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Es machte mich fast verrückt, dass ich nicht wusste, wann ich ihn wiedersehen würde. Ich hatte so viel Hoffnung in den Abend gesetzt und mir schon ausgemalt, wie es danach weitergehen würde. Wir hätten natürlich unglaublichen und fantastischen Sex gehabt, danach die Nummern getauscht und uns versprochen, dass wir das so bald wie möglich wiederholen würden. Viel weiter hätte ich von der Realität nicht entfernt sein können. Vielleicht konnte ich ja Valentina dazu überreden, dass sie bald noch einmal feierte, überlegte ich.
„Bestimmt meldet er sich in den nächsten Tagen bei dir und erklärt, was los war“, meinte Milena aufmunternd und zog sich ein rotes Kleid über. „Was meinst du, kann ich das anziehen?“
Träge öffnete ich die Augen und betrachtete meine beste Freundin. „Zu auffällig. Du willst dich doch in einer Modelagentur vorstellen und nicht auf dem Strich.“
„Hey!“ Lachend warf sie das besagte Kleid nach mir. „Also eher klassisch schick? Schwarz Jeans und weißes Shirt?“
„Mhm“, murmelte ich und checkte mein Handy, ob er mir schon geschrieben hatte. Es deprimierte mich nur noch mehr und so legte ich es schnell wieder weg.
„Jetzt hör auf damit, Trübsal zu blasen“, schimpfte Milena und zog weitere Klamotten aus ihrem Schrank hervor.
Gedankenverloren ließ ich meine Finger über den Stoff des Kleides wandern, mit dem sie mich abgeworfen hatte. Ich würde ja gerne einfach den Schalter umlegen und wieder lachen und glücklich sein, aber die Situation von gestern Abend ließ mir keine Ruhe. Warum war er einfach abgehauen? Man ließ doch nicht einfach ein Mädchen wie mich auf der Tanzfläche zurück ohne wenigstens rumzumachen. Gott, ich hatte das alles doch schon genau geplant, wie es ablaufen würde. Warum hatte er sich nicht daran gehalten?
„Wahrscheinlich gab es irgendeinen Notfall in der Familie oder sonst was, keine Ahnung. Es wird sich alles aufklären und dann werdet ihr beide darüber lachen, nachdem ihr grandiosen Sex hattet. Oh, und bei eurer Hochzeit bin ich dann Trauzeugin, das ist hoffentlich klar, ja?“
„Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ihn wiedersehen werde und du sprichst schon von Hochzeit“, bemerkte ich.
„Er ist in unserem Studiengang, natürlich siehst du ihn wieder. Entweder auf dem Campus oder morgen Abend nach der Klausur. Ich glaube, dass er gesagt hat, dass er auch mitkommen wollte. Das ist das einzig Gute an Klausuren, die samstags geschrieben werden. Du kannst dich direkt danach betrinken.“ Kritisch drehte sich Milena vor dem Spiegel hin und her. „Meinst du nicht, dass das zu langweilig ist? Ich sehe so normal darin aus. Wie alle anderen Mädchen auch.“
„Du sieht super aus und das weißt du eigentlich auch. Die anderen Mädels werden keine Chance gegen dich haben.“ Und das meinte ich ernst. Ich kannte niemanden, der auch nur annährend so hübsch war wie meine beste Freundin, mich selbst natürlich ausgenommen. Sie hatte die hohen Wangenknochen, die sich jeder wünschte, genauso wie die langen, schlanken Beine und einen Körper, den ich nur als perfekt beschreiben konnte.
„Danke“, seufzte sie. „Ich hoffe nur, dass die von der Agentur das genauso sehen.“
„Wenn sie Augen im Kopf haben, dann wird ihnen das nicht entgehen“, bemerkte ich trocken. „Nochmal zurück zu Konstantin. Zu wem hat er das gesagt? Bist du dir sicher, dass er mitkommen wird? Nicht, dass das alles am Ende nur ein Missverständnis ist.“ Mein Magen zog sich zusammen. Es wäre der Wahnsinn, wenn er auch da sein würde. Soweit ich wusste, waren wir keine allzu große Gruppe und es wäre dann ein Leichtes, alles so einzufädeln, dass wir, ganz zufällig natürlich, nebeneinander sitzen würden und uns dann im Laufe des Abends ein bisschen besser kennenlernen würden. Vielleicht sogar besser als auf einer Party. Was sprach auch dagegen, nach dem Besuch in der Bar noch weiterzugehen? Zum Beispiel zu mir oder zu ihm nach Hause? Vor meinem inneren Auge sah ich den Abend schon vor mir, wie wir dann irgendwann zusammen kurz rausgehen würden, damit wir uns besser „unterhalten“ konnten. Wobei wir natürlich wenig Zeit damit verbringen würden, zu reden. Nein, da schwebten mir ganz andere Dinge vor, die er mit seinem Mund machen könnte. Es wäre die perfekte Situation. Nur ein paar meiner Freunde, die dabei wären und keine anderen Studenten. Keine laute Musik wie auf der Party. Eine gemütliche Runde einfach.
Es war wirklich erstaunlich, wie schnell sich meine Stimmung hob, sobald der Name Konstantin fiel.
„Hm, ich glaube, dass er mit Marco darüber gesprochen hat. Die beiden sind neuerdings recht dicke“, murmelte Milena, während sie dezent Lipgloss auftrug. „Warte, ich schreib ihm kurz. Und…“, sie zog das Wort in die Länge, während sie auf ihrem Handy herumtippte. „…erledigt. So, in ein paar Minuten wissen wir mehr.“
„Hab ich dir schon einmal gesagt, dass du einfach die Beste bist?“
„Einige Male, aber du darfst es gerne noch öfter wiederholen.“ Sie zwinkerte mir zu und wandte sich dann wieder ihrem Spiegelbild zu. „Und wie ich sehe, kommt meine alte Jo wieder zurück. Ich mag die Jo nicht, die dauernd traurig ist. Also lass die besser Zuhause. Konstantin wird die auch nicht sonderlich sexy finden.“
„Ich auch nicht“, lachte ich und rollte mich wieder auf den Rücken.
„Ah und da haben wir die Antwort schon. Unser lieber Konstantin ist morgen Abend auch mit am Start. Also Feuer frei, Jo. Ich glaube, du hast bald ein bisschen mehr zu erzählen.“
Für einige Momente ließ ich es zu, dass ich wieder in diesen Tagtraum verfiel und mir ausmalte, wie der morgige Abend verlaufen würde. Ich musste lächeln. Es würde perfekt werden. Ich wusste es. Es gab überhaupt keine andere Möglichkeit. Morgen würde es keine Notfälle und keine Ausreden mehr geben können, sondern nur noch ihn und mich.
„Warum ziehst du nicht das rote Kleid an? Das würde dir sicher gut stehen.“
„Das hier?“ Zweifelnd griff ich wieder danach. Achtlos hatte ich es einfach neben mir auf dem Bett liegen lassen.
„Das, mit dem du meintest, dass ich auf den Strich gehen könnte.“
„Ich will, dass Konstantin auf mich steht. Nicht, dass er glaubt, ich würde Geld dafür wollen.“ Ich warf Milena einen bösen Blick zu. „Außerdem sind meine Brüste mindestens zwei Nummern größer als deine.“
„Du übertreibst maßlos, Jo. Du bist nicht dicker als ich.“
„Das hab ich auch nicht gesagt. Ich habe nur größere Möpse.“
„Jetzt zier dich nicht und probier es an. Brezel dich ein bisschen auf für morgen Abend und mach dich schick“, drängte Milena mich. „Mit deinen blonden Haaren sieht das Kleid sowieso tausendmal besser an dir aus als bei mir.“
Zweifelnd stand ich auf und schlüpfte aus meiner Jeans und dem lockeren Pulli. Milena und ich hatten uns schon unzählige Male nackt gesehen, wir hatten keinerlei Hemmungen, uns voreinander umzuziehen. Sie kannte meine schönste Spitzenunterwäsche und ich die ihre. Wir hatten wirklich schon lange keine Geheimnisse mehr voreinander.
„Oh Gott, ist das schrecklich“, lachte ich sofort los, als ich mich im Spiegel sah. Der Rock war bei mir viel zu lang und der Ausschnitt viel zu tief und zu freizügig.
„Ich nehme alles zurück. Damit kannst du dir höchstens was dazuverdienen, wenn wir auf dem Heimweg falsch abbiegen“, prustete Milena und öffnete den Reißverschluss sofort wieder. „Aber schau ruhig meinen Schrank durch. Vielleicht findest du ja etwas anderes für morgen Abend.“
„Danke.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Milenas Auswahl an Klamotten war unglaublich groß. „Was war eigentlich noch mit Timo und dir?“, fragte ich beiläufig und zog ein Shirt aus ihrem Schrank, nur um es dann wieder zurückzulegen.
Sie zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder ihrem Make-Up. „Nichts. Wir haben mal ein bisschen rumgemacht und dann meinte er, dass er in London studiert und das war es dann.“
„Was? Warum denn?“
„Was will ich mit einem Typen, der in einem ganz anderen Land wohnt?“
„Spaß? Du musst ihn ja nicht gleich heiraten. Außerdem habe ich gehört, dass er echt gut sein soll.“
„Natürlich will ich ihn nicht heiraten.“ Sie rümpfte die Nase. „Aber ich will nicht das Risiko eingehen, dass ich jemanden mag, mit dem es keine Zukunft hat.“
Ich rollte mit den Augen und zog ein Wollkleid mit schwarzen, langen Ärmeln aus ihrem Schrank. Probehalber hielt ich es vor meinen Körper.
„Bist du eine Nonne geworden, Jo? Ich dachte, du willst ihm zeigen, was er verpasst hat gestern.“
Seufzend hängte ich das Kleid wieder zurück. Sie hatte ja Recht. „Es ist Timo. Der ist auf nichts Festes aus. Ich kenne ihn schon gefühlt mein ganzes Leben.“
„Er ist es vielleicht nicht, aber das muss ja noch lange nicht für mich gelten.“
„Milena Groß!“ Jetzt war ich an der Reihe, grinsend meine Hände in die Hüften zu stemmen. „Willst du dich etwa fest binden?“
„Nee. Ach was. Ich hab nur keinen Bock auf Liebeskummer und den ganzen Kram, weil er so weit weg wohnt. Und ich ja nicht weiß, wann ich ihn wiedersehen kann“, imitierte sie meine Worte von vorhin.
„Hey! Was soll das denn heißen?“
„Dass es dich voll erwischt hat, Jo. So wie du Konstantin immer ansabberst.“
„Ja, und?“
Sie zuckte mit den Schultern, hatte aber ein breites Grinsen auf den Lippen. „Willst du es ernsthaft noch bestreiten, dass du auf ihn stehst?“
„Natürlich stehe ich auf ihn.“
„Seit über einem Jahr. Du bist verknallt, Jo. Sieh es endlich ein.“
„Nein, bin ich nicht“, protestierte ich. Ich hatte keine solchen Gefühle für Konstantin. Bisher war ich noch nie verliebt gewesen und so etwas empfand ich auch für ihn nicht. Ich begehrte Konstantin mehr als einen Mann zuvor, ja, das gab ich gerne zu, aber mit Liebe hatte das noch lange nichts zu tun.
„Ja ja, klar“, murmelte Milena.
Schnaubend holte ich ein weiteres Kleid aus ihrem Schrank und betrachtete mich damit im Spiegel. Nein, ich war nicht verliebt. Ich wollte ihn. Nackt. In meinem Bett. Das war ein riesiger Unterschied.
„Joanna? Wo willst du wieder hin?“ Mein Vater passte mich ab, als ich am nächsten Abend gut gelaunt die Treppe hinunterging.
Nicht mehr lange und ich würde Konstantin wiedersehen und noch mehr. Oh, hoffentlich noch viel mehr als nur das. „Ich gehe aus. Wir haben doch geklärt, dass ich schon lange volljährig bin und machen kann, worauf ich Lust habe, oder?“
„Wie war deine Klausur?“
„Gut. VWL ist nicht schwer.“ Ich zuckte mit den Schultern und holte meine schönen, hochhakigen Winterschuhe aus dem Schuhschrank, die super zu dem Outfit passten, das ich mir von Milena geliehen hatte.
„Sehr schön. Wir müssen kurz reden.“
Ich hielt nicht einen Moment inne. In den vergangenen beiden Tagen hatten wir beide schon mehr miteinander geredet als in dem kompletten letzten Jahr. „Ich habe es eilig.“ Ich hatte ein wenig Angst, dass ich keinen Platz mehr neben Konstantin bekommen würde, wenn ich zu spät dran war. Milena hatte versprochen, mir einen Platz freizuhalten, aber das würde sie nicht ewig machen können, ohne dass es auffällig wurde. „Können wir das nicht morgen machen?“
„Nein, jetzt. Solange du hier wohnst hast du dich an meine Regeln zu halten, Joanna.“
„Welche Regeln, Papa?“ Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Dank meinen hohen Schuhen waren wir fast auf Augenhöhe.
„Dass du mir zuhörst und nicht immer verschwindest, wie es dir passt. Du hast dich abzumelden, wenn du weggehst. Ich mache mir sonst Sorgen um dich, wenn du die ganze Nacht weg bist und ich nicht weiß, wo du unterwegs bist.“
„Gut. Ich gehe mit ein paar Kommilitonen in die Stadt rein. Wir wollen feiern, dass wir die letzte Klausur dieses Jahr geschafft haben. Ich komme wahrscheinlich erst spät wieder. Du wirst es nicht merken“, erwiderte ich knapp. Innerlich rollte ich mit den Augen.
„Und dein Studium hat Vorrang, verstanden? Meinetwegen kannst du so viel ausgehen wie dur möchtest. Solange du deine Klausuren bestehst“, fuhr er fort, als hätte ich nichts gesagt.
„Wo ist dann jetzt das Problem?“, murmelte ich und schaute auffällig auf meine Uhr. „Ich habe immer Einser und bin unter den besten zehn Prozent. War es das jetzt? Oder soll ich dir noch meine Klausuren zum Unterschreiben vorbeibringen?“
„Nein, eine Sache noch.“ Er holte tief Luft. „Komm bitte kurz mit ins Wohnzimmer.“
„Warum? Ich will weiter. Ich bin verabredet und kann nicht zu spät kommen.“
„Fünf Minuten, Joanna. Mehr nicht. Solange können deine Studienkollegen dich noch entbehren.“
Jetzt rollte ich offensichtlich mit den Augen. Genervt folgte ich ihm. Fünf Minuten mehr könnten schon über meine Zukunft mit Konstantin entscheiden. Aber davon hatte mein Vater natürlich keine Ahnung. Wie denn auch? Das letzte Mal war er vor zwei Jahren ausgegangen.
„Du bekommst Taschengeld, aber in Zukunft wirst du dafür auch etwas tun müssen.“
„Was? Ich dachte, ich soll mich auf mein Studium konzentrieren. Von einem Nebenjob war nie die Rede.“ Fassungslos schaute ich ihn an. Es war eine Diskussion vor knapp eineinhalb Jahren gewesen, als ich mein Studium begonnen hatte. Mein Vater hatte mir gesagt, dass es so vollkommen in Ordnung sei. Mein Studium hätte Vorrang. Und daran wollte ich auch nichts ändern. Mir gefiel mein Leben so, wie es jetzt war. Mit allen Freiheiten, die ich hatte und ohne jegliche Verpflichtungen. Ich würde noch lange genug arbeiten.
„Wenn du unter der Woche beinahe jeden Tag feiern gehen kannst, dann dürfte das kein Problem sein. Außerdem verlange ich nichts Unmenschliches von dir.“ Er holte tief Luft und blieb im Eingang zum Wohnzimmer stehen. Eine fremde Frau saß an unserem Esstisch, die sich jetzt langsam erhob. „Joanna, das ist Marianna Winter.“
„Freut mich. Aber du brauchst mir deine neue Freundin nicht vorzustellen. Eine Einladung zur Hochzeit reicht.“ Ich schaute nur kurz zu ihr rüber.
Mein Vater presste die Kiefer fest aufeinander, die einzige Reaktion, die er mir in den letzten Monaten gezeigt hattev. „Sie ist nicht meine Freundin. Sie ist wegen dir hier, Joanna.“
Kapitel 3 – Heute
Wie betäubt saß ich in Mariannas Auto und starrte aus dem Fenster. Sie fuhr langsam durch die dunklen Straßen unseres Vorortes. Ich konnte nicht sagen, wie lange wir schon unterwegs waren und was unser eigentliches Ziel war. Meine Gedanken kreisten nur um das, was passiert war.
Ich wollte weinen, aber es wollte keine einzige Träne kommen. Ich wollte trauern, aber die Trauer huschte an mir vorbei, ohne dass ich sie greifen konnte. Ich wollte an etwas festhalten, doch mein Leben glitt durch meine Finger, ohne dass ich es greifen konnte. Dabei war es nicht das meine, das auf dem Spiel stand.
Die Straßen verschwammen vor meinen Augen. Die aufgehende Sonne tauchte alles in ein angenehmes und warmes, orangenes Licht. Es wäre schön gewesen, wenn ich es gesehen hätte. Ich wollte nicht wieder daran denken, wollte nicht an die vielen Sonnenaufgänge, die ich erlebt hatte. An die darauf folgenden Sonnenuntergänge. An das schwindende Licht. An die Dunkelheit, die langsam vom Himmel Besitz ergriff. Nur, um am nächsten Morgen wieder abgelöst zu werden von den ersten Sonnenstrahlen. Wie oft hatte ich das alles schon gesehen? Wie viele Nächte war ich schon wach geblieben, nur um dieses Schauspiel zu beobachten?
Er hatte mir immer gesagt, dass das der Kreislauf des Lebens sei. Jeder Tag ging einmal vorüber, so wie jede noch so lang erscheinende Nacht wieder abgelöst werden würde von einer zarten Morgenröte. Nichts würde unendlich lange andauern.
Ein Sinnbild für das Leben. Alles war endlich.
Wer hätte schon gedacht, dass ich das einmal mit seinem Leben in Verbindung bringen würde? Ich nicht. Und er mit Sicherheit auch nicht. Bekam er das jetzt überhaupt noch mit? Konnte er noch denken? Fühlte er noch? Kämpfte er?
Der Wagen hielt an. Mein Blick wurde klarer, die Umgebung um mich herum nahm wieder scharfe Konturen an. Wir waren nicht am Krankenhaus. Wir waren noch immer in dem Vorort, in dem wir beide wohnten. Die Straße kam mir vage bekannt vor, auch wenn ich es im ersten Moment nicht einordnen konnte. Erst, als ich das junge Mädchen sah, das mit verheultem Gesicht auf das Auto zusteuerte, wusste ich es wieder. Die Erinnerungen liefen in meinem Kopf ab wie ein Film. Immer wieder hatte ich ihn damit konfrontiert. Es war einfach lächerlich gewesen. Lächerlich und unglaublich unwichtig.
„Was macht sie hier?“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Es berührte mich kaum. Ich hörte sie, aber es löste nichts in mir aus. Keine Wut, keinen Trotz, keine Eifersucht. Nichts. Sie war egal. Es hatte doch alles keinen Sinn mehr, wenn er nicht mehr hier war.
„Joanna hat durchaus ein Recht darauf, es zu wissen.“ Marianna klang erstaunlich ruhig.
„Nein, hat sie nicht.“ Ihre Stimme war erstickt. Sie weinte. Ich beneidete sie darum. Ich hätte meine Gefühle auch gerne auf diese Art und Weise gezeigt. Doch in mir war nichts, dem ich irgendwie hätte Ausdruck verleihen können. Ich fühlte nichts. Ich war wie betäubt. In mir war nur eine Leere. Als hätte mir jemand in nur ein paar Minuten all das geraubt, was das Leben für mich lebenswert machte.
„Es ist in Ordnung, Julia. Wir sind alle mit dem gleichen Ziel hier.“
Müde lehnte ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Sie fühlte sich kühl und glatt an meiner Stirn an. Die Welt raste wieder an mir vorbei, während sie im gleichen Moment still zu stehen schien. Würde sie sich überhaupt noch weiterdrehen ohne ihn? Hatte die Welt noch einen Sinn? Worin lag der Sinn in meinem Leben, wenn seines jetzt zu Ende sein sollte?
Wir passierten das Ortsschild. Die Straßen waren frei. Ich schloss die Augen, wollte wenigstens irgendetwas fühlen. Aber da war nichts. Keine Verzweiflung, keine Trauer. Ich war nur noch eine leere Hülle. Ich atmete. Ich existierte. Und selbst das schien im Moment noch zu viel zu sein, um es zu ertragen.
Keiner sagte mehr ein Wort. Die Sonne stieg langsam höher. Ich spürte die Wärme auf meinen Augenlidern. Sie ließ mich kalt.
Eine dumpfe Erinnerung kam in mir hoch. Die Erinnerung an die Hoffnung, die ich damals noch hatte. Und die Enttäuschung, als sie mit jedem Tag ein wenig mehr schwand. Genau konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich sie verloren hatte oder wann ich aufgehört hatte, jeden Tag daran zu denken. Es war eine schwache Erinnerung an längst vergessene Zeiten. Verschwommen und unklar. Und verstärkte nur das, was ich jetzt fühlte.
Nichts.
Kapitel 4 – Dezember 2018
„Wo warst du denn?“ Ungeduldig drückte Milena mich, als ich endlich in dem Pub ankam, in dem wir uns mit dem Rest unserer Clique verabredet hatten.
Ich rollte mit den Augen. „Frag nicht. Mein Dad hat mich aufgehalten. Und dann habe ich auch noch den Bus verpasst.“
„Schon wieder?“ Mitfühlend verzog Milena das Gesicht. Sie hatte mir einen Platz neben sich am Ende des Tisches freigehalten. Uns gegenüber waren noch zwei Plätze frei. Kurz ließ ich meinen Blick über alle Anwesenden schweifen. Valentina lächelte mir kurz zu. Neben ihr saß ihr Freund Kristian, der sich angeregt mit zwei anderen Kommilitoninnen von uns unterhielt. Er selbst machte seinen Master in Architektur, begleitete seine Freundin aber auf viele von unseren Treffen. Ich mochte ihn gerne. Er war eine angenehme Gesellschaft. Milena saß rechts von mir und neben ihr Selina und Xenia, zwei beste Freundinnen, die zu dem Kern unserer kleinen Clique gehörten. Ihnen gegenüber saßen zwei Jungs die ich nur vage vom Sehen kannte. Wahrscheinlich die Freunde von Konstantin.
„Er ist noch nicht da“, raunte meine beste Freundin mir überflüssigerweise zu.
„Wer fehlt dann noch?“ Ich nickte zu dem zweiten freien Platz uns gegenüber.
Milena hob unwissend die Achseln. „Keine Ahnung. Vielleicht hat Valentina noch jemanden eingeladen.“
„Deinen Bruder vielleicht?“
„Um Gottes Willen, nein. Der hat hier nichts zu suchen.“ Sie rümpfte die Nase.
Eine junge Kellnerin kam vorbei und brachte die ersten Getränke vorbei. Milena und ich bestellten uns noch einen Gin Tonic.
„Was wollte dein Vater wieder von dir?“, griff sie das Thema wieder auf und wandte sich zu mir um. Der Rest vom Tisch redete noch über die Klausur. Wir beide hatten keine Lust, uns daran zu beteiligen. Ich wollte nicht so tun, als wäre sie schwer gewese und als wäre ich mir nicht sicher, ob ich bestanden hätte. Milena ging es da zum Glück ähnlich.
Ich konnte nicht anders als wieder genervt die Augen zu verdrehen. „Er meinte, er will jetzt feste Regeln aufstellen. Er hätte Angst um mich.“
„Wie süß“, bemerkte sie trocken. „Kurz vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag.“
„Eben.“ Ich seufzte. „Er meinte, dass ich jemandem Nachhilfe geben soll, um mir mein Taschengeld zu verdienen.“
„Einem Kerl?“
„Ja.“
„Ist er wenigstens heiß?“
„Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht. Und ich bezweifle, dass er so gut aussieht wie Konstantin.“ Missmutig verzog ich den Mund. „Mir wurde nur gesagt, dass er Benjamin heißt und in zwei Jahren sein Abitur macht.“
„Wie alt ist er dann? Fünfzehn? Sechzehn?“
„So irgendwie wahrscheinlich. Auf jeden Fall hält sich meine Motivation dafür wirklich sehr in Grenzen. Ich frage mich wirklich, was mein Vater sich dabei gedacht hat. Als ob ich Lust darauf hätte, irgendeinem kleinen Jungen Mathe und Englisch beizubringen. Da kann ich meine Zeit sehr viel besser nutzen. Wahrscheinlich hat er einen Anfall von Väterlichkeit und will die letzten Jahre nachholen.“
„Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm und er stellt sich gut an und es ist bald wieder vorbei“, versuchte Milena mich aufzumuntern und drückte meinen Arm. „Und bis dahin kannst du dich ja anderweitig ein wenig ablenken.“ Vielsagend zwinkerte sie mir zu.
„Hoffentlich. Ich habe mir extra Mühe gegeben mit meinen Haaren.“
„Also ich würde sofort mit dir nach Hause gehen“, lachte sie.
Dankend nahm ich von der Bedienung meinen Gin Tonic entgegen und nahm erst einmal einen großzügigen Schluck aus dem Glas. Der Alkohol beruhigte mich. „Oh man, ich bin so dumm. Wie war es bei der Agentur heute Nachmittag? Du hast noch gar nichts erzählt.“
„Nicht so gut. Sie meinten, sie würden sich melden, aber ich habe wenig Hoffnung.“ Milena verzog das Gesicht. Betrübt seufzte sie. „Naja, davon lasse ich mich auf jeden Fall nicht unterkriegen, ich probiere es weiter.“
„Das ist gut. Aber die haben wirklich einen Knall, wenn sie dich nicht nehmen.“ Ich schüttelte den Kopf. Es gab wirklich niemanden, der hübscher und fotogener war als sie.
„Vielleicht war ich einfach zu aufgeregt. Wahrscheinlich hat ihnen das nicht gefallen. Naja, wir werden sehen. Anfang Januar bin ich noch bei einer anderen Agentur eingeladen. Vielleicht läuft es da ja besser.“
„Mit Sicherheit. Aber vergiss mich bitte nicht, wenn du dann berühmt bist, ja? Oder muss ich dann auch über deinen Manager einen Termin bei dir ausmachen?“, scherzte ich, was Milena zum Lachen brachte.
„Leute, sorry für die Verspätung!“, rief Konstantin laut über den Tisch hinweg.
Er hatte sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Für den Moment vergas ich sogar Milena und ihre angehende Modelkarriere. Konstantin sah schon wieder so unglaublich gut aus. Seine Wangen waren etwas gerötet, seine dunklen Augen funkelten und seine Haare… Oh, seine Haare sahen so perfekt aus wie immer. Zerzaust und etwas durch den Wind. Er sah so sexy und anziehend aus. Ich konnte kaum glauben, was er für eine Wirkung auf mich hatte. Das hatte ich so noch nie zuvor erlebt. Er stand noch einmal eine große Stufe über den anderen Kerlen, mit denen ich bisher etwas hatte. Mein Herz schlug schon wieder etwas schneller, nur weil er da war. Noch hatte er mich nicht gesehen und ich überlegte noch, ob ich einfach direkt aufstehen und ihn kurz umarmen sollte. Oder sollte ich ihn einfach küssen?
„Habt ihr etwa zu lange gevögelt?“, rief Kristian vom anderen Ende des Tisches aus mit einem breiten Grinsen im Gesicht, was den ganzen Tisch zum Lachen brachte.
Inklusive mich. Doch es verging mir augenblicklich, als ich Konstantins Miene sah. Er wirkte verlegen und schaute zur Seite. Es fühlte sich wie ein Schlag in den Magen an. Es war mehr als nur ein harmloses Necken gewesen.




