hatte ich alles gründlich an die Wand gefahren. Das Gewissen schlug mir wie die Glocken der Michaeliskirche.
„Euer privater Krieg geht mir aber so was auf die Eier! Hört endlich auf damit und vertragt euch oder lasst euch scheiden.“
„Wir sind nicht verheiratet.“
„Deswegen dürfte es eigentlich ganz einfach sein, einen Schlussstrich zu ziehen.“
Das war es aber nicht. Trotz der bösen Worte, die nun zwischen uns lagen, liebte ich sie. Und da war auch immer der Gedanke, dass es bei ihr genauso sein konnte.
„Doch nun zum Wesentlichen!“, forderte Marcello energisch auf. „Der Vater von Domenico ist ein ehrlicher Mann. Er hat mir sein Herz ausgeschüttet. Er ist über die Entwicklung seines Sprösslings ganz verzweifelt. Domenico hat eine Freundin, die in einer Bar auf der Via Veneto arbeitet.“
„Dann sollten wir uns heute Abend dorthin aufmachen.“
„Die Bar heißt Bella Ciao, nach dem alten Partisanenlied. Frag mich nicht warum.“
Also waren wir auch am Abend wieder auf der Via Veneto. Das Bella Ciao lag gegenüber Harry’s Bar. Domenicos Freundin hieß Erika, eine Deutsche. Als sie zu uns an den Tisch kam, bestellten wir zwei Johnny Walker und baten sie, sich zu uns zu setzen.
„Das ist nicht mein Job“, sagte sie ablehnend.
Marcello legte einige Hundertlirescheine auf das Tablett, als sie unsere Getränke brachte. „Es dauert nicht lange“, fügte er hinzu.
Sie setzte sich zögernd. „Nur einen Augenblick“, schränkte sie ein.
„Wir suchen deinen Freund.“
„Domenico? Warum?“
„Wir wollen ihm einen Job anbieten“, sagte ich auf Deutsch.
„Sie sind Deutscher?“
„Ja. Aus Hamburg.“
„Ich bin in Bremen geboren.“
„Landsleute sollten sich helfen. Wo ist Domenico?“
„Ich weiß es nicht. Wir waren gestern verabredet. Aber er ist nicht gekommen. Ich mache mir Sorgen.“
„Wo wart ihr gestern verabredet?“, fragte Marcello.
„Na hier, im Bella Ciao. Ich habe sogar noch eine Stunde gewartet, nachdem meine Schicht zu Ende war. Dass er mich versetzt, passt so gar nicht zu ihm. Er liebt mich sehr.“
„Denk mal nach, wo er sein könnte.“ Ich legte noch einige Lirescheine dazu.
Sie schluckte und steckte das Geld schnell in ihre Schürze.
„Ist er in irgendetwas verwickelt?“
„Das genau wollen wir herausbekommen. Denn dann ist er nicht der Richtige für den Job.“
„Mein Gott, was hat er denn wieder angestellt?“
Marcello legte ihr tröstend den Arm um die Schulter. Sie holte ihr Taschentuch aus der Schürze und schnäuzte sich. Sie war nur ein kleines, schutzbedürftiges Mädchen in einer fremden Stadt.
„Ich wollte ohnehin nachher zu seiner Wohnung gehen“, schluchzte sie.
„Dort wirst du ihn nicht antreffen. Wir fanden seine Wohnung arg zerrupft und leer vor.“
„Was ist nur los mit ihm?“ Hilflos sah sie uns an.
„Überleg mal, wo könnte er sich versteckt haben?“
„Nun, vielleicht bei seinem Freund Romano Lupo am Campo de’ Fiori. Der hat dort eine Pizzeria. Glaubt ihr, dass ihm etwas passiert ist?“
Wir brachten es nicht fertig ihr zu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war und verabschiedeten uns von ihr. Marcello versprach ihr, sie in der Bar anzurufen, sollten wir etwas erfahren.
Am nächsten Tag, gleich morgens, fuhren wir zum Campo de’ Fiori. Es war gerade Markt. Der Platz war so bunt wie ein Blumenstrauß. Ein süßlicher Geruch hing in der Luft. Aber es wurden nicht nur Blumen angeboten, sondern man konnte alles kaufen, was man zum Leben brauchte. Fleisch, Gemüse, Gewürze, Käse, aber auch Kleider, Schuhe und Mäntel. Es gab zwei Pizzerien. Wir wählten die mit den grün lackierten Tischen. Die Pizzeria war gut besucht. Zwei Männer standen am Ofen, zwei kellnerten. Sie sagten uns, dass der Chef noch nicht heruntergekommen sei, was selten vorkäme.
„Er hat gestern schon über eine Erkältung geklagt“, rief einer der Kellner herüber.
„Was wollt ihr denn von ihm?“
Wir ließen die Frage unbeantwortet und liefen durch das Lokal, an der Küche vorbei die Treppe hoch. Die Tür zur Wohnung war nur angelehnt. Nie ein gutes Zeichen. Wir gingen hinein. Der gleiche Anblick wie in Domenicos Wohnung. Umgestürzte Möbel, aufgerissene Schränke, offene Schubladen. Eine Menge Papier lag auf dem Fußboden. Nur eins war anders. Ganz anders.
Inmitten des Durcheinanders lag mit ausgebreiteten Armen ein Mann. Kopfschuss. Die Augen weit offen. Sein weißes Hemd war blutgetränkt. Er konnte uns nichts mehr sagen. Marcello betastete seinen Hals.
„Tot.“
Es war nicht Domenico. Ich tippte auf Romano Lupo. Ein Fenster stand sperrangelweit offen. Sah verdammt danach aus, als wenn jemand Reißaus genommen hatte. Ich sah aus dem Fenster. Der Markt war nun noch voller geworden. Selbst wenn Domenico noch dort unten weilte, würden wir ihn in dem Gewimmel kaum ausmachen können. Ich ging in den Flur und rief nach unten, dass mal jemand heraufkommen solle.
Ein untersetzter junger Mann kam herauf.
„Lucius. Ich bin Romanos jüngerer Bruder“, stellte er sich vor.
Ich nickte mit dem Kopf, dass er ins Wohnzimmer gehen solle. Er tat es zögerlich und schrie dann auf. Er beugte sich zur Leiche hinunter und nahm den blutigen Kopf und wiegte ihn in seinen Armen.
„Romano, Romano!“, jammerte er.
Nun kamen noch andere vom Personal herauf und stimmten in das Wehgeschrei ein. Ich lief hinunter in die Pizzeria, nahm das Telefon vom Tresen und rief Montebello an und berichtete ihm von dem Schlamassel.
„Kann sein, dass unser Pizzabäcker die Sache mit unserem Freund ausgeheckt hat. Domenico konnte den Cantonas vielleicht ein zweites Mal entkommen.“
„Wenn es die Cantonas sind“, sagte Montebello nüchtern. „Eine Visitenkarte haben die wohl nicht hinterlassen.“
„Nein“, gab ich zu. „Aber wer sollte es sonst sein?“
„Wenn die Sizilianer den Romano Lupo umgebracht haben, dann stecken die tatsächlich hinter dem Dokumentenraub. Du bist in höchster Gefahr.“
„So wird es wohl sein.“
„Gut. Ich komme mit Streife und Krankenwagen zu euch. In fünfzehn Minuten sind wir da.“
Ich ging in die Wohnung zurück.
„Kennt ihr Domenico Casardi?“, fragte ich die Runde und scheuchte sie von dem Toten weg. Dies war ein Tatort. Sie zerstörten eventuelle Spuren.
Lucius nickte bekümmert.
„Ja. Natürlich. Er ist oft hier.“
„Gestern auch?“
Wieder ein Kopfnicken. „Er hat bei uns übernachtet.“
„Gab es etwas Besonderes?“
„Sie hatten ein großes Ding laufen, aber Romano hat nicht herausgelassen, was es war. Er sagte nur einmal, wenn es klappen würde, dann hätten wir ein für alle Mal ausgesorgt.“
„Tja, nun hat er ein für alle Mal ausgesorgt“, warf Marcello düster ein.
„Wer wohnt noch in diesem Haus?“
„Mein Vater, meine Mutter, meine zwei Brüder und natürlich noch Romanos Frau mit den zwei Kindern.“
„Und ihr habt nichts gehört?“
Sie schüttelten alle den Kopf.
„Schalldämpfer!“, mutmaßte Marcello.
„Wohin könnte Domenico geflohen sein?“
Sie sahen sich ratlos an.
„Domenico hat ihm sicher nichts getan“, beteuerte Lucius.
„Das vermute ich auch nicht. Es geht wohl um das große Ding, das zu groß für sie war.“
Ein alter Mann trat ein und stürzte schreiend zur Leiche. Montebello traf mit der Spurensicherung ein. Er fluchte, als er die vielen Menschen in der Wohnung sah und schickte alle hinaus. Der Vater war ein harter Brocken. Er hatte zwar ein tränennasses Gesicht, aber tat, was getan werden musste. Er war der Typ „in vielen Gefechten gestählter Unteroffizier“. Er ließ das Restaurant schließen. Die noch anwesenden Gäste bat er zu gehen und erließ ihnen die Bezahlung. Keiner der Gäste protestierte. Ich wiederholte meine Frage, wo Domenico sein konnte. Der Alte strich sich nachdenklich über seinen Schnurrbart.
„Wir und die Casardi haben einmal hinter den Caracalla-Thermen gewohnt. Meine und Casardis Kinder haben oft hinter dem Grabmal der Caecilia Metella gespielt. Die Kinder hatten dort unterhalb des Grabmals eine kleine Höhle entdeckt, in der sie sich oft aufgehalten haben. Vielleicht ist er dorthin.“
Es war immerhin eine Möglichkeit. Ich informierte Montebello und wir ließen uns mit dem Taxi zur Via Appia Antica fahren. Wir baten den Taxifahrer zu warten. Er nickte vergnügt und deutete auf sein Tachometer. Obwohl es nur eine Ruine war, konnte man gut nachvollziehen, wie gewaltig das Grabmal einst gewesen war. Im Mittelalter war es zu einer Festung ausgebaut worden. Bald fanden wir unterhalb des Grabmals die geschilderte Höhle. Einst mochte es ein Raum für die Trauernden gewesen sein. Dort lag Domenico. Er hatte die Augen geschlossen. Auf seinem weißen Hemd war ein großer Blutfleck. Ich prüfte seine Halsschlagader. Er hatte noch Puls. Marcello öffnete sein Hemd.
„Scheiße!“, sagte er und deutete auf ein kleines, böse aussehendes Loch oberhalb der Lunge. Domenico öffnete die Augen. Sie weiteten sich vor Entsetzen.
„Nein. Wir kommen nicht von den Cantonas“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Sein Atem beruhigte sich.
„Hast du das Dokument noch?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Romano hatte es ihnen übergeben, aber er forderte mehr Geld als ursprünglich vereinbart. Sie haben uns ausgelacht. Er hat sich auf sie gestürzt und da haben sie ihn … kaltblütig niedergeschossen. In dem Durcheinander bin ich zum Fenster hinaus. Sie haben mir noch eine Kugel hinterhergeschickt. Was ist mit Romano?“
Seine Stimme war so leise geworden, dass man ihn kaum verstehen konnte.
„Los, Marcello! Lauf zum Taxi. Sie sollen uns einen Krankenwagen schicken.“
Marcello lief hinaus.
„Was ist mit Romano?“, flüsterte er erneut.
„Welche Rolle spielte Romano?“, wich ich aus.




