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Konstantin räusperte sich. „Also für alle, die sie noch nicht kennen: Das ist Amelie. Meine Freundin.“ Er legte seine Hand auf den Rücken eines zierlichen, blonden Mädchens, das mit ihren großen blauen Augen scheu in unsere Runde blickte.
Beinahe wäre mir mein Glas aus der Hand gerutscht. Mein Blick schweifte zwischen ihm und Amelie hin und her. Nein, das konnte nicht sein. Seit wann hatte er eine Freundin? Was war das zwischen uns gewesen am Donnerstag? Es war zwei Tage her, dass wir eng umschlungen getanzt hatten. Ich war mir sicher, dass zwischen uns mehr gewesen war. Genau wie vor einer Woche, als ich ihn einmal kurz in der Uni abgepasst hatte. Warum brachte er jetzt seine Freundin mit? Warum hatte er überhaupt eine? Er könnte schließlich mich haben.
Alle anderen begrüßten das Mädchen lautstark. Nur ich nicht. Ich konnte meinen Blick nicht von dem Pärchen abwenden. Konstantin schaute in meine Richtung. Ich konnte seine Mimik nicht deuten. War es Bedauern? Sollte es eine Art Entschuldigung sein, als er kurz und kaum merklich die Schultern hob, bevor er sich neben seine Freundin an den Tisch setzte? Genau mir gegenüber. Wenn ja, war sie wirklich beschissen. Was dachte er sich dabei? Warum hatte er das getan? Er musste doch gewusst haben, dass ich auch hier war.
Es war kein guter Abend heute. Und er würde nicht besser werden. Eigentlich hätte ich es schon wissen müssen, als mein Vater mich abgefangen hatte. Ich hätte vor einer halben Stunde wirklich nicht gedacht, dass der Abend noch schlimmer werden könnte, doch bei dem Anblick der beiden musste ich mich beinahe übergeben. Warum brachte er sie mit hierher? Warum hatte er überhaupt jemand anderen als mich?
Ich nahm einen tiefen Zug aus meinem Glas. Alkohol war vielleicht nicht die beste Idee, aber mit Abstand die einfachste, um damit klarzukommen. Mit Konstantin und seiner Freundin, die aussah wie ein Engel mit ihren zarten Gesichtszügen, den langen blonden Haaren und den riesigen blauen Augen. Sie sah jung aus, deutlich jünger als ich. Ob sie überhaupt wusste, wen sie sich da geangelt hatte? Ich bezweifelte es. Sie sah nicht aus wie jemand, der das zu schätzen wusste oder sich dessen bewusst war. Konstantin brauchte jemanden wie mich. Ich wusste, wie man mit Kerlen umging. Und was wollte Konstantin mit einer wie ihr? Das passte einfach nicht. Er war niemand, der sich mit einem kleinen Mädchen abgab, das keine Erfahrung hatte. Warum auch? Was konnte so spannend mit ihr sein, dass er sich direkt auf eine Beziehung mit ihr einließ? Dem Gerede in der Uni nach war Konstantin niemand, der viel Wert auf feste und ernsthafte Sachen legte. Oder machte er das vielleiccht nur, damit sie ihn ranließ? Das würde Sinn machen. Und dann wären sie in zwei Wochen wieder getrennt.
Oder?
Alle anderen bestellten etwas zu essen. Ich verzichtete. Mir war der Hunger vergangen. Ich bestellte stattdessen noch einen Gin Tonic. Milena warf mir einen schiefen Blick zu, sagte aber nichts. Konstantin war mir egal. Ich wollte nur dieses dumme Gefühl vergessen, das sich in meiner Magengegend eingenistet hatte.
Mein Kopf dröhnte. Ein stechender Schmerz zog hinter meinen Schläfen bis in meine Augen. Neben mir raschelte die Bettdecke. Selbst dieses leise Geräusch fühlte sich in meinen Ohren unerträglich laut an und verstärkte das Pochen in meinem Kopf.
Und doch war ich froh, dass es so war. Es lenkte meine Gedanken weg von dem, was gestern Abend passiert war. Ich konnte es viel leichter verdrängen und hinter anderen Gefühlen verstecken. Schmerz zum Beispiel. Oder Übelkeit, die bei jeder Bewegung hochschwappte.
Konstantin und Amelie. Amelie und Konstantin. Konstantin und seine Freundin. Konstantin, wie er seine Freundin küsste. Amelie, wie sie danach selig lächelte und den Blick kaum von ihm wenden konnte. Er wollte einfach nicht aus meinem Kopf verschwinden. Verdammt, was sollte das? Ich hatte ihn haben wollen. Nur Sex. Nicht mehr. Ich war nicht verknallt in ihn. Und trotzdem war da dieses miese Gefühl in meiner Magengegend.
„Jo? Bist du wach?“, fragte Milena neben mir. Ich hatte ihr den Rücken zugedreht und starrte mit offenen Augen an die Wand.
„Ja.“ Konstantin hatte es schon wieder in meinen Kopf geschafft. Viel früher als mir lieb war. Und mit ihm ein Schmerz, der viel tiefer ging als der in meinem Kopf oder die Übelkeit in meinem Magen. Ein Schmerz, der sich nur temporär mit Alkohol betäuben ließ und danach noch viel schlimmer zurückkam. Was für ein mieser Verräter.
„Wie fühlst du dich?“
„Ich hätte vielleicht doch etwas essen sollen gestern“, erwiderte ich langsam und schloss meine Augen wieder. Die Welt begann wieder, sich viel zu schnell zu drehen.
„Soll ich dir etwas bringen?“
„Nein. Schon gut.“
Milena schwieg. Sie lag ganz still neben mir und rührte sich nicht. Es war das erste Mal, dass sie mich so erlebte. Wir kannten uns tatsächlich noch nicht so lange, dass wir wussten, wie wir mit dem Liebeskummer der anderen umgehen sollten. Nein, es war kein Liebeskummer, korrigierte ich mich in Gedanken sofort. Ich war nur niedergeschlagen, weil meine Pläne mit Konstantin nicht aufgegangen waren. Es war kein Liebeskummer. So etwas hatte ich nicht.
Nur mein verräterisches Herz hatte davon noch nichts mitbekommen.
Scheiß auf das Ding. Wer brauchte das schon?
„Danke“, sagte ich nach einer Weile leise.
„Für was?“
„Dass du mich nach Hause gebracht und hier geblieben bist.“
„Ich bin deine beste Freundin. Das ist selbstverständlich“, erwiderte sie schlicht. „Dafür brauchst du mir nicht zu danken.“
„Trotzdem. Danke.“
„Willst du darüber reden?“
„Über was?“
„Konstantin.“
„Nein“, antwortete ich schnell. Etwas zu schnell. Ich bemühte mich, tief ein- und wieder auszuatmen. Hinter meinen Schläfen pochte es unaufhörlich. „Er interessiert mich nicht mehr. Er hat eine Freundin. Und damit ist er maximal uninteressant für mich geworden.“
„Deshalb hast du dich auch gestern abgeschossen und die beiden den ganzen Abend über ignoriert?“
Fuck, was musste sie ausgerechnet jetzt so aufmerksam sein? „Nein.“
„Jo, sei wenigstens ehrlich. Dann ist es bestimmt nicht mehr so schlimm.“
„Es ist nicht schlimm. Ich bin enttäuscht. Das ist alles“, beharrte ich und setzte mich ruckartig auf. Die Welt um mich herum drehte sich viel zu schnell. Für einen Moment wusste ich nicht, wo oben und unten war. Es legte sich wieder, bevor mir übel wurde.
„Komm, lass uns etwas essen. Dann geht es dir vielleicht auch etwas besser danach.“ Milena war schon aufgestanden und hatte sich ihren Pulli übergeworfen, bevor ich mich überhaupt rühren konnte. „Dein Vater ist doch nicht da, oder?“
Langsam schüttelte ich den Kopf. Die Schmerzen in meinem Schädel nahmen wieder zu. „Er hat Schichtdienst. Er ist ja fast nie da.“
„Sag mal, hast du gestern nicht auch gesagt, dass du heute zu diesem Benjamin musst? Oder ist das erst nächste Woche?“
„Echt? Hab ich das?“ Ich runzelte die Stirn. Ab einem gewissen Zeitpunkt waren meine Erinnerungen an den Abend nur noch verschwommen und vage. Verdammt. Ich hätte es mir aufschreiben sollen. „Scheiße, das kann echt sein. Oh Gott, warum habe ich da zugesagt?“
„Weil du weiteren Stress mit deinem Vater vermeiden möchtest.“ Ungerührt stand Milena da, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihre Lippen zuckten etwas. Immerhin eine, die ihren Spaß hatte. „Soll ich dir noch mehr über gestern Abend erzählen? Du warst eigentlich recht witzig.“
„Nee du, lass gut sein. Ist vielleicht besser so, wenn ich nicht mehr alles so ganz genau weiß.“ Stöhnend fasste ich mir an den Kopf.
„Vielleicht“, stimmte sie mir nach einem kurzen Zögern zu. „Also los jetzt, ich krieg langsam Hunger.“
„Warum bist du überhaupt so fit?“ Seufzend schwang ich die Beine aus dem Bett. Wieder blieb ich erst einmal für einige Sekunden sitzen und wartete, bis die Welt aufhörte, sich viel zu schnell zu drehen und ich einigermaßen sicher aufstehen konnte.
„Im Gegensatz zu dir habe ich gestern Abend nicht zu viel getrunken und davor auch etwas gegessen“, erwiderte sie und wartete geduldig, bis ich es endlich geschafft hatte, mir einen weiten Pullover überzuziehen. Schwankend stand ich an meiner Kommode. Den Blick in den Spiegel vermied ich absichtlich. Ich wollte nicht wissen, wie ich aussah. Es reichte schon aus, wenn ich mich schrecklich fühlte.
Auf dem Weg nach unten ließ mich zu allem Überfluss auch noch mein Gleichgewichtssinn im Stich. In meinem Leben lief gerade aber auch wirklich überhaupt nichts zusammen.
„Ich mache dir keine Vorwürfe, dass du gestern Abend ein bisschen zu viel getrunken hast“, sagte Milena sanfter.
„Danke.“
„Ich meine, du magst ihn. Auch wenn du es dir nicht eingestehen willst. Ich kann es total verstehen. Konstantin ist heiß, sexy und hat dieses gewisse Etwas.“ Sie redete einfach weiter, dabei wünschte ich mir, dass sie einfach aufhören würde, ihn zu erwähnen. „Und einen Korb auf diese Art und Weise zu bekommen ist einfach nicht schön.“
„Aber warum tanzt er dann überhaupt so mit mir, wenn er doch eine Freundin hat?“ Erschöpft ließ ich mich auf einen Stuhl sinken. Wieder waren da die Gefühle, die ich den ganzen gestrigen Abend versucht hatte zu ertränken. Konnten die mich nicht endlich in Ruhe lassen? Ich hatte keine Lust auf das alles, ich wollte das nicht in meinem Leben haben. „Warum tut er so etwas? Ich verstehe das einfach nicht.“
„Vielleicht ist das seine Masche.“ Milena zuckte mit den Schultern und holte eine Pfanne aus dem Schrank hervor. „Keine Ahnung. Manche Jungs sind einfach absolute Machos, die nicht genug bekommen können.“
„Oder er hat sie erst kurz vorher kennengelernt und so. Sie sah ja schon aus wie ein Mauerblümchen.“
„Absolut verklemmt und nichtssagend“, stimmte Milena mir zu. „Optisch passen die ja mal so gar nicht zusammen. Pass auf, in ein paar Wochen ist er wieder Single und steht bei dir vor der Tür. Du bist total sein Typ und er steht sowas von auf dich. Ich hätte echt darauf gewettet, dass er dich mit nach Hause nimmt nach der Party bei Valentina.“
„Gut, dass du es nicht getan hast.“ In mich zusammengesunken saß ich da und schaute Milena zu, wie sie Rühreier und Toast machte. Unser Katerfrühstück, das sich in den letzten anderthalb Jahren etabliert hatte. Ich würde ihr gerne glauben, dass es so war. Aber im Moment konnte ich es nicht. Ich fühlte mich kraftlos und verletzt. Zurückgewiesen. Wann war mir das das letzte Mal passiert? Ich wusste es schon gar nicht mehr.
Ich wollte nur Antworten. Von Konstantin. Warum er so etwas tat, wenn er doch eine Freundin hatte. Es machte alles keinen Sinn. Und vielleicht würde ich es nie erfahren. Und das machte mich noch ein wenig mehr verrückt.
Drei Stunden und eine Kopfschmerztablette später war es soweit. Ich stand vor der Haustür der Winters. Ihr Haus war gerade einmal drei Straßen weiter, so konnte ich dieser ganzen Sache wenigstens etwas Positives abgewinnen. Vorsorglich hatte ich meine alten Mathe- und Englischunterlagen unter dem Arm. Dann konnte ich wenigstens so tun, als sei ich motiviert und vorbereitet. Immerhin bekam ich Geld von den Winters, da sollte ich nicht allzu verkatert und lustlos wirken.
Laut stieß ich die Luft aus. Eine kleine weiße Nebelwolke stieg vor mir auf. Ich hatte keine Lust. Ich wollte nicht hier sein. Und ich wollte wieder in mein Bett und mich selbst bemitleiden.
Milena hatte mich regelrecht dazu zwingen müssen, das Haus zu verlassen. Der Kopfschmerz saß noch immer dumpf hinter meinen Schläfen und mit Sicherheit hatte ich noch einiges an Restalkohol. Immerhin sah ich mittlerweile einigermaßen annehmbar aus und roch nicht mehr wie ein halber Schnapsladen, wie Milena es liebevoll ausgedrückt hatte. Ein Fortschritt, wie ich fand.
Seufzend drückte ich auf die Klingel. Es half ja doch alles nichts. Je schneller wir anfingen, desto schneller wäre es auch alles vorbei. Ich hoffte nur, dass dieser Benjamin keine komplette Pfeife war und wir schnell durchkommen würden. Gott, mein Kopf dröhnte noch immer so schlimm, dass ich mich kaum konzentrieren konnte. Und meine Gedanken schweiften noch immer alle paar Sekunden zu Konstantin ab. Naja, für ein bisschen einfache Oberstufen-Mathematik sollte mein Denkvermögen gerade noch ausreichen.
Die Tür vor mir öffnete sich. „Hey, du bist Joanna, richtig?“, begrüßte mich ein junger Mann und streckte mir die Hand entgegen.
„Ja, genau. Und du bist Benjamin?“ Ich ergriff seine Hand mit etwas Verzögerung. Der Restalkohol. Nicht seine Erscheinung.
Er lächelte. Ich schob es auf meine restlichen Promille, dass ich ihn ein bisschen zu lange musterte. Benjamin hatte ein kantiges Gesicht mit markanten Wangenknochen, die ihn deutlich älter aussehen ließen, als er es eigentlich sein musste. Am auffälligsten an ihm waren seine braunen Augen, die regelrecht strahlten vor Energie und Lebensfreude.
„Einfach nur Benny. Benjamin hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt. Also, komm rein.“ Höflich ging er einen Schritt zur Seite und schloss dann gleich die Tür hinter mir. „Schuhe und Jacke kannst du einfach direkt hier hinstellen.“ Er deutete auf die Garderobe zu meiner Linken.
Ohne große Worte schlüpfte ich aus meinem Mantel. Neugierig schaute ich mich um. Das Haus der Winters vermittelte sofort den Eindruck von Wärme und Geborgenheit. Es war rein aus Holz gebaut und auch wenn ich es eigentlich nicht wollte, fühlte ich mich auf Anhieb wohl hier. Alles wirkte einladend und freundlich. Und das gefiel mir nicht. Ich wollte es hassen. Mein Vater sollte nicht Recht behalten, dass es mir vielleicht Spaß machen könnte, anderen etwas beizubringen. Er sollte nicht glauben, dass er in irgendeiner Weise an meinem Leben teilhaben könnte. Mein Vater kannte mich schon lange nicht mehr.
„Wir können gleich hier unten bleiben. Meine Mum und meine Schwester sind nicht da“, erklärte er und ging mir voraus den kurzen Gang hinunter in das offene Wohn- und Esszimmer. Zwei große Fenster gaben den Blick in den kleinen Garten frei. Das Haus war größer als ich es erwartet hatte und deutlich geräumiger als unser kleines Reihenhaus.
„Möchtest du etwas trinken?“, fragte Benny, während ich meine Sachen auf dem Esstisch ablegte. Er schien vorbereitet zu sein, wie ich mit einem Blick bemerkte. Einige Hefte und Bücher lagen schon dort. Eines davon aufgeschlagen. Das sprach für Motivation und für einen schnellen Feierabend. Gut so. Ich wollte nur nach Hause.
„Ein Wasser wäre toll, danke.“
Er ging in die angrenzende Küche, ich setzte mich derweil und holte mein Handy aus meiner Hosentasche heraus. Der Bildschirm blinkte auf. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Eine neue Nachricht. Von Konstantin. Mein Blick blieb an seinem Namen hängen. Wie oft hatte ich von diesem Augeblick geträumt und ihn herbeigesehnt? Immer in einem anderen Kontext. Ohne seine Freundin. Der Bildschirm wurde wieder dunkel bevor ich die Nachricht lesen konnte und Benny kehrte mit dem Wasser zurück.
„Danke.“ Ich nahm einen Schluck. Meine Gedanken waren wieder bei Konstantin. Ich konnte mich nur schwer darauf fokussieren, weshalb ich eigentlich hier war, während da diese ungelesene Nachricht von Konstantin auf meinem Handy war. In meinem ganzen Körper kribbelte es. Was wollte er nur von mir? Und warum jetzt? „Also… Mein Vater meinte, dass du Probleme mit Mathe hast?“
„Und mit Englisch, genau. Dein Dad hat meiner Mum wohl erzählt, dass du beides super kannst und daraus ist dann die Idee entstanden. Ich freue mich wirklich, dass es geklappt hat.“
„Mhm“, machte ich nur. Es interessierte mich nicht, wer die Idee dazu hatte. Fakt war, dass es irgendwie passiert war und ich aus der Nummer jetzt nicht mehr rauskam. Ich wollte wieder nach Hause oder wenigstens in Ruhe Konstantins Nachrichten lesen. In meinen Fingern kribbelte es geradezu und aus dem Augenwinkel linste ich immer wieder zu meinem Handy hinüber. Der Bildschirm blieb dunkel.
„Also, ich hab nächste Woche eine Matheklausur, bei der es sehr wichtig wäre, dass ich sie bestehe“, begann Benny.
„Nächste Woche schon?“ Ich zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen. Am Rande meines Blickfeldes sah ich erneut den mein Handy aufblinken. Ich schielte zur Seite, um wenigstens einen Blick darauf zu erhaschen. Ob die Nachricht wieder von Konstantin war? Was er wohl von mir wollte? Immerhin hatte er es die ganze Zeit vorher auch nicht geschafft, sich bei mir zu melden. Woher hatte er überhaupt meine Nummer? Und warum hatte er sich nicht schon vorher bei mir gemeldet, wenn er sie doch hatte? „Ähm, was ist denn euer Thema?“
Wieder blinkte das Display meines Handys auf und dieses Mal konnte ich ganz deutlich seinen Namen erkennen. Ein schmerzhafter Knoten machte sich in meiner Magengegend breit. Mir wurde übel. Was wollte er nur von mir? Es war doch alles eindeutig gewesen gestern Abend. Wir hatten kein Wort miteinander gesprochen. Was gab es da noch zu klären? Die andere Frage war, ob ich seine Erklärungen überhaupt noch hören wollte. Milena meinte, ich solle Abstand nehmen und das Thema abhaken. Es gäbe noch so viele andere Kerle hier in der Stadt. Das Problem daran war nur, dass keiner von diesen anderen Konstantin war.
„Joanna?“
Erschrocken zuckte ich zusammen. „Tut mir leid, ich war gerade nur etwas…“
„…abgelenkt, ich sehe schon“, vervollständigte Benny meinen Satz und schaute ebenfalls zu meinem Handy hinüber, das schon wieder aufblinkte.
„Tut mir leid, es ist nur gerade etwas…“ Ich stockte. Was war es denn? Kompliziert? Eigentlich nicht. Es war eindeutig. Man könnte es vielleicht mit dezent beschissen umschreiben. Also für mich.
„Ich würde dir gerne einen Vorschlag machen, mit dem wir beide glücklich sein könnten.“ Benny verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
„Ach ja?“ Ich runzelte die Stirn. Wie wollte er mir bitte in meiner Situation weiterhelfen? Er war gefühlt noch ein Kind.
„Ich höre dir zu und wir sprechen über deine Probleme und dann hilfst du mir, die Klausur am Mittwoch zu bestehen, okay? Ganz ohne Ablenkung und ohne Handy. Bitte, ich bin wirklich schlecht in Mathe und brauche Hilfe.“
Ich brachte ein müdes Lächeln zustande. „Wie alt bist du nochmal?“
„Sechzehn.“
„Wie willst du mir da mit meinen Problemen weiterhelfen? Du hast von solchen Sachen keine Ahnung.“
„Woher willst du das wissen? Du kennst mich doch noch gar nicht wirklich.“
„Das ist lieb von dir, aber…“ Ich schüttelte den Kopf.
„Dann probier es doch aus. Was ist das Schlimmste, das dir passieren könnte? Dass ich dir nicht weiterhelfen kann. Und selbst wenn das der Fall ist, dann hast du jetzt die Chance, dir alles von der Seele zu reden. Ich verurteile dich nicht dafür. Wie schon gesagt, wir kennen uns noch gar nicht.“
„Wer sagt, dass ich sonst niemandem habe, mit dem ich darüber reden könnte?“
„Das habe ich nicht gesagt. Manchmal tut es vielleicht gut, mit jemandem zu reden, der nicht involviert ist und einen neutralen Standpunkt hat.“
„Du vergisst, dass ich nicht du bin. Ich kann meine Probleme durchaus selbst lösen und brauche keine neutralen Menschen dafür, die mir Ratschläge geben. Aber danke“, fügte ich der Höflichkeit halber hinzu.
„Das habe ich auch nicht vor. Hast du es denn überhaupt schon einmal ausprobiert? Mit einem Außenstehenden zu sprechen?“ Er zog die Augenbrauen hoch.
„Nein. Ich habe meine Freunde, die für mich da sind“, gab ich zu und lehnte mich ebenfalls auf meinem Stuhl zurück. Mein Handy behielt ich weiterhin im Auge. Auf keinen Fall wollte ich es verpassen, wenn noch eine Nachricht kam. Vielleicht würde sie mein Leben verändern?
„Dann wäre es doch ein guter Zeitpunkt, um es auszuprobieren, oder? Ich kenne dich nicht, ich bin unvoreingenommen.“ Er lächelte. Es hatte etwas Vertrautes, als würden wir uns schon viel länger kennen. „Außerdem liegt mir wirklich viel daran, die Klausur zu bestehen. Daher wäre es schön, wenn du mir danach erklären kannst, was ich die ganze Zeit falsch mache.“
Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Wir kennen uns nicht und…“ Ich suchte nach Ausreden, aber mir wollten keine mehr einfallen.
„Das muss nicht unbedingt etwas Negatives sein. Unter Umständen werden wir noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen müssen. Natürlich zuammen mit meinen beiden besten Freunden Algebra und Englisch. Ich kann dir zuhören. Sieh es als Chance, nicht als Hindernis.“
„Okay. Ich verstehe.“ Ich nickte und schaute wieder zu meinem Handy, dessen Bildschirm jetzt schwarz blieb. Ich zögerte. Und warum ich dann doch anfing zu erzählen konnte ich gar nicht genau sagen. Wahrscheinlich eine Mischung aus meinen vernebelten Gedanken und Bennys Worten, die überraschend reif waren für einen Sechzehnjährigen. „Also… Es gibt da so einen Typen, auf den ich stehe. Seit einem Jahr oder so. Aber ich bin nie so richtig an ihn herangekommen. Naja und dann vor ein paar Tagen war da diese Party, auf der wir wirklich lange miteinander getanzt haben. Da dachte ich, dass eben mehr geht oder dass er Interesse an mir hat.“ Ich zögerte kurz. Ich war mir nicht sicher, wie viel Erfahrung Benny mit seinen süßen sechzehn Jahren schon hatte. „Und dann auf einem Treffen mit ein paar anderen Kommilitonen hat er dann seine Freundin mitgebracht. Und jetzt schreibt er mir Nachrichten.“
„Wie lange hat er die Freundin schon?“
„Keine Ahnung. Ich habe sie gestern das erste Mal gesehen.“
„Und wie kommst du darauf, dass er das gleiche möchte wie du? Oder hattet ihr während dieser ganzen Zeit Kontakt?“
„Nein.“ Ich schaute zu ihm auf. Sein Gesicht war neutral. Aufmerksam. Er hielt sein Wort. „Ich hatte seine Nummer nicht, ich weiß auch nicht, woher er jetzt meine hat. Wir waren in etwas anderen Cliquen unterwegs. Erst vor ein paar Wochen hat es angefangen, dass wir uns ein paar Mal in der Uni gesehen haben. Wir sind ja über 200 Leute in meinem Studiengang, da kennt nicht jeder jeden. Naja und dann haben wir eben immer wieder ein bisschen geflirtet. Und beim Tanzen hab ich auch deutlich gemerkt, dass er an mir interessiert ist.“
„Aber geredet habt ihr nicht miteinander?“
„Warst du jemals auf einer Party, auf der getanzt wird?“
„Tatsächlich nicht.“ Verlegen grinsend fuhr er sich durch seinen strubbeligen, hellbraunen Haare.
„Um es kurz zu machen, da ist es laut und du bist nicht da, um miteinander zu reden und tiefgründige Gespräche zu führen.“
„Und davor? Hast du ihm irgendwie gesagt, was Sache ist?“
„Spinnst du? Ich gehe doch nicht zu jemandem hin und sage ihm, dass ich ihn gut finde.“ Schockiert schaute ich ihn an, aber Benny blieb ganz ruhig. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Das ist Kommunikation, Joanna. Die soll manchmal ganz hilfreich sein.“ Der Anflug eines Lächelns schlich sich auf sein Gesicht, die einzige Mimik, die er zuließ.
„Aber warum hätte ich das tun sollen? Das ist doch komplett dumm.“
„Warum ist es das?“
„Weil er dann ja direkt alles weiß, da könnte ich mich ja auch mit einem großen Schild auf den Campus stellen. Das macht das alles einfach uninteressant.“
„Was ist dann nicht mehr interessant?“
„Na alles, der Flirt und die kleinen Spielereien. Das kann ich mir ja alles sparen, wenn ich direkt sage, dass ich jemanden toll finde.“
„Und was ist so toll an diesen Spielchen?“
„Hast du mir nicht zugehört? Das ist der Reiz einer neuen Bekanntschaft.“
„Doch, ich habe dir zugehört. Das ist auch der Grund, dass ich frage.“
„Dann hör auf damit, mir solche Fragen zu stellen.“
„Du wolltest doch meinen Ratschlag haben, oder?“
„Du hast mich mehr oder weniger dazu gezwungen.“
„Du bist darauf eingegangen.“
Ich schwieg. Und obwohl ich die Augen verdrehte, musste ich lächeln. Ein klein wenig. Es war, als hätte er einen Schalter in mir umgelegt. „Okay, du hast Recht. Aber lass dir das nicht zu Kopfe steigen. Das kriegst du bei Mathe dann alles doppelt zurück.“
„Damit kann ich leben“, lachte Benny. „Also. Was ist so toll daran?“
„Was ist dein Ratschlag, den du mir geben wolltest?“, stellte dieses Mal ich die Gegenfrage.
„Offen und ehrlich zu sein. Sag ihm, was dich beschäftigt und dass du Antworten möchtest, warum das so gelaufen ist. Wenn das Interesse wirklich beidseits da war, dann wird er dir das sagen und du kannst vielleicht verstehen, warum das alles genau so passiert ist. Oder er sagt dir, dass das alles ein Missverständnis war. Es ist ein kleines Risiko, das du eingehen mussst.“




