Licht und Schatten – der Alltag eines Krankenhausarztes

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Ich musste nicht sehr lange auf sie warten, wahrscheinlich wohnte sie ganz in der Nähe. Sie kam mir auffallend langsam, fast zögerlich, mit ernster Miene über den langen Stationsflur entgegen, ich erwartete sie vor seinem Zimmer. Sie ahnte bereits nichts Gutes. Es hatte beinah den Anschein, als wollte sie die Wahrheit überhaupt nicht erfahren. Je näher sie auf mich zukam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Warum wohl hatte der Doktor sie mitten in der Nacht in das Krankenhaus gerufen? Und sie kam nicht alleine. Sie trug eingehüllt in eine warme, himmelblaue Decke einen etwa drei Monate alten Säugling in den Armen, der friedlich schlief. Dieses Kind würde seinen leiblichen Vater nie kennenlernen, es würde nie eine Erinnerung an ihn haben. Die Mutter war 20 Jahre alt, von kräftiger Statur und hochgewachsen. Sie blickte mich ernst und besorgt an. Ich teilte ihr die traurige Nachricht mit. Sie blickte mich weiterhin schweigend und ernst an, ihr Gesicht blieb so regungslos, als hätte sie nicht zugehört oder meine Worte nicht richtig verstanden. Ich erklärte ihr auch den schlimmen Lungenbefund als Todesursache. Sie konnte nicht sprechen, stellte auch keine Fragen, drückte nur ihr kleines Kind fester an sich. Ohne eine Miene zu verziehen, wurden ihre Augen feucht, und dann lief die erste Träne über ihre Wange, und danach noch eine, und langsam wurden es immer mehr. Sie sagte auch weiterhin kein Wort, sie weinte lautlos. Ich hörte kein Schluchzen, keinen verzweifelten Schrei, ich hörte nichts von ihr. Ich bot ihr einen Stuhl an, ich war versucht, sie tröstend in den Arm zu nehmen, war mir aber nicht sicher, ob dies angemessen war. Meine Augen wurden, so glaube ich, auch feucht. Ich bot ihr noch an, jemanden für sie zu verständigen, der ihr beistehen konnte, aber sie wollte dies alles nicht, sie schüttelte nur langsam und schweigend den Kopf. Ich war damals als junger Assistenzarzt mit dieser schwierigen Situation emotional überfordert. Dann führte ich sie an das Bett ihres verstorbenen Ehemannes und sprach ihr mein Mitgefühl aus.
Während des Medizinstudiums hatte man uns so manche Fächer gelehrt, bei denen wir Studenten uns von Beginn an gefragt hatten, was sie mit unserem späteren Beruf zu tun haben sollten. So begann unser erstes Semester unter anderem mit Biologie, Chemie und Physik. Meine Biologiekenntnisse hatten mir in jener Nacht jedenfalls nicht weitergeholfen. Auch im weiteren Verlauf des Studiums fehlte größtenteils der Praxisbezug. Auf Situationen wie die Überbringung von unerwarteten Todesnachrichten oder eine vernünftige, aber mitfühlende Kommunikation mit Patienten und Angehörigen wurden wir in keinster Weise vorbereitet. Ich sollte in späteren Jahren alle erdenklichen Reaktionen bei der Überbringung von Todesnachrichten erleben, die von tiefer Traurigkeit und Verzweiflung bis zu Teilnahmslosigkeit reichten und in einem Fall sogar mit unberechtigten Anschuldigungen endeten.
Montagmorgen, 9:00 Uhr, Röntgenbesprechung. Der Chefarzt demonstrierte die Röntgenbilder meines Wochenendes. Nach anderen Aufnahmen hängte er das Röntgenbild des jungen Mannes an den Schaukasten. Er zögerte, aber für sein geschultes Auge bestand kein Zweifel: Metastasen. Er drehte sich abrupt zu mir um. „Stimmt das Geburtsdatum?“ Ich antwortete: „Das stimmt!“ „Dann müssen wir dringend …“ Ich musste ihn nun endgültig unterbrechen: „Herr Chefarzt, der Patient ist in der vergangenen Nacht leider verstorben.“ Im Demonstrationsraum, in dem alle Ärzte der internistischen Abteilung versammelt waren, herrschte auf einmal betretenes, ungläubiges Schweigen, alle drehten sich zu mir um. Derjenige Kollege, der mir vor Beginn meines Dienstes den Patienten mit der Bemerkung „Ich glaube, der hat nichts“ übergeben und sich frühzeitig in sein dienstfreies Wochenende verabschiedet hatte, schaute mich völlig entgeistert an. Ich erwiderte sehr lange und eindringlich seinen Blick, und zwar so lange, bis er verlegen wegschaute. Er wusste damit sehr genau, um welchen Patienten es sich handelte. „Haben Sie die Angehörigen verständigt?“, fragte der Chefarzt weiter. „Die Ehefrau ist gekommen, ich habe mit ihr gesprochen“, gab ich zur Antwort. Es folgte eine längere Pause, bis der Chefarzt zu bedenken gab: „Aber er war nur zwei Tage bei uns!“ Darauf erklärte ich noch die therapeutischen Maßnahmen, die ich ergriffen hatte. Eine weitere Pause folgte. Schließlich bat er mich, die Ehefrau anzurufen und sie zu fragen, ob sie mit einer Obduktion einverstanden wäre.
Ich rief sie nach der Röntgenbesprechung an, und sie war einverstanden.
Die Obduktion ergab den folgenden Befund: zahlreiche Metastasen der Lunge eines malignen Melanoms (Hautkrebs), einzelne weitere Metastasen in Gehirn und Leber. Der Primärtumor, von dem die Metastasen ausgegangen waren, konnte nicht gefunden werden. Die Diagnose Hautkrebs hatte der Pathologe anhand der feingeweblichen Struktur der Metastasen gestellt. Diesen Befund teilte mir der Chefarzt, dem mein Gemütszustand keineswegs entgangen war, vorab mit. Er wollte mir damit zeigen, dass ich nicht versagt hatte und dass der Patient aufgrund seiner schweren, weit fortgeschrittenen bösartigen Tumorerkrankung rein nach medizinischen Kriterien nicht zu retten gewesen war.
Auf dem Heimweg an diesem Tag dachte ich dennoch traurig: zum Leben zu spät, zum Sterben zu früh.
6 Stille Nacht, heilige Nacht
Es war Anfang Dezember geworden, und die ersten strengen Nachtfröste hatten eingesetzt. Schneefall war in den Wetterberichten noch nicht vorhergesagt, wahrscheinlich würde es auch in diesem Jahr keine weiße Weihnacht geben.
Ich hatte in dieser Woche Ambulanzdienst, was bedeutete, dass ich für alle Patienten, die ohne eine Klinikeinweisung eintrafen, zuständig war. Meine Aufgabe bestand darin, zu entscheiden, ob ein Patient stationär aufgenommen werden musste oder durch den Hausarzt weiterzubehandeln war. Dies war nicht immer eine leichte Entscheidung. Patienten mit Einweisung wurden von den Ambulanzschwestern direkt auf die Station gewiesen. Man tat gut daran, seine eigenen Patienten auf der Station zügig zu versorgen mit Blutentnahmen, Visiten und Anordnungen, um genügend Spielraum zu gewinnen für den Fall, dass sich der Ambulanzfunk in der Brusttasche des Arztkittels meldete. Es gab Tage, an denen der Ambulanzfunk nahezu unaufhörlich piepte, bisweilen kamen auch mehrere Patienten gleichzeitig, sodass man selektieren musste, welcher Patient am dringendsten einer ärztlichen Hilfe bedurfte. Im Ernstfall, wenn die Arbeit alleine nicht mehr zu bewältigen war, konnte man natürlich auch einen Kollegen zur Mitarbeit bitten.
An diesem Vormittag, als ich meine Stationsarbeit natürlich noch nicht beendet hatte, setzte der grelle, nicht zu überhörende Piepton in meinem Kittel ein. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, auf dieses Alarmsignal zu reagieren. Dies ist eigentlich ein Widerspruch in sich, es gibt sie aber dennoch. Man könnte das nächste Telefon aufsuchen und erst einmal nachfragen, worum es sich handelt, um dann in Ruhe zu entscheiden. Man könnte aber auch alles stehen und liegen lassen, um sich so schnell wie möglich in die Ambulanz zu begeben.
Diese letztere Variante bevorzugte ich, wann immer dies möglich war. Also eilte ich durch das Treppenhaus in die Ambulanz im Erdgeschoss. Durch die leicht geöffnete Ambulanztür wehte mir schon ein penetranter Gestank entgegen. Ich öffnete die Türe und betrat den weitläufigen Raum, um mich der Quelle meiner Missempfindung zu nähern. Ich habe den Ambulanzschwestern nie verziehen, dass sie mich ohne jegliche Vorwarnung vor diesem fürchterlichen Gestank heruntergerufen hatten. Ich verlangsamte sofort instinktiv meine Schritte. Im Rollstuhl saß ein zusammengekauertes Häuflein Elend mit zerzausten, wild in alle Richtungen abstehenden Haaren, mit langem, ungepflegtem Rauschebart, mit zerfledderter Kleidung, hochrotem Gesicht, wässrigen geröteten Augen und nahezu unaufhörlich hustend. Die Schwestern in der Ambulanz kannten ihn wohl schon, und ich sollte ihn noch gut kennenlernen, er war ein stadtbekannter Vagabund. Sein einziges Zuhause war die Straße. Meine Nase sagte mir, dass der Körper dieses vielleicht gerade 50-jährigen Stadtstreichers seit mindestens zwei Monaten keinen Waschlappen mit Seife mehr gesehen hatte. Natürlich war er Alkoholiker, denn auch jetzt meinte ich, in dieser bunten Mischung unterschiedlichster Ausdünstungen den markanten Hauch einer deftigen Alkoholfahne wahrzunehmen. Die Ambulanzschwestern, für gewöhnlich eher hartgesotten, hatten sich in Kenntnis seiner Person und wohl früherer Erfahrungen mit ihm bereits mit Handschuhen bewaffnet. Ich tat es ihnen sofort gleich. Seine Haut glühte, denn er hatte 39,8 Grad Celsius Fieber.
„Bitte machen Sie ihm den Rücken frei, ich möchte die Lunge abhören“, sagte ich zu den Schwestern. Der anhaltende Husten und das hohe Fieber deuteten auf eine Lungenentzündung hin. Trotz Handschuhen bemühten sie sich demonstrativ, ihm nur mit spitzen Fingern, abgewandtem Gesicht und gerümpfter Nase die verschmutzte Jacke, mehrere löchrige Pullover, ein kariertes Baumwollhemd und ein wohl ehemals weißes, aktuell eher graues Unterhemd hochzuziehen. Eine betäubende Wolke aus Schweißgeruch und Urin schlug mir entgegen, sodass ich versucht war, um eine Nasenklemme zu bitten. Die Untersuchung mit dem Stethoskop ließ keinen Zweifel: Entzündung in beiden Lungenunterlappen, wahrscheinlich von den Bronchien ausgehend. „Wir müssen ihn stationär aufnehmen“, teilte ich den Schwestern sogleich mit. Wahrscheinlich in Erinnerung an frühere Erlebnisse mit dem Stadtstreicher hörte ich aus dem Hintergrund prompt die zaghafte Frage: „ Sie wissen aber, was Sie tun?“ – „Weiß ich“, gab ich zurück. Ich fuhr ihn eigenhändig im Rollstuhl auf die Station, auch um weiteren Vorbehalten zu entgehen. Offenbar hatte sich dieser Mann hier in der Vergangenheit wirklich keine Freunde gemacht.
Auf der Etage meiner Station fuhr ich mit ihm vorneweg schnurstracks unserer Oberschwester in die Arme. Die Bezeichnung Oberschwester gibt es heute nicht mehr, die moderne Bezeichnung lautet Pflegedienstleitung. Ich mochte sie, eine äußerst engagierte Frau, deren Zuhause, so schien es, das Krankenhaus war, wo sie sich aufopferte, herzlich zu den Patienten, verständnisvoll und mit offenem Ohr für ihre Schwestern. Wenn ihre Verwaltungsarbeit es zuließ oder wenn auf einer Station eine Schwester krankheitsbedingt ausgefallen war, half sie dort aus. Sie war eine Institution und mit Leib und Seele Krankenschwester. Sie hatte meinen Respekt. Seitdem habe ich keine Pflegedienstleitung mehr gesehen, die auf einer Station bei einem personellen Engpass ausgeholfen hätte.
Die Oberschwester bezog auf dem Stationsflur gerade frisch ein Patientenbett. Sie sah mich mit meinem neuen Patienten schon von Weitem kommen und unterbrach sofort ihre Arbeit. Dann schlug sie entrüstet die Hände über dem Kopf zusammen und kam uns mit den Händen wild in der Luft fuchtelnd entgegen. „Herr Doktor, den können Sie direkt wieder nach Hause schicken, den nehmen wir hier nicht auf!“ Eine für sie höchst ungewöhnliche, unbarmherzige Reaktion, dachte ich mehr als verwundert, was war denn nur in sie gefahren? In ihrer Empörung hatte sie wohl ganz vergessen, dass das einzige Zuhause dieses Mannes die Straße war, wo er in seinem desolaten Gesundheitszustand und bei den frostigen Temperaturen kaum überleben würde. Offenbar hatte sich mein neuer Schützling in unserem Krankenhaus auf allen Etagen vor meiner Zeit tatsächlich sämtliche Sympathien verscherzt. Ich erwiderte sehr bestimmt: „Schwester, ich kann ihn unmöglich fortschicken, er hat eine beidseitige Lungenentzündung.“ Der zusammengekauerte Insasse unseres Rollstuhls nickte bei meinen Worten sofort heftig und zustimmend, obwohl er diese Diagnose gar nicht selbst gestellt hatte. Höchst widerwillig musste sich die Oberschwester in ihr Schicksal fügen. Ich aber hatte als junger Assistenzarzt in diesem Moment gegen ein seinerzeit goldenes, jedoch ungeschriebenes Gesetz im Krankenhaus verstoßen, das da lautet: „Verscherze dir ja niemals das Wohlwollen der Oberschwester.“
Das anschließende Röntgenbild zeigte die Lungenentzündung noch viel ausgedehnter, als ich es vermutet hatte. Mein neuer Schützling war damit viel zu lange ohne ärztliche Versorgung durch die Straßen der Stadt gelaufen. Die Infektion war durch Bakterien, sogenannte Pneumokokken, ausgelöst worden, einen recht häufigen Pneumonie-Erreger. Da der Patient für Mitpatienten absolut unzumutbar war, bekam er auch noch ein Einzelzimmer, mit allen Annehmlichkeiten wie ein Privatpatient, ein Umstand, der die Laune der Oberschwester natürlich auf einen neuen Tiefpunkt sinken ließ. Ich versorgte ihn mit einem breit wirkenden Antibiotikum, einem schleimlösenden Medikament und mit Infusionen, die ein fiebersenkendes Medikament enthielten. Mir war vollkommen bewusst, dass die Behandlung wegen der Ausdehnung der Lungenentzündung ihre Zeit brauchen würde. Die Therapie zeigte nach wenigen Tagen erste Erfolge, denn das Fieber ging langsam, aber stetig zurück. Unser Patient fühlte sich besser, sodass seine Lebensgeister wieder erwachten.
Es gibt nun verschiedene Arten von Alkoholikern: solche, die im Rausch bösartig und aggressiv werden, andere, die eher gutmütig sind, und wieder andere, die mit ihrem Leben fast schon abgeschlossen haben und in einem Sumpf aus Gleichgültigkeit feststecken. Er war eindeutig ein Schelm, von der gutmütigen Art. Als ich das fröhliche, vielleicht etwas listige Blinken in seinen Augen sah, wusste ich Bescheid. Ich musste mir eingestehen, dass er mir noch nicht einmal unsympathisch war, so verkommen er auch war. Wie er dermaßen unter die Räder kommen konnte, hat er mir nie verraten.
Jedenfalls hatte sich sein Zustand so weit gebessert, dass ich bei der nächsten Visite ein Vollbad in unserer berühmten großen Badewanne verordnete. Die Stationsschwester notierte meinen Auftrag eifrig in seinem Anordnungsbogen. Bei der Visite am darauffolgenden Tag stank er aber immer noch. Ich schaute die mich bei der Visite begleitende Schwester fragend und vorwurfsvoll an und tippte mit dem Zeigefinger auf den Eintrag im Anordnungsbogen vom Vortag: „Wir hatten leider noch keine Zeit“, flüsterte sie kleinlaut. Es war ganz offensichtlich, dass die eingehende Waschung dieses ungepflegten Menschen nicht gerade zu den bevorzugten Tätigkeiten unserer Schwestern gehörte. Daher sagte ich betont streng: „Bitte heute noch, und zwar sofort nach der Visite!“ Die Begeisterung der Schwester hielt sich dennoch in engen Grenzen, wie ihren Gesichtszügen zu entnehmen war. Aber ich mochte es eben nicht besonders, wenn meine Anordnungen nicht umgesetzt wurden, unabhängig davon, um welche Anordnungen es sich handelte. Ich musste mich auf Mitarbeiter verlassen können, so wie sie sich auf mich verlassen konnten.
Bei der Visite am darauffolgenden Tag saß mein Patient freudestrahlend und kerzengerade in seinem Bett. Er war sogar ordentlich frisiert und rasiert worden und vollkommen umgeben von einer riesigen Duftwolke aus Fichtennadelöl und anderen Essenzen, die sich bis an die Türschwelle seines Zimmers ausgebreitet hatte. Die Schwestern mussten das Badewasser mit mindestens einer ganzen Flasche solcher Zutaten veredelt haben, denn diesmal wollten sie alles richtig machen. Ein neuer Mensch war geboren worden, so schien es, ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Er thronte nun beinahe so stolz und glückselig in seinem Bett, dass es den Anschein hatte, als ob seine Hoheit die Untertanen wohlwollend und gnädig zu einer Audienz empfangen wollte. Mit diesem Eindruck sollte ich auch gar nicht so falschliegen.
Nur wenige Tage später, es war inzwischen kurz vor Weihnachten, zogen mich die Schwestern fast flehentlich am Ärmel in ihr Stationszimmer und schlossen hinter mir sofort die Türe. Für ihr Anliegen hatten sie sich sogar des Beistands der Oberschwester versichert, der mein Patient schon immer ein Dorn im Auge gewesen war und die mich seit Tagen mit strafenden Blicken bei unseren Begegnungen auf dem Stationsflur würdigte. Ganz unvorbereitet traf mich aber die jetzige Zusammenkunft nicht, da sich die Schwestern schon mehrfach über meinen Patienten beschwert hatten. „Herr Doktor, wir müssen mit Ihnen reden“, verkündeten sie wichtig. Was dann folgte, war eine nicht enden wollende Litanei von neuen Beschwerden über meinen Patienten: „Der benimmt sich hier wie ein Prinz auf der Erbse, lässt sich von vorne bis hinten bedienen, klingelt pausenlos und wegen jeder Kleinigkeit, so als wäre er hier der einzige Patient, er sei ja so krank, fordert zu den Mahlzeiten immer einen Nachschlag, als wäre dies hier ein Viersternehotel, und … und …“ Ich unterbrach sie vorsichtshalber, denn ihr Vortrag hätte sich sonst sicherlich noch längere Zeit hingezogen. Ich konnte ihnen nicht gänzlich widersprechen, denn einen ähnlichen Verdacht hatte ich auch schon gehegt. Er fühlte sich ausgesprochen wohl auf unserer Station, einmal abgesehen von dem gut fortschreitenden Genesungsprozess. Offensichtlich verfügte er auch über das Talent, gewissermaßen auf Vorrat essen zu können, denn der Winter war ja noch lange nicht vorüber. Wahrscheinlich war es ihm schon seit Jahren nicht mehr so gut gegangen. Ich erklärte ihnen aber auch, dass seine Lungenentzündung noch nicht vollständig auskuriert sei und er sicher über Weihnachten im Krankenhaus bleiben müsste. Auf diese meine Botschaft reagierten sie zunächst mit entsetztem Schweigen, gefolgt von einem mehrstimmigen Chor lautstarker, stöhnender Proteste und gekrönt von einem gemeinsamen, ohnmächtigen Augenrollen in Richtung der Zimmerdecke.
Dem Patient erklärte ich allerdings bei der nächsten Gelegenheit, dass seine Rundumversorgung durch die Schwestern ab sofort beendet sei und er tagsüber sein Bett zu verlassen habe. Er zeigte dafür vollstes Verständnis, nickte dazu ganz brav und sagte: „Jawoll, Herr Doktor.“ Wohin ihn meine ärztlich verordnete Selbstständigkeit allerdings führen würde, sollte sich dann sehr bald noch erweisen.
Die Gestaltung des Dienstplans für die Weihnachtstage und den Jahreswechsel gestaltete sich immer etwas schwierig, besonders aber die Besetzung des Nachtdienstes am Heiligen Abend. Es wurde, wenn möglich, Rücksicht genommen auf Kollegen mit Familie oder anderen Verpflichtungen. Wenn niemand bereit war, den Dienst zu übernehmen, wurde eben durch eine Streichholzziehung entschieden: Der Pechvogel, der das Zündhölzchen ohne Schwefelkopf gezogen hatte, hatte den Dienst gewonnen. Da ich noch keine Kinder hatte, meldete ich mich also freiwillig für den Nachtdienst am Heiligen Abend. Irgendwann wäre ich in jedem Fall an der Reihe, wenn nicht in diesem, dann sicherlich im nächsten Jahr.
Es war Heiliger Abend. Den Weihnachtsbaum hatte ich einen Tag zuvor gekauft und bereits geschmückt, die Bescherung würde am ersten Weihnachtsfeiertag stattfinden. Also trat ich meinen Dienst an diesem 24. Dezember an, ein normaler Arbeitstag im Krankenhaus wie jeder andere auch. Zu Weihnachten waren die Stationen immer relativ leer, viele Patienten wünschten die Entlassung, um im Kreis ihrer Familien feiern zu können. Andererseits benötigten wir auch freie Betten, da die Arztpraxen über die Feiertage geschlossen waren und die Patienten ohne Einweisung direkt das Krankenhaus aufsuchten. So war es zu Beginn dieses Dienstes zunächst ziemlich ruhig auf den Stationen. In der Adventszeit waren die Stationen von den Schwestern liebevoll mit Gestecken aus frischen Tannenzweigen und Adventskränzen geschmückt worden, um den Patienten eine Freude zu bereiten. An der Wegkreuzung, dort, wo der Gang aus der Röntgenabteilung auf den sehr langen Quergang zu den beiden großen internistischen Stationen links und rechts mündete, hing ein riesiger Adventskranz mit dicken roten Wachskerzen von der Flurdecke. Hier und da hatte der Duft von Weihnachtsgebäck und frisch geschnittenem Tannengrün die üblichen Krankenhausgerüche verdrängt.
Am Abend wurde ich in die Ambulanz gerufen. Dort erwartete mich eine betagte Patientin mit schwerer Atemnot. Meine Untersuchung mit dem Stethoskop ergab eine akute Herzschwäche mit Wasseransammlung in der Lunge, einem Lungenödem. Sie war von den Ambulanzschwestern bereits mit einer Sauerstoffsonde in der Nase versorgt worden und glücklicherweise noch kreislaufstabil. Ich verabreichte ihr sofort eine Entwässerungsspritze. Die noch bestehende Kreislaufstabilität musste ich ausnutzen, denn würde der Blutdruck infolge der Herzschwäche kritisch absinken, so wären die Nieren nicht mehr ausreichend durchblutet, und das Entwässerungsmittel würde nicht mehr wirken. Dann hätten wir verloren. Dieses Stadium der Herzschwäche war durchaus ein ernster Notfall. Wir fuhren die Patientin rasch in die Röntgenabteilung, das Röntgenbild bestätigte voll und ganz die Diagnose in Form einer „weißen Lunge“ durch die massive Wassereinlagerung. Die Patientin musste sehr schnell auf die Station gebracht und wieder an die Sauerstoffflasche angeschlossen werden, und sie benötigte umgehend die nächste Spritze zur Entwässerung. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, auf welche filmreife Szene ich zusteuern sollte.
Ich schnappte mir also das Bett mit der Patientin und schob es eilig mit wehendem Arztkittel in Richtung der Station. Genau in diesem Augenblick ertönte der wunderschöne Gesang eines großen Frauenchors, der mit klaren, hellen Stimmen das schöne Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ sang. Es war eine große Gruppe unserer indischen Nonnen, gekleidet in ihre langen schwarzen Gewänder und schwarzen Hauben, die seit vielen Jahren als Krankenschwestern an unserer Klinik ihren Dienst verrichteten. Der Gesang hallte ungemein laut an den kahlen Wänden der langen Stationsflure wider, die hohe Tonlage ließ tatsächlich an den Gesang von Engeln denken. Die Schwestern hatten zuvor alle Türen der Patientenzimmer geöffnet, damit die bettlägrigen Patienten an dem schönen Vortrag teilhaben konnten. Langsam kam der Gesang näher. An der Flurgabelung, unter dem großen Adventskranz mit den dicken roten Kerzen, bog der Nonnenchor schließlich um die Ecke.
Von der anderen Station, also aus der Gegenrichtung der Nonnen, stimmte plötzlich eine raue, leicht grölende Männerstimme, zweifelsohne ein guter Tenor, in den Gesang mit ein. Um die Ecke bog etwas torkelnd der sichtlich genesene Stadtstreicher, fröhlich über dem alkoholselig geröteten Kopf langsam im Takt des Liedes eine bereits halb geleerte, große Schnapsflasche schwenkend. Er war unverkennbar in seinem Element. Erstaunlicherweise kannte er sogar den Text dieses schönen Weihnachtsliedes. Die Herkunft der Schnapsflasche konnte ich trotz gründlicher Recherche nie aufklären. In unserer Krankenhauskantine gab es ganz sicher keinen Schnaps. Welch eine schöne Bescherung! Na warte, mein Freund, dachte ich relativ humorlos. Ich raste mit meiner Patientin im Bett mitten durch den Nonnenchor hindurch, der dadurch zwar in zwei Gruppen zerteilt wurde, seinen Vortrag aber keineswegs unterbrach, ebenso wenig wie natürlich der Stadtstreicher. Einen Heiligen Abend wie diesen hatte ich noch nie erlebt.
Die Patientin überlebte ihre akute Herzschwäche, und den König der Landstraße konnte ich noch vor Neujahr vollkommen geheilt entlassen. Damit kehrte unter den Schwestern auf meiner Station endlich wieder Ruhe ein, und der Groll der Oberschwester gegen mich verrauchte mit der Zeit.
Der Winter war noch lange nicht vorüber. Anfang Februar war es bitter kalt geworden, und die Stadt war inzwischen von einer dicken, gefrorenen Schneedecke überzogen. Ich hatte einmal wieder Nachtdienst. Immer wenn ein Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht vor der Klinik hielt, verhieß das in der Regel nichts Gutes. Eskortiert und gestützt von zwei Wachtmeistern erschien wenige Minuten später eine kümmerliche Gestalt auf dem Stationsflur, eine deftige Alkoholfahne eilte ihr wie immer weit voraus. Es war der mir inzwischen bestens bekannte Stadtstreicher. „Den haben wir hilflos auf einer Parkbank gefunden“, erklärten sie. Dieser Ruheplatz war bei dem Dauerfrost und in alkoholisiertem Zustand gar keine gute Idee von ihm, so dachte ich sofort. Alkohol erweitert die Blutgefäße und führt daher noch schneller zu einer Erfrierung. Ich schaute sie dennoch weiter fragend an. „Wir bringen ihn zum Ausnüchtern!“ – „Ich habe hier aber keine Ausnüchterungszelle“, erwiderte ich auf der Stelle. Sie ließen allerdings nicht locker: „Wir auch nicht, unsere ist schon besetzt.“
„Na schön“, stöhnte ich einwilligend. Ich nahm ihn in Empfang, hakte ihn bei mir unter und begleitete ihn auf die Station. Mit Ausnahme des erhöhten Alkoholspiegels war er diesmal kerngesund, abgesehen von einer nur leichten Unterkühlung. Er war wohl noch rechtzeitig von Passanten gefunden worden. Und er war keineswegs so volltrunken, dass er vollständig desorientiert gewesen wäre. Ich lenkte meine Schritte an der Gangkreuzung auf dem Flur nach rechts in Richtung unseres großen Badezimmers mit der freistehenden Badewanne, die er bereits kennengelernt hatte, er hingegen tendierte deutlich nach links in Richtung des ihm wohlbekannten Viersterne-Rundumversorgungszimmers. Er kannte sich inzwischen bestens aus. Wir drifteten ein wenig auseinander. Ein kurzes, aber hartnäckiges Tauziehen konnte ich zu meinen Gunsten entscheiden. „Nichts da, hier geht’s lang!“, sagte ich sehr bestimmt, worauf er mich sichtlich enttäuscht anblickte. Wir betraten also das gut beheizte Badezimmer. Dort musste ich ihm noch einige Regeln erklären: „Also hören Sie zu. Wir haben hier für solche Fälle ein Feldbett, das werden wir von dem Tragegestell auf den Boden setzen, dann können sie nicht mehr tiefer fallen. Die Schwestern bringen Ihnen warme Decken, und eine Kanne warmer Tee und einige Scheiben Brot werden sich auch noch finden lassen. Niemand darf wissen, dass sie hier übernachten. Ich habe einen sehr strengen Chefarzt, der kommt schon morgens um 7:00 Uhr ins Haus. Wenn der etwas bemerken sollte, bekomme ich großen Ärger!“ Er nickte ganz verständnisvoll, er hatte begriffen: „Is ja juut, Herr Dokter, isch tu allet, watse saajen“, lallte er in einem Gemisch aus rheinischem und berlinerischem Dialekt.



